Vorher: Remus ist ein Werwolf (aber, wenn du das nicht wusstest, solltest du sofort Der Gefangene von Azkaban lesen). Jeder fährt über die Sommerferien nach Hause. James, Remus und Peter weigern sich immer noch, Sirius nach seinem Peitschenden Weide-Streich an Snape zu sehen bzw. zu sprechen. Lilys Freundschaft mit Snape ist beendet, gerade als ihre Freundschaft mit James neu startet.

Kapitel 16 - „Contra Mundum"

Oder

„Sommer in der Stadt"

Es war einmal ein kleiner Junge, fünf Jahre alt und glücklich. Sein Name war Remus Lupin.

In diesen Tagen war Remus ein aufgewecktes Kind. Seine Mutter, ein Muggel, liebte ihren Sohn sehr, obwohl die häufigen Ausbrüche von unkontrollierter Magie sie immer irgendwie schockten. Sein Vater, ein Zauberer, war in ihn vernarrt.

Er wuchs in der Nähe von Rochdale auf und freundete sich leicht mit den anderen magischen Kindern in seiner Umgebung an. Er genoss es, draußen zu sein; er mochte das Meer und die Sonne und den Wind. Er lachte oft und schnell, er war schlau, las früh und zeigte bedeutendes Potential in seinen magischen Fähigkeiten.

Remus war nicht verwöhnt, höflich und gesprächig. Da war etwas in ihrem kleinen Jungen, dachte Mary Lupin, dass die Leute förmlich anzog - etwas Besonderes.

Aber in einer Nacht, als Remus John Lupin fünf Jahre alt war, als er noch jung und zufrieden war, als ihm die Schatten der Welt noch unbekannt waren, als er schelmisch und unbesorgt war, als der Name Voldemort nicht mehr als ein Flüstern war, und nur in den dunkelsten Ecken des magischen Englands gemurmelt wurde - in einer Nacht, wurde der Verlauf des viel versprechenden Lebens von Remus Lupin verändert.

So lange er lebte, konnte sich Remus an den ersten Teil des Abends detailliert erinnern. Er erinnerte sich mit einer schrecklichen Klarheit an das Gefühl von Gras unter seinen nackten Beinen, die warme Sommerluft, das sanfte Knirschen von Blättern unter seinen Sandalen, als er durch den Park ging. Er erinnerte sich an das erste Stechen von ungewohnter Angst (da ihm damals sehr wenige Dinge Angst einjagten) bei einem fremden, unpassenden Geräusch, irgendwo zwischen den Bäumen.

Er erinnerte sich an die Augen - die gelben, hasserfüllten Augen, die ihn ohne zu blinzeln nieder starrten, auserwählten und ihm Angst einjagten.

Das Murmeln des Windes, die Schaukel im Park, die quietschte, während sie schwang, ein kurzes, leicht unterdrücktes Stechen von Schuld bei dem Wissen, dass er die ausdrückliche Anweisung seines Vaters missachtete, weit entfernte und vage Stimmen, als jemand in der Nachbarschaft ein Radio anstellte.

Und dann Blut.

An den zweiten Teil dieses Abends konnte sich Remus nur sehr schlecht erinnern.

Das Schlimmste waren die Morgen.

Jeder Zentimeter seines Körpers brannte und schmerzte; Blut versperrte seine Sicht in einem Auge; das andere war geschwollen und wund. Er konnte jeden einzelnen seiner Knochen spüren - jeder quälte ihn mit einem einzigartigen Schmerz, jeder rasselnd mit seinem schnellen, unebenen Herzschlag. Er keuchte nach Luft.

Es kam ihm in den Sinn, dass er nicht länger in seiner Wolfsform war. Er war wieder Remus. Aber alles, was dies wirklich bedeutete, war, dass er nun erst richtig die physische Qual seiner Verwandlung verstehen konnte und keine Angst oder Prokrastination konnte diese unvermeidbare Wahrheit aufschieben.

Der Morgen kam immer.

„Steh auf, Freak," echote eine Stimme in seinem Kopf, bis Remus realisierte, dass die Stimme von der anderen Seite seiner kalten, dunklen Zelle kam. Ein Lichtstreifen und eine verschwommene Gestalt deuteten darauf hin, dass die magisch verstärkte Tür des Raumes geöffnet wurde. „Ich hab' gesagt, steh auf!" wiederholte die Stimme lauter… es war dieser Heiler, der ihn in der Nacht zuvor hier hineingestoßen hatte, und sich mit unverhohlener Abscheu über den Grundsatz von St. Mungo beschwert hatte, anonym jeden Werwolf aufzunehmen, der sich freiwillig über den Vollmond einsperren ließ. Remus' Raum hatte ungefähr die Größe von zwei kleinen Besenschränken. „Wir nehmen euch für die Nacht auf," bellte der Heiler - ein breitschultriger Zauberer mit einem groben Gesicht und dem Einfühlungsvermögen eines Bluthundes. „Es gibt keine Garantie für den Rest des Tages. Also steh auf."

„Ich - k-kann nicht," keuchte Remus und setzte sich mit großer Anstrengung auf. „Ich g-glaube, mein Bein ist… gebrochen."

„Dann darfst du dich wie alle in die Schlange für ein Krankenhausbett stellen," fuhr der Zauberer ihn an.

„Ich k-kann m-mich nicht bewegen," krächzte Remus - bewegen? Er konnte kaum atmen! Der Heiler war für eine Minute still und machte dann ein Geräusch von extremer Verärgerung.

„Na gut. Ich versuche jemanden zu finden, dem es nichts ausmacht, Ungeziefer wie dich zu berühren."

Die Tür schloss sich. Das Licht verschwand. Remus fühlte, wie einer seiner Arme schwächer wurde, also - um nicht zusammenzubrechen - legte der junge Lykanthrope sich zurück auf den Zementboden. Das Brennen seiner Haut, erkannte er, war die Folge davon, dass sein Schweiß über all seine frischen, offenen Wunden tropfte. Aber er war zu schwach um jetzt irgendwas zu versuchen. Also wartete er kalt, nackt und gebrochen darauf, dass jemand zurückkam.

Das Schlimmste waren die Morgen.

(Zwei Wochen später)

Remus machte eine Menge Krach, als er aus seinem Schlafzimmer kam, um seiner Mutter genug Zeit zu geben um ihr Glas zu leeren und es im Spülbecken auszuspülen. Trotzdem hing der leichte alkoholische Geruch in der Luft, als Remus den Raum betrat und sowohl Mutter als auch Sohn wussten es. Vielleicht noch schlimmer war die Tatsache, dass sie beide wussten, dass der andere es wusste und niemand etwas dazu sagte.

Remus setzte sich an den Küchentisch, während Mrs. Lupin ihr Glas fertig spülte und als sie sich umdrehte um ihm ins Gesicht zu sehen, lächelte sie schwach.

„Hallo, Schatz," grüßte sie, Normalität vortäuschend. „Gut geschlafen?"

Es war kurz nach elf und Remus war seit Stunden wach, aber er sah keinen Grund, sie damit zu behelligen. „Ja," legte er. „Du?"

„Oh, gut genug," antwortete Mrs. Lupin, die sich auf ihren Stuhl am Kopfende des kleinen, rechteckigen Tisches setzte. „Du hast heute Morgen ausgeschlafen. Du fängst nicht an… es schon zu fühlen?"

„Nein. Ich bin lange aufgeblieben um meine Sommerhausaufgaben zu machen."

„Ach so." Eine peinliche Stille, und dann: „Möchtest du einen Tee, Schatz?"

„Ich mach' ihn mir." Remus stand abrupt auf um Tee aufzustellen.

Mary Lupin war eine kleine, dünne Frau, recht bleich, mit dünnen braunen Haaren und großen grauen Augen, wie Remus sie hatte. Sie hatte ein ruhiges, bescheidenes Auftreten und eine sanfte Stimme. Das Leben hatte sie weit über ihre achtunddreißig Jahre altern lassen und tiefe Linien verliefen unter ihren Augen und um ihren Mund. Aber da blieb etwas unverrückbar Hübsches in ihr, trotz ihrer müden Ausstrahlung und den zunehmend weißen Strähnen in ihrem Haar, die sie mit Farbe bekämpfte.

„Hast du Pläne für heute?" fragte sie, nervös mit einer Muggelzeitung auf dem Tisch spielend. Die Lupins lebten seit fast elf Jahren in einer Muggelnachbarschaft, seit Remus' Leiden das Leben unter magischen Leuten erschwert hatte. Selbst ein Muggel, war Mrs. Lupin vielleicht die einzige, der dieser Aspekt der Situation gefiel und - obwohl, sie es nie gesagt hatte - dachte Remus, dass es der einzige Aspekt der Situation war, der sie überhaupt beruhigte.

„Ich werde James heute nachmittags sehen," sagte Remus.

„Oh, ja, das hast du mir erzählt." Das hatte er… drei oder vier Mal. „Richte ihm von mir liebe Grüße aus, ja?"

„Klar."

„Weißt du… du könntest auch deine Freunde hierherbringen, wenn du möchtest," fuhr Mrs. Lupin fort. „Das tust du nie, aber es würde kein Problem sein. Und ich werde heute Nachmittag arbeiten, also musst du dir keine Sorgen machen, dass dir deine alte Mugglemutter peinlich ist…" Sie drehte sich in ihrem Stuhl um über den Witz zu lächeln und Remus erwiderte es halbherzig.

„James kommt gerade erst vom Land zurück," sagte Remus ihr. „Er will wahrscheinlich nur ein bisschen faulenzen, weißt du?"

„Oh." Sie nickte langsam. „Ich verstehe." Der Teekessel begann zu pfeifen. „Keine Teeblätter da, fürchte ich, Schatz, du wirst einen Teebeutel verwenden müssen." Wortlos bereitete Remus den Tee vor und Mrs. Lupin fuhr fort: „Natürlich ist unser Haus nicht so toll wie das der Potters…"

„Mum…"

„Nein, ich verstehe es. Ich hatte so eine Freundin in der Schule: Tracy Minelow. Ihrem Vater gehörte die halbe Stadt, weißt du. Wir wollten uns immer bei ihr zuhause treffen." Mrs. Lupin senkte ihren Blick und fügte hinzu: „Natürlich habe ich Tracy nicht mehr gesehen, seit ich deinen Vater geheiratet habe."

Remus setzte sich wieder an den Tisch. „Lebt sie in der Nähe?"

„Oh, nein, sie ist mittlerweile in London, glaube ich. Hat einen sehr reichen Gentleman vor vielen Jahren geheiratet."

„Du solltest… du solltest sie mal besuchen gehen," sagte Remus bekräftigend. „Oder irgendjemanden von deinen alten Freunden. Nur weil Dad ein Zauberer ist, heißt das nicht, dass es dir nicht erlaubt ist, Muggel- Freunde zu haben…"

„Nein, nein. Ich hätte heutzutage nichts mit den Mädchen gemeinsam. Außerdem…" Mrs. Lupin stand auf und lehnte sich hinüber um das braune Haar ihres Sohnes zu küssen. „habe ich alles, was ich brauchen könnte, hier." Sie richtete sich auf. „Ich sollte mich besser für die Arbeit umziehen."

Remus sah ihr zu, als sie begann zu gehen. „Mum…"

Sie hielt nahe des Flurs an. „Ja, Schatz?"

Aber er hatte sich umentschieden. „Ich - ich werde nicht lange weg sein."

Mrs. Lupin nickte. „Ja, Schatz."

Der Whiskey-Geruch war fast weg und Remus trank einen Schluck Tee.

Sie sind herzlich eingeladen, die Hochzeit von

Petunia Elaine Evans

Und

Vernon Walker Dursley

Am Samstag, den

Fünfundzwanzigsten Juli

Neunzehnhundertsechsundsechzig

Um fünfzehn Uhr

St. Georges Kirche

Chorley, Lancashire

zu feiern.

Die Worte, feingliedrig auf elegantem weißen Papier gedruckt, starrten Lily bedrohlich an, als sie sie zum gefühlten fünfzehnten Mal las. Wie sehr sie es auch versuchte, konnte die Siebzehnjährige nichts als Grauen für das frohe Ereignis aufbringen.

„Sind die Einladungen nicht wunderschön?" krähte Nancy Wiggins, sich neben Lily auf das Wohnzimmersofa setzend. Offensichtlich hatte sich Nancy bei dem Champagner an der Bar bedient, sonst wäre sie niemals so freundlich zu Petunias „Freak" Schwester. Nancy war wie Lily eine von Petunias baldigen Brautjungfern und ihre Anwesenheit war, wie Lilys, hier heute verpflichtend, da Petunia etwas namens „Brautessen" veranstaltete.

Lily lächelte falsch und nickte. „Oh, ja, wunderschön."

„Petunia hat so einen guten Geschmack," fuhr Nancy fort, vermutlich in Bezug zu den Einladungen. „Natürlich weißt du das schon, da du mit ihr aufgewachsen bist und was nicht…" (Sie hörte sich regelrecht neidisch an), „aber die Hochzeit - oh, die Hochzeit wird einfach so wunderschön sein. Die Blumen…"

„Rosen für die Braut, kleinere für die Brautjungfern," unterbrach Lily, bevor sie sich stoppen konnte. „Pinke Rosen und weiße Petunien für die Kirche und weiße Rosen-Anstecksträußchen für die Trauzeugen. Ja, ich weiß. Nancy, es gibt nichts, was du mir über die Hochzeit erzählen könntest, das ich nicht schon wüsste."

„Oh, ich bin mir sicher, dass das stimmt," sagte Nancy ungestört. „Aber trotzdem, es wird wunderschön sein, oder? Hast du das Kleid gesehen, dass du tragen wirst?"

„Mehrere Male."

„So eine hübsche Farbe, oder? Petunia hat so einen guten Geschmack…"

Und sie hatte wieder losgelegt, Petunias Eleganz und Weigerung, sich von Geld aufhalten zu lassen, wenn sie die perfekte Hochzeit plante… Lily war noch nie so kurz davor gewesen, über Selbstmord nachzudenken.

Das Wohnzimmer der Evans war momentan gut gefüllt. Neben Lily und Nancy waren da die anderen Brautjungfern (Yvonne St. Clair und Marjorie Dursley), sowie Lilys Mutter, eine Handvoll anderer weiblicher Verwandter und mehr als ein Dutzend von Petunias „engsten Freunden", die Lily nie zuvor getroffen hatte. Mrs. Dursley - eine fleischige, schweinsnäsige Frau um die fünfzig und die ehrenhafte Mutter des Bräutigams - war ebenfalls anwesend, mit vier oder fünf ihrer Freunde, von denen mehrere alles im Haus der Evans mit unterschiedlichen Graden der Abneigung beäugten.

Lily fragte sich vage, ob das Ministerium ihren Zauberstab brechen würde, sollte sie jemanden verhexen…

Seit Lily vor fast zwei Wochen von der Schule heimgekommen war, war fast jeder Moment mit Petunia und Petunias Hochzeit beschäftigt gewesen. Der Mietvertrag der Wohnung der älteren Tochter der Evans war Anfang Juni ausgelaufen und da sie Vernon im Juli heiraten würde, schloss Mrs. Evans, dass es für Petunia am sinnvollsten wäre in den Monaten dazwischen zurück nach Hause zu kommen. Da das Haus in Surrey, das die Dursleys für ihr Eheleben gekauft hatten, noch unbewohnbar war, stimmte Petunia zu. Es wäre praktisch, von zuhause aus die Hochzeit vorzubereiten, selbst wenn es bedeutete, mit dem Freak zusammen zu leben. Unglücklicherweise für Lily, Mrs. Evans, Ira, die Katze und jeden, der zufällig am Haus der Evans vorbeikam, war Petunias bräutliche Manie weitreichend und unaufhaltsam.

Sie hatte alles Brot aus dem Haushalt verbannt und allen ihren Brautjungfern eine No-Sugar-Diät aufgezwungen (oder versucht, sie aufzuzwingen). Die Gefriertruhe war jetzt mit Salat gefüllt und mit einer unangenehm aussehenden braunen Suppe, die aus einer Flasche kam, die mit Protein Pulver! beschriftet war. Lily lernte sehr schnell, dass der Grund, warum ihre Mutter jetzt jeden Morgen zur Kirche ging, die Eckbäckerei war, die sie auf ihrem Nachhauseweg besuchen konnte.

Edie Evans - entschied Lily - war entweder eine Heilige oder sie war einfach so glücklich, ihre Tochter heiraten zu sehen, dass sie den Wahnsinn, der dadurch erzeugt wurde, tolerierte.

„Ich weiß, dass sie schwierig ist," tröstete Mrs. Evans Lily eines Morgens beim Frühstück. „Aber es ist ihre Hochzeit. Wir müssen einfach geduldig sein."

Aber Mrs. Evans schien eine abnormale Menge von Geduld zu besitzen und Lily tat das nicht. Hätte Lily nicht gewusst, dass Petunia niemals absichtlich ihre Hochzeitsfotos riskieren würde, hätte sie vielleicht sogar vermutet, dass ihre Schwester die blass rosa Kleider der Brautjungfern nur ausgesucht hatte, damit sie nicht zu Lilys rotem Haar passten.

Trotzdem war Petunia Lilys Schwester und das jüngere Mädchen dachte, dass sie alles aushalten könnte, wären da nicht alle anderen, die in die Hochzeit involviert waren.

Zuallererst war da Vernon Dursley, den Lily wirklich und ehrlich versucht hatte, zu mögen und schrecklich versagt hatte.

Er war ein großer Mann mit dunklem Haar, einem Schnurrbart und breiten Schultern. Er war breit gebaut und konnte mit exzellenten Boxerfolgen von seinen Schultagen angeben. Seit seinem Abschluss arbeitete Vernon für eine Firma, die Bohrmaschinen herstellte, wobei ihm Vitamin B seiner reichen, arroganten Eltern geholfen hatte. Er trug teure, wenn auch geschmacklose Kleider und fuhr ein schickes Auto. Er hatte einen hübschen Ring an Petunias Finger gesteckt und vergaß nie, die Aufmerksamkeit auf seine eigenen überlegenen Mittel zu lenken, wenn er im Haus der Evans war.

Üblicherweise wollte Lily ihm eine reinhauen.

Die anderen Brautjungfern, Yvonne, Nancy und Marge, waren auch keine große Stütze für Lily. Yvonne und Nancy waren mit Petunia zur Schule gegangen und Lily kannte beide schon lange. In ihrer Sekundarschulzeit, war Petunia - die größte, hübscheste und erste der Dreien, die eine Figur entwickelte - quasi ihre Anführerin mit Nancy als loyale nächste Ranghöchste und Yvonne als plumper Lakai.

Aber Lily hatte bemerkt, dass es mittlerweile eine Machtveränderung gegeben hatte. Yvonne wog nun etwa zehn Kilo weniger und war - vielleicht nicht wirklich zufällig - die erste Brautjungfer.

„Gott sei Dank hat Yvonne so viel abgenommen," war eine von Nancys vielen Beobachtungen, die Lily an diesem Nachmittag zu hören bekam, als die erste Brautjungfer, von der gerade gesprochen wurde, verdächtigerweise nach dem Kaffee auf die Toilette huschte. „Sie sähe sonst neben so einem dünnen Ding wie Petty richtig lächerlich aus." Als Yvonne etwa zehn Minuten später zurückkam, mit roten Wangen, fühlte sich Lily, als ob sie sich selbst bald übergeben müsste.

Abgesehen davon, dass sie banal, mit sich selbst beschäftigt und ein glühender Anhänger von Petunia war, hatte Lily nichts gegen Nancy. Sie hatte nicht mal wirklich was gegen Yvonne, obwohl Yvonne Lily ganz offensichtlich verabscheute. Das, vermutete sie, war hauptsächlich durch Petunias Einfluss.

„Zu schade, dass Pettys Schwester rote Haare hat," bemerkte Yvonne während einer Kleid-Anprobe von Petunia, während Lily in der Nahe saß. „Das bringt das gesamte Aussehen der Hochzeitsfotos in Gefahr."

Aber niemand, der noch klar im Kopf war, konnte meinen, dass Lily eine größere Bedrohung für das „Aussehen der Hochzeitsfotos" war, als Marge Dursley.

Marge war eine kürzere, dickere Version ihres Bruders. Das Brautjungfern-Kleid schmeichelte ihrer Figur nicht, natürlich, aber mit der Hilfe eines Korsetts und der Pflichtdiät war sich Petunia sicher, dass Marge am Hochzeitstag nicht zu sehr rausstechen würde. Jedoch, flüsterte Nancy vertraulich zu Lily, hatte Petunia vor einem Monat geplant, Marge von dem Hochzeitsfest auszuschließen, wenn sie nicht dünner wurde. Es schien, dass die Brautjungfern-Diät hauptsächlich für Marges „Wohl" gedacht war.

Lily hätte vielleicht Mitleid mit der Frau gehabt, allerdings war Marge ziemlich wahrscheinlich die unsympathischste Person, die sie je getroffen hatte - ihren Bruder inklusive.

„Du bist Petunias Schwester, oder?" hatte Marge bei ihrem ersten Treffen gegrunzt. Lily lächelte mechanisch und nickte.

„Das stimmt. Lily."

Marge nahm die angebotene Hand nicht- anscheinend hatte sie auch gehört, dass etwas mit Lily nicht stimmte. „Wo warst du dann?"

„Ich war weg, in der Schule."

„Oh? Wo?"

„Sankt Elisabeths," antwortete Lily, das war, was sie typischerweise den Leuten erzählten.

Marge schnaubte. „Das ist R.C., oder?"

Lily war sich nicht sicher, aber sie nickte trotzdem und Marge sah noch unzufriedener aus. „Fand diese Arten von Institutionen noch nie gut," sagte sie schnaubend. „Ein richtiger Zuchtboden für Lesben und Freaks."

Und da entschied Lily, dass sie Marjorie Dursley nicht mochte.

„Weißt du, wenn man nicht genau das richtige Rosa aussucht, ist der Effekt ganz falsch," fuhr Nancy fort zu plappern, während Lily stumm zur Antwort nickte, „aber Petunia hat meiner Meinung nach perfekt gewählt. Und wir werden unsere Nägel am Nachmittag davor machen lassen, weißt du, und…"

„Lily, Liebes," fragte Mrs. Evans, die netterweise erschien, als ob sie das Leid ihrer Tochter in den Händen von Nancy Wiggins gespürt hätte, „hilfst du mir kurz in der Küche?"

Lily sprang praktisch auf ihre Füße. „Ja, Mum. Sorry, Nancy - ich muss los."

Sie folgte ihrer Mutter eilend in die Küche, wo Mrs. Evans begann, eine neue Kanne Tee vorzubereiten.

Edie Evans war zierlich, mit kurzem, erdbeerfarbenen Haar, was vielleicht Petunias Naturfarbe wäre, wenn nicht Peroxid seit den letzten sechs Jahren interferiert hätte. Sie hatte liebliche blaue Augen und ein warmes, lächelndes Gesicht, das aufgrund von mehr als fünfzig Jahren auf dieser Erde, und eventuell zwei Töchtern, mit Linien durchzogen war.

„Es gibt noch Rosinenbrötchen in der Kühltruhe, Lily," sagte eine abgelenkte Mrs. Evans, die den Teekessel vorbereitete. „Hol sie, ja?"

„Warum muss Marge bei der Hochzeit dabei sein?" jammerte Lily, unglücklich der Bitte ihrer Mutter nachgebend. Es war eine doofe Beschwerde, aber all die wichtigen Dinge waren zu ernst um über sie zu jammern. „Diese Frau ist ein Ochse."

Lily."

„Mum, es ist wahr. Sie ist unhöflich, sie ist fies und sie riecht wie ein nasser Hund."

„Lily, wirklich. So habe ich dich nicht erzogen," wies Mrs. Evans sie zurecht. „Marge wird bald ein Teil der Familie sein."

„Ich verstehe," murmelte Lily; sie stellte das Tablett mit Rosinenbrötchen auf die Theke und begann mit einem Strauß Margareten in der Nähe der Spüle zu spielen. „Also verlierst du keine Tochter, du gewinnst die Dursleys."

Lily."

„Was?"

Mrs. Evans seufzte. Sie lehnte sich über die Theke und das Bild (von ihr in einem niveauvollen olivfarbenen Kleid und Perlen, so eine lockere Pose einnehmend) war seltsam unpassend. „Ich werde nicht so tun, als ob ich nicht denke, dass, wenn es um das Gewinnen von Söhnen und Töchter geht, Mr. und Mrs. Dursley den besseren Teil des Deals haben…"

Lily grinste.

„… Aber Petunia liebt Vernon sehr und er liebt sie. Du warst nicht hier, Lily. Du hast sie nicht so viel zusammen gesehen, wie ich es habe und du hast sie nicht gesehen, als die Dinge noch normal waren."

„Was bedeutet das?" wollte Lily wissen.

„Jeder wird vor seiner Hochzeit ein bisschen verrückt," sagte die andere. „Wenn ein Paar das überlebt, können sie die meisten Dinge überleben, denke ich, solange sie sie mit derselben Entschlossenheit angehen."

„Petunia war bezüglich ihres Tafelaufsatzes sehr entschlossen," gab Lily witzelnd zu. Mrs. Evans lächelte. Sie richtete sich auf, ging um die Theke und legte einen Arm um die Schulter ihrer Tochter.

„Es wird alles in ein paar Wochen vorbei sein, Liebes. Alles wird wieder zurück zum Normalen gehen."

Lily seufzte. „Werden wir Weihnachten mit den Dursleys verbringen müssen?"

Mrs. Evans runzelte die Stirn, als ob sie daran noch gar nicht gedacht hatte. „Bestimmt nicht jedes Jahr…"

Die Küchentür schwang auf und ließ die Braut selbst hinein.

„Ist dieser Tee soweit fertig?" fragte Petunia angespannt.

„Es ist bloß Tee," bemerkte Lily.

Petunia blickte sie finster an. „Mrs. Clayton wird ungeduldig und ich habe gesagt, es würde nur noch eine Minute dauern."

„Tja, wenn Mrs. Clayton das sagt, dann…"

„Mach dich nicht über meine Freunde lustig, Freak, nur, weil…"

Mädchen," unterbrach ihre Mutter. „Beide, wirklich. Lily, du machst dich über gar nichts lustig, Petunia, du wirst deine Schwester nicht ‚Freak' nennen, ist das klar?"

„Ja," sagten beide Töchter bitter im Chor.

„Gut," Mrs. Evans wurde geschäftsmäßig, das Teetablett zusammenstellend und es anhebend. „Der Tee ist fertig. Bring die Brötchen, Lily."

Lily gehorchte etwas widerwillig, nahm das Tablett und folgte ihrer Mutter zurück in das Wohnzimmer. Sie platzierte es auf einem Tisch und ging sofort in Richtung ihres Zimmers, um nachzusehen, ob Marlene auf ihren letzten Brief geantwortet hatte.

Lily," rügte ihre Mutter und stoppte sie in der Nähe der Tür. „Hör auf, zu fliehen. Das ist die Party deiner Schwester und du bist eine Brautjungfer."

„Ich bin gleich zurück," versprach Lily. „Ich wollte nur nachschauen, ob Marlene mir geschrieben hat. Bitte?"

Mrs. Evans überlegte und nickte dann. „Fünf Minuten."

„Zehn?"

„Fünf."

„Sieben."

Fünf."

Lily schmollte. „Du verstehst nicht, wie dieses Verhandeln-Ding funktionieren sollte, oder, Mum?"

„Fünf Minuten," wiederholte ihre Mutter; sie lehnte sich hinüber und küsste sie auf die Wange. „Es ist heute der Tag deiner Schwester."

Lily nickte. „Ich bin gleich wieder da."

Das Fünf-Minuten-Versprechen war nicht so streng, wie ihre Mutter es schienen ließ, da ein Gast oder jemand anderes sicherlich jeden Moment Mrs. Evans Aufmerksamkeit fordern würde, und sie damit von der Abwesenheit ihrer Tochter für mindestens zwanzig Minuten ablenken würde. Trotzdem wollte Lily jede Sekunde der freien Zeit, die sie hatte, genießen.

Lilys Eule, Niko, war noch nicht zurückgekehrt, als sie den Raum betrat. Jedoch saß eine unbekannte Adlereule erwartungsvoll auf der Fensterbank. Ein Pergamentbriefumschlag lag auf dem Fensterplatz vor dem Vogel. Lily eilte zu ihrem Schreibtisch und nahm eine Tüte Eulenleckerlis aus ihrer Schublade, warf ein paar von diesen zu der Eule und nahm dann ihren Brief.

Während die Eule aß (und es war eine ziemlich schöne Kreatur, mit glänzenden Federn und goldenen Augen), öffnete Lily den Umschlag und zog zwei Seiten Pergament heraus. Sie waren auf den Tag zuvor datiert und Lily musste nicht am Ende nachschauen, um die Identität des Autors herauszufinden. Diese war schon vom Anfang offensichtlich.

Liebe Keks,

Das - die Eule - ist Elisabeth, die Zweite, benannt nach der Dame auf dem Muggelgeld. Meine alte Eule ist nach einem unglücklichen Zusammentreffen mit Bertram, der Katze meiner Oma, in Rente gegangen. Es scheint, als ob das ein Katzenangriff zu viel war und er weigert sich jetzt, Post auszufliegen.

Ich bin gerade mit meiner Familie im Norden, aber wir werden alle morgen nach Manchester gehen, was eine Erleichterung sein wird. Pete ist auch hier, gerade dabei, die Decke meines Schlafzimmers unwiderruflich mit einer Quaffel zu demolieren (liebe Grüße von ihm), aber trotzdem gibt es nicht viel zu tun in Godrics Hallows. Er - also Pete - hatte am Mittwoch seinen Apparationstest. Hat ohne Felix Felicis bestanden und alles…

Ich habe mittlerweile schon zum zweiten Mal mit Professor McGonagalls Verwandlungsaufsatz begonnen und habe nur einen Satz geschrieben. So viel zu nicht Prokrastinieren. Ich werde ihn wohl wie immer im Zug schreiben.

Lass mich sehen… was ist hier sonst noch passiert? Oh, Pete und ich haben am Dienstag die Fresh Bloods in Spanien spielen sehen. Mein Cousin Sam hat uns in der letzten Minute noch Tickets dazu besorgt; es war verrückt, aber auch genial. Calvin Shrewt war komplett besoffen, aber er ist ein Gott an der Gitarre. Ich habe einen Schlagzeugstock gefangen, aber ich habe ihn Peter gegeben (Seine königliche Hoheit Peter Pettigrew bittet förmlich, dass ich aufhöre, ihn „Petey" zu nennen, als nenn ihn bitte so, wenn du ihn das nächste Mal siehst). Das Ministerium der Meermenschen spielt im August in London und ich hoffe, dass Sam uns auch da was besorgen kann. Hoffentlich etwas früher als zwanzig Minuten davor… lange Geschichte, ich erzähle sie dir, wenn ich dich sehe.

Was mich an etwas erinnert - da Petey nicht gnadenlos bei seinem Apparitionstest versagt hat, sollten wir uns mal in der Winkelgasse oder so treffen. Habe ich erwähnt, wie schrecklich gelangweilt ich bin? Die Sommerferien waren nicht immer so öde, oder? So sehr ich auch die Vorstellung verabscheue, meinen Eintritt zu der dementorenmäßigen, seelensaugenden, so genannten „Echten Welt" zu beschleunigen, wünsche ich mir irgendwie, dass die Schule wieder anfangen würde.

Vielleicht liegt es an Godrics Hallows.

Jedenfalls hoffe ich, dass ich nächste Woche die Wasps gegen Puddlemore spielen sehen kann. Im Sommer lässt sich Zeit an den besuchten Quidditchspielen messen, denke ich.

Oh, Remus kommt mich morgen besuchen. Du solltest ihm schreiben. Es geht ihm elend und ich bin mir nicht sicher, ob es ist, weil sein haariges kleines Problem Schwierigkeiten bereitet oder etwas Ernsteres. Du solltest ihm schreiben und ihm sagen, dass er aus dem Haus gehen soll. Er hört nicht auf mich und ich glaube, er ist wütend, weil ich einen singenden Heuler geschickt hab. Weiß nicht, warum er so eingeschnappt ist - ich habe nicht meine Stimme oder so verwendet und der Zauber hat einen wirklich schönen Sopran produziert.

Wie läuft dein Sommer? Ich hoffe, du vergammelst nicht oder so.

Merlin - ist dir klar, dass bloß zwei Wochen vergangen sind, seit die Schule zu Ende war? Hast du irgendwas über Du-weißt-schon-wen gehört? Nicht Voldemort. Snape. Er lebt bei dir in der Nähe, oder?

Petey denkt, dass ich das nicht fragen soll, weil es ein heikles Thema ist. Als ob „Takt" je mein Style gewesen wäre.

Merlin.

Jedenfalls sollte ich jetzt besser los. Mum will, dass Petey und ich etwas Buttergebäck zur alten Mrs. Bagshot in der Straße bringen und sie (Mum) ist richtig am ausflippen, da ich das nicht heute Morgen gemacht habe, wie ich es vielleicht, aber vielleicht auch nicht, versprochen habe. Also, ich bin weg. Hab 'ne gute Woche - tu nichts, was ich nicht tun würde und wenn du es tust, mach Fotos.

Tschüss,

James Potter

Elisabeth, die Zweite war aus dem Fenster raus, bis Lily James' Brief fertiggelesen hatte. Die Hexe lachte fast laut über das mentale Bild von James und Peter, die auf der Türschwelle der „alten Mrs. Bagshot" mit einem Teller Gebäck standen und irgendwie war sie unerklärbarerweise auch angetan von der vagen Möglichkeit, sich mal mit James (und Peter) in der Winkelgasse „zu treffen". Vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie in der Muggelwelt isoliert war, aber die Vorstellung freute sie mehr, als sie es sich erklären konnte.

Mrs. Evans hatte noch nicht an ihre Tür geklopft und deshalb setzte sich Lily auf ihr Bett, mit James' Brief in ihrer Hand. Mit dem Hintergrund-Soundtrack von Petunias weit entfernten Rede über den Hochzeitstanz, breitete sich Lily auf ihrer gelben Decke aus und las die unordentlich beschriebenen anderthalb Seiten wieder, bis die Stimme ihrer Mutter aus dem Flur gehört werden konnte und Lily zurück zur Party musste.

Bis jetzt hatte sich James eigentlich auf die Rückkehr seiner Familie zum Manchester Haus gefreut. Godrics Hallows war so klein und zurückgezogen, dass er typischerweise nach ein paar Tagen ein wenig gelangweilt wurde. Selbst, obwohl Peter dabei war, hatte James ungeduldig darauf gewartet, zu dem gut verbundenen Haus zu kommen, in dem er das meiste seines Nicht-Hogwarts-Lebens verbracht hatte. Aber jetzt stand er in der kolossalen Eingangshalle, starrte die kunstbehängten Wände, die große Treppe, marmornen Böden und Schmuckdecken an und wünschte sich, dass die Potters gar nicht nach Hause gekommen wären.

Fast genau vor einem Jahr war Sirius mitten in der Nacht auf genau dieser Türschwelle aufgetaucht, tropfend und verängstigt und obdachlos…

„Deine Taschen werden sich nicht von alleine nach oben tragen, James," bemerkte Grace Potter, die Wange ihres Sohnes küssend, als sie vorbeiging. Sie bemerkte seinen unglücklichen Gesichtsausdruck und fragte ernster: „Was ist los, Schatz?"

James schüttelte sich. „Nichts." Er zog seinen Zauberstab und fügte grinsend hinzu: „Und du liegst falsch, weißt du."

„Falsch?"

„Mhm." Er flickte mit seinem Zauberstab und die zwei Lederkoffer, auf denen seine Initialen standen, hoben sich ein paar Zentimeter in die Luft und schwebten prompt zu der Haupttreppe. „Die Koffer werden sich von alleine nach oben tragen."

„Oh, du bist einfach so witzig," sagte Mrs. Potter sarkastisch. „Komm mir - ich verhungere noch. Wir machen uns Tee."

„Und mit ‚Tee' meinst du…"

„Ich denke, ich habe ein paar Kekse in einem Glas irgendwo gelassen… und wir haben definitiv noch etwas von Honeydukes Bester im Schrank."

James grinste schief. „Hört sich nach einem Plan an."

Am Ende war die Schokolade alles, was sie auftreiben konnten. Mrs. Potter sandte die Hauselfen alle weg und bereitete den Tee vor, bevor sie sich mit ihrem Sohn an die Küchentheke setzte.

„Das Haus scheint so leer ohne Sirius," beobachtete sie sanft. „Selbst bevor er hier gelebt hat, ist er so oft vorbeigekommen, dass er genauso gut…"

„Ich will nicht über ihn reden," verkündete James.

„Schatz," antwortete seine Mutter trocken, „es ist nicht so, als ob er gestorben wäre."

„Das könnte genauso gut sein," sagte der andere. „Jedenfalls will ich nicht darüber reden." James biss grimmig in eine Ecke Schokolade.

„Jeder macht Fehler, James," fuhr Mrs. Potter fort, die Bitte ihres Sohnes ignorierend. „Merlin weiß, dass du das getan hast."

Bitte. Ich habe nie so etwas getan, wie Sirius es getan hat… und wenn ich es getan hätte, würdest du es nicht mit einem beruhigenden ‚jeder macht Fehler' fallen lassen."

Die Hexe seufzte tief. „Nein, schätze ich, aber - James, Sirius hatte nicht all die Unterstützung - die Vorteile, die du hast."

„Vorsicht, Mum, du hörst dich an wie ein Reinblut."

„Tja, ich bin eins. Wie ungern ich es auch zugebe, wurde ich als Reinblut geboren… in die reinste aller Reinblüter-Familien." Sie hielt inne und fuhr dann bedeutsam fort: „Genau wie Sirius."

„Ach so," antwortete James. „Also, als du Sechstklässlerin warst, hast du versucht jemanden zu töten, oder?"

„Er wollte nicht…"

„Den Teufel wollte er nicht."

„Wie sprichst du denn, James?"

Der Zauberer verdrehte seine Augen und nahm einen weiteren Bissen von der Schokolade. „Mum, ich will nicht über Sirius reden. Er ist… weg. Okay?"

„Er ist nicht weg," erwiderte die Mutter. „Er war dein bester Freund, seit ihr elf Jahre alt wart. Ihr habt ganz Hogwarts zusammen erlebt und ich habe gesehen, wie du geschaut hast, als du heute hier reingekommen bist. Du hast genau das gefühlt, was ich gefühlt habe - wahrscheinlich sogar noch stärker. Als ob Sirius fehlt…"

„Ja. Stell dir mal vor," grummelte James; „tatsächlich Essen in der Vorratskammer und etwas Frieden und Stille zu haben. Ganz zu schweigen von deiner Hausbar…"

„Oh, ich bin mir sicher, du überfällst die Hausbar auch ohne Sirius genug."

James schnaubte. „Weißt du, Mum, manche Mütter halten ihre siebzehnjährigen Söhne tatsächlich vom Trinken ab."

Mrs. Potter zuckte die Achseln. „Was würde es bringen? Du machst doch sowieso genau das, was du willst." Sie lehnte sich über die marmorne Küchentheke. „Es ist gut, dass du vernünftig bist, James. Andere Zauberer mit so einer Dickköpfigkeit würden in Schwierigkeiten geraten."

„Und ich will immer noch nicht über Sirius reden."

„Tja, du kannst eben nicht immer alles haben, was du willst," sagte Mrs. Potter. „Der Punkt ist, James, dass ich weiß, dass du nicht perfekt bist. Du gerätst sicherlich in jede Menge Schwierigkeiten. Merlin weiß, wie ich mich daran gewöhnt habe, Eulen von Minerva zu bekommen, dass du zum Büro des Schulleiters geschickt wurdest, weil du Vorhänge angezündet hast oder die Wasserhähne der Slytherins verhext hast…" James grinste ein wenig. „… Aber du bist ein brillanter junger Zauberer, glaube ich. Und ich denke, dass trotz all deiner… Streiche, hast du im Endeffekt wirklich einen guten Kopf auf deinen Schultern sitzen. Du hast… du hast immer dein Limit gekannt."

„Tja, du bist meine Mum - du musst das sagen," sagte ihr Sohn locker.

Mrs. Potter lächelte. „James, wenn ich sage, dass Sirius nicht alle Vorteile hat, die du hast, meinte ich, dass er nicht immer diese Fähigkeit hat… sein Limit zu kennen. Und du und Peter und Remus konnten ihm immer damit helfen. Ihr habt ihn daran gehindert, außer Kontrolle zu geraten."

James nahm grantig einen weiteren Schluck Tee. „Was macht dich zum Expertin bei meinem besten Freund, Mum?"

Mrs. Potter sah auf ihre gealterten Hände und als sie sprach, war es mit einer gewissen Zerbrechlichkeit: „Ich verstehe Sirius… du weißt, wie meine Familie war, Schatz. Die reinsten der Reinblüter… und das Bedürfnis zu rebellieren… manchmal bist du so damit beschäftigt, deinen Ursprung zu hassen, dass du vergisst, warum du anders bist als sie. Du brauchst jemanden, der - der dich auf dem Boden hält." Sie lächelte. „Ich hatte deinen Vater…"

„Und du hättest ihn beinahe nicht geheiratet, weil er ein Reinblut war und du dachtest, dass es deine Eltern nicht genug stören würde," schloss James, grinsend. „Ich habe die Geschichte hundertmal gehört."

„Tja, es stimmt," sagte Mrs. Potter mit erhobenem Kopf. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm versprechen konnte, für immer mit ihm zusammen zu bleiben und dass ich vielleicht - nur vielleicht - irgendwann zu einem oder zwei Kindern nicht nein sagen würde." Sie lachte über die Erinnerung, ihre haselnussbraunen Augen tanzend. „Aber ich würde nicht meine Mutter werden. Ich würde nicht eine dieser alten aristokratischen Hexen in einem großen Haus mit hundert Hauselfen werden, die herumsitzen und Hochzeiten arrangieren und Magie nur für Hausarbeitszauber oder Schönheitszauber verwenden… wenn sie überhaupt das noch alleine tun."

James schüttelte seinen Kopf. „Also, warum hast du dich um entschieden?"

„Das hab' ich nicht!" protestierte seine Mutter, als ob sie sich angegriffen fühlte. „Ich war immer sehr entschlossen, nicht so zu werden, in meiner Karriere oder bei den Hauselfen - besonders den Hauselfen. Aber am Ende hatte dein Vater ein Argument für Ehe, dass ich nicht ignorieren konnte."

Will ich es wissen?"

„Er sagte," fuhr Mrs. Potter fort, „das die einzige Möglichkeit, meinen Reinblutnamen loszuwerden, war, ihn gegen einen anderen auszutauschen."

„Und das hat funktioniert?"

„Tja…" Sie grinste. „Ich denke, ich war sowieso etwas zu ihm hingeneigt. Oh, und da war der Ring…" Aus Gewöhnung spielte sie mit dem diamantenverkrusteten weißen goldenen Band auf ihrer linken Hand. „Aber, oh, haben wir uns deswegen gestritten. Wir haben uns drei Mal getrennt, bis wir es hingekriegt haben. Ich hatte einfach so Angst, meine Mutter zu werden."

„Tja, da ich Oma getroffen, weiß ich genau, was du meinst," bemerkte James. „Obwohl, du hast das große, alte Haus. Wie fühlst du dich dabei, Mrs. Potter?"

„Oh, ich weiß nicht." Sie klopfte mit ihren Fingern abwesend gegen die Theke. „Ich hätte etwas Kleineres bevorzugt - etwas Praktischeres. Aber es ist ein schönes Zuhause, oder? Ich schätze, ich habe entschieden, dass ich mich nicht ändern würde, nur, weil ich im Familienhaus der Potters lebe. Ich konnte immer noch Grace sein - einfache, alte Grace. Und schließlich habe ich realisiert, dass ich Alex mehr liebe als London." Sie hatte einen abwesenden Blick in ihrem langen, dünnen Gesicht, als ob ihr Kopf voll von Nostalgie war, von der James nichts wusste. Dann kehrte sie ihre Augen zurück zu ihrem Sohn und richtete sich auf. „Also, James, stell sicher, dass du ein nettes Muggelmädchen heiratest. Das würde deinen Vater tierisch aufregen…"

„Du hast einen schlechten Einfluss auf mich, Mum."

„Das Gegenteil wahrscheinlich, Schatz." Sie trank den Rest ihres Tees und packte eine Tafel Schokolade aus. „Und wenn wir gerade von dem Mädchen reden, das du heiraten wirst…"

„Oje."

„Wie laufen die Dinge auf dieser Front?" wollte Mrs. Potter wissen. Sie hatte ein spitzbübisches Grinsen auf ihren geröteten Lippen, als sie ihr Kinn in ihrer Handfläche ruhen ließ. „Du hast keine bestimmten Mädchen erwähnt, aber ich kann mir bei dir nie sicher sein…"

„Tja, da waren keine bestimmten Mädchen." Er nahm einen größeren Bissen Schokolade.

„Einsam und keusch für ein ganzes Jahr? Bist du dir sicher, dass du mein Sohn bist?"

James' Gesichtsausdruck sah gequält aus. „Sag so was nie mehr, Mum. Das hinterlässt Narben." Sie lachte bloß und er fuhr fort: „Ich hatte hier und da mal ein Date - aber nichts Bedeutsames."

„Ich verstehe. Und was ist mit dem Mädchen, mit dem dich Sirius - also, Er, der nicht genannt werden darf, dich immer aufgezogen hat?"

James verdrehte seine Augen. „Das ist Ewigkeiten her."

„Aufgegeben, ja?"

„So ist das nicht."

„Wie ist es dann?"

Der Zauberer rutschte unruhig auf seinem Küchenhocker herum. „Es ist einfach… anders."

„Anders?" echote Mrs. Potter. „Tja, jetzt hast du es so klar gemacht…"

„Mum, müssen wir jetzt diese Unterhaltung haben? Oder überhaupt?"

Dafür, dass sie eine Frau von fast siebzig Jahren war, schaffte Mrs. Potter ein ziemlich überzeugendes Schauspiel von Trotzigkeit. Sie schmollte und bemerkte: „Du hast früher über solche Dinge mit mir gesprochen."

„Nein, du hast mich früher gezwungen, mit dir über solche Sachen zu reden," korrigierte ihr Sohn sie.

„Eine Eigenschaft, die ich mit dem Alter verloren zu haben scheine."

„Das passiert."

Sie lächelte. Sie saßen für eine kleine Weile in Stille, beendeten ihre Schokolade, bis Mrs. Potter wieder sprach. „James," begann sie, ihre Augen wieder nach unten gerichtet. „Ich hoffe, du weißt - ich hoffe, dass du verstehst, dass… egal, was passiert - dein Vater und ich dich trotzdem sehr, sehr lieben werden."

„Mach dir keine Sorgen, Mum," antwortete James ernst. „Ich bin nicht schwanger."

Mrs. Potter haute spielerisch seine Hand, die auf der Theke ruhte. „Mein Sohn ist ein Idiot," verkündete sie. „Ich meine es ernst, James."

„Ich weiß, dass du das tust… ich habe nur keine Ahnung, warum du das Bedürfnis verspürt hast, dass in den Dialog zu bringen."

Aber seine Mutter lächelte nur sanft und trank ihren Tee zu Ende.

„Wann kommen die Jungs vorbei?"

„In ungefähr einer Stunde."

„Ich schätze, ihr werdet dann richtiges Essen wollen," seufzte Mrs. Potter. „Ich werde Twitchet rufen. Merlin weiß, dass ihr niemals etwas essen würdet, was ich koche."

„Das liegt daran, dass du eine schreckliche Köchin bist."

Mrs. Potter starrte ihn böse an. „Geh hoch und dusch dich, bevor deine Freunde da sind. Du stinkst schrecklich." Sie rutschte vom Hocker und bewegte sich zum Herd, ihren Sohn auf die Wange küssend, als sie vorbeiging. James kam auch auf seine Füße und begann zu Tür zu gehen. „Und vergiss nicht auszupacken - ich will nicht, dass du Peter das für dich tun lässt!"

„Aber er ist immer so willig…"

„James Alexander Potter…"

„In Ordnung, in Ordnung…"

„Morgen, Tom," murmelte Sirius, seine Sonnenbrille nicht mal im gemäßigten Licht des Tropfenden Kessels ausziehend. Der Gastwirt Tom grinste, als der jüngere Zauberer hinter die Theke schritt und sich eine braune Schürze von einem Haken schnappte.

„Hast gestern Nacht die Arbeit mit nach Hause genommen, nicht?" fragte Tom wissend. Sirius zuckte mit den Schultern.

„Mir geht's gut. Werden bis Mittag nicht mehr als zwei Leute hier reinkommen. Was Neues?"

„Nö. Langsame Nacht. Leute gehen heutzutage nicht mehr so viel raus wie früher."

Sirius nickte nur und nahm steif einen Lappen in die Hand um die Theke abzuwischen.

Tom sah seinem jungen neuen Angestellten zu. „Ich hab' was gegen dein Kopfweh," sagte er und schlug Sirius grob auf die Schulter. „Und mach' dir keine Sorgen darüber, nett zu den Kunden vor Mittag zu sein - jeder, der montagmorgens in einen Pub geht, sollte wissen, was er zu erwarten hat."

Sirius grinste schwach. „Danke."

„'Türlich."

Tom verschwand hinten und Sirius lehnte sich auf die Bar, seine Sonnenbrille ausziehend, damit er seine Augen reiben konnte. Die Glocke über der Tür klang, als ein paar junge Hexen den Pub betraten. Sie lächelten Sirius flirtend zu, als sie vorbeigingen, aber hielten nicht an, sondern bewegten sich stattdessen zum Hintereingang zur Winkelgasse. Die meisten Leute, die den Tropfenden Kessel betraten - vor allem so früh - taten das selbe.

Es verging eine halbe Stunde, bevor jemand, der Sirius Dienste benötigte, den Pub betrat und selbst dann, war es nur ein Pärchen, das im Gasthof übernachtet hatte und Frühstück wollte. Er überbrachte die Bestellung an die Küche und setzte sich dann auf einen Hocker hinter der Bar.

Fünf Stunden und siebenundzwanzig Minuten verblieben in seiner Schicht, aber wer zählte schon?

Die Tür öffnete sich wieder und ließ eine weitere Hexe rein, alleine dieses Mal. Sie trug teure violette Umhänge, aber mit langem, platinblondem Haar, makelloser weißer Haut und großen grauen Augen wäre die Frau auch in Fetzen schön gewesen. Sirius erschrak bei ihrem Anblick - aber nicht, weil sie wunderschön war. Weil sie Familie war.

Die Augen der Hexe landeten fast sofort nach ihrem Betreten des Pubs auf Sirius; sie war genauso überrascht ihn zu sehen wie er es war, aber sie sah schnell weg und bewegte sich ohne ein Wort zur Tür zur Winkelgasse. Sie hatte fast das Hinterzimmer erreicht, als Sirius sprach.

„Ich habe gehört, du heiratest."

Narcissa Black hörte auf zu laufen. Sie blieb für ein paar Sekunden mit dem Rücken zu ihrem Cousin stehen und drehte sich dann langsam um ihn anzusehen. „Das stimmt," antwortete sie würdevoll. „Ich habe gehört, Onkel Alphard hat dir all sein Gold hinterlassen."

Sirius nickte. „Fast alles."

„Madam hat ihm aus dem Stammbaum gebrannt," sagte Narcissa. Ihre Stimme war seltsam - kraftvoll und ein wenig aufsässig. „Genau wie dich, als du gegangen bist."

„Und Meda," fügte Sirius gnadenlos hinzu. Narcissa zuckte zusammen.

„Ja. Und Meda," stimmte sie zu. Sie waren beide still und dann sagte Narcissa mit einem ängstlichen Blick zu den anderen im Pub: „Ich sollte besser gehen. Und du solltest besser kündigen. Wenn Bella dich sehen würde…"

„Es ist noch nicht zu spät," unterbrach Sirius. „Es ist noch nicht zu spät für dich, Cissy."

Narcissa machte einen Schritt nach vorne und öffnete ihren Mund um etwas zu sagen. Für einen Moment waren Emotionen in ihren Augen und Ehrlichkeit in ihrem Ausdruck. Dann fror sie wieder ein. „Es ist zu spät für dich, Sirius. Vertrau mir. Ich weiß es."

„Wegen Menschen wie Bella - und deinem Verlobten… Malfoy."

Narcissa antwortete nicht. „Es wird alles bald vorbei sein," sagte sie stattdessen. „Ich hoffe, du überlebst, aber… es scheint nicht wahrscheinlich." Sie drehte sich um zu gehen.

„Du liegst falsch," rief Sirius hinter ihr her. „Es ist nicht bald vorbei. Es beginnt erst."

Aber seine Cousine sagte nichts; sie eilte durch das Hinterzimmer. Sirius setzte sich wieder hinter die Bar.

Fünf Stunden und vierundzwanzig Minuten verblieben in seiner Schicht.

Gegen zwei Uhr waren auch die letzten Gäste gegangen und Lily hätte nicht dankbarer sein können. Selbst Petunia schien dankbar, das Haus fast wieder zur Normalität zurückgekehrt zu sehen, als sie auf dem Sofa zusammenbrach, ihre hohen Schuhe austrat und ihren Kopf zurückwarf. Lily fiel auf einen Sessel in der Nähe.

„Müde?"

Petunia sah überrascht auf. „Ja." Sie richtete ihre Haltung und stand dann auf und ging zur Tür.

„Würde es dich wirklich umbringen, fünf Minuten im selben Raum mit mir zu verbringen?" fuhr Lily sie an.

Petunia zögerte. „Vielleicht," murmelte sie schließlich, bevor sie in die Küche hastete.

Lily seufzte tief. Sie begann ihr zu folgen, aber stolperte auf dem halben Weg über einen von Petunias Schuhen und stieß ihren Zeh an einem Beistelltisch.

Scheiße," Sie fiel auf die Couch, Grimassen ziehend und den angeschlagenen Zeh bitter reibend. „Verdammter Merlin," murmelte die Hexe. „Ich muss hier raus."

Mrs. Potter begrüßte Remus mit einem breiten Lächeln, als sie zur Seite schritt um ihn ins Foyer zu lassen.

„Hallo, mein Lieber," sagte sie, „James ist oben, aber er wird gleich runter…"

„Hallo, Kumpel," unterbrach die Stimme des in Rede stehenden Zauberers. Er erschien oben auf der großen Treppe und eilte herunter mit einem Grinsen im Gesicht. „Wie geht's dir?"

„Ganz gut, schätze ich," antwortete Remus, etwas verlegen. Er schob seine Hände in seine Tasche und betrachtete die weitreichende Eingangshalle der Potters zum ersten Mal seit dem letzten Sommer. Sie schien größer. „Wie war das Landleben?"

„Wunderschön," sagte Mrs. Potter und schloss die Tür hinter ihrem Gast.

„Langweilig," sagte James.

„Widersprich mir nicht."

„Tue ich nicht."

Mrs. Potter lächelte und schüttelte ihren Kopf. Da war jedoch ein Klopfen an der Tür, bevor sie wieder etwas erwidern konnte und James schritt sowohl um seine Mutter, als auch um seinen Freund, um Peter die Tür zu öffnen.

„Hey, Pete. Lange nicht gesehen."

„Ungefähr vier Stunden lang nicht," sagte Peter. „Aber wer zählt schon? Hallo wieder, Mrs. Potter."

„Hallo, Peter, mein Lieber."

„Moony - wie geht's dir?"

„Nicht schrecklich."

„Das ist der Remus-Lupin-Optimismus, den wir kennen und lieben," witzelte James. „In Ordnung, lass uns hochgehen, bevor Mum anfängt, charmant zu werden."

Er führte sie zur Treppe. „Du hast bloß Angst, dass ich ihnen Geschichten darüber erzähle, wie du als Baby warst!" rief sie hinter ihnen her.

„Machst du Witze?" James hatte die unterste Stufe erreicht. „Ich war schon immer so cool."

„Ha! Ich konnte erzählen, wie du einmal mit deinen Cousins Verstecken gespielt hast…"

„Tschüss, Mum!" sagte James laut über sie hinweg, winkend, als er hastig mit den anderen die Treppe bestieg.

„Es gibt Essen in der Küche," erinnerte Mrs. Potter sie. „Ich werde kurz im Büro vorbeischauen um sicherzustellen, dass sie nichts zerstört haben, während ich im Urlaub war. Macht keinen Ärger!"

„Ärger?" wiederholte James leise zu den anderen zwei Rumtreibern. „Wir?"

Ihre Haare waren noch nass von der Dusche und sie hatte kaum ihr Make-up berührt, aber es fühlte sich wundervoll an, nicht mehr das Kleid anzuhaben, dass sie bei Petunias Essen getragen hatte und das gemütliche Gefühl von Jeans, einem T-Shirt und Sandalen war unbeschreiblich.

Lily betrat den Tropfenden Kessel mit einem winzigen Schuss Beklommenheit, der sie immer bei ihrem ersten Wiedereintritt in die Zauberwelt befiel. Sie stellte sich manchmal - vielleicht törichterweise - vor, dass sie eines Tages versuchen würde, durch die Mauer bei Neundreiviertel oder durch die Tür des Tropfenden Kessels zu gehen und herausfinden würde, dass es diese Orte gar nicht gab… dass die letzten Jahre nur eine seltsame Fantasie gewesen waren.

Sofort dämpfte jedoch die verhexte (wenn auch rauchige) Luft des Pubs Lilys gegenwärtige Gedanken. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und sie wurde durch die Vertrautheit des Raumes beruhigt… die üblichen Hexen und Zauberer, die über Butterbieren und Feuerwhiskey plauderten, der ältere Typ mit einer Pfeife, der nur auf demselben Eckhocker zu existieren schien, der Stapel von Nachmittagspropheten auf dem Regal, Tom hinter der Bar…

Aber Tom war nicht hinter der Bar.

„Sirius?"

Ihr Klassenkamerad sah bei dem Klang seines Namens auf und grinste zur Antwort, als er sah, dass Lily auf ihn zu ging. Er goss noch den Rest einer dunklen Flüssigkeit für eine hübsche Zwanzigjährige ein und stellte die Flasche ab. „Evans," grüßte der Rumtreiber. „Was bringt dich hier? Konntest du nicht von mir fernbleiben, na?"

Lily verdrehte ihre Augen. „Das wäre plausibler, wenn ich tatsächlich gewusst hätte, dass du hier arbeitest…" Sie setzte sich auf einen Hocker. „Du arbeitest hier, oder? Du hast nicht heimlich die Bar übernommen?"

„Nein, aber das wäre eine gute Idee. Was kann ich dir bringen?"

„Oh." Lily hatte nicht wirklich geplant, etwas zu bestellen, aber jetzt, da sie da war… „Butterbier, schätze ich."

„Originell," bemerkte Sirius höhnisch. „Flasche oder gezapft?"

„Flasche ist okay."

„Sogar noch origineller."

Er stellte das Getränk vor sie und Lily hob ihre Augenbrauen. „Wie lange arbeitest du schon hier?"

„Ungefähr eine Woche," antwortete Sirius. Die hübsche Hexe ein paar Plätze weiter sandte einen zerstörenden Blick in Lilys Richtung; anscheinend dachte sie, dass sie eine Art Anspruch auf den hübschen Barkeeper hatte. „Ich hab' hier übernachtet - im Gasthaus, weißt du - und Tom meinte, dass er eine Hand über den Tag gebrauchen könnte. Die zwei Tussis, die hier normalerweise arbeiten, flanieren über den Sommer auf dem Kontinent herum. Oh - Shack hat auch 'nen Job…"

„Ich weiß. Sie hat mir geschrieben." Lily nahm einen Schluck Butterbier. „Mehr als ich über dich sagen kann."

„Richtig - ich hatte vor, zu antworten… es ist erst ein paar Tage her. Sei nachsichtig mit mir, Rote. Oh - noch eins?" Das war an den Zauberer mit der Pfeife gerichtet und Sirius ging sein Glas nachfüllen. Er kehrte jedoch eine Minute später zu Lily zurück und lehnte sich über die Theke.

„Übernachtest du immer noch hier?" fragte sie.

Sirius schüttelte seinen Kopf. „Hab eine Wohnung in der Gasse. Über der Apotheke."

„Du mietest eine Wohnung in der Winkelgasse? Das muss teuer sein."

Sirius grinste wieder. „Nicht mieten. Ich hab' sie gekauft."

„D-d-du hast die Apotheke gekauft?" stotterte Lily. Sirius lachte.

„Nein, nein, nein. Nur die Räume darüber. Haben nicht einmal zum selben Kerl gehört. Wirklich netter Kerl aber - hat mir einen fantastischen Preis gemacht, wenn man bedenkt… Warum freust du dich nicht für mich, Rotschopf?"

„Ich mag es einfach nicht, zu sehen, wie du dein hart verdientes Erbe ausgibst."

„Da ist noch jede Menge da," antwortete Sirius locker. „Ehrlich, ich arbeite nur hier um die Stunden zu füllen."

„Aber du gehst bald zur Schule zurück," argumentierte Lily. Dann kam ihr ein unangenehmer Gedanke. „Du gehst doch zurück, oder?"

„Sei nicht blöd. Natürlich komme ich zu Hogwarts zurück. Ich werde die Wohnung an jemanden anderen während des Schuljahrs vermieten, schätze ich. Oder ich lass sie sogar leer."

Wenn man beachtete, dass das letzte Mal, das sie mit Sirius gesprochen hatte - auf dem Gleis Neundreiviertel vor zwei Wochen - der frühere Rumtreiber geradezu mutlos gewesen war, schien er jetzt definitiv munter. Sie erwähnte diese Tatsache und Sirius zuckte die Achseln.

„Habe ein Gramm Mantikorhasch geraucht," sagte er ihr.

Sirius," rügte Lily ihn und er lachte.

„Mache bloß Witze, Evans." Die hübsche Hexe unten an der Bar räusperte sich eindringlich und Sirius schreckte zusammen. „Oi, richtig. Lily, das ist Adelaide. Adelaide, Lily. Und ich bin Sirius, falls es jemand vergessen hat."

„Schön, dich kennenzulernen," sagte Lily.

„Gleichfalls," antwortete Adelaide kurz angebunden.

Jetzt, da diese neue Bekanntschaft zumindest von milder Bedeutsamkeit in Sirius' Leben zu sein schien, warf Lily einen genaueren Blick auf sie. Sie war sehr hübsch, auf eine jungenhafte Art, trug weite Leinenhosen und ein enges Tank Top. Sie hatte gebräunte Haut, Sommersprossen, langes schwarzes Haar und scharfe braune Augen. Ihr Gesicht hatte eine harte, gemeißelte Art, die nur noch durch ihre augenscheinliche Abneigung gegen Lily verstärkt wurde.

„Adelaide arbeitet in der Eulerei," erklärte Sirius. „Und ich gehe mit Evans zur Schule."

„Ich verstehe," sagte Adelaide wissend. „Ein Hogwartsmädchen."

„Bist du je dorthin gegangen?" fragte Lily.

„Oh, nein. Ich glaube nicht an Mainstream-Bildung. Es ist alles Teil der Bürokratie, weißt du." Adelaide nahm einen Schluck von ihrem Getränk. „Aber, wenn du es magst…"

Lily biss eine Bemerkung zurück. „Du solltest meine Freundin Carlotta kennenlernen," sagte sie stattdessen und Sirius schnaubte.

Jedenfalls," sagte Adelaide, von ihrem Stuhl rutschend. „Ich sollte zurück zur Arbeit. Weißt du…" fügte sie mit einem bedeutsamen Blick zu Lily, „es ist hart für die von uns, die arbeiten."

„Oh, ich weiß," stimmte Lily aufrichtig zu. „Aber denk an all das Gute, das du da tust. Du musst so eine große Stütze für all die anderen Tiere im Laden sein."

Adelaide wurde rot, aber, anstatt etwas zu erwidern, lehnte sie sich über die Theke, küsste Sirius auf die Lippen und drehte sich dann um zum Gehen. Lily hob ihre Augenbrauen.

„Du hast sie auch nicht erwähnt," bemerkte sie, als Adelaide gegangen war.

„Sei nett zu Adelaide," witzelte Sirius. „Sie wird vielleicht lange in meinem Leben sein… mindestens noch zwei oder drei Wochen. Jedenfalls war sie nur unhöflich, weil sie sich von dir bedroht gefühlt hat… ich schätze, sie denkt, dass wir miteinander schlafen."

„Du willst diese Annahme vielleicht korrigieren," sagte Lily ihm alarmiert, aber Sirius lachte nur.

„Warum? Sie wird wahrscheinlich ihr Territorium markieren wollen und davon kann ich nur profitieren."

Lily verdrehte ihre Augen. „Du bist ein schrecklicher Mensch, Sirius Black."

'

„Und stolz darauf. Hey, ich hab' in zwanzig Minuten frei. Willst du meine Wohnung sehen?"

„Ich werde dir nicht helfen, Adelaide eifersüchtig zu machen."

Sirius lachte. „Ich werde ein perfekter Gentleman sein. Versprochen."

„Kommt, wir besaufen uns," schlug James vor. Er saß auf seinem Bett, warf gelangweilt mit einer Münze, während Remus auf dem Fensterplatz und Peter am Fuß des Betts saß.

„Ist das deine Lösung für jedes Problem?" fragte Remus trocken und James grinste.

„Ich hab' noch keine bessere gehört."

„Es ist erst zwei Uhr am Nachmittag, James."

„Und was gibt es besseres als einen Nachmittags-Schwips?"

Remus verdrehte seine Augen.

„Nichts. Genau." James setzte sich auf, warf seine Münze auf den Nachtisch. „Tja, wir sollten etwas tun. Wir sollten nach London gehen. Winkelgasse, und all das."

„Das ist vielleicht nicht so eine gute Idee," murmelte Peter.

„Mach dir keine Sorgen, Wormtail. Du hast den Apparitionstest bestanden und wenn du trotzdem nervös bist, können wir Seit-an-Seit…"

„Nein, das ist es nicht." Peter seufzte, etwas innerlich ausfechtend und sagte dann: „Sirius arbeitet im Tropfenden Kessel. Ich bin da letztes Wochenende für ein Butterbier hin und er war da."

„Oh." James runzelte die Stirn. Remus blieb stoisch. „Tja, es ist nicht so, als ob wir mit ihm sprechen müssen, wenn wir ihm tatsächlich über den Weg laufen…"

„Ich würde lieber nicht gehen," unterbrach Remus; James und Peter wechselten einen Blick, aber widersprachen ihm nicht.

„Tja, es gibt immer noch Hogsmead."

„Da gehen wir immer hin."

„Okay - wir können etwas anderes machen."

„Ich habe keine Lust darauf."

„Ich habe noch nicht mal etwas vorgeschlagen."

„Ja, aber es gibt eine mehr als große Wahrscheinlichkeit, dass, was auch immer du vorschlägst, etwas zu trinken oder etwas zu rauchen beinhaltet und ich hab da keine Lust darauf."

Genervt lehnte sich James wieder gegen das Kopfteil seines Bettes und biss sich auf die Zunge, denn wenn er sprechen würde, wäre es sicherlich wütend. Nach einer angespannten Stille, unterbrach Peter.

„Wie wär's mit Koboldstein?"

„Nicht genug Leute, damit es lustig wird," sagte Remus.

„Schach?"

„Zu viele Leute."

Peter dachte ein wenig nach, dann: „Wir könnten Quidditch spielen."

James stimmte enthusiastisch zu, aber Remus schoss den Vorschlag wieder nieder. „Zu windig."

„Natürlich ist es das," murmelte James und Remus hörte seinen Tonfall.

„Es tut mir leid, wenn es mir nicht immer in den Fingern juckt, Quidditch zu spielen," fuhr er ihn an. „Manche von uns haben andere Interessen."

„Oh, ja, wie was? Aus dem Fenster starren? Ja, das ist eine wertvolle Art und Weise, deine Zeit zu verbringen…"

„Tja, es hängen hier eben keine Erstklässler rum, die ich verhexen kann, also…"

„Wir könnten natürlich auch ein Buch lesen," entgegnete James. „Das ist dein Ding, oder, Moony? Über Dinge zu lesen, statt sie tatsächlich zu erleben…"

„Vergib mir, wenn mich einmal im Monat in ein Monster zu verwandeln genug Erlebnis für mich ist."

„Stimmt, denn die Tatsache, dass du eine Nacht im Monat ein Wolf bist, bedeutet, dass du den Rest der Zeit ein lebloses, hochtrabendes Arschloch sein musst."

„Oh, hört auf damit!" beschwerte sich Peter laut. „Wenn ihr zwei euch nur streitet, gehe ich heim."

„Kannst du genauso gut," sagte James. „Es sieht nicht aus, als ob wir heute hier etwas Interessantes tun werden."

Peter blickte finster. „In Ordnung." Er stand vom Bett auf. „Floht mich an, wenn ihr zwei keine Idioten mehr seid." Er begann zur Tür zu gehen, aber hielt inne, bevor er tatsächlich hindurchging. „Wisst ihr, es ist schlimm genug, dass keiner von euch es aushalten kann, im selben Raum wie Sirius zu sein, ohne dass ihr es zwischen euch zwei auch noch verderben müsst."

Damit ging er und Remus und James blieben alleine zurück. „Ich schätze, wenn Wormtail geht…" begann Remus sanft und als sein Gastgeber ihn nicht unterbrach, fügte er schärfer hinzu: „Ich meine, das leblose, hochtrabende Arschloch würde seine Hoheit nicht langweilen wollen oder so."

„Zu spät."

Na schön."

„Na schön."

James verschränkte dickköpfig seine Arme und Remus stand vom Fensterplatz auf, stolzierte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

„Soyez bienvenus a ma maison."

Lily hob ihre Augenbrauen und Sirius öffnete die Tür.

„Willkommen," übersetze er. Sie traten ein und Lily nahm den Raum interessiert in den Blick. Sie betraten einen geräumigen Raum mit der Küche direkt rechts und einer Art Wohnzimmer direkt vor ihnen. Es gab zwei Türen in der entferntesten Wand, von denen eine weit genug geöffnet war, dass Lily erkennen konnte, dass es Sirius Schlafzimmer war. Die andere Tür war recht schmal und Lily schätze, dass es ein Schrank war. Es gab sehr wenige Möbel - ein viereckiger Holztisch mit einem Stuhl in der Wohnzimmergegend, der vor dem Kamin positioniert war und ein hässliches lila Sofa an der Wand. Neben der Couch war ein kleiner Beistelltisch, der mit leeren braunen Flaschen bedeckt war und ein halbes Dutzend mehr standen in der Küche.

Sirius warf seine Schlüssel auf die Theke und bewegte sich weiter in die Wohnung. „Ignorier die furchtbare Dekoration. Ich bin erst seit einer Woche hier. Ich musste erst ein wenig zusammenkratzen und ich bin schrecklich mit Haushaltszaubern. Ich hab' mich aber eingelesen. Es wird in ein, zwei Wochen besser aussehen." Mit den Händen in seinen Taschen drehte sich Sirius um Lily anzusehen und ihre Reaktion abzuschätzen. „Was denkst du?"

„Ich mag es," sagte Lily ehrlich. „Es hat Charakter. Obwohl das Sofa furchtbar ist."

„Du hättest es sehen sollen, bevor ich versucht habe, es braun zu machen."

„Du hast auf braun abgezielt?"

„Ich hab' noch nie zuvor eine Couch verhext!" protestierte Sirius. „Ich meine, ich hab' es einmal gemacht, aber es ist sehr viel schwieriger, ein Sofa braun zu färben, als es so zu verhexen, dass es die Leute von ihren Plätzen wirft."

„Natürlich ist es das." Sie lief neugierig durch die Küche. „Also - abgesehen davon, dass du Sofas verzauberst und Feuerwhiskey servierst, was hast du sonst so gemacht?"

„Eigentlich nicht viel," antwortete Sirius. Er setzte sich auf das Sofa, während Lily durch die Schränke sah. „Teller und Kissen verwandeln, hauptsächlich."

„Du hast niemanden aus der Schule gesehen?"

„Oh, vier oder fünf Hogwartsschüler laufen jeden Tag durch. Marlene ist auch vorbeigekommen - hat zufälligerweise dasselbe über das Sofa gesagt. Und Shack, natürlich. Wir haben ein paar Schichten zusammengearbeitet."

Lily nickte. „Niemand… besonders, dann?"

Sirius grinste. „Du meinst, ist James vorbeigekommen und hat mich auf Knien angebettelt, wieder sein bester Freund zu sein? Nein. Darauf warte ich noch."

Die Hexe seufzte. „Es tut mir leid. Ich hätte es nicht erwähnen sollen."

„Kein Ding," beharrte der andere. „Wirklich. Mir geht's gut. Nicht depressiv. Nicht einsam. Adelaide hält mir gut Gesellschaft… auf mehr als eine Art."

„Glückwunsch. Und igitt."

Sirius wechselte das Thema. „Was ist denn mit dir? Hast du einen atemberaubenden Sommer?"

Lily bewegte sich in das Hauptzimmer, fiel in den Holzstuhl am Tisch, aber mit ihren Beinen zu Seite, sodass sie Sirius ansah. Sie ließ sich nach vorne hängen. „Ich weiß nicht. Es ist okay, schätze ich. Aber isoliert. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich immer so… isoliert gefühlt zu haben."

„Ich kenne das Gefühl."

„Ich schätze, vorher hatte ich Severus. Dann kam Luke letztes Jahr immer vorbei."

Sirius nickte langsam. Dann stand er abrupt auf und bewegte sich in die Küche. Von einem der Küchenschränke nahm er zwei dunkle Glasflaschen. „Willst du eins?"

Lily zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?"

Er klopfte einmal mit einem Zauberstab gegen die Metallverschlüsse, entfernte sie und brachte die Flaschen mit in den anderen Raum. „Gekühlt mit den besten Kühlzaubern," scherzte er.

„Nur das Beste," fügte Lily trocken hinzu. „Prost."

„Prost."

Sie stießen mit ihren Flaschen an und nahmen beide einen großen Schluck. Lily stellte ihren Ellenbogen auf den Tisch zu ihrer linken, und ruhte ihren Kopf in ihrer Handfläche.

„Also, was schätzt du?" fragte Sirius. Er starrte in seine eigene Flasche. „Als der ansässige Optimist – glaubst du, es wird besser werden?"

Lily lächelte. „Zweifellos."

Remus war gerade mal eine Minute weg, da stand James schnell auf und eilte zur Tür. Peter hatte Recht - er hatte schon Sirius verloren, oder?

Er warf seine Schlafzimmertür auf. Remus schlurfte die Treppe hoch zu seinem Schlafzimmer. Sie sahen sich an.

„Ich war bloß…" begann James, vage deutend. „Weißt du…"

„Ja, ich auch," gab Remus zu. Er setzte sich auf die oberste Stufe und James setzte sich neben ihn.

„Es tut mir leid," sagte Remus.

„Mir auch," sagte James. Für eine lange Minute sagte niemand was. „Da ist noch etwas anderes, oder?" fuhr James irgendwann fort. „Du weißt, dass du es mir sagen kannst, nicht doch, Kumpel?"

Remus zögerte für ein paar Sekunden. „Ich bin neidisch auf dich," sagte er schließlich.

James blickte verwirrt. „Wie bitte?"

„Ich beneide dich," wiederholte der Werwolf düster. „Du fühlst dich so wohl bei dir zuhause."

„Du meinst - nicht das Haus?" fragte James unsicher.

„Nein, das ist es nicht… es ist… es ist, wie du bist, wenn du zuhause bist. Du passt. Deine Mum ist überglücklich… deine Familie fährt zusammen in Urlaub… du passt hierhin, genauso wie du nach Hogwarts passt."

„Moony…"

„Meine Mum geht es miserabel, wenn ich zuhause bin," unterbrach Remus.

„Das stimmt nicht…"

„Das tut es aber. Es ist nicht so, dass sie mich nicht lieben würde oder sich um mich sorgen würde oder mich nicht sehen will. Es ist bloß… eine Last für sie." Er seufzte tief. „Und zu sehen, wie du mit deiner Mum bist, hat mich… neidisch gemacht, schätze ich. Es ist dumm - es tut mir leid…"

James kämpfte, dies zu begreifen. „Warum denkst du das? Ich meine, das mit deiner Mum…"

„Ich weiß nicht. Ich weiß es einfach. Jeden Tag, den ich da bin, wird es schlimmer. Sie und Dad zanken sich mehr. Sie sind einfach unglücklich." Remus starrte die Treppe hinunter, sein Gesicht konzentriert geneigt. „Als sie meinen Dad geheiratet hat, hat sie nie - hat sie sich nie vorstellen können, dass etwas wie das passieren konnte. Und sie sagt es nicht, aber ich weiß, dass sie es denkt. Wenn ich zuhause bin, ist es wie ein dauernde Erinnerung an die Dinge, die schief gegangen sind…"

„Remus, hör auf, das stimmt nicht… Es ist nicht deine Schuld…"

„Natürlich ist es das! Sie - sie hat Recht. Sie hätte nie mit irgendwas davon konfrontiert werden sollen… Keiner von ihnen hätte…"

„Es ist nicht deine Schuld!"

Aber Remus schien nicht zuzuhören. „… Wie anders die Dinge gewesen wären, wenn ich bloß… wenn ich bloß drinnen geblieben wäre - wenn ich bloß das getan hätte, was ich hätte tun sollen, statt… einem blöden Fehler… ich war bloß ein Kind…"

„Remus, hör auf," unterbrach James ihn laut, Remus' Schulter packend und ihn zwingend, ihn anzusehen. „Du… du bist ein verdammter Vertrauensschüler, okay? Du bist das Kind, von dem alle Eltern wollen, dass es ihres ist! Du bist ein Vertrauensschüler, du hast gute Note…" Er grinste. „Du hängst mit den coolen Kids ab. Komm schon - meine Mum? Sie wünscht, ich wäre auch nur halb so gut erzogen, wie du! Du - du bist das verdammte Traumkind!"

Remus sah auf seine Hände, aber sagte nichts.

„Was auch immer deine Eltern denken oder fühlen," fuhr James aufrichtig fort, „sie haben Glück, dich zu haben."

Mehr Stille, dieses Mal länger und dann stand Remus auf. „Komm," murmelte er.

„Wohin gehen wir?"

Remus blickte über seine Schulter und grinste trocken. „Lass uns saufen gehen," schlug er vor.

James grinste schief.

(Zwei Wochen später)

Es war die Art von Hitze, die Leute zögerlich machte, etwas anderes als Eis zu essen, die dick und ungemütlich war und lange bis in die Dunkelheit andauerte. Es war die Art von Hitze, die eindeutig nach Juli schmeckte und genau wie Lily vor zwanzig Minuten so erpicht darauf gewesen war, das Haus zu verlassen, fing sie jetzt an, ihre Entscheidung zu bereuen.

Sie aß ihre Eiswaffel zu Ende, mit freundlicher Genehmigung von Florian Fortescues und sah sich in der Winkelgasse nach einer Fluchtmöglichkeit von dieser erdrückenden Hitze um. Sirius arbeitete im Tropfenden Kessel… sie konnte immer noch dorthin zurückgehen, wenn es darauf ankam. Aber dann erblickte Lily den Buchladen und entschied sich um.

Es war Freitag, fast fünf Uhr und Flourish und Blotts war überraschend voll. Seit sie den kühl bezauberten ersten Stock betreten hatte, hatte ihr zweimal jemand auf die Füße getreten und der Platz wurde sogar noch enger durch Chaos, das den Laden in Form eines Schilds, auf dem „Ausbau im Gange" stand, heimsuchte.

Ein großes, weißes Laken verdeckte ein Viertel des Ladens, aber über ihm, waren schwebende Objekte und ominöse Funken sichtbar… anscheinend war das der Ausbau.

„Miss, Miss, bitte…" flehte ein erschöpfter Mitarbeiter eine mittelalte Hexe in der Nähe an. „Ich muss Sie bitten, auf ihren Sohn aufzupassen…"

Der besagte kleine Junge schubste gerade Bücher von den Regalen, anscheinend einfach nur, weil es ihm Spaß machte. Er kicherte manisch und seine Mutter blickte den Verkäufer böse an, bevor sie zu einer Rede über inkompetente Wichtigtuer ausholte. Lily fühlte aufrichtiges Mitleid für den rot angelaufenen Mitarbeiter und warf ihm einen beruhigenden Blick zu, bevor sie sich zur Romanecke bewegte.

Die Menge verlief sich langsam und Lily fand genug Platz in den Regelreihen. Sie suchte sich ein oder zwei Bücher aus, die zumindest wert waren, kurz überflogen zu werden und blickte sich nach einem leeren Stuhl um. Es gab einen freien in der Ecke, aber Lily ging nicht sofort auf ihn zu, da ihre Augen auf einen bekannten schwarzen Haarschopf und den Zauberer, zu dem er gehörte, gefallen waren, der sich mit einem billig aussehenden Taschenbuch gegen ein Regal lehnte.

James Potter.

Lily lächelte weit, unerklärlicherweise belustigt über den Anblick. Sie stellte ihre Bücher ins Regal zurück und ging zu dem Zauberer hinüber. Statt ihn anzusprechen ging Lily zu ihm, stellte sich direkt neben ihn und lehnte sich hinüber, als ob sie über seine Schulter mitlesen würde.

James sah die vermutete Fremde an und wollte sie gerade freundlich bitten, doch einen verdammten Meter Abstand zu halten, als er erkannte, wer gerade in seine Intimsphäre eingedrungen war. „Evans!"

Lily hob ihre Augenbrauen bei seiner irgendwie überdramatischen Reaktion. „Hi…"

„Hi," antwortete James, seine Fassung wiedergewinnend. „Sorry - du… hast mich erschreckt."

„Anscheinend," stimmte Lily zu. „Aber hey, sieh dich an! Ich wusste nicht, dass du lesen kannst!"

James grinste. „Kann ich nicht. Ich mach nur so… weißt schon… um die Bienen zu beeindrucken."

„Wie läuft es?"

„Super." James lehnte seinen Kopf zu Lily und murmelte. „Siehst du die Blonde in der Haushaltsabteilung? Sie hat mir wie am Schnürchen alle sieben Minuten mit den Wimpern zu geklimpert."

Lily blicke unauffällig zu der beschriebenen Hexe. Sie sah sicherlich jetzt zu James und sie schien Lily nicht besonders zu mögen. Die Rothaarige verschränkte ihre Arme, bereit sie zu bewerten. „Ich hoffe sicherlich, dass du höhere Ansprüche als das hast. Das ist ein Anfängerbuch, das sie liest - oder vorgibt zu lesen und sie ist mindestens zweiundzwanzig. Wahrscheinlich eine verwöhnte Bratze, die von Hauselfen erzogen wurde."

James gab vor, verletzt zu sein. „Als verwöhnte Bratze, die von Hauselfen erzogen wurde, stoße ich mich sehr an den Implikationen dieser Aussage," sagte er. „Aber wie auch immer - sie traut sich nichts. Anderthalb Stunden Quer-durch-den-Laden-Flirten ist einfach exzessiv. Wenn sie interessant wäre, wäre sie hierhergekommen und hätte etwas gesagt. Jetzt, was meintest du, was du hier tust, Keks?"

„Meinem Haus entfliehen," antwortete Lily seufzend. „Meine Schwester heiratet am Monatsende und sie lässt es an mir aus. Heute bin ich einer Tirade über die Farbe der Krawatten der Bedienungen ausgewichen."

„Plötzlich bin ich dankbar, dass ich keine Schwestern habe."

„Genieß es," sagte Lily. „Was ist mit dir? Was bringt dich hier?"

„Wollte einfach nur aus dem verdammten Haus," antwortete James achselzuckend. „Ich dachte nicht, dass es so verdammt heiß sein würde."

„Ich weiß. Es ist draußen aber viel schlimmer."

„Das glaube ich. Das ist der einzige Grund, warum ich seit zwei Stunden hier drin bin - habe Angst, mich den Elementen zu stellen, bis es dunkel wird."

„Zwei Stunden in einem Buchhandel?" staunte Lily. „Ich bin beeindruckt."

„Sag es niemandem, aber ich bin fast jeden Tag hier," sagte James ihr. „Zuhause ist es über den Tag todlangweilig, außer wenn Remus oder Pete vorbeikommen können."

„Ich verstehe… Also… bist du durch den Tropfenden Kessel gekommen?"

„Du meinst, habe ich Sirius gesehen?"

„Ich bin nicht halb so subtil, wie ich es von mir denke," murmelte die Hexe. James grinste.

„Nein, bist du nicht. Und nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ich bin durch die Nokturngasse gekommen."

„Ein bisschen extrem, denkst du nicht?"

„Wirst du mir eine Standpauke halten?"

„Nein."

„Gut."

Sie wurden von einer Gruppe Hexen unterbrochen, die versuchte, sich an die beiden vorbei zu quetschen. „Es ist recht voll," bemerkte Lily.

„Wirklich."

„Hey…" Lily hatte eine Idee. „Hast du schon etwas gegessen?"

„Nicht vor Kurzem."

„Hast du Hunger?"

„Eigentlich immer."

„Wie findest du Camden?"

„Generell ganz gut."

Lily lächelte. „Tja, dann komm mit."

The Lantern war ein Backstein-Muggel-Laden mit Beleuchtung, die an seinen Namen erinnerte, und einer langsamen, rauchigen Atmosphäre. Auf jedem Tisch lag ein Kartenspiel und im Hintergrund spielt ein vage psychedelisches Lied, das unter dem dumpfen Lärm der anderen Gäste gerade so hörbar war. Die Bar war natürlich lauter, aber Lily und James saßen etwas entfernt davon an einer Tischecke. Es war ein Ecktisch, so dass sie nicht tatsächlich nebeneinandersaßen, sondern an zwei Seiten des Tisches, die im rechten Winkel zueinanderstanden.

James bejammerte das Fehlen von Butterbier, aber er gab schließlich nach, entschied, dass Cola das ähnlichste Pendant war und nahm das Kartenspiel in die Hand, während sie auf ihr Essen warteten.

„Also, warum dieser Laden hier?" fragte er, faul die Karten mischend. „Ich meine, wie hast du ihn gefunden?"

„Ich war letzten Sommer hier mit meiner Schwester und ihrem Verlobten," antwortete Lily. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und legte ein Bein hoch auf den leeren Platz neben sich. „Da war so ein begeisterter Bericht in einem der Magazine, die Vernon - der Kerl meiner Schwester - liest, also dachte er, dass er angibt und uns alle hierhin einlädt. Aber dann wurde diese kleine alte Dame, die in unserer Straße wohnt, krank, und Mum musste ihr Suppe oder so bringen… sie ist so seltsam wohltätig, also waren es nur ich und Tuney und Vernon."

James nickte. „Und ich entnehme deinem Tonfall, dass du kein großer Fan des Bräutigams bist?"

„Muss ich nicht sein," bemerkte Lily trocken. „Er ist schon sein eigener größter Fan."

„Also warum heiratet sie ihn dann?"

Lily zuckte mit den Schultern. „Wer weiß - Sicherheit, Wahnsinn, Schwangerschaft… oder vielleicht, um mir eine reinzuwürgen. Vernon hasst mich."

„Abgetörnt von der Zauberei-Sache?"

„Nein, tatsächlich nicht. Er weiß das noch nicht mal. Ich weiß nicht mal, ob Petunia vorhat, es ihm zu erzählen." Lily nimmt einen Schluck Cola. „Sie sagt, sie wird es tun - sie gibt vor, sie hat keine Angst davor, dass er sie dann nicht mehr heiraten will, aber ich weiß es nicht. Ich beginne zu denken, dass sie schätzt, dass, solange er es nicht weiß, sie eine Ausrede hat, mich nicht für Weihnachten einzuladen."

„Oh. Sorry - ich wusste nicht, dass die Dinge so… angespannt sind. Bei dir und deiner Schwester, meine ich." Lily antwortete nicht, was er als Bestätigung verstand. „Sind alle Geschwisterbeziehungen so? Ich habe das Gefühl, ich kenne niemanden, der mit seinen Brüdern oder Schwestern klarkommt."

„Es ist kompliziert," sagte Lily ausweichend. James hob skeptisch seine Augenbrauen und sie fügte zögerlich hinzu: „Petunia hasst Magie."

„Hasst Magie? Warum?"

Lily seufzte. „Das ist auch kompliziert."

Remus stellte den Wasserhahn ab, stellte seine jetzt saubere Kaffeetasse neben die Spüle, auf seinen bereits gewaschenen Teller und sein Besteck. Das Abendessen war vorbei - offiziell jetzt, da der Abwasch gemacht war. Er hatte das Haus für sich an diesem Abend, da seine Eltern beide Spätschicht hatten und Remus genoss die Einsamkeit. Der letzte Abend vor dem Vollmond war immer besonders hart, sodass er in dieser Nacht einfach keine Energie für James - oder jemand anderes - hatte.

Er hatte sich gerade hingesetzt um ein dickes Muggelbuch zu verschlingen, als er das Geräusch eines Schlüssels in der Eingangstür hörte und sie sich einen Moment später öffnete um seine Mutter hereinzulassen.

Sie erschrak, als sie ihn sah. „Remus, Lieber, was tust du hier? Es ist schon schrecklich spät, oder?"

Ein Moment verging, bis Remus verstand, was seine Mutter meinte. Sie dachte, dass heute Nacht Vollmond war. Fast zur gleichen Zeit bemerkte Mrs. Lupin ihren Fehler.

„Das ist morgen…"

„Oh, ja, morgen, natürlich. Es tut mir leid." Sie runzelte die Stirn. Remus hob seine Augenbrauen.

„Was?"

„Oh, nichts, Schatz, ich wollte bloß - ein paar der Mädels gehen heute nach der Arbeit noch weg und ich wollte mich nur kurz hier umziehen, aber wenn du hier bist, kann ich ebenso gut zuhause bleiben…" Sie legte ihre Handtasche nieder.

„Nein, Mum, wirklich," sagte Remus schnell. „Geh mit deinen Freunden weg. Es ist okay."

„Aber es ist deine letzte Nacht, Schatz…"

„Mum, nein, wirklich…"

„Schwachsinn." Sie bewegte sich in die Küche. „Hast du zu Abend gegessen? Hast du Hunger?"

„Nein, ich hab' schon gegessen." Remus folgte ihr. „Mum, ich meine es ernst…"

„Aber es wird andere Nächte geben, an denen ich mit meinen Freunden weggehen kann," beharrte sie und stellte einen Topf auf den Herd. „Und ich will nicht, dass du heute Abend alleine bist. Ich sehe die Mädels bei der Arbeit und sie werden nichts Besonderes machen, da bin ich mir sicher…"

„Mum, hör auf!" unterbrach Remus laut. „Hör einfach auf! Hör auf… zu versuchen, das hier zu reparieren! Geh einfach mit deinen Freunden weg, bitte. Ich kann nicht…"

„Oh, aber ich will nicht gehen…"

„Mum, geh einfach…"

„Quatsch. Es - es macht viel mehr Spaß, Zeit mit meinem einzigen Sohn zu verbringen."

Er konnte es nicht mehr aushalten.

„Sag das nicht!" schrie Remus halb.

Mrs. Lupin sah ihn mit offenen Mund an. „Remus, was…?"

„Mach nicht so, als ob du hier sein willst!" fuhr er fort.

„Aber…"

„Hör auf, zu versuchen, es okay zu finden! Es - es sind zwölf Jahre vergangen - denkst du, dass ich es nicht bemerke? Denkst du, dass ich nicht sehen kann, dass du viel lieber woanders wärst? Dass alles, was du tust, bereuen ist… und du versuchst dich so zu verhalten, als ob du nichts bereuen würdest? Mum, geh mit deinen Freunden weg - bleib weg von mir, weil wir beide wissen, dass es dich umbringt, mich kurz vor dem Vollmond zu sehen. Und wirklich, Mum, es ist nicht mein allergrößter Favorit, wenn du mich so ansiehst - so, als ob ich es nicht weiß? Als ob ich nicht weiß, dass es meine Schuld ist, dass nichts so geworden ist, wie du es wolltest…"

Mrs. Lupin starrte nur geschockt. „Remus," sagte sie nachdrücklich. „Ich habe nie etwas gesagt…"

„Du musstest es nicht sagen, Mum! Es ist so offensichtlich überall! Und es tut mir so leid! Es tut mir so leid, dass ich schuld daran bin, dass dein Leben ruiniert ist…"

„Remus John…"

„Es stimmt aber! Ich bin schuld daran! Du wolltest das nie! Du wolltest nie einen Freak als Sohn und ich fühle mich schuldig genug, ohne dass ich dich dazu verurteilen muss, unglücklich zu sein!"

Tränen stiegen in Mrs. Lupins Augen und sie begann zu weinen. Remus' Wut verschwand sofort, als seine Mutter zu Boden sank, ihr Gesicht durch ihre Hände bedeckt. Es würde keinen Widerstand, keinen Kampf von ihrer Seite geben, erkannte er, weil sie wusste, dass er Recht hatte. Er konnte es ihr aber nicht übel nehmen - er konnte sie wegen ihrem Unmut nicht hassen, wie er es vielleicht bei jemandem anderen gekonnt hätte. Sie war keine starke Frau; sie hatte ihr Bestes gegeben - alles zwölf Jahre lang geschultert und er konnte nicht mehr von ihr verlangen.

„Mum…" Er nahm einen vorsichtigen Schritt auf sie zu, aber sie schluchzte nur noch stärker.

„Es tut mir so leid," keuchte sie durch die Tränen. „So leid…"

Remus setzte sich neben sie auf den Boden und legte einen Arm um ihre zitternden Schultern. „Mum, bitte…"

„Ich w-w-wollte nie… Ich h-habe immer versucht, dich zu beschützen…"

„Nicht," murmelte er. „Es ist nicht deine Schuld."

Sie weinte ein paar Minuten lang leise und weder Mutter noch Sohn bewegten sich oder sprachen in dieser Zeit. Dann begann sie sich zu beruhigen und lehnte ihren Kopf gegen Remus' Schulter. „Es tut mir so leid," flüsterte sie schwach. „Ich liebe dich, Remus."

Remus schloss seine Augen, unbemerkt seufzend. „Ich weiß, dass du das tust, Mum. Ich liebe dich auch."

Die Sonne war untergegangen und durch Camden High Street schwirrte die Nachmenge, die sich fröhlich vor Clubs und Restaurants in die Schlange stellten. Lily und James liefen ohne festgelegtes Ziel, eher für den puren Genuss der angenehmeren Abendtemperaturen. Sie bogen in eine stillere Gasse ab und als die elektrischen Schilder der Hauptstraße verblassten, erhellten nur noch die Straßenlampen die Straße.

Auf einer Backsteinmauer klebte halb zerrissen ein ramponiertes Plakat für eine Freak-Show, und James hielt inne um es zu lesen.

„Kann da irgendwie nicht den Anreiz sehen," bemerkte er. „Vielleicht, wenn ich betrunken wäre…"

„Leute sehen sich gerne Dinge an, die sie als seltsam empfinden," antwortete Lily. „Oder Dinge, die sie nicht verstehen."

James las einen der beworbenen Akte; „Ich bezweifle, dass es ein echter Werwolf ist," sagte er. „Und ich muss es wissen…"

„Ich schätze, dass wir beide technisch gesehen uns als auch Akt gelten würden," überlegte Lily. „Das würde Tuney jedenfalls sagen."

„Und ich bezweifle auch, dass sie einen echten Magier haben," fügte James hinzu, als sie wieder anfingen zu gehen. „Bloß ein pummeliger Kerl mit einem Schnurrbart und schnellen Fingern."

Lily verdrehte ihre Augen. „Das ist das Problem mit Magie," sagte sie. „Der magische Kopf hat keinen Sinn für Wunder und Ehrfurcht mit dem Universum."

„Stimmt nicht," protestierte James. „Es gibt viele Dinge, vor denen ich Ehrfurcht habe."

„Wirklich?" fragte die andere skeptisch.

„Ja."

„Dann nenn eins."

„Muggel oder Magisch?"

„Egal."

„Farrah Fawcett."

Lily verdrehte wieder ihre Augen, aber sie lachte. „Idiot. Das habe ich nicht gemeint."

„Du hast es nicht spezifiziert," erinnerte James sie grinsend. „Jedenfalls, was ist so falsch daran, zu wissen, wie Dinge funktionieren?"

„Nichts," gab Lily zu. „Es ist bloß…"

„Es ist bloß was?"

„Tja… okay, wenn ein Muggel fragt ‚wie hast du das gemacht?' und bekommt die Antwort ‚Magie', nimmt man an, dass etwas Fantastisches und Schlaues passiert ist. Wenn eine Hexe oder ein Zauberer diese Antwort bekommt, dann wissen sie genau, was passiert ist. Jemand hat einen Zauberstab herausgezogen, hat ein paar Worte auf Latein gesagt und Magie hat wortwörtlich das Problem gelöst."

James hob seine Augenbrauen. „Und?"

Und," fuhr Lily fort. „es gibt kein Geheimnis."

„Wieder… und?"

Lily runzelte die Stirn. „"Tja - was, wenn jedes Mal, wenn jemand fragt, wie ihr einen eurer detaillierten Streiche oder Pläne oder irgendwas gemacht habt, ihr ihnen genau sagt, wie ihr es gemacht habt? Dann würde jeder genau den Ablauf kennen und es würde euch keinen Spaß mehr machen. Ihr würdet nicht schlau oder beeindruckend oder brillant aussehen, oder?"

„Im Gegenteil - wenn die Leute tatsächlich wüssten, wie wir die Dinge angehen, wären sie sogar noch beeindruckter."

„Nein, wären sie nicht."

James starrte sie halbherzig böse an. „Warum denkst du das?"

Lily sah überrasch aus. „Weil ich ein paar eurer Geheimnisse kenne und ich habe die Rumtreiber beeindruckender gefunden, als ich sie noch nicht kannte."

Hey!" James sah mittel beleidigt aus. „Du erwartest ernsthaft von mir, dass ich dir glaube, dass du nicht von der Animagi-Sache beeindruckt warst?" Er grinste, als Lily nachdenklich dreinschaute.

„Tja, in Ordnung, nicht die Animagus Sache," gab sie zu. „Aber die Karte und der Mantel… zu wissen, dass ihr eine Karte der Schule habt mit kleinen Punkten, die für Leute stehen, ist so viel weniger interessant, als zu denken, dass ihr irgendwie, mysteriöser Weise alles wusstest. Und gruseliger."

„Hey, die Karte ist komplizierte Magie."

„Ja, ich weiß." Lily zuckte mit den Schultern. „Es ist bloß, jetzt, da ich weiß, dass es einen Mechanismus hinter eurem weitreichenden Verständnis der Schule gibt, ist es kein beeindruckendes Mysterium mehr. Ich hab' das Gefühl, wenn ich Stunden in der Bibliothek und mit Herumschleichen im Schloss verbringen würde, könnte ich genauso clever sein, wie jeder denkt, dass ihr es seid."

James blickte finster. „Du verletzt meine Gefühle, Keks."

„Das ist keine Beleidigung," sagte Lily ihm. „Du bist clever. Du bist bloß nicht mysteriös."

„Nicht mal ein bisschen rätselhaft?"

„Nicht einmal ein bisschen."

James blickte Lily für einen Moment nachdenklich an, während sie einen Stein vom Bordstein trat. „Gut," sagte er plötzlich. „Wie wäre es damit?" Er zog das Kartenspiel, das auf dem Tisch des Restaurants gewesen war, aus seiner Tasche. Lily starrte ihn mit großen Augen an.

„Hast du die geklaut?"

„Nein. Naja… vielleicht."

James…"

„Ich dachte, man darf sie mitnehmen! Oh, komm schon, sieh mich nicht so an. Ich hab' Trinkgeld gegeben. Hab - hab einfach noch eine Minute mit mir Geduld, ja?"

Lily verschränkte erwartungsvoll ihre Arme und James nahm die Karten aus dem Karton, sie überraschend professionell mischend. Sie hatten aufgehört zu gehen und James hielt die Karten zwischen sie. „Nimm eine," sagte er. Ihren Kopf schüttelnd und lächelnd wählte Lily eine Karte. „Perfekt. Merk sie dir."

„Okay…"

„Hast du es?"

„Ja."

„Bist du dir sicher?"

„Ja."

James hielt die Karten wieder hin und Lily kehrte ihre Karten zu dem Spiel zurück, das James ihr sofort hinhielt. „Du mischst," sagte er ihr und sie mischte es. Als sie die Karten wieder zurückgab, zog James eine Karte raus, anscheinend zufällig und hielt sie hoch, sodass der Kartenrücken zu ihm zeigte. Lily nahm sie.

„Deine Karte?" fragte er. Sie nickte. „Karobube?"

Die Hexe versuchte nicht beeindruckt auszusehen. „Ja," gab sie zu. „Wie hast du das gemacht?"

Er nahm die Karte zurück und legte sie wieder ins Spiel. „Magie."

„Muggelmagie oder Zauberermagie?"

James grinste. „Ja."

Lily lachte. „In Ordnung, du hast gewonnen."

„Oh, danke sehr. Ich liebe es, zu gewinnen." Er steckte die Karten in seine Tasche zurück. „Falls du es noch nicht bemerkt hast…"

„Oh, das habe ich." Sie schienen sich wieder einer belebteren Straße zu nähern, da Stimmen und Musik wieder hörbar wurden. Lily fiel ein, dass sie ihrer Mutter nicht gesagt hatte, dass sie lange weg sein würde. „Wie viel Uhr ist es eigentlich?"

James warf einen Blick auf seine Uhr. „Fast neun."

Lily seufzte. „Ich sollte wohl bald gehen."

„Heißes Date?"

„Nein, aber Mum macht sich Sorgen." Sie blickte zu James. „Werden sich deine Eltern nicht fragen, wo du bist?"

James schnaubte. „Du kennst offensichtlich meine Mutter nicht. Sie würde sich mehr Sorgen machen, wenn ich nachhause gehe; wenn ich nach Mitternacht nicht noch aus bin, denkt sie, dass etwas falsch ist."

„Ich schätze, das erklärt deine Probleme mit der Ausgangssperre von Hogwarts."

„Ich bevorzuge, solche Dinge als einen… Vorschlag zu betrachten."

„Zu schade, dass dir da Filch nicht zustimmt."

„Verdammt uneinsichtig." Die enge Gasse mündete in eine weitere, geschäftigere Straße und Lily wurde langsamer und hielt an. Wenn sie apparieren wollte, machte sie das besser in der stilleren Gegend. „Soll ich dich zu deiner Tür apparieren?" zog James sie auf.

„Ich denke, ich krieg es selber hin, danke," antwortete Lily lächelnd. „Aber ich hatte heute Abend eine schöne Zeit - selbst obwohl unsere Kellnerin eine totale Schlampe war."

„Sie war nett genug zu mir…"

„Sie war nett genug zu dir," entgegnete der Rotschopf bestätigend. „Jedenfalls - schön, dir über den Weg gelaufen zu sein."

„Schön, dir auch über den Weg gelaufen zu sein," sagte James. Er runzelte die Stirn. „Das sollte nicht dreckig klingen." (AN: das Englische „Running into you" kann vielleicht eher als dreckig interpretiert werden)

„Zu spät, Potter." Sie grinste und winkte, er salutierte zu Antwort und dann, ihre Augen schließend, apparierte Lily.

Alleine schob James seine Hände in seine Taschen und lehnte sich gegen die Backsteinmauer hinter sich. Er stand dort, für einen Moment nachdenkend; und richtete sich dann auf, sein Haar aus Gewöhnung verwuschelnd, bevor er selbst nach Hause apparierte.

Lily erschien in ihrem üblichen Apparitionsplatz: eine enge Einbahnstraße etwa einen Block von ihrem Zuhause entfernt. Sie öffnete ihre Augen und seufzte, nahm sich einen Moment um sich zu sammeln und alles zu analysieren, was analysiert werden musste.

Aber ihr wurde kalt (sie hatte eine Jacke mitgebracht, trug aber nur eine kurze Hose) und so machte sich Lily bald auf ihren Weg auf die Straße, ihre Hände in der frischen Luft aneinander reibend. Die Nachbarschaft war ruhig und alle Straßenlampen außer zwei oder drei waren vor Jahren ausgegangen: die Stadt hatte sie noch nicht reparieren lassen. Sie ging langsam, Teile der Unterhaltung ihrem Kopf umdrehend, über James nachdenkend und dann über sich und wie seltsam es war, dass sie Freunde geworden waren… dass sie in The Lantern zusammen aßen oder über Petunia redeten oder irgendwas davon…

Lily erreichte die Haustür und das Eingangslicht brannte, aber sie ging nicht sofort hinein. Sie konnte hören, wie ihre Mutter etwas auf dem alten Plattenspieler in der Küche hörte - Nat King Cole, dachte sie - und es erinnerte sie an eine vage Erinnerung von vor Jahren und Jahren, als Petunia noch ihre Freundin war und ihr Dad am Leben; sie war plötzlich sehr traurig und setzte sich auf die Eingangstreppe.

Hinten am anderen Ende des Blocks, war der Eckpark, in dem sie mit Sev früher gespielt hatte, schwach sichtbar. Als sie jünger war, schien er so weit entfernt zu sein - ihr war es verboten, dorthin zu gehen ohne dass Petunia ihre Hand hielt. Aber jetzt bemerkte sie, dass er nicht wirklich so entfernt war - einfach nur die Straße runter. Es würde keine zwei Minuten dauern, dorthin zu gehen; selbst Slughorn würde die Entfernung nicht apparieren.

Lily lächelte über ihren eigenen leicht fiesen Witz und wünschte sich, er wäre ihr eingefallen, als jemand anderes (wie James) da gewesen wäre um darüber zu lachen.

Eine Windbrise ließ die Blätter der Bäume in der Straße rascheln; Lily bemerkte, dass sich die Schaukeln im Park im Mondlicht wiegten. Ihre Gedanken wandten sich instinktiv zu Sev.

Es war einmal, da hatte er auf einer dieser Schaukeln gewartet, seine Füße durch den Sand ziehend und sehr klein in den zu großen Kleidern aussehend. Es war auf genau diesen Schaukeln, dass die beiden sich im Sommer nach dem ersten Jahr geschworen hatte, dass sie immer Freunde sein würden (egal, was). Sie hatten es auch beide geglaubt, so inbrünstig. Dann verwandelte sich der Glauben in Hoffnung und Hoffnung in Wunschdenken und Wunschdenken in es war einmal.

Die Dinge endeten nie so, wie man es erwartete, dachte Lily traurig. Wenn sie es nur ein wenig früher gewusst hätte - gewusst, dass sie Severus schließlich verlieren würde. Sie hätte vielleicht etwas anders gemacht. Sie hätte vielleicht versucht, nach Slytherin zu kommen, damit sie bei ihm bleiben konnte. Sie hätte sich mehr anstrengen können… ihn gezwungen, sich zu entscheiden, zwischen seinen anderen Freunden und ihr - dann, wenn er sich noch für sie entschieden hätte. Sie hätte weniger Zeit mit Donna und Marlene und Mary verbringen können und ein wenig mehr mit ihm. Sie hätte…

Und vielleicht hätte ihn das gerettet.

Aber sie hatte es nicht getan und Severus war weg.

Und wenn sie alles wieder tun könnte, wäre sie sich nicht sicher, was sie verändern würde. Weil sie Donna und Marlene und Mary auch liebte. Und sie liebte Gryffindor. Und sie glaubte an den freien Willen. Und wenn die Dinge anders wären - wenn sie noch mit ihm befreundet wäre - wäre ihr nicht erlaubt, jetzt gerade für Sirius da zu sein. Sie könnte nicht mit den Rumtreibern befreundet sein. Sie könnte sicherlich nicht mit James Potter befreundet sein…

Wenn sie es könnte, würde sie all das aufgeben, um Severus zu behalten?

Wäre sie dazu verpflichtet?

Aber es war egal, entschied Lily einen Moment später. Sie konnte jetzt nichts ändern. Es war, wie es war.

Sie stand auf und steckte ihre Hände in ihre Jackentaschen, sich darauf vorbereitend reinzugehen. Jedoch strich Lilys Hand in ihrer Tasche gegen etwas Unvertrautes, was sich irgendwie nach Plastik anfühlte. Verwirrt zog sie den Gegenstand heraus und sah ihn sich im gelben Lampenlicht an.

Es war eine Karte.

Der Karobube.

Lily lächelte.

Es war einmal ein kleiner Junge, dreizehn Jahre alt und unglücklich. Sein Name war Remus Lupin.

Für eine lange Zeit war er sehr traurig und sehr verängstigt. Aber vor allem war er sehr, sehr einsam. Trauer und Angst sind nur wirklich schrecklich, wenn man sie alleine erleidet. Es gibt nichts Schlimmeres als Einsamkeit.

Als er elf Jahre alt war, wurde Remus erlaubt Hogwarts zu besuchen, und das half; er hatte Freunde… tja, er hatte jedenfalls Leute, die mit ihm sprachen und er hatte Leute in seinem Alter um sich und er konnte alles über Magie lernen. Er mochte den Unterricht. Er mochte vor allem die Verteidigungsstunden - darin war er gut.

Und einmal im Monat wurde er runter zur Peitschenden Weide gebracht, wo er schreckliche, schmerzhafte Verwandlungen ertragen musste - alleine, wie immer. Aber hatte keine Angst mehr; man gewöhnte sich an den Schmerz und Monster machten ihm keine Angst mehr. Er wusste jetzt alles über sie.

Dann eines Tages, als er in seinem zweiten Jahr in Hogwarts war, passierte das, wovor Remus tatsächlich Angst hatte und sein Geheimnis wurde entdeckt - entdeckt von drei seiner Schlafsaalkameraden. Aber überraschenderweise schien es ihnen nichts auszumachen. Sie hatten keine Angst vor ihm, hassten ihn nicht und dachten tatsächlich, dass es irgendwie cool war.

Für Remus war das der Anfang der Rumtreiber - nicht der allerfrühste Anfang, aber Remus' Anfang. Es war aber nicht die ganze Geschichte. Da war viel mehr - tausende und tausende von Momenten, die sich darauf aufbauten. Tausende und tausende von Gesprächen und Diskussionen und Sekunden purer Zufriedenheit. Und dann war Remus Lupin nicht mehr traurig. Er hatte auch keine Angst und er war nicht einsam.

Für eine Weile war Remus Lupin glücklich.

Und dann war er es nicht.

Ihm war schlecht und die Zigarette hatte wahrscheinlich nicht geholfen, aber er konnte sich nicht davon abhalten. Er lag auf dem Grass im Vorgarten und der Boden war hart unter seinem Rücken. Seine Mutter war leicht getröstet ins Bett gegangen und sein Vater war kurz danach nach Hause gekommen. Dann war Remus nach draußen gegangen um den Mond anzustarren, weil - das wurde ihm gesagt - der Vollmond wunderschön war und der Mond in dieser Nacht das war, das dem am nächsten kam und das er wirklich wertschätzen konnte.

Remus dachte nach. Er dachte über seine Mutter nach und darüber, was er in vierundzwanzig Stunden werden würde, wenn der Mond voll war. Er dachte über Fehler nach und über Mrs. Potter und Rumtreiber. Er dachte an Peter Pettigrew und James Potter und sich und er dachte an Sirius Black.

Aber vor allem dachte er an einen Abend vor mehr als vier Jahren, als er einen Zettel auf dem Kissen in seinem Bett im Schlafsaal gefunden hatte und sich hinunter geschlichen hatte um herauszufinden, wer ihn geschrieben hatte. Er dachte an den Schock, den er gefühlt hatte, als er herausfand, wer die Autoren waren und was die Autoren von ihm wussten. Er dachte an den lächerlichen, naiven, kindischen Schwur, den sie alle geleistet hatten und an das Grinsen, das bei der Vorstellung, dass er, der gute alte Remus Lupin, ein Werwolf war, auf Sirius' Gesicht erschienen war.

Und er dachte an den Rest dieses Abends… als Professor McGonagall sie beim Hochschleichen zum Schlafsaal erwischt hatte… als sie sie beschuldigt hatte, sich im Schloss herumzutreiben. Und dann, beim Nachsitzen in der nächsten Nacht, zu dem sie alle mussten… als Sirius feststellte, dass Remus ziemlich witzig war und James von seinem Wissen über Flüche beeindruckt war.

Das - dachte Remus - war, wie alles begonnen hatte.

Es begann, als Remus entschied, dass Sirius Black, trotz all seiner Witzeleien, wirklich interessant war und dass James Potter, trotz all seiner Streiche, eigentlich ziemlich großartig war und dass Peter Pettigrew, obwohl er offensichtlich der Schwächste der Gruppe war, die Art von Person war, die man als Freund haben wollte.

Es begann nicht, weil Remus Lupin ein Werwolf war (tja, nur so halb). Es begann, weil James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew zusammengehörten.

Und das war, warum Peter und er in Gryffindor waren, wenn jeder andere sie als Hufflepuff und Ravenclaw eingeschätzt hätten. Und das war, warum James und Sirius beste Freunde wurden, trotz der Tatsache, dass einer von ihnen ein Potter und einer von ihnen ein Black war, und wirklich, wenn diese Welt irgendwie Sinn gemacht hätte, wären sie Feinde auf Leben und Tod gewesen.

Das Schicksal - dachte Remus, während er Rauch in den dunklen, weiten Himmel atmete - geht manchmal auf seltsamen Wegen.

Er löschte seine Zigarette und setzte sich auf; ein plötzlicher Funken von Wissen raste in seine Brust. Alle Fragen waren plötzlich beantwortet, alle Zweifel weggewischt, alle Verwirrung beseitigt. Oder die meisten, jedenfalls. Auf jeden Fall wusste er, was er tun musste.

Matilda Pettigrew stellte liebend einen weiteren vollen Teller vor ihren Sohn auf den Tisch. „Ess auf, Peter, Schatz," gurrte sie, blinde Liebe in ihren runden braunen Augen. „Es gibt noch genug auf dem Herd, wenn du willst."

Peter nickte. Die Küche der Pettigrews war klein und sauber und obwohl sie (genau wie der Rest des kleinen Hauses) vage nach leicht alter Milch roch, war es eine aufgeräumte, hübsche Art von Raum. Mrs. Pettigrew sorgte immer dafür.

Peter aß seinen zweiten Teller auf und schreckte vor einem dritten zurück, während seine Mutter nervös in ihrer eigenen ersten Portion herumstocherte. Die zwei saßen an einem einfachen Holztisch, der dritte Stuhl leer. Es war in Peters Erinnerung immer und immer so gewesen; er wusste nicht, warum seine Mutter ihn all diese sechzehn Jahre gelassen hatte, aber er fragte nicht nach.

Ein albernes Liebeslied spielte rauschend im WWN und die Töpfe - verzaubert, sich selbst zu spülen - klapperten glücklich in der Spüle. Es war keine schlechte Art zu leben, reflektierte Peter. Es war nicht das Herrenhaus der Potters, es war nicht Remus Zwei-Eltern-Situation; aber seine Mum war hier, oder? Und das war für Peter genug.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die spärliche Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn. Da Mrs. Pettigrew noch aß, ging Peter aufmachen.

„Remus?"

Überrascht über die Anwesenheit seines Freundes auf der Türschwelle, brauchte Peter einen Moment, bis er sich an seine Manieren erinnerte. Dann trat er zur Seite und bot Remus an, herein zu kommen.

„Nein, ich bleibe nicht, danke," antworte Remus flott.

„Ist Prongs hier?"

„Nein. Er - er wollte nicht mitkommen."

„Was ist los?"

„Nichts." Peter wartete gespannt. Remus atmete scharf ein. „Eigentlich," begann er, „hatte ich gehofft, dass du noch kurz mit rauskommst."

„Warum?" fragte der andere verwirrt.

Remus schob seinen Kiefer entschieden vor, seinen Mut sammelnd. „Da ist etwas, das ich tun muss."

Da stand es, ein wunderschönes Ding, wirklich. Im Feuerschein glitzernd mit seiner goldenen Kappe, momentan ganz verschlossen und die bernsteinfarbene Flüssigkeit brach das Bild der Flammen hinter sich. Das Schild - ein aufwendig konzipiertes Kunstwerk… schwarz, golden und rot, mit dicken, verschlungenen Buchstaben - war noch perfekt und glatt um den dicksten Teil der Flasche mit einem dünneren, kleineren Ring um den Flaschenhals. Und da stand es, ein wirklich wunderschönes Ding, auf dem Tisch in Sirius' Wohnung, an dem er nach vorne gekrümmt saß (nicht, weil er betrunken war, sondern damit er das Feuer durch die unangetastete Flasche Feuerwhiskey sehen konnte).

Wunderschön, wirklich.

Er hatte keine Absicht, die ganze Flasche heute leer zu trinken, aber er hatte es schon mal getan und seine Absichten hatten mit der Tatsache sehr wenig zu tun, sobald er ein paar gehabt hatte.

James Eltern hatten einmal eine wunderbare Flasche hervorragenden Tequilas gehabt - bleich und goldenen und geschmeidig. Sie hatten ihn genommen, James, Remus, Peter und Sirius und sind in die Stadt gegangen… es war warm gewesen und sie sind zu einem Pub und da war Musik und James und Remus hatten betrunken über Politik diskutiert und da war dieses Mädchen gewesen, ein süßes Ding mit diesem Lächeln…

Aber das war einmal gewesen und jetzt war seine Schicht vorbei und er hatte keine mehr bis zum nächsten Abend und es war spät und der Feuerwhiskey schien im Licht zu glühend und dass Radio spielte etwas Gutes und Trauriges.

Und er hätte Remus töten können. Er hätte Snape töten können. Er hatte es Snape gesagt.

Knack.

Sirius brach das Siegel der Flasche und stand auf um ein Glas zu holen. Die Formalität eines Glases war zu dem Punkt vielleicht bedeutungslos, aber es gab ihm jedenfalls eine seltsame Art Hoffnung.

Klink, machte das Glas auf dem Tisch.

Feuerwhiskey war dunkler als Tequila.

Er drehte die Flasche auf und ließ die Kappe mit einem befriedigenden Klappergeräusch auf die Tischplatte fallen, wo sie auf ihrer Seite herumkreiselte, bis sie in der Nähe der Ecke liegen blieb. Die Flasche und ihre getrennte Kappe waren die einzigen Gegenstände auf dem Tisch, abgesehen vom Glas.

Hätte Remus töten können. Es Snape gesagt.

Da war eine Harmonika im Radiolied. Sirius mochte Harmonikas.

Hätte Remus töten können. Es Snape gesagt.

Sirius packte die Flasche und seine Hand verdeckte das meiste des schwarzen und goldenen und roten Schildes, das er so bewunderte. Er neigte die Flasche und die dunkle bernsteinfarbene Flüssigkeit rutschte durch den Hals und spritze in die Tiefen des Glases. Nach ein paar Sekunden stellte Sirius die Flasche wieder auf den Tisch zurück, aber er drehte die Kappe nicht wieder zu, weil er schließlich nicht naiv war.

Er hob das Glas zu seinen Lippen.

Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass das Klingeln in seinen Ohren von seiner eigenen Wohnungstür stammte. Es war das erste Mal, dass er es hörte.

Sirius stand auf, verwirrt und ging zu Tür. Er trug noch immer die Kleider von seiner Arbeit. Wer könnte es sein? War Lily vorbeigekommen? Er öffnete die Tür.

Remus und Peter standen auf seiner Türschwelle. Remus sah seltsam überrascht aus, als Sirius die Tür öffnete, als ob er sich nicht ganz darauf vorbereitet hatte, aber es war nichts im Vergleich zu dem, was Sirius fühlte. Er neigte seinen Kopf zur Seite, nicht in der Lage die tausenden Fragen zu artikulieren, die durch seinen Kopf rasten.

„Hi," sagte Peter schließlich.

„Hi," stimmte Remus zu.

„Hi," sagte Sirius. Dann, sich sammelnd: „Wollt ihr reinkommen?"

Remus nickte. „Das wäre gut."

Sirius schritt zur Seite, und ließ die beiden anderen hinein. Sie schritten in den Gemeinschaftsraum, beide die ganze Wohnung in Auge nehmend, mit Feuerwhiskey und allem. Alle waren für eine Weile still.

„Ich will nicht unhöflich sein," begann Sirius schließlich; Remus drehte sich von seiner Inspektion der Küche um um ihn anzusehen, „aber - was bringt euch her?"

Peter lehnte sich gegen die Küchentheke und er beobachtete Remus sehr genau. Der junge Lykanthrope sah in der Zwischenzeit Sirius mit Entschlossenheit in seinen klaren, grauen Augen an. „Es gibt nicht viele Leute in meinem Leben, Padfoot. Und von denen, die in meinem Leben sind, wissen noch weniger die Wahrheit über mich. Und diese Wahrheit ertragen nicht alle - manche sind nicht in der Lage, damit umzugehen oder es für sich zu behalten oder es zu verstehen. Aber manche Leute können es und manchmal sind die Leute, die für dich da sein sollten - deine Familie - nicht in der Lage dazu, also muss man jemand anderes finden. Also, wenn ich so jemanden finden könnte, der mein Geheimnis versteht und der bereit ist, mir da jeden Monat durch zu helfen - der stark genug wäre, das zu tun - dann schätze ich, wären sie meine Familie, oder?"

Er zögerte und Sirius sagte nichts.

„Und das Ding mit Familie ist," fuhr Remus fort, „ist, dass egal was, wenn sie dich bitten, ihnen zu vergeben… du ihnen vergeben musst. Weil egal, was für ein dummes… schreckliches Ding sie getan haben, weißt du, dass sie immer noch bereit wäre, alles für dich zu tun, wenn es darauf ankommt."

Sie waren alle für ein paar Sekunden still. Dann sprach Sirius. „Was sagst du, Remus?"

Remus atmete tief aus. Er wusste, was er tun musste. „Ich bin hergekommen um dir zu sagen, dass ich dir vergebe, Padfoot," sagte er.

Und Sirius erkannte erst, dass er seine Luft angehalten hatte, als er sie losließ. „Wirklich?"

Remus nickte schwach. Sirius sah Peter an, der ebenfalls nickte.

„Aber… ich hätte dich töten können."

„Ich weiß," sagte Remus.

„Ich hätte Snape töten können!"

„Ich weiß."

„Du wärst dafür ins Gefängnis gegangen!"

„Ich weiß."

„Und du vergibst mir?" fragte Sirius geschockt weiter nach. „Das alles, vergibst du?"

Remus nickte wieder.

Und er hätte einfach seine Klappe halten sollen und es akzeptieren sollen, aber natürlich, tat Sirius das nicht. „Bist du dir sicher?"

„Ja. Ziemlich sicher."

Hundert Emotionen standen auf Sirius' Gesicht geschrieben. Da war Dankbarkeit und Angst und Wut und Schmerz und Verwirrung. Und dann war da Reue: „Es tut mir so leid," flüsterte er, aber sie hörten es beide.

„Ich weiß," sagte Remus aufrichtig.

Sirius zögerte. „Danke."

Remus nickte nur. Dann begann Peter ohne Aufforderung die Schränke zu öffnen. Er öffnete einen nach dem anderen, bis er die Gläser gefunden hatte, genau über der Spüle. Der Rumtreiber packte zwei und bewegte sich zum Tisch, die Gläser neben Sirius' halbvolles Gefäß stellend. Er wartete.

Ohne Worte gingen Sirius und Remus zum Tisch hinüber; es gab bloß einen Stuhl, also setzte sich niemand. Peter goss Feuerwhiskey in die zwei leeren Tassen. Sie zögerten alle, zu trinken.

„Das ist ein gutes Lied," sagte Peter in Bezug auf das Lied, das noch immer auf WWN spielte. Vielleicht hätte der Moment durch einen cleveren Trinkspruch verbessert werden können, aber keiner der Jungs fühlte sich gerade dann besonders poetisch. Remus und Peter tranken, Sirius tat es nicht. Er fuhr mit seinem Finger über den Rand des Glases und fühlte sich zum ersten Mal seit Monaten aufrichtig optimistisch.

Remus leerte sein eigenes Glas und stellte es mit einem sanften Klirren auf den Holztisch. Vielleicht hatte der Alkohol seine Eingeweide gewärmt und seine Sinne geschwächt, aber er fühlte sich sehr wach. Es war noch nicht perfekt… vielleicht würde es nie perfekt sein, weil es das schließlich noch nie gewesen war. Aber die Dinge würden besser werden. James würde einlenken. Er würde Sirius wieder vertrauen. Sie würden alle wieder die Rumtreiber sein. Das Leben würde wieder die Norm sein.

Der Morgen kam immer.

Er war noch nicht ganz da, aber der Mond war gestiegen (das Schlimmste war vorbei) und der Himmel wurde bleich (optimistisch) und bald (sehr bald) würde die Sonne aufgehen.