AN: Ein Jahr vergangen, mal wieder ein neues Kapitel. Vielen Dank für eure Geduld und vielen Dank auch an meine Beta Anne.

Disclaimer: Harry Potter und seine Charaktere gehören JKR. Diese Geschichte gehört Jewels5. Dies ist eine genehmigte Übersetzung.


Vorher: James und Lily küssen sich fast, aber Lily weist ihn ab und er beginnt, Carlotta Meloni zu daten. Carlotta Meloni ist jedoch die beste Freundin der unattraktiven und unbeholfenen Shelly Mumps, die schon seit ewig in James verknallt ist. Letztes Jahr hatte Donna etwas mit einem Typen namens Charlie Plex, der generell dubios ist und zu dieser Zeit eine Freundin namens Cassidy Gamp hatte. Mary datet einen Ravenclaw namens Stebbins und die zwei lieben sich. Marlenes bester Freund hatte ihr seine Liebe gestanden und wurde abgewiesen, also hat er angefangen, mit einem Mädchen namens Prudence Verdammt Noch Mal Daly auszugehen, woraufhin Marlene erkennt, dass sie doch Gefühle für Adam hat.

Kapitel 30 - „Schlimmster Tag überhaupt"

Oder

„Es ist meine Party"

(Vorspiel)

Schließlich war es Zeit zu gehen. Lily zog sich aus der Umarmung ihrer Mutter und erlaubte Mrs. Evans einen letzten Blick auf ihre junge Tochter zu werfen.

„Ich werde dich vermissen, Lily Marie," sagte sie warm.

„Ich werde dich auch vermissen."

„Schreibst du oft?"

„Mache ich immer."

„Ich liebe dich."

Das mache ich auch immer."

Mrs. Evans lächelte. „Ich denke, das wird ein gutes Jahr für dich, Lily."

Der Rotschopf nickte. „Ja. Ich hoffe es."

„Tschüss."

„Auf Wiedersehen."

Lily küsste die Wange ihrer Mutter ein letztes Mal und machte dann einen Schritt zurück. Den Griff ihres Koffers (der sowohl an Iras Katzenkäfig und Lilys Eulenkäfig gebunden war) fest umpackend, schloss sie ihre Augen und apparierte.

Teil I: Carlotta

„Es begann mit einem Kuss"

Carlotta Meloni kannte keine Angst.

Am ersten September apparierte sie zum ersten Mal eigenständig zum Kings Cross Bahnhof und schritt ohne Zögern – ohne lächerliche Zweifel – zuversichtlich durch die Barriere zwischen Gleis 9 und 10. Der Gleis war bereits gut gefüllt, als sie auf der anderen Seite ankam, aber als sie ihren Koffer hinter sich herzog, überflogen ihre Augen die Schwärme ihrer Klassenkameraden und ihren Familienmitgliedern auf der Suche nach einer bestimmten Person.

Ihrem Freund.

Es hörte sich so komisch an. Sie hatte viele Freunde über die Jahre gehabt, aber sie hatte nie einen… naja… richtigen gehabt. Sie hatte stets sichergestellt, dass jeder Junge wusste, dass er einer von vielen war… dass sie nicht gebunden war. Aber nun – mit James – wurde sie etwas Neues probieren.

Monogamie.

Ihr Freund.

Carlotta entdeckte ihn in der Nähe des Hogwartsexpress, wo er mit seinem besten Freund über etwas plauderte.

Merlin, er sah gut aus.

Sie begann auf ihn zuzulaufen, beinahe über eine jüngere Hexe fallen – wahrscheinlich eine Zweit- oder Drittklässlerin – die über das Gleis hüpfte, und in einer nervigen Stimme sang, „Willkommen, willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts!". Nach dem sie dieses potentielle Desaster abgewendet hatte, ging Carlotta zu ihrem Freund hinüber, erwiderte Sirius' trockenen Gruß mit einem Nicken und stellte sich dann auf ihre Zehenspitzen um James auf die Lippen zu küssen.

Als sie auseinanderbrachen, grinste James. „Hallo auch."

„Sind wir ein Pärchen, das öffentlich rumknutscht?" wollte Carlotta wissen. James schnaubte.

„Wir sind siebzehn. Natürlich sind wir ein Pärchen, das öffentlich rumknutscht."

Carlotta runzelte die Stirn. „Sind alle siebzehnjährigen Pärchen öffentliche Rumknutscher?"

„Klar. Oder nicht?"

„Ich weiß nicht. Ich habe dich gefragt."

James grinste. Carlotta verdrehte ihre Augen, lächelte trotzdem und sie drehte sich zu dem besten Freund ihres Freundes. „Wie geht es dir, Sirius?"

„Gut. Mir geht es gut. Eigentlich großartig. Und – ähm – ich werde mal… Remus suchen gehen oder… so. Carlotta, Prongs." Er hüpfte in den Zug und Carlotta sah James verwirrt an.

„Was ist mit ihm los?"

„Ignorier ihn; er ist wahrscheinlich bekifft."

„Wirklich?"

„Keine Ahnung."

Carlotta schüttelte ihren Kopf, seufzte und lehnte sich bei James an. Sie fuhr mit ihren Händen nachdenklich über sein T-Shirt. „Ich muss noch so viel über euch Rumtreiber lernen," sagte sie. „Ich habe das Gefühl, dass es sehr interessant wird."

„Nicht wirklich," sagte James. „Das meiste unserer geheimnisvollen Art ist alles bloß Blendwerk."

„Blendwerk?"

„Illusionen."

Carlotta küsste ihn zufrieden. „Gut. Es wäre nicht spaßig, wenn es wirklich geheimnisvoll wäre." Sie streckte sich wieder um ihn zu küssen und obwohl sie es nie zugeben hätte, wurden ihre Knie etwas schwach, als er den Kuss erwiderte.

(10:20 Uhr)

Oder ich könnte mit dir gehen."

„Oder du könntest hier warten."

„Oder ich könnte mit dir gehen."

„Oder… oder... oder du könntest hier bleiben."

Carlotta verdrehte ihre Augen und packte James' Hand, ihn von dem Abteil, das sie gerade als ihres bestimmt hatten, in den Flur zerrend.

„Ich verstehe nicht, warum du zum Vertrauensschüler-Abteil kommen willst," murmelte James, folgte ihr aber trotzdem. „Es sind nur viele langweilige Vertrauensschüler, von denen du die meisten nicht mal magst und ich bin mir sicher, dass dich das Treffen absolut nicht interessieren wird…"

„Sei kein Idiot – ich will nicht für das Treffen bleiben, Merlin hilf mir," antwortete die Brünette. „Ich will bloß der Welt verkündigen, dass ich eine vergebene Frau bin."

„Vergeben? An wen?"

„An dich, Trottel."

„Wirklich? Dafür habe ich mich angemeldet, ja?"

„Oh, ja und du hattest richtig Glück, dass du es getan hast."

„Oh?"

„Ja." Sie war ein wenig vor ihm gelaufen, da enge Flur nur das erlaubte, aber nun schritt Carlotta genau vor ihn in seinen Pfad, drapierte ihre Arme über seine Schultern, wie sie es auf der Plattform getan hatte. „Es gibt nicht viele Mädchen wie mich, weißt du."

„Nein?"

„Ich hab' noch keine getroffen."

„Tja, das glaube ich dir."

„Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest."

James hob eine Augenbraue.

„Ich stehe früh auf zum Meditieren."

Er sah etwas erleichtert aus. „Ich gehe morgens gerne laufen."

„Ich will nicht, dass du mir Blumen schenkst."

„Hatte ich nie vor."

„Ich esse kein Fleisch."

„Ich erinnere mich."

„Aber ich werde dich nicht böse angucken, falls du es isst."

„Und das tue ich."

„Ich mag keine Lügen."

„Notiert."

„Ich habe nicht vor, welche zu erzählen und du solltest es besser auch nicht."

„Was, wenn du es nicht bemerkst?"

„Ist das ein Witz?"

„Ja."

„Warn' mich nächstes Mal."

„Aber wo ist da der Spaß?"

Carlotta grinste schief. „Es gibt nur noch eine weitere Regel."

„Ich mochte Regeln noch nie."

„Die hier wirst du mögen."

„Mmm?"

Mindestens einmal am Tag müssen wir…"

Die Abteiltür direkt neben ihn wurde aufgeschoben. „Hallo, Kinder," unterbrach Sirius, der sich mit verschränkten Armen an die Tür lehnte. Remus stand direkt hinter ihm und Peter lehnte sich an die andere Seite der Türöffnung. „Ihr macht keinen Ärger, oder?" fuhr Sirius grinsend fort.

„Wart ihr die ganze Zeit da drin gewesen?" wollte Carlotta wissen und hob ihre Augenbrauen.

Natürlich halten wir genau vor dem Abteil an, in dem meine idiotische Freunde herumlungern," murmelte James augenverdrehend. Carlotta löste sich von ihm.

„Hallo Remus, Peter… nochmal hallo, Sirius."

„Hi Carlotta," sagte Remus höflich.

„Hallo," sagte Peter.

„So," sagte Sirius. „Das hier ist kuschelig. Was machen wir so?"

„Geh weg," befahl James.

„Du hast mir gar nichts zu sagen."

„Padfoot."

„Du bist nicht meine Mutter. Oder Vater. Soweit ich weiß. Moment… bist du es?"

„Padfoot, geh."

„Eigentlich," unterbrach Remus, „haben wir einen guten Grund, hier zu sein. Ich muss zum Vertrauensschüler-Treffen."

„Und Peter und ich müssen ihn begleiten. Stimmt's, Peter?"

„Stimmt, Sirius."

Sie grinsten alle James an.

„Deine Kumpel haben nicht deine besten Interessen im Sinn, James," zog Carlotta ihn auf.

„Das sind nicht meine Kumpel. Sie folgen mir nur herum."

Die anderen drei Rumtreiber folgten James und Carlotta in der Tat zum Abteil der Vertrauensschüler, wo James Carlotta auf die Wange küsste und ihr versprach, sie später zu finden.

„Oh, ich komme rein."

„Das musst du nicht."

„Aber das werde ich."

James sah Sirius und Peter an.

„Oh, wir kommen auch rein," sagte Sirius.

„Ohne Zweifel," stimmte Peter zu.

„Fantastisch," sagte Remus. „Sollen wir?" Er schob die Tür auf.

Das Abteil der Vertrauensschüler war magisch vergrößert, so dass sie alle für das Treffen hineinpassten und da soweit nur die Schülersprecherin, drei Ravenclaws und zwei Hufflepuffs aufgetaucht waren, passten die weiteren Rumtreiber und Carlotta ohne Probleme ins Abteil.

Lily saß in der Ecke und las etwas, das nach einem Brief aussah, der mehrere Seiten lang war, als sie hineinkamen. Sie sah auf und lächelte.

„Nochmal hallo, Lily," grüßte Remus herzlich. „Glückwunsch übrigens – ich weiß nicht, ob ich dir das schon gesagt habe…"

„Das hast du. Zweimal sogar schon," antwortete Lily, die auf ihre Füße kam. „Peter… James… Carlotta…" fügte sie hinzu, ohne Anzeichen von Überraschung in ihrer Stimme oder in ihrem Gesichtsausdruck. „Sirius – Dumbledore ist doch nicht komplett verrückt geworden und hat dich auch zum Vertrauensschüler ernannt, oder?"

„Glücklicherweise nicht," sagte Sirius. „Ich bin bloß auf Besuch hier. Hallo, Mädels…" fügte er zu den zwei weiblichen Ravenclaws hinzu und eine von ihnen – eine Fünftklässlerin – wurde rot.

Lily wies ihn aufziehend in die Schranken, aber Carlotta passte nicht auf. Sie schätzte, zuerst unbewusst, die Schulsprecherin ein. James hatte ihr natürlich bereits gesagt, dass Lily die Position hatte, aber er dachte nicht, dass es ein Problem sein würde, und so war Carlotta entschlossen, es locker zu nehmen. Sie würde keine eifersüchtige Freundin sein - sie würde kein Klischee sein.

Okay, aber vielleicht nur ein bisschen.

Sie nahm James' Hand und lehnte sich gegen seine Schulter, während Lily weiter mit Sirius, Remus und Peter scherzte. Der Rotschopf bemerkte dies nicht, bis Sirius erwähnte, dass Lily ihr Schulsprecher-Abzeichen nicht trug und sie sich nach dem Objekt umblickte. Dann, als Lily ihre Tasche gefunden hatte, flackerten ihre Augen zu James und Carlotta und für einem Bruchteil einer Sekunde dachte Carlotta, dass sie bemerkt hatte, wie sich Lilys Augenbrauen minimal hoben.

Jeder andere bemerkte es auch.

„Wir sind zusammen," platzte es aus James plötzlich heraus und Carlotta – die nicht der Typ dafür war, rot zu werden – fühlte, wie ihr Gesicht warm wurde.

Es gab etwa eine halbe Sekunde peinliches Schweigen, dann lächelte Lily breit.

„Cool." Damit begann die Schulsprecherin in ihrer Tasche nach ihrem Abzeichen zu suchen. Alle, sogar die Ravenclaws und Hufflepuffs, starrten sie an.

Cool?" wiederholte Carlotta automatisch.

„Cool," wiederholte Lily und schaute nicht von ihrer Aufgabe weg.

James und Carlotta tauschten einen Blick aus und starrten dann wieder Lily an. Sie bemerkte es zuerst nicht, aber als sie ihr Abzeichen gefunden hatte und wieder hochblickte, war es schrecklich offensichtlich, dass jeder auf eine etwas interessantere Reaktion wartete.

„Wollt ihr eine blaue Schleife oder so?" fragte sie fröhlich.

Carlotta war nicht ganz beruhigt. „Ich schätze, wir haben ein wenig mehr…" Sie suchte nach dem Wort: „…Überraschung erwartet?"

„Überraschung?" wiederholte Lily leicht – sie steckte sich nun das Abzeichen an die Bluse. „Das ihr zwei verrückten Kinder euch gefunden habt? Überhaupt nicht." Schließlich war sie mit ihrem Abzeichen fertig, aber die anderen – inklusive Carlotta – attackierten sie noch immer mit ihren geschockten Blicken. Erst die gleichzeitige Ankunft von drei weiteren Vertrauensschülern zerbrach die Trance und da Carlotta mal mit einem dieser Vertrauensschüler geschlafen hatte und mit dem anderen herumgemacht hatte, entschied sie, dass es in ihrem besten Interesse lag, nun zu entkommen.

„Tja…" Sie drehte sie zu James. „Ich schätze, hier ist alles okay."

„Ich schätze."

„Richtig."

Sie achtete darauf, sie noch auf ihre Zehenspitzen zu stellen und James auf die Lippen zu küssen, bevor sie ging.


„Ey, Carlotta!"

Die Hexe hielt bei dem Klang ihres eigenen Namens inne, als er aus einem Abteil auf ihrem Weg zurück von dem Vertrauensschüler-Abteil gerufen wurde.

Es war Mary Macdonald, die sie gerufen hatte und sie saß dort drinnen mit ihrer üblichen Gruppe (natürlich ohne Lily Evans). Donna Shacklebolt sah kaum von ihrem Buch auf, das sie gerade las, und Marlene Price blickte sie finster an, als sie hineinkam, aber Mary lächelte sie fröhlich an. Carlotta war schlau genug um nicht zu vermuten, dass Mary sich tatsächlich freute, sie zu sehen – stattdessen wollte sie wohl wahrscheinlich etwas.

„Hallo," grüßte Carlotta trotzdem und lehnte sich an den Türrahmen. „Hattet ihr schöne Ferien?"

„Wundervoll," antwortete Mary. „Aber du ja auch, habe ich gehört."

Natürlich wusste Mary schon von James, sie war unerträglich albern, aber Mary wusste immer jeden Klatsch und sie waren nicht wirklich subtil gewesen auf dem Gleis. Trotzdem war es etwas beunruhigend, dass sich die Neuigkeiten an dieser Schule so schnell verbreiteten.

„Ja, ja," sagte Carlotta vage. „Ich könnte nicht glücklicher sein."

„Oh?" Und dieses Mal war es Marlene, die sprach. „Überraschend, oder? Dass man auch nur mit einem Typ glücklich sein kann…"

„Nicht so überraschend," entgegnete Carlotta, „so lange der Typ so zufrieden ist, wie du es bist." Sie beobachtete mit einem fast teuflischen Spaß, wie Marlenes Gesichtsausdruck düster wurde. Anstatt die Unterhaltung weiterzuführen, fügte Carlotta hastig hinzu: „Ich hatte gehofft, Shelley zu finden. Ihr habt sie nicht gesehen, oder?"

Mary sah etwas irritiert aus, sie biss sich auf die Lippe, anstatt zu antworten. Donna riss sich tatsächlich von ihrem Buch weg und Marlenes Stirnrunzeln verschwand. Es lag etwas Schadenfreue in ihrer Stimme, als sie antwortete: „Hast du?"

„Habe ich Shelley gesehen? Nein. Warum?"

Carlotta hätte schwören können, dass Marlene und Donna wissende Blicke austauschten, bevor letztere sich wieder ihrem großen, ledergebundenen Buch zuwandte, während sie antwortete: „Sie ist braun geworden. Ich bin trotzdem noch dunkler."

„Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet.," sagte Carlotta.

„Schade," sagte Marlene. Mary schien angespannt. „Shelley hat uns nicht gesagt, wo sie hin ist, aber ich bin mir sicher, dass ihr euch früher oder später über den Weg läuft." Und Carlotta verließ das Abteil eher verwirrter als zuvor.

Sie grübelte noch immer über die Unterhaltung nach, als sie zu dem Abteil zurückkehrte, das sie und James zuvor ausgewählt hatten. Es war jedoch von ein paar Erstklässlern belegt, und Carlotta musste sich ein anderes leeres Abteil suchen. Sie würden später ihre Uniformen holen gehen müssen, aber gerade war es egal. Carlotta hatte mehr oder weniger erwartet, die Mehrheit der Fahrt mit den Rumtreibern oder Shelley zu verbringen und wo sie saßen, war relativ egal. Schließlich fand sie ein leeres Abteil und setzte sich ans Fenster. Sie blickte hinaus in die vorbeifliegende Landschaft und summte leise. Gerade mal fünf Minuten vergingen, bevor sich die Abteiltür öffnete und Carlotta drehte sich um und sah, wie eine Hexe hineinkam, die sie nicht erkannte.

Nur weil Carlotta die Hexe nicht erkannte, hieß es jedoch nicht, dass sie sie nicht kannte.

Die Hexe war klein und wohl geformt, ziemlich hübsch mit aschblonden Haaren, die in eine modische Welle gestylt waren, die gerade unter der Schulter endete.

Oh-mein-Merlin, Shelley!"

Michelle Mumps lächelte sie an, aber es war nicht das Lächeln der vergangenen Jahre. Sie hatte ihre Zähne machen lassen – aufgehellt und gerichtet – und es sah aus, als ob sie endlich die Bubotuber-Pflege ernst genommen hatte, da ihre Haut klar war. Sie trug auch Make-up und ihre Nase sah anders aus, sodass Carlotta kurzzeitig unsicher war, ob das nur ihre Einbildung war oder ob andere Methoden hier geholfen hatten.

Wie auch immer, Shelley sah nicht wie Shelley aus.

Carlotta sprang auf ihre Füße.

„Oh mein Merlin!" wiederholte sie, und sah ungläubig an ihrer Freundin auf und ab. Shelleys Lächeln blieb unbewegt. „Du bist so – so gebräunt… und du hast gesagt, dass du eine Diät machst, aber, Shell, du bist jetzt so dünn… du siehst so schön aus…"

„Ich weiß," quietschte Shelley und es seltsam, die Stimme ihrer besten Freundin von dieser unvertrauten Lebensform zu hören.

„Setz dich," winkte Carlotta ihr, „Wo ist dein Koffer? Du musst mir das alles erklären."

„Mein Koffer ist in einem anderen Abteil," sagte Shelley, die sich setzte. „Und das hier…" Sie deutete auf ihr neues Aussehen,"… da gibt es nicht viel zu erklären. Ich war den ganzen Sommer auf einer Diät – das hatte ich dir erzählt – und dann… tja… die letzten paar Wochen hatte ich diesen fantastischen Zaubertrank…"

„Zaubertrank?"

„Mmm… es ist ein Wunder. Naja, eigentlich Magie, aber egal. Du solltest ihn ausprobieren, Car – der ist brilliant…"

Carlotta hob ihre Augenbrauen. „Shell, du weißt doch, dass ich… so Sachen nicht nehme."

„Oh, stimmt," sagte Shelley vage. „Tja, jedenfalls – habe ich mir vor zwei Wochen meine Haare, Nägel und Haut machen lassen und…" sie strahlte, „hier bin ich!"

„Vor zwei Wochen?"

„Mhm."

Carlotta suchte nach Wörtern, aber Shelley schien nicht um sie verlegen.

„Carlotta, du würdest nicht glauben, was mir in dem letzten Monat passiert ist. Es ist unglaublich. Alles hat sich verändert…" Sie strahlte. „Aber was ist mit dir? Ich schätze, die Dinge haben sich auch für dich verändert…"

„Stimmt," sagte Carlotta steif. „Ich habe mir – tatsächlich etwas… Sorgen gemacht… über deine Antwort auf… diesen Teil der Neuigkeiten."

„Dass du James Potter datest?" fragte Shelley locker.

„Tja… ja."

„Ich habe dir zurückgeschrieben, oder?"

„Ja, aber… ich meine… Shelley, ich will dich nicht verletzten und ich weiß, dass du - dass du mal für ihn geschwärmt hast, also…"

„Kein Stress, Car," unterbrach ihre Freundin, die aufstand. „Ich kenne James so lange wie du und ich habe nie etwas wegen meiner kleinen Verliebtheit gemacht. Du hattest eine Gelegenheit – und wie du immer gesagt hast… Liebe soll erkundet werden, nicht?"

„Also – also bist du okay damit?"

„Natürlich. Komm mit – ich will mich allen zeigen." Sie schob die Abteiltür auf. „Jetzt, wo du in einer Beziehung bist, Car, will ich die neue Du sein."

Carlotta lächelte schwach. Michelle Mumps als neue Carlotta Meloni? Wohl kaum. Das Mädchen konnte doch kaum ein Wort in der Gegenwart eines attraktiven Typen murmeln.

(11:00 Uhr)

Remus Lupin wartete vor dem Abteil der Vertrauensschüler, vermutlich darauf, dass James mit dem fertig wurde, was er zu tun hatte, aber Carlotta und Shelley warteten am Ende des Wagens auf den Schulsprecher. Carlotta gab vor, Shelleys endlosem Geplapper über Zaubertränke und Psych-Heiler und ihre Diät zuzuhören, aber in Wirklichkeit war ihre Aufmerksamkeit auf das Vertrauensschüler-Abteil fixiert. Die Vertrauensschüler waren bereits gegangen, abgesehen von Remus… was machten Lily und James darin?

Nicht schlimmes, natürlich. Remus stand direkt davor. Aber sagte Lily James, dass er mit ihr Schluss machen sollte? Sagte sie, dass sie dachte, dass Carlotta so eine Schlampe sei? War sie wütend, dass James es ihr nicht gesagt hatte?

Und wie würde Shelley sein, wenn James herauskam um sie zu treffen? Würde sie in ihre übliche Schüchternheit verfallen? Würde sie an ihre Gefühle für James erinnert werden und anfangen, Carlotta zu beschuldigen? Würde sie ihre zuversichtliche, selbstbewusste Rolle einnehmen, die sie bis jetzt außergewöhnlich gut durchgezogen hatte?

Oh Merlin, James sollte sich beeilen, damit Carlotta es endlich wusste.

Endlich (und es war wirklich keine lange Wartezeit gewesen) erschien der Schulsprecher. Remus schloss sich ihm nicht an, sondern betrat stattdessen wieder das Vertrauensschüler-Abteil und James ging auf die zwei Hexen zu, die am Ende des Wagens auf ihn warteten. „Nochmal hallo," sagte er fröhlich zu Carlotta und dann lächelte er Shelley freundlich an. „Alles gut, Mi…Shelley?"

„Mishelley?" zog ihn Shelley auf und verschränkte ihre Arme.

„Ja," sagte James. „Das ist dein Spitzname. Wusstest du das nicht?"

Shelley kicherte und Carlotta verspürte das seltsamste, ziehende Gefühl in ihrer Brust. Es hätte sogar (aber das tat es natürlich nicht) Eifersucht ähneln können. Aber dann brach Shelley den Augenkontakt mit James und schlug ziemlich locker vor, dass sie ein Abteil suchen sollten, woraufhin James vorschlug, dass sie sich zu den Rumtreibern setzen sollten.

Shelley stimmte enthusiastisch zu und Carlotta fragte sich, warum sie bei dem Plan unglücklich war.

(14:00 Uhr)

„Okay, jetzt bin ich verwirrt," sagte Sirius Black, der Shelley anblinzelte, als ob er eine Brille bräuchte „Es gibt noch eine Mädel in eurem Schlafsaal?"

Carlotta und Shelley hatten sich den Rumtreibern in ihrem Abteil vor dem Mittagessen angeschlossen, aber ein paar von ihnen hatten mehr Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen. Carlotta saß zu James' Rechten und Shelley auf seiner Linken; Peter und Sirius saßen ihnen gegenüber, aber Remus war vor dem Mittagessen auf eine seiner Vertrauensschüler-Kontrollrunden gegangen.

„Nein, Sirius, das ist Shelley," versuchte Carlotta zu erklären. Sirius warf ihr einen abwesenden Blick zu. „Michelle. Mumps. Meine beste Freundin."

„Du kennst sie," sagte Peter seine Augen verdrehend. „Sie hat Ende letzten Jahres mit uns Koboldstein gespielt."

Sirius runzelte die Stirn.

„Wie viele Mädchen, denkst du, waren in diesem Schlafsaal?" fragte James verwirrt. Sirius zuckte mit den Achseln.

„Ich weiß nicht." Er zählte sie an seinen Fingern ab. „Marlene, Evans, Shack, Mary, Carlotta,…" Er sah Shelley an. "Du? Warst du wirklich die ganze Zeit da gewesen?"

James seufzte, seine Augen verdrehend. „Er ist nicht wirklich fies, bloß dumm."

„Was? Sie hat sich nie vorgestellt. Wie hätte ich sie kennen sollen?"

„Sirius…"

„Nein, er hat Recht," unterbrach Shelley, zu Carlotta großem Schock. Sie streckte ihre Hand aus. „Michelle Mumps."

„Tja, jetzt weiß ich das," sagte Sirius und nahm ihre Hand. „Wirklich – die ganze Zeit? Die ganzen sechs Jahre?"

(16:00 Uhr)

Erst später am Nachmittag hatte Carlotta Zeit alleine mit James. Sie hatten sich kaum ohne die Anwesenheit der anderen Rumtreiber gesehen, seit sie aus Hartland abgereist waren, denn, obwohl sie die Potters fast sofort besucht hatte, nachdem ihre Familie aus Italien zurückgekehrt war, waren Sirius, Remus und Peter für fast ihren ganzen Besuch anwesend gewesen. Fast.

Am späten Nachmittag bestach James jedoch ein paar Zweitklässler, die ein Abteil am Ende des Zuges belegten und sie nutzen die Einsamkeit voll aus.

„Ich liebe Züge," murmelte James gegen Carlottas Lippen und sie lächelte.

„Hast du die Tür verzaubert?"

„Mhm."

„Gut."

Sie war auf dem Sitz neben ihm gewesen, aber, während sie seine Schulter zur Unterstützung hielt, bewegte sie sich auf seinen Schoß und streckte sich dann, während sie ihn küsste.

„Hast du mich vermisst?" flüsterte sie zwischen Küssen.

„Seit… gestern?"

„Mhm…"

Sie fuhr mit ihren Nägeln seinen Nacken hinunter.

„Mmm… war … quasi verloren."

„Gut."

Gott, war er so gut darin.

Sie bewegte ihre Lippen zu dem Platz direkt unter seinem Ohr, und als sie es tat, passierte etwas Seltsames. Ein Gedanke, der Carlotta Meloni noch nie zuvor gestört hatte, kam nun auf.

Wer noch?

Wer noch hat diesen bestimmten Fleck geküsst? Wer noch hat auf seinem Schoß gesessen und ihre Gedanken gedacht? Wer noch hat ihre Finger durch sein Haar gestrichen? Wen sonst hat er so geküsst?

Krieg dich wieder ein, Carlotta. Das bist nicht du. Alberne Eifersüchte sind unter deiner Würde.

Wen sonst hat er zum Seufzen gebracht, seine Finger unter ihren Beinen auf und ab gefahren oder…?

Carlotta zog zurück. James hob eine Augenbraue.

„Was ist los?"

„Nichts." Sie erhob sich von seinem Schoß. „Ich dachte bloß – dachte bloß, dass wir vielleicht… reden könnten."

James sah nur verwirrter aus. „Habe ich was falsch gemacht?"

„Nein. Nein, nein, nein, nein, ich will… ich will bloß reden." Sie überzeugte niemanden damit, aber James war höflich genug, es nicht zu kommentieren.

„Okay," sagte er zustimmend. „Lass uns reden. Über was?"

„Ähm… tja…" Wie viele Mädchen hast du seit der vierten Klasse geküsst und wo kann ich sie finden? „Verrückt mit Shelley, oder?"

„Ernsthaft?"

„Was? Sie ist meine beste Freundin. Es ist ein normales Thema."

„Okay." wiederholte er achselzuckend. „Ja. Schön für sie."

„Wie meinst du das?"

„Ich weiß nicht… sie scheint bloß… freundlicher. Selbstbewusster."

„Findest du sie hübsch?"

„Was?"

„Egal. Ich hab' das nicht ernst gemeint. Ich meine… nicht auf eine Nervige-Freundin-Art."

James runzelte die Stirn. „Carlotta, ist alles okay?"

„Ja, ja, natürlich ist es das," seufzte seine Freundin zur Antwort. „Es tut mir leid. Ich verhalte mich gerade wie eine Verrückte. Ich denke – ich denke, ich brauche einen Moment. Warum - warum gehst du nicht mit deinen Freunden plaudern und plaudere ein wenig mit meinen?"

„Ähm… okay?"

„Ja…" Carlotta begleitete ihn heraus. „Mach du das."

Ein immer noch verblüffter James gehorchte. Er wurde quasi aus dem Abteil hinaus bugsiert und ging dann den Flur entlang durch die verhexte Tür, die ihn zum nächsten Wagen brachte, wo seine Freunde ihr eigenes Abteil hatten. Carlotta fuhr mit einer Hand durch ihr langes, weiches Haar, während sie ein paar Minuten wartete, bis sie dachte, dass ihr Freund sicher in dem Abteil der Rumtreiber war. Dann folgte sie seinem Pfad bis zum ersten Wagen, direkt auf das Abteil zusteuernd, wo die anderen Siebtklässlerinnen aus Gryffindor alle saßen. Sie hatte keine Ahnung, ob sie noch darin residierten – oder ob Lily überhaupt nach dem Sprechertreffen dahin zurückgekehrt war – aber Mary, Marlene und Donna waren dort gewesen, als Carlotta von dem Vertrauensschülerabteil zurückgekehrt war und es schien perfekt plausibel, dass sie noch immer da sein würden.

Sie klopfte nicht, sondern schob die Tür zum Abteil G sofort bei ihrer Ankunft auf. Die vier Mädchen, die Carlotta erwartet hatte zu sehen, hatten sich jedoch auf ein Mädchen reduziert.

„Hi," sagte Marlene in dem Abteil verwirrt.

„Ist Lily da?" fragte Carlotta.

„Ich habe keine Ahnung, wo alle sind. Ich bin gerade erst zurückgekommen."

„Oh… dann hast du auch keine Ahnung - wann sie zurück sein wird?"

Misstrauisch: „Warum brauchst du Lily?"

„Tja… ich weiß nicht," musste Carlotta zugeben. „Ich… brauche ihren Rat bei etwas. Kann ich mit dir reden?"

„Warum auf Erden denkst du, dass das eine gute Idee ist?"

„Ich weiß nicht, mit wem ich sonst reden soll! Ich würde… ich meine… normalerweise mit Shelley… aber sie ist… und Lily kann ziemlich nerven, aber sie kann gut zuhören – was nicht mal eine richtige Fähigkeit ist, also es ist nicht so, als ob…"

„Meloni, beruhig dich," unterbrach Marlene. „Es ist schon okay. Rede."

Carlotta nickte; sie nahm einen tiefen Atemzug und begann: „Ich glaube, ich werde verrückt."

„Wirst?"

„Ich weiß nicht, was los mit mir ist," fuhr die Brünette fort, die absichtlich den Kommentar der Blonden ignorierte. „Vielleicht bin ich verhext worden! Vielleicht – ich weiß nicht, aber etwas stimmt nicht."

Jetzt lehnte sich Marlene etwas besorgter nach vorne. „Bist du krank oder so? Ey, hast du eine schlechte Bertie Botts gegessen, oder so?"

„Nein," seufzte Carlotta. „Nicht die Art von Problem. Es ist… ich… ich hab' diese seltsamen Gedanken…"

„Ich wusste es! Du bist lesbisch!"

„Marlene!"

„Nein?"

Nein."

„Verdammt."

„Es hat mit James zu tun. Ich habe diese seltsamen Gedanken über James."

„Stellst ihn dir als Frau vor?"

Marlene."

„Wenn du es in die Länge ziehst, werde ich Witze reißen," sagte Marlene achselzuckend. „Was ist das Problem? Spuck's endlich aus."

„Ich bin eifersüchtig," sagte die Brünette sehr schnell und mit Ekel. „Auf alle. Natürlich himmeln alle James an, aber bei jedem Mädchen, das mit ihn in Kontakt kommt, denke ich, dass sie versuchen ihn zu stehlen! Und gerade jetzt waren wir… tja… ich konnte mir die anderen Mädchen, die er geküsst hat, nicht aus dem Kopf schlagen. Das hat mich noch nie davor gestört! Es ist so… langweilig! Es ist schrecklich. Und – und du bist so ein… langweiliges Mädchen, das bei Jungs eifersüchtig wird, also hast du vielleicht einen Rat." Sie sah hoffnungsvoll ihre Begleiterin an, die zurückstarrte.

Dann brach Marlene in Gelächter aus.

Mehrere Sekunden lang war sie nicht in der Lage, irgendwelche Antworten zu geben und Carlotta verschränkte ihre Arme.

„Ich versuche ernst zu sein, Marlene."

„K-k-k-k-könntest du… für einen Moment – leise sein?" keuchte Marlene, die ihr Lachen nicht abstellen konnte. „Ich versuche – ich versuche bloß, d-diesen M-Moment in meinem Kopf abzuspeichern… damit… damit ich m-mich an ihn in … in all seiner Schönheit erinnern kann!"

Carlotta verdrehte ihre Augen.

„Oh, mein Merlin, ich will eine verruchte Liebesaffäre mit diesem Moment haben," fuhr Marlene fort, die etwas Kontrolle wiedererlangte. „Ich will diesen Moment zum Abendessen ausführen. Ich will die unehelichen Kinder dieses Moments haben. Ich will…"

„Marlene, das ist nicht witzig."

„Oh, das sehe ich anders." Kicherte Marlene. „Ich meine… hast du ernsthaft Mitleid erwartet? Von mir? Agrippa, das ist witzig."

„Das ist etwas komplett anderes als das mit Miles…" sagte Carlotta ungeduldig.

„Ja, Liebes, das ist es," antwortete die andere. „Das hier ist so, so, so viel besser." Sie hielt inne und fügte dann hinzu, „Zumindest für mich."

„Ich dachte, du wärst eine von den Netten."

„Nicht dir gegenüber!"

Carlotta stand auf. „Siehst du, deshalb wollte ich Lily."

Sie ging zur Tür, aber Marlene hüpfte auf ihre Füße und stellte sich ihr in den Weg. „Nein, nein, warte," sagte die Blonde und sie schien einen inneren Kampf mit sich zu führen um nicht wieder zu lachen. „Ich werde brav sein. Ich kann auch guten Rat geben."

Zögerlich setze sich Carlotta wieder hin. „Dann leg mal los."

Marlene nahm sich einen Moment um ihre Gedanken zu sammeln. Sie setzte sich Carlotta gegenüber. „Glaub mir oder nicht, ich verstehe es. James hat den Großteil der letzten sechs Jahre damit verbracht, einem Mädchen hinterherzurennen und jetzt ist er mit dir zusammen und du weißt aus erster Hand, dass Typen ihre Freundinnen betrügen. Und das macht dich nervös. So weit richtig?"

Carlotta nickte langsam.

„Die Tatsache, dass du eifersüchtig bist, macht dich nicht verrückt – sie macht dich zu einem menschlichen Wesen, Carlotta. Die Tatsache, dass du auf jedes einzelne Mädchen eifersüchtig bist, macht dich jedoch verrückt. Aber warte ab, bevor du hier rausstürmst, es ist perfekt nachvollziehbar. Es ist wahrscheinlich nur etwas latente Menschlichkeit, die durch dieses unglaublich dünne und gebräunte Äußere von dir durchstrahlt. Du fängst an, echte Gefühle zu haben und ich kann mir vorstellen, dass die Tatsache, dass du nicht viele von denen in den letzten siebzehn Jahren hattest, dein gesamtes System ein bisschen auf den Kopf stellt."

„Ich hatte echte Gefühle," grummelte Carlotta.

„Warum hast du dann andere Leute immer damit aufgezogen, dass sie welche haben?"

„Ich…"

„Carlotta - James wird nicht fremdgehen."

Carlotta war nicht überzeugt. „Alle Typen gehen fremd."

Marlene schüttelte ihren Kopf. „Zehn Galleonen darauf, dass James das nicht wird."

„Aber was macht dich so sicher?"

„Ich weiß es nicht. Nenn es Intuition."

„Das ist nicht direkt beruhigend." Carlotta begann wieder aufzustehen.

„Warte," sagte Marlene wieder und Carlotta wartete. „Du machst dir nicht wirklich Sorgen, dass Lily versucht, dir James auszuspannen, oder?"

„Nein," gab die Brünette zu.

„Du machst dir Sorgen, dass es sonst jemand versucht?"

„Ja."

Marlene nickte langsam. „Tja, dann… ist mein einziger Rat, dass du ihm eine bessere Freundin sein solltest, als du es ihr warst."

Aber das, dachte Carlotta, war nicht so sehr ein Ratschlag als eine Warnung – vielleicht eine wohlgesinnte, aber trotzdem eine Warnung.


Carlotta kehrte zu dem Abteil der Rumtreiber zurück und fühlte sich nicht selbstbewusster, aber zumindest etwas mehr in Kontrolle als zuvor. Sirius und Peter spielten Zaubererschach und Remus las eine zerfledderte Edition von Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind.

„Also das machen die Rumtreiber also in ihrer Freizeit, ja?" fragte sie und lächelte über die ruhige Szene vor ihr.

„Ziemlich banal, oder?" bemerkte James, unbekümmert darüber.

„Nein," antwortete Carlotta, sie setzte sich hin und lehnte ihren Kopf an die Schulter ihres Freundes. „Bloß normal."

(19:45 Uhr)

„Zendra, Angelo" wurde ein Gryffindor, was die jährliche Zuteilungszeremonie zu einem Ende brachte. Carlotta, die neben James bei den Rumtreibern saß, klatschte mit dem Rest der Gryffindors und dann – als McGonagall den Sprechenden Hut und Hocker entfernte – stand Professor Dumbledore auf.

„Ich heiße euch alle – sowohl die alten als auch die jungen Hogwartsschüler und -schülerinnen – willkommen zu einem weiteren Schuljahr," begann der alternde Zauberer und Carlotta fühlte eine Welle der Zuneigung für den Schulleiter, seine vertraute Stimme beruhigte sie. „Natürlich wartet ihr alle ungeduldig darauf, in euer Abendessen reinzuhauen, daher werde ich mich, wie ich hoffe, kurzhalten in meiner Rede. Jedoch gibt es ein paar Punkte, die angesprochen werden müssen. Ich werde zunächst diese Gelegenheit nutzen um euch den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorzustellen – wenn ich vorstellen darf, Professor Eran Ramsay."

Es folgte der übliche höfliche Applaus für den Zauberer, der vom Lehrertisch aufstand; er hatte ein hartes, eckiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer langen, dünnen Nase. Sein Haar war schwarz und lang und wurde in Kombination mit einem Ziegenbart in einem braven Pferdeschwanz getragen. So ernst wie Professor Ramsay erschien, lächelte er jedoch gutmütig, während er seinen Kopf als Antwort auf das Klatschen der Schüler senkte.

Natürlich ein weiterer Kerl," bemerkte Carlotta. „Schon der dritte für die Position, oder?"

Sie wusste, dass sie es sich nicht nur einbildete, dass Sirius daraufhin seine Augen verdrehte.

„Wer ist das kleine Kind?" murmelte Remus, bevor tatsächlich ein Streit zwischen James' Freundin und seinem besten Freund ausbrechen konnte. „Das neben Ramsay sitzt."

Ein zweiter Blick sagte Carlotta, dass Remus Recht hatte; zwischen Ramsay und Professor Babble saß ein junges Mädchen. Sie konnte nicht älter als neun sein – sicherlich nicht im Hogwartsalter – und hatte schwarze Haare, die in einen strengen Bob geschnitten waren. Das junge Mädchen blickte nicht über die Halle, sondern starrte schüchtern auf den leeren Teller vor ihr.

Remus' Frage blieb jedoch unbeantwortet, da Dumbledore in seiner Rede fortfuhr um einen weiteren Neuankömmling im Kollegium vorzustellen.

„Zweitens," fuhr der Schulleiter fort, „im Anblick der neusten Vorkommnisse – sowohl in als auch außerhalb Hogwarts – ist es der Wunsch des Ministeriums für Magie, dass alle Schüler und Schülerinnen die Möglichkeit haben, mit jemandem zu sprechen, sollten sie es brauchen. Und so, freue ich mich, euch Madam Fiona Keepdown vorzustellen."

Carlotta war nicht die einzige, die bei dem Namen nach Luft schnappte, aber sie war sicherlich in der Minderheit.

Fiona Keepdown?" flüsterte die Gryffindor zu ihren vier verwirrten Begleitern. „Sie ist brilliant! Hat jemand von euch ihr Buch gelesen?"

„Welches Buch?" fragte James.

„Es heißt Spirituelle Magie," schwärmte Carlotta leise. „Es hat ein paar wirklich inspirierende Meditationsübungen – die haben meine Zauberkraft drastisch verbessert. Das Buch quellt fast über vor Informationen… schöne Einsichten in die Lüge von Selbstständigkeit, die magischen Eigenschaften von Räucherstäbchen und dieser wundervolle Aufsatz über die Bedeutsamkeit der Verbundenheit einer Hexe mit der Luft…"

Sirius hob eine Augenbraue. „Warum auf Erden sollten wir dieses Buch gelesen haben?"

Carlotta blickte finster. „Es war ein Bestseller."

„Hat die gesamte St. Mungos Krankenstation für Hexschäden ein Exemplar gekauft?"

Padfoot," zensierte James ihn, während er ihn unter dem Tisch trat.

Carlotta verdrehte nur ihre Augen, während Dumbledore fortfuhr, ein paar von Madam Keepdowns Errungenschaften aufzulisten. Die Hexe selbst war eine große, breitschultrige Frau um die vierzig. Sie hatte langes, lockiges, honigfarbenes Haar und Augen von etwa derselben Farbe. Sie trug hauchdünne grüne Umhänge, die mit einem Seil um ihre Hüfte gebunden waren, was einen starken Kontrast zu ihrem ausgiebigen Schmuck (in verschiedenen Metallen) auf ihren Händen und um ihren Hals bildete. Ihre Ohrringe sahen aus wie Pfauenfedern.

„Madam Keepdown", fuhr Dumbledore fort, „wird auf die Einladung des Ministeriums in Hogwarts bleiben um… Orientierung zu bieten, falls irgendwelche Schüler das Gefühl haben, dass sie jemanden zum Reden brauchen."

„Er meint dich, Pete," flüsterte Sirius abwertend.

„Als die einzige, die versucht hat, sich umzubringen," sagte Carlotta, „denke ich, dass es eine gute Idee wäre."

„Ja, aber du warst verflucht, nicht einsam," bemerkte Sirius.

„Denkst du etwa, das war nicht traumatisch?"

„Hast ja Recht."

„Alle Schüler und Schülerinnen," fuhr Dumbledore fort, „werden einen festen Termin haben, um sich jeden Monat mit Madam Keepdown zu treffen. Zusätzlich werdet ihr jede Woche einen festen Gruppentermin mit eurem Jahrgang und Madam Keepdown haben."

„Verdammte Scheiße," seufzte Peter, aber er zuckte etwas zurück, als Carlotta ihn böse anfunkelte.

„Das könnte echt hilfreich sein," bemerkte sie, aber die Rumtreiber sahen skeptisch aus.

„Und schließlich," sagte der Schulleiter, „wird Hogwarts dieses Jahr eine Mannschaft aus Auftragszauberern vom Ministerium für Magie beherbergen. Im letzten Jahr hatten wir diesen Besuch sporadisch, aber dieses Jahr werden die Auftragszauberer für konstante Sicherheit in der Schule sorgen. Ich bitte darum, dass ihr, Schüler und Schülerinnen, sie und ihre Wünsche respektiert, während sie hierbleiben, da sie dies für eure Sicherheit tun. Nun habe ich das Fest lange genug aufgehalten." Er lächelte in die Halle. „Willkommen, ihr alle." Dann klatschte Dumbledore einmal in die Hände. Carlotta musste nicht ihren Teller ansehen um zu wissen, was dort erschienen war.

(20:45 Uhr)

Die große Halle leerte sich und die Eingangshalle füllte sich, als die Schüler sich von der einen in die andere bewegten, sich in den Flaschenhälsen der Türen vermischten und dann in Gruppen der vier Häuser auseinanderbewegten. Der Weg durch die Eingangshalle war anstrengend für die Gryffindors und Ravenclaws, die sich beide durch den Strom der Hufflepuffs und Slytherins bewegen mussten. Carlotta blieb bei den Rumtreibern (ohne Remus, der den Weg für die anderen des Hauses leitete), jedoch würde James bald als Schulsprecher verpflichtet sein, sich mit Lily zu einem Treffen in Dumbledores Büro zu verabschieden.

Das laute Getöse der verschiedenen Unterhaltungen und Anweisungen der Vertrauensschüler (hauptsächlich an die Erstklässler gerichtet) übertönte alles andere, bis, bevor Carlottas Gruppe die Halle ganz durchquert hatte, – ein durchdringender Schrei den Lärm übertönte.

„Was war das?" fragte sich Carlotta sofort, da ihre Sicht durch andere spähende Schüler versperrt war.

James hatte jedoch bereits ihre Seite verlassen und schob sich durch die Menge um zu sehen, was passiert war. Carlotta folgte ihm – erfolgreicher als die anderen Rumtreiber, die größer waren, als sie selbst – und ein kleiner Kreis hatte sich bereits um die Schreiende und die anderen Protagonisten in diesem kleinen Drama gebildet.

„Du Schlampe!" schrie Mary Macdonald (sie war es gewesen, die geschrien hatte) und zum Schock der Zuschauer, waren es Shelley Mumps und dieser Ravenclaw, Stebbins irgendwas, zu denen sie sprach. „Du-du-du-du hast mit ihr rumgeknutscht?"

„Mary, ich…"

Stebbins' Versuch sich zu erklären wurde jedoch unterbrochen.

„Du lügende, betrügende Schlampe!" wiederholte sie. „Und DU!" (Zu Shelley), „Was denkst du, wer du verdammt noch mal bist?"

Shelley wurde hellrot. Ihr helles Haar war unordentlich, sie trug, wie Carlotta bemerkte, ihren Schulrock deutlich kürzer als in den letzten Jahren und trotz ihrer Gewichtsabnahme schien ihr Pulli enger. Es war seltsam, dies in einer solchen Situation zu bemerken, aber es war das erste, was Carlotta in den Sinn kam, gefolgt von der Tatsache, dass Shelleys Lippenstift ziemlich verschmiert war.

„Mary, ich hab nicht…" versuchte Stebbins wieder, aber es war offensichtlich, dass er, egal was seine Ausrede war, es getan hatte. Spuren des bereits erwähnten Lippenstifts markierten sein Gesicht und seinen Hals.

Mary zog ihren Zauberstab. James bewegte sich um weitere Eskalation zu verhindern, aber Donna Shacklebolt und Marlene Price hatten es bereits unter Kontrolle. Marlene packte Marys freies Handgelenk und Donna bewegte sich zwischen die gegnerische Gruppe mit einer beruhigenden Hand vor sich ausgestreckt.

„Ich kann es nicht glauben!" schrie Mary. Lily, die bereits mit Remus vorgegangen war, konnte gesehen werden, wie sie sich wieder die Marmortreppe hinunter drängte und auf die Störung zu lief. „D-d-d-du und… sie? Verdammt noch mal Shelley Mumps? Du musst Witze machen!"

„Mary, komm schon, lass uns…" Marlene versuchte ihre Freundin wegzulotsen, aber Mary kämpfte gegen ihre Arme an.

„Du ekliges Arschloch," fuhr Mary wutentbrannt fort. „Ihr beide! In der Eingangshalle! Oh mein Gott, ich kann einfach nicht…" Sie sah wieder bereit aus, ihren Zauberstab zu nutzen.

Lily erschien und nahm Mary kraftvoll in die Arme.

„Mary, ich… wir…" Shelley stammelte etwas, aber was auch immer ihre Verteidigung war, wurde durch das Schuldbewusstsein, das klar auf ihrem und Stebbins Gesicht zu sehen war, Lügen gestraft.

Lily hatte nun ihren Arm um Marys Schultern gelegt und lenkte sie zurück in die Menge, etwas zu ihr murmelnd. Mary schrie ein paar weitere Beleidigungen und alle anderen begannen ebenfalls zu flüstern. James schien aus seiner verwirrten Trance aufzutauchen und er trat nach vorne, befahl allen, zu ihren Gemeinschaftsräumen zurückzukehren, vielleicht aus seiner Autorität als Schulsprecher heraus, aber eher noch in seiner Kapazität als James Potter.

„Verdammte Kacke," sagte Sirius zu Peter, irgendwo zu Carlottas Linken, als die Menge sich langsam wieder auf ihren Weg machte. „Ich dachte, wir würden wieder eine Eingangshallen-Prügelei haben."

„Fast eine Tradition jetzt," stimmte Peter zu.

James fuhr fort, Leute ihren richtigen Gruppen zuzuordnen. Carlotta hatte sowohl Stebbins als auch Shelley aus den Augen verloren und sie wurde hin und her gestoßen in ihrem Versuch, stehen zu bleiben und einen Blick auf sie zu erhaschen. Klein zu sein hatte seine Nachteile. Sie wurde mit der Menge mitgerissen, gab in der Nähe der Treppe ihre Suche kurzzeitig auf und stieg die Treppe hoch.

Oben auf der Treppe trennten sich die Ravenclaws und Gryffindors, nun etwas organisierter in ihre jeweiligen Schlangen, aber Carlotta trat aus ihrer Gruppe. James lief bereits vor – vielleicht zu Dumbledores Büro – also ließ sich Carlotta zurückfallen, um Shelley zu finden. Die Treppe leerte sich und Carlotta war schnell alleine. Oder zumindest fast.

Am Boden der Treppe saß Shelley. Die letzten der Hufflepuffs verschwanden und Carlotta stieg hinab.

„Shelley…"

„Geh weg," entgegnete die andere und Carlotta zuckte bei der Schärfe ihres Tones zusammen.

„Shelley, bitte. Geht es dir gut?"

„Oh, was für eine tolle Freundin du bist, Carlotta," fuhr Shelley sie wieder an, und blickte finster über ihre Schulter, als Carlotta die unterste Stufe erreichte. „Was willst du überhaupt?"

„Was ist los?" beharrte die Brünette ehrlich. „Shelley, was ist passiert?"

„Nichts. Geh weg."

„Ich werde nicht weggehen. Sag mir, was passiert ist. Hast du…?"

„Ich will nicht darüber reden," fuhr Shelley sie an und wischte sich über die roten Augen. „Oh, und die Mascara ist ab…"

„Shelley…"

„Oh, lass es einfach gut sein, Carlotta. Ich will da jetzt nicht drüber reden."

„Aber - aber, was Mary Macdonald gerade gesagt hat…"

„Ja, es stimmt, jetzt lass mich alleine."

„Shelley, du kannst mit mir reden…"

„Ich will gerade nicht," sagte Shelley fest. „Ich will alleine sein."

Langsam nickte Carlotta und kam auf ihre Füße. „Ich gehe dann mal hoch…"

„Gut."

„Du kommst bald hoch? Wenn – wenn du soweit bist?"

„Sicher."

„Shelley…"

„Ja, ich komme hoch."

(21:20 Uhr)

DIESER BASTARD! DIESES VERFICKTE, LÜGENDE, BESCHISSENE ARSCHLOCH!"

Mary war dabei, Schuhe gegen die Wand zu werfen, als Carlotta den Schlafsaal der Siebtklässlerinnen betrat.

Mit einem Klatsch schlug einer von Marys Turnschuhen in der Nähe von Donnas Bett ein.

DIESER BETRÜGENDE HURENSOHN!"

KLATSCH.

Ein Hausschuh traf die Wand neben dem Fenster und fiel hinter den Schreibtisch.

„…UND MIT DIESER FETTEN, HÄSSLICHEN POCKENNARBIGEN STRUNZE!"

Marlene sah etwas hilflos zu, als eine Sandale fast eine der Lampen umstürzen ließ. Donna ordnete, relativ sorglos in Bezug auf das Drama, was sich um sie herum entfaltete, ihre ausgepackten Kleider neu in die Kommode. Zunächst bemerkte niemand Carlottas Eingang, dann erhaschte Mary, die sich für den nächsten Schuh beugte, einen Blick auf die Neuangekommene und einen Moment lang beruhigte sie sich.

„Oh, du bist's… ich dachte, es wäre deine Hurenfreundin."

„Mary, ich weiß, dass du das nicht hören willst," seufzte Marlene, die zur Seite ihrer Freundin kam, „aber du musst dich beruhigen. Du wirst alle deine Schuhe ruinieren."

„Ist mir egal," murmelte Mary, aber der Turnschuh plumpste trotzdem zu Boden. Sie stand dort, in der Mitte des Schlafsaals, in ihrer Uniform, mit dem Umhang über einer Schulter und ein paar losen schokoladenbraunen Strähnen, die sich aus ihrer Frisur geschlängelt hatten. Ihre Wimperntusche war ein wenig verlaufen und sie sah so… traurig aus.

Mary Macdonald war ein albernes Mädchen – Carlotta wusste, dass das stimmte. Sie war genau der Typ von Mädchen, der Carlotta nicht werden wollte, und so war es seltsam, dass sie ein solches… Mitleid (Empathie, vielleicht) für die trauernde kleine Hexe fühlen sollte.

„Was – was ist passiert?" fragte Carlotta, weil sie sich noch immer nicht sicher war, ob sie es wusste. Mary war sofort wieder auf hundertachtzig.

„Was passiert ist?" schrie sie fast und Marlene seufzte. „Was PASSIERT IST? Was passiert ist, ist, dass ich gesehen habe, wie deine verdammte Hure von einer Freundin eine Abendessens-Knutscherei mit meinem verdammten Freund beendet hat! Oh Gott…" Mary verdeckte ihre Augen mit einer Hand und setzte sich auf den Boden. „Jeder hat es gesehenjeder… in der Eingangshalle… wie peinlich…"

„Bist - bist du dir sicher?" fragte Carlotta, sie wusste nicht, warum es sie so störte. Sie hatte immer gedacht, dass Shelley ein wenig Verdorbenheit stehen würde. „Ich meine, bist du dir sicher, dass sie…?"

„Natürlich bin ich mir verdammt sicher!" fuhr Mary sie an und kam wieder auf ihre Füße. „Sie waren verdammt noch mal da! Und ich – oh mein Gott, jeder hat mich gehört… ich hab' rumgeschrien… warum hab ich sie nicht zumindest verhexen dürfen? Oder ihn? Oder beide?"

Marlene tätschelte beruhigend Marys Rücken.

„Aber vielleicht wusste Shelley nicht…" begann Carlotta und Mary sah bereit aus, zum dritten Mal rumzuschreien, nur um von dem Knallen einer Schublade unterbrochen zu werden, die Donna neu sortiert hatte.

Willst du gerne, dass dir ein Schuh an den Kopf geworfen wird, Meloni?" fragte sie spitz und drehte sich zu ihnen um. Und sie hatte Recht.

„Wusste was nicht?" schimpfte Mary weiter. „Dass ich mit Stebbins zusammen war? Natürlich wusste sie es! Wie hätte sie es nicht wissen können? Wir waren das ganze letzte Jahr zusammen! Sie war heute Morgen im Abteil, als…" Mary hielt plötzlich inne.

„Stebbins war nicht in unserem Abteil, als Shelley es war," bemerkte Marlene, aber Marys Kopf war anscheinend woanders.

Dann lächelte sie und sah zu Carlotta hoch.

„Es gibt da etwas, was du über deine Busenfreundin wissen solltest, Meloni," begann sie.

„Mary, nicht…"

Marlene wurde ignoriert.

„Sie wird versuchen, mit James zu schlafen."

Carlotta blinzelte. „Was?"

„Sie hat es uns heute Morgen gesagt."

„Nein, Shelley ist… Shelley ist okay damit, dass James und ich zusammen sind…"

„Nope," sagte Mary und Marlene protestierte wieder einmal vergeblich. „Sie hat es uns im Zugabteil heute Morgen erzählt. Sie hat sogar einen Plan."

„Einen – einen Plan?"

„Jepp."

„Was für ein Plan?"

„Ich weiß nicht," sagte Mary. „Ich bin mir sicher, dass du aber es herausfinden wirst. Du hast ihr doch alles beigebracht, was sie kann, oder?"

Carlotta setzt sich auf die Kante des Bettes, das seit dem ersten Jahr ihres gewesen war; Mary schien sich nach dieser Verkündung beruhigt zu haben.

Marlene schlug vor, dass sie beide zu Lilys Zimmer hochgehen könnten um zu reden, aber Mary wollte nicht reden. Marlene schlug vor, dass sie zu den Küchen gehen könnten, aber Mary war satt. Marlene schlug vor, dass Mary ins Bett gehen könnte, aber Mary konnte unmöglich schlafen. Mary schlug vor, dass sie in die Schlafsäle der Ravenclaws gehen und Stebbins Arme und Beine ausreißen könnten, aber Marlene wollte nicht ins Gefängnis gehen. Am Ende ging Mary duschen und Marlene ging hinunter um auf Lily zu warten.

Donna hatte ihre Kommode fertig sortiert und begann ihre Bücher auszupacken.

„Stimmt es, was Mary gesagt hat?" fragte Carlotta matt, als sie alleine waren. „Das mit Shelley?"

„Das geht mich nichts an," antwortete Donna unbesorgt. „Es geht auch Mary nichts an, aber Mary ist das egal. Mir nicht. Und ich will darin nicht verwickelt werden."

„Warum würde Mary das sagen, wenn es nicht stimmt?"

„Macdonald ist wütend."

„Also sollte ich ihr glauben?"

„Mir egal. Ich schlage vor, dass du das glaubst, was mein Leben und meine Fähigkeit, Bestnoten in meiner Alte Runen U.T.Z.-Prüfung zu bekommen, am geringsten beeinträchtigt."

Es war klar, dass Donna nicht besonders hilfreich sein würde, also stellte Carlotta ihre Befragung ein. Marlene kehrte nur ein paar Minuten, nachdem sie gegangen war, zurück – ohne Lily – aber schien auch nicht in einer besseren Laune um sich zu unterhalten und ging sich direkt im Bad fertig machen. Jedenfalls hatte sich Carlotta heute bereits von Marlene Ratschläge abgeholt; ein zweites Mal wäre bloß peinlich.

Sie wartete darauf, dass Mary fertig geduscht hatte oder dass Lily zurückkehrte – was auch immer zuerst passieren würde. Schließlich nahm Donna ihr eigenes Duschhandtuch und ging los um zu duschen, gerade als das Geräusch von laufendem Wasser aufhörte. Unglücklicherweise, bevor sie auftauchte, öffnete sich die Tür des Schlafsaals und ließ Shelley hinein.

Die Blonde sah sich angespannt um. „Ist sie hier drin?"

Carlotta sprang vom Bett, unerwartet nervös beim Anblick einer nun tränenlosen Shelley. „Sie ist…"

„Oh, nie im Leben schläft diese rumhurende Schlampe heute hier."

Mary war zurückgekehrt. In ihrem Schlafanzug und Bademantel stand sie auf der Türschwelle und starrte Shelley mit unverfälschtem Hass an.

Shelley sah verletzt aus – sie sah sogar aus, als ob sie wieder anfangen würde zu weinen. Sie war das hier nicht gewöhnt.

„Mary, du kannst Shelley nicht aus dem Schlafsaal werfen," merkte Marlene an, die direkt hinter ihrer Freundin stand. „Sie hat sonst keinen Ort, an dem sie schlafen kann."

„Sie kann ja mit dem Schlafsaal der Ravenclaw Jungs versuchen," sagte Mary schnippisch. „Anscheinend sind sie nicht sehr wählerisch."

„Mary…"

Aber Marys Augen waren auf Shelley fixiert. „Was du nicht verstehst, Shelley, ist, dass ich eigentlich kein netter Mensch bin. Ich bin eine der fiesen, beliebten Bitches, die nichts anderes wollen, als sich über die Mädchen lustig zu machen, die ihre Nägel kauen und auf ihrem Haar rumbeißen. Normalerweise halte ich all das in mir drin, weil mich Lily schuldig fühlen lässt. Aber für dich werde ich eine Ausnahme machen, klar? Mein Rat ist, dass du aus meiner Sicht bleibst, weil – du weißt schon… aus den Augen, aus dem Sinn und… du willst nicht in meinem Sinn sein."

„Ich…"

„Oh, tut mir leid," unterbrach Mary wieder. „War da was, was du brauchst?"

„Ich wusste nicht…"

Schließlich kehrte Lily zurück und zwar keinen Moment zu früh.

„Dank Merlin," seufzte Marlene.

Die Schulsprecherin überblickte die Szene vor ihr. „Was passiert hier gerade?"

(22:00 Uhr)

Ohne zu klopfen öffnete Carlotta die Tür zum Schlafsaal des Schulsprechers. James kniete auf dem Boden, bereits in seinen Schlafsachen, während er seinen Koffer nach etwas durchsuchte. Er sah bei Carlottas Ankunft auf und lächelte, aber irgendetwas – irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck war nicht richtig.

„Alles klar, Carlotta?"

Carlotta versuchte, sein Lächeln zu entgegnen, aber schaffte es nur schwach. Sie setzte sich auf das große Bett und schaute sich im Raum um sich herum um – die dunkle Holzvertäflung, der große Eichenschreibtisch und Schrank, die schweren Vorhänge, wie gesponnenes Gold…

„Was ist los?" fragte James, der spürte, dass etwas los war.

„Hast du das alles nicht gehört?" antwortete Carlotta. „Shelley? Lily? Das Rumgeschreie im Schlafsaal?"

James schüttelte seinen Kopf. Er kam auf seine Füße. „Was ist passiert?"

Seine Freundin seufzte bloß, obwohl es beruhigend war, zu wissen, dass zumindest eine Person im gesamten Gryffindorturm das nicht alles gehört hatte. Sie klopfte auf den Platz neben sich. „Setz dich? Ich muss dir was sagen…"

James tat das und wiederholte seine Nachfrage, „Was ist passiert?"

„Ich habe dich angelogen," sagte Carlotta. Merlin, sah er gut aus, ihr Freund. „Ich habe gesagt, ‚keine Lügen', aber die Wahrheit ist, dass ich dir bereits eine erzählt hatte."

James schien nicht zu verstehen.

„… Ich habe gesagt, dass Shelley dich nicht hasst, weil sie keine Meinung zu dir hat, weder gut noch schlecht. Erinnerst du dich?"

„Äh… ich schätze…"

„Es stimmt nicht." Und der Rest kam herausgeströmt in halb zerbrochenen Sätzen, kaum in Worte zu fassenden Konzepten und Gefühlen, die sich nicht ausdrücken ließen: alles – Shelleys alte Schwärmerei, Carlottas eigene gemischte Gefühle, das seltsame Verhalten ihrer ehemaligen besten Freundin im Zug, das, was gerade im Schlafsaal passiert war (ein Teil davon)… und als sie fertig war, faltete Carlotta ihre Hände in ihrem Schoß und wartete auf eine Antwort.

„Tja…" sagte James schließlich, er hörte sich an, als ob er einen Schlag von einem Treiberschläger auf den Hinterkopf bekommen hatte. Da war offensichtlich einiges, was er analysieren musste. „Ich schätze, das erklärt einige Dinge…"

Carlotta sah zu ihm hoch. „Welche Dinge?"

„Tja…" begann ihr Freund wieder. „Bloß… unerwartete Reaktionen, schätze ich."

Unerwartete Reaktionen? Wer hatte eine unerwartete Reaktion? Sirius vielleicht… nicht Lily… ihre Apathie ließ sich kaum durch die Shelley Situation erklären…

„Egal," sagte James und er rutschte auf dem Bett zurück um seinen Rücken an das Kopfteil anzulehnen. „Warum hast du es mir nicht gesagt?"

„Ich weiß nicht," antwortete Carlotta, die noch immer auf der Bettkante saß. „Ich dachte… also, ich wusste, dass du nicht… dass du dich nicht in all das verwickeln lassen wollen würdest." Sie zögerte einen langen Moment, bevor sie die essentielle Frage stellte: „Willst du Schluss machen?"

„Nein," sagte James – in seiner Stimme lag weder Schock noch Bestürzung, stattdessen war er vollkommen sachlich. „Aber ich will auch nicht, dass du wegen mir deine beste Freundin verlierst."

Carlotta dachte, dass sie weinen könnte. Sie schüttelte ihren Kopf und sah nach unten. „Außer, falls du vorhast, nach unserer Trennung Shelley zu daten, wird es für sie keinen Unterschied machen."

„Wie meinst du das?"

„Ich meine…" Sie sprach sehr klar. „dass ich meine beste Freundin bereits verloren hab." James versuchte zu widersprechen, aber Carlotta unterbrach ihn: „Nein, hör zu – ich weiß es. Es ist zu spät. Aber das ist nicht wirklich das Problem… willst du – willst du Schluss machen, wegen… wegen dem, was ich getan habe?"

„Nein," antwortete James, in der gleichen Art wie zuvor. „Ich will es nicht. Aber – ich bin mir nicht sicher was – was ich tun kann, damit ich nicht als komplettes Arschloch ende."

„Das ist meine Schuld, oder?" Er antwortete nicht, sie interpretierte seine Stille als Zustimmung und fragte sich, warum sie sich schon wieder so fühlte, als ob sie weinen könnte. „Es ist schon okay. Was waren es? Drei Wochen? Eigentlich kein schlechter Lauf… könnte ein Rekord für mich gewesen sein, ich weiß nicht…"

„Carlotta."

„Was?"

James seufzte. Er deutete Carlotta, sich zu ihm zu setzen und sie kletterte näher, setzte sich neben ihn ans Kopfende und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Wir kriegen das irgendwie hin," sagte er. „Ich weiß nicht, wie wir das hinkriegen, aber… wir kriegen das irgendwie hin."


Viel später, als Carlotta einen Schlafanzug von James geliehen hatte und er schließlich neben ihr eingeschlafen war, lag sie wach dort und starrte die Wand des dunklen Schlafsaals an. Sie war weit davon entfernt, müde zu sein.

Da war ein kleiner, rachsüchtiger Teil von Carlotta, den sie nicht gerne zugab (und dem sie nicht gerne nachgab), der sich daran weidete, James Potter gefangen zu haben. Es war der gleiche Teil von ihr, der Alice Griffiths hatte besiegt sehen wollen und der ernsthaft verletzt gewesen war, als Frank sie abgelehnt hatte. Und nun war er stolz darauf, dass James sie wollte, obwohl die einzige, die er wirklich je gewollt zu haben schien, Lily Evans war (und es war so einfach gewesen). Der Teil war stolz darauf, dass er – der so entfernt und unerreichbar für Shelley geschienen hatte – ihrer war.

Aber das war bloß ein kleiner Teil von Carlotta und sie schämte sich über ihn, selbst, wenn er ihre Handlungen bestimmte.

Was Carlotta hauptsächlich fühlte, war Angst. Shelley war nun hübsch und getrieben und Carlotta wusste nur allzu gut, was das für ihren Freund bedeuten könnte. Aber, wenn sie komplett ehrlich mit sich selbst war, wusste Carlotta, dass es mehr war.

Warum er? Warum James Potter?

Ehrlich gesagt, war James nun Schulsprecher und es war nicht Shelley, vor der Carlotta Angst hatte.


Teil II: Mary

„Nie ein guter Grund"

Mary Macdonald lief zuversichtlich, erhobenen Kopfes und mit einem Lächeln auf ihren perfekt geschminkten roten Lippen über den Gleis Neundreiviertel. Der bekannte, schmerzhafte Stich der Nostalgie traf sie nur einmal kurz beim Anblick des Hogwartsexpress und dann, mit der Macht all ihrer glücklichen Erwartungen für das Schuljahr, schob sie ihre Traurigkeit über das Wissen beiseite, dass dies hier wirklich ihr letzter erster Schultag sein würde.

Am ersten Schultag verliebt zu sein, selbst wenn nur oberflächlich, war wirklich eine wunderbare Sache.

Sie trug ein süßes kleines Sommerkleid, blau und ziemlich kurz, aber es passte perfekt zu ihrer sommergebräunten Haut und jeder sah sie genau richtig an – nicht zu sehr, aber genug um klarzustellen, dass Mary Elizabeth Macdonald gut aussah.

„Morgen, Lily!" sagte die Brünette zu ihrer Freundin, als sie vorbei hüpfte, „bis gleich im Zug, ja?" Aber Mary wartete nicht auf Lilys Antwort, sie eilte weiter und fand schließlich einen stämmigen Sechstklässler, der ihr half, ihren Koffer einzuladen. Während er das tat, wurde Mary fast von einer Drittklässlerin umgeschubst, die vorbeihüpfte und in einer eher nervigen Singsang-Stimme kandierte, „Willkommen, willkommen zu einem weiteren Jahr in Hogwarts!"

Mary verdrehte ihre Augen. „Kinder. Ernsthaft."

Ihre Freundinnen saßen zur Einfachheit immer im selben Abteil, sodass es nicht sehr schwer war, Marlene und Donna im Zug zu finden. Sie quetschte sich durch die Flure, nickte und lächelte denen zu, die sie kannte, und ignorierte die anderen.

„Mary!" grüßte Sabrina Barbery, eine Ravenclaw in ihrem Jahr, als sie vorbeiging. „Wie geht es dir? Wie war dein Urlaub?"

„Oh, fantastisch! Ich bin so braun geworfen! Du?"

„Wunderbar. Bist du immer noch mit Stebbins zusammen?"

„Ja genau, wie den ganzen Sommer schon."

„Was für ein Glück. Er ist so traumhaft."

„Ich weiß," antwortete Mary und sie kicherten beide.

„Tja, wir müssen bald mal wieder quatschen," sagte Sabrina leicht. „Es gibt so viel zu erzählen! Oh, hast du gehört?" Sie lehnte vertraulich nach vorne. „Carlotta Meloni und James Potter."

Nie im Leben…"

Sabrina nickte, zufrieden darüber, dass sie diejenige war, die die Nachricht verbreiten konnte. „Ich hab' es direkt von Valerie Turpin gehört."

„Ich wette, sie war super wütend."

„Oh, jeder weiß, dass Val auf alles, was Carlotta tut, unglaublich eifersüchtig ist und jedenfalls glaube ich, dass sie auf James steht."

„Wer aber nicht, heutzutage? Wann ist das alles passiert? Ich hab' James vor ein paar Tagen gesehen und er hat nichts gesagt."

Sabrina zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Val hat kaum Details geliefert."

„Sie wollte wohl nicht zu viel darüber nachdenken."

Sabrina lachte höflich. Es gab eine Pause, als sie auf das unumgängliche Erwidern von Klatsch und Tratsch wartete. Sabrina hatte ihren Beitrag gebracht und nun war Mary dran.

„Tja, du weißt, dass Adam McKinnon und Prudence Daly ausgehen, da bin ich mir sicher."

„Prudence? Merlin, ich hatte keine Ahnung! Wann?"

„Seine Schwester hat ihren – Großcousin oder so geheiratet. Sie sind bei der Hochzeit zusammengekommen."

„Nein, niemals. Wow – warte, bis Sheryll das hört… was hat Marlene Price gesagt?"

Mary zögerte. „Marlene?"

„Klar, waren Marlene und Adam nicht mal zusammen?"

„Nein, sie waren bloß Freunde."

„Typen sind nicht so lange mit Mädchen befreundet, außer sie kriegen etwas dafür. Sie haben wahrscheinlich ein wenig rumgemacht… oder es gab andere Gefälligkeiten…"

„Nein, gab es nicht," sagte Mary fest. „Sie waren bloß befreundet."

Sabrina zuckte mit den Achseln. „Was auch immer du sagst. Du wirst es wohl besser wissen als ich. Aber ernsthaft, Prudence und Adam? Ich kann nicht glauben, dass ich noch nie daran gedacht habe. Sie werden so süß zusammen sein… Oh und hast du von Clancy Goshawk und Charlie Plex gehört?"

„Die auch?" fragte Mary. „Eifriger Sommer, schätze ich. Wie ist das passiert?"

„Eine der Partys seiner Brüder, schätze ich," sagte Sabrina und wedelte unbekümmert mit der Hand. „Wie passieren diese Dinge sonst immer so?"

„Irgendwie schockierend, wenn man bedenkt, dass Clancy so tadellos ist. Das Mädchen trinkt nicht mal, oder?"

„Und sie ist Vertrauensschülerin," stimmte Sabrina weise hinzu. „Jedenfalls sollte ich besser gehen. Ich muss Sheryll treffen. Wir quatschen bald mal?"

„Natürlich."

Dann gingen sie ihre getrennten Wege und Mary fand das Abteil ihrer Freundinnen. Es war jedoch nicht nur von Marlene und Donna besetzt, sondern auch von einer jüngeren Hexe, von der Mary schätzte, dass es Donnas Schwester war.

„Ich dachte, du sitzt bei deinem Freund," sagte Marlene neugierig, als sich Mary neben sie setzte.

„Das werde ich – aber noch nicht sofort. Wie geht es euch denn?"

„Oh, einfach toll," sagte Marlene sarkastisch.

„Wunderbar," sagte Donna, in einem ähnlich bitteren Ton. „Oh, das ist übrigens Bridget," fügte sie hinzu, und deutete auf ihre Schwester. „Ich schätze nicht, dass ihr euch schon mal gesehen habt. Bridget, Mary, Mary, Bridget."

„Schön, dich kennenzulernen," sagte Mary und lächelte breit. „Erstklässlerin, ja?"

Bridget nickte.

„In welches Haus möchtest du?" fragte Marlene.

„Tja,…"

„Das ist egal, Bridge," unterbrach Donna. „Du wirst eine Gryffindor werden müssen. Wärst du ein Jahr jünger, hättest du alles sein können, was du willst, aber ich will nicht im Quidditch gegen dein Haus spielen müssen."

„Tja, wenn es für dich und Kingsley gut genug war," sagte Bridget achselzuckend, „dann kann ich mich kaum beschweren."

„Donna hätte in Ravenclaw sein sollen," sagte Mary ihr. „Wir glauben, dass es vielleicht ein Fehler des Sprechenden Hutes war."

„Verdirb mir nicht meine Schwester," rügte Donna. „Silencio, Price."

Lily betrat einen Moment später das Abteil.

„Guten Morgen, nochmal," sagte Marlene. „Hast du genug frische Luft auf dem Gleis tanken können?"

„Oh ja, es war reizend," murmelte Lily wenig überzeugend, sie setzte sich neben Marlene und verschränkte ihre Arme.

„Ist – ist etwas passiert?" fragte Mary verwirrt. Es passte nicht zu Lily, so mürrisch zu sein, vor allem nicht am ersten Schultag.

„Oh, nein, alles ist verdammt fantast… hallo, Bridget."

Donna starrte den Rotschopf böse an.

„Sorry," entschuldigte Lily sich und sah aus dem Fenster auf die stehende Szene des Gleises, und betrachtete still die Passanten.

„Was ist heute mit allen los?" wollte Mary wissen.

„Wovon redest du?" fragte Lily dumpf. „Ich bin unbeschreiblich fröhlich gerade."

„Offensichtlich," sagte Donna.

„Tja," begann Bridget. „Was für ein Spaß hier, aber ich wollte Millie Bones am Ende des Wagens treffen…"

Donna funkelte sie an. „Wie kannst du schon Freunde haben?"

„Ich bin mit Millie aufgewachsen, Donna."

„Wirklich? Ehrlich? Oh. Ey - warte eine Minute, ich bringe dich hin… passe auf, dass du nicht verloren gehst…"

„Donna, mir geht's gut… tschüss, alle. Es war schön, dich kennenzulernen, Mary."

Donna folgte ihrer jüngeren Schwester trotzdem in den Gang.

„Eine beschützerische Donna," dachte Marlene laut, „das sollte lustig werden."

Donna kehrte zurück und als der Zug aus dem Bahnhof fuhr, entschied Mary den Klatsch zu teilen, den sie im Gang erfahren hatte.

„James Potter geht mit Carlotta aus," sagte sie, suchte den blauen Nagellack aus ihrer Handtasche und reparierte die kleinen Flecken in ihrer sonst tadellosen Maniküre. „Sabrina Barbery hat es mir gerade erzählt."

„Warte, seit wann?" fragte Marlene überrascht. „Er hat es letzte Woche nicht erwähnt! Hat er dir irgendwas dazu gesagt, Lily?"

Lily hatte etwas herausgeholt, das wie ihr Hogwartsbrief aussah und überflog ihn gerade. Sie schüttelte ihren Kopf. „Er hat es nicht erwähnt."

„Ein paar Menschen haben wohl nicht das Bedürfnis, wie besessen allen Menschen, die sie treffen, von ihrem Liebesleben zu erzählen," beobachtete Donna und warf Mary einen bedeutungsvollen Blick zu, die zur Antwort ihre Zunge rausstreckte. Donna zuckte bloß mit ihren Schultern und nahm den Alten Runen Text, den sie mitgebracht hatte, in die Hand.

„Es ist immer noch seltsam," sagte Marlene, sie schien davon am meisten verstört zu sein und sie blickte immer wieder zu Lily. Selbst Mary musste es etwas seltsam finden, dass Lilys Reaktion so nicht-existent war. Ob Lily James' Gefühle je erwidert hatte oder nicht – und Mary konnte sich nie entscheiden, was sie dabei glaubte – hin oder her, sie musste irgendeine Meinung dazu haben. Sabrinas neueste Information kam Mary in den Kopf und sie musste hinzufügen: „Oh, Marlene, du wirst vorsichtig sein müssen. Sabrina hat mich schon nach deiner Reaktion auf die Neuigkeiten mit Adam und Prudence gefragt. Sie denkt, dass ihr zwei zusammen wart."

„Oh Gott. Woher weiß sie das denn schon über die zwei?"

„Sabrina Barbery weiß diese Sachen immer vor allen anderen… es ist definierendes Charaktermerkmal."

Marlene hob ihre Augenbrauen.

„…Und ich hab' es ihr vielleicht gesagt."

„Schön."

„Es ist nicht so, als ob sie es nicht selber herausgefunden hätte …"

„Ich weiß, aber…"

„Hallo zusammen," unterbrach jemand neues, die in der Tür zum Abteil stand. Eine Blondine war eingetreten, sie trug ein gelbes Polokleid aus Wolle, das nicht ganz die Mitte ihrer Oberschenkel erreichte. Sie war kurvig und süß und Mary erkannte sie komischerweise nicht, obwohl sie aussah, als ob sie in ihrem Alter war.

„Hallo, Shelley," grüßte Donna sie, ohne wirklich von ihrem Alte Runen Buch aufzusehen. Alle anderen starrten dagegen die Neue– die in der Tat Michelle Mumps war – geschockt an.

„Sh- Shelley?" fragte Marlene, noch immer unsicher.

Dies schien die Reaktion zu sein, auf die Shelley eher gewartet hatte. Sie setzte sich auf den Platz neben Donna und strahlte von einem zum anderen Ohr – ein Lächeln, das gar nicht zu der ungelenken, schüchternen Shelley von vor zwei Monaten zu passen schien.

„Du siehst… hinreißend aus," schaffte es Mary durch ihren Schock hindurch zu sagen.

„Nicht, dass du das nicht schon vorher getan hast," korrigierte Lily hastig.

Meh," sagte Donna achselzuckend. Lily trat sie.

„Es ist okay," antwortete Shelley und es waren nicht bloß etwa zwölf Kilo und ein guter Zahnkorrekturspruch, die eine solche Veränderung hervorgerufen hatten; sie saß auch aufrechter auf der Bank und ihre Stimme war entspannter. „Marlene, dein Haar sieht edel aus."

„Äh…. Danke," sagte Marlene abgelenkt. „Nochmal zurück – was ist passiert?"

„Ne Diät, Sport und jemand, der dir gesagt hat, was du anziehen sollst?" schlug Donna vor.

„Von allem ein bisschen, ja," zwitscherte Shelley. „Und dieser fantastische Trank, von dem ich euch nachher alles erzählen muss. Ich empfehle ihn euch allen – er ist unglaublich." (Mary war sicherlich nicht die einzige, die auf diesen Kommentar hin die Augenbrauen hob… tatsächlich war Donna, die noch immer in ihr Alte Runen Buch vertieft war, die einzige, die das nicht tat). „Brilliant. Jedenfalls darf ich nichts essen, was süß, salzig oder braun ist, aber abgesehen davon, ist es brilliant. Ich bin so braun geworfen und hatte sogar ein paar Termine bei einem Psych-Heiler…"

„Modern," bemerkte Mary und Shelley nickte eifrig. Sie seufzte dann und lehnte sich in ihrem Sitz zurück.

„Meine ganze Perspektive hat sich verändert," sagte sie ihnen.

„Tja – das ist… gut, schätze ich," sagte Lily, während die anderen still waren. „Ich meine… du hörst dich… glücklich an?"

„Ich bin glücklich," schwärmte Shelley. „Ich habe in den letztem zwei Wochen mit mehr Typen geknutscht als in meinem gesamten Leben."

Mary und Marlene tauschten einen Blick.

„Schön für dich," sagte Donna trocken und blickte nicht von ihrem Buch hoch. Shelley hob ihre Augenbrauen.

„Tja, Donna. Wie war dein Sommer? Du – siehst noch immer aus wie die Alte?"

„Tue ich das?" fragte Donna. Sie legte ihr Buch zur Seite. „Tja, das ist lustig, weil ich eigentlich den Sommer damit verbracht hab, in einer Kneipe zu arbeiten um meine Brüder und Schwester zu unterstützen, alle vier Bände von Wafflings Magischer Theorie zu lesen, die Bücher auf der Liste für das nächste Jahr zu lesen, meine Hausaufgaben vor August zu beenden, Mary mit ihren zu helfen und einen respektierten Auror herumzukommandieren. Und es tut mir leid, du bist braun geworden, hast du gesagt?" Shelley hatte darauf keine direkte Antwort, bis Donna zu ihrem Buch zurückkehrte und murmelte: „Wundervoll. Carlotta Meloni, Band zwei."

Shelleys Lächeln verschwand sofort. „Ich schätze, ihr habt es schon gehört," sagte sie dunkel, nun an das ganze Abteil gerichtet. „Sabrina Barbery war draußen im Gang und hat es allen erzählt, die zuhören wollten und… oh, Marlene, sie hat auch Adam und Prudence Daly erwähnt – geht es dir gut?" Sie hörte sich für einen Moment fast wie die alte Shelley an.

„Adam und ich waren nie zusammen," sagte Marlene steif.

„Wirklich? Ich dachte, ihr hättet sicher… oh, naja, jedenfalls, James und Carlotta. Zusammen. Habt ihr das gehört?"

„J-ja," begann Mary. „Haben wir gerade gehört. Bist du okay?"

„Tja, jetzt schon," antwortete Shelley. „Nicht, als ich es zum ersten Mal herausgefunden habe. Carlotta hat mir sofort geschrieben, nachdem sie zusammen gekommen sind… vor ein paar Wochen. Sie waren anscheinend im selben Ort im Urlaub."

„Wie bei Frank!" sagte Marlene mit einem weiteren bedeutungsvollen Blick zu einer scheinbar ahnungslosen Lily.

„Carlotta hat mir die ganze Sache in einem Brief erzählt, schamlos wie immer," fuhr Michelle fort. „Ich habe zwei Tage lang geweint. Ich habe ganz viele Dinge mit Salz und Zucker gegessen und sogar ein halbes Dutzend braune Sachen – es war schrecklich."

„Und dann?" fragte Lily.

Shelley zuckte mit den Achseln. „Ich bin aus dem Bett aufgestanden, noch ein bisschen mehr von dem Trank gekauft, von dem ich erzählt habe, habe ein paar neue Kleider gekauft und die Bräunung. Ist das nicht schön?"

„Sehr schön," gab Mary zu.

„Ich bin immer noch dunkler," sagte Donna und Lily unterdrückte ein Kichern.

Mary runzelte die Stirn. „Und jetzt – jetzt regt es dich nichts mehr auf?"

Aufregen? Naja… vielleicht nicht aufregen. Ich habe keinen Grund mich aufzuregen." Sie lächelte wieder, mit gerade einer Spur von Unheil in ihrem Gesichtsausdruck. „Ich habe einen Plan, wisst ihr."

„Einen Plan?" sagten Lily und Marlene im Chor.

„Mhm." Sie schien sehr zufrieden mit sich selbst. „Wenn Carlotta mir eins beigebracht hat, dann, wie man sich einen Jungen angelt, der schon eine Freundin hat."

„Tja, ist das nicht wunderschön," sagte Lily, nach einiger Zeit, als Shelley wieder gegangen war. „Jetzt darf ich gleich James Potter im Schulsprechertreffen entgegentreten. Brilliant. Verdammt fantastisch."

„Ich mache mir Sorgen um sie," sagte Marlene. „Also Shelley. Sie scheint… anders."

„Und der Preis für die offensichtlichste Bemerkung geht an…" murmelte Donna.

„Wisst ihr," bemerkte Mary. „Ich glaube, du hast Recht. Es ist nicht bloß die Frisur und die Bräune und der weiße Eyeliner…"

„Selbstbewusstsein ist keine schlechte Sache," merkte Lily an.

„Es ist nicht Selbstbewusstsein," sagte Donna. „Es ist eine andere Art von Unsicherheit. Sie hat vielleicht ein paar Kilos verloren und ihre Haare gebleicht, aber sie ist immer noch Shelley Mumps. Menschen verändern sich nicht."

„Manchmal tun sie es," argumentierte Lily.

„Nicht ernsthaft."

„Manchmal schon."

„Nope. Wartet mal und seht… sie wird für eine Weile anders scheinen, aber es wird sich alles schnell abwaschen. Die gleiche Shelley, schlampigere Kleidung."

(12:00 Uhr)

Um die Mittagszeit wurde Donna zusammen mit Marlene auf die Suche nach dem Essenswagen geschickt, der vor einer Stunde bei ihnen gehalten hatte, aber nun um die Mittagszeit verzweifelt gesucht wurde. Und doch kehrte nur Donna zurück.

„Sie hat sich zu Prudence Daly gesetzt," erklärte die Hexe, packte einen Kürbiskuchen aus und ließ die Information im Raum stehen, als ob es ein Kommentar zum Wetter wäre.

„Prudence Daly?" wunderten sich Lily und Mary im Gleichklang und letztere fügte hinzu: „Warum denn das?"

Ich weiß das nicht. Prudence hat sie eingeladen. Sehr energetisch, das Mädchen… eher eine Hufflepuff als eine Ravenclaw. Ich wette, dass sie Leute umarmt. Sie scheint so ein Umarmungstyp zu sein. Jedenfalls…" Sie ließ ein paar Teilchen vom Essenswagen auf einen freien Platz fallen, „hier ist euer Essen. Guten Appetit. Ich muss los."

„Los wohin?" fragte Lily.

„Los um mich zu Bridget zu setzen."

„Bridget will nicht, dass du bei ihr sitzt," riet Lily ihr.

„Wie kannst du das bloß wissen?"

„Wie kannst du das denn nicht wissen?"

Donna sah empört aus. „Ich gehe," beharrte sie und ging, ohne den weisen Worten, die ihr zuteil wurden, irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken.

„Die arme Bridget," bemerkte Mary. Lily lächelte schwach und kehrte dann, Schokoladenfrosch-auspackend, zu dem Buch zurück, das sie am Lesen war. Mary seufzte. „Bist du dir sicher, dass es dir gut geht, Lily?"

„Mir? Oh ja, alles gut."

„Bist du dir sicher?"

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Mary. Mir geht es absolut gut."

Mary war nicht restlos überzeugt, aber sie war genug hinter's Licht geführt worden, dass die Schuldgefühle, die sie hatte, weil sie sich jetzt mit Stebbins treffen würde, zum Großteil gelindert waren.

„Geh schon," sagte Lily, als Mary ihr die Idee näherbrachte. „Ich kann auch ohne Probleme alleine sein."

„Wenn du dir sicher bist…"

Lily winkte sie davon und Mary ging los um Stebbins zu finden.


Die Toilette im Wagen drei des Hogwartsexpresses war nicht dafür gedacht, dass dort mehr als eine Person reinpasste. Im Gegenteil war sie ganz sicher so gebaut, dass nur eine Person wirklich bequem dort hineinpasste. Mary Macdonald sah dies nicht als Warnung gegen die Anwesenheit zweier Personen, sondern eher als eine Herausforderung.

Stebbins hatte ausversehen ein paar Mal den Wasserhahn aufgedreht und Marys Unterhose schien zu fehlen, aber abgesehen davon war die Erfahrung die wenigen blauen Flecken wert, die sie im Prozess geerntet hatten. Naja, wahrscheinlich.

Überwiegend.

Tja, okay, er war nicht phänomenal. Aber sie hatte schon viel schlechtere… oh, ohne Zweifel, viel schlechtere gehabt. Und phänomenal: naja, sie hatte eigentlich nur vielleicht einmal phänomenal gehabt. Sie dachte, dass das eher die Ausnahme als die Regel sein musste.

(Was Mary nicht wusste, war, dass selbst ihre Definition von „phänomenal" aufgrund ihrer jugendlichen Unerfahrenheit eher relativ zu sehen war.)

Stebbins fummelte mit seinem Gürtel herum – im Versuch, ihn wieder zu schließen – und Mary saß auf dem Waschbecken, schwindelig (hauptsächlich, weil sie nichts gegessen hatte, aber vielleicht auch aus anderen Gründen) und glückselig.

Als er sich wieder komplett gerichtet hatte, richtete Stebbins seine Aufmerksamkeit wieder auf Mary, er lächelte sie liebevoll an und gab ihr einen kurzen Schmatzer auf die Lippen.

„Ich liebe dich, Mary."

„Ich liebe dich," antwortete sie grinsend. Und sie dachte es wirklich auch.

Er war süß und lieb und kitschig und ein guter (naja) Fick. Was könnte sie denn noch in einem Freund wollen?

„Sollen wir zusammen rausgehen?" fragte Stebbins und strich Küsse über ihre Lippen.

„Mmm, nein…. Du gehst jetzt raus. Ich komme gleich raus."

Stebbins nickte. Er öffnete die Tür zum Gang weit genug um zu überprüfen, dass die Luft rein war und das musste sie gewesen sein, denn – mit einem letzten Lächeln zu Mary – trat er nach draußen. Mary verschloss die Tür und kehrte sofort zum Spiegel zurück.

Wie ein Profi zog sie ein Puderdöschen aus ihrer Tasche und puderte ihre Nase und Wangen wieder. Sie machte einen Finger unter dem Wasserhahn nass und wischte jegliche Wimperntusche weg, die sich unter ihre Augen verirrt hatte und sie hatte in weniger als einer Minute ihre Haare wieder zur Perfektion gerichtet. Unter ihrem Zauberstab säuberte sie ihr Kleid, fand ihre Unterhose und richtete ihr Outfit, sodass sie in weniger als fünf Minuten gar nicht mehr so aussah, als ob sie gerade Sex auf der Toilette von Wagen drei des Hogwartsexpress gehabt hatte.

Lächelnd schloss Mary die Tür wieder auf und folgte Stebbins Weg durch den Gang.

(19:00 Uhr)

Der Pfiff des Zuges ertönte und der Hogwartsexpress fuhr in den Bahnhof von Hogsmeade ein. Sofort schien der gesamte Zug vor Bewegung zu explodieren. Mary, die nach einem Nachmittag mit Stebbins ihr Abteil ziemlich verlassen vorgefunden hatte, hatte die letzten Stunden mit Sabrina Barbery und ihren Leuten verbracht. Sie waren auch keine schlechte Gesellschaft, obwohl Mary sich nie besonders… naja… herausgefordert bei ihnen fühlte.

Mary stellte sich im Gang in die Schlange mit den anderen, plauderte mit einem Mädchen namens Sheryll über den neusten Tratsch zu Sirius Black, aber als sie sich durch die Menge und auf den Bahnsteig zu bewegten, fokussierte sie ihre Aufmerksamkeit darauf, eine ihrer engeren Freundin oder ihren Freund zu finden.

Weder Marlene noch Lily (oder auch Donna) und Stebbins konnten jedoch gefunden werden und die anderen Schüler bewegten sich schnell auf die thestralgezogenen Kutschen zu, die sie hoch zum Schloss bringen würden. Anstatt in einer Kutsche mit irgendwelchen Drittklässlern zu landen, reservierte sie sich schnell einen Platz in Sabrina Barberys Kutsche und fuhr dann damit fort, ihre Augen nach jemand Besserem aufzuhalten.

Sie hatte jedoch kein Glück und endete doch in einer Kutsche mit Sabrinas Freundinnen.

Als die Kutsche schließlich stehen blieb, fand Mary schließlich eine ihrer Mitbewohnerinnen im Schlafsaal, allerdings war es Donna. Trotzdem sagte Mary den anderen auf Wiedersehen und hüpfte davon um mit Miss Shacklebolt zum Schloss zu laufen.

„Wo sind Lily und Marlene?"

„Keine Ahnung," sagte Donna. „Ich hab' mich gerade im Klo umgezogen, als wir ankamen. Wir wurden getrennt."

„Oh… und ich schätze nicht, dass du Stebbins gesehen hast, oder?"

„Wen?"

Stebbins. Meinen Freund."

„Oh, der. Nein, ich habe ihn nicht gesehen."

Die Zweit- bis Siebtklässler wurden durch die wohl bekannte Eingangshalle in die Große Halle geführt, die durch hunderte glühende schwebende Kerzen und die himmelsgleiche Decke voller Sterne hell erleuchtet war. Mary atmete die Gerüche der Halle ein und erkannte, wie sehr sie diesen Ort in den letzten Monaten vermisst hatte.

Sie setzte sich mit Donna an den Gryffindortisch und ihnen schlossen sich bald ihre anderen zwei Begleiterinnen an. Professor Dumbledore saß in der Mitte des Lehrertisches und Mary wunderte sich, dass sie nur ein Jahr zuvor am Gryffindortisch wie jetzt gesessen hatte und Professor Black zum ersten Mal gesehen hatte. Es schien Jahrzehnte her zu sein.

Ein anderer Zauberer hatte den Platz von Black eingenommen und da war eine Hexe mit krausem Haar, die Mary nicht erkannte, aber die anderen waren ihr alle wunderbar vertraut.

Professor McGonagall, die die Erstklässler abgeholt hatte, kehrte nun zurück und führte eine Schlange von nervösen Erstklässlern durch die Große Halle. Sie blickten sich alle staunend um, manche flüsternd und manche zu ehrfürchtig um überhaupt zu sprechen. Mary erinnerte sich, dass sie bei ihrer Zeremonie zu ersteren gehört hatte.

McGonagall verschwand in den kleinen Raum hinter dem Lehrertisch und erschien dann wieder mit einem Hocker, einer Pergamentrolle und dem Sprechenden Hut. Ein paar der Erstklässler blickten den Hut ängstlich an, während andere bereits zu wissen schienen, was kommen würde. Und doch traf sie alle ein kleiner Schock, als McGonagall den Sprechenden Hut auf den Hocker setzte, sich ein Riss in der Nähe der Nähte öffnete und der Hut zu singen begann.

(20:45 Uhr)

Das Abendessen war schnell vorbei. Das Willkommensfest dauerte normalerweise länger als eine Stunde, aber warum auch immer, an diesem Abend – dem 1. September 1976 – waren alle früher fertig und nach einer glorreichen Stunde des Festessens auf ihrem Rückweg.

Müde und satt machten sich die Schüler auf ihren Weg in die Eingangshalle.

Mary ging mit Marlene und Donna, und Lily ging einen Teil des Weges mit ihnen, bevor sie vorjoggte um sie alle mit Remus Lupin zum Gemeinschaftsraum zu führen. Das Lustige war – und es war eigentlich weniger lustig als interessant –, dass wenn Mary vorgegangen wäre und mit Lily gelaufen wäre, oder wenn sie zwei Minuten später die Große Halle verlassen hätte, hätte sie vielleicht nicht das gesehen, was sie sah, als sie mit ihren Freundinnen in Richtung Treppe ging.

Was sie sah, war folgendes: von der linken Seite der Marmortreppe in der Eingangshalle tauchten zwei zerzauste Personen in einer Art Zigzag-Gangart auf, sodass sich ihre Arme immer mal wieder berührten, und zwar Shelley Mumps, Marys Zimmergenossin, und Stebbins, Marys Freund.

Für eine kurze Sekunde registrierte ihr Gehirn die fröhliche Kunde: „Oh, da ist er. Es geht ihm doch gut…" bevor ihr Gehirn einige andere Dinge erkannte.

Zum Beispiel bemerkte sie die Tatsache, dass Shelleys korallenroter Lippenstift auf ihnen beiden war, und dass sie in dem Moment, in dem sie in das Licht der Eingangshalle traten, sie beide einfroren, da die Halle entweder deutlich voller oder leerer war, als sie es erwartet hatten, sodass ihre Ankunft unerwartet deutlich bemerkt wurde. Sie sah auch, dass Stebbins Mary als Erster sah und sein Gesichtsausdruck sofort ernst wurde, das Lächeln von seinen Lippen verschwand, bevor es wenige Sekunden später von Shelleys verschwand. Sie sah, dass als das Paar realisierte, was gerade passiert war, beide in sich selbst zu verschwinden zu schienen. Ihre Hände zuckten zurück und berührten sich nicht länger.

Sie sahen schuldig aus und wurden rot.

Mary bemerkte all dies. Es dauerte eine weitere halbe Sekunde, bevor sie es verstand.

Und dann schrie sie.

(21:20 Uhr)

DIESER BASTARD! DIESES VERFICKTE, LÜGENDE, BESCHISSENE ARSCHLOCH!"

Er hatte ihr nur Stunden zuvor gesagt, dass er sie liebte.

„DIESER BETRÜGENDE HURENSOHN!"

Sie hatte es zurück gesagt.

„…UND MIT DIESER FETTEN, HÄSSLICHEN POCKENNARBIGEN STRUNZE!"

Er hatte mit Shelley rumgeknutscht – vielleicht sogar geschlafen, soweit Mary wusste… absolut grundlos, einfach nur, weil er es konnte…

Carlotta betrat den Schlafsaal und Mary hielt im Werfen ihrer Schuhe inne. „Oh, du bist's… ich dachte, es hätte deine Hurenfreundin sein können."

Carlotta blieb weiterhin verwirrt über was genau passiert war und Mary erklärte es in den einfachsten Begriffen. Sie ließ ihre pure Wut und ihren Hass, den sie nun gegenüber Shelley Mumps empfand, ihre Stimme und Worte durchdringen und sie wollte diese Schuhe nicht werfen, sie wollte sie anzünden.

„Bist – bist du dir sicher?" fragte Carlotta schließlich. „Ich meine, bist du dir sicher, dass sie…?"

„Natürlich bin ich mir verdammt sicher! Sie waren verdammt noch mal da! Und ich – oh mein Gott, jeder hat mich gehört… ich hab' rumgeschrieben… warum hab ich sie nicht zumindest verhexen dürfen? Oder ihn? Oder beide?"

Carlotta probierte andere Ausreden, die es nur schafften Mary zu verärgern und sie war in der Hälfte ihrer Erklärung, warum Shelley von Stebbins gewusst haben musste, als ihr etwas einfiel. Sie erinnerte sich an Shelleys flapsige Kommentare im Zugabteil an diesem Morgen.

„Es gibt da etwas, was du über deine Busenfreundin wissen solltest, Meloni," begann sie. Sie fühlte, wie sie lächelte und hörte sich selbst sprechen, aber es schienen die Taten einer anderen Person zu sein.

Aber es war brilliant und es war perfekt.

„Mary, nicht…"

„Sie wird versuchen, mit James zu schlafen," sagte Mary.

Carlotta blinzelte. „Was?"

„Sie hat es uns heute Morgen gesagt."

„Nein, Shelley ist… Shelley ist okay damit, dass James und ich zusammen sind…"

„Nope," sagte Mary und ignorierte Marlene weiterhin. „Sie hat es uns im Zugabteil heute Morgen erzählt. Sie hat sogar einen Plan."

„Einen – einen Plan?"

„Jepp."

„Welchen Plan?"

„Ich weiß nicht," sagte Mary. „Ich bin mir sicher, dass du es aber herausfinden wirst. Du hast ihr doch alles beigebracht, was sie kann, oder?"

Carlotta setzte sich, als ob ihr das Stehen gerade sehr schwerfiel. Mary fühlte einen Schwall von rachsüchtiger Zufriedenheit und Marlene und Donna sahen beide etwas angespannt aus. Donna fuhr mit ihrer Aufräumarbeit fort und Marlene fuhr mit ihrem Babysitting fort.


„Oh, nie im Leben schläft diese rumhurende Schlampe heute hier drin," bellte Mary.

Shelley wurde rot und ihre Haare – nicht mehr so perfekt frisiert – fielen in ihr Gesicht, als sie ihren Blick auf den Boden richtete… sie war beschämt und peinlich berührt und verletzt. Sie war dies nicht gewöhnt. Sie war nicht Carlotta – selbst, wenn sie die Konsequenzen gekannt hatte, hatte sie sie nicht verstanden.

Mary konnte das nicht weniger egal sein.

„Mary, du kannst Shelley nicht aus dem Schlafsaal werfen," merkte Marlene an. „Sie hat sonst keinen Ort, an dem sie schlafen kann."

„Sie kann es ja mit dem Schlafsaal der Ravenclaw Jungs versuchen. Anscheinend sind sie nicht sehr wählerisch."

„Mary…"

Aber Marys Augen waren auf Shelley fixiert. „Was du nicht verstehst, Shelley, ist, dass ich eigentlich kein netter Mensch bin. Ich bin eine der fiesen, beliebten Bitches, die nichts anderes wollen, als sich über die Mädchen lustig zu machen, die ihre Nägel kauen und auf ihrem Haar rumbeißen. Normalerweise halte ich all das in mir drin, weil mich Lily schuldig fühlen lässt. Aber für dich werde ich eine Ausnahme machen, klar? Mein Rat ist, dass du aus meiner Sicht bleibst, weil – du weißt schon… aus den Augen, aus dem Sinn und… du willst nicht in meinem Sinn sein."

„Ich…"

„Oh, tut mir leid," unterbrach Mary wieder. „War da was, was du brauchst?"

„Ich wusste nicht…"

„Dank Merlin," seufzte Marlene plötzlich, aber es dauerte eine Sekunde, bevor Mary erkannte, warum. Lily hatte das Zimmer betreten, wahrscheinlich kam sie gerade von ihrem Schulsprechertreffen.

„Was passiert hier gerade?" fragte sie und bewegte sich weiter in das Zimmer.

„Nichts," antwortete Mary im Befehlston. „Shelley war gerade dabei, zu gehen."

Wenn Lily nicht gewesen wäre, wäre Shelley auch gegangen. Sie wäre wahrscheinlich auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum geendet.

„Nein, Shell, ignorier sie," sagte die Schulsprecherin, und legte einen Arm um Marys Schultern, während sie mit Marys Gegnerin sprach. „Komm, ich habe ein ganzes Zimmer für mich alleine, Mare. Wir machen… eine Übernachtungsparty oder so."

Mary löste ihre Augen nicht von Shelley, aber schließlich gab sie nach.

„Die Tür ist offen," rief Lily ihnen nach. „Ich komme gleich nach."


Und schließlich waren sie alle oben in Lilys Schlafsaal… tja, nicht alle von ihnen, aber Lily, Marlene, Mary und Donna saßen alle auf dem Bett der Schulsprecherin, mit einer gemeinsamen Flasche Feuerwhiskey zwischen ihnen.

„Es gibt die definitive Möglichkeit, dass wir zu viel trinken," bemerkte Marlene trostlos.

„Oder nicht genug," sagte Mary und nahm einen Schluck Feuerwhiskey. Sie reichte Donna die Flasche.

„Also, was denkt ihr?" fragte Donna, während sie nachdenklich in die Flasche blickte. „Schlimmster Tag überhaupt?"

Marlene ließ ihren Kopf auf Lilys Schulter fallen. „Schlimmster Tag überhaupt," murmelte die Blonde.

Mary seufzte. Der Feuerwhiskey brannte noch in ihrer Kehle – sie brauchte wirklich den nächsten Schluck – und selbst die alkoholinduzierte Benommenheit hob die Wut und Schuld und Traurigkeit nicht, die sich in ihrem Magen abgesetzt hatten.

Er hatte gesagt, dass er sie liebt und sie hatte es zurück gesagt.

„Schlimmster Tag überhaupt," stimmte sie zu.


Teil III: Donna

„Geist der vergangenen Weihnacht"

„Halt meine Hand."

„Ich werde nicht deine Hand halten."

„Warum nicht?"

„Weil ich elf Jahre alt bin und es lächerlich ist."

Donna blickte ihre kleine Schwester finster an, die – halb aufsässig, halb amüsiert – zur älteren Hexe aufsah.

„Und sowieso," fuhr Bridget Shacklebolt fort, „muss ich den Koffer schieben. Komm schon, Donna – ich kann ja wohl kaum entführt werden, während du hier rumstehst."

„Na gut," gab Donna nach. „Aber nur, weil ich nicht in der Lage wäre, meinen eigenen Koffer mit beiden Händen anzuschieben. Geh du vor."

Und so schritt Bridget mit aller Vorsicht durch die Barriere zwischen dem Gleis Neun und Zehn. Donna folgte ihr.

Das Gleis Neundreiviertel war gefüllt mit Schülern und ihren Eltern und Donna stolperte fast in eine Zweitklässlerin, als sie durch die Barriere trat. Bridget kicherte und Donna brauchte ihre gesamte Selbstbeherrschung, um nicht zu fluchen. Als sie wieder einen stabilen Stand hatte, schob Donna ihren Koffer dorthin, wo ihre jüngere Schwester auf sie wartete.

„Sei niemals so ein Kind," warnte sie sie. „Solche Kinder werden verhext."

Die zwei Shacklebolts schlängelten sich durch das Labyrinth an Leuten auf den Zug zu, und hielten nur inne, als Donna Lily auf einer Bank sitzen sah.

„Was in Merlins Namen sitzt sie da rum?" fragte sich Donna ungeduldig. „Sie wird den Zug verpassen. Am Tagträumen, schätze ich."

Bridget verdrehte ihre Augen, aber Donna tat so, als hätte sie es nicht bemerkt und sie näherten sich Lily, die in der Tat zu träumen schien, während sie auf der Bank saß und fast unbemerkt im ganzen Lärm vor sich hin summte.

„Komm schon," sagte Donna zu ihrer Freundin, die Formalitäten überspringend. „Ich suche uns ein Abteil."

Lily verdrehte ebenfalls ihre Augen, aber sie musste genauso wie Bridget an Donnas Art zu reden gewöhnt sein, da sie mit relativer Geduld antwortete: „In Ordnung, in Ordnung. Bin in ein paar Minuten da."

Donna nickte und deutete dann Bridget an, ihr zum ersten Wagen zu folgen.

Eine jüngere Schülerin (Donna konnte nicht einschätzen, wie alt sie war… alle Erst- bis Viertklässler sagen alle ungefähr gleich aus: klein) hüpfte über das Gleis, laut alle willkommen heißend. Donna haute sie fast mit ihrem Koffer um. Unbesorgt hüpfte das Mädchen davon und Donna starrte ihr böse nach.

„Sei auch nicht so ein Kind."


Donna fand ein Abteil, das von Marlene besetzt war, bevor sie ein leeres fand und so setzte sie sich dorthin, im Wissen, dass Lily es bevorzugen würde.

„Wow, Bridget," wunderte sich Marlene, „du bist so groß geworden."

„Du hast sie nicht mehr gesehen, seit sie acht war," bemerkte Donna und kümmerte sich um den Koffer ihrer Schwester. „Natürlich ist sie groß geworden."

„Ich weiß, aber es ist trotzdem ein Schock." Sie lächelte die kleine Hexe an – mit einem viel netteren Lächeln, als Marlene je für Donna übrighatte. „Freust du dich auf die Schule?"

Bridget nickte enthusiastisch. „Ich kann es nicht abwarten."

Donna setzte sich und ihre Schwester folgte ihr.

„Alles gut, Donna?" fragte Marlene. „Es ist bloß – was? Ne ganze Woche her? Wie war dein letzter Tag im Pub?"

„Gut."

Marlene lächelte gerissen. „Ist jemand Interessantes vorbeigekommen?"

Donna starrte sie böse an. „Du hast mit Black geredet."

„Was meinst du denn bloß?"

„Oh, halt die Klappe."

Marlene lächelte selbstgefällig.

„Hast du schon Adam gesehen?" fragte Donna spitz und Marlenes Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen.

„Lustig," sagte sie kühl und ihre Laune blieb schlecht, bis sich Mary, gefolgt von Lily, ihnen anschloss.

„Hast du genügend frische Luft auf dem Gleis tanken können?" fragte Marlene Letztere, als sich die Schulsprecherin setzte.

„Oh, ja, es war reizend." Aber selbst Donna hörte die Bitterkeit in ihrer Stimme.

„Ist – ist etwas los?" fragte Mary.

„Oh, nein, alles ist verdammt fantast…" Lily erkannte die jüngere Hexe und brach ab. „Hallo, Bridget. Sorry…" Fügte sie für Donna hinzu.

„Was ist heute mit allen los?" wollte Mary wissen, die – abgesehen von Bridget – die einzige positive Person hier zu sein schien.

„Wovon redest du? Ich bin unbeschreiblich fröhlich gerade," sagte Lily sarkastisch.

„Offensichtlich."

Bridget räusperte sich. „Was für ein Spaß hier, aber ich muss Millie Bones am Ende des Wagens treffen…"

„Wie kannst du jetzt schon Freunde haben?", wunderte sich Donna. Sie hatte schließlich keine richtigen Freunde bis… tja… eher nach dem ersten Schultag gehabt.

„Ich bin mit Millie aufgewachsen, Donna."

„Wirklich? Ehrlich? Oh. Ey - warte eine Minute…" Bridget ging zur Tür und Donna stand auf, „Ich bringe dich hin… passe auf, dass du nicht verloren gehst…"

Sie ignorierte Bridgets Proteste und folgte ihr in den Gang.

„Ehrlich, Donna," wiederholte das jüngere Mädchen beharrlich, als sich die beiden durch den vollen Gang quetschten. „Ich bin elf Jahre alt. Ich bin wohl in der Lage, auf mich selbst aufzupassen."

„Bist du nicht… nervös?" fragte Donna überrascht. „Ich war…" (verdammt panisch) „… ein bisschen angespannt an meinem ersten Tag."

„Natürlich bin ich nervös," antwortete Bridget, die über ihre Schulter lächelte. „Ich hab' Schmetterlinge in meinem Bauch und jedes Mal, wenn ich an den Sprechende Hut denke, habe ich das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen. Aber es ist auch aufregend. Es… macht Spaß."

„Du – du hattest bis jetzt nicht sehr viel Spaß, schätze ich, oder?" fragte Donna sanft.

Bridget schien die Frage nicht zu verstehen, aber sie fand ihre Freundin – ein Mädchen mit großer Nase und buschigen Haaren, von dem Donna hoffte, dass sie schlau war. „Oh, schau, hier ist Millie!"

(12:00 Uhr)

Etwa gegen Mittag hatten sich Donna und Marlene halb dazu gemeldet, den Essenswagen zu finden und den anderen Snacks mitzubringen. Der erste Wagen, obwohl er voll war, brachte ihnen jedoch keinen Erfolg und so bewegten sie sich zum nächsten, aus Gewohnheit über nichts bestimmtes vor sich hin zankend, bis sie im dritten Wagen, aus einer unglücklichen Schicksalswende heraus, in die Personen hineinliefen, die Donna am wenigsten sehen wollte: eine Gruppe von Ravenclaws, die leider Charlie Plex beinhaltete.

Sie hingen im vollen Gang herum und Marlene schritt nur mit Anstrengung um sie herum. Bevor Donna dies jedoch auch tun konnte, stellte sich ihr Charlie jedoch in den Weg.

Beweg dich," fuhr sie ihn an.

„Du hast mir den ganzen Sommer nicht geschrieben," antwortete Charlie, ihren Befehl ignorierend. „Hast du mich überhaupt nicht vermisst?"

Seine Freunde – es waren zwei – lachten.

„Warum würde ich dich vermissen?" entgegnete Donna. „Du hast versucht, mich mit deiner Freundin in Schwierigkeiten zu bringen und bist selbst mit Tentakeln im Krankenflügel gelandet. Dummheit ist kein attraktives Merkmal, Plex. Wie geht es denn eigentlich der lieben Cassidy? Ich habe gehört, dass sie dich recht unterhaltsam abserviert hat…"

Charlie starrte sie wütend an.

„Ich hab' übrigens eine neue Freundin," sagte er ihr kühl. „Sie ist ein viel besserer Fick als du es je warst…"

Marlene lachte laut und die Ravenclaws und Donna sahen sie an. „Was?" fragte die Blonde spottend. „Ich habe gehört, dass du mit Clancy Goshawk ausgehst. Das Mädchen trägt sonntags ihre Schuluniform. Nie im Leben schläft sie mit dir. Du durftest sie wahrscheinlich noch nicht mal unterhalb der Schultern berühren."

Charlie sah aus, als hätte man ihn geschlagen und Marlene nutzte die Gelegenheit, den Kragen seines Umhangs zu packen und ihn aus Donnas Pfad zu ziehen. Sie schritt vorbei und die beiden versuchten, hastig zu verschwinden, bevor Charlie sich zusammenreißen konnte. So viel Glück hatten sie nicht.

„Ich hab' dich mit deiner Schwester auf dem Gleis gesehen!" rief Charlie hinter ihnen her. Er hatte einen Nerv getroffen und er musste es erraten hatte, als Donna zögerte.

„Bitte, bitte, lass uns einfach gehen," flehte Marlene, aber Donna war eingefroren.

„Sie ist ein süßes klein Ding, oder?" fuhr Charlie fort. „Ich hoffe, sie landet in Ravenclaw – ich bin mir sicher, wir haben so viel, worüber wir uns unterhalten können!"

Donna drehte sich auf der Stelle um. „Wenn du auch nur mit ihr sprichst…"

„Dann machst du was?" zog der Ravenclaw sie auf, aber Donnas Wut überstieg ihren Willen, ihn in seine Schranken zu verweisen. „Weißt du, ich verstehe nicht, warum alle so viel Angst vor dir haben, Shacklebolt. Deine Drohungen sind alle leer. Sag mir, weiß sie, was für eine Schlampe ihre ältere Schwester ist?"

Donna tastete nach ihrem Zauberstab, aber Marlene packte ihren Arm.

„Er redet nur," sagte sie ernst. „Und er ist es nicht wert." Trotzdem musste Marlene Donna quasi in den nächsten Wagen ziehen, an dessen Ende der gesuchte Essenswagen war. Donna hatte ihren Appetit verloren.

„Er sollte sich besser von Bridget fernhalten," murmelte Donna, eher zu sich selbst als zu ihrer Begleiterin.

„Das wird er," sagte Marlene. „Und wenn nicht, dann töten wir ihn, okay?"

Das klang richtig in Donnas Ohren. Sie stellten sich an die Schlange des Essenswagens an, aber Marlenes beruhigende Worte konnten die neugeschaffenen Zweifel in Donna nicht auslöschen. Als sich jemand anderes der kleinen Gruppe anschloss und mit Marlene sprach, dachte Donna einen Moment lang, dass es vielleicht wieder Charlie war, aber glücklicherweise war es bloß Adam McKinnon. Ihn begleitete ein winzig kleines indisches Mädchen, das seine neue Freundin sein musste und Donna achtete nicht auf die Höflichkeiten, die die drei austauschten.

Was würde Charlie Plex zu Bridget sagen, falls er die Gelegenheit hatte? Falls sie in seinem Haus enden würde, würde er ihr Leben zur Hölle machen? Würde er sie aufziehen? Würde er ihr alles über seine „Beziehung" zu Donna im letzten Jahr erzählen? Selbst, wenn er das nicht tat, war es möglich, dass sie es schließlich herausfinden würde – sogar höchstwahrscheinlich, so wie die Leute an dieser Schule tratschten…

„Hi Shack," grüßte Adam sie schließlich höflich.

Donna nickte zur Antwort, aber die erwartungsvolle Stille, die folgte, sagte ihr, dass sie noch etwas sagen sollte. Das einzige, was ihr einfiel, war Quidditch: „Hast du das Manöver über die Ferien geübt?"

Keiner schien die Frage zu verstehen.

„Die Flugübung, von der Potter letztes Jahr meinte, dass wir sie trainieren sollen…"

„Oh. Das. Richtig," sagte Adam. „Ja, ein bisschen."

Donna entfernte sich aus der Unterhaltung, als sie wieder an Marlene gerichtet wurde, die sich durch schlechte Erklärungen verschiedener Ereignisse stammelte. Donna, die in der Zwischenzeit das vordere Ende der Schlange erreicht hatte, versuchte sich daran zu erinnern, was Lily und Mary bestellt hatten, aber endete schließlich damit, eher zufällige Dinge zu bestellen und hielt nur kurz inne um zu überlegen, welche Tüte von Bertie Botts eine vernünftigere Anzahl von Bohnen für den Preis enthielt.

„Unterbrech' mich gerne," sagte Marlene zu Donna, als sie sich mit einer Beschreibung des Protestes am Ministerium abmühte. Donna fragte sich, wie sie so cool Charlie Plex zurechtweisen konnte, und sich doch nicht mühelos mit ihrem angeblich besten Freund unterhalten konnte.

„Aber du schaffst es doch so gut, alles selbst zu erklären."

Marlene zog ihr eine Grimasse, aber Adam versuchte noch immer, die Geschichte zu verstehen.

„Warte, Shack ist auch ins Gefängnis gekommen?"

„Nein, sie hat sich nicht einmal an den Brunnen binden lassen. Sie ist gegangen, als wir das alle entschieden haben. Aber sie hat Lathe eine Eule geschickt, sodass die Auroren kamen und alles gut ging. Und dann ist sie auch zu Franks und Alices Hochzeit gekommen, obwohl sie nicht an sie glaubt."

„An Frank und Alice?"

„Nein. Hochzeiten. Selbst Donna muss an Frank und Alice glauben, oder, Donna?"

„Ich höre eurer Unterhaltung nicht zu," gab Donna zu. Sie hatte sich gefragt, was Bridget gerade tat… sie hatte sich zu Millie Bones in ein Abteil gesetzt. Konnte man Millie Bones trauen? Kingsley dachte anscheinend, dass sie ihrer kleinen Schwester eine gute Freundin war, aber Donna hatte es nicht überprüft. Millie Bones könnte ein schlechter Einfluss sein. Sie könnte Probleme verursachen (und tat es wahrscheinlich auch).

Diese Millie Bones Person musste gestoppt werden.

„In Ordnung, ich bin fertig," verkündete Donna, bezahlte ihre Waren und fiel die Entscheidung über das, was getan werden musste. „Holst du dir irgendwas, Marlene?"

„Äh… nein, ich glaube, doch nicht. Hast du alles für Mary und Lily?"

„Natürlich." (Hoffentlich).

„Okay." Wieder zu Adam und Prudence: „Tja, es war nett, euch gesehen zu haben…"

„Warte eine Sekunde," meldete sich Prudence zu Wort, „das ist jetzt vielleicht seltsam, aber – würdest du gerne mit meinen Freundinnen und mir zu Mittag essen, Marlene?"

„Äh…"

„Du musst natürlich nicht. Adam wird mit seinen Freunden aus Hufflepuff essen und ich werde bei meinen Freundinnen sitzen und daher dachte ich, dass es eine gute Gelegenheit sein könnte, dass wir uns kennenlernen."

„Oh, naja… ich schätze ja. Danke."

„Wie schön!" quietschte Prudence und bevor Donna dagegen stimmen konnte (weil sie vorgehabt hatte, dass Marlene die Snacks zurück zu Mary und Lily bringt und sie auf die Suche nach Bridget gehen konnte), wurde Marlene weggezaubert.

Adam schien auch nicht besonders glücklich.

„Du bist dran," bemerkte Donna.

„Dran für was?" fragte er abgelenkt.

Sie nickte zum Essenswagen hin.

„Oh. Richtig. Da-…"

Donna hörte jedoch nicht den Rest von Adams Dankbarkeit, da sie bereits zurück zum Abteil ihrer Freunde hastete.


„Wo ist Marlene?" fragte Mary, als Donna alleine zurückkehrte.

„Sie hat sich zu Prudence Daly gesetzt," antwortete Donna unbesorgt.

„Prudence Daly?"

„Warum?"

„Ich weiß das nicht. Prudence hat sie eingeladen. Sehr energetisch, dieses Mädchen…" fügte Donna hinzu, die sich an Prudence überfröhliche Stimme erinnerte, „eher eine Hufflepuff als eine Ravenclaw. Ich wette, sie umarmt Leute. Sie scheint wie ein Umarmungstyp. Jedenfalls…" Sie ließ ein paar Essensgegenstände vom Wagen auf einen leeren Sitz fallen, „hier ist euer Essen. Guten Appetit. Ich muss los."

„Wohin los?" fragte Lily.

„Los um mich zu Bridget zu setzen."

„Bridget will nicht, dass du bei ihr sitzt."

„Wie kannst du das bloß wissen?"

„Wie kannst du das bloß nicht wissen?"

Aber Donna hatte keine Zeit zum Streiten. Wer wusste schon, in welche Schwierigkeiten Bridget geraten könnte, je länger sie nicht unter Donnas Aufsicht stand? „Ich gehe jetzt," verkündete sie und tat das.

Sie erinnerte sich an das Abteil von zuvor, als sie so törichterweise Bridget erlaubt hatte, in unbekannte Gefahren zu streunen und Donna betrat es ohne zu klopfen.

Es war sofort klar, dass sie keinen Moment zu früh kam, da es eine weitere Ergänzung zu der Gruppe gegeben hatte: ein kleiner Junge.

„Donna!" grüßte Bridget sie fröhlich. „Was tust du hier?"

„Ich werde mich zu dir setzen," sagte Donna ihr.

Bridgets Freude verschwand sofort. „Warum?" fragte sie skeptisch.

„Einfach so."

Sie hätte Platz genommen, aber Bridget sprang auf. „Donna, kann ich bitte mit dir sprechen?" Die zwei Schwestern gingen hinaus in den Gang und Bridget schloss die Abteiltür und führte ihre Schwester ein paar Schritte weiter.

„Was tust du?" fragte sie laut flüsternd.

„Ich wollte mich neben dich setzen," wiederholte Donna. „Es ist nicht sicher, wenn du alleine sitzt."

„Du kannst nicht neben mir sitzen."

„Doch, das kann ich. Wer ist der Junge?"

„Welcher Junge?"

„Der im Abteil."

„Dromio Prewett."

„Ich mag ihn nicht."

„Du kennst ihn gar nicht."

„Das stimmt. Ich sollte ihn kennen lernen, bevor ich entscheide, dass ich ihn nicht mag."

„Genau."

„Also sind wir einer Meinung."

„Bei welchem Thema?"

„Dass ich neben dir sitzen werde."

„Warte, ich…"

Donna schritt jedoch um ihre Schwester herum und öffnete wieder die Abteiltür. Sie setzte sich ans Fenster.

„Hallo, ich bin Bridgets Schwester," verkündete sie ruhig. Bridget kehrte ins Abteil zurück und ein unverkennbares Stöhnen entwischte ihr.

(17:00 Uhr)

Ich will nach Ravenclaw," sagte Dromio Prewett und Donna sah von ihrem Buch auf (Bridgets Erstklässlerbuch für Geschichte der Magie… eine der wenigen Dinge, die in diesem Abteil verfügbar waren).

„Ich denke, Ravenclaw wäre in Ordnung," stimmte Millie Bones zu. „Oder Hufflepuff, schätze ich."

„Ich weiß nicht, wohin ich komme," sagte Bridget. „Kingsley und Donna waren beide in Gryffindor."

„Wie meinst du das, waren?" fragte Donna. „Ich bin nicht tot."

„Offensichtlich," sagte Bridget trocken. Donna zuckte mit den Achseln und kehrte zu dem Buch in ihren Händen zurück.

„Ich finde, Gryffindor wäre cool," fuhr Millie fort. „Aber ich bezweifle, dass ich reinkommen würde. Mutig klingt absolut gar nicht nach mir."

„Gryffindor wäre okay," stimmte Dromio. „Alles außer Slytherin, wirklich. Ich habe gehört, dass das alles Arschlöcher sind…"

„Keine Schimpfwörter," fuhr Donna ihn an. Ihr entging auch nicht der Blickwechsel zwischen den drei und schließlich seufzte Bridget.

„Donna, kann ich kurz mit dir reden?" fragte sie und stand auf.

„Mhm."

Donna bewegte sich nicht.

„Draußen."

„Red' keinen Quatsch, wir sind in einem Zug."

Im Gang."

„In Ordnung."

Wieder einmal folgte Donna ihrer Schwester hinaus auf den Gang, wo sie mit sicherem Abstand zum Abteil stehen blieben.

„Ich werfe dich raus," verkündete die Elfjährige.

„Was? Du kannst mich nicht rauswerfen!"

„Kann ich und mache ich."

„Ich bin deine große Schwester."

„Ja, ich erkenne das und du warst den ganzen verdammten Nachmittag meine große Schwester!"

„Keine Schimpfwörter, Bridget!"

„Siehst du!" sagte die Jüngere ungeduldig. „Davon rede ich! Du musst damit aufhören und weil du damit nicht aufhören kannst, musst du das Abteil verlassen!"

„Aber…"

„Donna," unterbrach Bridget flehend. „Wenn du mir folgst, werde ich nie Freunde finden. Du wirst sie alle davon scheuchen und du willst doch nicht, dass ich komplett alleine und freundelos bin, oder?"

„Also, nein, aber…"

„Komm schon – du hast deine eigenen Freunde. Geh zu denen."

„Ich muss aber doch ein Auge auf dich haben."

„Nein, das musst du nicht. Mir geht es ausgezeichnet. Ich weiß nicht, vor was du mich beschützen willst, aber du musst es nicht. Und es wird sicherlich nicht helfen, wenn du meine Freunde da drin ärgerst. Donna, ich liebe dich, aber ich will nicht, dass du mir überall hin folgst an meinem ersten Tag … oder auch an irgendeinem anderen Tag."

Donna seufzte.

„Na gut," gab sie nach. „Aber… aber geh nicht verloren, okay?"

„Es ist ein Zug. Es wäre ziemlich schwer, hier verloren zu gehen, oder?"

„Versprich es mir einfach, ja?"

Bridget nickte. „In Ordnung."

„Danke."

Das jüngere Mädchen gesellte sich wieder zu ihren neuen Freunden und Donna überlegte, zu dem Abteil zurückzukehren, welches etwas früher an diesem Nachmittag durch ihre eigenen Freunde belegt gewesen war, aber sie entschied sich dagegen und ging stattdessen in den nächsten Wagen. Sie ging mit der vagen Intention, das Hintere des Zuges anzusteuern, aber – im dritten Wagen – begegnete sie wieder dem Essenswagen und entschied stattdessen, dass sie etwas essen wollte.

Sie kaufte ein paar Schokoladenfrösche, eine Kürbispastete und eine Tüte Geleeschnecken und machte auf den Absatz kehrt, aber als sie das tat, stolperte sie fast über eine Hufflepuffhexe… tatsächlich genau die letzte Hufflepuff, die sie gerade sehen wollte.

Der Gesichtsausdruck des Mädchens verzog sich sofort angesäuert. „Oh, hallo, Hure," sagte Cassidy Gamp, die ihre Arme verschränkte. „Immer noch hier, ja? Ich habe ein Gerücht gehört, dass du die Schule abgebrochen hast um in einer Kneipe zu arbeiten."

Ein Dutzend Erwiderungen – clevere Antworten, die Cassidy Gamp zurechtgewiesen hätten – stiegen zu Donnas Zunge auf. Ein dutzend Arten, wie sie diese Hufflepuff-Bedrohung mit den gelben Haaren und leeren Augen verstummen lassen könnte, kamen ihr, wie sie es fast immer taten. In den langen Stunden im Tropfenden Kessel, wenn wenig los war und Donnas Aufmerksamkeit ihr stets gegenwärtiges Buch verlassen hatte, hatte sie sich Szenarien vorgestellt, in denen Cassidy sie nicht von hinten verhext hatte, sondern Donna anmerken konnte, dass es Cassidys eigene Schuld war, dass sie nicht erkannt hatte, dass Charlie sie betrog – dass ihre eigene Naivität Schuld war und dass Donna keinerlei Verpflichtung gegenüber Cassidy Gamp hatte, einer quasi Fremden. In diesen Fantasieszenarien stellte sich Cassidy, ein Mädchen mit durchschnittlicher Intelligenz, von der Donna wusste, dass sie ihrer eigenen unterlag, immer als die Verliererin heraus: sie würde rot werden und schnauben, bevor sie davon stürmte, während Donna zufrieden war, dass sie nun endlich die Chance gehabt hatte, ihre Perspektive zu zeigen.

Und hier, am Essenswagen im zweiten Wagen des Hogwartsexpresses hätte Donna dies alles sagen können.

Aber, warum auch immer, tat sie das nicht.

„Es tut mir leid, Cassidy," sagte sie stattdessen.

Cassidys blaue Augen weiteten sich vor Schock und sie wurde rot. „Was?"

„Es tut mir leid," wiederholte Donna und es war schwieriger, es zu wiederholen; beim ersten Mal war ihr die glitschige Entschuldigung einfach aus dem Mund gefallen. Beim zweiten Mal musste sie ihren protestierenden Stolz ignorieren – und die eine Sache zugeben, die Donna Shacklebolt nie zugab: dass sie im Unrecht gewesen war.

Cassidy konnte es nicht glauben. Sie starrte weiter mit offenen Mund Donna an. Obwohl Donna es nicht wusste, hatte sich die Hufflepuff ebenfalls eine solche Szene zwischen den zwei Hexen vorgestellt. In Cassidys Version hatte Donna ihre typische bissige Antwort gegeben. Cassidy hatte gekontert und ein langes, zufriedenstellend fieses verbales Duell folgte, bei dem Cassidy sich gerade so durchsetzen konnte: in dem sie etwas anmerkte, das am gut versteckten Gewissen der Gryffindor kratzen würde… und sie in einer geschockten (vielleicht schuldigen) Stille zurücklassen würde, sodass Cassidy erhobenen Kopfes davon gehen konnte.

Donna folgte dem Skript nicht.

„Wie meinst du das ‚es tut dir leid'?" wollte Cassidy wissen. „Du – du kannst doch nicht einfach… dich einfach so entschuldigen… und erwarten, dass ich vergesse, was du und… was du und er mir angetan haben!"

„Vergessen?" wiederholte Donna. „Warum würde ich wollen, dass du das vergisst, du Idiotin?" (Das klang normaler). „Mädchen wie du verschaffen uns Teenagern einen schlechten Ruf." Cassidy schnaubte, aber Donna fuhr fort, „Ich hoffe jedenfalls, dass du es nicht vergessen hast. Ich hoffe, dass es dich ein wenig schlauer gemacht hat – es können doch nicht alle Hufflepuffs komplett dumm sein, oder? Die natürliche Auslese hätte euch sonst vor Jahrhunderten eliminiert."

Cassidy wurde rot und stammelte etwas Unverständliches, bevor sie es schaffte, eine echte Antwort herauszubringen: „W-w-warum kümmert es dich überhaupt?"

„Ich weiß nicht," sagte Donna verteidigend. „Tut es nicht, schätze ich. Ist mir egal. Ich weiß nicht mal, warum ich… ich mich…"

„Entschuldigt hast?" schlug die Essenswagendame vor, die sowohl Donna als auch Cassidy komplett vergessen hatten. Donna blickte die ältere Hexe über ihre Schulter böse an.

„Keiner hat dich gefragt." Sie drehte sich zu Cassidy zurück. „Aber ja, eigentlich genau das. Es ist mir egal – ich glaube nicht, dass ich mich für irgendwas zu entschuldigen habe, aber… trotzdem…" Sie zögerte wieder und Cassidy, die zu geschockt gewesen war, um die ersten zwei Tut-mir-leids wirklich wertzuschätzen, erwartete nun das dritte mit sichtbarer Spannung. „…Trotzdem hätte ich nicht tun sollen, was ich getan habe. Dir angetan habe."

„Wie kannst du im selben Satz sagen, dass du dich für nichts zu entschuldigen hast und dann, dass du es nicht hättest tun sollen?" wollte Cassidy wissen. Donna starrte sie böse an.

„Wenn ich das verdammt nochmal wüsste," fuhr sie sie an. „Hast du dir nie selbst widersprochen? Natürlich nicht. Du bist nicht tiefsinnig genug. Merlin."

Aber Cassidy fühlte sich davon nicht angegriffen. Ein Lächeln wuchs auf ihren Lippen.

„Hör auf damit," befahl Donna. Cassidy ignorierte sie. „Hör auf."

„Du fühlst dich wirklich schuldig, oder?" staunte die Blondine. „Du, Donna Shackbolt…"

„Es ist Shacklebolt, Idiot."

„… du fühlst dich tatsächlich schuldig."

Abwehrend: „Na und?"

„Tja, ich habe noch nie gehört, dass du dich wegen etwas schuldig fühlst," schob die Essenswagendame wieder ein.

Stimmt's?"

„Wieder einmal hat dich keiner gef… – woher willst du das überhaupt wissen?"

Cassidy war nun am Strahlen und Donna dachte nicht, dass sie physisch auch nur eine weitere Minute davon ertragen konnte. „Du fühlst dich wirklich schuldig," wiederholte die erstaunte Hufflepuff.

„Oh, hau doch ab," seufzte die Gryffindor und ohne etwas vom Wagen zu kaufen, schlüpfte sie an einer noch immer lächelnden Cassidy vorbei.

(18:00)

Es gab keine Aussichtsplattform, aber Donna stand am Ende des allerletzten Wagens und durch das Fenster der Tür konnte sie die sich entfernenden Schienen sehen, die sich endlos hinter ihnen ausstreckten, als ob der Hogwartsexpress Fußstapfen hinterließ.

Sie war bereits über eine halbe Stunde lang dort gewesen, aber sie fühlte sich mulmig bei dem Gedanken, wieder zum ersten Wagen zurückzukehren, da sie nicht wieder auf Cassidy stoßen wollte.

Dieser Teil des Zuges war stiller als der Rest. Etwa ein Viertel der Abteile waren komplett unbenutzt und wenige Schüler bewegten sich im Gang herum, sodass Donna sich umdrehte, als sie Schritte hinter sich hörte, um zu sehen, wer sich näherte.

Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde ihre vage Angst, dass es eventuell Charlie Plex war, dadurch beruhigt, dass es stattdessen Adam McKinnon war.

„McKinnon," grüßte sie.

„Shack," antwortete Adam. „Was machst du hier?"

Donna zuckte mit den Schultern. „Bridget wollte nicht mehr, dass ich neben ihr sitze."

„Wer ist Bridget?"

„Meine Schwester."

„Du hast eine Schwester?" fragte Adam ungläubig.

„Ja, es ist ihr erstes Schuljahr. Und noch drei Brüder."

„Wirklich? Hm."

„Was?"

„Nichts. Ich kann dich mir nur nicht als große Schwester vorstellen."

„Anscheinend ist für Bridget die Vorstellung auch nicht so schön."

Adam grinste. „Oh, komm schon, Shack. Du kannst es ihr nicht vorwerfen. Sie will wahrscheinlich nur neue Leute kennenlernen… du hättest auch nicht gewollt, dass Kingsley dir an deinem ersten Schultag herumfolgt."

Donna entschied sich dagegen zu erwähnen, dass sie an ihrem ersten Tag Kingsley gefolgt war, bis sie absolut gezwungen gewesen war, sich den anderen Erstklässlern anzuschließen. Sie zuckte bloß mit den Schultern und wechselte das Thema. „Wo ist deine kleine Freundin?"

„Zufälligerweise ist sie gerade zu ihrem kleinen Bruder gegangen," antwortete Adam. „Sie soll mich allerdings hier treffen, bevor wir ankommen." Donna nickte zur Antwort, während ihr Kopf ganz woanders war und nach einer kurzen Stille fügte Adam hinzu: „Wie findest du sie?"

„Wie ich wen finde?"

„Prudence."

„Oh, ich weiß nicht. Sie ist sehr klein."

Adam verdrehte seine Augen.

„Tja, ist sie. Sie kann nicht mehr wiegen als eine Quaffel."

„Witzig."

„Es ist keine Beleidigung. Manche Mädchen sind einfach Quaffeln."

„Und manche sind Klatscher," entgegnete Adam. Donna schnaubte.

„Damit habe ich kein Problem. Klatscher verfolgen das, was sie wollen."

„Aber was sie wollen, ist Leute von ihren Besen zu hauen."

„Nochmal: Damit habe ich kein Problem."

Adam grinste kopfschüttelnd. „Du bist eine Seltsame, Shack. Wie waren deine Ferien denn?"

„Ganz okay. Langweilig."

„Was habe ich da von einem Protest gehört?"

Donna zuckte wieder mit den Schultern. „Es war keine große Sache. Ich bin jedenfalls früh gegangen."

„Und Frank und Alice? Ich hab' das Gefühl, ich hab so viel verpasst."

„Das hast du."

„Danke. Ich dachte, du meintest, es wäre langweilig gewesen…"

„Das war es, aber jede Menge langweiliger Dinge sind passiert. Ich hab' im Tropfenden Kessel gearbeitet."

„Ja, das habe ich gehört. Du und Sirius…"

„Mhm."

„Habt ihr euch verliebt?" zog Adam sie auf. „All diese Spätschichten mit romantischem Licht…"

„Halt die Klappe."

„Du wirst rot."

„Werde ich nicht."

„Wirst du doch! Warte… Shack… hast du dich wirklich in Black verknallt?"

„Sei kein Blödmann. Ich schwärme nicht für Sirius Black."

Adam blickte sie nachdenklich an. „Aber du schwärmst für jemanden?"

„Verpiss dich, tue ich nicht."

„Lügnerin. Es ist nicht dieser Charlie Plex Typ, oder?"

Donna starrte ihn böse an.

„Ich schätze wohl nicht. Wer ist es denn? Warum die Geheimhaltung? Ist er verheiratet?"

„McKinnon."

„In Ordnung." Aber er schien nicht weniger amüsiert. „Also," fuhr er gegenwärtig fort, „hast du deine Freunde viel gesehen?"

„Sicher."

„Ja? Und… und die Rumtreiber?"

Donna verdrehte ihre Augen. „Du liegst ganz falsch. Ich stehe nicht auf Black."

„Richtig." Adam war still und Donna fragte sich, ob sie die Richtung seiner Verhörfragen falsch interpretiert hatte. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, worauf er abzielte und sie wollte nicht rumraten, also wechselte sie wieder das Thema.

„Denkst du, ich hätte in Ravenclaw sein sollen, McKinnon?"

„Was?"

„Denkst du, ich gehöre nach Ravenclaw?" fragte sie und als Adam nicht sofort antwortete, fügte sie hinzu. „Es ist keine schwierige Frage, ich verstehe nicht, warum du herumgrübelst, als ob es ein Rätsel der Sphinx wäre oder so."

„Tja, ich weiß es nicht," sagte der Zauberer. „Ich habe nie darüber nachgedacht. Willst du denn in Ravenclaw sein?"

„Nicht mehr. Es ist Bridget, um die ich mir Sorgen mache."

„Deine Schwester? Denkst du, sie wird nach Ravenclaw kommen?"

Donna zögerte.

„Ich verstehe nicht, warum du herumgrübelst, als ob es ein Rätsel der Sphinx wäre." Sagte Adam trocken und Donna verdrehte ihre Augen.

„Mir ist es eigentlich egal, wo sie landet," antwortete die Hexe schließlich. „Eigentlich, außer… außer, dass ich nicht will, dass sie – also… sie hat diese Vorstellung von mir. Sie denkt, dass ich… gut bin. Und ich will nicht, dass sie etwas anderes herausfindet."

Adam nickte langsam, er schien zu verstehen. „Weißt du, Shack, es gibt eine Möglichkeit, das zu garantieren."

„Indem ich Charlie Plex umbringe? Glaub mir, das ist mir auch schon eingefallen."

Nein," sagte Adam. „Beweis ihr, dass sie Recht hat."

„Dafür ist es zu spät," antwortete Donna. „Jedenfalls ist es nicht nur das. Es gibt auch andere Dinge, die sie nicht… es ist bloß… sie ist zu jung. Ich war nicht so jung, als ich elf war."

Adam sah sie mit offensichtlicher Belustigung ein paar Sekunden lang an. „Eine beschützerische Shack," bemerkte er dann, „das sollte interessant werden."

Donna blickte ihn finster an, aber erkannte dann, dass sie sich selbst der Belustigung geöffnet hatte, indem sie die Frage gestellt hatte, und sie beschloss daher, das Thema zu etwas zu wechseln, was sie beide vernünftig diskutieren konnten: Quidditch. Sie hatten gerade etwa sechs Spiele und zwei wichtige Wechsel von den Wimbourne Wanderer besprochen, als Prudence Daly erschien.

„Hallo mein Schatz," sagte sie und streckte sich um den bedeutsamen Höhenunterschied zu überbrücken und ihn auf die Wange zu küssen. „Hallo, Donna."

„Hi."

„Hallo meine Süße," sagte Adam ohne ein Spur Ironie. Donna versuchte nicht einmal, ihr Schaudern bei dem Klang dieses Spitznamens zu verbergen, aber weder Prudence noch Adam bemerkten es. „Wie geht es deinem Bruder?"

„Sehr gut, danke. Und wie geht es dir, Donna?"

Donna, die wieder untätig aus dem Fenster schaute, nickte höflich. „Gut."

„Schön. Hast du Marlene heute Nachmittag gesehen?"

„Nicht, seit sie mit dir gegangen ist. Ich war bei meiner Schwester."

„Oh. Ich hatte gehofft, sie hätte etwas über ihren Besuch gesagt… ich hatte sehr viel Spaß, aber ich befürchte, dass Val ein wenig unhöflich war. Ich habe mich so schrecklich gefühlt, aber Val ist zu allen unhöflich. Trotzdem, Marlene ist eine ganz Liebe, oder?"

„Mmm," sagte Donna vage.

„Also – also würdest du sagen, ihr habt euch gut verstanden?" fragte Adam und verlagerte leicht sein Gewicht.

„Oh, ja," schwärmte Prudence. „Ich weiß einfach, dass wir großartige Freunde sein werden."

„Oh. Gut. Das ist… gut."

Donna wunderte sich, dass Prudence das unerklärliche Unbehagen ihres Freundes nicht entdecken konnte, aber die Hexe plapperte fröhlich weiter über die verschiedenen Themen ihres Bruders ohne Adams leicht gezwungenes Lächeln zu beachten.

„Ich werde mich umziehen gehen und Lily suchen," verkündete Donna, als es eine kurze Pause in Prudence' Monolog gab.

„Oh, tschüss, Shack."

„Tschüss, Donna."

"Tschüss, Süße, tschüss, Schatz."

Prudence kicherte, aber Adam wurde rot, als Donna an ihnen vorbeischlüpfte und zum nächsten Wagen ging. Erst als sie tatsächlich die Tür zum letzten Wagen geschlossen hatte, verstummte Prudences Unterhaltung ganz.

(19:00 Uhr)

„Ers'klässler, hier lang!" rief Hagrid, der Wildhüter, und Donna eilte über die Plattform auf die Gruppe der folgsamen Elfjährigen zu, damit sie bloß nicht in die Boote stiegen, bevor sie die Chance gehabt hatte, noch einmal mit ihrer Schwester zu sprechen.

„Bridget! Ey, Bridget!"

Bridget Shacklebolt seufzte sichtbar, als sie innehielt und auf ihre Schwester wartete.

„Ich muss gehen, Donna. Ich verspreche, ich werde…"

„Nein, hör zu," unterbrach Donna, sie von den anderen wegziehend. „Ich brauche nur eine Minute. Ich muss – ich muss dir etwas sagen."

„Dann schieß los."

„Was… was auch immer… also, wo auch immer du landest, ist mir nicht so wichtig. In Ordnung? Ich meine, ich werde wahrscheinlich ziemlich wütend sein, wenn du in Slytherin endest, aber der Hut hat auch überlegt, mich dorthin zu stecken, also… ist es nicht das Ende der Welt. Geh, wo du hingehen willst und wenn das ist, wo ich bin, dann ist das cool, aber wenn es in Ravenclaw ist, dann ist das… nicht ideal. Aber okay, schätze ich. Aber wenn du in einem anderen Haus bist, dann will ich nur sicher gehen, dass du auf dich aufpasst."

„Auf mich aufpasse?" wiederholte Bridget. „Du machst mir irgendwie Angst, Donna."

„Sei – einfach vorsichtig. Und mach dir keine Sorgen."

„Sei vorsichtig und mach dir keine Sorgen. Widersprüchliche Aussagen, Donna."

„Sei vorsichtig bei allen Leuten," stellte Donna klar. „Und mach dir keine Sorgen um mich. Ich will, dass du glücklich bist."

Bridget lächelte. „Das weiß ich."

„Ers'klässler, folgt mir!" rief Hagrid wieder.

„Ich muss gehen," sagte Bridget. „Ich werde aber okay sein."

„Ich weiß, dass du das wirst."

Ihre Schwester eilte davon und Donna drehte sich zu den älteren Schülern um, die Schlange zu den Kutschen nach ihren Freundinnen absuchend.

(19:40 Uhr)

„Wisst ihr," sagte Lily, „es gibt einen Aberglauben, dass das Haus, in das der letzte Schüler zugeordnet wird, den Hauspokal in dem Jahr gewinnen wird."

„Das kann nicht stimmen," argumentierte Marlene nüchtern, als „Norris, Hermia" eine Hufflepuff wurde. „Zabini war der letzte, der in unserem ersten Jahr zugeordnet wurde, aber Gryffindor hat den Hauspokal gewonnen."

Lily zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, was ich gelesen habe."

Orlap, Demetrius schloss sich den Slytherins an.

„Wo ist Stebbins?" wollte Mary wissen, und verrenkte ihren Hals um einen besseren Blick auf den Ravenclawtisch zu bekommen.

„Merlin, musst du ihn immer im Blick haben?" fragte Marlene.

„Ich habe ihn halt nicht mehr gesehen, seit wir aus dem Zug ausgestiegen sind…"

Riker, Audrey und Phoebe – Schwestern – kamen nach Hufflepuff.

„Ich bin mir sicher, dass er hier irgendwo ist," sagte Lily.

„Seid ihr jetzt mal leise?" fuhr Donna sie an, die den Erstklässlern ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit schenkte. „Sie sind fast bei ‚S''."

Robards, Oliver wurde ein Gryffindor.

„Oh, beruhig dich," antwortete Marlene. „Es ist nicht so, als ob du es verpassen…"

„Shacklebolt, Bridget," rief McGonagall und Bridget schob sich nervös zum vorderen Ende der Halle. Donna blickte ein paar flüsternde Viertklässler in der Nähe böse an und sie verstummten, als Bridget sich den Sprechenden Hut über den Kopf zog. Fast eine Minute lang verdeckte die abgeranzte Kante des Hutes das meiste von Bridgets lockigen schwarzen Haar und etwa die Hälfte ihrer Nase. Dann…

„Ravenclaw!" bellte der Hut und die Ravenclaws klatschten angemessen. Bridget hüpfte vom Stuhl, strahlend und sie winkte Donna auf ihrem Weg zu, anscheinend unwissentlich, dass sie etwas falsch gemacht hatte.

„Pech," bemerkte Marlene. „Zumindest ist sie nicht in Slytherin."

Donna schrumpfte in sich zusammen, und legte ihr Kinn in ihre Hand, als sich Bridget an ihren neuen Haustisch setzte. Charlie Plex saß etwas weiter weg, neben seiner süßen brünetten Freundin, die Marlene als Clancy Goshawk identifiziert hatte, aber er schien mit seinen Augen den Gryffindortisch abzusuchen.

Donna stellte sicher, dass sie wegsah, bevor er sie fand. Sie war sich sicher, dass sie sich übergeben musste.

„Toke, Leander," wurde zum Hufflepuff ernannt.

„So schlimm ist es gar nicht," tröstete Lily sie, die anscheinend den mulmigen Gesichtsausdruck ihrer Freundin entdeckt hatte.

„Wenn er auch nur ein Wort mit ihr spricht," murmelte Donna und nur Marlene verstand.

„Er wollte dich nur aufregen," antwortete sie schnell. „Er ist nicht mutig genug, ihr tatsächlich Probleme zu machen."

„Wer?" fragte Lily. „Von wem redet ihr?"

„Charlie Plex," erklärte Marlene. „Er war auf dem Zug – er hat Donna wegen Bridget aufgezogen."

„Das hast du gar nicht erwähnt," murmelte Lily.

Donna hatte irgendwie unbewusst eine Faust unter dem Tisch geballt. Sie hörte den Dialog der anderen fast gar nicht. Charlie hatte seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Zeremonie für Vasser, Bianca gerichtet, aber selbst die Überbleibsel des Grinsens auf seinem Gesicht, während er abwesend mit dem Haar seiner Freundin spielte, ließen Donna mit dem Drang zurück, ihn zu verhexen.

(20:50 Uhr)

Lily und Marlene liefen links und rechts von Mary, deren Reaktion auf Stebbins und Shelley irgendwie verdreht wirkte: erst Wut und jetzt Schock. Donna ging einfach hinter ihnen.

„Warum – warum würde er…? Warum würde Shelley…?" Mary erstickte jedoch fast an ihren Worten und dies verriet, dass sie fast sicher am Weinen war.

„Er ist widerlich," murmelte Lily und starrte alle böse an, die es wagten, sie anzuschauen. „Er ist widerlich und er wird damit nicht davonkommen, okay?"

„Hey, Shacklebolt!" rief eine Stimme hinter ihr.

Donnas Haare stellten sich bei der vertrauten Stimme auf und nur eine grausame Neugier drängte sie dazu, innezuhalten. Die anderen Gryffindors schoben sich an ihr vorbei, bis Donna sich aus der Schlange zum Gryffindorturm bewegt hatte.

Charlie Plex holte sie ein.

Donna fragte nicht nach, was er wollte, weil sie sich nicht ganz sicher war, ob sie ihm überhaupt die Befriedigung einer verbalen Antwort geben wollte.

„Shacklebolt," wiederholte er grinsend. „Ich habe bemerkt, dass deine Schwester es geschafft hat, nach Ravenclaw zu kommen."

Sie starrte ihn nur an.

„Du musst so stolz sein."

Immer noch nichts.

„Ich meine," fuhr er fort, „Es muss so nett für dich sein, zu wissen, dass nicht alle in deiner Familie dazu verdammt sind, zweibeste zu sein. Jedenfalls…" Er sah genauso aus, wie er es im Gang im Zug getan hatte: „wird es schön sein, wieder eine Shacklebolt im Gemeinschaftsraum zu haben."

Er redet nur, hatte Marlene gesagt.

„Ich bin mir sicher, dass wir beide jede Menge Gesprächsstoff haben werden, deine Schwester und ich."

Er versuchte ihr eine Reaktion zu entlocken und versagte. Er wollte einfach wissen, ob er ihr immer noch unter die Haut gehen konnte. Was Charlie Plex nicht verstand war, dass er diese Fähigkeit von Anfang an nicht gehabt hatte. Nicht wirklich.

„Wir haben schließlich so viel gemeinsam – intimes Wissen über dich, zum Beispiel."

Die zwei Menschenschlangen – eine für jedes Haus – rückten an ihnen vorbei und erreichten fast ihr Ende. Die fehlende Reaktion der einen schien den anderen jedoch zu verärgern und er versuchte den Einsatz zu erhöhen.

„Sie sieht so sehr wie du aus, Shacklebolt. Da muss sich ein Typ schon fragen, ob sie auch in anderer Hinsicht so ist wie du."

Keine Antwort.

„… Sollte ich dieses steinerne Schweigen als Zustimmung interpretieren?"

Es war fast lustig, wie er sich so sehr für eine Reaktion abmühen konnte, während andere diese ohne viel Anstrengung bekommen konnten.

„…Weil ich mir sicher bin, dass Bridget und ich bald die allerbesten Freunde sein werden."

Der Klang von Bridgets süßen unschuldigen Namen auf seiner dreckigen Zunge erntete ihm schließlich eine Entgegnung.

„Charlie," begann sie und sein zusammenfallendes Lächeln wurde bei dem Klang ihrer Stimme wiederbelebt (er musste gedacht haben, dass sie nun besiegt war). „Es wird nicht funktionieren," fuhr Donna fort. „Du glaubst, dass du mir Angst machen kannst, aber ich habe keine Angst vor dir. Ich habe keine Angst vor deinen Drohungen… ehrlich, Cassidy Gamp ist für mich einschüchternder als du es bist. Du denkst, dass du mir auf die Nerven gehen kannst und mich ärgern und einschüchtern kannst, aber das kannst du nicht… du konntest es nie. Du hast mir nie genug bedeutet. Ich wollte dich nie. Du hast mir sogar nie genug bedeutet, dass ich dich hassen könnte. Die meiste Zeit war der Sex nicht mal so toll und die Unterhaltung war schlimmer." Charlie sah leicht unwohl aus. Er wollte sie unterbrechen, aber Donna fuhr fort: „Du hast dein neues Mädchen und deine Versuche, sie zur Schau zu stellen machen mir gar nichts, denn wenn sie dumm genug ist, sich öffentlich mit dir zu zeigen, hat sie mein Mitleid nicht verdient. Aber irgendwie glaube selbst ich nicht, dass jemand so dumm sein kann und früher oder später wird auch sie erkennen, dass du die Mühe nicht wert bist."

„Du solltest besser…"

„Ich sollte besser was? Meinen Mund halten?" Donna richtete sich auf ihre volle Größe auf und es schien ihr, als ob Charlie geschrumpft war. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich keine Angst vor dir habe. Was du verstehen musst, ist, dass ich stärker und schlauer bin als du und du magst denken, dass du mich in irgendwas überragst, aber ich weiß, dass ich besser bin als du. Ich weiß, dass falls du jemals etwas tätest… jemals etwas sagst, dass ich nicht mag, ich dich kriegen würde. Ich würde nicht nur deinen Ruf zerstören und ich würde dir nicht nur Tentakel verpassen, Charlie, ich würde dich komplett zerstören und mir würde es Spaß machen. Unglücklicherweise glaube ich nicht, dass ich die Gelegenheit dazu bekomme, weil ich weiß, dass du nicht die Eier hast, wirklich etwas zu tun, aber das ist das wirklich Witzige hier, weil ich tatsächlich die Eier habe. Ich bin nur im ‚zweitbesten' Haus, wie du schon bemerkt hast: Ich bin in Gryffindor. Du bist vielleicht clever, aber ich habe starke Nerven. Ich habe auch Probleme, meine Wut zu kontrollieren und einen Bruder bei den Auroren, der mich aus allen legalen Schwierigkeiten rausreden könnte. Also…" (Charlies Grinsen war komplett verschwunden), „hier ist der Plan: du redest nicht mehr mit mir. Du redest mit niemandem, den ich kenne. Du redest nicht mit meiner Schwester. Du siehst sie nicht an, du grüßt sie nicht, du mobbst sie nicht, du vergisst einfach, dass sie existiert, so wie du vergisst, dass ich existiere und wenn du das nicht tust, werde ich dich wortwörtlich töten." Donna lächelte. „Klar?"

Charlie sagte nichts. Er sah aus, als ob er es wollte, aber nicht wirklich die Worte fand, die hierauf folgen konnten. Also drehte er sich stattdessen mit einem hasserfüllten Blick um und folgte den nun verschwundenen Ravenclaws zu seinem eigenen Gemeinschaftsraum.

Donna atmete tief ein.

Endlich (und es war ein sehr kleiner Trost) hatte ihr der Tag einen Sieg gegönnt.

(22:00 Uhr)

Der Gemeinschaftsraum der Schulsprecherin war warm und einladend.

Donna hätte ihn sowieso nicht gemocht.

Das war jedenfalls das, was sie sich selbst sagte, als sie sich auf die Kante des Bettes setzte, auf dem Mary und Marlene auf Lilys Rückkehr warteten. Marlene war zum Mädchenschlafsaal zurückgekehrt und hatte eine Flasche Feuerwhiskey aus ihrem Koffer geholt und Mary hatte schon zwei große Schlucke von dem Zeug intus.

Schließlich schloss sich ihnen Lily an. Sie sah bleicher aus als sonst und Donna fragte sogar, was passiert war, aber der Rotschopf winkte bloß ab.

„Was war all das Geschrei?" fragte Mary und sie war höflich genug, etwas nervös auszusehen, als ob sie wusste, dass es eventuell um sie gegangen war.

Lily schüttelte ihren Kopf. „Mach dir keine Gedanken. Versprich… versprich mir einfach, dass du Shelley morgen nicht tötest."

„Sie verdient es," murmelte Mary.

„Wahrscheinlich, aber… trotzdem."

Lily setzte sich auf das nun volle Bett, und Mary bot ihr die Flasche an.

„Ich gehe mich zuerst umziehen."

Sie ging ins Bad um sich umzuziehen (okay, darauf war Donna neidisch) und als sie wiederkam, formten sie alle eine Art Kreis auf dem Bett.

„So ein scheiß Tag," seufzte Marlene. „Danke, dass ihr bessere Freunde seid als andere."

Lily lächelte schwach und nahm die Feuerwhiskeyflasche. „Prost darauf."

Mary reagierte sich eine Weile ab. Die anderen hörten zu und stimmten ihr zu. Donna blieb überwiegend still, ihr Kopf voll mit Cassidy und Charlie und Bridget und einer vagen Unzufriedenheit. Sie war immer glücklich zurück in Hogwarts zu sein, aber etwas in diesem bestimmten Jahr schien… falsch. Natürlich wollte sie nicht für den Rest ihres Lebens in einer Kneipe arbeiten, aber jetzt hier… fühlte sie sich machtlos. Nutzlos.

Sie konnte sich nicht einmal so viel um Bridget kümmern, wie es gewollt hätte.

„Es gibt die definitive Möglichkeit, dass wir zu viel trinken," bemerkte Marlene schließlich, und zog Donna zurück in die Unterhaltung.

„Oder nicht genug," sagte Mary.

Donna nahm die Flasche. Der Rand der Glasflasche leuchtete im Licht des Schlafsaals und sie konnte fast ihre Reflexion in der marmorbraunen Flüssigkeit unten sehen. „Also, was denkt ihr? Schlimmster Tag überhaupt?"


Teil IV: Marlene

„Du würdest auch weinen"

„Deine Haare sehen so süß aus," schwärmte Bernice Fletcher.

„Merlin, ich hab' dich fast nicht erkannt, Marlene!" sagte Maggie Snow.

„Ich lieb den frechen Kurzhaarschnitt, Price…" machte ihr Sabrina Barbery ein Kompliment.

Selbst Shelley, deren eigene Veränderungen so viel drastischer waren, hatte es in sich, Marlenes Haarschnitt zu loben, als sie an diesem Morgen an ihrem Abteil vorbeikam. Also, alles in allem hatte der Tag nicht zu schlecht gestartet, aber Marlene wusste besser, als zu viele positive Erwartungen für den ersten Tag zu haben.

Mit ihrem kurz geschnittenen Haar konnte sie jedoch nicht anders, als einen kleinen Schimmer Optimismus zu spüren. Es war ein neues Jahr, es war ihr letztes Jahr und sie war… komplett frei: frei von Miles Stimpson, frei von jeglicher Verpflichtung zu irgendjemandem außer ihr selbst. Sie war nicht alleine, sie war ungebunden.

Und das war ein großartiges Gefühl.

Sie hatte Adam den ganzen Morgen nicht gesehen.

Nicht, dass sie ihn suchte.

Um die Mittagszeit wurden Marlene und Donna auf die Suche nach dem Essenswagen geschickt, sie stritten sich liebevoll die halbe Strecke lang, bis sie auf eine Gruppe Schüler trafen, die leider Charlie Plex beinhaltete. Eine unangenehme Unterhaltung später erreichten sie den Wagen und standen in einer Gruppe von etwa sechs Personen um ihn herum und warteten darauf, an die Reihe zu kommen. Schließlich passierte das Unvermeidbare.

„Oh mein Merlin, deine Haare."

Marlene wusste ohne sich umzudrehen, dass dieser Kommentator nicht wie die anderen war und Marlene lächelte. Kurz vergaß sie, was unvermeidbar bald passieren musste, aber es traf sie hart, als sie sich umdrehte und die beiden, die hinter ihr und Donna in der Schlange standen, sah.

„Adam! Hi."

„Hallo," antwortete Adam, und er schien aufrichtig erfreut, sie zu sehen. Sein Lächeln wurde jedoch in dem Gesicht des winzigen indischen Mädchens an seiner Seite gespiegelt und Marlene inspizierte Prudence Daly so schnell und intensiv wie noch nie zuvor.

Prudence ließ alles um sie herum riesig aussehen. Sie war klein mit glänzend schwarzem Haar und Gesichtszügen, die nur filigran genannt werden konnten. Marlene fühlte sich wie ein ungelenker Riese neben ihr und das wurde dann noch kombiniert mit den Schuldgefühlen, die sie dafür hatte, dass sie nur anderthalb Monate zuvor verkündet hatte, dass sie das Mädchen hasste, denn Prudence' weites Lächeln war nichts als ehrlich.

„Das ist Prudence."

„Wir kennen uns," sagte Prudence lieb. „Schön dich wieder zu sehen, Marlene."

„Ebenfalls."

„Deine Haare sind so süß."

„Oh, danke dir, das ist so lieb."

„Ja, es ist so kurz," sagte Adam.

Er ist ein Typ. Er muss nicht intelligent über Haare reden.

„Das ist es, ja."

„Hi, Shack," grüßte Adam Donna, vielleicht um die unbehagliche Stille zu durchschneiden.

Donna, deren Aufmerksamkeit zwischen Adam und dem Essenswagen geteilt war, nickte zur Antwort. „Hast du das Manöver über die Ferien geübt?"

Jeder sah sie an.

„Die Flugübung, von der Potter letztes Jahr meinte, dass wir sie trainieren sollen…" erklärte Donna verwirrt.

„Oh. Das. Richtig," sagte Adam. „Ja, ein bisschen."

„Lieber Gott, bitte lass mich einfach jetzt tot umfallen," betete Marlene still. „Bitte, bitte, bitte, bitte…"

„Und wie war dein Sommer so?" fragte Adam Marlene, während sich Donna an das vordere Ende der Schlange bewegte und ihr Essen kaufte.

„Ziemlich gut…" antwortete die Blondine. „Hab die Nacht in Haft verbracht, alle meine Haare abgeschnitten, es hat geregnet… so normale Sachen halt."

„Warte, du hast die Nacht in Haft verbracht?"

„Lange Geschichte. Was ist mit dir? Amerika, ja? Hochzeiten? Spaß und so…?"

Halt die Klappe, Price. Du hörst dich wie ein Trottel an.

„Adam hat dir davon erzählt, ja?" meldete sich Prudence nett zu Wort. „Oh, es war so eine schöne Zeremonie… seine Schwester sah wunderschön aus…"

Marlene merkte, wie sie auf alles, was Prudence sagte, lächelte und nickte, aber sie keine Ahnung hatte, was genau artikuliert wurde. Etwas über das Wetter und Spitze und Brautjungfern und…

„Oh-mein-Gott, Frank-und-Alice-haben-geheiratet…" platzte es plötzlich aus ihr heraus. „Es tut mir leid. Das war wirklich unhöflich. Ich – ich hab' mich nur gerade daran erinnert und…"

Prudence lachte. „Nein, nein, alles gut. Wer hat jetzt geheiratet?"

„Frank und Alice," erklärte Marlene, während sie rot wurde. „Longbottom und Griffith. Naja, jetzt Longbottom und Longbottom. Alice hatte darüber nachgedacht, Griffith zu behalten, aber Mrs. Longbottom ist wirklich beängstigend und Alice wollte niemanden

beleidigen und sie dachte, hey, sie ist sich sicher in ihrer Unabhängigkeit – sie muss daraus kein Statement machen. Und Mrs. Longbottom ist wirklich beängstigend. Jedenfalls, sorry, die Brautjungfernsache hat mich daran erinnert…"

„Warte," sagte Adam, „also Frank und Alice haben geheiratet? Frank hat mir nicht mal gesagt, dass er verlobt ist!"

„Tja, das war er nicht," versuchte Marlene zu erklären. „Wir waren bei den Potters. Es war kurz nach der Gefängnissache…. und wir hatten kaum geschlafen, wegen dieser Gefängnissache… und dann – warte, hat dir Sarah nicht vom Ministerium erzählt?"

„Sarah? Sarah wer? Sarah, meine Schwester?"

„Richtig. Sie war da."

„Sarah wurde verhaftet?"

„Nein, nicht sie… wir hatten genug Freiwillige. Aber sie hat sich an den Brunnen binden lassen."

Was?"

Marlene drehte sich zu Donna. „Unterbrech' mich gerne."

Donna, die gerade abwägte, welche Tüte Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen mehr Bohnen enthielt und so eine geringere Verarsche war (wie sie es üblicherweise tat), schnaubte nur. „Aber du schaffst es doch so gut, alles selbst zu erklären."

„Warte, Shack ist auch ins Gefängnis gekommen?"

„Nein, sie hat sich nicht einmal an den Brunnen binden lassen. Sie ist gegangen, als wir das alle entschieden haben. Aber sie hat Lathe eine Eule geschickt, sodass die Auroren kamen und alles gut ging. Und dann ist sie auch zu Franks und Alices Hochzeit gekommen, obwohl sie nicht an sie glaubt."

„An Frank und Alice?"

„Nein. Hochzeiten. Selbst Donna muss an Frank und Alice glauben, oder, Donna?"

„Ich höre eurer Unterhaltung nicht zu."

„Tja, sie tut es," beharrte Marlene. „Jedenfalls, war es… irgendwie gruselig."

„Die Hochzeit?"

„Nein, der Protest."

„Welcher Protest?"

„Habe ich den Protest noch nicht erwähnt?"

Adam begann zu lachen. „Marlene, ich habe keine Ahnung, worüber du sprichst."

„Halt die Klappe! Ich versuche mein Bestes!" Aber sie lachte nun auch, was die Erklärungen nicht einfacher machten. „Die Verhaftung… hör auf zu lachen, du ruinierst die Geschichte – die Verhaftung… nein, die quasi Verhaftung war, we-we-wegen… wegen dem Protest."

„Und der Protest war wegen…?"

„In Ordnung, ich bin fertig," verkündete Donna, die ihre Waren bezahlte. „Holst du dir irgendwas, Marlene?"

„Äh… nein, ich glaube, doch nicht. Hast du alles für Mary und Lily?"

„Natürlich."

„Okay." Marlene drehte sich wieder Adam und Prudence zu. „Tja, es war nett, euch gesehen zu haben…"

„Warte eine Sekunde," unterbrach Prudence, „das ist jetzt vielleicht seltsam, aber – würdest du gerne mit meinen Freundinnen und mir zu Mittag essen, Marlene?"

„Äh…"

„Du musst natürlich nicht," fuhr Prudence fort und Marlene sah, dass Adam genauso verwirrt schaute, wie sie sich fühlte. Prudence musste den Blick in Adams Richtung bemerkt haben, da sie schnell hinzufügte: „Adam wird mit seinen Freunden aus Hufflepuff essen und ich werde mit meinen Freundinnen sitzen und daher dachte ich, dass es eine gute Gelegenheit sein könnte, dass wir uns kennenlernen."

„Oh, naja…" (Das wäre so viel einfacher, wenn sich Adams Augen nicht in sie hineinbohren würden.) „…ich schätze ja. Danke."

„Wie schön!" quietschte Prudence und – ohne etwas vom Wagen zu kaufen – hakte sie ihren Arm bei Marlene ein und führte sie zu ihrem Abteil, nur um in einem kurzen Abstand innezuhalten und Adam zum Abschied einen Kuss zuzuwerfen. Marlene blickte ebenfalls zurück, Adam sah weiterhin verwirrt und Donna verärgert aus.

„Ich hoffe, ich war gerade nicht zu vereinnahmend," fuhr Prudence Daly fort, als sie Marlene führte (es musste lustig aussehen, da Prudence so viel kleiner war). „Weißt du, Adam redet viel über dich – ich weiß, dass ihr beide eng befreundet seid und tja, ich kann nicht anders, als seine beste Freundin kennenlernen zu wollen, oder?"

„N-nein, natürlich nicht."

„Genau," sagte Prudence. „Und ich fände es schön, wenn wir beide auch befreundet sind."

„Tja, natürlich."

„Wir lieben Adam beide sehr."

Marlene wurde rot. „Tun wir das?"

„Oh!" Prudence hielt abrupt inne und drehte sich zu Marlene. „Denk nicht, dass ich all diesen Gerüchten glaube! Natürlich weiß ich, dass du und Adam nur befreundet wart."

„Richtig," sagte Marlene steif.

„…Ich meinte eher…" Sie begannen wieder zu gehen. „Wir lieben ihn beide… auf eine andere Art. Du bist wie eine Schwester für ihn!"

Und nur ein Gedanke ploppte dazu in Marlenes Kopf auf:

Ich bin eine schreckliche Schwester.


Prudence Freundesgruppe war vielfältiger als Marlenes. Während Marlene, Donna, Lily und Mary (und Adam) alle im selben Haus und Jahrgang waren, bestand Prudences Gruppe aus zwei Ravenclaw Siebtklässlerinnen, Valerie Turpin und Alexa Kyle, eine Sechstklässlerin, Daniele Prentiss (die wie Prudence) in Ravenclaw war, und eine Siebtklässlerin aus Hufflepuff, Meghan McCormack.

Alexa und Meghan waren nett genug, das wusste Marlene aus ihren vereinzelten Erfahrungen mit ihnen und Daniela kannte sie gar nicht, aber sie war sich ziemlich sicher, dass Valerie Turpin nie ihre Freundin werden würde. Dieser Glauben verstärkte sich, als Valerie sie bei Marlenes Eintreten falsch anstrahlte und sagte: „Marlene! Deine Haare! So kurz – wie bei einem Jungen!" Sie fügte ein Kichern an, von dem sie wahrscheinlich dachte, dass es bei der angeblichen Spitzfindigkeit der Beleidigung angebracht war.

Marlene hob darauf eine Augenbraue, aber keine der anderen Mädchen schienen etwas Verdächtiges zu bemerken, als sich die beiden Neuankömmlinge setzten. Vielleicht waren sie in Bezug auf Valeries besondere Note von Unausstehlichkeit abgestumpft.

„Es ist sehr forsch," sagte Daniela mit etwas aufrichtigerem Enthusiasmus. „Mutig. Wo hast du es schneiden lassen? In London?"

„Quasi," antwortete Marlene. „Ich hab' mir sie tatsächlich selber geschnitten. Einfach… die Schere genommen und losgelegt." Sie machte eine vage Geste und zumindest Valerie sah schockiert aus. „Meine Mum hat es allerdings ein bisschen korrigiert – sie hat das früher professionell gemacht."

„Tja, es sieht wundervoll aus," sagte Prudence. „Und freust du dich schon auf die Kurse?"

„Was?"

„All die neuen Kurse… bist du nicht aufgeregt?

Richtig. Ravenclaws. Schlau.

„Oh, ja. Ich liebe das… lernen und… Bücher. Es ist… brilliant."

„Ich persönlich," fuhr Prudence fort, „kann kaum meinen UTZ Kurs für Arithmetik erwarten. Ich war mir so sicher, dass ich durch meine ZAG Prüfung gefallen bin, aber ich habe noch ein O geschafft. Belegst du auch Arithmetik, Marlene?"

„Äh… nein. Zahlen waren noch nie so mein Ding."

„Was ist dein Lieblingsfach?" fragte Alexa höflich.

„Ähm… ich weiß es eigentlich gar nicht. Ich mag Pflege magischer Kreaturen, Zauberkunst… und Kräuterkunde. Kräuterkunde macht immer Spaß."

„Also eher die praktischen Fächer als die theoretischen?" fragte Prudence nach. „Sehr vernünftig von dir. Wie Adam, weißt du."

„Um Agrippas Willen, Pru," seufzte Valerie. „Du redest im Moment immer über Adam McKinnon."

„Ich weiß," antwortete Prudence. „Ich kann nicht anders. Ich bin verliebt." (Merlin und Agrippa, dieses Wort wieder!) Sie lächelte Marlene warm an und fragte: „Also wie waren die Ferien? Der Sommer vor dem siebten Jahr ist schrecklich wichtig, sagt man ja."

„Hast du Joberfahrung gesammelt?" fragte Valerie, als ob sie die Antwort bereits wusste.

„Äh… nein, nicht wirklich." (Sie dachte nicht, dass sie das Mithelfen im Laden der Macdonalds so beeindruckend fänden würden.) „Wisst ihr, ich bin mir noch nicht sicher, was ich machen möchte."

„Nein?" stocherte Valerie. „Das ist seltsam. Ich weiß, was ich machen will, seit ich acht war."

Wusstest schon mit acht Jahren, was eine Prostituierte ist, ja? (Marlene sagte dies nicht, aber sie wollte es.)

„Ich auch," stimmte Meghan McCormack zu. „Und dank Merlin braucht man für die Hollyhead Harpies keine UTZe."

„Oh, Meg, nur du," sagte Valerie abfällig und es war zumindest ermutigend zu wissen, dass Valerie zu allen unfreundlich war. „Aber du musst doch… irgendeine Ahnung haben, worin du gut bist, Marlene… oder hast du vor, zu heiraten?"

„Das schließt sich nicht aus, Val," unterbrach Prudence, die leicht rot wurde, was zeigte, dass zumindest sie sich für ihre Freundin schämte. „Und ich schätze, es muss schön sein, nicht jedes Detail durchgeplant zu haben. Man kann lernen, was man will, ohne sich Gedanken zu machen, ob es für jemand anderen gut genug ist. Schließlich sind wir noch Teenager."

Die Unterhaltung ebbte von Zukunftsplänen zu Sommerabenteuern (Marlene genoss es ein wenig, die Details des Protests und ihr anschließende „Gefängnisstrafe" zu beschreiben) zu schließlich allgemeinen Vorlieben – Unterrichtsfächer, Bücher, Quidditchmannschaften und Musik. Prudence mochte Hate Potion, die Bluebottles und Cockatrice (drei von Marlenes – und Adams – Lieblingen) und merkte sogar an, dass es da „so eine Muggleband" gab, die es ihr angetan hatte und von der Adam begeistert war. Von der Beschreibung konnte Marlene ableiten, dass sie die Beatles meinte.

Als das Gespräch weiterging, wurde es glasklar – und die Ironie entging Marlene nicht – dass Prudence ihre größte Fürsprecherin war und Valerie ihre größte Gegnerin.

Tatsächlich war das einzige Problem, das Marlene rational mit Prudence Daly oder auch irgendjemand anderem dort drin haben konnte (außer Valerie Turpin, mit die sie jede Menge Probleme hatte), dass trotz Prudence Einladung, mit ihnen „zu Mittag zu essen", niemand zu essen schien. Überhaupt nicht.

Es war ziemlich frustrierend.

Die Zeit verging, Marlenes Magen knurrte, unbemerkt von allen außer ihr selbst, und sie bemerkte, wie ihre Aufmerksamkeit das Gespräch immer wieder verließ und zurückkehrte. Aßen sie einfach nie? Hatten sie keinen Hunger? Hatten sie schon gegessen, bevor sie gekommen waren? Waren sie deshalb so dünn? Tja, nein, Meghan spielte Quidditch… sie hatte dieselbe athletische Statur wie Donna, aber die anderen mussten sich einfach aushungern, weil…

„Merlin, ist es schon so spät?" fragte Prudence plötzlich. „Ich hätte Adam vor einer halben Stunde treffen sollen."

„Ich sollte auch gehen," fügte Marlene schnell hinzu, bevor sie in diesem Abteil ohne Verteidigung zurückgelassen werden sollte. „Meine Freunde warten auf mich."

„Natürlich," stimmte Prudence zu, als die beiden Mädchen aufstanden.

„Es war sehr nett, euch alle zu sehen," fügte Marlene zu Meghan, Alexa, Daniela und Valerie hinzu.

„Oh, ja," stimmte Daniela zu. „Wir sollten wirklich noch eine Gryffindor bei uns aufnehmen, weißt du."

„Äh… richtig." Weil sie nicht die geringste Ahnung hatte, was das bedeutete. „Jedenfalls euch noch einen schönen Tag dann…"

Prudence folgte Marlene hinaus in den Gang.

„Vielen Dank, dass du gekommen bist," sagte die Ravenclaw, als sie gingen. „Und es tut mir leid, falls Valerie ein wenig… unhöflich daherkommt. Sie macht das manchmal, aber sie meint es nicht wirklich so. Sie ist einfach schüchtern und wirkt oft… ruppig." Prudence runzelte die Stirn. „Vor allem gegenüber anderen Mädchen."

„Nein, es macht nichts," antwortete Marlene: „Ähm – danke, dass du mich eingeladen hast." Sie schritten durch den nächsten Wagen.

„Natürlich! Ich habe das, was ich vorhergesagt habe, ernstgemeint… ich hoffe wirklich, dass wir Freundinnen sein werden. Oh, hier muss ich hin…" Sie zeigte auf ein Abteil, das als Treffpunkt mit Adam McKinnon ausgemacht sein musste.

„Ich hoffe auch," antwortete Marlene und zwang ein Lächeln auf die Lippen. Prudence war wirklich ein nettes Mädchen… Marlene wünschte sich bloß, dass ihr nicht jedes Mal schlecht werden würde, wenn die Ravenclaw den Namen ihres Freundes erwähnte.

Prudence strahlte. Sie zögerte für einen Moment und schlang dann in einer fürchterlich unerwarteten Umarmung ihre Arme um Marlene. Marlene umarmte sie trotz innerlicher Distanz zurück, aber zog sofort zurück, als sie es auf höfliche Weise tun konnte.

„Hab einen wunderbaren Tag, Marlene!"

„Du auch."

Marlene ging weiter und Prudence öffnete die Abteiltür. Als Erstere weiterlief, konnte sie noch immer die enthusiastischen Grüße der Letzteren zu ihrem Freund hören und Marlene beschleunigte ihren Gang.

(17:00 Uhr)

Es war etwa halb vier, als Marlene nach ihrer Expedition mit Prudence Verdammt Noch Mal Daly und ihren Konsorten zum Abteil G zurückkehrte, aber keine von Marlenes Freundinnen waren tatsächlich im Abteil, was ein wenig ärgerlich war. Ihre Habseligkeiten verblieben, aber die Leute selbst fehlten. Marlene setzte sich, aß die zwei verbliebenen Kürbispasteten und wartete.

Carlotta kam vorbei um Lily um Rat zu fragen, begnügte sich dann allerdings mit Rat von Marlene. Sie kam und ging, und als sie weg war, wartete Marlene weiter auf ihre Freunde.

Sie schrieb ihren Verwandlungsaufsatz in einer schöneren Schrift ab, las das Kapitel für Zaubertränke zu Ende und stahl ein Buch aus Lilys Tasche um es zu überfliegen und noch immer waren die anderen nicht zum Abteil zurückgekehrt. Sie begann sich etwas verlassen zu fühlen und fragte sich, ob sie zu Carlotta hätte netter sein sollen, selbst wenn auch nur, damit ihr die andere Hexe Gesellschaft geleistet hätte.

Sie verwarf diesen Gedanken fast sofort wieder.

Da Prudence Freundinnen anscheinend nie Essen konsumierten, war Marlenes Magen fast komplett leer und er ließ gegen fünf Uhr ein protestierendes Grummeln ertönen. Ihr Kopf tat auch etwas weh, also betrat die Hexe mit dem Vorsatz, den Essenswagen zu finden, den Gang, nachdem sie ein paar Münzen aus ihrer Umhängetasche gefischt hatte.

Die Gänge waren voll, da anderen ebenfalls um diese Nachmittagszeit unruhig wurden und als Marlene versuchte, vom zweiten zum dritten Wagen zu kommen, wurde sie fast von der sich öffnenden Toilettentür umgehauen.

„Oh, tut mir so leid!" sagte Shelley, die plötzlich erschien und die Tür hastig hinter sich schloss.

„Keine Sorge," seufzte Marlene. „Es war genau das, was ich gerade brauche – von einer Tür umgehauen zu werden."

„Wohin bist du unterwegs?"

„Essenswagen – und vielleicht meine angeblichen Freunde suchen."

„Du solltest wirklich nicht den Müll von diesem Wagen essen. Es ist schrecklich für deine Figur."

„Ich lebe gerne gefährlich," antwortete Marlene. „Und ich habe den ganzen Tag nichts gegessen und ich bin kurz davor, umzukippen."

Shelley nickte. „Das erinnert mich an die ersten zwei Wochen meiner Diät."

„Vor so vielen Tagen…" stimmte Marlene weise zu. Sie wollte sich gerade aus der Unterhaltung ziehen, als sich die Toilettentür hinter Shelley wieder öffnete und dieses Mal einen Typen herausließ – ein Sechstklässler aus Hufflepuff, den Marlene nicht kannte – der in den Gang schlurfte, sich bei den Mädchen entschuldigte und – mit roten Wangen, aber grinsend – in den nächsten Wagen ging.

Marlene starrte ihm nach.

„Ist- ist er gerade aus demselben Klo gekommen, das du benutzt hast, Shell?"

Shelley nickte, ebenfalls errötend.

„Wart ihr zur gleichen Zeit dort drin?"

Shelley nickte wieder.

„Habt ihr euch gegenseitig die Haare geflochten?"

Shelley hob eine Augenbraue.

„Ich dachte auch nicht." Marlene versuchte, das Rätsel in ihrem schlecht funktionierenden, unterernährten Gehirn zu lösen. „Also hast du einfach – einen zufälligen Typen in der Toilette gefickt?"

„Oh, nein," sagte Shelley schnell, als sie sich auf die Seite des Ganges schoben, um einem anderen Schüler den Weg zum nächsten Wagen freizumachen. „Wir haben nur geknutscht. Und… tja… hauptsächlich war es bloß knutschen. Sicherlich nicht ficken. Ich bin schließlich keine Schlampe."

„Okay," antwortete Marlene mit den Achseln zuckend. „Das ist.. okay, schätze ich. Ich meine, es ist besser, als dem Freund deiner Freundin hinterher zu trauern, ja?"

„Ich habe keine Intention ihm hinterher zu trauern, ja."

„Gut. Das ist wunderbar. Und falls Zufälliger Hufflepuff Typ in der Zugtoilette das ist, was dir hilft, über James hinwegzukommen, dann ist das eine große Ode an Feminismus oder so…"

„Über James hinwegkommen?" wiederholte Shelley überrascht. „Ich werde nicht über James Potter hinwegkommen."

„Wirst du nicht?"

„Nein!"

„Weiß das der Zufällige Hufflepuff Typ?"

„Ich komme nicht über James Potter hinweg… ich kriege James Potter…"

„Ich verstehe einfach nicht, warum du seinen vollen Namen verwenden musst…"

„Es ist alles Teil des Plans," fügte Shelley stolz hinzu.

„Richtig, der Plan," erinnerte sich Marlene von diesem Morgen. „Aber ich verstehe immer noch nicht, wie Zufälliger Hufflepuff Typ Teil des Plans ist…"

Shelley lachte und warf dabei ihr welliges Haar nach hinten. „Niemand mag Prüde, Marlene."

„Also wirst du einfach zufällige Hufflepufftypen knutschen, bis James auf dich steht?" fragte Marlene nochmal nach. „Ich verstehe diesen Plan nicht."

„Sei nicht albern, Mar," sagte Shelley leicht. „Ich habe später noch ein Date mit einem Ravenclaw."

(18:00 Uhr)

Marlene bekam tatsächlich noch ihren Snack und obwohl das Abteil noch immer leer war, als sie zurückkehrte, nahm sie die Gelegenheit wahr, ihre Schuluniform anzuziehen. Dann fiel ihr ein, dass sie Lily vielleicht vorne im Zug finden würde, im Abteil der Vertrauensschüler, und sie machte sich auf den Weg.

Lily versteckte sich in der Tat in einem der zwei Vertrauensschülerabteils, aber – entweder auf natürliche Weise oder auf Lilys Befehl hin – hatten sich die anderen Vertrauensschüler, die bleiben wollten, für das andere Abteil entschieden. Lily war alleine.

Sie hatte schon ihre Umhänge angezogen und war tief in ein Buch versunken, als Marlene ankam.

„Was liest du?" fragte die Blonde, die sich ihrer Freundin gegenübersetzte. Lily legte ihr Buch ab.

„Tolstoy."

„Gott. Warum?"

„Ich mag die Charaktere. Ich meine, ich hasse sie alle, aber ich mag sie auch alle."

„Was auch immer das bedeutet," sagte Marlene. „Bist du schon den ganzen Nachmittag hier?"

„Nein, bloß die letzten paar Stunden. Mary ist nicht von ihrer Zeit mit Stebbins zurückgekehrt und Donna ist zu Bridget gegangen und da waren diese Erstklässler, die in der Nähe des anderen Abteils rumgerannt sind, also bin ich nach den Kontrollgängen hierher zum Lesen gekommen. Wie war Prudence Daly?"

„Perfekt," seufzte Marlene. „Das ist sie wirklich. Sie ist süß und energetisch und lustig. Sie ist perfekt."

Lily nickte. „Das tut mir leid."

„Tja, was kann man machen?" fuhr Marlene fort, die sich anstrengte, philosophisch zu sein. „Am Ende können nicht alle Typen, die wir lieben, böse, oberflächliche, dumme und hässliche Mädchen wählen… es wäre zu einfach."

„Das ist sehr wahr," stimmte Lily zu. Sie blickte aus dem Fenster auf den langsam dunkler werdenden Himmel und die verschwimmenden Bilder, die gedankenlos vorbeischwebten. „Wir sind bald da, schätze ich."

In Lilys Stimme erkannte Marlene jedoch etwas Stumpfes und Uninteressiertes, was sie dazu veranlasste zu fragen: „Fühlst du dich gut? Du scheinst ein wenig… anders."

Lily riss ihren Blick vom Fenster weg. „Mir geht es gut, nur ein bisschen müde," sagte sie lächelnd. „Jetzt komm schon, lass mich hören. Du musst doch etwas über den Nachmittag mit Prudence Daly zu erzählen haben."

Und das tat Marlene sicherlich.


Marlene war bei Lily, als der Zug in die Station einfuhr und Lily informierte sie, dass sie als Schulsprecherin ein wenig zurückbleiben sollte und sichergehen sollte, dass alle sicher ausgestiegen waren. Marlene blieb mit ihr zurück und war folglich – zum zweiten Jahr in Folge – eine der letzten, die eine Kutsche zum Schloss hoch bestieg.

Sie fuhren mit zwei unbekannten Fünftklässlern und die Fahrt war still… sicherlich anders als die streitlustige Fahrt im sechsten Jahr, erinnerte sich Marlene, als Luke Harper und Donna dabei waren. Lily war dieses Jahr die ganze Zeit still und Marlene fand es ein wenig beunruhigend. Jedoch, als die Kutsche um eine Ecke fuhr und der erste Blick auf das Schloss möglich wurde, lächelte Lily aufrichtig und Marlene fragte sich, ob Lilys Stille nicht doch nur eine Folge von Erschöpfung war.

Sie stiegen aus ihrer Kutsche aus, als sie am Ende des Pfads ankamen, und die zwei Mädchen gingen gemeinsam auf das Schloss zu und durch die Türen. Als sie hindurchgingen, erhaschte Marlene jedoch einen Blick auf Adam McKinnon: nicht nur Adam McKinnon jedoch, sondern Adam McKinnon und seine Freundin – zwei unter allen anderen Zweit- bis Siebtklässlern in der Eingangshalle, aber die einzigen beiden, die Marlene erstarren ließen.

Prudence stand Adam zugerichtet da, mit ihrem Armen um seinen Hals, während seine auf ihrer Hüfte waren. Sie knutschten nicht wirklich, sie redeten, Nase-zu-Nase (irgendwie, obwohl sie so klein war) und tauschten ab und zu federleichte Küsse aus. Sie lächelten beide.

„Marlene?" wollte Lily wissen, die Prudence und Adam nicht gesehen hatte und daher den Grund für das abrupte Anhalten ihrer Freundin nicht kannte. „Was ist los?"

Marlene nickte nur in Adams Richtung und Lily verstand den Rest.

Die volle Macht der Dinge schlug auf einmal in Marlene ein. Prudence – Prudence war nicht Adams Ersatz-Marlene. Prudence war mehr. Prudence war etwas, dass Marlene nie für ihn gewesen war und die zwei waren nicht nur bloß enge Freunde… es war nicht bloß, dass Prudence ihn mit ihrer aufgeweckten Persönlichkeit amüsieren würde und Adam sie mit etwas Süßem oder Schlauen verzaubern würde…

Die Schüler tröpfelten in die Große Halle. Adam und Prudence verschwanden. Marlene bewegte sich nicht und Lily wartete.

Prudence durfte ihn küssen und er durfte ihre Hand halten.

„Lily, ich kann das nicht," sagte Marlene schwach. „Ich kann da nicht reingehen. Ich kann… ich kann sie nicht ansehen."

„Marlene…"

„Nein, ich weiß, es ist jämmerlich, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie es – ich meine, ich …"

Die Eingangshalle war jetzt fast leer, die Erstklässler würden bald hier sein und von den älteren Schülern verlieben – neben Marlene und Lily – nur eine Handvoll. Zum ersten Mal an diesem Tag formten sich in Marlenes Augen Tränen. Lily schlang ihre Arme um die Schultern ihrer Freundin.

„Marlene…"

„Was habe ich getan, Lily?" murmelte sie schniefend. „Warum habe ich nicht einfach…? Warum konnte ich nicht…?"

„Du warst nicht soweit," sagte Lily. „Es ist nicht deine Schuld."

„Ist es doch. Ich war so dumm…"

„Nein, das warst du nicht. Du kamst gerade aus einer richtig komplizierten, wirklich intensiven Beziehung und du warst nicht bereit, in die nächste zu springen. Das ist nicht deine Schuld. Nichts davon ist deine Schuld."

„Aber es ist auch nicht seine Schuld."

„Nein," musste Lily zustimmen. „Nein, er hatte jedes Recht, darüber hinwegzukommen."

„Weißt du, was schrecklich ist? Ich wünschte, sie wäre böse. Weißt du? Ich wünschte, sie wäre fies oder dumm oder… könnte nicht lesen oder so."

„Fies, Marlene."

„Ich weiß. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie süß, lieb, witzig, winzig, schlau ist, guten Musikgeschmack hat und zufällig denselben Namen wie ein fantastisches Beatleslied hat," seufzte Marlene aufgebracht. Sie ließ ihren Kopf auf Lilys Schulter fallen. Lily schlang einen Arm um ihre Freundin, lehnte ihren eigenen Kopf auf Marlenes und lächelte traurig.

„Marlene, du bist wunderschön," sagte sie entschieden. „Und du bist witzig und brilliant und talentiert und du hast einen fantastischen Musikgeschmack. Du weißt das alles, oder?"

Marlene schnaubte nur. „Ich werde nie wieder das Weiße Album hören."

„Mar."

„Es ist sein zweiliebstes Beatles Album, weißt du. Das Weiße Album. Dear Prudence, Lied Nummer sieben."

Lily kicherte.

„Es ist nicht so witzig, Lily."

„Es ist ein bisschen witzig."

Marlene seufzte wieder. „Du könntest Recht haben. Ich verdiene, was auch immer ich bekomme."

„Nein. Marlene." Lily lehnte sich zurück um ihrer Freundin in die Augen zu schauen. „Red' nicht so. Wenn es sein soll mit Adam, dann wird es passieren. Wirklich. Du musst daran glauben."

„Dann schätze ich, dass es nicht sein sollte mit Adam," sagte die Blondine. „Ich wette, er denkt, dass es komplett idiotisch ist, dass er jemals auf mich stand… und ich muss so… verzweifelt wirken. Erbärmlich."

Lily drückte die Schulter der anderen fester. Sie standen für eine Weile in Stille. „Du weißt, dass es okay sein wird, oder?" fragte Lily nach einer Weile sanft. Marlene sah skeptisch aus. „Das ist es," beharrte der Rotschopf. „Prudence ist vielleicht süß und lieb… sie ist vielleicht Dear Prudence, aber du… du bist…" Lily lächelte: „Du bist Here Comes the Sun."

Marlene sah zu ihr hoch. „Denkst du das wirklich?"

Lily nickte.

Marlene legte ihren Kopf wieder auf ihre Schulter. „Das ist das Netteste, was jemals jemand zu mir gesagt hat."

Sie war wieder still, dieses Mal nachdenklich, als sie nun einen Arm um Lilys Schulter legte und sie auf die Große Halle zugingen. „Du bist Golden Slumbers," sagte sie schließlich. „Und Carlotta ist Sexy Sadie… und Donna ist… Eleanor Rigby."

Lily lachte darüber. „Böse Marlene."

Eleanor Rigby ist ein gutes Lied!"

„So fies."

„Na gut… Nowhere Man…"

„Fieser und fieser…"

„Oh, komm, du weißt, dass es wahr ist…"

Noch immer lachend liefen sie in die Große Halle.

(21:00 Uhr)

Lily musste zu ihrem Schulsprechertreffen und sie ließ sie (Mary, Marlene und Donna) am Porträt der Fetten Dame zurück. Remus gab das Passwort („Marzipan") und sie wurden alle in den wundervoll einladenden Gemeinschaftsraum gelassen. Marlene hatte jedoch keinen Moment Zeit um die Rückkehr in das Vertraute zu genießen, da sie fast sofort Mary nach oben bringen musste.

In der Sekunde, in der sie dort drin waren, nahm Mary das allererste, was sie aus dem nächsten offenen Koffer packen konnte und warf es auf Shelleys Bett. Es war Donnas Ausgabe von Geschichte von Hogwarts und Donna eilte sofort los um sie mit bösem Blick aufzuheben.

Mary setzte sich auf ihr Bett, während sich Unglaube auf ihrem Gesicht abzeichnete.

„Er – er hat mich betrogen," sagte sie geschockt. „Stebbins hat mich betrogen. Heute Nachmittag hat er mir gesagt, dass er mich liebt und – in der Eingangshalle… hat… hat er mich mit… mit Shelley betrogen?"

Marlene setzte sich neben sie. „Warum ziehst du dich nicht um, Mary? Du kannst deinen Schlafanzug anziehen, dir es bequem machen und…?"

Shelley Mumps?" wiederholte Mary, die ihre Krawatte auszog, als ob sie in einer Trance war. „Es macht keinen Sinn. Sie ist hässlicher als ich. Sie ist nicht viel schlauer als ich… ich meine, größere Brüste, aber abgesehen davon, kann ich nicht…" Sie lehnte sich nach unten und zog einen Schuh aus. „Ich meine, ich kann es mir einfach nicht erklären…" Langsam zog sie den anderen Schuh aus. „…. Warum in Merlins Namen… wie in Merlins Namen…"


„DIESER BASTARD! DIESES VERFICKTE, LÜGENDE, BESCHISSENE ARSCHLOCH!... DIESER BETRÜGENDE HURENSOHN! …UND MIT DIESER FETTEN, HÄSSLICHEN POCKENNARBIGEN STRUNZE!"

Als mehrere Paar Schuhe der harschen Realität einer Schlafsaalwand gewidmet worden waren (und eine sogar fast Carlottas Kopf), beruhigte sich Mary ein wenig.

Sie konnte schließlich überredet werden, eine heiße Dusche zu nehmen und Marlene – die gerade eine weitere Unterhaltung mit Carlotta, der nun die einzig anderen Person im Schlafsaal, eher vermeiden wollte – entschied sich, unten auf Lily zu warten, die bald vom Schulsprechertreffen zurückkehren musste.

Sie zog ihre äußeren Umhänge aus, aber ließ den Rest ihrer Schuluniform an und begann nach unten zu gehen. Als sie den Treppenabsatz zwischen den Jungen- und den Mädchenschlafsälen erreichte, rief eine Stimme ihren Namen.

„Ey, Marlene!" Adam erschien, die Treppenstufen vom Jungenschlafsaal hinunterjoggend, nun in Schlafanzughose und einem T-Shirt.

„Hi," grüßte sie ihn etwas verwirrt.

„Ich bin so dumm," sagte Adam.

„Oh?"

„Ich hab' nicht erkannt…"

„Was erkannt?"

„Der Protest," stellte er klar. „Es war der Dearborn-Protest, oder? Du warst da? Du warst eine von den Personen, über die Rita Skeeter geschrieben hatte?"

Marlene grinste. „Sie hat mich sogar speziell erwähnt… nicht meinen Namen genannt, aber sie zitiert mich."

Ehrlich?"

„Mhm."

„Wow. Das ist… brilliant."

„Tja," sagte Marlene. „Ich bin ziemlich brilliant."

„Natürlich."

Sie grinsten beide und Marlene vergaß für einen Moment, dass es nicht so war – und niemals wieder sein würde – wie es einmal gewesen war.

Dann erinnerte sie sich. Sie erinnerten sich beide an Prudence und das Ich liebe dich und dass Marlene nein gesagt hatte und dass jemand anderes ja gesagt hatte.

„Prudence ist wirklich, wirklich nett," sagte die Hexe. „Sie – ist wirklich großartig."

Adam nickte. „Wirklich, wirklich großartig," stimmte er locker zu.

Und dann hatte Marlene quasi eine Eingebung. Sie zwei standen dort sich gegenüber und beide wussten genau, was gerade passiert – sie wussten genau, was im Kopf des anderen war und konnten nichts dagegen tun. Also standen sie nur dort, wie peinliche, beschämte Idioten, die sich nichts zu sagen hatten und nicht kommunizieren konnten.

Es kam Marlene zum ersten Mal in den Kopf, dass es nicht Adam gewesen war, der ihre Freundschaft zerstört hatte. Er hatte die Dinge nicht mit seinem „Ich liebe dich" zerstört, weil sie es – die ganze Zeit –gewusst hatte und sie – die ganze Zeit – das gleiche gefühlt hatte. Ihre Beziehung hatte ihr genauso viel bedeutet wie sie ihm, aber sie war diejenige gewesen, die einen Grund gehabt hatte, es zu bestreiten. Sie war diejenige mit einem Partner gewesen.

Marlene wünschte sich verzweifelt, dass sie Prudence hasste. Sie wünschte sich, dass Prudence wie Miles wäre – dass sie eine Betrügerin wäre oder eine Lügnerin oder – verdammt, wenn sie nur rauchen würde, wäre das für Marlene ein wenig Trost gewesen. Aber es gab nichts, was an Prudence falsch war. Sie war lieb… sie war die Art von Mädchen, die die Leute „lieb" nannten, was sogar noch wichtiger war. Sie war zierlich und winzig und feminin und brünett. Es gab kein übergeordnetes Gesetz, das besagte, dass Prudence Verdammt Noch Mal Daly falsch und Marlene Price richtig für Adam McKinnon war.

Der dramatische, Augenkontakt-gefüllte Moment endete, als Marlene sanft ausatmete. „Ich gehe ins Bett," sagte sie. „Gute Nacht, Adam."

„Gute Nacht, Marlene."

Und das war das.

(10:30 Uhr)

„Es gibt die definitive Möglichkeit, dass wir zu viel trinken," grübelte Marlene, als sie alle oben in Lilys Schlafsaal waren. Es war ihre Flasche Feuerwhiskey, also technisch gesehen, wenn jemand die Schuld dafür an sich nehmen musste, wäre es Marlene, aber trotzdem hatte sie das Gefühl, als ob sie das anmerken musste. Ihre Mum sagte immer, Wenn du das Gefühl hast, dass du Alkohol brauchst, trink nicht. Natürlich hatte ihre Mutter zwei Kinder von verschiedenen Typen und schrieb mindestens einem einsitzenden Häftling Briefe, also vielleicht war sie nicht die beste Person für Ratschläge.

„Oder nicht genug," sagte Mary, die bei einem Schluck von dem Zeug zusammenzuckte.

Dann nahm Donna die Flasche. „Also, was denkt ihr? Schlimmster Tag überhaupt?"

Marlene ließ ihren Kopf auf Lilys Schulter fallen und Lily tätschelte ihren Kopf tröstend.

Wow, das ist… brilliant.

Marlene, ich liebe dich.

Du kannst mir alles sagen. Du weißt das.

Ich will mit dir zusammen sein.

Das ist Prudence.

Es tut mir leid – ich… ich kann einfach nicht.

„Schlimmster Tag überhaupt," stimmte Marlene zu.


Teil V: Lily

„Später"

(10:25 Uhr)

„Cool," wiederholte Lily zum zweiten Mal und die anderen im Abteil – James, Sirius, Remus, Carlotta und ein paar Vertrauensschüler – starrten sie weiterhin an, als wäre sie verrückt. Sie wusste dies, allerdings sah sie nicht von ihrer Tasche hoch, in welcher sie versuchte, ihr Schulsprecherinnenabzeichen zu finden. Es war seltsam, dass während sie sie alle intensiv anstarrten, niemand zu bemerken schien, dass sie sich kaum auf ihre Aufgabe konzentrieren konnte; sie hatte an diesem Morgen die Tasche gesäubert, also sollte es nicht so schwer sein, dieses verdammte Abzeichen zu finden und doch schienen ihre Finger nicht richtig zu funktionieren.

Schließlich schaffte sie es, sich zu konzentrieren und ihr fehlendes Abzeichen zu finden und erst, als sie ihre Tasche wieder abgestellt hatte, kommentierte sie die erwartungsvolle Stimmung der anderen: „Wollt ihr eine blaue Schleife oder so?"

Es war Carlotta, die als erste schaffte, es auszusprechen: „Ich schätze, wir haben ein wenig mehr… Überraschung erwartet?"

„Überraschung?" Es war besser, das mit Shelley nicht zu erklären. „Dass ihr zwei verrückten Kinder euch gefunden habt?" Sie stach sich in den Finger, als sie versuchte, das Abzeichen anzupinnen. „Überhaupt nicht."

Gnädigerweise wurden weitere Erklärungen durch die Ankunft von anderen Vertrauensschülern verhindert und bald war Carlotta verschwunden – jedoch nicht, bevor sie und James nicht einen weiteren Kuss ausgetauscht hatten.

Bevor er ging, drapierte Sirius einen Arm um Lilys Schultern und lehnte sich nah an sie, murmelnd, sodass niemand anderes hören konnte: „Evans, ich denke, du und ich müssen bald dringend mal ein Schwätzchen halten."

„Da hast du verdammt nochmal Recht," konnte Lily nur erwidern. Er hob seine Augenbrauen und ging dann mit Peter.

Remus setzte sich neben einen der Ravenclaw Vertrauensschüler und James stand unbehaglich daneben, während Lily wieder den Brief nahm, den sie vor der Ankunft der Rumtreiber und Carlotta gelesen hatte.

„Wie kannst du schon Unterlagen haben?" fragte James amüsiert, er hatte seine Hände in seinen Taschen und seine Belustigung schien fast nervös.

„Oh, das sind bloß die Anweisungen, die bei meinem Hogwartsbrief dabei waren," antwortete Lily. „Hast du deinen?"

„Klar," sagte James. „Unter meinem Bett zuhause. Soll ich zurückgehen und ihn holen?"

„Du kannst meinen haben." Sie reichte ihn ihm und fragte sich, ob ihre Stimme zu kalt war. James schien das zu denken, aber er kommentierte es nicht. Lily begann in der Zwischenzeit eine Unterhaltung mit den Hufflepuffs und dies verhinderte jegliche weitere Konversation.

(11:00 Uhr)

Der Vertrauensschülertreffen lief sehr schlecht.

Die Vertrauensschüler selbst bemerkten es vermutlich nicht wirklich, aber Lily war sich die ganze Zeit sicher, dass sie die ganze Sache ruinierte.

Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren.

Erstens war da James.

Zweitens war da Snape.

Es war ein verdammtes Glück, dass die beiden kein einziges Wort miteinander sprachen und ein zusätzliches Glück, dass Snape nicht mit Lily sprach, aber das machte die Situation nicht weniger unbehaglich.

Severus selbst sah in etwa so aus, wie er es vor zwei Monaten getan hatte – bleich und ungekämmt wie immer. Der vertraute Ansturm von Mitleid, der bei jedem neuen Anblick des Slytherins in Lily erwachte, war wie erwartet anwesend, aber er wurde nicht durch die sonst übliche Zuneigung oder jegliche andere positive Gefühle begleitet. Er machte sie jetzt nur noch traurig oder wütend.

Die Reaktionen auf die zwei neuen Schulsprecher waren etwas gemischt. Die Sechst- und Siebtklässler aus Slytherin schienen unzufrieden. Colista Black schnaubte ungehalten über Lily und murmelte zu der Sechstklässlerin etwas in der Richtung wie „Der Zustand von Hogwarts heutzutage." Trotzdem spielte sie weiter mit ihrem Haar und warf flüchtige Blicke in James' Richtung, sodass Lily nicht dachte, dass Colista beiden Schulsprechern zu sehr abgeneigt war.

Die Fünftklässler aus Slytherin zeigten glücklicherweise keine ähnlichen Zeichen von Rebellion und im großen Ganzen verhielt sich niemand daneben, wenn man abfällige Kommentare, die kaum hörbar geflüstert wurden, außer Acht ließ.

James blieb ebenfalls brav und als Bertram Aubrey über seine Anwesenheit hier geschockt und verstört wirkte, grinste und winkte der Schulsprecher nur.

Aber, alles in allem lief es sehr schlecht. Lily war sich da sicher. Sie sprach den Namen eines neuen Mädchens aus Hufflepuff zweimal falsch aus, und stolperte immer wieder über irgendwelche Worte. Am Ende schaffte sie es jedoch, alles, was sie mit dem Vertrauensschüler-Dasein verband, zu besprechen – von Punkteabzügen zur Terminplanung ihrer Treffen – und James übernahm mit seiner Hälfte der Präsentation. Er hatte sich bereit erklärt, über die neuen Regeln zu gehen, wie sie im Hogwartsbrief aufgelistet waren und tat dies ohne auch nur einmal zu stottern. Lily hasste ihn, nur eben nicht wirklich.

Um elf war das Treffen vorbei und alle Vertrauensschüler verließen das Abteil, außer Remus, der auf James zu warten schien.

„Also, wie war ich?" fragte der Schulsprecher. „Hätte ich mit einem Witz anfangen sollen?"

„Du hast es gut gemacht," gab Lily zu. „Vor allem wenn man beachtet, dass du noch nie bei einem Vertrauensschülertreffen warst."

„Ach, reib's rein, warum nicht?"

Lily lächelte höflich, statt zur Antwort einen Witz zu reißen. James spürte anscheinend durch das Fehlen einer neckenden Antwort, dass etwas falsch sein musste und so bot er an, ihre Dinge zu tragen – die aus einer Umhängetasche und einem Buch bestanden – und einen Moment lang fühlte sich Lily unglaublich in die Falle getrieben.

„Ich mach das," meldete sich Remus plötzlich freiwillig. „Ich bin mir sicher, dass du wieder zurück zum Abteil willst."

Lily dachte nicht, dass sie Remus jemals mehr gemocht hatte als in diesem Moment.

„Oh. Okay…" James begann zu gehen und zögerte dann. „Moony, kannst du uns eine Minute geben?" fragte er.

„Tja, ich…"

„Moony."

Remus zuckte mit den Schultern. „Wie du willst."

Als sie alleine waren, schob James die Abteiltür zu und Lily hob unschuldig ihren Augenbrauen. „Was ist?"

„Auch wenn ich riskiere, mich wie ein komplettes Mädchen anzuhören," begann der Schulsprecher, „bist du sauer auf mich?"

„Warum würde ich sauer auf dich sein?"

„Weil – weil ich dir das mit Carlotta nicht erzählt habe. Und… weil ich mit Carlotta zusammen bin."

„James – wir waren bei einer Demo. Wann genau hättest du Carlotta erwähnen sollen? Und warum sollte ich wütend sein, weil du mit Carlotta zusammen bist?"

„Tja, ich weiß… ich weiß, dass du in der Vergangenheit Probleme mit ihr hattest."

„In der Vergangenheit," wiederholte Lily fest. Sie zuckte mit den Achseln. „Ich war letzte Woche Trauzeugin bei Franks und Alices Hochzeit… ich denke, jegliche Verstimmungen die ich vielleicht mal gegenüber Carlotta gehabt hatte, sind an diesem Punkt irrelevant."

„Oh." James nickte verlegen. „Also – also bist du nicht sauer?"

„Nope."

„Okay."

„Okay."

James öffnete die Abteiltür. „Tja – schönen Tag noch, Lily."

„Tschüss." Sie winkte unbekümmert, als sich James umdrehte und ging. Remus hatte im Gang auf sie gewartet und ersetzte nun James im Abteil.

„Soll ich deine Tasche für dich tragen?" fragte der Rumtreiber mit zuckenden Mundwinkeln, während er ein Lächeln zurückhielt. Lily verdrehte ihre Augen, aber sie sah auch den Humor darin.

„Ich denke, ich schaffe das." Sie ging jedoch nicht sofort.

„Was ist los?"

„Ist James immer noch da draußen?" fragte die Schulsprecherin leise.

Remus hob eine Augenbraue. „Wahrscheinlich. Carlotta und Shelley haben am Ende des Wagens auf ihn gewartet."

„Können wir eine Minute warten?"

„Vermeidest du ihn jetzt?"

„Ich mag es einfach nicht, Leuten beim Knutschen zuzugucken."

Remus verzog sein Gesicht. „Du denkst doch nicht, dass sie… viel vor… du weißt schon, Leuten… rumknutschen werden?"

„Sie sind siebzehn. Natürlich werden sie das."

„Verdammte Scheiße," seufzte der Rumtreiber.

(13:00 Uhr)

Sie war sein erster Kuss gewesen.

Also, Carlotta war James' erster Kuss gewesen. Vielleicht auch anders herum.

Lily reflektierte diese Tatsache, als sie eine Gummischnecke auseinander biss und aus dem Fenster starrte. Felder zogen verschwommen vorbei und Mary war am reden – entweder mit Lily oder mit sich selbst – aber die Schulsprecherin konnte sich nur schwer konzentrieren.

Carlotta war James' erster Kuss gewesen. Wie seltsam war es, dass Lily diese Verbindung nicht aufgefallen war… dass sie nie erkannt hatte, dass sie wirklich auf eine Art gut zusammenpassten. Carlotta war direkt, sie machte sich nicht zu viele Gedanken über die Gefühle anderer Leute und sie mochte Gelächter und Aufmerksamkeit. James war da ziemlich ähnlich.

Sie sahen sehr gut zusammen aus, außer dass Carlotta zu klein für ihn war. Trotzdem konnte man sich nicht vorstellen, dass Carlotta mit irgendjemandem schlecht aussah. James war auch da ziemlich ähnlich.

Es machte auf seltsame Weise Sinn und Lily fragte sich, warum sie nie zuvor daran gedacht hatte. Allerdings hatte sie James zuvor nie mit jemandem in ihrem Kopf gesehen. Er hatte im fünften Jahr dieses seltsame Sarah Mädchen eine Zeit lang gedatet und es hatte eine Handvoll anderer gegeben, die ihm zugeordnet worden waren (entweder aufgrund von Realität oder Gerüchten), aber – und vielleicht war es, weil das hier Carlotta war – schien Lily diese neue Beziehung so viel realer.

Nein, Lily hatte sich James nie wirklich mit jemandem vorgestellt, aber sie konnte nicht abstreiten, dass Carlotta Sinn machte.

„Lily."

Lily zuckte zusammen. „Was?"

„Ich habe gefragt," und das war Mary, „…ob du die Gummischnecken rüberreichen kannst?"

„Oh. Richtig." Sie überreichte ihr die Süßigkeiten und dachte, es wäre am besten, wenn sie der Unterhaltung ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken würde.

(15:30 Uhr)

„Wir müssen uns was überlegen," sagte Lily gedankenverloren zu Remus, als sie ihre vertrauensschülerische Pflicht die Flure zu patrouillieren beendeten. „Du denkst nicht, dass es James etwas ausmachen würde, von den Runden ausgeschlossen zu werden, oder?"

„Ich habe noch nie erlebt, dass es Prongs etwas ausgemacht hat, weniger Arbeit zu haben," antwortete Remus leicht.

„Richtig. Trotzdem, die ungerade Anzahl der Vertrauensschüler und Schulsprecher in diesem Jahr ist ziemlich unpraktisch."

„Ich bin mir aber sicher, dass uns etwas einfallen wird," stimmte Remus zu. Sie gingen zurück zu Remus Abteil – das, das er gerade mit den anderen Rumtreibern, Carlotta und Shelley teilte. Lily stellte es die Nackenhaare auf, wenn sie nur daran dachte, was dies bedeuten könnte.

„Wie läuft denn alles soweit?" fragte sie, während sie liefen. „Ich meine – hast du – hast du… hast du mit Snape geredet?"

„Ich könnte dir dieselbe Frage stellen."

Lily schüttelte den Kopf. „Er hat mich während und nach dem Vertrauenschülertreffen ignoriert. Ist ja eigentlich gut so. Aber ich meinte… weil er…"

„Nein, ich weiß schon," sagte Remus. „Ich habe aber nicht mit ihm gesprochen. Die Rumtreiber sind hauptsächlich unter sich geblieben, also hatten wir noch nicht die Freude, in irgendwelche Slytherins hineinzulaufen."

„Tja, das ist gut."

Remus grinste. „Ich dachte, du wärst diejenige, die immer darauf beharrt hat, dass man nicht annehmen sollte, alle Slytherins wären böse…?"

„Ich bin auch diejenige, die darauf beharrt, dass James und Sirius nicht verhaftet werden, weil sie ein paar Slytherins aus dem Zug geworfen haben."

„Da hast du einen guten Punkt."

Sie wechselten den Wagen, und näherten sich immer mehr dem Rumtreiberabteil. „Wie ist es mit Shelley da drin?" wollte Lily wissen, da sie die Anwesenheit des Mädchens darin bemerkt hatte, als sie Remus für den Kontrollgang abgeholt hatte. „Ist sie… ist sie okay?"

„Warum würde sie es nicht sein? Oh, weil sie James seit 365 v. Chr. angehimmelt hat?"

„Dank Merlin, dass nicht alle komplett blind dafür sind," seufzte Lily. „Ist James das klar?"

„Nein, er denkt, Shelley hasst ihn. Ich hatte früher nie die Absicht, ihm das zu sagen, weil ich sein Ego nicht noch steigern wollte. Sie scheint aber jetzt ziemlich normal. Sehr natürlich da drin… du denkst nicht, dass sie darüber hinweg ist?"

Lily wollte verzweifelt alles wiederholen, dass Shelley vorhin gesagt hatte, aber es fühlte sich unbestreitbar falsch an. Sie zuckte stattdessen unbekümmert mit den Schultern und fügte hinzu: „Stell einfach sicher, dass James aufpasst, ja?"

„Richtig." Er zögerte, während sie noch einige Türen von Remus' Ziel entfernt waren. „Lily, kann ich dir eine Frage stellen?"

„Mhm."

„Antworte – antworte einfach ehrlich, okay?"

„Okay…"

„Hast du… ich meine… hast du je… hast du je gedacht, dass du vielleicht…?"

„Remus," unterbrach Lily. „Du lädst mich hier nicht gerade auf ein Date ein, oder?"

Remus blickte finster. „Nein, ich lade dich nicht – warum auf Erden würdest du denken, dass ich dich auf ein Date einlade?"

„Dank Merlin."

„Denkst du, ich hab' einen Todeswunsch? Ernsthaft, dich auf ein Date einzuladen wäre… wie meinst du das Dank Merlin? Was, wenn ich dich wirklich eingeladen hätte?"

„Unsinn, ich wusste, dass du das nicht tust."

„Das wusstest du nicht! Du hast dir Sorgen gemacht!"

„Vielleicht ein bisschen," gab Lily zu. „Aber nur, weil ich nicht ‚nein' sagen wollte und unsere Freundschaft ruinieren wollte. Und ich hätte nein sagen müssen, weil Sirius verdammt wütend auf mich gewesen wäre, hätte ich versucht, dich zu stehlen."

„Du bist so witzig."

„Was wolltest du wirklich fragen?"

„Tja, es scheint jetzt ziemlich lächerlich, nun, wo dein eitler Kopf zu der Schlussfolgerung gekommen ist, dass jeder Typ, den du kennst, in dich verliebt ist."

„Ich kann nicht glauben, dass du deswegen immer noch sauer bist."

„Es war vor buchstäblich fünfzehn Sekunden, Lily."

„Lupin. Konzentrier dich. Was hattest du mich fragen wollen?"

„Tja…" Dieses Mal wurde Remus nicht durch Lily, sondern durch Shelley unterbrochen, die die Tür des Abteils der Rumtreiber öffnete und hinaus in den Flur trat.

„Beeil dich," ermutige Lily ihn. Remus schüttelte den Kopf.

„Ich red' später mit dir darüber."

Remus!" rief Lily klagend hinter ihm her, aber er schlüpfte bereits im Flur an Shelley vorbei.

Als er das Abteil erreichte, rief er über seine Schulter zurück. „Ich kann nicht glauben, dass du dachtest, ich würde mit dir ausgehen wollen!"

Bitte!" spottete sie zurück. „Du könntest dich glücklich schätzen!"

Lachend verschwand Remus, gerade als Shelley Lily erreichte.

„Seid ihr zusammen?" fragte sie enthusiastisch.

„Äh… nein. Nur Freunde."

„Oh."

„Wohin bist du unterwegs?"

„Oh, ich hab' ein Date," sagte Shelley stolz.

„Ein Date?" wiederholte Lily. „Es ist der erste Schultag. Und wir sind in einem Zug."

„Nicht die Art von Date."

„Welche Art von Date denn dann?"

„Ein Carlotta-Date."

Lily runzelte die Stirn und versuchte herauszufinden, was das bedeutete. „Shelley, wirst du mit jemandem rumknutschen?"

„Richtig!" sagte Shelley strahlend.

„Jemand bestimmtes oder einfach der erste willige Teilnehmer?"

„Sei nicht albern," lachte Shelley, als ob sie mit einem sehr naiven Kind sprach. „Die Art von Dingen muss arrangiert werden. Ich bin im Flur auf ihn gestoßen und hab verabredet, dass ich mich mit ihm um drei Uhr am Ende des Zuges treffe. Zusätzlich gibt es mir eine gute Ausrede, das Abteil zu verlassen."

„War es nicht spaßig?"

„Oh, doch. James… naja… egal. Aber ich konnte nicht die ganze Fahrt da drin bleiben. Es würde aussehen, als ob ich nichts Besseres zu tun habe."

„Sicherlich ein fataler Fehler."

„Richtig. Jedenfalls…" Shelley lächelte wieder – sie schien nur aus Lächeln zu bestehen. „ich sollte besser gehen. Aber ich werde… ich muss sagen, Lily, bist du geschrumpft? Du scheinst irgendwie kleiner als früher."

„Nein, ich altere bloß andersrum," antwortete Lily. Shelley runzelte die Stirn.

„Oh."

„Ja."

„Bis später."

„Tschüss… ey, bist du dir sicher, dass dieser Typ dich nicht bewusstlos schlägt und dich ausraubt?"

„Sei nicht albern, Lily," Shelley wedelte ihre Frage weg und ging in den nächsten Wagen.

„Ich fange an mir Sorgen über das Mädchen zu machen," seufzte die Rothaarige. „Und hat sie mich gerade kurz genannt? Merlin, lass diesen Tag enden…"

(19:20 Uhr)

„Lily, ich kann das nicht machen," sagte Marlene schwach. „Ich kann hier nicht reingehen. Ich kann… ich kann ihn nicht ansehen."

„Marlene…"

„Nein, ich weiß, es ist jämmerlich, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie es – ich meine, ich…"

Die Eingangshalle war jetzt fast leer, die Erstklässler würden bald hier sein und von den älteren Schülern blieben neben Marlene und Lily nur eine Handvoll. Zum ersten Mal an diesem Tag formten sich Tränen in Marlenes Augen. Lily schlang einen Arm um die Schultern ihrer Freundin.

„Marlene…"

„Was habe ich getan, Lily?" murmelte sie schniefend. „Warum habe ich nicht einfach …? Warum konnte ich nicht…?"

„Du warst nicht bereit," sagte Lily. „Es ist nicht deine Schuld."

„Aber das war es. Ich war so dumm…"

„Nein, du warst das nicht. Du kamst gerade aus einer richtig komplizierten, wirklich intensiven Beziehung und du warst nicht bereit, in die nächste zu springen. Das ist nicht deine Schuld. Nichts davon ist deine Schuld."

„Aber es ist auch nicht seine Schuld…"

„Nein," musste Lily zustimmen, ihre Zuversicht wackelte. „Nein, er hatte ebenfalls jedes Recht, darüber hinweg zu kommen."

„Ich wünschte, sie wäre böse. Weißt du? Ich wünschte, sie wäre fies oder dumm oder… könnte nicht lesen oder so."

„Harsch, Marlene."

„Ich weiß. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie süß, liebenswürdig, lustig, winzig, schlau ist, exzellenten Musikgeschmack hat und dann auch noch den gleichen Namen hat, wie ein fantastisches Beatleslied." In ihrem Seufzen lag ein wenig Verbitterung. Sie ließ ihren Kopf auf Lilys Schulter fallen. Lily schlang einen Arm um ihre Freundin, legte ihren eigenen Kopf auf Marlenes ab und lächelte traurig.

„Marlene, du bist wunderschön," sagte sie entschieden. „Und du bist witzig und schlau und du hast fantastischen Musikgeschmack. Das weißt du alles, ja?"

Marlene schnaubte nur. „Ich werde nie wieder das Weiße Album hören."

„Mar."

„Es ist sein zweitliebstes Beatlesalbum, weißt du. Das Weiße Album. Dear Prudence: Lied Nr. sieben."

Lily gluckste.

„Es ist nicht witzig, Lily."

„Es ist ein bisschen witzig."

(8:30 Uhr)

Der Gang zu Professor Dumbledores Büro war schnell, da Lilys Schritte schnell waren; James beeilte sich um mitzuhalten.

„Wenn es wirklich so wichtig ist, warum lässt du dann nicht einfach das Treffen ausfallen?" fragte er. „Ich bin mir sicher, dass es Dumbledore egal wäre."

Natürlich ist es Dumbledore nicht egal." entgegnete Lily. „Ich kann doch nicht das Orientierungstreffen absagen. Ernsthaft…"

„Wird Mary okay sein?"

„Klar, sobald sie sich an die Tatsache gewöhnt, dass ihr Freund sie in der Eingangshalle betrogen hat."

„Du bist sarkastisch."

„Ja, das bin ich."

James seufzte; er hatte keine Probleme, mit Lily mitzuhalten, die sich viel mehr anstrengen musste als er, um diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten und das war frustrierend. „Es ist einfach seltsam," bemerkte er schließlich. „Es scheint nicht wie etwas, das Mi… Shelley tun würde. Ich dachte immer, dass sie… nett wäre. Wenn auch etwas distanziert…"

„Tja, ich schätze, sie ist nicht distanziert," war Lilys einzige Antwort, weil sie ein wenig verärgert war, dass James seine eigene Rolle in all dem absolut nicht verstand. Noch schlimmer war die Tatsache, dass sie sich nicht überwinden konnte, es ihm zu sagen.

James war eine Weile lang still, aber er belebte die Unterhaltung wieder, als sie in den Schlossflügel abbogen, in dem sich Dumbledores Büro befand. „Also, worum geht es in diesem Treffen genau?"

„Ich weiß nicht," antwortete Lily. „Wahrscheinlich darum, uns allgemeine Anweisungen zu geben. Vielleicht um über die Schulsprecher-Schlafsäle zu sprechen."

„Oi! Stimmt! Ich kriege mein eigenes Zimmer!"

„Hast du das vergessen?"

„Mir ist es einfach noch nicht eingefallen. Erscheint das einfach ganz oben auf der Treppe, wie bei Frank?"

Lily nickte. „Und es wird auch eins auf der Mädchenseite der Türme geben."

„Kriegen wir unseren eigenen Gemeinschaftsraum?"

„Was?"

„Unseren eigenen Gemeinschaftsraum."

Lily runzelte die Stirn. „Nein. Wo auf Erden hast du denn die Idee her?"

„Ich weiß nicht," gab James zu. „Ich habe das Gefühl, ich habe es irgendwo gelesen."

„Kakerlakenschwarm."


Professor Dumbledore saß an seinem großen Schreibtisch, mit gefalteten Händen auf der Tischplatte, während der rote-goldene Vogel an seiner Seite eine seltsame Melodie sang. Nervös näherte sich Lily den zwei freien Stühlen, auf die der Schulleiter zeigte und sie verfluchte die lockere Ruhe, die James fast versprühte. Wie machte er das?

Übung, wahrscheinlich. Er hatte das Schulleiterbüro vermutlich öfter besucht, als alle anderen in seiner Schulzeit zusammengerechnet.

„Miss Evans, Mr. Potter," grüßte Dumbledore sie fröhlich, als sich das Schulsprecherpaar setzt. „Ich vertraue darauf, dass heute morgen im Zug alles glatt gelaufen ist?"

„Sehr glatt," sagte Lily, und James nickte.

„Und ich vertraue, dass ihr beide schöne Ferien hattet?"

„Wir wurden quasi verhaftet!" sagte James stolz. „Aber das haben Sie alles schon gehört, schätze ich. Dad tratscht immer so."

„Ich habe in der Tat von euren Heldentaten im Ministerium für Magie gehört," bestätigte Dumbledore, der unter seinem dicken silbernen Bart lächelte. Einen Moment lang dachte Lily, dass er das ausführen würde – dass er einen weiteren Kommentar hätte oder Informationen, die er teilen könnte, aber er kehrte zum Tagesgeschäft zurück. „Und dieses Arrangement," sagte er, „ihr zwei fühlt euch, als ob ihr effizient und einträglich miteinander arbeiten können werdet?"

„Ich werde versuchen, ihr nicht im Weg zu stehen," sagte James.

„Ich bin mir sicher, dass das nicht der Fall sein wird," antwortete Dumbledore und Lily nickte aufrichtig. James hob eine Augenbraue über die Ernsthaftigkeit ihrer Reaktion, aber es war ihr egal; es war wichtiger, dass er zumindest das verstand.

„Sehr gut," fuhr Dumbledore fort, nun geschäftsmäßig. „Es gibt eine Anzahl von Pflichten, die euch zwei als Schulsprecher und -sprecherin auferlegt werden. Mit den Quidditchkapitänen die Trainingszeiten abzusprechen, die Dokumentation der Punkteabzüge, zum Beispiel. Lily als Vertrauensschülerin wird damit, glaube ich, vertraut sein, aber es gibt eine vollständige Liste der Pflichten im Büro der Schulsprecher im vierten Stock, die Professor McGonagall zum nächstmöglichen Zeitpunkt mit euch durchgehen wird. Es gibt jedoch auch einige andere Aufgaben, die in diesem Jahr neu sind – vor allem zwei. Erstens werden ab nächster Woche die Vertrauensschüler im sechsten und siebten Jahr abendliche Kontrollgänge von acht bis elf Uhr übernehmen. Auch dies wird Professor McGonagall bald mit euch in detaillierter Form besprechen, jedoch hatte ich gehofft, euch früh Bescheid geben zu können, da es eine bedeutsame Steigerung eurer Arbeitsbelastung sein wird. Als UTZ Schüler wisst ihr, dass diese Belastung bereits sehr hoch ist, aber ich glaube, ihr zwei seid der Aufgabe trotzdem gewachsen. Liege ich da richtig?"

„Ich schätze…" sagte Lily unsicher.

„Wir werden einfach sehen müssen, oder?" war James' Antwort.

Dumbledore nickte. „Die zweite neue Aufgabe, die ich für euch habe," fuhr er fort, „beinhaltet Madam Keepdown."

„Bitte sagen Sie nicht, dass wir Schulsprecher auch zu diesen dummen Beratungen müssen?" flehte James und Lily unterdrückte ein Kichern. Dumbledores Augen funkelten wieder.

„Nein, James, diese wurden leider vom Ministerium verpflichtend eingeführt… nach den dramatischen Ereignissen im letzten Jahr. Jedoch hoffe ich, dass ihr zwei mich darüber informiert haltet, wie die wöchentlichen Sitzungen laufen. Ob ihr das Gefühl habt, dass sie für die Schüler nützlich sind… ob es etwas gibt, was ihr als besonders störend empfindet… ich hoffe, ihr haltet mich auf dem Laufenden."

Lily tauschte einen kurzen Blick mit dem Schulsprecher aus. „Bitten Sie uns gerade, Madam Keepdown nachzuspionieren?"

„Natürlich nicht, Miss Evans. Madam Keepdown ist völlig bewusst, dass sie durch die Schüler evaluiert werden wird. Tatsächlich hat die liebe Frau es angeboten."

„Dürfen wir also nicht sagen, dass sie scheiße ist?" fragte James.

„Besser nicht, bevor ihr nicht tatsächlich ein oder zwei Treffen erlebt habt," antwortete der Schulleiter. „Jetzt, zu einem anderen Thema…"


Sie begannen zurück zum Gemeinschaftsraum zu gehen. James sagte zunächst nichts und Lily war nicht in der Stimmung eine Unterhaltung zu beginnen. Sie verschränkte ihre Arme und beschleunigte ihren Schritt ein wenig.

„Ist etwas los mit dir?" fragte James plötzlich.

Merlin und Agrippa, was denkst du denn?

„Nope."

„Überzeugend."

Lily verdrehte bloß ihre Augen, aber sie ging vor ihm, als sah er es nicht.

„Was ist los?" fragte er und beschleunigte seine Schritte ebenfalls um neben ihr zu gehen.

„Nichts."

„Keks…"

„Nicht ist los. Lass es einfach gut sein, ja?"

Eine Flurlänge gab James nach. Dann, als ob er sich nicht davon abhalten konnte: „Oh, komm schon, Evans – hasst du Carlotta wirklich so sehr?"

„Bitteschön?"

„Du bist den ganzen Tag schon komisch und es tut mir leid: ‚Cool'? Das ist alles, was ich kriege? Nicht mal ein ‚Glückwunsch' oder…"

Lily blieb stehen. „Bitte?" wiederholte sie. „Du bist sauer, weil ich nicht enthusiastisch genug auf deine Beziehung reagiert habe? Was, willst du, dass ich dir eine Party mit Ballons und Konfetti schmeiße?"

„Hör auf, Evans, das habe ich nicht…"

„Du bist ein Idiot."

„Was?"

„Ich habe gesagt, ‚du bist ein Idiot'."

„Ich habe gehört, was du gesagt hast! Warum bin ich ein Idiot?"

Lily dachte jedoch nicht, dass sie es in sich hatte, zu antworten. Sie schüttelte nur ungläubig ihren Kopf und ging weiter den Flur hinunter.

„Evans! Komm schon…" James holte sie ein und brachte sie zum stehen. Als er nicht sofort seine Hand von ihrem Arm nahm, starrte sie ihn böse an und er zog sie sofort weg. „Warum bist du…?"

Und dann war es alles zu viel.

Wir sind zusammen.

Sie sind irgendwie perfekt füreinander.

Einfach nah genug um…

„Warum hast du mir nicht früher gesagt, dass du mit Carlotta zusammen bist?" fuhr Lily ihn an, bevor sie sich aufhalten konnte.

James senkte den Blick. „Ich – ich hab nicht… es war irgendwie kein Thema."

„Es war kein Thema?" (Das war fast geschrien), „Wirklich? Denn ich habe diese seltsame Erinnerung daran, mit dir in einem Büro zu sitzen und zu fragen, wie deine Ferien waren und du hast einfach „gut" gesagt und dann wurdest du irgendwie schnippisch, wie du es immer wirst, wenn du etwas verheimlichst und oh-mein-Merlin, wie konnte ich so dumm sein?" Es begann Sinn zu machen. „Ich dachte, es wäre bloß die Schulsprechersache, aber… um Agrippas Willen, das war das, was Sirius wollte, dass du mir sagst, oder? Und Sam… ‚die Rothaarige, aber nicht das Mädchen…' Ich bin so eine Idiotin! Wie ist mir das nicht aufgefallen?"

„Du bist kein Idiotin, ich hab einfach…"

„Wir haben zwei Tage in Folge fast konstant in der Gegenwart des anderen verbracht und trotzdem hast du nicht einmal in dieser Zeit erwähnt, dass du quasi mit meiner Mitbewohnerin verlobt bist!"

„Ich bin nicht quasi verlobt, Evans."

„Richtig, also wenn du ein Formular für etwas ausfüllen würdest und es zwei kleine Kästchen gäbe und du eins ankreuzen müsstest – ledig oder vergeben, würdest du ankreuzen…?"

„Bist du fertig, Keks?"

„Nein, ‚Keks' mich nicht," sagte Lily bissig, während die Wut in ihr hochkochte, intensiv und unaufhaltsam. „Ich bin sauer auf dich. Du hast mir etwas vorgespielt…"

„Wir waren bei einem Protest," argumentierte James. „Wann hätte ich denn mein Liebesleben thematisieren sollen ohne wie ein komplettes Arschloch zu klingen? Es war einfach kein Thema!"

„Du meinst, ich habe dich nicht explizit gefragt, ob du mit Carlotta Meloni zusammen bist? Ja, das stimmt wohl, schätze ich. Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass du es an verschiedenen Gelegenheiten hättest heimlich einschieben können, unter anderem zu dem Zeitpunkt, an dem ich dich speziell nach deinem Urlaub gefragt habe! Es scheint so, ich weiß nicht, als hättest du es zumindest schaffen können, mir ein ‚Tja, ziemlich gut, Lily, schönes Wetter und so und ich vögele Carlotta, und das ist immer spaßig."

„Lily…"

Aber Lily gab ihm keine weitere Gelegenheit sich zu verteidigen. Sie schätzte, dass er vielleicht eine perfekt vernünftige Ausrede hatte, aber sie wollte sie nicht hören und so drehte sie sich auf dem Absatz um und ging schnell davon. Er sagte zweimal ihren Namen, aber sie drehte sich nicht um und er folgte ihr nicht.

Abgesehen davon, als sie der Fetten Dame das Passwort gab – und James war noch immer weit hinten – hielt Lily nicht einmal inne, den ganzen Weg hoch zum Schlafsaal. Sie ignorierte alle im Gemeinschaftssaal und zögerte kaum an der Tür zum Schlafsaal der Siebtklässlerinnen. Sie stieg weiter die Treppen hoch, die sich in dem Jahr zuvor nicht so hochgestreckt hatten und warf oben die Tür auf, kaum die kleine bronzene Plakette mit den eingravierten Worten „Schulsprecherin" registrierend, die sich darauf befand.

Es war ein schönes Zimmer. Geräumig, wenn auch einfach, etwa die Größe des Mädchenschlafsaals, in dem Lily die letzten sechs Jahre verbracht hatte, und der Gedanke, dass sie es ganz für sich alleine hatte, hätte ihr – unter anderen Umständen – Freude bereitet.

Die Wände waren mit honigfarbenem Holz betäfelt, in einem helleren Ton als der große Schreibtisch in der Nähe der Tür zu ihrem eigenen Badezimmer. Der Schlafsaal war rund und ein großes Fenster – mit einer kissenbedeckten Bank – blickte über die dunklen Hogwartsländereien. Der Steinboden war teilweise von einem runden Teppich bedeckt, der denselben Scharlachrotton besaß wie die dicke und einladende Decke auf ihrem Bett. Die Vorhänge im Fenster waren jedoch in einer hellen Cremefarbe gehalten, wie die Kissen auf dem Bett.

Das ganze Zimmer hatte sich bei ihrer Ankunft erhellt und doch hatte keines dieser Details einen Effekt auf Lily. Sie sah sie kaum, denn ihre Augen waren plötzlich von Tränen verschwommen.

Ihr Atem wurde schneller und stockte. Sie fiel gegen die geschlossene Tür und schob ihre Haare aus dem Gesicht, gewaltsam die Panikattacke abwehrend, die ihr Herz beschleunigte und ihren Kopf zum Drehen brachte.

Gar nicht gut.


„Oh, tut mir leid. War da etwas, was du brauchst?"

Das war Marys Stimme, und Lily, mit vollkommen trockenen Augen, betrat eine sehr angespannte Version des Siebtklässlerinnen-Schlafsaals. Mary und Marlene standen Shelley gegenüber. Mary sah wutentbrannt aus und Shelleys Wangen waren gerötet, während sie eine Antwort stammelte. Marlene war die einzige, die Lilys Ankunft bemerkt hatte.

„Was ist los?" fragte Lily, fast aus Gewohnheit, und machte einen Schritt in Marys und Marlenes Richtung.

„Nichts," sagte Mary und in ihrer Stimme lag etwas Kaltes und Bissiges, das Lily noch nie zuvor bei der Brünetten gehört hatte. „Shelley war gerade auf ihrem Weg nach draußen."

Richtig. Gefangen in ihrem eigenen Drama für den Moment, hatte Lily fast das Shelley und Stebbins Debakel vergessen. Shelley sah aus, als ob sie dem Befehl fast gehorchen würde, aber Lily schlang einen Arm um Marys Schulter. „Nein, Shell, ignorier sie," sagte sie, fast etwas müde. Sie dachte schnell nach. „Komm, Mary, ich habe ein Zimmer ganz für mich allein. Wir machen… eine Pyjamaparty oder so."

Noch immer funkelnd, gab Mary nach und ging mit Marlene.

„Die Tür ist offen – ich komme gleich nach," rief Lily hinter ihnen her. Sie war, für einen kurzen Moment, alleine mit Shelley, bis Carlotta aus dem Bad kam. Sie trug noch ihre Uniform.

Die drei Mädchen standen dort etwas peinlich berührt.

„Es tut mir leid, Shelley," seufzte Lily. „Mary ist nicht… ich meine… ich weiß, dass du nicht wusstest, dass sie mit Stebbins zusammen war…" Eigentlich hatte sie keine Ahnung, ob das stimmte. Ehrlich gesagt, war es ihr egal. Sie wollte… sie wollte einfach nur, dass alle leise waren.

„Natürlich wusste sie es nicht," sagte Carlotta aufrichtig. „Shelley würde nicht – Shelley würde nicht absichtlich mit dem Freund eines anderen Mädchens knutschen… nicht, Shell?"

All die Schüchternheit, die in Shelley gesteckt hatte, als Mary im Zimmer gewesen war, verschwand plötzlich. Es war vielleicht der letzte Tropfen gewesen oder vielleicht hatte sie es immer so beabsichtigt.

„Nicht so wie du," fuhr sie herum, und steuerte auf Carlotta zu. „Du würdest es tun – du hast es getan, ohne mit der Wimper zu zucken."

„Shell…"

„Ich will es nicht hören!" schrie Shelley, und Carlotta wurde sichtbar blass. Das Zimmer schien um Shelley herum leise zu werden. „WIE KONNTEST DU? Du wusstest es! Du hast immer gewusst, dass ich in ihn verliebt bin und du hast – war es dir einfach egal?"

„Du…. du hast… du hast nie etwas zu ihm gesagt…"

„Das hätte dir egal sein können! Du hättest meine beste Freundin sein sollen, aber dir – dir sind meine Gefühle absolut egal! Du wusstest es und hast einfach weiter gemacht!"

„Ich wollte dich nicht verletzen…"

„Natürlich wolltest du das!" kreischte Shelley. „Dir sind doch alle egal, außer dir selbst! Es muss… es muss aufregend gewesen sein, James Potter zu kriegen! Du musst dir gedacht haben, dass… dass die dumme, mausige kleine Shelley nichts sagen würde! Wie – wie im vierten Jahr, als du ihn geküsst hast… du musst gedacht haben, dass ich in der Spur bleibe und brav bin! Aber das werde ich nicht! Ich werde nicht mehr dein dummer kleiner Handlanger sein! Ich bin damit fertig!"

Lily fragte sich, ob jemand bemerken würde, wenn sie ging.

„Ich bin fertig mit dir!"

„Shelley, ich dachte, es wäre bloß eine kleine Schwärmerei…" Nie hatte Lily Carlotta so – beschämt gehört. Sie sprach leise und verzweifelt.

„DU WUSSTEST ES!" tobte Shelley weiter. „DU WUSSTEST ES UND DU HAST ES TROTZDEM GETAN!" Eine kurze, kühle Pause und dann fuhr sie, etwas ruhiger, fort, „aber es ist egal… er wird dich nicht lange wollen."

„Was – was soll das bedeuten?"

„Genau das, wonach es sich anhört. Wenn du denkst, dass er ein Mädchen wie dich will…"

Sofort erlangte Carlotta wieder übliche Ruhe. Sie sah Shelley in die Augen. „Du denkst, er wird dich wollen?" Sie lachte; Shelley versuchte, selbstbewusst zu bleiben. „Du denkst, dass James Potter dir Aufmerksamkeit schenken wird, Shelley? Du wirst mehr tun müssen als ein wenig Gewicht zu verlieren, damit das passiert…"

Shelley warf sich tatsächlich auf Carlotta, aber Lily schritt ein.

„Hört auf, ihr beiden!" rief sie. „Carlotta, Shelley – ihr zwei müsst euch einkriegen. Er ist bloß ein Junge."

„Er ist nicht bloß ein Junge!" fuhr Shelley sie an. „Er ist der Junge, den ich liebe…"

„Er steht nicht auf dich, Shelley," entgegnete Carlotta. „Er steht auf mich."

„Nicht für lange! Ich habe allen Geschichten zugehört, die du mir je erzählst hast, Carlotta! Ich weiß alle schrecklichen Dinge, die du getan hast und das sind nicht die Qualitäten, die ein Typ bei seiner Freundin möchte!"

„Warum versuchst du dann so sehr, ich zu sein?" kreischte Carlotta.

„Ich will nicht du sein! Du wärst letztes Jahr durch Zaubertränke gefallen, wenn du nicht Robbie Castle einen runtergeholt hättest, damit er deine Hausaufgaben macht!"

„Zumindest bin ich keine jammernde, stammelnde Närrin, die denkt, dass der einzige Grund, warum ihr jämmerlicher kleiner Schwarm nie funktioniert hat, ihre Hässlichkeit sei! In Wahrheit, Shelley – er hätte nicht auf dich gestanden, selbst wenn du nicht einem unförmigen Hippogreif geähnelt hättest!"

Shelley keuchte und versuchte wieder Carlotta zu erreichen, ein weiteres Mal erfolgslos aufgrund von Lily.

„Ich meine es ernst, hört auf," fuhr sie sie an.

Halt dich hier raus, Lily," bellte Shelley.

„Ich werde nicht zulassen, dass ihr euch umbringt!"

„Das geht dich nichts an! Hör auf, dich einzumischen!"

Lily verdrehte ihre Augen. Sie schritt zurück. „In Ordnung. Reißt euch gegenseitig die Haare aus – mir ist das egal." Lily ging zurück zur Tür und hatte völlig vor, zu gehen, jedoch wollte ein kleiner Teil bleiben – hören, was noch gesagt werden musste. Sowohl Carlotta als auch Shelley waren ein paar Sekunden still und dann sprach Shelley bitterlich.

„Ich kann einfach nicht glauben, dass du mir das antun würdest," murmelte sie und da waren Tränen in ihren Augen. „Du wusstest es…"

„Ich wusste, dass du für einen Jungen geschwärmt hast, mit dem du sechs Jahre lang kaum zwei Worte gewechselt hast," unterbrach Carlotta, ebenfalls mit Tränen in den Augen. „Ich wusste, dass er mich mag und dass er nicht nur mit mir schlafen will – er mag mich. Also, ja, wollte ich mit ihm ausgehen."

„Er wusste es nicht!" antwortete Shelley, mit einer Stimme, die sich wieder über die normale Lautstärke erhob.

„Er wusste was nicht? Dass du dünn werden würdest und bereit sein würdest, mit ihm zu schlafen? Erstens, bist du nicht mal so dünn. Zweitens, ist er James Potter! Es ist nicht so, als ob er nie Optionen gehabt hätte, okay?"

„Ich verstehe," entgegnete Shelley. „Also bist du besonders, ja? Bitte! Der einzige Grund, warum jemand mit dir zusammen sein will, ist, weil du eine garantierte Schlampe bist!"

„Und du bist jetzt so viel besser? Du hast mit Marys Freund rumgeknutscht!"

„Na und? Es ist nicht so, als ob Mary Macdonald keinen neuen Freund finden wird!"

„Du bist so eine pathetische Heuchlicherin!"

„Du bist eine herumhurende Schlampe!"

Und Lily konnte sich nicht mehr zurückhalten.

„HALTET DIE KLAPPE; HALTET DIE KLAPPE; HALTET DIE KLAPPE!" schrie sie, es war eine Lautstärke, von der sie nicht dachte, dass ihre Stimme sie je erreicht hatte und sie ließ Carlotta und Shelley sofort verstummen. „Ihr seid beide im Unrecht!" fuhr sie wutentbrannt fort. „Keiner von euch hat die moralische Überhand mehr, okay? Und i-i-ihr steht hier, streitet euch, wie ein paar Idioten über etwas, das so-so-so unvorstellbar unbedeutsam ist, dass ich es kaum aushalten kann, dass das für zwei angeblich intelligente siebzehnjährige Mädchen überhaupt wichtig ist!"

Shelley und Carlotta sahen verärgert aus.

„Tja," begann die Blondine leise, „sie…"

„Verdammte scheiße, das ist mir egal!" fuhr Lily fort wie vorher, ihre Stimme bebend vor Wut und Shelley zuckte zusammen. „Ihr habt beide Unrecht! Welchen Teil davon versteht ihr nicht? Carlotta…" Sie drehte sich zu der Brünetten um. „Was zur Hölle hast du getan? Du hast gewusst, dass deine beste Freundin seit dem ersten Jahr in ihn verliebt ist – du hättest ihn nicht küssen sollen und du hättest nicht anfangen sollen, ihn zu daten! Du bist nicht verliebt! Du hast es getan, weil du es wolltest und weil du warum auch immer nicht in der Lage bist, zu verstehen, dass du nicht alles tun kannst, was du willst! Wenn du nicht nach jeder Lust und Laune, die du hast, handeln würdest, würde deine beste und – wenn ich hinzufügen darf – praktisch einzige Freundin hier nicht stehen und dir Schimpfwörter entgegen schreien!"

Carlotta senkte ihren Blick, Shelley schien kurzzeitig triumphierend. Kurzzeitig.

„Und du!" Lily drehte sich zu der Blondine. „Du bist nicht viel besser! Als jemand, der diesen Typen anbetet und bewundert, hast du anscheinend keine sehr hohe Meinung von James! Du wirst, was? Eine lange und glückliche Beziehung haben – heiraten, Babys kriegen, und in seinem großen, tollen Haus wohnen – nachdem du ihn seiner Freundin ausgespannt hast? Wie soll das bitte eine gute Idee sein? Und, oh mein Merlin, lass mich nicht mit Stebbins anfangen! Ich sage das nicht gerne, aber Carlotta hat Recht! Wie kannst du hier stehen und sie eine Hure nennen, wenn dich alles von deinem praktisch orangenen Lippenstift bis zu der Tatsache, dass du gerade den Satz ‚Mary Macdonald wird einen neuen Freund finden' gesagt hast, genauso schlimm macht!"

„Ich…"

„NEIN! Nein, nein, NEIN! Ich rede jetzt!"

Shelley sank in sich zusammen.

„Ihr zwei müsst euch sofort zusammenreißen! Mir ist es absolut egal, ob Carlotta den Typen sieht, auf den du stehst, Shelley, oder ob Shelley versucht, sich auf den Schoß deines Freundes zu setzen, Carlotta. Egal. Aber all dieses Schlampen-Nennen und Schreien und verschandeln dieses Schlafsaals und… und… und Knutschen des Freundes meiner Freundin um etwas zu beweisen – all das endet jetzt! UND..." Sie sprach über zwei Unterbrechungsversuche, „bevor einer von euch sagt, dass mich das hier nichts angeht, werde ich der Gefahr verschonen, aus dem Fenster gehext zu werden: das hier geht mich etwas an, weil ich eigentlich heute Nacht mein eigenes Zimmer haben sollte, und jetzt darf ich den Abend damit verbringen dürfen, wiederholten Aussagen darüber, was für ein Arschloch Stebbins ist, zuzustimmen! Und auch, weil ihr zwei mit eurem Verhalten das Wort ‚Freundschaft' in den Dreck zieht! Und auch, weil ich Schulsprecherin bin und IN DEN SCHLAFSÄLEN KEIN SCHREIEN ERLAUBT IST!"

Sie endete ihre Rede.

Shelley und Carlotta sprachen nicht.

Irgendwann – und Lily wusste nicht wann – hatte Donna den Schlafsaal vom Bad aus betreten, noch triefend nass von ihrer Dusche und in einen Bademantel gewickelt. Sie sah von Lily zu den anderen zwei, mit großen verwunderten bernsteinfarbenen Augen.

Alle waren still und dann flüsterte Carlotta fast mit bebender Stimme: „Es tut mir leid."

Sie sprach Shelley an, aber die Blondine hatte kein Mitleid für das Mädchen, das James Potter gestohlen hatte.

„Ich hasse dich," antwortete sie bitter.

Lily drehte sich um um zu gehen, bevor noch etwas gesagt werden konnte, aber Carlotta überholte sie. Sie schlüpfte aus dem Schlafsaal und knallte die Tür hinter sich zu.

Donna brach dieses Mal die Stille. „Hat – hat irgendjemand an Zahnpasta gedacht? Ich hab' meine vergessen."

Shelley setzte sich trotzig auf ihr Bett, Lily seufzte.

„Ich hab' oben Zahnpasta," antwortete sie. „Mary und Marlene schlafen heute da oben, also falls du willst…"

„Im Schulsprecherinnenschlafsaal? Ja bitte." Und dann hatte Donna ihre Dinge hochgebracht.

„Shelley…" begann Lily zu sagen, aber die andere unterbrach sie.

„Es ist nicht fair," fuhr sie sie an, sie starrte die Wand an und knetete ihren Pulli zwischen ihren Fingern. „Carlotta bekommt alles. Sie wollte ihn bloß, weil sie – sie wusste, dass ich ihn wollte und nie haben können würde." Shelley schniefte, und eine Träne lief ihre Wange herab. Lily wollte nicht Mitleid für sie fühlen, aber das veränderte die Tatsache nicht.

„Es tut mir leid, Shelley. Für das alles… aber…"

„Bitte," unterbrach Shelley ruhiger. „Bitte, lass es einfach."

Lily nickte und dann ging sie ebenfalls aus dem Schlafsaal.

Zu ihrem Leidwesen hatte sich jedoch eine kleine Menschengruppe aus Gryffindormädchen vor der Tür gebildet, die zweifellos vom Geschrei angelockt worden waren und Lily hatte die unangenehme Aufgabe, sie alle davon zu scheuchen. Als sich die Gruppe auflöste, bemerkte Lily jedoch eine Figur, die auf der anderen Seite der Grenze zwischen den Jungen- und Mädchenschlafsälen stand. Carlotta stand auf der anderen Treppe, ein Handspiegel vor sich, während sie die tränenverquollenen Ringe unter ihren Augen zu reiben schien.

Lily drehte sich um, um in ihren eigenen Schlafsaal zurückzukehren, aber Carlotta hatte sie ebenfalls bemerkt und sie rief den Namen der Schulsprecherin. Lily drehte sich um und Carlotta sah sie erwartungsvoll an, nun mit geschlossenen Minispiegel, als ob sie darauf wartete, dass Lily sich ihr auf der anderen Treppe anschloss. Seufzend gab der Rotschopf nach.

Sie stieg zu derselben Treppenstufe auf, auf der Carlotta stand, aber lehnte sich gegen die Wand auf der anderen Seite der Brünette.

„Du bist ein wenig selbstgerecht," sagte Carlotta.

Lily seufzte. „Ein wenig? Meinst du damit, dass es irgendwie meine definierende Eigenschaft ist?"

Carlotta lächelte ein schwaches, wässriges, un-carlotta-haftes Lächeln. „Er hätte niemals auf Shelley gestanden. Ehrlich gesagt war ich ein wenig überrascht, dass er auf mich stand."

„Nur ein wenig?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich sehe ziemlich gut aus."

„Das hab' ich gehört." Lily seufzte wieder und massierte ihre Stirn um ein schnell einsetzendes Kopfweh abzuwenden. „Weiß er es?"

„Dass ich ziemlich gut aussehe?"

„Das mit Shelley."

Jeder Hauch von Humor verschwand aus Carlottas (selbst weinend) makellosem Gesicht. Sie schüttelte ihren Kopf.

„Er wird es herausfinden. Ich nehme an, dass du nicht denkst, dass all das…" Lily gestikulierte in Richtung Schlafsaaltür, alles, was sich gerade drinnen abgespielt hatte, andeutend, „…nicht von der Menge draußen unbemerkt geblieben ist."

„Ich weiß," flüsterte Carlotta. „Ich muss es ihm sagen."

„Ja, das musst du."

Carlotta nickte. Sie sah aus, als ob sie gehen wollte, aber sie zögerte. „Du bist irgendwie selbstgerecht, aber du… du verstehst auch Dinge."

„Ich verstehe das hier nicht," antwortete Lily hilflos. „Warum er? Warum dieser bestimmte Junge? Warum James Potter?" Und sie hatte das seltsamste Gefühl – sie brauchte eine Antwort, als ob sie die Frage nicht nur an Carlotta stellte. Carlottas Antwort war jedoch absolut nicht hilfreich.

„Weil Typen wie James Mädchen wie mich nicht wollen."

„Carlotta, die wollen alle ein Mädchen wie dich."

„Frank nicht."

„Guck – guck, das meine ich!" beharrte Lily, als ein Viertklässler auf dem Weg zu seinem Schlafsaal an ihnen vorbeiging. „Vor fast einem Jahr saßen wir in diesem Schlafsaal und hatten diese Unterhaltung über Frank und er war derjenige. Er war die Antwort auf alles und alle anderen waren egal, weil ihr zwei füreinander bestimmt wart… und guck, wie das ausgegangen ist! Du hast Frank wehgetan, du hast Alice wehgetan und ihr zwei wart nicht füreinander bestimmt. Aber jetzt tust du nicht Alice weh – sondern Shelley. Deiner besten Freundin! Wie ist das hier besser als die Frank Sache?"

Carlotta schien jedoch zu denken, dass die Antwort offensichtlich war. „Frank wollte mich nicht. James schon."

„Aber es muss doch einen Typen gegeben haben, der dich wollte und in den deine beste Freundin nicht verliebt war!"

„Ich weiß," sagte Carlotta, fast zaghaft. „Aber keinen wie James."

Ein paar Minuten später ging Carlotta ins Bett (in den Schlafsaal des Schulsprechers – Lily entschied sich, nicht darüber nachzudenken) und die Schulsprecherin kehrte zu ihrem eigenen Schlafsaal zurück, wo Mary, Marlene und Donna auf sie warteten. Bevor sie eintrat, zögerte Lily an der Tür, nahm einen tiefen, entspannenden Atemzug und schloss ihre Augen.

„Reiß dich zusammen, Evans," dachte sie zu sich selbst. „Für alle anderen und dich selbst."

Sie öffnete gleichzeitig ihre Augen und die Tür.

(Etwa zwölf Stunden zuvor)

Heute würde ein guter Tag werden.

Die Morgensonne schien glorreich über ihnen, die Vögel sangen, und der liebliche, nostalgie-inspirierende Geruch nach Rauch schwebte über den Gleis Neundreiviertel. Lily saß auf einer Bank an dem Gleis und ihre Schuhe tappten den Rhythmus des Beatles-Liedes, das ihr gerade durch den Kopf ging („Ticket to Ride", weil der Hogwartsexpress sie daran erinnert hatte), während sie leise mitsummte und die Vorbeilaufenden interessiert beobachtete.

Es war zwanzig Minuten nach neun und sie war früh dran, weil sie einfach… aufgeregt gewesen war. Aufgeregt, wieder jeden Tag mit ihren Freunden zurück in Hogwarts zu sein, aufgeregt, Schulsprecherin zu sein (zusammen mit James als Schulsprecher), aufgeregt für so viel ungenutztes Potential in diesem neuen Schuljahr. September war ein wundervoller Monat.

Es war fünfundzwanzig Minuten nach neun. Sirius Black war der erste Gryffindor Siebtklässler, der ankam.

„Du weißt, dass du tatsächlich in den Zug einsteigen musst, ja?" fragte er, ziemlich plötzlich an Lilys Seite erscheinend und neben ihr auf die Bank fallend.

Der Rotschopf verdrehte die Augen. „Ich genieße bloß die frische Luft."

Das ist frische Luft?"

Lily lächelte nur. „Dein Sarkasmus wird mich nicht unterkriegen, Black. Ich mag Bahnhöfe. Sie stecken voller Möglichkeiten."

Sirius grinste zur Antwort. „Was auch immer du sagst, Evans. Ich seh' dich später im Zug."

„Das lässt sich fast nicht vermeiden."

Dann, mit einem bestimmten Hüpfen in seinem Schritt, war Sirius auf und davon, seinen Koffer hinter sich herziehend.

Es war neun Uhr siebenundzwanzig; eine Drittklässlerin hatte begonnen mit dem Mantra „Willkommen, willkommen zu einem weiteren Jahr in Hogwarts!" über das Gleis zu hüpfen.

Es war neun Uhr dreiunddreißig und Lily fuhr fort, zu tappen und zu summen, als Remus Lupin vorbeilief, grinsend und winkend mit dem Versprechen, sie im Zug zu sehen. Es war neun Uhr siebenunddreißig, als Adam McKinnon vorbeikam, selbst fröhlich grüßend, und neun Uhr zweiundvierzig, als Donna schließlich mit Bridget an ihrer Seite eintraf.

„Komm schon," lockte sie halb und befahl sie halb. „Ich suche uns ein Abteil."

„In Ordnung, in Ordnung," antwortete Lily. „Bin in ein paar Minuten da."

Donna nickte und folgte dem üblichen Weg zum Zugabteil, während sie etwas zu ihrer Schwester murmelte, was Erklärungen hätten sein können (aber wahrscheinlich eher Warnungen waren). Lily begann ihre Sachen zusammenzusuchen, nur um einen Moment lang davon abgelenkt davon zu werden, wie eine junge Muggelstämmige ihren Eltern auf Wiedersehen sagte. Von dem Strahlen in ihrem Gesicht und der offensichtlichen Anspannung auf dem ihrer Mutter und ihrem Vater, schien die Hexe eine Erstklässlerin zu sein. Lily lächelte. Dieses Kind hatte keine Ahnung, was sie erwartete…

Auf eine gute Art.

Lily schaute nach Ira, ihrer Katze, und stand dann auf, sich darauf vorbereitend, Donna zum Hogwartsexpress zu folgen. Sie hatte jedoch noch keinen Schritt gemacht, als ihre Augen jedoch auf James und Sirius fielen, die neben einem Zugteil standen – seltsam, sie hatte gar nicht gesehen, wie James ankam, aber die Bahnhofshalle war voll und es war auf keinen Fall unmöglich, dass er sich vorbeigeschlängelt hatte.

Einen Moment lang – für nur ein paar Sekunden – beobachtete Lily die zwei Rumtreiber. Das warme Morgenlicht fing sich in dem Schulsprecherabzeichen, das an James T-Shirt gepinnt war, genauso wie in dem amüsierten Glitzern in seinen Augen. Er fuhr mit einer Hand durch seine Haare, schüttelte seinen Kopf, und antwortete auf eine Bemerkung von Sirius mit ein paar Worten selbst-bewusster Cleverheit, die Sirius laut lachen ließ. Als Sirius eine weitere Antwort gab, hörte James zu, eine Falte aus subtilem Interesse formte sich zwischen seinen Augen, eine Hand rieb müßig seinen Kiefer.

Lilys Gedanken sprangen zu einem Abend vor nicht allzu langer Zeit, als sie nah genug gestanden hatte, um den Platz und noch ein wenig mehr zu füllen, der gerade zwischen den zwei Rumtreibern bestand – nah genug um James' Atem zu spüren, nah genug um ihn zu küssen, wenn sie sich nur eine Minute oder zwei vom Denken abhalten hätte können…

Und dann, einen Moment lang – nur für ein paar Sekunden – stockte Lilys Atem in ihrer Kehle und sie erkannte etwas.

Sie erkannte, dass ihr Magen Saltos schlug. Sie erkannte, dass sich ein kleiner Teil von ihr danach sehnte, in der Nähe des Schulsprechers zu stehen. Sie erkannte, dass sie mehrere Momente lang nicht geatmet hatte.

Lily erkannte, dass sie gerade hier sehr gerne James Potter küssen würde.

Es war bloß ein Moment – nur ein paar Sekunden – der Klarheit: eine Erkenntnis, die zuerst überraschend und dann ziemlich offensichtlich war. Gerade hier, gerade dann, wollte sie nichts mehr als James zu küssen. Es war nicht der Alkohol schuld; es waren nicht nur Hormone, es konnte keine weiteren Ausreden geben.

Sie mochte James Potter.

Sie mochte James Potter wirklich sehr.

Lily erkannte dies… ein paar klare, hoffnungsvolle, tröstende Sekunden erkannte Lily genau, was sie wollte und es war das erste Mal, dass sie dies seit einer langen Zeit gewusst hatte. Sie fühlte ein Glühen der Erleuchtung, wie man es oft tut, wenn man spät zu einer Selbstoffenbarung kommt – wenn man endlich fassen kann, was einen genau sofort in der Sekunde wirklich lächerlich ekstatisch machen würde. Und was für eine Entdeckung, dass es James Potter sein sollte… James Potter, der sie schon einmal zuvor gemocht hatte und sie vielleicht wieder mögen würde, wenn er ermutigt würde…

Einen Moment lang – für etwa neuneinhalb aufregende, wundervolle Sekunden – war Lily glücklich. Leute hasteten an ihr vorbei, schreiend und plaudernd, aber stumm, der Zug fuhr hoch und dröhnte, aber still, ihr Herz pochte, die Hitze stieg ihr ins Gesicht. Dies würde ein gutes Jahr werden.

Dann betrat eine neue Figur ihr Sichtfeld, das nun auf James Potter zentriert und begrenzt war. Brünett und lieblich und makellos erschien Carlotta Meloni. Sie schlang ihre dünnen, sonnengeküssten Arme um James' Hals und küsste ihn auf die Lippen.

Und James küsste Carlotta zurück.

Und jemand lief vorbei und boxte Lily in den Magen, was sie ganze sechs Sekunden lang außer Atem brachte. Oder falls das nicht passiert war, fühlte es sich zumindest genauso an.

James und Carlotta.

James und Carlotta.

Mary hüpfte fröhlich vorbei, aber Lily verschluckte sich an der Luft, als sie versuchte, den Gruß ihrer Freundin zu erwidern.

James Potter und Carlotta Meloni.

Zusammen.

"Willkommen, willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts!" sang diese verfluchte Drittklässlerin.

Das war… nicht gut.

Gar nicht gut.

(Der Abend)

Lily hatte ihre Freunde sprechen gehört – sie hatte jedes Wort ihrer Unterhaltungen gehört und nichts davon verstanden. Es war nun spät und sie musste nicht mehr die Lily der Gruppe sein. Sie musste nicht (konnte nicht mal) die anderen stützen. Eine nach der anderen schliefen sie ein und sie war alleine in ihrer Wachheit… ganz alleine, weil keine von ihnen es wusste (das wollte sie auch nicht).

Sie wollte wirklich betrunken sein und an etwas anderes denken.

Sie wollte schlafen und überhaupt nicht träumen.

Sie wollte von diesem Ort sehr weit weg sein.

Sie wollte…

Hatte sich jede Abweisung (jedes „Nicht in Millionen Jahren, Potter!") für ihn so angefühlt? Sie wäre so viel netter gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass es möglich war.

Was für eine Art, ein Jahr zu beginnen.

Gar nicht gut.