Als Rin endlich die Augen öffnete, hatte er keine Ahnung wo er sich momentan befand. Er erinnerte sich flüchtig daran, auf einem Waldboden gelegen zu haben und beinahe als Snack einer Monsterspinne geendet zu sein, doch alles davor und danach war schwammig. Es wäre naheliegend gewesen, in einem Krankenzimmer aufzuwachen, stattdessen befand er sich in gähnender Leere. So sehr er sich bemühte, er sah nichts außer vollkommener Finsternis, zudem drückte ihm die Stille auf die Ohren. War er vielleicht tot oder lag in einem Koma? Er hatte schon einmal etwas von einem Wachkoma gehört, aber das war sicher nicht was gemeint war, oder?
Er sah sich weiter um, darauf hoffend, zumindest etwas Licht oder noch besser einen Ausgang zu entdecken. Tatsächlich entdeckte er nach einiger Anstrengung einen kleinen, hellen Punkt in der Ferne. Seine Instinkte schrien ihn zwar an sich fernzuhalten, aber er wollte aus dieser Dunkelheit heraus, die ihn langsam zu erdrücken schien. Sich vorsichtig vorantastend, begann er auf das Licht zuzugehen. Für eine ganze Weile hatte er das Gefühl, keinen Meter voranzukommen, schlussendlich gelangte er allerdings zu einer steinernen Wendeltreppe, welche weiter in die Tiefe führte. Fackeln mit blauem Feuer waren die einzige Lichtquelle und ließen ihn schlimmes erahnen, da er allerdings keinen anderen Ausweg sah, begann der Halbdämon den Abstieg.
Nach einer gefühlten Ewigkeit betrat er eine riesige, runde Höhle deren Decke er kaum erkennen konnte. Die schwarzen Säulen, die diese stützten, schienen im Nichts zu enden, weswegen er sich fragte, ob es überhaupt ein Ende gab. An den Wänden waren kryptische Zeichen und Bilder geschmiert, jedoch galt seine Aufmerksamkeit dem Symbol in der Mitte des Raumes. Es war ein riesiger achtzackiger Stern, welcher von einem Kreis umrandet wurde, beides war offenbar mit Kreide aufgezeichnet worden. Neugierig trat er näher, bereit im Notfall zurückzuspringen. Etwas bereitete ihm Unbehagen an diesem Symbol, gleichzeitig schien es ihn anzuziehen wie einen Magneten.
Nicht zum ersten Mal bereute er, nicht besser im Unterricht zugehört zu haben, denn dann hätte er vermutlich etwas damit anfangen können. In jeder Zacke sowie in der Mitte befanden sich verschiedene Symbole, allerdings hatten mehrere von ihnen leichte Risse. In den Zwischenräumen waren weitere fremde Symbole, Schrift und Runen zu erkennen, sicherlich hatte es ewig gedauert all dies zu zeichnen, insbesondere wenn es wirklich Kreide war.
Ihm fielen außerdem Schriftzeichen aus verschiedenen Ländern auf, darunter arabische, lateinische, griechische und sogar japanische Buchstaben, wobei letzteres Siegelschrift und für ihn somit unleserlich war. Nach genauerem Hinsehen fiel ihm auf, dass manche Teile bereits blasser als andere aussahen. Scheinbar waren die Schriften erst später über mehrere Jahre hinweg hinzugefügt worden, vielleicht um dieses Symbol weiter zu stärken. Wäre jetzt Yukio hier, könnte er wahrscheinlich einen ganzen Vortrag halten. Er wollte sich gerade noch ein Stück weiter nach vorn lehnen, als plötzlich eine Frauenstimme ertönte. „Vorsicht Kind, du könntest dich verletzen, wenn du zu nah heran gehst."
Erschrocken stolperte er nach hinten und landete unsanft auf seinem Hinterteil, was die Unbekannte sehr zu amüsieren schien. „Meine Güte, sei vorsichtig! Du tust dir am Ende noch weh.", kicherte sie leise. „Verzeih mir, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich hätte mich eher bemerkbar machen sollen, aber ich wollte dir keine Angst machen und ich habe nur sehr selten Besuch. Die Einsamkeit kann einem wirklich auf das Gemüt schlagen." Die Stimme klang freundlich und sanft, doch Rin Misstrauen war geweckt, insbesondere da ihm nun bewusst wurde, woher die Stimme kam: Seinem Kopf. Das konnte nicht gut sein.
„Wer bist du und was machst du in meinem Kopf?!", fragte er alarmiert. Erneutes Kichern seitens der Frau ertönte.
„Da ist aber jemand ziemlich schreckhaft, nicht wahr? Nun gut, es ist im Anbetracht der Umstände nicht weiter überraschend, insbesondere nach deiner Begegnung mit den Skorpionen, nicht wahr?"
Rin blinzelte mehrere Male verwirrt, gab aber keine Antwort. Skorpione? War für Skorpione? Wovon redete sie?
„Ah Moment, ich meine natürlich den Spinnen. Verzeih mir bitte erneut! Ich fürchte, mein Japanisch ist ziemlich eingerostet. Wirklich schade, sie gehört zu meinen Lieblingssprachen und ich war schon immer von diesem Land fasziniert. Nun gut, nach all den Jahrtausenden kommt man dann wohl doch aus der Übung und Assiah dürfte sich ziemlich gewandelt haben.", plauderte sie munter, Rin verstand derweil überhaupt nichts mehr.
Erst wachte er in vollkommener Dunkelheit auf, dann fand er eine Höhle, welche aussah als wäre sie das Hauptquartier eines Kultes und nun erklärte ihm eine körperlose Frauenstimme, dass sie Japan mochte. Und woher wusste sie von den Spinnen? Hatte Shima ihm irgendetwas ins Trinken gemischt und alles bisher erlebte war Einbildung? Wenn dem so sein sollte, würde er ihn bei der nächsten Gelegenheit flambieren.
„Wer zur Hölle bist du?", war die einzige Frage, welche er momentan irgendwie zu Stande brachte.
„Ts, ts, ts. Hat man dir nicht beigebracht, dass es sich nicht gehört so zu reden? Ich dachte immer, ihr Asiaten legt so großen Wert auf Höflichkeit und Respekt?", tadelte die Frau ihn und seufzte. Rin widerstand der Versuchung, sie anzufahren. Sie hatte nun wirklich kein Recht, ihn deswegen zu auszuschimpfen. Sie war immerhin nicht seine Mutter! Glücklicherweise redete sie bereits weiter. „Allerdings kann ich deine Verwirrtheit sehr gut nachvollziehen. Es ist eine sehr ungewöhnliche Situation, nicht wahr? Wie dem auch sei, wenn du unbedingt darauf bestehst, kannst du mich gern Eva nennen."
„Eva...", wiederholte er langsam. „Du bist aber nicht die aus der Bibel, oder?" Wenn Satan schon existierte, würde es ihn nicht mehr wundern.
Erneut lachte die Frau, als hätte er einen guten Witz gemacht. „Du bist wirklich zu niedlich! Ich denke, ich habe die richtige Wahl getroffen, als ich beschloss dich herzubringen."
Hatte sie ihn gerade niedlich genannt?! Normalerweise würde sich Rin sofort aufregen, dann kam allerdings die eigentliche Aussage bei ihm and und ließ ihn erstarren. „Moment. Bist du etwa dafür verantwortlich, dass ich allein in Gehenna gelandet bin?" Je mehr er darüber nachdachte, umso mehr Erinnerungen kehrten zurück. Die Dämonenkönige hatten ihn mit nach Gehenna genommen, ihn allerdings irgendwie dabei verloren. War es etwa die Schuld dieser Frau gewesen?
„Wie bitte? Oh nein, nein, nein. Da habe ich mich schlecht ausgedrückt!", kam die hastige Antwort. „Ich habe dich nur in diese Traumwelt gezogen."
Natürlich beruhigte ihn dies nur wenig, erklärte aber zumindest einiges. „Ich träume also?", hakte er unsicher nach.
„Ja und nein. Du befindest dich tief in deinem Unterbewusstsein, jedoch habe ich diesen Raum geschaffen. Es war die einzige Möglichkeit mit dir in Kontakt zu treten und ich wollte unbedingt mit dir reden! Ich brauche deine Hilfe, Rin."
„Hey, jetzt warte mal!", unterbrach er sie. Selbst wenn sie bisher nett wirkte, das ging ihm gerade alles viel zu schnell, insbesondere da ihre Intentionen unbekannt waren und sie ihren Namen wusste, obwohl er ihn nie genannt hatte. Am Ende versuchte sie vielleicht nur, ihn auszutricksen. „Ich kenne dich nicht, warum sollte ich dir helfen? Nach allem was ich weiß, könntest du auch einfach nur auf meine Seele scharf sein oder willst mich umbringen! Ich habe keinen Grund dir zu vertrauen!"
Eva seufzte, offenbar nicht gerade zufrieden, doch sie ging zumindest darauf ein. „Nun gut, damit hast du wohl nicht ganz Unrecht. Erlaube mir, mich zu erklären. Zunächst einmal gibt es einen sehr guten Grund mir zu trauen, denn wir haben gemeinsame Feinde: Satan und die Dämonenkönige."
Rin Interesse war sofort geweckt und er nickte langsam. Scheinbar konnte sie ihn irgendwie sehen oder sie verstand seine Stille als Bestätigung, daher redete sie weiter. „Alles begann vor vielen Jahrtausenden. Ich lebte ein normales Leben in Gehenna-"
„Warte du bist eine Dämonin?!", wurde sie von einem überraschten Rin unterbrochen. Rückblickend betrachtet machte es Sinn, wie sonst sollte sie ihn in die Traumwelt ziehen? Sie schien ihm seinen Ausbruch nicht übel zu nehmen.
„Ja, das bin ich, aber du musst dir keine Sorgen machen.", versicherte sie ihm sanft. „Hör mir einfach zu, dann wirst du alles verstehen. Wie ich bereits sagte, lebte ich in der Hauptstadt Gehennas. Wie so viele andere, war ich unzufrieden mit Satans Art zu herrschen. Er und seine Söhne kümmerten sich wenig um das gemeine Volk, stattdessen verfolgten sie lediglich ihre eigenen Interessen, unterdrückten uns und bestraften jeden, der es wagte, Widerstand zu leisten. Überall gab es Hunger und Elend, man suchte sich das Essen auf der Straße zusammen, denn alle Ernten, Fänge und Vieh mussten an die königliche Familie abgegeben werden. In der Hauptstadt hielt es sich noch in Grenzen, aber in den Randbereichen war es schlimm, insbesondere Krankheiten breiteten sich schnell aus. Wer sich auflehnte, widersprach oder sich auch nur den kleinsten Fehltritt erlaubte, wurde eingesperrt, gefoltert und hingerichtet. Manchmal sogar mit ihren Familien."
„Das überrascht mich nicht mal."
„Leider. Obwohl wir schon länger als die Menschen existieren und somit fortschrittlicher waren, hatte das Volk nichts davon. Die Königsfamilien und Adligen haben derweil ihren Spaß gehabt und verschwenderische Leben geführt, natürlich auf die Kosten des Volkes. Irgendwann hatten wir genug und begannen eine Rebellion, Wir wollten Satan und die Baal vom Thron stoßen, Samael hatte uns sogar seine Hilfe zugesichert." Sie lachte bitter auf. „Natürlich verriet er uns. Ich hätte es kommen sehen sollen, aber ich war zu naiv. Wir wurden gefangen, gefoltert und schlussendlich versiegelt, um hier zu versauern."
Rins Magen hatte sich während ihrer Erzählungen immer weiter zusammengezogen. Ihn überraschte wenig, dass der Clown sein Wort gebrochen hatte und es klang durchaus nachvollziehbar, was sie erzählte, jedoch war er immer noch misstrauisch. „Warum haben sie euch nicht getötet?", fragte er und erhielt ein abfälliges Schnauben zur Antwort.
„Das geht zu schnell, sie wollten uns lieber leiden sehen. Natürlich wäre Folter bis zum Tode eine Möglichkeit gewesen, aber das war ihm wohl zu langweilig. Stattdessen wurden wir zu einem noch schlimmeren Schicksal verdammt. Wir gehören nun weder in das Reich der Lebenden noch in das der Toten, Wir sind irgendwo dazwischen gefangen, dazu verdammt auf ewig ruhelos umherzuwandern, aber sind uns vollkommen über der Fortlauf der Zeit bewusst."
Autsch. Das klang wirklich unschön. „Also seid ihr Geister?", erkundigte er sich neugierig.
„Nein. Wir leben, sind jedoch im Limbo gefangen und können nichts tun, um uns zu befreien. Du bist der Einzige, der uns helfen kann-" Sie brach ab und hielt inne, dann war Panik in ihrer Stimme zu vernehmen. „Verflucht, er ist dabei mir auf die Schliche zu kommen! Bitte Rin, du musst uns helfen! Nur du kannst uns befreien und sie vom Thron stoßen! Als Gegenleistung helfe ich dir nach Assiah zurückzukehren!"
Der Halbdämon zögerte. Das war wirklich ein gutes Angebot, aber warum sollte er der einzige sein, der helfen konnte? Erwartete sie wirklich, dass er die neun mächtigsten Dämonen Gehennas besiegte, wenn er schon mit den Riesenspinnen überfordert war? Außerdem vertraute er ihr nicht. Sie behauptete seit Jahrtausenden eingesperrt zu sein, woher kannte sie ihn dann und warum kontaktierte sie ihn ausgerechnet jetzt? Vielleicht konnte sie nur mit ihm reden solange er in Gehenna war, aber woher wusste sie, dass er hier war? Etwas an dieser Sache war faul. Er öffnete den Mund, um sie weiter zu befragen, aber der Raum begann langsam zu verschwimmen.
„Was passiert hier? Eva?!" Stille war seine einzige Antwort, langsam löste sich der Raum aus und alles wurde erneut dunkel.
Das endgültige Aufwachen war keineswegs eine Erleichterung. Rins Kopf dröhnte und erneut hatte er keine Ahnung, wo er sich befand, allerdings schien er zumindest nicht mehr in der Höhle zu sein. Stattdessen lag er auf etwas weichem, einem Bett wie er kurz darauf realisierte. Langsam öffnete er die Augen und sah eine dunkle Zimmerdecke über sich, aber es gelang ihm nicht, sich aufzusetzen, da sofort ein stechender Schmerz durch seinen gesamten Körper schoss. Mit einem leisen Stöhnen gab er auf und atmete kurz durch. Dummerweise hielt seine Ruhe nicht lange an.
„Du bist also wach. Schade eigentlich. Babysitten ist so viel einfacher, wenn niemand versucht abzuhauen.", ertönte eine bereits bekannte, gelangweilte Stimme. Er zuckte zusammen und richtete sich blitzschnell auf, seinen protestierenden Körper ignorierend. Auf einem Sofa in der Zimmerecke, saß Azazel mit einem Buch und schaute ihn tadelnd an. „Du solltest dich nicht so schnell bewegen, du reißt nur deine Wunden wieder auf."
Der Nephilim antwortete nicht, sondern schaute den Dämonenkönig vollkommen baff an. „Was machst du denn hier?" War seine erste, wenig intelligente Frage, die den Geisterkönig eine Augenbraue heben ließ.
„Ich wohne hier? Zumindest zwischendurch, ich habe auch einen eigenen Palast."
Rins Magen verkrampfte, sein Puls raste und Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Und wo ist hier?!", fragte er, die Antwort bereits erahnend, flehte im Stillen jedoch um ein Wunder, was ihm selbstverständlich nicht vergönnt war.
„Vaters Palast.", kam die trockene und zugleich niederschmetternde Antwort. Gut, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ohne es zu bemerken, begann der Halbdämon zu zittern und krallte sich in die Decke. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Welche allmächtigen Wesen hatte er denn bitte verärgert um solches Pech zu haben?! „Wer ist Eva?", hörte er den älteren Dämonen plötzlich fragen und erhielt dafür einen entsetzten Blick. „Du redest im Schlaf.", beantwortete Azazel schulterzuckend die unausgesprochene Frage. „Also, wer ist es? Samael hat nie erwähnt, dass du eine Freundin hast."
Gegen seinen Willen wurde Rin rot. Mussten ihn jetzt sogar Dämonen triezen, weil er keine Freundin hatte? „Das geht dich gar nichts an! Und selbst wenn, sie ist nicht meine Freundin, sondern…ein Mädchen, das ich mal beim Gottesdienst getroffen habe!" Kaum hatte er es ausgesprochen, zuckte er bereits zusammen. Das war wohl die schlechteste Lüge, die er jemals erzählt hatte. Azazel runzelte derweil die Stirn und rümpfte obendrein die Nase.
„Gottesdienst…pah…aber mal im Ernst, denkt du wirklich, ich kaufe dir das ab? Eva ist nicht grad ein typischer Name in Japan."
„Ihre Eltern waren wegen ihres Jobs hrt gezogen, ok?! Kümmere dich um deinen Kram!"
„Aha." Es war offensichtlich, dass der Geisterkönig ihm glaubte, allerdings hakte er glücklicherweise nicht nach. „Wie auch immer…wie geht es dir?"
Diese Frage erwischte den jüngeren ziemlich im Kalten, insbesondere da es sonst niemanden wirklich zu interessieren schien. Genau was wollte er auch sagen, allerdings hielt er inne, da er im Gesicht des Anderen tatsächlich einen Anflug von Sorge sah. „Ich fühle mich, als hätte mich ein Zug überrollt.", antwortete er schließlich matt.
Er erhielt ein nachdenkliches Summen. „Ja, das war wohl zu erwarten. Erinnerst du dich daran, was passiert ist?"
„Mehr oder weniger. Da waren diese Riesenspinnen und…warte mal, was ist mit dem Rest passiert?" Er war selbst überrascht von dieser Frage, eigentlich sollte es ihn nicht kümmern, insbesondere da er erst durch sie in dieser Situation gelandet war. So gesehen wäre sein Leben sogar einfach, wenn ihn die Spinnen erwischt hätten. Azazel kommentierte es glücklicherweise nicht. „Oh, es geht ihnen gut. Beel ist natürlich nicht allzu begeistert, dass Vater seine Schoßtiere eingeäschert hat, aber in ein paar Wochen hat er eh die nächsten Viecher und alles ist wieder vergessen. Man sollte meinen, er hätte allmählich seine Lektion gelernt."
Richtig, Satan war aufgetaucht und hatte eingegriffen, andernfalls wäre Rin wahrscheinlich wirklich Spinnenfutter geworden oder wäre zumindest schwerer verletzt gewesen. Er hob zögerlich seine Decke an, um sich seine Verletzungen anzusehen. Sein Oberkörper, die rechte Schulter und Hüfte waren bandagiert, allerdings tat es weniger weh als erwartet.
„Du hattest Glück im Unglück.", redete der andere Dämon weiter. „Wärst du ein Dämon niederen Ranges oder gar ein Mensch gewesen, hättest du das wahrscheinlich nicht überlebt. Wobei man Shax und Agares auch einiges zu verdanken hat, sie haben dich gut zusammenflickt."
Glück? In Satans Palast festzusitzen war jetzt nicht wirklich seine Definition von Glück, aber er hielt vorerst den Mund. „Wer sind Shax und Agares?", fragte er stattdessen.
„Du wirst sie nachher wahrscheinlich treffen, dann können sie es selbst erklären. Du solltest ihnen übrigens wirklich danken, sie haben sich drei Tage lang Tag und Nacht um dich gekümmert."
„Drei Tage?!", unterbrach Rin ihn entgeistert und spürte dabei förmlich wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Er war drei Tage lang bewusstlos gewesen? Yukio und Shura würden ihn umbringen, der Vatikan war da noch seine kleinste Sorge!
„Ja, du hast uns echt 'nen ziemlichen Schrecken eingejagt. Egyn hat dich schon halb unter der Erde gesehen und Vater war äußert...gereizt. Ich glaube, es wären im wahrsten Sinne des Wortes Köpfe gerollt, wenn du gestorben wärst."
Bevor Rin weitere Fragen stellen konnte, klopfte es an der Tür und eine schwarzhaarige Dämonin, welche ein Tablett trug, betrat den Raum. Sie schien überrascht zu sein, dass er wach war und schaute Azazel unsicher an. Dieser sagte einige Worte zu ihr, dann nickte sie, stellte das Tablett auf Nachttisch ab und huschte wieder aus dem Zimmer. Kurz bevor sie raus war, warf sie dem Halbdämonen noch einen letzten, nervösen aber zugleich neugierigen Blick zu, dann schloss sie die Tür hinter sich.
„Wer war das?", erkundigte er sich neugierig und warf einen neugierigen Blick zu dem Tablet, auf dem sich eine Wärmeglocke sowie ein Glas mit Wasser befanden.
„Ihr Name ist Vaya, sie ist eine Freundin von uns und Bedienstete hier.", erwiderte Azazel schulterzuckend. Die Dämonenkönige hatten Freunde? Ihm fiel es schwer, dies zu glauben.
„Sie schien nicht gerade gesprächig…"
„Sie ist etwas schüchtern gegenüber Fremden. Außerdem hättest du sie ohnehin nicht verstanden, sie spricht nur Gehennisch."
„Gehennisch?"
„Unsere Sprache in Gehenna. Dachtest du etwa, wir sprechen alle Japanisch?" Jetzt wo Rin drüber nachdachte, hatte er sich nie Gedanken darüber gemacht. Bisher hatte er nur Dämonen getroffen, welche entweder Japanisch oder gar nicht sprachen,
„Nein, aber ich hätte irgendwie auf Latein, Griechisch, Arabisch oder Hebräisch oder irgendeine andere tote Sprache getippt."
Azazel hob eine Braue und sah ihn prüfend an. „Du weißt schon, dass Latein die einzige tote Sprache war, die du gerade genannt hast und der Rest noch gesprochen wird?"
Verdattert öffnete und schloss Rin den Mund, leider wollte ihm keine Antwort einfallen, daher verschränkte er schnell die Arme. „Mir doch egal! Ich spreche die alle so oder so nicht."
Azazel verdrehte kurz die Augen, wahrscheinlich hielt er ihn gerade für einen kompletten Idioten. Rin war es relativ egal, warum sollte es ihn kümmern, was andere über ihn dachten? Der Geisterkönig fuhr allerdings ungestört fort. „Nun, wir haben lange vor der Menschheit existiert, Gehennisch ist somit die älteste Sprache, auch wenn sie sich natürlich verändert und verschiedene Dialekte hat. Die restlichen Sprachen sind später entstanden, viele davon haben wir dann im Laufe der Jahrhunderte gelernt. Einige besser als andere wie ich zugeben muss. Englisch, Latein, Spanisch und so weiter gehen ja noch, aber dann hört's auf. Ich bin bis heute miserabel in Koreanisch und Malaysisch. Französisch war auch nie meins, auch wenn es Romanisch ist…kein großer Fan der Aussprache und so. Wenn du mehr Interesse hast, musst du aber die anderen fragen, ich bin grad nicht in Stimmung."
Wollte Azazel ihm gerade wirklich erzählen, dass er mindestens fünf verschiedene Sprachen beherrschte, selbst wenn es nach eigener Aussage miserabel in einigen war? Rin sprach nicht einmal Englisch! Abgesehen davon würde er ganz sicher nicht mit irgendjemanden reden! Sobald Azazel endlich ging, würde er sowas von abhauen! Ein lautes Knurren unterbrach seine Gedanken allerdings und natürlich war es sein Magen. ‚Na gut, vielleicht kann Flucht auch erst mal warten.'
„Greif zu. Wird dir gut tun."
Rin nickte stumm, packte die Wärmeglocke beiseite und sah Azazel erwartungsvoll an, welcher sich allerdings nicht rührte. Stattdessen verdrehte er die Augen. „Was, glaubst du, es ist vergiftet? Ah, wahrscheinlich denkst du an Samaels Zeug. Keine Sorge, das ist auch hier nicht normal. Nicht mal Beel bekommt das runter und er schafft sonst alles."
Daran hatte Rin gar nicht gedacht, allerdings war es zumindest beruhigend zu wissen. „Nein, das ist nicht das Problem. Es ist nur…willst du mir wirklich beim Essen zusehen? Das ist echt unangenehm." Na, jetzt würde er ganz sicher nicht misstrauisch werden. Überraschenderweise antwortete der Baal nicht, sondern stand auf und setzte sich auf den Bettrand, woraufhin Rin sofort zur Seite rutschte. Azazel lehnte sich jedoch nach vorn bis er nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war und starrte ihn verengten, plötzlichen seelenlos wirkenden Augen an. Mit einem Mal ging eine seltsame Aura von ihm aus, die den Jüngeren erschaudern ließ. Momentan belegte Azazel wirklich Platz zwei auf seiner "Creep Liste". Ja, neben seiner "Coolen-Liste" hatte er noch eine solche Liste und er änderte sie ständig. Nur Satan durfte seinen ersten Platz bisher durchgehend behalten.
„Ich muss hier warten bis Shax und Agares kommen. Du musst dir schon eine bessere Gelegenheit zum Abhauen suchen.", verkündete der Dämonenkönig flüsternd und lachte leise, als er Rins Gesichtsausdruck sah. „Was, was hälst du mich wirklich für so dumm?" Er lehnte sich sogar noch näher an heran. „Glaube es oder nicht, ich kann verstehen, dass dich in deiner momentanen Position nicht wohl fühlst, aber..." Erneut trat ein gefährliches Funkeln in seine Augen. „Wenn du glaubst mit deiner Sturheit bei uns weit zu kommen, liegst du ganz daneben. Ich werde dir nichts tun, aber ich werde dich auch nicht auf meiner Nase rumtanzen lassen. Du hast jetzt also zwei Optionen: entweder du machst, was man dir sagt oder ich bin gezwungen zu härteren Methoden zu greifen."
Rins Herz pochte wie verrückt, aber er konnte den Blick nicht abwenden. Azazel hatte von allen bisher am entspanntesten und ruhigsten gewirkt, doch inzwischen wären ihm Iblis oder Astaroth lieber. Zur Hölle nochmal, selbst der Clown wäre ihm gerade lieber, der hing ihm wenigstens nicht im Gesicht.
„Und das heißt?", wagte er schlussendlich zu fragen.
Der Baal hob eine Augenbraue und begann zu grinsen. „Wenn du unbedingt darauf bestehst, kann ich dich gern ans Bett ketten und mich auf dich drauf setzen. Ich habe sogar meinen iPod und meine Kopfhörer dabei, dann muss ich mir nicht mal dein Geschimpfe anhören."
Fassungslos starrte der jüngere Dämon ihn an. „Das würdest du nicht tun, du bluffst!"
„Bist du sicher? Ich habe kein Problem damit. Also, wie sieht's aus?"
Er wollte wirklich glauben, dass es nur ein Trick war, allerdings wollte er es nicht riskieren. „Ok, hast gewonnen.", gab er sich widerwillig entschlagen.
Azazel, sichtlich zufrieden mit sich, trat wieder zurück. „Gute Entscheidung." Mehr sagte er nicht, stattdessen stapfte er zurück zum Sofa, setzte sich und griff nach seinem Buch. „Jetzt iss, bevor es kalt wird." Seine Stimme war wieder vollkommen neutral, als wäre nichts passiert.
‚Ok, es ist amtlich. Die sind hier alle vollkommen durchgeknallt!'
Innerlich seufzend wandte sich Rin seinem Teller zu. Alles bis auf den Reis war ihm fremd, allerdings war es nicht sicher, ob es Essen aus Assiah oder Gehenna war. Was aßen Dämonen hier überhaupt? Besonders stutzig machte ihn das Fleisch, denn es war leicht grünlich und sollte somit eigentlich nicht mehr essbar sein. Azazel bemerkte sein Zögern sofort. „Das kannst du ruhig essen, es ist nur Selkie Fleisch. Das ist sowas wie Fisch. Menschen haben wir schon lange nicht mehr gegessen."
Rin welcher gerade etwas von dem Reis probiert hatte, verschluckte sich bei diesen Worten. Ein wenig entnervt stand Azazel auf und klopfte auf seinen Rücken, was ihn davor bewahrte sein Leben auf ziemlich unwürdige Weise zu verlieren. „Ihr esst Menschen?!" hustete der Halbdämon nach einer Weile hervor, woraufhin der Geisterdämon mit den Schultern zuckte.
„Das ist ewig her. Allerdings hatten wir manchmal kaum eine Wahl, wie damals bei der Rebellion-"
Sofort stocke er, offensichtlich war ihm der letzte Teil herausgerutscht, aber Rin war hellhörig geworden. Sprach er von der Rebellion an der Eva beteiligt gewesen war? Hatte sie wirklich die Wahrheit gesagt? Azazel räusperte sich schnell um seinen Ausrutscher zu überspielen, Rins Blick ignorierend. „Wir hatten damals große Nahrungsknappheit, also hat der Rat erlaubt, Menschen als Beute zu jagen. Ein relativ dunkles Kapitel unserer Geschichte, aber die Alternative wäre Kannibalismus gewesen."
Er wandte sich wieder seinem Buch zu, Rin hatte derweil den Appetit verloren, zwang sich dennoch weiter zu essen. Nach drei Tagen Bewusstlosigkeit brauchte er seine Kraft, wenn er fliehen wollte. Unerwarteterweise war alles hervorragend, auch wenn er dem Selkie Fleisch einige kritische Blicke zuwarf. Am Ende traute er sich dann doch und war angenehm überrascht. Das Fleisch war zart und saftig, besser konnte man es kaum machen. Schnell leerte er seinen Teller und stellte ihn beiseite, um aufzustehen. Erneut protestierte sein Körper, aber er biss die Zähne zusammen und versuchte seine Beine über die Bettkante zu schwingen. Das war, wenn man bedachte wie riesig es war, keine leichte Aufgabe.
„Und was soll das werden, wenn es fertig wird?", hörte er Azazel fragen.
„Wonach sieht es denn aus?!, knurrte der jüngere. „Ich versuche aufzustehen und mich anzuziehen!"
„Das kannst du gleich wieder vergessen. Du sollst im Bett bleiben!"
„Aber ich-"
„Kein aber! Du bleibst liegen und damit basta!"
„Du bist nicht mein Boss!"
„Aber dein älterer Bruder!"
„Für mich nicht!", fauchte Rin, dem es nur endgültig zu bunt wurde. Was bildete dieser Typ sich eigentlich ein?! Azazel schien seine Antwort die Sprache verschlagen zu haben, tatsächlich sah er aufrichtig verletzt aus. Gegen seinen Willen bekam Rin Schuldgefühle, doch er versuchte, diese zu ignorieren. ‚Es ist ihre Schuld, dass ich in der Tine sitze. Sie sollten mir nichts bedeuten, also warum wünsche ich mir gerade das letzte nicht gesagt zu haben?'
Er rechnete bereits mit einem Ausbruch seitens des Dämonenkönigs, stattdessen seufzte dieser und fuhr sich mit einer Hand kurz die Haare. „Na gut, ich glaube das hier ist ein wenig außer Kontrolle geraten. Ich hätte nicht erwarten sollen, dass du dein altes Leben so bereitwillig aufgibst. Schlussendlich haben dir wir wohl keinen Grund gegeben uns zu vertrauen. Warum mussten sich diese Exorzisten auch einmischen und euch beide entführen?"
„Entführt? Sie haben mich gerettet! Wenn mich hier jemand entführt hat, seid ihr das!"
„Falsch. Du magst in Assiah geboren sein, doch deine Mutter war damit einverstanden, dich hier aufzuziehen. Es war alles geregelt, aber dann mussten sich ja die Exorzisten und Samael mit seinen dämlichen Ideen einmischen!"
„Shiro hat mich gerettet!", beharrte Rin weiterhin, dummerweise hatte Azazel bereits eine Antwort parat.
„Rettung ist die Abwendung einer Gefahr. Entführung ist es, wenn eine Person unter kriminellem Zwang an einen unfreiwilligen Aufenthaltsort verschleppt beziehungsweise dort festgehalten wird."
„Sagt wer?!"
„Wikipedia." Dieses Mal war es Rin, dem es die Sprache verschlug. Zumindest wäre damit die WLAN-Frage geklärt. Warum in alles in Welt hatte Azazel aber diese Begriffe gegoogelt? Sein Schweigen sah der ältere Dämon wohl als Kapitulation an und er redete weiter. „Als Säugling wusstest du natürlich nicht was los war und hattest keine Wahl. Wärst du älter gewesen, wärst du sicher nicht damit einverstanden gewesen, dich von ihm mitnehmen zu lassen. Willst du immer noch behaupten, dass es keine Entführung war?"
So sehr Rin es hasste dies zuzugeben, der Dämon hatte ein Argument. Eine Antwort zu suchen blieb ihm erspart, denn es klopfte an der Tür. „Na endlich.", murmelte Azazel. „Die haben sich echt Zeit gelassen...kommt rein!"
Die Tür öffnete sich und ein Mann und eine Frau betraten den Raum. Der Dämon war etwas größer als Azazel und genauso blass, besaß jedoch lange, silberne Haare und seine Augen waren eher gräulich als weiß. Die Dämonin war dagegen etwas kleiner als Egyn, ihre weißen Haare hatten hellblaue Strähnen und waren zum Teil mit einem hohen Haarknoten gebändigt, der Rest fiel offen bis zu ihrem Becken hinunter. In ihren hellblauen Augen lag eine angenehme Wärme und sie lächelte Rin aufmunternd zu. „Ich hoffe, wir stören nicht?", fragte sie mit einem deutlichen Akzent.
„Im Gegenteil, endlich seid ihr mal da.", beschwerte sich Azazel mussmutig. „Ich habe für heute genug vom babysitten."
Der andere Dämon schmunzelte. „So wie ich dich kenne, hast du sowieso nur auf dem Sofa gehockt um dein Buch zu lesen und wenn er nicht gespurt hat, hast du ihm angedroht ihn fest zu ketten und dich drauf zu setzen."
Azazel zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Hat bei all meinen jüngeren Geschwistern geklappt."
Moment, er hatte das schon öfter gemacht?! Jetzt wurde Rin einiges klar.
„Entschuldigung, wir sind ziemlich unhöflich, nicht wahr?", richtete die Dämonin das Wort plötzlich an ihn und verneigte sich leicht. „Ich heiße Agares und bin Egyns rechte Hand, seine Beraterin, sowie Generalin seiner Armee. Außerdem kümmere ich mich hin und wieder als Heilerin um die königliche Familie."
„Und ich bin Shax.", ergänzte der Mann, ebenfalls mit einer leichten Verbeugung. „Ich bin Azazels rechte Hand sowie Berater für ihn und Satan. Früher war ich noch General, aber ich bin zu alt und dem Kämpfen überdrüssig, also habe ich diesen Posten weiter gegeben. Ich springe ebenfalls des öfteren als Heiler ein, auch wenn ich keine offizielle Lizenz habe."
Rin war bereits überfordert. Alt? Der Mann sah zwar älter als Azazel aus, aber keinesfalls wie ein Rentner, im Gegenteil. Wie legten Dämonen überhaupt fest, ab wann man als alt galt? Bedeutete das, dass sie irgendwann doch an Altersschwäche starben? Er war nicht sicher wie er reagieren sollte, also antwortete er mit einem (un)elegantem „Ähm...Hallo?"
‚Wow, Rin. Du kennst sie noch nicht mal eine Minute und hast dich schon blamiert.' So viel dazu, dass es ihm egal war, was andere von ihm dachten.
Agares lachte, jedoch schien sie es nicht böse zu meinen. „Du bist ja niedlich. Oh...stört es dich, wenn wir dich duzen? Samael meinte, dass du das wohl bevorzugen würdest?"
„Klar, kein Problem…", murmelte Rin tonlos. Warum waren sie so nett zu ihm? Sie waren Dämonen, müssten die in ihrer Freizeit nicht Kätzchen und Welpen in einen Vulkan schmeißen? Und hatte sie ihn gerade wirklich niedlich genannt?! Erst Eva und jetzt auch noch sie, was war ihr Problem!?
„So da ihr ja alles unter Kontrolle habt, bin ich weg.", verabschiedete sich Azazel und machte sich auf den Weg Richtung Tür.
„Denke daran, dein Vater will dich nachher sehen!", rief Shax ihm nach und erhielt dafür nur ein „Ja, ja…"
Damit fiel die Tür ins Schloss. Shax seufzte kopfschüttelnd, lächelte aber auch. „Es ist immer wieder erstaunlich wie schnell er sich unter bestimmten Umständen bewegen kann..."
„Wem sagst du das?", erwiderte Agares augenrollend, lächelte allerdings ebenfalls. Beide wandten sich an Rin, welcher sofort zusammenzuckte.
‚Und der Spaß beginnt...'
„Also, wie geht es dir?", begann Shax freundlich. „Hast du irgendwelche Schmerzen, Schüttelfrost oder ist dir übel?"
„Nein...", begann Rin zögerlich. Noch traute er dem Braten nicht. „Alles in allem geht es. Meine Schulter und meine Hüfte schmerzen ein wenig, besonders wenn ich mich bewege...und mein Kopf fühlt sich an als läge er unter einem Presslufthammer."
Agares legte verwundert den Kopf schief. „Was ist ein Presslufthammer?", fragte sie neugierig, womit sie ihn vollkommen im Kalten erwischte.
„Na ja, das ist...ein Werkzeug. Ich schätze, das ist mehr oder weniger ein automatischer Meißel...?", erklärte Rin unsicher. Es war nicht die beste Erklärung, aber er war nicht darauf vorbereitet gewesen, einem Dämon moderne Werkzeuge zu erklären. Agares Augen schienen jedoch zu leuchten. Sie holte Luft um weitere Fragen zu stellen, doch Shax hielt sie auf.
„Agares konzentriere dich bitte, du kannst ihm immer noch Fragen stellen, wenn er gesund ist und natürlich, wenn er sie auch beantworten will."
Die Dämonin errötete und schien ein wenig enttäuscht, nickte jedoch. „Entschuldige bitte.", sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Ich bin in Assiah geboren worden, aber wir mussten kurz nach meiner Geburt fliehen, also wollte ich schon immer dorthin. Bisher hat es sich leider nur selten ergeben und wenn, waren die Besuche kurz. Ich schätze die Begeisterung ist einfach mit mir durchgegangen."
„Kein Problem.", antwortete Rin und lächelte sogar zaghaft zurück, hielt aber inne, als ihm klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. „Moment, du bist in Assiah geboren?"
Agares nickte und errötete etwas. „Ja, ich bin eine Halbdämonin. Mein Vater war ein Mensch." Rin schaute sie mit weit aufgerissenen Augen an. Es lebten Halbdämonen in Gehenna? So betrachtet eigentlich nicht überraschend, jedoch hatte noch nie darüber nachgedacht. Ob sie wohl genau wie er mit Vorurteilen und Spott zu kämpfen hatten oder war das Leben einfacher wie sie? Wie viele von ihnen lebten wohl in Assiah?
Shax räusperte sich und unterbrach damit seine Grübeleien. „Ihr könnt euch nachher gerne weiter unterhalten, aber erst wenn wir fertig sind. Lege dich bitte auf den Rücken, Rin."
Er zögerte zunächst, kam dann aber zu dem Schluss, dass sie ihn längst hätten verletzten können, wenn sie es gewollt hätten. Er tat also, wie ihm geheißen wurde, auch wenn er noch immer verwirrt war. „Wir nehmen dir jetzt die Verbände ab um uns die Wunden anzusehen.", erklärte Agares ruhig. „Halte bitte still, und hebe deinen Körper nur an, wenn wir es sagen. Wir wollen nicht, dass etwas versehentlich aufreißt." Sie begannen die Bandagen von seiner Schulter und Hüfte zu entfernen. Einige Male zuckte der vertraute Schmerz durch seinen Körper, jedoch biss er stumm die Zähne zusammen.
„Das sieht schon ziemlich gut aus.", merkte Shax zufrieden an. „Du dürftest bald wieder auf den Beinen sein, aber du brauchst in jedem Fall noch etwas Bettruhe." Rin schaute auf seine Schulter und stellte fest, dass der Dämon Recht hatte. Zwar konnte er immer noch die Umrisse der Wunde sehen (Verdammt, diese Spinne hatte Riesenhauer gehabt!) und der Bereich war noch ziemlich geröttet und leicht geschwollen, aber das Fleisch hatte sich bereits so gut wie vollständig regeneriert.
„Hier ist noch etwas.", meldete sich plötzlich Agares. Rin wunderte es, dass sie weiterhin Japanisch sprach, obwohl es an Shax gerichtet war. Vielleicht wollten sie höfflich sein, indem sie ihn alles mitbekommen lassen? „In Ordnung, setze dich bitte langsam in eine aufrechte Position. Du kannst dich gerne an die Kissen lehnen.", bat die Dämonin. Erneut kam Rin der Aufforderung stumm nach. Shax beugte sich über seine Hüfte und sah sich die Stelle an auf die Agares zeigte. „Nekrose. Scheinbar haben wir etwas von dem betroffenem Gewebe übersehen.", stellte sie fest und ihr Kollege nickte.
„Entferne es bitte, ich gehe und bereite die Paste vor."
Er ging zu einem Tisch, wo er etwas aus einer Tasche nahm, Rins Aufmerksamkeit galt jedoch weiterhin Agares. „Was ist Nekrose?", fragte er mit einem mulmigen Gefühl.
„Nekrose ist Gewebe, dass nicht länger durchblutet wird und somit abgestorben ist.", erklärte sie ruhig und deutete auf die Stelle. Zu seinem Entsetzen entdeckte er eine schwarze Stelle an seiner Hüfte, das Gewebe darum hatte eine grün-gelbe Farbe angenommen. Er unterdrückte ein Würgen.
„Wenn das Gewebe tot ist, heißt das dann, dass ihr mir etwas amputieren müsst?", fragte er ein wenig panisch.
„Nein, nein keine Sorge, das ist nicht nötig!", versicherte ihm die Heilerin hastig. „Wenn bei einem Menschen beispielsweise der Fuß betroffen wäre, müsste der ab, aber bei uns Dämonen ist das glücklicherweise nicht so extrem. Wobei die Körperteile in den gewissen Fällen ohnehin nachwachsen würden, aber egal. Es reicht vollkommen aus, das betroffene Gewebe zu entfernen, die Regeneration übernimmt den Rest."
„Ich habe keine Ahnung, wie ich die benutze.", gab der Jugendliche etwas beschämt zu.
„Das passiert instinktiv.", versicherte ihm Agares und begann etwas auf die Stelle zu reiben. Sofort breitete sich dort eine intensive Kälte aus, die schon bald in Taubheit überging. „Damit es schmerzlos ist. Immerhin entfernen wir Teile des Fleisches." erklärte sie. „Lehne dich einfach zurück, ich mache den Rest. Du musst keine Angst haben."
Zu Rins eigener Überraschung hatte er in der Tat keine Angst. Die Dämonin hatte eine solch ruhige Ausstrahlung und erklärte ihm alles sehr geduldig, was seine Nerven immes beruhigte. Shax war derweil fertig mit der Paste geworden und half bei der Wundbehandlung. Bereits nach einer Viertelstunde waren sie fertig, gespürt hatte Rins gar nichts. Agares reinigte die neue Wunde, während Shax die Dose mit der Paste öffnete. Sofort schlug Rin der intensive Geruch von Kräutern entgegen und er musste an Shiemis Laden denken. Wie es ihr wohl ging? Sicher machte sie sich große Sorgen.
„Bitte einmal den Arm heben, dann kommen wir besser ran.", bat Shax, was Rin wortlos tat. Sie begannen die Paste auf seine Schulter und Hüfte auf, eine weitere Salbe kam noch auf die Wunde und anschließend bandagierten sie alles mit frischen Verbänden.
„So, Das war's schon.", verkündete Shax. „Ich werde Vaya bitten, dir ein paar Eisbeutel zum kühlen zu bringen. Die Schwellungen dürften dann ganz schnell verschwinden."
Rin nickte, dann fiel ihm ein, was Azazel gesagt hatte. Vielleicht war es dumm von ihm. Sie waren Dämonen und dienten Satan, er war ein angehender Exorzist und somit ihr Feind. Dennoch wussten sie offensichtlich wer er war und wenn sie wirklich die Stellvertreter von Azazel und Egyn waren, wussten sie sicherlich, dass vorhatte, Exorzist zu werden, um ihren Herrscher besiegen. Dennoch hatten sie sich um ihn gekümmert. Gut, wenn nicht, hätte Satan ihnen sicher buchstäblich die Hölle heiß gemacht, aber sie hatten sich ihm gegenüber dennoch freundlich verhalten und das war sicher kein Muss gewesen.
„Danke.", murmelte er, wofür ein von beiden ein Lächeln bekam.
„Kein Problem, wir machen nur unseren Job.", erwiderte Agares fröhlich.
„Du kannst dich bedanken, indem du dich ausruhst.", ergänzte Shax. „Das heißt Bettruhe." Er griff nach einem Becher, füllte ihn mit einer weißen Substanz und hielt ihn Rin hin. „Trink das, bitte."
„Was ist das?", fragte der Nephilim misstrauisch. Das Essen mag in Ordnung gewesen sein, aber nach dem Vorfall mit Mephistos Suppe würde er keine unbekannten Nahrungsmittel oder Flüssigkeiten von Dämonen annehmen!
„Es ist ein Schlafmittel.", erwiderte Shax ruhig und ließ Rin schnauben.
„Was, habt ihr solche Angst, dass ich abhauen würde?", fragte er bissig.
Shax lächelte matt. „Ich gebe zu, dass das einer der Vorteile ist. Samael hat erwähnt, dass du gerne Ärger machst und wohl notfalls versuchen würdest, dich aus dem Fenster mit deiner Bettdecke abzuseilen."
„Gar nicht wahr!", protestierte der Halbdämon. Doch wahr. Blöder Clown.
„Der Hauptgrund sind aber die Schmerzen.", fuhr Agares fort, Rins Ausruf ignorierend. „Die Paste, die wir aufgetragen haben, ist sehr wirkungsvoll, aber es reagiert relativ aggressiv auf eventuelle Rückstände des Giftes. Irgendwann beginnt es stark zu brennen und glaube mir, allerspätestens dann wirst du dir wünschen, nicht bei Bewusstsein zu sein. Außerdem wird dir der Schlaf gut tun. Natürlich liegt die Wahl bei dir, wir werden dich nicht zwingen es zu trinken, aber empfehlen es."
Rin schwieg unsicher. Er hatte nicht wirklich Lust irgendwelche Schlafmittel einzunehmen, wer wusste schon, was man mit ihm anstellen würde, während er bewusstlos war. Andererseits hätten sie die dafür die letzten drei Tage die Gelegenheit gehabt und die Schmerzen klangen nicht erstrebenswert. Hinzu kam noch, dass er sich kaum bewegen konnte. Allein das Bewegen gerade eben war extrem anstrengend gewesen. Ausgeschlossen, dass er in diesem Zustand überhaupt das Ende des Flures erreichen konnte.
„Na gut, her damit.", knurrte er verbissen. Shax reichte ihm den Becher und er trank ihn zögerlich aus. Es war süßlich und ein wenig dickflüssiger als Wasser. Schon als er das Gefäß abstellte, spürte er die Benommenheit und er musste sich anzustrengen damit seine Augen offen blieben. ‚Verdammt, das Zeug ist stark...'
„Wir sehen zwischendurch nochmal nach dir und wechseln deine Verbände. Ruh dich gut aus.", hörte er Shax entfernt sagen.
„Bis morgen! Ich hoffe, es geht dir dann besser!", verabschiedete sich auch Agares. Mehr bekam Rin nicht mehr mit, noch bevor die beiden die Tür erreicht hatten, war er bereits eingeschlafen.
