„Nicht nur zu überleben, sondern auch zu leben." Diese Worte trugen Hermione in den wohlverdienten Schlaf und ließen sie in ihrem Traum jenen Tag wieder durchleben, an dessen Ende Severus ihr diesen Satz zugeraunt hatte:
Sie stieg, wie jede Woche, die Treppen hinab in die Kerker. Obwohl es ein heißer Tag war, hielten die dicken Wände die Wärme ab und erzeugten bei Hermione trotz der langen Jeans und des dünnen Pullis eine Gänsehaut auf den Armen.
Sie blickte sich verstohlen um, ehe sie den Wandteppich zur Seite schob und in das leere Klassenzimmer eintrat, in dem sie seit Beginn des Schuljahres gemeinsam mit Ron zusätzlichen Unterricht in Verteidigung gegen die Dunklen Künste erhielt. So wie Harry von Dumbledore auf die nahende Mission zum Wettlauf gegen Voldemort vorbereitet wurde, hatte der Schulleiter Snape damit beauftragt, sie und Ron zu trainieren. Mit Schrecken dachte sie an ihre ersten Einheiten zurück.
Damals hatte sie gedacht, alles gelesen zu haben und dadurch gut vorbereitet zu sein. Doch Snape hatte ihnen eindrucksvoll bewiesen, dass sie keine zehn Minuten gegen eine Meute Todesser – oder auch nur einen einzigen ehemaligen Todesser – bestehen würden. Während der folgenden Wochen machten sie nur langsam Fortschritte. Doch während ein sichtlich gefrusteter Ron die zusätzlichen Stunden immer häufiger zugunsten des Quidditch Trainings sausen ließ, weihte Snape sie in die Vorgehensweisen der Todesser ein, besprach Strategien und lehrte sie die Kunst der Okklumentik.
Sie fragte sich, was er heute auf den Trainingsplan gesetzt hatte, als das Feuer im Kamin aufloderte und das Gesicht von Dumbledore in den Flammen erschien.
„Hermione, bist du allein?", fragte er.
„Ja, Sir. Professor Snape müsste aber jeden Augenblick auftauchen."
„Gut, ich muss mit dir allein sprechen. Ich werde heute Abend mit Harry auf eine Reise gehen. Der junge Mr. Malfoy wird das zum Anlass nehmen, seinen Plan umzusetzen. Du allein weißt, neben Severus und mir, was dann geschehen wird."
Hermione lief puterrot an. „Ja, Sir. Es tut mir Leid, das ich damals gelauscht habe. Es war streng vertraulich und ich hätte es nicht tun dürfen.", begann sie, doch Dumbledore gebot ihr mit einem Kopfschütteln Einhalt.
„Es ist geschehen und ich habe vollstes Vertrauen in dich und deine Okklumentik Fähigkeiten, dass dieses Geheimnis bis zum Tode von Tom Riddle genau das bleiben wird: ein Geheimnis. Denn ich glaube, dass es Severus gut tun wird, wenn er weiß, dass es jemanden auf dieser Welt gibt, der die Wahrheit kennt. Das lässt ihn durchhalten und auf ein besseres Leben hoffen. Und genau das muss er tun: Durchhalten. Und weil nur du allein die Wahrheit kennst, über die Dinge, die ich heute Abend von Severus zu tun verlange, möchte ich, dass du so lange es geht, bei ihm bleibst. Und ihm seelische Unterstützung gibst. Ich melde mich wieder, wenn ich mit Harry aufbreche. Solange trainiert noch fleißig.", erklärte Dumbledore, als sich der Wandteppich erneut hob und die düstere Gestalt eines Severus Snape den Raum betrat.
„Miss Granger, glauben Sie ernsthaft, dass Sie auf ihrer zukünftigen Reise sehr häufig die Annehmlichkeiten eines Kaminfeuers genießen dürfen?", spottete er, als er Hermione vor dem Feuer knien sah.
„Nur wenn etwas schief läuft.", konterte sie und erhob sich.
„Das wollen wir verhindern. Deshalb: Zauberstab her. Wir üben heute Ihre Verteidigung im Falle eines Zauberstab Verlustes.", befahl er und streckte seine Hand aus. Zögerlich reichte sie ihm ihren Zauberstab, den er in die Tiefen einer Innentasche seines Gehrocks verstaute. Ohne ein weiteres Wort der Warnung schlossen sich durch einen nonverbalen Zauber Fesseln um ihre Handgelenke und fixierten ihre Arme auf ihrem Rücken.
„Das heutige Szenario ist Folgendes. Sie haben ihren Zauberstab verloren, sind gefesselt und von einer Gruppe Greifern umzingelt.", erklärte er, während er sie, gleich dem Gang eines Raubtiers, umkreiste.
„Greifer?", fragte Hermione, während sie vergeblich versuchte an den Fesseln zu zerren.
„Der dunkle Lord hatte damals schon zahlreiche Truppen ausgesandt, meist zwischen drei und sechs Männer, Söldner gewissermaßen, die all jene aufspüren sollten, die sich seiner Macht und seines Zorns entziehen wollten. Muggelgeborene, Sympathisanten von Dumbledore. Kurzum: Es wurde eine Hetzjagd auf seine Feindbilder ausgeübt mit Belohnungen für jene, die sie schnappten. Ich nehme an, dass es diesmal nicht anders laufen wird. Und Sie, Miss Granger, werden neben Mr. Potter und Mr. Weasley ein äußerst lukratives Sümmchen einbringen. Zu ihrem Glück sind die Greifer meist nur so klug wie ihr Anführer.", erklärte er und änderte leicht seine Körperhaltung. Er registrierte, wie Hermiones Blick die Anspannung in seinen Beinen wahrnahm und nun ebenfalls in Lauerstellung ging, bereit, seinem Angriff auszuweichen.
„Gut beobachtet, Miss Granger.", brummte er.
„Was können Sie, neben ausweichen und garantiertem Umfallen bei gefesselten Händen, besseres tun? Denn Umfallen würde Sie der Gruppe nur gnadenlos ausliefern.", sagte er, umrundete Hermione blitzschnell und presste seine Arme wie einen Schraubstock um ihre Körpermitte, so dass sie sich nicht mehr rühren konnte.
„Denken Sie nach, Miss Granger.", schnurrte er in ihr Ohr, während er mit einer Hand ihre Arme weiter hinabzog und so ihren Rücken zwang sich zu ihm nach hinten zu beugen, bis ihr Kopf auf seiner Schulter zu liegen kam.
„Miss Granger, ich warte. Ein Greifer hingegen würde schon ganz andere unerfreuliche Dinge tun."
„Ich…", japste Hermione. Dumbledores Worte ließen sie nicht mehr los und es gelang ihr kaum, sich zu konzentrieren. Snape kickte mit seinem Fuß nun ihr linkes Bein zur Seite und fuhr mit seiner freien Hand über die Innenseite ihres Oberschenkels. Dann stoppte er, die Hand immer noch auf dieser Stelle belassend. Weit genug von ihrer Mitte entfernt, doch nah genug um Hermione vor Augen zu führen, was er mit „unerfreulichen Dingen" meinte.
„Granger, verdammt. Haben Sie denn gar nichts gelernt? Diese Typentummeln sich wochenlang mit anderen Kerlen allein im Wald und Sie sind eine junge, hübsche Frau. Eine Muggelgeborene obendrein. Da sollte man doch annehmen, dass Sie ein wenig Kenntnis von Selbstverteidigung ohne Magie haben.", knurrte er und ließ von ihr ab.
„Die schmerzhaftesten Stellen und die anatomische Lage bei Männern sind ihnen aber bekannt, nehme ich an?", spottete er. Hermione lief rot an und nickte.
„Gut. Also nochmal von vorn. Und keine Sorge, ich habe meine empfindlichen Stellen durch einen Zauber geschützt. Sie dürfen mir also heute alles heimzahlen, worüber Sie sich in den vergangenen Jahren in meinem Unterricht geärgert haben."
Doch noch ehe er erneut nach Hermione greifen konnte, flog ein silbrig-weißer Phönix durch die Tür hinter dem Wandteppich und schwebte einige Momente in der Luft, ehe die Stimme des Schulleiters durch den Patronus zu ihnen sprach.
„Es ist soweit. Harry und ich brechen gleich auf. Severus. Halte dich bereit, deinen Schwur heute Nacht einzulösen. Ich werde in etwa zwei bis drei Stunden zurück sein. Fawkes wartet in deinem Büro auf dich. Wenn er singt, bin ich zurück und du wirst dich auf den Weg zum Astronomie Turm machen." Kaum war die Stimme verklungen, löste sich der Patronus auf und ließ einen verzweifelt dreinblickenden Severus Snape zurück. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ er die Fesseln um ihre Handgelenke verschwinden und händigte Hermione ihren Zauberstab aus.
„Das Training ist beendet.", murmelte er. „Sie können gehen.", setzte er hinzu, als sich Hermione nicht rührte.
„Ich werde nicht gehen. Ich werde bei Ihnen bleiben, bis es soweit ist, Professor."
„Warum sollten Sie das wollen? Genießen Sie lieber die letzten Stunden in Sicherheit. Ab heute Nacht sind Sie in Gefahr.", widersprach er.
„Ich werde Sie nicht alleine lassen. Und ich bin die Einzige, die weiß, was Dumbledore von Ihnen verlangt. Ob es Ihnen passt, oder nicht, nur ich kann Ihnen in den nächsten Stunden Beistand leisten."
„Wie Sie meinen.", brummte Snape und verließ den Raum. Als er den Wandteppich bereits passiert hatte, hielt er inne und drehte sich zu Hermione um.
„Was ist denn nun? Kommen Sie, oder nicht?", blaffte er und schob den Wandteppich soweit zur Seite, das Hermione hindurchschlüpfen konnte. Schweigend folgte sie ihm in Richtung seines Büros und durch den Gang, der sonst immer von einem Bücherregal verdeckt wurde, in seine privaten Räumlichkeiten. Verstohlen blickte sie sich um, während Snape schnurstracks zu dem Glasschrank neben dem Kamin lief, eine große Flasche Feuerwhiskey und zwei Gläser hervorholte.
„Sie sind doch schon volljährig, oder?", fragte er, als Hermione mit großen Augen das halbgefüllte Glas anstarrte, dass er ihr reichte.
„Ja, aber ich habe noch nie Feuerwhiskey getrunken.", gestand sie und nahm ihm das Glas ab.
„Wenn das nicht der passende Anlass ist, dann weiß ich auch nicht.", entgegnete er und ließ ich auf die Ledercouch sinken, den Kopf auf seinem Arm abstützend. Mit dem Schwenk ihres Zauberstabs entfachte Hermione ein Feuer im Kamin, ehe sie sich suchend im Raum umblickte. Außer des Sofas gab es hier keine weitere Sitzgelegenheit. Nur Regale an den Wänden, die bis in den letzten Winkel vollgestopft waren mit Büchern, von denen manche sogar für die verbotene Abteilung der Bibliothek zu verboten waren.
„Setzten Sie sich, verdammt.", fauchte Snape und wies mit der Hand, die das Whiskeyglas hielt auf den freien Platz neben ihm.
„Kann ich etwas für Sie tun?", fragte Hermione unbeholfen.
„Solange Sie nicht Potter heißen und den verfluchten dunklen Lord heute noch niedermetzeln, fürchte ich, nein.", gab er zurück und ließ sich weiter in die Rückenlehne der Couch hineinsinken.
„Darf ich Sie etwas fragen, Professor?", kam es nach einer Weile leise von Hermione.
„Hat Sie ein Nein jemals aufgehalten, Miss Granger?"
„Heute würde es das.", gab sie mit einem zaghaften Lächeln zu.
„Jetzt fragen Sie schon. Sie haben nur noch zwei Stunden Zeit.", brummte Snape und blickte sie auffordernd an.
„Was denken Sie, wie wird das alles hier enden?"
Er zuckte nur mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber Sie dürfen gerne mein Grab besuchen, sollte mir eines vergönnt sein, und es mir verraten."
„Was? Nein.", entfuhr es Hermione.
„Miss Granger, es ist in Ordnung. Ich habe mich damit abgefunden. Ich weiß nicht, ob es die Todesser sein werden oder Dumbledores Armee. Ich weiß nur: in der letzten Schlacht werde ich fallen. Und jetzt schauen Sie doch nicht so, als würde Sie das traurig stimmen."
„Doch. Das tut es irgendwie.", gab sie zu und versuchte, die Feuchtigkeit wegzublinzeln, die sich in ihren Augen sammelte.
„Wenn Sie anfangen zu heulen, schmeiße ich Sie raus."
„Weil ich mich um Sie sorge, wollen Sie mich rausschmeißen und die nächsten Stunden sich in den Horrorszenarien ergehen, die Ihnen Ihr Hirn vorgaukelt?", stammelte sie.
„Ich denke, ich kann diese Horrorszenarien sehr realistisch beurteilen. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen.", konterte er trocken und schob den Ärmel seines Umhangs zurück, bis er das dunkle Mal auf seinem Unterarm entblößt hatte.
„Das hier ist ja schließlich kein Abziehbildchen."
Ohne so recht zu wissen wieso sie es tat, ergriff Hermione seine Hand und hielt sie mit ihrer verflochten.
„Ich wünsche mir für Sie, dass es irgendwann zu einer Erinnerung wird und nicht mehr Ihr Leben dominiert.", murmelte sie und blickte ihm fest in die Augen.
„Danke.", kam es so leise zurück, dass Hermione daran zweifelte, ob er es wirklich gesagt hatte. Doch dann rückte er näher zu ihr heran und zog sie in eine feste Umarmung. Sanft legte sie ihre Arme um seine bebenden Schultern und hielt ihn einfach nur fest.
„Verzeihen Sie.", bat er nach einer Weile mit erstickter Stimme und als er sich von Hermione löste, konnte er die roten Ränder um seine Augen nicht verbergen.
„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Es ist vermutlich die letzte Gelegenheit für eine sehr lange Zeit, ihre wahren Gefühle zuzulassen.", entgegnete Hermione und drückte sanft seine Hand, als Fawkes leise anfing zu singen. Hermione erstarrte. Sie hatte noch nie etwas gehört, das gleichzeitig so schön und so traurig war. Wie in Trance erhob sich Snape vom Sofa.
„Gehen Sie.", sagte er emotionslos. Hermione stand auf und hatte schon fast die Tür erreicht, als er nach ihrer Hand griff und sie zu sich umdrehte.
„Warte. Hermione. Du hast viel gelernt im letzten Jahr. Du kannst es schaffen. Du kannst an Potters Seite gewinnen. Aber versprich mir, dass du nicht nur überleben, sondern auch leben wirst.", bat er.
„Ja, das werde ich. Und ich möchte Ihnen das gern persönlich sagen können.", wisperte sie, während sich eine Träne den Weg über ihre Wange bahnte. Snape schloss zu ihr auf und wischte mit einer überraschend sanften Bewegung die Träne fort.
„Lebwohl.", sagte er nur und hauchte einen flüchtigen Kuss auf ihre Lippen, ehe er an ihr vorbei und in Richtung des Astronomie Turms stürmte. Er hatte nicht vor gehabt, sie zu küssen. Aber er würde sowieso sie nie wieder sehen, also was machte es da schon für einen Unterschied?