„Kann es sein, dass wir an diesem Felsen schon mal vorbei sind?", fragte Beelzebub und deutete unsicher auf einen Stein am Wegesrand.
„Ja und diesen abgebrochenen Baum kenne ich auch...", erwiderte Amaimon, während er sich umsah.
Lucifer runzelte verärgert die Stirn, bevor er langsam mit dem Kopf schüttelte. „Das kann nicht sein, wir sind-"
„-im Kreis gelaufen.", wurde er von Samael mit einer gewissen Häme unterbrochen. Keiner war wirklich überrascht, früher oder später musste es so kommen.
Astaroth schnaubte kopfschüttelnd. „Warum haben wir auch auf den Typen gehört, der nicht mal Norden und Süden unterscheiden kann?!", beschwerte er sich, was der Lichtkönig natürlich nicht auf sich sitzen ließ.
„Ich kann es sehr gut voneinander unterscheiden!", verteidigte er sich aufgebracht, den jüngeren Baal wütend anfunkelnd. Wieso mussten sie immer deswegen herumsticheln?! Als ob sie es besser konnten!
„Warum hälst du dann Karten immer falsch herum?! Da sind die Himmelrichtungen meist sogar eingezeichnet" , antwortete Iblis bissig. Dieses Mal hatte der Lichtdämon nichts zu sagen, stattdessen errötete er und wich seinem Blick aus. Gut, wo er recht hatte, hatte er recht. Nicht dass er das jemals zugeben würde.
Samael verdrehte die Augen, Egyn und Azazel waren die einzigen, die weiterhin schwiegen. Der Geisterdämon fragte sich lieber zum hundertsten Mal, warum er sich zu ihrem Ausflug nach Assiah hatte überreden lassen, wenn es Zuhause in seinem Zimmer doch so viel angenehmer war. Er hätte sich einen ruhigen Abend mit Netflix, Snacks und einigen Getränken machen können, aber nein, er hatte sich von seinen Brüdern wieder einmal breit schlagen und nach Assiah schleppen lassen. Gelegentlich wünschte er sich wirklich ein Einzelkind zu sein, zumindest für einige Tage, nur um es einmal auskosten zu können.
Egyn malte sich währenddessen die schlimmsten Horrorszenarien aus, in denen der vermisste Halbdämon gelandet sein könnte und wie vor allem ihr Vater reagieren würde. Er war in letzter Zeit schon so sehr leicht zu reizen, wenn es um den Nephilim ging, insbesondere nachdem er von Samaels Lügen erfahren hatte. Dieses Mal würden Köpfe rollen, wenn sie ihren Bruder nicht schnell fanden und das wollte nun wirklich keiner miterleben. Ihr Vater konnte leider sehr kreativ bei Strafen sein. Irgendwie mussten sie ihn aufspüren, doch bei der Größe dieses Waldes würde dies ewig dauern und sie hatten bereits mehrere Stunden verschwendet. „Das bringt alles nichts!", brach es endlich aus ihm heraus, als die Frustration überhandnahm. „Wir wandern jetzt schon seit..." Er wandte sich an Samael.
„Vier Stunden.", beantwortete dieser die stumme Frage. Wirklich praktisch, wenn der eigene Bruder praktisch eine laufende Uhr war.
„Seit vier Stunden hier herum, aber haben nicht eine Spur von Rin gefunden! Wahrscheinlich laufen wir in die komplett falsche Richtung und er hat sich wieder in irgendwelche Schwierigkeiten gebracht! Wir wissen ja nicht mal, in wessen Reich wir sind! Was wenn im Rin im Orkus Wald gelandet ist?! Er wäre nach nicht mal fünf Minuten tot! Wir brauchen einen Plan und zwar jetzt!", schloss er aufgebracht.
Unsicher wechselten die restlichen Brüder Blicke, dann ergriff Beelzebub das Wort. „Jungs, ich hasse es das zu zugegeben, aber Egyn hat recht." Er erhielt einige verwunderte Blicke von seinen Brüdern, denn auch wenn der Insektendämon sehr direkt war, teilte er Egyns Pessimismus nie. „Wir werden hier keine Probleme bekommen, aber Rin sitzt auf dem Präsentierteller. Nur blöd rumzurennen, bringt nichts. Wir brauchen eine bessere Idee."
„Kannst du nicht einfach das Siegel zerstören und seine Kräfte freisetzten? Dann könnten wir ihn immerhin spüren.", fragte Astaroth Samael, doch dieser schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, das ist eine ganz schlechte Idee, kleiner Bruder. Hast du im Unterricht wirklich nie zugehört?"
Der jüngere Baal zuckte abwertend mit den Schultern. „Den meisten Mist braucht man doch eh nie und das Grundlegende weiß ich! Warum sich die Mühe machen?!"
Lucifer und Samael widerstanden den Drang, sich die flache Hand vor die Stirn zu schlagen. War das sein Ernst? Eigentlich sollten sie nicht überrascht sein, doch hin und wieder fragten sie sich wirklich wie er es durch die Prüfungen geschafft hatte. Der älteste Baal machte eine mentale Notiz, Astaroth nochmal einiges wiederholen zu lassen. Es ging nun wirklich nicht, dass er als Baal solche grundlegende Sachen nicht wusste!
Bevor Samael den Mund öffnen konnte, zweifellos um sich wieder aufzuplustern, begann er zu erklären. „Samael hat zusammen mit Rins Kräften auch sein Dämonenherz versiegelt, das Schwert fungiert nur als eine Art Übergang. Das ist schon so riskant genug…" Er warf einen strafenden Blick in die Richtung des Zeitkönigs, der ihn aber nicht weiter kümmerte. „Je älter er wurde, desto mehr nahm die Stärke seiner Flammen zu, sodass sie fortwährend Druck auf das Siegel ausübten, bis es nicht mehr alles zurückhalten konnte und Rins Erwachen begann. Als er die Klinge dann gezogen hat, bekam er einen Teil seiner Kräfte zurück und war nicht länger ein Mensch. Sein Körper hat zwar bereits begonnen, sich daran zu gewöhnen, aber bei weitem nicht genug, um seine vollen Kräfte aufzunehmen. Wenn wir jetzt sein Dämonenherz rauslassen, wird er mit den Kräften überfordert sein. Im besten Fall übernimmt sein Dämoneninstinkt die Kontrolle und wird wüten, bis er sein Körper endlich nachgibt oder er wird direkt durchbrennen."
„Oh…jetzt wo du's erwähnst, ist das klar…", murmelte Astaroth.
Sie würden Rins Leben nicht riskieren und noch dazu kam, dass sie keine Lust hatten, von ihm verbrannt zu werden. Sie hatten mit diesen Flammen schon genug Bekanntschaft gemacht, sie konnten sehr gut auf weitere Zwischenfälle verzichten.
„Warum ziehen wir nicht einfach das Schwert, um ihn zu finden?", schaltete sich plötzlich Azazel ein, welcher bis jetzt geschwiegen hatte. Die anderen sahen ihn verwirrt an, dann traf Lucifer und Samael die Erkenntnis.
„Wir sind solche Volltrottel.", murmelte der Lichtkönig kopfschüttelnd und auch der andere Dämonenkönig verfluchte sich für seine Unachtsamkeit. „Wir hätten uns vier Stunden rumrennen sparen können!"
„Wollt ihr uns dann auch mal einweihen?", fragte Astaroth trocken.
„Wenn wir das Schwert ziehen, entfesseln wir seine Flammen.", antwortete Azazel, als würde dies alles erklären. Amaimon murmelte etwas davon, dass er das auch schon bemerkt hatte.
„In anderen Worten, es wird nicht nur einfacher sein ihn zu spüren, sondern er wird mit seinen Flammen wesentlich schwerer zu übersehen sein.", ergänzte Lucifer. Endlich verstand der Rest, was sie meinten, doch Egyn sah sich zweifelnd um.
„Bei den ganzen Bäumen bringt das jetzt nicht so viel und ehrlich gesagt bin ich momentan zu erschöpft, um in meine Dämonenform zu wechseln." Da hatte man schon Flügel und konnte sie nicht mal benutzen. Hätten sie gestern nur nicht so lange trainiert…
„Geht mir genauso.", gestand Azazel. „Jemand könnte allerdings auf einen Baum klettern und wir ziehen das Schwert. Immerhin kennen wir dann die grobe Richtung. Ist besser als nichts."
„Und wer klettert?", fragte Amaimon, woraufhin Beelzebub die Bäume nachdenklich betrachtete.
„Die oberen Äste sind ziemlich dünn. Wir bräuchten jemand leichten der da hoch klettert..." Wie auf Kommando wandten sich alle Egyn zu, welcher sofort erbleichte und kopfschüttelnd einige Schritte zurück trat.
„Oh nein, vergesst es! Ich habe Höhenangst!"
„Ach komm, verarsch uns nicht.", knurrte Iblis. „Du hattest nie Probleme beim Fliegen oder mit den Palasttürmen oder Balkons!"
„Da sitze ich ja auch nicht auf dünnen Ästen!", konterte der Wasserdämon trotzig, aber ein Teil von ihm wusste, dass er auf verlorenem Posten kämpfte.
Lucifer seufzte nur. „Also schön, auf drei sagt jeder wen er für geeignet hält und wer die meisten Stimmen hat, muss hoch. Eins...zwei...drei!"
„Egyn.", kam es von allen sieben gleichzeitig.
„Ich verlange eine Nachzählung!"
„Jetzt geh schon.", verlangte Beelzebub und scheuchte seinen Bruder Richtung Baum. Dieser begann grummelnd zu klettern. ‚Warum kann nicht Beel klettern? Er macht das ständig! Bloß nicht nach unten sehen...das kann nicht schlimmer als Felsen klettern sein. Wenigstens zahlt es sich dann mal auf, dass Beel mich da mitgeschleppt hat.'
„Wenn ich falle und mir alles breche, seid ihr schuld!", rief er den anderen dennoch zu, doch natürlich nahm ihn keiner ernst.
„Jetzt hab dich nicht so, deine Selbstregeneration macht das schon, also hör auf dich zu beschweren!", rief Astaroth zurück. Natürlich hatte er recht, aber das würde der Wasserkönig auf keinen Fall zugeben! Kurz darauf hatte er endlich den höchsten Punkt erreicht und setzte sich auf einen halbwegs stabil wirkenden Ast. Dieser knarzte dennoch bedrohlich unter seinem Gewicht.
‚Oh, Gehenna...'
„Wir ziehen jetzt das Schwert!", rief Lucifer und Iblis zog die Klinge aus der Scheide. Sofort war sie mit den ihnen so vertrauten Flammen umhüllt. Sie waren immer wieder fasziniert davon, dass die Klinge tatsächlich stand hielt. Zwar besaß ihr Vater Waffen mit dieser Eigenschaft, doch diese stimmten aus Gehenna nicht Assiah. Da es jedoch momentan wirklich wichtigeres gab, dachten sie nicht weiter darüber nach.
„Wie sieht's aus Egyn? Siehst du was?", fragte Iblis. Dieser blickte sich suchend um und entdeckte tatsächlich ein blaues Leuchten in der Ferne.
„Ja, ich sehe etwas in dieser Richtung.", antwortete er und deutete darauf. Ein kurzer Vergleich mit der Position der Monde und der gezeigten Richtung zeigte ihnen, dass sie nach Westen mussten.
„Endlich mal eine Spur...", meinte Beelzebub erleichtert. „Verlieren wir keine Zeit!" Sie wollten gerade los, doch Egyns Stimme rief sie zurück.
„Ähm Jungs? Habt ihr 'ne Idee wie ich hier wieder runter komme?"
Nun war es verdammt nochmal offiziell. Das Universum hatte sich gegen Rin verschworen und beschlossen, ihm das Leben auf jede erdenkliche Weise zu vermiesen. Gerade als er gehofft hatte endlich jemanden zu haben, der ihm beistand, brach natürlich die vermaledeite Verbindung ab und ließ ihn genauso schlau wie vorher zurück. Warum musste Yukio auch in diesem Kloster sein?! Und warum hatten die so schlechten Empfang?! Es war das 21. Jahrhundert, Kloster hin oder her, da konnte man ruhig mal in Telefonleitungen investieren! Welches Genie war überhaupt auf die Idee gekommen, derartige Gebäude in den Bergen zu bauen?!
Wütend starrte er sein Handy an und widerstand dem Drang, es gegen den nächstbesten Baum zu werfen. Allerdings war sein Akku ohnehin fast leer, daher war es so oder so vollkommen nutzlos. Selbst wenn er ein Ladekabel dabei gehabt hätte, war er immer noch im Wald und er bezweifelte, dass er hier Steckdosen gab. Falls es in Gehenna sowas überhaupt gab, immerhin wusste niemand, wie ähnlich es Assiah wirklich war. Seine letzte Option war einen seiner Freunde eine Nachricht zu schreiben, aber was sollte das bringen? Sie hatten sicherlich längst gemerkt, dass er verschwunden war und allerspätestens Yukio würde ihnen sagen, was passiert war. Bei seinem Glück hatten Exorzisten bereits das Wohnheim gestürmt und waren nun dabei, sein Todesurteil zu beantragen.
Während er gedankenverloren seine Kontakte durchblätterte, stellte er fest, dass er auch Mephistos Nummer hatte. Dies verwirrte ihn, bis ihm einfiel, dass es der Schulleiter war, der ihm das Handy besorgt und bei der Gelegenheit wohl gleich seine Nummer eingespeichert hatte. Sein vorheriges Telefon hatte er verloren, wahrscheinlich während der Flucht vor Astaroths Dämonen. Es hatte ihn natürlich extrem überrascht, dass sein Vormund mit der Hochsicherheitsbrieftasche ihm freiwillig ein Handy gegeben hatte und noch dazu ohne Gegenleistung oder Aufforderung. Rin schob diesen Gedanke beiseite, bevor er sich richtig manifestieren konnte. Nie im Leben würde er den Clown anrufen und um Hilfe bitten! Da trank er lieber einen Kanister Weihwasser! Schnaubend stopfte er das Handy in seine Hosentasche und stapfte in eine zufällige Richtung weiter.
Inzwischen war er an einem Abhang angekommen und sah sich verloren um. Er hatte keine Ahnung, ob er sich dem Waldrand näherte, meinte jedoch, dass sich die Bäume allmählich lichteten. Er beschloss, den Abhang hinunter zu steigen und sich dort weiter umzusehen, jedoch war dieser äußert schlammig und bot kaum Halt. Schlussendlich kam es wie es kommen musste: Rin rutschte aus, landete im Dreck und kullerte den Hügel herab. Klasse.
Missmutig rappelte er sich auf und sah an sich herab. Er sah aus als wäre er in ein Moor gefallen und war sich ziemlich sicher, dass sein Schweif einiges abbekommen und nun verklumpt war. Das würde ewig dauern, bis es sauber war. ‚Na egal, ich habe jetzt andere Probleme.'
Noch während er das dachte, schien sich jemand genötigt zu fühlen, dieser Aussage zusätzlichen Ausdruck zu verleihen. Plötzlich spürte er, wie seine Flammen hervorschossen, während Ohren und Zähne wuchsen und spitzer wurden. ‚Was zur-?! Haben sie das Schwert gezogen?! Warum?!' Nervös schaute er sich um, doch entdeckte niemanden und seine Flammen erloschen so schnell wie sie gekommen waren. Hatten sie ihn gefunden? Er wollte es nicht herausfinden. Entschlossen sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, lief er weiter, bis er eine Lichtung erreichte.
Dummerweise achtete er dabei nicht darauf, wohin er lief und fand sich plötzlich in einer weißen, stark klebenden Substanz wieder. Erst nach einigem Schimpfen und Zappeln wurde ihm bewusst, dass er in einem gewaltigen Spinnennetz gelandet war. Fluchend trat Rin einige Schritte zurück und versuchte die klebrigen Fäden abzustreifen. ‚Warum ist hier so ein großes Spinnennetz?! Keine Spinne macht solche Netze!' Was er als nächstes hörte, ließ seinen Herz einen Aussetzer machen. Über ihm klickte es. Es war genau dasselbe Klicken, welches er auf der Lichtung vorhin gehört hatte, nur war es dieses Mal sehr viel näher. Mit zugeschnürter Kehle schaute er langsam nach oben, wo acht schwarze Augen seinen Blick erwiderten.
„Hey, schaut mal was wir gefunden haben!", rief Beelzebub seinen Brüdern zu und deutete auf den Boden. Neben ihm kniete Amaimon an einem Abhang um sich den aufgewühlten Boden anzusehen.
„Hier ist vor kurzem etwas auf zwei Beinen vorbei gekommen und den Abhang runtergerutscht. Wahrscheinlich unser kleiner Bruder.", berichtete er.
„Wie lang ist das her?", fragte Egyn hoffnungsvoll, woraufhin der Erddämon mit den Schultern zuckte.
„Ich würde sagen einige Minuten."
Die anderen atmeten auf und erlaubten sich einen kurzen Moment der Hoffnung. Dann konnte er nicht allzu weit sein. Sicherlich würde es nun wesentlich einfacher werden, den Nephilim aufzuspüren. „Also da runter?", grummelte Azazel missmutig und warf dem Abhang einen abwertenden Blick zu.
„Da runter.", bestätigte Beelzebub genauso wenig enthusiastisch. „Passt aber auf, das sieht ziemlich rutschig aus."
„Ja, ja.", grummelte Iblis und begann den Hang hinunter zu klettern. Lucifer tat es ihm nach, gefolgt von Astaroth, Beelzebub und Samael. Samael kam zuerst unten an, überraschenderweise ohne Schlamm abzubekommen. Dafür verlor Egyn seinen Halt und rutschte herunter. Dabei brachte er obendrein seine Brüder zu Fall, sodass sie unten als zappelndes Knäul ankamen. Lucifer hatte das Pech gehabt, ganz unten zu landen, während Samael und Amaimon rechtzeitig zur Seite getreten waren und Azazel noch immer oben stand.
„Ich bin wirklich von Idioten umgeben.", kommentierte er kopfschüttelnd. Lucifer ignorierte ihn und starrte dafür Samael böse an.
„Ein wenig Hilfe?!", wurde dieser angegiftet, doch der jüngere Baal grinste nur.
„Nein, das ist eindeutig zu unterhaltsam.~"
Nach zwei Minuten voller Flüche und versehentlichem gegenseitigem treten, war das Knäul endlich gelöst. Azazel hatte es inzwischen ebenfalls nach unten geschafft, natürlich ohne einen Klumpen Dreck abzubekommen. Das Leben konnte so unfair sein. „Tschuldigung.", murmelte Egyn peinlich berührt, während er versuchte, den Schlamm aus seinen langen Haaren zu streichen.
„Nicht angenommen!", fauchte Iblis, welcher gerade versuchte den schlimmsten Dreck aus seiner Kleidung zu bekommen. „Erst werde ich in deinem Reich ständig nass, jetzt Schlamm…"
„Hör auf zu jammern, es sind nur Klamotten.", warf Azazel ein.
Amaimon ignorierte das Gezeter, sein Interesse galt dem Spuren. „Er ist dort entlang.", verkündete er und deutete in die Richtung einiger Bäume. „Der Wald scheint sich zu lichten.", stellte Beelzebub fest, runzelte dann aber er die Stirn. „Wartet mal, diese Gegend kommt mir bekannt vor-"
Bevor er seinen Gedanken beenden konnte, wurde er vor einem markerschütterndem Kreischen unterbrochen, welches nicht menschlich klang. Was jedoch ihre Sorge auslöste, waren die blauen Flammen, die nicht weit entfernt zu lodern begonnen hatten. Die acht Brüder schauten sich eine Sekunde lang an und sprinteten ohne ein Wort los.
Sie erreichten eine Lichtung, wo sich ihnen ein Anblick bot, welcher ihnen sämtliche Farbe aus den Gesichtern treib. Die gute Nachricht: sie hatten Rin gefunden und es war noch alles dran. Die schlechte Nachricht: über ihm hockte eine gewaltige, offensichtlich angepisste, schwarze Riesenspinne, welche gerade ausholte, um ihm ihre Giftzähne in seinen Körper zu bohren.
‚Oh, nicht doch...', dachte Beelzebub.
Immerhin wussten sie nun, dass sie in seinem Gebiet gelandet waren.
Riesenspinnen. Natürlich. Von allen Dingen auf die Rin hätte treffen können, war es eine fette, schwarze Spinne mit langen, haarigen Beinen und riesigen Giftzähnen! Die meisten an seiner Stelle hätten wohl geschrien oder versucht wegzurennen, Rin jedoch war wie gelähmt und starrte seinem Ende entgegen. Er konnte nicht einmal schreien. Stattdessen schossen seine Flammen hervor, welche das Tier jedoch nicht abzuschrecken schienen. Sie schien eher daran interessiert, den Eindringling zu fressen, welcher die Dreistigkeit besaß, ihr Heim zu zerstören. Die Kreatur ging in Angriffsstellung und Rin musste zu seiner Schande zugeben, dass er nur die Augen schließen konnte. Er sah sein Leben an sich vorbei ziehen, dachte an seine Freunde, an Yukio und den alten Mann. Wenn es doch ein Leben nach dem Tod gab, würde er immerhin Shiro und vielleicht sogar seine Mutter wiedersehen. Wie peinlich es sein würde, zu erklären, dass er durch eine Riesenspinne gestorben. Schon jetzt konnte er sich denken, was Shiro sagen würde. Er wartete, jedoch kam der Todesstoß nicht. Stattdessen hörte er eine ihm allzu bekannte Stimme, welche etwas auf Deutsch rief. „Eins, zwei, drei!"
Sofort riss er die Augen auf. Das klang doch nach...! Er sah nach oben und wich einige Schritte zurück. Die Spinne bewegte sich nicht länger, sondern war starr wie eine Statue. Schnell wirbelte er herum und schaute in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Dort stand, zusammen mit den anderen Dämonenkönigen, Mephisto (Nein, Samael!). Dessen Aufmerksamkeit galt allerdings der Spinne, welche wie eine Statue erstarrt war. Mit einem Mal machte sich in dem Halbdämonen Erleichterung breit. Warte...Erleichterung? Warum war Rin erleichtert sie zu sehen?! Sie waren doch an diesem Schlamassel schuld! Wenn sie nicht wären, säße er in seinem Wohnheim in Assiah und würde mit seinen Freunden eine tolle Zeit verbringen. Stattdessen war er in Gehenna, wo riesige Spinnen, gruslige Eichhörnchen und ein pyromanischer Teufel lauerten!
„Wartest du noch auf 'nen roten Teppich?! Mach das du da weg kommst!", rief Astaroth ihm zu.
Normalerweise wäre Rin nicht im Traum eingefallen auf irgendwelche Dämonen zu hören, besonders wenn der besagte Dämon ihm in der Vergangenheit fast die Augen ausgebrannt hatte. Im Angesicht der Umstände entschloss er sich jedoch, eine Ausnahme zu machen. So schnell er konnte, sprintete er zu seinen Halbbrüdern. Er wusste nicht, warum er ausgerechnet zu ihnen lief und das auch noch freiwillig. War das irgendeine Dämoneninstinktkiste? Wieso hatte ihm eigentlich nie jemand vor denen gewarnt?
„Geht es dir gut?", erkundigte sich Lucifer besorgt und ließ ihn inne halten. Jetzt taten sie auch noch auf besorgt, hervorragend.
„Abgesehen von der entstandenen Spinnenphobie und dem Trauma...klar.", murmelte er schließlich.
Egyn war dies jedoch nicht gut genug und brabbelte sofort drauf los. „Und es geht dir wirklich gut?! Niemand hat versucht dich zu fressen?! Alles ist noch dran?! Oh Gehenna-!"
Rin war von seinem Benehmen ziemlich überrascht und sagte nichts, aber Azazel und Iblis hielten dem Wasserkönig gleichzeitig den Mund zu. „Jetzt sei doch mal still, ihm geht's gut!", knurrte
Azazel entnervt. Samael hatte inzwischen das Zeitfeld aufgehoben, Rins neue ‚Freundin' war damit wieder im Rennen. „Es sieht wütend aus...", stellte Amaimon nachdenklich fest. „Spielen wir damit?" Wutentbrannt richtete sich die Spinne auf und präsentierte ihre Giftzähne. Dabei stieß sie dasselbe Kreischen aus, was sie bereits vorhin gehört hatten.
„Ich lehne dankend ab.", erwiderte Samael, wo Rin nur zustimmen konnte.
„Hauen wir ab, bevor ihre Freunde kommen!", bestätigte Astaroth, doch aus ihrem Rückzug wurde nichts. Sie drehten sich um, nur um festzustellen, dass sich von hinten zwei weitere Spinnen nährten. Scheinbar instinktiv zogen die Dämonen Rin in ihre Mitte, gleichzeitig wichen sie zurück.
„Ich nehme an, ihr habt keine Waffen dabei?", fragte Samael überraschend gelassen in die Runde.
„Nein. Schätze mal, wir regeln das auf die altmodische Art.", erwiderte Iblis nicht weniger entspannt und ließ eine Flamme in seiner Hand auflodern. Bei ihm sah das so einfach aus, Rin hatte nicht einmal genug Kontrolle um eine Kerze anzuzünden, ohne den Raum mit abzufackeln!
„Von den Seiten kommen sie auch, wir sind umzingelt!", knurrte Azazel. Er hätte wirklich zu Hause bleiben sollen. Entnervt stellten sie fest, dass er recht hatte. Von allen Seiten nährten sich Spinnen, groß und klein (Klein bedeutete in etwa Ponygröße, also immer noch zu groß!) und ihre Greifer klickten bedrohlich, beinahe so als würden sie sich auf ihre Mahlzeit freuen.
„Eingekreist von einem Haufen Käfer. Wie erniedrigend.", seufzte Samael theatralisch. Rin fragte sich, wie er so ruhig bleiben konnte. Er selbst hatte zwar keine Angst vor Spinnen, doch in dieser Größe sah es schon anders aus.
„Das sind keine Käfer, sondern Arachnoiden und sie gehören zur Familie der Gliederfüßer!", protestierte Beelzebub, als würde das momentan irgendjemanden kümmern. „Käfer haben außerdem nur sechs Beine und-"
„Beel, spar dir den Vortrag und pfeif deine Schoßtiere zurück!", zischte Astaroth, welcher sich sichtlich unwohl fühlte.
„Das versuche ich die ganze Zeit schon, aber sie hören nicht auf mich!"
„Ich dachte, du hättest sie gezüchtet!", rief Egyn und sah den Insektendämonen anklagend an.
„Moment, du züchtest sowas?! Was stimmt nicht mit dir?! Kannst du dir nicht einen Hund oder eine Katze anschaffen wie jeder andere auch?!", fragte Rin entgeistert. Egal ob Beelzebub nun der König der Insekten war, das war einfach nur gruslig.
„Glaube mir, hier in Gehenna gibt es einige Kreaturen die wesentlich schlimmer sind.", konterte der Insektenkönig.
„Ach echt? Also mir reicht's!", erwiderte Rin bissig.
„Ich schließe mich an.", bestätigte Iblis. „Erledigen wir die Viecher!" Damit schickte er einen konzentrierten Flammenstoß auf den nächstbesten Gegner. Erneut ertönte ein lautes Kreischen und der Gestank von Chitin lag in der Luft, jedoch...
„Es lebt noch!?", rief Iblis mit großen Augen und zum ersten Mal wirkte er aufrichtig besorgt.
„Na ja...", begann Beelzebub, nun etwas verlegen. „Ich habe in den letzten Jahren viel experimentiert und versucht, Varianten zu schaffen, die über eine größere Umweltresistenz verfügen. Dabei sind die her entstanden. Die meisten Attacken sind nutzlos gegen sie..."
Seine Brüder starrten ihn an, als wäre ihm ein weiterer Kopf gewachsen. „Willst du uns jetzt ernsthaft erzählen, dass du Monster geschaffen hast, die gegen unsere Kräfte immun sind?!", knurrte Lucifer, der mit Mühe seine Stimme ruhig hielt. Sie waren nach Satan die stärksten Dämonen Gehennas und mussten sich so gut wie nie Sorgen darum machen, in ernsthafter Gefahr zu schweben, doch dieser Umstand besorgte ihn schon. Außerdem war da immer noch Rin, welcher momentan in weitaus größeren Schwierigkeiten steckte, da er sich weder heilen noch kämpfen konnte.
„Nicht direkt. Ihre Unterseite ist nach wie vor sehr empfindlich und sie richten sich vor einem Angriff meist auf.", erklärte Beel.
„Damit können wir schon eher arbeiten.", antwortete Lucifer und wandte sich an ihn den Rest. „Samael und ich lenken sie ab und versuchen, sie zu verlangsamen. Azazel, du passt auf Rin auf, der Rest greift an. Passt aber auf die Spinnennetze auf, wir haben keine Zeit da jemanden rauszuholen. Sobald sich dann die Gelegenheit bietet, verschwinden wir." Alle nickten und gingen in Kampfstellung. „Gut, dann los!"
Im Nachhinein betrachtet musste Rin zugeben, dass sie eine Menge Glück hatten. Gut, er würde sich für den Rest seines Lebens keiner Spinne mehr auf zehn Meter nähern können, aber zumindest wurde niemand gefressen und er hatte zum ersten Mal die Gelegenheit die acht Dämonenkönige in Aktion zu sehen. Dabei wurde ihm zum ersten Mal bewusst, wie sehr sich Amaimon bei ihren Kämpfen zurückgehalten hatte. Die Baal waren nicht nur stark und wussten mit ihren Kräften umzugehen, sondern auch wahnsinnig schnell. Es schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, sie alle im Blick zu behalten.
Das Einzige, was ihn noch mehr beeindruckte, war wie gut sie zusammenarbeiteten. Man sollte eigentlich meinen, dass es bei sieben Personen und den Spinnen die sie umgaben, zumindest einige Zusammenstöße geben oder sie sich hin und wieder gegenseitig im Weg stehen würden. Stattdessen deckten sie sich gegenseitig und führten koordinierte Angriffe aus, ohne ein Wort miteinander zu reden. Es war mehr als offensichtlich, dass sie bereits öfter zusammen gekämpft hatten und somit ihre gegenseitigen Stärken und Schwächen kannten. Es sollte ihn nicht weiter überraschen, bei ihrem Alter dürften sie bereits einige Kämpfe hinter sich haben, aber er war dennoch beeindruckt. Sie brachten eine Riesenspinne nach der anderen zu Fall, besonders die kleineren waren relativ schnell erledigt. Dennoch schienen sie einfach kein Ende zu nehmen.
„Das gibt's doch nicht! Warum rennen hier immer noch so viele rum?", hörte er Egyn schimpfen.
„Hier muss ein Nest sein!", rief Iblis und sprang zur Seite um nicht aufgespießt zu werden. „Die Viecher sind wie die Karnickel, jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, stehen zwei neue da!"
„Weniger beschweren, mehr angreifen!", konterte Beelzebub bissig.
Unterdessen schlich sich eine kleinere Spinne an Rin und Azazel heran. Letzterer bemerkte sie jedoch rechtzeitig und reagierte sofort. Er stieß Rin aus dem Weg und sprang nach hinten, sodass die Spinne beide verfehlte. Leider hockte sie nun zwischen den beiden Halbbrüdern und begann in Rins Richtung zu krabbeln. Der Nephilim wich zurück, aber Azazel ließ eine starke Orkanböe los, welche einen der Bäume entwurzelte und somit das Monster unter sich begrub. Danach stieß er sich vom Boden ab, sprang über das tote Tier und landete neben Rin. „Alles noch dran?" Der Halbdämon nickte nur und schaute mit aufgerissenen Augen auf den Kadaver.
„Ihr scheint sowas öfter zu machen?", fragte er unsicher.
Azazel zuckte mit den Schultern. „Riesenspinnen sind das erste Mal. Beel kann sich nachher auf was gefasst machen. Achtung." Das 'Achtung' kam in einer Stimmlage mit der man sonst über das Wetter redete, weswegen Rin nicht sofort den Sinn begriff. Daraufhin packte der Dämonenkönig ihn kurz entschlossen am Arm und sprang einige Meter nach hinten. „Na, toll. Sieht so aus als hätten wir ihre Aufmerksamkeit.", stellte er fest, wobei er die Spinne vor ihnen genau im Auge behielt. Diese war größer als die bisherigen und sah sogar noch hässlicher aus als die anderen. „Hey, ich glaube wir haben die Anführerin gefunden!", rief der Geisterkönig den anderen zu.
„Sorry, wir sind grad ein bisschen beschäftigt!", knurrte Astaroth. Er und Amaimon waren von einer größeren Gruppe eingekreist worden und vollkommen damit beschäftigt, nicht gefressen zu werden und Angriffe auszuteilen.
Auch an den anderen Fronten sah es nicht allzu rosig aus. Iblis und Egyn hatten sich mit mehreren größeren Exemplaren angelegt und versuchten sie davon abzuhalten, Beelzebub zu fressen. Dieser lockte die Anführerin von Rin und Azazel weg und versuchte neben seinen Angriffen immer wieder den Spinnen seinen Willen aufzuzwingen. Nach wie vor funktionierte es nicht. „Ich verstehe es einfach nicht!", rief er frustriert. „Es ist fast so als hätten sie jegliches Urteilsvermögen verloren!"
„Vielleicht liegt es daran, dass Käfer generell kein Urteilsvermögen haben?!", brüllte Iblis zurück.
„Es sind keine Käfer!"
„Konzentriert euch und hört auf, euch in einem Kampf zu streiten!" Wahrscheinlich hatte Lucifer mehr sagen wollen, jedoch musste er sich ducken um nicht enthauptet zu werden. „Samael! Du solltest mich doch decken!"
„Ich bin leider selbst beschäftigt, liebster Bruder!", kam die leicht verbissene Antwort. Er hatte sich ebenfalls mit zwei Gegnern angelegt. Rin hasste es das zuzugeben, aber er beneidete den Clown dafür, dass er so ruhig blieb.
Inzwischen war Iblis mit seiner Grillparty wieder voll im Gange. Mehr und mehr Spinnen wurden unter lautem Gekreische zu einem Häuflein Asche reduziert. Rin hatte sogar ein wenig Mitleid mit ihnen, denn es waren trotz allem Lebewesen und Tod durch Verbrennen stellte er sich furchtbar vor. Allerdings war die Alternative von ihnen gefressen zu werden, also war er ausnahmsweise willens nichts zu sagen. Außerdem hatte er etwas weitaus Interessanteres entdeckt. Iblis hatte noch immer Kurikura. Wenn er es nur erreichen könnte, dann könnte er die Spinnen selbst erledigen und vielleicht sogar abhauen. „Denk nicht mal dran.", unterbrach Azazel seine Gedanken.
„Was?"
„Es heißt 'Wie bitte'. Und ich meine, dass du gar nicht daran denken sollst dir das Schwert zu holen und mitzukämpfen."
„Aber warum?" , fragte Rin frustriert. „Soll ich einfach rumsitzen und nichts tun?!"
‚Und meine Chance zur Flucht ignorieren?'. fügte er stumm hinzu.
„Du hast zu wenig Kontrolle. Am Ende fackelst du die Lichtung und noch wichtiger uns mit ab. Also halt dich raus, sie bekommen das allein hin." Rin wollte protestieren, wurde jedoch von einer weiteren Spinne unterbrochen. Diese griff Azazel an und zwang ihn zum auszuweichen, jedoch erwischten ihn die Beine und er wurde gegen einen Baum geschleudert. Rin hatte keine Zeit nachzusehen wie es ihm ging, denn nun kam die Spinne mit voller Geschwindigkeit auf ihn zu. Er sah sich bereits zwischen den Greifern des Biestes, als erneut ein lautes Kreischen ertönte. Die Spinne hielt inne und Rin nutzte dies aus um möglichst weit weg von ihr zu kommen.
Ein seltsames Geräusch ließ ihn zusammenzucken und er schaute gerade noch rechtzeitig zurück, um zu sehen wie die Spinne von etwas schwarzem aufgespießt wurde. Verwirrt schaute er zu Azazel, der sich aufgerappelt hatte und der Spinnen einen abfälligen Blick zuwarf, bevor er sich in die andere Richtung wandte.
Rin folgte seinem Blick und ein eisiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Überall auf der Lichtung brannte Feuer. Blaues Feuer. Die Stimme eines Mannes rief etwas in einer Rin unbekannten Sprache, woraufhin sich die Dämonenkönige schnell zurückzogen. Die Monster hatten derweil keine Chance. Sobald sie einmal von den blauen Flammen erwischt waren, gab es für sie kein Entrinnen mehr und sie gingen kreischend ein.
Dummerwiese schien eine Spinne clever genug gewesen zu sein, sich am Rand aufzuhalten und entging damit den Flammen. Langsam schlich sie sich an den ahnungslosen Halbdämonen an. Samael und Azazel bemerkten es und riefen Rin eine Warnung zu, woraufhin er versuchte beiseite zu springen. Er schaffte es zwar dem Schlimmsten zu entgehen, jedoch spürte er wie die Zähne Schulter und Hüfte erwischten. Sofort begannen beide Wunden zu brennen und er brach zusammen. Zitternd lag er am Boden, zu schwach um aufzustehen, über ihm eine sehr glückliche Spinne. Sie bekam jedoch nie die Gelegenheit mehr zu tun, denn sofort war sie ebenfalls von blauen Flammen umschlossen.
Rin hörte die Stimme von eben laut fluchen, kurz darauf schien sie Befehle zu erteilen, denn die Baal griffen erneut die verbliebenden Spinnen an und begannen sie auszumerzen. Der Nephilim kämpfte derweil darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Sämtliche Kraft hatte seinen Körper verlassen, seine Sicht war verschwommen und das Atmen fiel ihm schwer. Fühlte sich so sterben an? Er spürte nur am Rande wie jemand neben ihm kniete.
„Ganz ruhig, blieb liegen, halt still und atme durch. Dir passiert nichts. Du nimmst aber auch wirklich jeden Ärger mit.", hörte er die Stimme sagen. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor... aber nein das konnte nicht sein. „Rin!" Eine warme Hand schlug sanft gegen seine Wange. „Komm schon, du musst wach bleiben!"
„...leb...noch...", war alles was Rin hervorbringen konnte und hustete.
„Na, immerhin bist du ansprechbar.", stellte der Fremde fest, in dessen Stimme nun ein Hauch von Besorgnis mitschwang. Er hob Rin vorsichtig an, sodass sich dieser an ihn lehnen konnte. Der Halbdämon war zu schwach um zu protestieren. „Ich schwöre es, einer von euch wird mich noch ins Grab bringen. Immer mit den Kopf voran in den Ärger...", murmelte der ältere Dämon vor sich hin und berührte die Wunde an Rins Schulter. Dieser sog scharf die Luft ein. „Mmm...das sollte eigentlich heilen...scheint als hätten dich die Zähne doch gut erwischt. Offensichtlich war ich zu langsam.", fuhr er ein wenig verärgert fort.
„Vielleicht...würde es heilen, wenn du aufhören würdest...daran herum zu grapschen...", stieß Rin bissig hervor, woraufhin der Mann leise lachte. „Du bist wirklich temperamentvoll und das sogar unter Schmerzen, wie? Das war wohl zu erwarten, aber nach meinem…Ausrutscher bei unserer ersten Begegnung hätte ich gedacht, du würdest nervöser sein."
Bevor Rin antworten konnte, bekam er einen Hustenanfall. Er spürte wie er etwas flüssiges hervorwürgte und bekam langsam Panik. Es schmeckte metallisch und war relativ dickflüssig. Er begann noch heftiger zu zittern während seine Atmung immer unregelmäßiger wurde. Der Mann half ihm, sich aufrechter hinzusetzen und strich über seinen Rücken, um das husten und atmen zu erleichtern. „Schon gut, es ist alles in Ordnung. Ich bin da. Lass alles raus.", redete er beruhigend auf den Halbdämonen ein. Rin wusste, dass er etwas sagen sollte, er kannte diesen Typen nicht einmal, jedoch waren die Stimme und die Handlungen seltsam beruhigend. Er hatte keine Ahnung warum, aber er fühlte sich sicher bei ihm. Warum? Er war ein Fremder!
„Lass...mich los...", flüsterte der Jugendliche mit heiserer Stimme, als er wieder normal Luft bekam doch der Unbekannte ignorierte ihn.
„Warum sollte ich das tun? Immerhin habe ich dich endlich.", kam die wenig beruhigende Antwort, in der obendrein noch eine gewisse Selbstgefälligkeit mitschwang. Das war schlecht, ganz schlecht sogar!
Rin, der nun Panik bekam, da er die Person endlich erkannt hatte, versuchte sich zu befreien und den Dämon wegzustoßen jedoch hatte er in diesem Zustand keine Chance. Sein ganzer Körper fühlte sich wie Wackelpudding an und wurde von einem brennenden Schmerz durchzogen. Warum musste immer ihm sowas passieren? „Jetzt beruhige dich und hör auf rumzappeln! Du reißt nur deine Wunden weiter auf!", merkte der Mann tadelnd an und änderte seinen Griff, um ihn besser festzuhalten. Der Nephilim wollte ihm sagen, dass es ihm egal war und dass er sich von ihm fernhalten sollte, jedoch bekam er kein Wort mehr heraus. Lag er noch immer am Boden? Warum drehte sich dann alles?
„Vater!" Hörte er jemanden rufen, gefolgt von Schritten, die sich hastig näherten.
„Wie schlimm ist es?", fragte Egyn sofort. Zumindest glaubte Rin, dass es Egyn war, er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Das wird schon wieder, aber er braucht sofort einen Heiler. Danach befasse ich mich euch."
Der Mann stand auf und hob Rin vorsichtig hoch. Dieser hatte es aufgegeben, sich zu wehren. Wie denn auch? Das Schlimmste, was er tun konnte, war ihn mit Blut anzuhusten. „Glaubt nicht, dass ihr einfach davon kommt. Ich will nachher eine Erklärung, damit ich entscheiden kann ob ich euch grille oder nicht!" Den Rest bekam Rin nicht mehr mit. Er war müde, verletzt und konnte keinen geordneten Gedanken mehr fassen. Noch bevor sich die Gruppe auf den Weg machte, hatte er bereits das Bewusstsein verloren.
