Illusions make me happy


Das Leben?

Wie sollte ich es schon beschreiben?

Es ist nicht immer einfach. Zeitweise sogar unfair oder grausam.

Aber wer bin ich schon, dass ich mir ein Urteil darüber erlauben darf? Ich habe nicht viel getan, um mein Leben zu vereinfachen. Habe Vieles einfach hingenommen und mir jene Einstellung schon sehr früh angeeignet. Dabei kann ich nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist. Ob es besser gewesen wäre, zu versuchen meinen inneren Schalter umzulegen. Vielleicht wäre ja dann einiges anders gelaufen.

Vielleicht, vielleicht.

Ich möchte hier wirklich nicht jammern und klagen. Ich finde, es gibt schlimmere Schicksale, als das meine. Die Auffassung eines Daseins liegt ganz im Auge des Betrachters.

Bevor ihr euch jedoch ein Urteil erlaubt - über mein Leben, mein Handeln, meine Entscheidungen - macht euch erst selbst ein Bild davon.

Mein Name ist Eren Jäger. Ich bin 19 Jahre alt und wohne in einer Zwei Zimmer Wohnung in der Kleinstadt Maria. Meine Mum ist vor 7 Jahren gestorben oder besser gesagt, sie hat sich das Leben genommen. Ich kann nicht sagen, was sie so unglücklich gemacht hat, dass sie ihren einzigen Sohn alleine zurück lassen konnte. Vielleicht lag es daran, dass wir wenig Geld besaßen oder dass meine Mum es nicht zustande gebracht hatte eine Beziehung länger, als einen Monat aufrecht zu erhalten. Es hätte auch ich der Grund ihrer Depressionen sein können - ich weiß es nicht.

Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Wie denn auch, wenn er abhaut, bevor ich eine Erinnerung an ihn aufbauen konnte. Ich weiß auch nicht wo er jetzt ist, geschweige ob er überhaupt noch am Leben ist. Meine Mum hat nie über ihn gesprochen. Aus diesem Grund wurde ich nach ihrem Tod ins Kinderheim gebracht, denn Verwandte hatte ich keine oder waren zumindest nicht registriert. Das Heim wurde im Laufe der Jahre mehr oder weniger zu meinem neuen Zuhause, denn Pflegefamilien haben mich immer sogleich wieder abgeschoben. Hierfür gab es unterschiedliche Gründe; ich wäre ein Problemkind, hätte krankhafte Neigungen, zeigte aggressives Verhalten oder weiß Gott noch was. Ich muss zugeben, dass ich meinen Beitrag geleistet habe wieder zurück ins Heim zu gelangen. Allerdings hatte ich hierfür triftige Beweggründe. An eine Pflegefamilie kann ich mich noch sehr gut erinnern. Sie haben mich regelrecht wie ihren Lakaien behandelt, anstatt wie ein Familienmitglied. Wenn mir mal ein Fehler unterlaufen ist, wurde ich sogleich angeschnauzt, bestraft und einmal wurde mir sogar eine gescheuert.

Ganz ehrlich, wer würde da freiwillig bleiben wollen?

Seit ich 14. bin, weiß ich, dass ich schwul bin oder besser gesagt, habe ich es mir das erste Mal eingestanden. Mädchen haben mich nie wirklich interessiert, aber darüber habe ich mir selten Gedanken gemacht.

Als ich im Kinderheim war, habe ich mir ein Zimmer mit einem Jungen teilen müssen. Wir haben uns relativ gut verstanden. Ich glaube er war 17, als er mir gestanden hat, dass er schwul ist und mich daraufhin geküsst hat.

Ich war weder über sein Geständnis, noch über den Kuss bestürzt. Unser Verhältnis hatte sich dann im Laufe der Zeit zu so etwas, wie einer Beziehung entwickelt. Ich glaube nicht, dass ich wirklich etwas für ihn empfunden habe. Anziehend fand ich ihn zwar schon, aber rückblickend bin ich der Meinung, dass ich mir einfach selbst beweisen wollte, dass ich mich tatsächlich dem männlichen Geschlecht hingezogen fühle.

Das waren meine ersten homosexuellen Erfahrungen und ich kann mich kaum daran erinnern, geschweige denn an den Namen des Jungen.

Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Ich habe zwei gute Freunde. Armin und Mikasa.

Mikasa kenne ich seit der Unterstufe, demnach weiß sie so ziemlich alles über mich und hat mich schon des Öfteren durch manch schwierige Zeiten begleitet. Ich weiß noch, als ich ihr offenbart habe, dass ich schwul bin; sie war mehr, als schockiert . Das lag aber wahrscheinlich daran, dass ich es ihr anhand eines praktischen Beispiels gezeigt habe, in dem ich einen Jungen geküsst habe. Letztendlich hat sie meine Vorlieben oder besser gesagt mich akzeptiert.

Sie ist wie eine gute Schwester für mich.

Armin habe ich erst in der Oberstufe kennen gelernt. Wir mussten gemeinsam an einem Projekt arbeiten und mit der Zeit ist heraus gekommen, dass er auch schwul ist. Das war sehr witzig damals, denn ich war derjenige, der Armins Neigungen erkannt hatte und das noch bevor er sie selbst wahrgenommen hatte. Er hat lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass er vom anderen Ufer ist. Immer wieder hat er sich eingeredet, dass er auf Mädchen stehe und dann war er sogar mit Dreien aus unserer Klasse zusammen. Gegen Ende der dritten Beziehung war er dann schon wirklich verzweifelt. Ich konnte mir das nicht mehr mit ansehen. Aus diesem Grund habe ich ihn dann ganz einfach geküsst - so wie es damals mir zur Erkenntnis verholfen hatte, dachte ich mir, würde es auch bei Armin klappen. Und das tat es auch. Mittlerweile hat er sich damit abgefunden, tut sich aber dennoch schwer Leute kennen zu lernen. Ich glaube, er wehrt sich immer noch dagegen, was für mich überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Es ist halt so wie es ist, darüber sollte man sich nicht den Kopf zerbrechen.

Armin hat bald die Schulausbildung hinter sich und möchte danach studieren. Psychologie glaube ich. Mikasa hingegen möchte in die Großstadt Sina und dort ihr Glück als Künstlerin versuchen.

Ich habe die Schule vor zwei Jahren abgebrochen. Abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht der "Lern-Typ" bin und meine Noten dementsprechend ausgesehen habe, war es gegen Ende nicht mehr auszuhalten. Ein Schüler hat mich mal mit einem anderen Jungen zusammen gesehen und uns gefilmt - es war eigentlich nichts Schlimmes und dennoch hatte das schnell verbreitete Video bei Vielen Abscheu und Ekel ausgelöst. Sie ließen mich jeden Tag spüren, was sie von meinen Neigungen hielten. Ich dachte mir, das würde bald aufhören, irgendwann würde es seinen Reiz verlieren.

Ja, irgendwann mit Sicherheit, aber bis dahin war ich schon längst weg von der Schule.

Im selben Jahr hatte ich das Heim verlassen. Bei der Wohnungssuche wurde mir natürlich geholfen und durch Beihilfen bekomme ich finanzielle Unterstützung, allerdings reicht das bei Weitem nicht aus, um über die Runden zu kommen.

Eine Arbeit habe ich relativ schnell gefunden, aber ebenso schnell auch wieder verloren. Klingt eigentlich lächerlich, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um Berufe wie Kellner oder Putzkraft handelt. Ich bin wohl nicht in der Lage, meine Schwächen zu überwinden. In dem Fall also meine große Klappe, wenn mir etwas nicht passt.

Es wurde zeitweise wirklich schwierig über die Runden zu kommen, daher verhelfe ich mir hin und wieder mich selbst zu finanzieren, indem ich mit Männern schlafe. Also nicht, dass das oft vorkommt, aber wenn sich die Möglichkeit ergeben hatte, habe ich diese eben ergriffen.

Ja, ja, ich kann mir vorstellen, dass das für Viele abartig oder schamlos erscheinen mag. Allerdings ist es trotzdem noch leicht verdientes Geld und das mit einer, nicht unbedingt unschönen Sache. Außerdem entscheide ich über meine Kundschaft, werde zu nichts gezwungen, und tue zeitweise sogar etwas Gutes damit. Schließlich verhelfe ich verzweifelten Männern dazu einen Moment des puren Friedens, des Glücks, der Zufriedenheit - oder wie auch immer - zu erlangen. Und solange ich damit klar komme, sollte dann was dagegen sprechen?

Klar, ist das natürlich etwas anderes, sobald ich eine langfristige Arbeit gefunden habe, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, da ich Geld spare, um Mikasa nach Sina folgen zu können. Ich möchte Maria hinter mir lassen und mit ihr meine Vergangenheit und einfach alles, was mich davon abhält glücklich zu werden. Ein neuer Abschnitt, ein neues Leben.

Ein besseres eben.