Das Geräusch ihrer nackten Füße auf dem kalten Fliesenboden klang in Hermiones Ohren viel zu laut. Sie hielt inne, schloss die Augen und atmete langsam tief ein und wieder aus.
„Du bist nicht mehr im Krieg. Du bist im Grimmaulds Place Nummer 12. Das Haus von Harry. Deinem besten Freund. Du bist in Sicherheit.", murmelte sie wie ein Mantra, ehe sie ihren Weg durch den engen Flur in Richtung Küche fortsetzte. Sie fröstelte leicht und zog das dünne Tuch um ihre Schultern ein wenig enger. Sie verfluchte sich selbst, dass sie nicht den Bademantel über ihr Schlaftop gezogen hatte, sondern in ihrer Eile, das Zimmer zu verlassen, blindlings nach dem ersten Stück Stoff gegriffen hatte, das sie in ihre Finger bekam.
„Du kommst spät heute.", drang der Klang einer tiefen Stimme aus der stockfinsteren Ecke der Sitzbank zu ihr hinüber. Einen Wimpernschlag später erhellte das Licht einiger weniger Kerzen den Esstisch, an dessen Ende ein schwarzhaariger Mann in ebenso schwarzen Roben vor einem dampfenden Becher saß.
„Ron ist wachgeworden und hat erst versucht mich zu trösten. Doch dann wurde aus seiner Umarmung eine Forderung nach Sex.", erklärte Hermione seufzend und rückte auf der Bank neben ihn.
„Lass mich raten: Er schmollt jetzt vor sich hin und wird morgen noch sauertöpfischer aus der Wäsche schauen, als sonst?"
Hermione nickte.
„Die Milch wie immer? Sie dürfte noch heiß genug sein.", fragte er und ließ mit einem Schwenker seines Zauberstabs den Kessel über einen zweiten Becher schweben, ehe ein Löffel mit Honig in der Tasse landete und emsig seinen Inhalt unter die heiße Milch rührte.
„Danke.", sagte Hermine. Sie faltete ihre Hände um das wärmende Porzellan und starrte stumm in den Schein der Kerzen.
„Wieder derselbe Alptraum?", fragte er nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens. Hermione nickte erneut.
„Willst du darüber reden?"
„Nein. Du etwa über deinen?"
„Nein."
Hermione lehnte sich mit geschlossenen Augen an seine Schulter an und nahm hin und wieder einen kleinen Schluck heißer Milch.
„Danke, dass ich hier sein darf.", murmelte sie.
„Jederzeit.", flüsterte er. Er strich ihr eine verirrte Locke aus dem Gesicht hinter ihr Ohr und streichelte sanft über ihren Haarschopf. Keiner von beiden schien zu bemerken, wie intim diese Geste war.
„Warum fällt es mir so viel leichter mit dir hier zu sein, anstatt mit Ron über diesen Alptraum und die Erlebnisse zu sprechen?", fragte sie.
„Liebe.", antwortete er.
„Hmm?", machte Hermione und blickte zu ihm hoch.
„Man will jene, die man liebt, schützen. Auch wenn es bedeutet, den eigenen Schmerz für sich zu behalten. Genau deshalb fällt es dir so schwer, Ronald in dein Leid einzuweihen. Du liebst ihn und willst ihn vor noch mehr Kummer bewahren, als er durch den Verlust seines Bruders bereits erfahren hat. Auch wenn ich, ehrlich gesagt, die Beweggründe dafür nicht verstehe."
„Aber ich habe auch ein wenig Angst vor seiner Reaktion, wenn ich es ihm erzähle. Bei dir muss ich es nicht erzählen. Du lässt mir die Wahl. Das macht es leichter."
„Aber nur so wird er verstehen, Hermione. Du schuldest es ihm als deinem Partner. Ich bin nur ein guter Freund. Mir schuldest du nichts, daher ist es auch egal, ob du es mir erzählst."
„Hmm.", machte Hermione erneut, doch es klang noch nicht einmal in ihren eigenen Ohren überzeugend.
„Vielleicht fällt es dir leichter, es ihm zu erzählen, wenn du dir noch einmal vor Augen führst, warum du Ronald liebst und was du letztendlich verlieren würdest, wenn du weiterhin schweigst."
„Nun ja. Er bringt mich zum Lachen. Er ist warm und weich und immer da, wenn ich ihn brauche. Und er erinnert mich an früher, als…", sie brach ab und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln.
„Als die Welt noch in Ordnung war?", beendete er ihren Satz fragend. Sie nickte nur.
„Komm mit, Hermione. Ich will dir etwas zeigen.", bat er und streckte ihr seine Hand entgegen. Gemeinsam traten sie in den Flur und er führte sie an die Stelle, an der einst das Portrait von Mrs. Black sämtliche Besucher lauthals über ihre Ansichten zu muggelstämmigen Zauberern informiert hatte.
Er drehte Hermione zu den zahlreichen kleinen und größeren Fotografien, die nun an ihrer statt die Wand zierten. Die zwei Öllampen neben der Galerie gaben genügend Licht, damit Hermione in alle Gesichter blicken konnte. Fred warf ihr freudig einige Luftküsschen zu, während Lupin und Tonks aus der oberen Ecke der Galerie der jungen Frau einen gütigen Blick schenkten. Selbst Hedwig und Dobby hatten neben all ihren menschlichen Weggefährten ihren Platz in der Galerie ihrer gefallenen Freunde gefunden.
„Die Welt hat sich geändert. Sie wird nie wieder wie früher. Denn sonst wären all diese Menschen und magischen Kreaturen hier noch bei uns. Und jetzt möchte ich, dass du dich an das Versprechen erinnerst, das du mir am Ende deines sechsten Schuljahres gegeben hast.", raunte er in ihr Ohr, dabei immer noch ihre Hand haltend.
„Nicht nur zu überleben, sondern auch zu leben.", gab sie jene Worte wieder, die er ihr vor einer gefühlten Ewigkeit zugeflüstert hatte.
„Und fühlt es sich so an, als würdest du leben?", fragte er. Sie seufzte resignierend.
„Nein."
„Denkst du, all deine Freunde hier würden es so wollen?"
„Nein."
„Gut. Dann geh zu Ronald und sprich mit ihm über deine Alpträume, wenn du soweit bist. Lass dich nicht drängen, aber lass ihn dir helfen, sie zu überwinden und fang an zu leben, Hermione. Du hast es verdient.", forderte er.
„Und du?", fragte sie.
„Das ist nicht wichtig."
„Aber wir sind doch Freunde. Deshalb ist es mir durchaus wichtig.", gab sie zurück.
„Das sollte es aber nicht.", murmelte er.
„Aber…", begann sie, doch sie wurde von ihm unterbrochen.
„Es ist schon spät. Oder früh. Wie man es sieht. Du solltest zurück ins Bett gehen, Hermione. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht." Er löste seine Finger aus ihren und verschwand mit eiligen Schritten in die Dunkelheit des Flures.
„Gute Nacht, Severus. Schlaf gut.", murmelte sie.