llusions make me happy
Ich lungerte gerade auf meiner Couch herum und sah mir dabei irgendeinen Mist auf meinem Steinzeit Fernseher an, als das Vibrieren meines Handys den Glastisch regelrecht zum Erschüttern brachte. Ich griff sogleich nach dem kleinen Gerät und sah auf das Display.
Unbekannte Nummer.
"Ja?" fragte ich gelangweilt, als ich mich wieder in das Kissen zurück lehnte.
"Hast du Zeit?"
Ich erkannte die männliche Stimme der Person sofort und wusste somit auch was ihr Anliegen war. Ich rollte mit den Augen.
So hartnäckig musste einer mal sein.
"Wird heute nichts mehr."
"Verdammt." zischte der Mann ins Telefon. "Wann dann? Ich warte-"
"Ich melde mich." sprach ich ihm einfach dazwischen und legte auf.
Ich würde mich nicht melden, zumal ich weder eine Nummer hatte, noch großartig erpicht darauf war den Anderen zu sehen. Geschweige denn mit ihm 'ne Nummer zu schieben.
Noch bevor ich das Handy wieder auf den Couchtisch vor mir hinlegen konnte, vibrierte es ein weiteres Mal.
"Was gibt's, Armin?"
"Bist du fertig?" fragte mein Freund sogleich. "Jean würde uns mitnehmen. In einer halben Stunde könnten wir bei dir sein."
Ich seufzte hörbar in das kleine Gerät hinein.
"Er muss auch nicht mitkommen." meinte Armin sofort aufgeregt. "Ich wusste nicht, dass-"
"Schon ok." beschwichtigte ich ihn. "Halbe Stunde geht klar."
Ich legte auf und lehnte meinen Kopf nach hinten.
Eigentlich war ich heute wirklich nicht erpicht darauf Jean zu sehen, aber Armin konnte ja nicht wissen, wann es für mich in Ordnung wäre und wann nicht.
Das Verhältnis zwischen Jean und mir war... sagen wir kompliziert. Wir hatten mal was miteinander, aber der Andere hat sich zu viel darauf eingebildet. Irgendwann ist er dann herkommen und erzählte was von zusammen ziehen oder so. Ich habe ihm natürlich sogleich versucht zu erklären, dass es für mich bloß Sex war. Mehr nicht.
Abgesehen davon, dass ich für Jean nie etwas empfunden habe, hätte ich es mit mir nicht vereinbaren können bei meinen Lebensverhältnissen eine ernsthafte Beziehung einzugehen.
Wie auch immer, seitdem waren wir zwar befreundet und dennoch konnte man dieses Verhältnis nicht als Freundschaft bezeichnen. Aus diesem Grund gab es Tage an denen ich gerne etwas mit dem Anderen unternahm und Tage, an denen eben nicht.
Heute war definitiv Letzteres.
Kurz nach halb Elf hörte ich draußen ein regelmäßiges Hupen und es war mir klar, dass das nur Jean sein konnte. Das hatte er immer schon getan. Drei Mal kurz hintereinander Hupen.
Ich blickte also ein letztes Mal in den Spiegel und betrachtete mein Outfit für diesen Abend; Schwarze, enge Hose und ein ebenso eng anliegendes, weißes T-shirt. Klassiker. Damit konnte man nie was falsch machen.
Ich wuschelte mir schnell durch die braunen, etwas längeren Haare, ehe ich meine schwarze Lederjacke nahm und aus der Wohnung ging.
Wie erwartet stand am Straßenrand der nur allzu bekannte ältere, weiße BMW von Jean. Ich stieg nach hinten ein und gab ein "Hei." von mir in die Runde. Im Gegensatz zu Armin, der mich mit einem freudigen "Hi, Eren!" begrüßte, schien Jean "zu meinem Glück" allem Anschein nach in bester Laune zu sein. "Hast du auch alles dabei?" fragte er auffallend beiläufig. "Handy, Geld, Kondome?" Mein Blick traf Seinen provokativen im Rückspiegel, als er gerade aus der Parklücke fuhr.
Armin gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, als ich nichts erwidert hatte, während Jean bloß unschuldig mit den Schultern zuckte und lachte. "Was?"
Wie so ziemlich jedes Wochenende war auch unser heutiges Ziel des Abends die "Rose Bar". Es gab in der Stadt kein anderes Lokal, dass sich besser dazu eignete Leute kennen zu lernen. Also, Homosexuelle. Das Rose war zwar keine Schwulen Bar, dennoch als solche verschrien - das wusste zumindest jeder Bewohner in Maria. Für Armin also perfekt, da er sich ohnehin schwer tat Fremde anzusprechen und ihm somit die ewige Fragerei nach des anderen Neigungen erspart blieb.
Im Gegensatz zu meinem Freund hatte ich nicht das Verlangen Jemanden kennen zu lernen - sei es privat oder "beruflich". Ich war eigentlich nur hier wegen Armin. Ich war gerne mit ihm unterwegs, denn normalerweise hatten wir recht viel Spaß. Er lenkte mich von meinen zeitweise trüben Gedanken oder meinen Problemen ab und oftmals schaffte er es tatsächlich, dass ich mein Hirn buchstäblich abschalten konnte.
Es war Elf Uhr, als wir das Rose betraten, welches noch so gut wie leer war. Kaum verwunderlich, denn die Meisten kamen erst gegen Mitternacht.
Jean ging sogleich zu den Toiletten, während Armin und ich uns auf den selben Sofas bei den selben Tischen, wie jedes Mal niederließen. Von hier aus hatten wir den besten Überblick auf den Raum.
"Einen Vodka Orange." die Kellnerin kannte uns mittlerweile und brachte uns immer sogleich unsere Getränke, ohne dass wir schon bestellt hätten. Als sie Armin das Glas überreichte, bekam anschließend auch ich meines. "Und ein Whiskey Cola für dich."
Die Musik wurde um einen Deut lauter, allerdings konnte man sich dennoch unterhalten, ohne schreien zu müssen.
"Was gibt's Neues, Pferdefresse?" grinste ich kindlich, als sich Jean gerade mit einem Bier in der Hand dazu gesetzt hatte. Dieses Mal war er es, dessen verärgerter Blick mich traf. "Hör mit dem Scheiß auf, Jäger." erwiderte er gereizt. "Sieh' lieber zu, dass du was in den Arsch geschoben bekommst. Das letzte Mal ist ja schon 'ne Stunde her." Er deutete dabei auf seine imaginäre Uhr.
Ich lachte bloß auf die Aussage hin. Zum Einen, um Jean dadurch nur noch mehr zu provozieren und zum Anderen, um mich wiederum nicht auf dessen Provokation einzulassen. Der Brünette ließ es mich bis heute spüren, wie sehr ihm meine Abfuhr von damals kränkte. Aus diesem Grund kam er auch immer mit der "Stricher Schiene", in dem Versuch mich dadurch ebenso zu kränken.
Ich antwortete nichts mehr darauf und nahm stattdessen einen Schluck von meinem Getränk, ehe ich mich zu Armin wandte. Ein Grinsen umspielten meine Lippen, als ich erkannte, dass sein Interesse allem Anschein nach geweckt wurde. Ich folgte seinem Blick an die Theke und erspähte einen großen und stämmigen Mann. Er hatte kurzes, blondes und zur Seite gescheiteltes Haar. Ich schätzte ihn um die 30 Jahre. Unüblich für Armin, denn normalerweise stand er nicht auf Ältere.
Ich näherte mich langsam dem Ohr des Blonden. "Nicht schlecht." sagte ich mit heißerer Stimme und merkte, wie Armin leicht zusammen schreckte, ehe er schlagartig seinen Kopf zu mir wandte.
"Welche Taktik schwebt dir vor?" grinste ich und Armin tat es mir anschließend gleich. Er strich sich über sein Kinn, während er einen übertrieben, nachdenklichen Ausdruck aufsetzte. "Ich bin noch am Überlegen, was hierbei die beste Vorgehensweise wäre."
Ich schmunzelte, in dem Wissen, dass der heutige Abend mit Sicherheit wieder lustig werden würde. Das war er immer, wenn Armin Gefallen an Jemanden fand. Das kam nämlich nicht sehr oft vor und wenn doch, dann scheiterte er normalerweise spätestens beim "Anbaggern." Der Blonde war sich einfach viel zu unsicher und letztendlich stand er, wie erstarrt und mit offenem Mund vor seinem Schwarm, während kein Ton seinen Lippen entkam.
Das konnte ich mir damals nicht mehr mit ansehen und auch Armin wurde dadurch immer deprimierter. Nicht gerade selten bin ich ihm dann zur Seite gestanden und habe ihm geholfen. Meistens haben wir uns irgendwelche Szenarien ausgedacht, um auf meinen blonden Freund aufmerksam zu machen. Einmal habe ich so getan, als wäre ich stock besoffen und mich sodann an einen Typen rangeschmissen; ich bin ihm regelrecht auf die Pelle gerückt. Dann kam Armin und "befreite" den Typen von meiner nervenden und aufdringlichen Wenigkeit. Anschließend entschuldigte er sich und, nun ja, so kamen sie eben ins Gespräch.
Allerdings mussten wir auch hierbei mit Vorsicht heran gehen, denn nicht nur einmal, war es bereits vorgekommen, dass unser Plan nach hinten los ging und der Typ letztendlich an mir interessiert war. Oder besser gesagt an meinen durch den Alkoholspiegel hervor gerufenen Leichtsinn.
"Kann ich wohl doch vergessen."
Ich schreckte leicht aus meinen Gedanken hoch und sah zu Armin, nur um daraufhin seinem Blick zu folgen und den Grund seiner Aussage ausfindig zu machen.
Dann war mir klar, was er meinte, denn der stämmige Mann war nicht alleine hergekommen. Neben ihm hatte sich ein etwas kleinerer Typ dazu gesellt.
Es gab also drei Möglichkeiten: Entweder waren sie zusammen, nur befreundet oder hatten sich eben erst kennen gelernt.
Ich blickte erneut zu meinem enttäuschten Freund, ehe ich ihm die Hand auf die Schulter legte. "Muss nicht sein." zwinkerte ich ihm aufmunternd und vielsagend zu. Armin brauchte kurz um zu verstehen, dass ich mich der Sache annehmen wollen würde. Schließlich lächelte er verstehend, als ich aufstand. Im Augenwinkel konnte ich noch deutlich Jeans abwertende Geste erkennen, die ich jedoch ignorierte.
Als Erstes galt es das Verhältnis der beiden Männer fest zu stellen. Aus diesem Grund begab ich mich langsam in Richtung der Theke, während ich mich durch die Menschenmenge durch schlängelte und dabei die Beiden nicht aus den Augen ließ. Bei näherem Betrachten konnte ich behaupten, dass mir der große, stämmige Kerl nicht wirklich zusagte. Aufgrund seiner breite wirkte er mir zu plump. Der Kleinere jedoch schien mir auf den ersten Blick attraktiver. Von der Figur zumindest; eine schwarze enge Hose schmiegte sich um seine schlanken Beine und ein ebenso schwarzes, enges Hemd ließ einen etwas breiteren, trainierten Oberkörper erkennen.
Schließlich stellte ich mich abseits von der Theke so hin, dass ich gute Sicht auf die beiden Unbekannten hatte. Ich beobachtete ihre Gestik und Mimik zueinander, welche mich zu dem Schluss kommen ließen, dass die Beiden definitiv kein Paar waren - gut, ganz sicher könnte man das nie sagen, aber ich sprach einfach aus Erfahrung.
Jetzt galt es noch die Männer dazu zu bringen, sich zu uns zu setzen.
Und ich wusste auch schon, wie ich das anstellen würde.
Ich besah mir den kleineren Mann etwas genauer, denn er war es, den es für mich zu gewinnen galt. Er hatte dunkles Haar, die hinten kurz und vorne lange waren - also eine Art Undercut. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen wirkte er... nun ja... ruhig oder gelassen. Schwer zu sagen. Vielleicht war es auch einfach Desinteresse. Dieser Umstand machte es mir wirklich schwer eine passende Taktik heraus zu filtern.
Sollte ich also den Gebildeten, den Niedlichen, den Tollpatsch oder doch eher das Flittchen spielen?
Mir wurde leider nicht mehr Zeit zum Nachdenken gelassen, da sich in dem Moment die Gelegenheit des Einschreitens bot. Der stämmige Kerl ging davon und in Richtung der Toiletten.
Wenn, dann jetzt.
Noch während ich auf den Dunkelhaarigen zuging, überlegte mein Verstand weiter nach einer geeigneten Strategie, allerdings konnte ich des Fremden Art und Vorlieben nicht einschätzen, aufgrund seiner nichtssagenden Erscheinung.
Ich überließ es somit meinem Bauchgefühl.
Ich tat so, als würde ich gerade von der Tanzfläche kommen und wackelte "noch" ein wenig mit den Hüften, ehe ich mich neben den Mann an die Theke stellte.
Das Flittchen, also.
Ich bemerkte triumphierend, dass die Augen des Anderen zu mir huschten - perfekt.
"Whiskey Cola." rief ich dem Barkeeper zu und es dauerte nicht lange, da wurde mir ein Glas vor die Nase gestellt. Ich nippte sogleich daran und wandte mich schließlich zu meinem Nebenmann. Ich musterte diesen kurz von der Seite und musste zugeben, dass er ein hübsches Gesicht hatte.
Just in dem Moment schwang der Kopf des Mannes zu mir. Dunkle Augen fixierten die Meine und ganz ehrlich... sein Blick war eisig.
Ich durfte mich jedoch nicht aus der Fassung bringen lassen. Ich zwang mir ein laszives Lächeln auf, leckte mir über die Lippen, nur um anschließend auf Diese zu beißen, während ich meinen Blick langsam über seinen Körper schweifen ließ.
Klare und verständliche Zeichen.
Mein Gegenüber reagierte allerdings kein bisschen auf meine Signale. Im Gegenteil wandte er seinen Blick wieder ab und richtete ihn geradeaus. Ich runzelte die Brauen und kurz überkamen mich Zweifel. Hatte er vielleicht doch ein Verhältnis mit dem anderen Mann?
Zur Sicherheit würde ich mich vorsichtiger an die Sache herantasten.
Ich verringerte den Abstand zwischen uns beiden und kam dem Typen so nahe, dass ich bereits die Wärme, die von ihm ausging, spüren konnte, während mir ein angenehmer Duft in die Nase stieg. Meine Lippen waren nur wenige Zentimeter von seinem Ohr entfernt. "Mein Freund und ich würden den Herren gerne einen Drink spendieren." raunte ich ihm zu, sodass nur er es hören konnte.
Ich ließ dem Mann Zeit, um den Sinn der Worte, die ich ihm gewispert hatte, in sein Hirn sickern zu lassen. Letztendlich wandte er sich nun wieder vollends zu mir. Sein durchdringende Blick musterte mich für eine Weile und in dem Augenblick wusste ich, dass er angebissen hatte.
Nun war es mein Gegenüber, der auf mich zukam. Wieder so nah, wie vorhin, näherte er sich dieses Mal meinem Ohr. Ich konnte deutlich seinen Atem auf meiner Haut fühlen.
"Sollten Kinder nicht schon längst im Bett liegen?"
Ich erstarrte, als ich jene Worte klar und deutlich vernommen hatte. Mein unverständlicher Blick traf auf den gleichgültigen des Mannes, der sich anschließend von mir entfernt hatte.
Ich brauchte kurz bis ich wieder zu meiner Stimme fand. "Ich bin kein Kind!" erwiderte ich verärgert und konnte nicht verhindern, dass ich mich durch den Trotz in meiner Stimme wahrscheinlich genau nach so einem anhörte. Der Ausdruck meines Gegenübers wirkte stets noch ungerührt, als er seine linke Braue hoch zog.
"Wie alt bist du? 14?"
Was zum...?!
Zusätzlich zu meiner gerunzelter Stirn, stand nun auch noch mein Mund offen. Ich wusste ehrlich nicht, wie ich auf dieses Verhalten reagieren sollte. Meinte der Typ das wirklich ernst... also, echt... 14?!
Den Ärger, der zunehmend von mir Besitz egriff, versuchte ich zu untedrücken, indem ich meine Lippen fest zusammen presste. Ich vergaß in dem Moment auf die Aufrechterhaltung meiner Maskerade, sowie den Grund warum ich das hier überhaupt tat. "Ich bin 19." zischte ich eisig und der Mann gab ein Geräusch von sich, dass nach einem Schnauben klang. Ein verächtliches Schnauben und... Gott, das brachte mich nur noch mehr in Rage. Weniger das Geräusch, als die Art, wie er dieses von sich gab in Kombination mit diesem abfälligen Blick und den von Gleichgültigkeit und Kälte geprägten Augen.
Ätzend!
"Kein Interesse, hätte völlig ausgereicht." warf ich ihm entgegen und war froh, dass ich der Wut in meiner Stimme freien Lauf ließ. Der Andere sollte wissen, dass sein Verhalten echt mies war.
"Bälger wie du, verstehen es nicht anders."
Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit erstarrte ich.
Bälger?
Was, verdammt noch mal, war sein Problem? Es reichte ja schon, dass ich gerade vom Herrn Miesepeter höchstpersönlich abgeblitzt wurde, aber dann auch noch auf solch Art und Weise?
Und wieder stockte ich; war nicht in der Lage etwas zu erwidern. Dabei hätte ich ihm am liebsten an den Kopf geworfen, dass sein Verhalten echt scheiße war und...
Gott, kein Ahnung, aber irgendetwas musste ich sagen!
"Verschwinde." vernahm ich erneut die Stimme des Dunkelhaarigen, allerdings blieb ich stehen. Mein Verstand sagte mir zwar, dass der Klügere immer nachgab und dass ich diesen Mann und seine Beleidigung einfach abtun sollte - sonst fiel es mir doch auch nicht schwer über so etwas drüber zu stehen - allerdings reagierte mein Körper kein bisschen darauf.
Ich rührte mich demnach kein Stück. Ich hatte immer noch das Verlangen etwas sagen zu müssen. Meine Meinung, was ich von ihm hielt und dass ich es mir sicher nicht bieten lassen würde, dass so mit mir umgegangen wurde. Ich hatte nichts Böses oder Schlimmes gesagt, demnach könnte man sich doch normal unterhalten und einem höflich - oder zumindest neutral - sagen, dass kein Interesse bestünde.
Im selben Moment jedoch, verstand ich wiederum nicht, weshalb es mich überhaupt kümmerte. Warum machte ich mir soviele Gedanken? Es hatte mich noch nie interessiert, was andere von mir hielten, da sollte es jetzt nicht anders sein.
War es vielleicht der Umstand, dass ich noch nie einen Korb bekommen hatte? Dass ich tatsächlich abgelehnt wurde, weil ich in seinen Augen so jung aussah? Oder der harte und direkte Umgang des Fremden?
Ich wusste es nicht.
"Bist du taub?" Als ich immer noch wie angewurzelt da stand und mich weder rührte, noch etwas sagte, schwang sein Kopf letztendlich erneut zu mir. Sein Ausdruck war stets noch kalt und doch war aus seiner Stimme der Anflug von Missmut heraus zu hören.
Gott, wieso tat ich nichts? Wieso sagte ich nichts? Sonst konnte ich meine große Klappe auch nicht halten!
"Tse."
Wieder dieses abfällige Schnauben, ehe sich der Unbekannte von der Theke abstieß, sein Glas in die Hand nahm und einfach davon ging.
Natürlich nicht ohne mich "unbeabsichtigt" leicht von der Seite zu stoßen.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, in der ich noch da stand und mit jeder verstrichenen Sekunde kam ich mir zunehmend wie der größte Vollidiot vor. Ich fuhr mir durch das Gesicht und anschließend durch die Haare.
Was war nur los mit mir? Wenn ich mich jedes Mal so sehr rein steigern würde, würde ich eines Tages als seelisches Wrack enden.
Als ich zurück zu meinem Platz schritt und mich regelrecht aufs Sofa fallen ließ, versuchte ich ebenso Armins besorgt mitfühlende, als auch Jeans höhnische Blicke zu ignorieren. Ich war im ersten Moment erleichtert, dass keiner von Beiden ein Wort sagte, denn das Einzige, was ich wollte, war diese blamable Szene zu vergessen.
"Ich glaub es ja kaum!"
Ich verdrehte die Augen und bei Gott, ich versuchte wirklich Jean zu ignorieren.
Wenn sich sein blödes Grinsen nicht regelrecht in mich hinein gebohrt hätte, wäre mir das wahrscheinlich auch gelungen.
"Du hast 'nen Korb bekommen!"
Das Offensichtliche erwähnen und dann auch noch so ... so verdammt provozierend scheinheilig, als hätte er die Szene nicht gerade mit angesehen. Das brachte mich wirklich zur Weißglut.
"Bist wohl doch nicht so der Burner!" aus seinem Lachen war deutlich die Schadenfreude zu vernehmen und ich konnte daraufhin nicht anders, als letztendlich doch mit bedrohlich, funkelnden Augen zu dem Brünetten zu blicken. "Halt dein Maul, Pferdefresse." Ich bemühte mich wirklich darum, mir meinen Frust nicht anmerken zu lassen, doch Jean kannte mich bedauerlicherweise sehr gut. .
"Warum denn so mürrisch, Prinzessin?"
Der Aussage würdigte ich keine Antwort mehr. Sollte er sich bloß lustig machen.
Ich sah noch aus dem Augenwinkel, wie Armin Jean irgendetwas zu deuten schien, ehe ich mein Getränk in die Hand nahm und erst einmal einen groß Schluck davon trank.
Ja, das war es, was ich tat, um meinen Frust abzubauen.
Trinken.
Und das reichlich.
Ein Glas nach dem anderen kippte ich mir buchstäblich rein und ich bemerkte schon bald die zunehmende, erwartete und willkommen heißende Benebelung meines Verstandes.
Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit über, in der ich auf dem Sofa saß und mich regelrecht volllaufen ließ, versuchte den unfreundlichen Idioten von vorhin ausfindig zu machen. Wenn ich ihn dann erblickt hatte, folgten ihm meine Augen auf Schritt und Tritt. Als würde ich ihn observieren.
Ja, auch für mich grenzte dieses Verhalten schon an Irsinn, zumal ich nicht einmal wusste, warum ich das überhaupt tat und was ich mir durch das Beobachten erhoffen würde.
"Eren, komm!" Armin hob seinen Arm und winkte mich von der Tanzfläche aus zu ihm, allerdings konnte ich mich nicht dazu hinreißen. Nicht heute. Ich wusste mein Freund wollte mich bloß ablenken, mich auf andere Gedanken bringen, doch ich war wahrlich nicht in Stimmung.
Ich winkte also ab und zwang mich dabei zu einem Lächeln. Armin wandte sich wieder den zwei Typen zu, die mit ihm tanzten und lachten und allem Anschein nach viel Spaß hatten. Er hatte es ohne meiner Hilfe geschafft, das freute mich wirklich und dennoch ...
Ich verzog das Gesicht.
Schließlich stand ich auf und begab mich in Richtung der Toiletten, da mir meine Blase mittlerweile deutlich zu verstehen gab, dass sie dringend geleert gehörte. Ich musste mich an den Leuten vorbeidrängeln, um zu meinem Ziel gelangen zu können. Der Weg dorthin erwies sich als äußerst schwierig für mich, denn aufgrund der Berauschung, war ich nicht mehr so ganz in der Lage geradeaus zu gehen. Hin und wieder drohte ich zur Seite zu kippen, konnte mich jedoch im letzten Moment noch halten.
Ich war erleichtert, als ich das WC erreicht hatte. Für einen Moment blieb ich stehen und blickte zu den zwei Toiletten Kabinen die beide verschlossen waren. Aus diesem Grund begab ich mich zum Pissoir. Es war eine wahrliche Erleichterung Wasser abzulassen und selbst hierbei musste ich mich anhalten, damit mein Gesicht nicht mit der Wand Bekanntschaft machte.
Als ich fertig war, kam es mir wie eine Ewigkeit vor, in der ich versuchte meinen scheiß Reißverschluss zu schließen. Das Ding war entweder kaputt oder hatte sich in dem Stoff meiner Boxer Shorts verheddert. Wie auch immer, ich bekam dieses Teil nicht zu und torkelte wie ein Bekloppter im kleinen Raum umher, während ich in gebeugter Haltung versuchte meine Hose zu zumachen.
Nur am Rande hatte ich die Spülung der Toilette wahrgenommen, ebenso wie die Person, die aus der Kabine schritt.
So schnell konnte mein getrübter Verstand gar nicht mithalten, da wurde ich plötzlich mit voller Kraft gegen die Wand gepresst. Mein Kopf schlug dabei leicht gegen die Fliesen, der Schmerz war jedoch nicht zu verspüren - danket dem Rausch. Ich versuchte mein Haupt so weit nach hinten zu drehen, dass ich das Gesicht des Hintermanns erkennen konnte, doch es gelang mir nicht, mich so sehr zu verrenken.
"Das nennst du also einen vollen Zeitplan?" hörte ich die mir eigentlich bekannte Stimme, nah an meinem Ohr, allerdings konnte ich diese im Moment nicht zuordnen.
"Seit zwei, verdammten, Wochen schiebst du mich ab!"
Natürlich!
"Lucas?" Der Typ vom Telefonat vor einigen Stunden.
Großartig.
"Was machst du hier?" Meine Worte klangen etwas unverständlich, was jedoch nicht nur am Alkoholgehalt lag, sondern auch daran, dass mein Gesicht immer noch fest gegen die Wand gepresst wurde, da der Andere sich mit seinem ganzen Gewicht gegen mich gedrückt hatte und in dieser unbequemen Position auch verharrte.
"Ich wusste, ich würde dich hier finden! Jetzt gibt es keine Ausreden mehr!" meinte Lucas. "Du hast noch eine Rechnung zu begleichen, schon vergessen?"
Gott, wieso musste er bloß hier auftauchen? Das war das Letzte, was ich gebrauchen konnte.
Lucas war ... wie sollte ich sagen ... ein Stammkunde. Er zahlte auch sehr gut, allerdings war es mir bei seinen Fertigkeiten wirklich schon zu schade um das Geld. Letztes Mal hatte er mir jedoch einen Vorschuss gegeben, weil ich das Geld wirklich gebraucht hatte und jetzt wollte er natürlich eine Gegenleistung, die ich aber seit geraumer Zeit heraus zu zögern versucht hatte.
"Ich hab dir doch gesagt, ich melde-"
"Halt's Maul!" wurde ich barsch von dem Hintermann unterbrochen, als er sich dabei ein weiteres Mal gegen mich drückte und das so fest, dass es mir kurzzeitig die Luft aus den Lungen presste.
"Das gehört sich nicht für 'ne Hure." vernahm ich die nun heißere Stimme des Älteren hinter mir und allmählich fühlte ich mich stets unwohler. Mit offener Hose gegen die Wand gedrückt zu werden, während mir die Luft aus den Lungen gepresst wurde, löste in mir ein Gefühl der Bedrängnis aus. Zu allem Überfluss fühlte ich plötzlich etwas Nasses an meinem Hals.
Mein betrübter Verstand meldete sich schlagartig zu Wort und gab meinem Körper augenblicklich Anweisungen. Ich versuchte den Anderen von mir zu stoßen, allerdings verstärkte dieser seinen Druck umso mehr.
"Lass das!" befahl ich ihm verärgert, allerdings zeigte dies keinerlei Wirkung. Ich verfluchte mich in dem Moment so viel getrunken zu haben.
Auch wenn ich Lucas noch etwas schuldig war, war das dennoch kein Grund so vorzugehen. Ich wollte das nicht. Nicht so, nicht hier und nicht in meinem Zustand.
Gut, ich wollte es eigentlich überhaupt gar nicht, - schon gar nicht mit ihm - dennoch war es mir jetzt mehr, als nur unrecht; gerade bei solch barscher und selbstverständlicher Vorgehensweise.
"Noch einmal lass ich mich nicht von dir verarschen." hörte ich die Stimme von Lucas, der mittlerweile mit seinen Liebkosungen am Hals zum Nacken herauf gewandert war. Ich schreckte zusammen, als ich auch noch seine Hand an meinem Bauch fühlen konnte, die sich in Richtung meiner immer noch offenen Hose heran tastete. "Ich kann nicht mehr warten." raunte er mir währenddessen mit quengelnder Stimme zu.
Das reichte endgültig. Ich presste Lippen und Augen zusammen, in dem Versuch trotz meines Rausches neue Energie und Kraft zu gewinnen. Ich stieß mich demnach so stark von der Wand ab, dass der Mann hinter mir durch den unerwarteten Stoß nach hinten stolperte, gegen die gegenüberliegende Wand stieß und anschließend auf den Boden fiel.
Ich ignorierte den Umstand, dass sich Lucas wahrscheinlich weh getan hatte und machte mich sofort daran meine Hose endlich zu schließen.
"Miststück." fluchte der Ältere, als er im Begriff war aufzustehen. Jetzt erst wandte ich mein Augenmerk auf den sich erhebenden Mann. Sein Gesicht war vor Wurt verzerrt und es war unverkennbar, dass er ebenso mehr, als genug getrunken hatte.
Obwohl ich es irgendwie von dem Kerl erwartet hatte, war ich dennoch nicht in der Lage der Faust, die direkt auf mein Gesicht zugeschossen kam, auszuweichen. Hart wurde ich getroffen, mein Gesicht durch den Aufprall zur Seite geschleudert und mit ihm mein ganzer Körper, wodurch ich letzten Endes nicht mehr in der Lage war mein Gleichgewicht zu halten und nun ich derjenige war, der auf den Boden fiel. Dieses Mal spürte ich den Schmerz deutlich, ebenso wie das Blut, das aus meiner Nase zu rinnen schien.
Lucas lies mir kaum Zeit zum Nachdenken, da kam er schon auf mich zu, zog mich an den Beinen zu sich heran, nur um im nächsten Moment an meiner gerade erst zugemachten Hose herum zu fummeln. Mein Hirn brauchte wieder so verdammt lange, bis es letztendlich Signale des Wehrens an meinen Körper gesendet hatte.
Demnach begann ich mich zu winden und mit den Füßen zu strampeln, um den Anderen von mir weg zu bekommen. "Halt still!" rief Lucas bloß verärgert, während er versuchte meinen Bewegungen Einhalt zu gebieten.
Glaubte der Idiot im Ernst, dass er damit durch kommen würde?
Lucas wurde zunehmend gereizter und ungehaltener bei seinen Versuchen mich fest zu halten. Wenn er nüchtern gewesen wäre, wäre es ihm vielleicht auch gelungen. Doch so waren seine Bemühungen erbärmlich.
Hieß aber nicht, dass ich dadurch nicht in Bedrängnis kam, denn auch wenn seine Anstrengungen durch den Alkohol beeinträchtigt waren, so waren es auf alle Fälle auch meine.
Anscheinend reichte es dem Mann nun endgültig, da er mich plötzlich am Kragen packte und dabei mit der anderen Hand wieder eine Faust formte.
Noch bevor mich jedoch seine Hand ein weiteres Mal treffen konnte, wurde Lucas plötzlich selber von hinten am Kragen gepackt und mit Leichtigkeit von mir herunter gerissen.
Und wieder musste ich innerlich fluchen, dass mein Hirn so lange brauchte, eine Situation zu erfassen.
Ich sah hinauf und erblickte Lucas verschreckten Gesichtsausdruck, während er seinem Gegenüber, der ihn nun vorne am Kragen im Griff hatte, mit großen Augen entgegen starrte.
"Auf Schwächere los zu gehen, ist wirklich erbärmlich."
Die von Gleichgültigkeit geprägte und angenehm tiefe Stimme fand ihren Weg zu meinem Gehör. Ich saß wie erstarrt auf meinem Hintern und beobachtete, wie der Unbekannte plötzlich ausholte und Lucas einen Schlag ins Gesicht verpasste.
Die hatte gesessen, denn der Geschlagene verdrehte leicht die Augen, als er getroffen wurde, ehe er auf die Seite und auf den Boden aufprallte. Und liegen blieb.
Ausgeknockt.
Und das mit einem einzigen Hieb.
Mit offenem Mund und starrem Blick sah ich zuerst auf den regungslosen Mann, ehe sich mein Augenmerk auf die schwarzen Lederschuhe zu meinen Füßen richtete. Mein Blick glitt allmählich aufwärts, entlang den schlanken Beinen, dem etwas breiteren Oberkörper, den schwarzen Haarsträhnen, die seitlich in das schmale Gesicht fielen. Schließlich trafen meine Augen auf die Kühlen meines Gegenübers.
Ich musste schlucken.
Wie mir meine Vorahnung bestätigt hatte, war das der Typ, der mir vorhin einen Korb gegeben hatte.
Ich musste zugeben, dass ich in jenem Moment wirklich eingeschüchtert war. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass der Dunkelhaarige gerade mittels einem einzigen, gezielten Schlages Lucas außer Gefecht gesetzt hatte.
In dem Moment waren meine Wut und meine Frust von vorhin, wie weggeblasen. Ich konnte mich weder rühren noch etwas sagen. Die schmalen, kalten Augen des Anderen musterten mich eine Weile, ehe der Mann noch einen weiteren Schritt auf mich zumachte und mir seine Hand hin hielt.
Wie ein Depp starrte ich diese entgeistert an, nicht begreifend, dass mir gerade Hilfe angeboten wurde.
"Steh auf." befahl er im herrischen Ton. "Ich fahr dich heim."
