Especially for Alina Luiza 😉

Lauf!

Mary wachte am Morgen auf. Die rechte Seite des Bettes war wie gewohnt schon leer. Dennoch drehte sie sich genüsslich auf den Rücken, breitete die Arme über das ganze Bett aus. Was war das für eine Nacht gewesen?

Sie war so traurig gewesen, um dann so glücklich einzuschlafen. Alles war jetzt so leicht, so klar. Sie sog kräftig Luft ein und blies sie kräftig wieder aus. „Was sollte jetzt schon noch passieren?" So müssen sich Bergsteiger fühlen, wenn sie einen hohen Berg erklimmen.

June Osborne war Realität geworden, aber sie war kein überirdisches Hirngespinst. Sie war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein Mensch mit Fehlern und Stärken. Wie sie selbst.

Während sie in die Küche tappte, wollte sie schon fast vor Freude pfeifen. Als sie auf die Uhr in der Küche blickte, fuhr sie ein bisschen zusammen. So lange hatte sie nun seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Die Zeiger der altmodischen Pendeluhr, die man alle Tage umständlich aufziehen musste, zeigten stramm auf die 10. Mary goss sich ihren Tee ein und lächelte über den heißen Dampf hin. Langes Schlafen war in Gilead fast eine Sünde. Ach, wie sie doch die kleinen Sünden liebte.

Während sie den Tee langsam schlürfte, gab sie sich Tagträumen hin. Sie stellte sich Segelschiffe auf dem Meer, ihren Strand voll lachender Menschen und spielender Kinder, wie damals in Zeiten vor Gilead, als sie mit ihren Eltern noch ans Meer gefahren waren. Das Lachen ihrer Mutter. Ihr ging es so gut, dass sie all die schönen Momente aus ihrem Leben revuepassieren ließ.

Plötzlich flog die Haustür auf. Irgendjemand hatte sie so kräftig aufgestoßen, dass sie krachend gegen die Garderobe flog. Im selben Schwung flog die Wohnzimmertür auf. Mary stand vorsichtig vom Küchentisch auf und ging in Richtung des Lärms. „Mary!" bellte eine ihr sehr bekannte Stimme. Ellen riss die Küchentür auf und schrie ihr fast „Mary" ins Gesicht. Ellen wirkte gehetzt, ihr Gesicht wirkte gehetzt. Sie knallte eine große Tasche auf den Tisch.

„Mary, hör gut zu! Du ziehst dir das jetzt sofort an. Dann packst du dir noch eine kleine Tasche an Dingen zusammen, die du unbedingt mitnehmen musst. Du musst hier weg. Jetzt! Keine Fragen! Beeil dich!"

Mary war gehorchen gewohnt. Sie reagierte mechanisch und schlüpfte in eine Uniform einer Econofrau, die Ellen mitgebracht hatte. Sie zog sich die Kappe über, eilte in den ersten Stock. Sie gab das Foto ihrer Eltern, ihre Hausapotheke mit Arzneien aus dem Schwarzmarkt und das wertvollste der Medizinbücher in eine Tasche. Sie dachte noch an etwas Unterwäsche, Socken und ein Handtuch. Und eilte wieder zu Ellen.

„Es ist keine Zeit zu verlieren!" Ellen schob Mary die Hintertür hinaus und zog sie fast den Pfad zum Meer entlang.

„Ellen, ich kann nicht so schnell!"

„Hör auf zu heulen, wir müssen hier weg!"

Es musste schlimm sein, denn sonst würde Ellen nicht so rücksichtslos mit ihr umgehen. Mary biss sich auf die Lippen. Ihr war ziemlich klar, dass sie jetzt auf der Flucht waren. Die Anwesenheit von June Osborne war also aufgeflogen. Der Commander war aufgeflogen. Sie alle waren aufgeflogen. Mary nahm all ihre Kraft zusammen, um Ellen schnell zu folgen.
Für die Kletterpartie zum Stand nahm Ellen Mary fast schon huckepack.

Unten am Stand fing Ellen wieder an zu Mary zu ziehen.

„Ellen, oben auf der Klippe der Turm. Könnte das nicht ein Wachposten sein? Wenn es einer ist, dann sind zwei Frauen, die über einen einsamen Strand eilen doch sehr verdächtig."

„Scheiße!" brummte Ellen in sich hinein. „Du hast natürlich recht!"

„Wenn wir nicht vorne an der Wasserkante sondern hinten bei den Steinen gehen, dann kann man uns auch erst sehr spät von oben sehen! Ich war oft am Stand."

Ellen mäßigte ihr Tempo. Wortlos schritten die beiden Frauen mit gemäßigtem, aber bestimmten Tempo den Strand entlang. Durch den Sand, der unter ihren Füßen immer wieder nachgab und durch die Schuhe der Econofrau, die ihr fast 2 Nummern zu groß war, fiel Mary das Gehen sehr schwer. Sie wurde schnell müde, wagte es aber nicht, nach einer Rast zu fragen. Frauen im 9. Monat sind für lange Spaziergänge nicht mehr gebaut.

Irgendwie kamen sie dennoch gut weiter und das Ende der Bucht war in unmittelbare Nähe gerückt. Mary wunderte sich, was Ellen wohl vorhatte. Zu ihrem Entsetzen tat sich vor ihnen ein kleiner Pfad auf, der sich den kleinen Berg zum Turm hochwand.

„Ellen, ich kann das nicht! Ich bin jetzt schon erschöpft!"

„Mary, muss ich dir extra sagen, was passiert, wenn sie dich finden."

Nein, musste sie nicht. Mary bat um ein paar Minuten Rast versteckt hinter einem Gebüsch. So konnten sie auch in Ruhe ausspäen, ob sie jemand verfolgte oder beobachtete.

„Der Commander ist aufgeflogen. Irgendjemand muss eine Spur bis zu ihm hin zurückverfolgt haben."

„Haben sie ihn verhaftet?"

„Nein, er wurde rechtzeitig gewarnt."

„Werden wir uns irgendwo treffen?"

„Hör auf zu rumzufragen!" herrschte Ellen sie an. „Es war für große Abmachungen keine Zeit!" Wirsch packte Ellen Marys Tasche und Mary selber am Oberarm und zog sie auf. „Weiter!" befahl sie.

Mary biss die Zähne zusammen und machte sich an den steilen Aufstieg. Immer wieder war über größere Steine zu klettern. Mary tat ihr Bestes. Ihre Beine waren schwer wie Blei. Der Schweiß tropfte ihr von der Nase. Seitenstechen quälte sie. Aber mit dem Mut der Verzweiflung schleppte sie sich hinter Ellen den Berg hoch. Mary kam es eine Ewigkeit vor. Ihr war zum Heulen zumute. Ellen hatte leicht reden. Sie hatte auch keine zwei blinden Passagiere an Bord.

Die letzten Meter zog Ellen Mary regelrecht hinauf. Zu Marys Erleichterung fiel der Berg hinten eher sacht ab, sodass sie keinen steilen Abstieg zu befürchten hatte. Der Pfad führte jetzt durch fast mannshohes trockenes Gras, das die beiden Frauen fast verschluckte. Wenn man sie mit Drohnen suchte, dann könnten sie sich hier gut unsichtbar machen. Mary wunderte sich auch, wer in Gilead Zeit und Muße hatte, solche Pfade auszutreten und dann auch irgendwie instand zu halten. Wahrscheinlich wurde hinter ihrer Haustür geschmuggelt wie bei den Wilden und darauf gehofft, dass die Blaines oben in ihrem Häuschen neugierige Augen fernhielten. Sie konnte sich lebendig ausmalen, was der Commander von seinem Zimmer aus überblicken konnte.

Bei Mary machte sich langsam Erschöpfung breit. Sie hatte kein Wasser mitgenommen und fühlte sich zunehmend dehydriert. Sie konnte nur hoffen, dass Ellens Plan langsam auch eine Fortbewegungsart vorsah, die einer hochschwangeren Frau eher gerecht wurde. Das Gras hörte abrupt auf und ging in ein Maisfeld über. Die beiden Frauen kämpften sich durch die hohen Stangen. Das Feld schien endlos lang zu sein. Mary bettelte immer wieder um eine Pause, aber Ellen war unerbittlich und zerrte und zog sie vorwärts. Mary war so erschöpft, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Ellen, ich kann nicht mehr! Lass mich hier! Bitte!"

„Hör auf, Mary! Reiß dich zusammen. Ich weiß, dass es für dich beschwerlich ist."

Mary wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schleppte sich weiter. Plötzlich fanden sie einen Weg. Es war mehr eine Traktorspur, die ein Riesenfeld vom nächsten teilte.

„Verdammt!" fluchte Ellen und suchte mit einem Blick den Pfad ab. Offenbar hatte sie vereinbart, dass sie jemand hier abholen würde. „Weiter!" brummte sie und fuhr Mary mit der Hand unter dem einen Arm durch und ergriff die andere Schulter mit ihren großen Händen. Mary konnte sich so auf die kräftige Frau stützen und fühlte, dass ihr das Gehen so leichter fiel. Sie stolperten eine Weile so weiter.

„Ellen, da vorne ist etwas!" In einiger Entfernung bewegte sich ein Fahrzeug auf sie zu. Ellen drückte Mary in das Maisfeld zurück und befahl ihr sich auf den Boden zu legen. „Wenn es die Augen sind, dann rühr dich nicht! Warte einige Zeit und gehe dann in dieser Richtung weiter. Versuch dich zu den Delannys durchzukämpfen. Die Martha dort weiß, wo sie dich hinbringen muss." Mary nickte und schaute Ellen nach. Ob es die Erschöpfung oder die Verzweiflung war, aber Mary fing hemmungslos an zu weinen. Was war da plötzlich über sie hereingebrochen? In ihrem Kopf schwirrten 1000 Gedanken umher. Ihr war klar, was, wenn sie den Augen in die Hände fiel, mit ihr passieren würde. Man würde ihr ihre Kinder wegnehmen. Wenn sie sie nicht hängten, dann würde sie eine Magd werden. Das war alles zu schrecklich, um darüber nachzudenken.

Das Auto war nun relativ nahe. Sie konnte das Knacken der Reifen auf dem holprigen Pfad hören. Es blieb stehen, die Autotüren öffneten sich. Ein Mann rief etwas, das Mary nicht genau verstand. Ellen antwortete. Dann eine Pause. Keine Schüsse, kein Tumult. Mary betete, dass es der vereinbarte Transport sein möge. Sie hörte wie Schritte auf sie zukamen. Ein bulliger Mann in einer Wächteruniform bog die Maisstängel zur Seite und riss Mary auf die Beine. Er packte sie am Oberarm und zog sie aus dem Feld. Beim Auto riss er die hintere Tür auf und stieß Mary etwas unsanft hinein. Er setzte sich hinter das Steuer, als sich die Beifahrertür öffnete. Ellen nahm Platz.

Wortlos steuerte der Mann das Gefährt rückwärts den Pfad hinaus. An einem größeren Platz wendete er und fuhr vorwärts die Holperpisten weiter. Er drückte ordentlich auf das Gas. Mary hatte alle Mühe, dass sie hinten im Auto halbwegs sich in den Sitzen hielt. Die Felder mussten riesig sein, denn es dauerte eine Weile, bis sie auf eine kleine Straße kamen. Doch sie schlugen nicht den Weg in die Stadt ein.

„Sie wissen, wo wir sie hinbringen sollen!" fauchte Ellen.

„Natürlich! Aber in der Stadt müssen wir mindestens zwei Kontrollpunkte passieren. Und mit dieser Fracht" er deutete unwirsch auf Mary „wäre das Selbstmord. Ich fahre sie beide zu einer Mühle vor den Toren der Stadt. Ein Lastwagen fährt sie dann über eine andere Route in die Nähe ihres Ziels. Sie werden noch einige Kilometer gehen müssen."

Mary wurde schwarz vor Augen. Noch weiter gehen – ihre Beine waren jetzt schon tonnenschwer, die Schwangerschaft drückte das Wasser in die Waden. Die Schuhe hatten ihr Blasen verursacht, von denen einige schon aufgeplatzt waren. Sie war nur noch ein Schmerz. Sie lehnte sich in den Sitz und musste wohl umgehend eingeschlafen sein.

Sie wurde unsanft aus dem Schlaf und aus dem Auto gerissen. Der Wächter hob sie an und trug sie zum Lastwagen und wie einen Sack Mehl legte er sie auf die Ladefläche. Mary hauchte ein „Danke!" „Machen Sie es gut!" knurrte er, sprang in das Auto und fuhr davon. Ellen kletterte in den Lastwagen. Die Türen schlossen sich und die beiden Frauen saßen im Dunkeln. Mary tastete herum und baute sich aus Säcken einen Art Sitz und versuchte weiterzudösen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich der Lastwagen in Bewegung setzte und langsam die Straßen entlangruckelte. Zuerst rechts, dann links, dann lange geradeaus, dann wieder rechts – Mary versuchte sich im Kopf vorzustellen, wo sie sich ungefähr befanden. Es konnte ihr aber nicht gelingen.

„Ellen," flüsterte sie „wo fahren wir hin?"

„Du wirst es früh genug erfahren! Wenn sie uns schnappen, dann bist du sicherer, wenn du es nicht weißt!"

„Ellen, ich habe Angst."

„Ich auch."

Der Lastwagen hielt. Der Fahrer öffnete die Tür zur Ladefläche. Ellen kletterte hinaus und half Mary aus dem Lastwagen zu rutschen. Dann zog sie sie mit großer Eile in ein nahegelegenes Waldstück. Hinter einem Baum warteten die beiden Frauen, bis der Lastwagen davongefahren war. „Es ist nicht allzu weit! Das schaffst du noch, Mary!" Ellen versuchte freundlich zu klingen, aber der Stress schwang in ihren Worten mit.

Der Weg durch das Unterholz war beschwerlich und sie kamen nur langsam voran. Immer wenn ein Auto der Straße entlangfuhr, mussten sie sich ducken. Nach einiger Zeit kamen sie in ein Gebiet mit wunderschönen Villen. Es waren alles große Häuser mit schmiedeeisernen Zäunen, wunderschönen Gärten. Alles herrschaftliche Villen. Hier wohnten hochrangige Commander.

Ellen baute sich vor Mary auf, ordnete ihr die Kleidung, rubbelte ihr Dreck aus dem Gesicht. „Wir gehen jetzt diese Straße entlang. Ganz ruhig, als ob wir vom Einkaufen kommen würden. Du lässt dir nichts anmerken. Deine Tasche trägst du vor deinem Bauch, vielleicht verbirgt es deinen Zustand. Du musst jetzt stark sein. Ist das klar!"

Mary nickte und bejahte mit fester Stimme.

Die beiden Frauen gingen mit dem festen Schritt die lange Reihe der schönen Villen ab. Es brausten immer wieder schwarze Commanderlimousinen an ihnen vorbei und schienen sie zu ignorieren. Ellen steuerte auf ein großes rotes Haus zu, das am Ende der Straße lag. Es war etwas abgelegener und von der Straße nicht so einsichtig.

Ellen nickte und Mary vermeinte etwas Erleichterung auf ihrem Gesicht zu sehen. Sie gingen die drei Stufen zur Haustüre und läuteten. Eine Martha öffnete sofort die Tür und sie schlüpften hinein.

Die beiden Marthas fielen sich in die Arme. „Gottlob, ihr habt es geschafft!"

„Mary braucht jetzt dringend Ruhe. Es ist ein Wunder in ihrem Zustand, dass sie die Kraft für den langen Weg überhaupt hatte."

Die Martha führte Mary und Ellen in den ersten Stock. Das Zimmer war groß und freundlich und hatte sogar eine Badewanne. Das Zimmer der Magd – jagte es Mary durch den Kopf. Die Marthas halfen Mary beim Ausziehen. Die Martha hatte ein unförmiges Kleid zurechtgelegt, aber Mary kam es vor wie der Himmel. Es duftete nach Lavendel und fühlte sich sauber und geschmeidig an. Sie legte sich in das Bett und schlief sofort ein. Sie fühlte noch wie ihr Ellen über den Kopf strich, sie auf die Schläfe küsste und ihr ins Ohr flüsterte „Mach es gut, Mary! Wer soll es schaffen, wenn nicht du!"

Der Commander

Sie erwachte am Morgen. Ihr tat alles weh. Die Füße, die Beine. Ihre Arme waren übersäht mit blauen Flecken, die sie sich im Maisfeld zugezogen hatte. Das schlimmste aber war dieser Druck auf der Brust. Dieses Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung lag zentnerschwer auf ihr und nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie wollte nur noch weinen.

Was war da gestern über sie hereingebrochen? Nichts würde mehr so sein, wie es gestern früh noch war. Das geliebte Haus am Meer – fort. Ihr Mann – fort. Das Heim für die beiden Jungs – fort. Ihr war nichts mehr geblieben als die paar Habseligkeiten in der Tasche. Ihr kullerten die Tränen nur so über die Wange.

Sie wollte nie mehr aus dem Bett aufstehen.

Am meisten schmerzte sie, dass ihr Mann mit June Osborne das Weite gesucht hatte, und sie alleine mit seinen Söhnen hier in Verzweiflung zurückgelassen hatte. In ihrem Kopf drehte es sich. Ihr wollte kein klarer Gedanke gelingen. Warum?

An der Tür klopfte es. Ohne auf ein Herein von Mary zu warten, öffnete sich die Tür langsam. Mary blickte nicht auf, sondern grub ihren Kopf in den Polster. Sie wollte keinen Trost oder Mitleid.

„Mrs. Blaine. Ich bringe ihnen Tee." Mary kannte die Stimme und erschrak ein wenig. Commander Lawrence war ihr immer sehr suspekt gewesen. Dieser Mann hatte einen zynischen Humor. Sie war ihm nie sonderlich freundlich begegnet und hatte sich seiner Gesellschaft immer schnell entledigt. Dass sie jetzt ausgerechnet hier untergekommen war, machte sie nicht glücklicher.

„Trinken Sie den Tee, Mrs. Blaine. Dann ziehen Sie sich an und leisten mir unten Gesellschaft!" Der alte Commander stellte die Tasse auf das Nachtkästchen. Er drehte sich zu Mary und legte seine Hand auf ihre Schulter „Mrs. Blaine, das ist nicht leicht für Sie! Sie tun mir aufrichtig leid."

„Sie verstehen nichts!" bockte Mary und zog sich die Bettdecke über ihre Schulter und ihren Kopf. Sie hörte nur noch wie Lawrence den Raum verließ. Was wusste er schon? Mary wurde wieder von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt.

Irgendwann drehte sie sich doch zum Nachtkästchen und nahm den mittlerweile kalten Tee und trank ihn. Sie müsste auch zur Toilette und tappte schließlich in das Erdgeschoss.

„Er ist mit ihr abgehauen! Wissen Sie das?" Mary sagte das viel zu laut und mit Tränen in den Augen.

„Ich weiß es. June musste außer Land, schnellstens. Dieses törichte Weib! Reitet wirklich jeden in die Scheiße, der ihr helfen will. Was Commander Blaine betrifft, muss noch etwas anderes schief gegangen sein. Hat Ihre Martha nichts gesagt?"

„Nein, Sie hielt sich sehr bedeckt."

„Mrs. Blaine, ich sage es Ihnen, wie es ist. In Ihrem Zustand können wir Sie nicht auf die Flucht schicken."

Mary nickte und schaute zu Boden. In ihr kroch eine große Angst hoch, die Angst davor keinen medizinischen Beistand bei der zu erwarteten schweren Geburt zu haben. Es war alles nur furchtbar. Sie ließ sich neben Lawrence auf das Sofa fallen und wollte an gar nichts denken.

Nicht hier, nicht jetzt

Mary hatte es sich in dem großen Haus und ihrem neuen Zimmer eingerichtet. Ellen war es tatsächlich gelungen, alle Medizinbücher und einiges an Krimskrams in einer großen Truhe aus dem Haus schmuggeln zu lassen. Sie war wieder eingerichtet für die Neuankömmlinge.

Vom Commander hatte sie sich ein Stethoskop besorgen lassen. Und so konnte sie sich sicher sein, dass beide Jungs eigentlich so lagen, dass sie sie ohne Kaiserschnitt oder andere Hilfsmittel gebären konnte. Ein Spaziergang würde das nicht werden.

Sie stand gerne in der Küche und half den beiden Marthas beim Kochen, beim Putzen. Sie machte sich gerne nützlich. Heute hatte eine der Marthas Äpfel ergattert und sie schälten sie nun, um Mus einzukochen. Als plötzlich die andere Martha bei der Tür hereingestürmt kam. „Mary, schnell in den Keller." Mary riss die Augen auf und sah durch das Küchenfenster, dass vor dem Haus viele schwarze Limousinen parkten. Waren die Augen auch dabei?

Sie war es gewohnt, sich im Keller zu verstecken. Alle ihre Habseligkeiten bis auf wenige Ausnahmen waren auch im Keller gestapelt. Das Haus durfte keinen Anschein erwecken, dass es einen Gast beherbergte.

Oben schlugen Türen. Sie hörte, wie ein gutes Dutzend Leute in den Eingangsbereich der Villa stürmten. Es wurde nach Commander Lawrence gerufen, des flotten Schritts die Treppe herunterkam. „Wir haben ein großes Problem!" Die Gesellschaft verlagerte sich in das große Wohnzimmer und somit aus Hörweite von Mary.

Sie saß in dem dusteren Keller auf einer Matratze, die man als Sitzgelegenheit aufgelegt hatte. Und plötzlich durchfuhr es sie wie ein Blitz. Ein Schmerz, der ihr sogleich den Atem raubte. Sie hatte in den letzten Tagen schon immer wieder schmerzhafte, ziehende Schmerzen gehabt, aber dieser Schmerz übertraf die anderen bei weitem.
Mary wusste sofort, dass sich die Babys jetzt – ausgerechnet jetzt - mit Wehen ankündigten. Sie wusste auch, dass Krisensitzungen von Commandern sich über Stunden ziehen konnten. Wie in aller Welt sollte sie hier im dunklen Keller diese Schmerzen geräuschlos durchhalten.

Nachdem die Schmerzwelle vorbei war, stand Mary umständlich auf und tappte durch den Keller. Sie suchte etwas auf das sie beißen konnte, wenn der Schmerz sie gar zu arg quälte. In einem Kasten fand sie einen alten Gürtel. Oben öffnete sich die Kellertür. Eine der Marthas eilte die Stufen herunter. „Dein Mann hat es nach Kanada geschafft. Die da oben sind richtig fertig."

„Ich auch. Ich habe Wehen!"

„Scheiße, Mary, ausgerechnet jetzt!" Und schon jagte wieder eine Welle von Schmerzen durch Marys Körper.

„Mach, dass sie gehen, bitte!"

„Wie soll ich das anstellen? Ich werde nach Ruth schicken, die war früher wenigstens Krankenschwester."

Und schon eilte sie davon und ließ Mary im Dunkeln liegen. Sie war um die Wehen fast dankbar, denn dann beschlich sie vor Schmerz wenigstens nicht die Panik vor der Geburt, die ihr bevorstand.

Geschenke

Stundenlang tagten die Commander im Wohnzimmer. Stundenlang biss Mary auf den Gürtel, um nicht laut zu schreien. Ruth entpuppte sich als freundliche Dame mit Erfahrung als OP-Schwester in der Chirurgie. Mary wusste also, dass die einzige Person, die eine Ahnung von einer Entbindung hatte, sie selbst war. Sie wies Ruth an, immer wieder die Öffnung des Muttermundes zu untersuchen. Mary hörte die Herztöne der Kinder ab. Endlich mitten in der Nacht zogen die Commander ab und die Frauen schleppten Mary in das Zimmer im ersten Stock. Dort war es heller und wärmer. Was dann folgte, daran hatte Mary nur verschwommene Erinnerung. Es war ein Meer an Schmerzen, eine Erschöpfung, für die es kaum Worte gab. Wenn man sie gefragt hätte, woran sie sich während der Geburt erinnern könnte. Sie hätte wenig an Antwort gewusst.

Sie konnte sich erinnern, wie der kleine Joshua sich dann endlich nach endlosen quälenden Stunden den Weg ins Leben gebahnt hatte und die Welt mit einem kräftigen Schrei begrüßte. Er war ein rosiges Kerlchen mit einem schwarzen Haarschopf. Mary konnte ihn kurz in die Arme nehmen und begrüßen. Ihr Kennerblick sagte ihr sogleich. Alles gesund. Er wirkte kräftig.
Ihr müder Körper legte sich im Bett zurück und ließ den kleinen Joshua an die Brust, als sie wieder ein stechender Schmerz durchfuhr und sie mit eine kehligen Schrei darauf antwortete. Die Tür flog auf, Lawrence war voller Zorn und herrschte die Marthas an: „Was, wenn sie die Nachbarn hören?"

„Die Frau hat unerträgliche Schmerzen!"

„Das ist mir egal, dann haltet ihr einen Polster vor das Gesicht."

Irgendwie gelang es Mary auch den kleinen Joseph auf die Welt zu bringen. Sie fühlte sich völlig ausgelaugt, aber als auch der Nachzügler an ihrer Brust nuckelte, waren die grausamen Schmerzen fast vergessen. Sie hatte es geschafft. In ihren Armen lagen zwei kleine Menschlein mit schwarzen Haaren und lustigen dunklen Knopfaugen. Vaterschaftstest nicht nötig. Die Kleinen glichen wie ein Ei dem anderen, Josh hatte aber ein winzigkleines Mal an der Wange.

Mary konnte sich an den beiden kaum sattsehen. Sie waren kleiner als Einzelgeburten, aber sie waren kräftig und gesund. Sie tranken beide auch gleich geschickt. Mary war überglücklich, dass sie es geschafft hatte. Was hätte alles schiefgehen können?

Am Morgen lugte auch der Commander wieder bei der Tür herein. Mary richtete ihren gequälten Körper auf und nahm einen der beiden Jungs in ihre Arme und sagte: „Kommen Sie, Commander Lawrence." Der legte seine Stirn in Falten, kam aber schließlich näher. Sie legte ihm ein Baby in den Arm. „Darf ich Ihnen den kleinen Joseph vorstellen?"

„Sie haben ihn nach mir benannt."

„Ein bisschen vielleicht. Der Name Joshua stand fest nach dem Bruder meines Mannes. Es hätte auch ein John oder ein Jonathan sein können, aber mein Mann war dann irgendwie für Joseph. Wir können ihn leider nicht fragen, was ihn dazu bewogen hat." Mary lächelte das Baby an, das jetzt noch rosiger aussah als kurz nach der Geburt. Der alte Commander war sichtlich bewegt als er das kleine Bündel, das seinen Vornamen trug, in der Hand hielt.

Die Reise ins Ungewisse

Mary hastete über die Treppe hinab. Doch als sie das Wohnzimmer betreten wollte, prallte sie jäh zurück. Ein fremder Fahrer stand mit Commander Lawrence mitten im Zimmer. Als die beiden Männer aber keine Anzeichen machten, von ihrer Anwesenheit überrascht zu sein, betrat sie das Wohnzimmer doch.

„Gut, dass sie kommen, Mary! Wir diskutieren, wie wir sie nach Kanada bringen können."

Mary stellte sich artig neben den Tisch, knabberte auf ihrer Lippe herum und versuchte die Pläne der beiden zu erraten.

„Wie lange können die beiden still sein? Es wäre fatal, wenn eines der Babys an einem Check Point zu weinen beginnen würde. Und bis Kanada sind es mindestens drei solcher Punkte."

„Wenn sie gefüttert und gewickelt sind, dann schlafen sie eine Stunde, vielleicht sogar zwei."

„Mit vielleicht brauchen Sie gar nicht anzufangen." fuhr sie der fremde Fahrer an.

Verschreckt nickte sie und sagte leise: „Eine Stunde sicher!" Sie wollte gerne hinzufügen, dass es Babys sind, die nicht zu berechnen sind. Bei Bauchweh schreien sie lange und fahren weinend aus dem Schlaf hoch. Aber Mary verkniff sich solche Weisheiten.

„Ich muss zu einem diplomatischen Treffen nach Montreal! Es ist die beste Gelegenheit, Sie zumindest in die Nähe der Grenze zu bringen. Wir haben sogar westlich von Plattsburgh einen kleinen Grenzübergang gefunden, der kontrolliert wird, aber laut unserem Fahrer hier gerne auch für Warenverschub der besonderen Art genutzt wird. Da es im Entferntesten um Wirtschaft geht, fällt das auch nicht auf, wenn ich dort erscheine."

Mary nickte dem Fahrer zu. Sie hatte verstanden. Inoffiziell tolerierte Gilead Schmuggel von Waren, die es selbst nicht herstellen konnte. Von Commander Blaine wusste sie, dass es vor allem Medikamente, Düngemittel und Maschinenteile waren, denn die Pharma- und die Schwerindustrie hatte schon in den Jahren vor Gilead sehr unter der Wirtschaftsflaute gelitten.

„Die Babys kann man also für 1 Stunde im Kofferraum verstauen." Stellte der Fahrer fest.

„Nein!" fuhr Mary dazwischen. „Das geht auf keinen Fall."

„Mary, Sie müssen das unmögliche denken!" fuhr sie Lawrence an.

„Aber das ist ganz und gar unmöglich!" blieb Mary standhaft.

Der Fahrer beugte sich über den Tisch: „Es sind drei Kontrollpunkte mit Kontrollen. Auch Fahrzeugkontrollen. Die Personenkontrollen sind recht oberflächlich, aber je näher es zur Grenze geht, umso eher muss man rechnen, dass man auch den Kofferraum öffnen muss. Wenn man das Ersatzrad herausräumt, hätten die beiden Platz."

Mary beugte sich ihrerseits über den Tisch: „Nein! Und nochmals nein!"

Lawrence probierte es seinerseits noch einmal: „Mary, hören sie zu. Wir hätten Sie als Martha verkleidet auf dem Beifahrersitz mitgenommen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein hochrangiger Commander mit seiner Martha reist. Und kurz vor den Kontrollpunkten hätten wir die Babys …!"

„Stopp!" rief Mary. „Das passiert so nicht!" Sie war wütend und verließ das Wohnzimmer, knallte die Tür hinter sich zu und schnappte nach Luft. Sie musste mit einem Gegenvorschlag kommen. Einem guten.

Wer konnte die Grenze passieren? Mägde nicht und Gattinnen ohne ihren Ehemann auch nicht. Eine Martha mitzuhaben war zumindest ungewöhnlich, aber machbar. Der Martha blieb aber der Beifahrersitz. Mary war zum Weinen. Sie müsse einen Weg finden, wie sie hinten beim Commander, die Babys versteckt am Boden transportieren konnte.

Sie atmete tief und lief dann die Treppe in den Keller hinunter. Sie hatte eine Idee. Das unmögliche solle sie denken. Er würde jetzt das unmögliche kriegen. In der großen Kiste hatte Ellen alles Mögliche aus dem Haus hineingesteckt, alles was nach der Hausdurchsuchung noch brauchbar war. Sie hatte einfach in großer Eile alles in einem wilden Durcheinander in die große Kiste gestopft und mitgenommen. Mary hatte dann die Babykleidung heraussortiert, und da war ihr etwas aufgefallen.

Ellen hatte auch Kleidung vom Commander hineingestopft. Mary wühlte in der Truhe und fand was sie wollte. Zwei schwarze Hosen, ein zerknittertes Hemd, einen Knäuel schwarzer Krawatten und einen schwarzen Mantel mit Stehkragen. Sie schlüpfte schnell in eine der Hosen, die am Bund nur etwas zu weit war. Sie hatte gar nie wahrgenommen, wie schlank ihr Mann gewesen war. Die Hosenbeine stülpte sie um. Sie zog sich das Hemd über den Kopf und stopfte es in die Hose. Sie band sich eine Krawatte um, der Knoten wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie nahm eine scharfe Schere, die für Öffnen von Spagatsschnüren verwendet wurde. Mary atmete tief ein, öffnete ihren Haarknoten. Ihre braunen Haare fielen ihr über den Rücken und reichten über den Hosenansatz. Ein Leben lang hatte sie ihre Haare wachsen lassen. Sie fasste die langen Haare mit einer Hand eng am Nacken und schnitt mit der Schere den Haarschopf langsam durch.

Sie stand da mit ihren langen Haaren in der einen und der Schere in der anderen. Eine der Marthas kam die Treppe in den Keller herunter und gab einen Stoßseufzer von sich: „Mary, ihre schönen langen Haare!"
Aber Mary war es sehr ernst: „Sie werden mir helfen den Anzug anzupassen."

Die Martha fuhr ihr durch die zerzausten Haare und seufzte nochmal. „Hat Commander Lawrence keinen Trimmer?" fragte Mary. Die Martha nickte, verschwand kurz und steckte das Gerät in eine Steckdose. „Einen Herrenhaarschnitt, bitte!"

Die Martha brachte die gewünschte Frisur schnell zustande, zu oft hatte sie das schon gemacht. Es tat ihr noch immer um die schönen Haare von Mary leid, aber als sie fertig war, musste sie sagen, dass der jungen Frau die kurzen Haare auch sehr gut standen.

Mary kramte nochmal in der Kiste. Fast hätte sie die Geduld verloren, aber schließlich fand sie es auch – eine Sonnenbrille.

Mary lief über die Treppe hinauf. Die Männer standen immer noch grübelnd im Wohnzimmer. Mary baute sich in der Tür auf und sagte herausfordernd: „Und das ist meine Lösung!"

„Langsam glaube ich, dass es Commander Blaine war, der alle Frauen in seinem Umkreis irrsinnig werden ließ."

„Zuerst hieß es noch das UNMÖGLICHE denken!" gab Mary zurück.

Sie legte in kurzen Worten dar, was sie sich gedacht hatte. Die Babys würde sie zu ihren Füßen unter einer schwarzen Decke befördern. So konnte sie sie jederzeit beruhigen. Sie würde sich nach dem Stillen die Brust festschnüren und mit Makeup noch Barstoppeln schminken. Der Anzug würde dann gut passen und der Mantel hätte sowie so einen Stehkragen. „Ende Gelände."

Die beiden Männer bliesen gleichzeitig die Wangen auf und atmeten langsam aus. Bis der Fahrer meinte: „Wenn sie die Kinder dann besser im Zaum halten kann, dann soll es mir recht sein. Wir werden einen Ausweis besorgen."

Lawrence sah sie mit schmalen Augenschlitzen von oben an und rümpfte etwas die Nase: „Commander Blaine!"

Mary schmunzelte, sie hatte die Anspielung schon begriffen.

Die Fahrt der beiden unterschiedlichen Commander zur Grenze verlief ohne gröbere Hindernisse. Mary hatte zusätzlich noch Fläschchen mit dicker Milch hergerichtet. Die beiden Jungs waren nach der Brust und dem Fläschchen dermaßen pappsatt, dass sie wirklich die versprochene Stunde schliefen. Danach war allerdings Bauchzwicken angesagt und Commander Lawrence hatte mehrmals angedroht, zu Fuß weitergehen zu wollen ob des Stereokonzerts, das die beiden dann gaben.

Der Fahrer nahm nicht die direkte Route nach Montreal, sondern hielt sich an die Interstate westlich des Lake Champlain. Sie passierten die Orte, die früher Burlington oder St. Albains hießen, jetzt aber durch die ewigen Rebellenscharmützel entvölkert waren. Oder man hatte die arbeitsfähige Bevölkerung in neuen ökologischen Econosiedlungen zusammengezogen. Nur dann und wann passierte man jetzt noch eine riesige Farm. Die Orte wirkten gespenstisch und leer. Und immer wieder Patrouillen.

Die Grenze war nun gar nicht mehr so weit entfernt und man hatte erneut einen kleinen Umweg einschlagen, um den kleinen Schmugglergrenzübergang weiter westlich zu nehmen. Da plötzlich vor ihnen - ein Kontrollpunkt. Vollsperre! Der Fahrer ließ ein „verdammt" hören. Er wusste wie alle anderen Passagiere, dass die beiden Jungs jetzt nicht frisch gewickelt und gefüttert waren und sicherlich bald aufwachen würden. Solange das Auto fuhr und auf der Straße schaukelte, könnte man ja noch auf eine weitere halbe Stunde hoffen, aber was passiert, wenn das Auto steht.

Mary fiel das Herz in die Hose. Der Kontrollposten ließ sich die Papiere zeigen, ein anderer ging um das Auto herum. Hier wurde ordentlich kontrolliert. Lawrence erklärte wahrheitsgemäß, dass sie den Grenzposten nördlich von Steven Mills ansteuerten, da man abenteuerliche Gerüchte gehört habe, und er vom Council angewiesen worden sei, diese zu zerstreuen oder zu erhärten.
Der Wächter blieb unbeeindruckt und kommandierte: „Alles aussteigen!"

Mary zog den Stehkragen hoch und richtete sich die Sonnenbrille. Einer der Wächter trat auf sie zu und begann sie nach Waffen abzutasten. Würde er unter dem Anzug ihre weiblichen Formen erahnen. Seine Hände fuhren flink die Hosenbeine hoch und runter, umfassten ihre Taille. Obwohl sie nach dem letzten Stillen die Brust wieder fester bandagiert hatte, so konnte man die Wölbung unter dem Hemd sicher erahnen. „Fieldcommander Webb!" trat ein dritter Wächter auf sie zu. „Sie begleiten Commander Lawrence nach Montreal!" Mary wollte nicht auffallen und brummte so gut sie konnte ein tiefes „Ja!"
Er drückte ihr den Ausweis in die Hand und wechselte zur Fahrerseite auf der Lawrence ausgestiegen war. Mary, drückte sich näher an das Auto und zu ihrem Entsetzen sah sie, dass sich die schwarze Decke, unter der die Babys lagen, sich zu bewegen begann. Was blieb ihnen jetzt noch – wenige Minuten?

Der Wächter hieß den Fahrer den Kofferraum öffnen, schaute in alle Winkel und Ecken. Er ließ sich sogar den Ersatzreifen zeigen. Schließlich winkte er, dass der Kofferraum geschlossen werden sollte und brummte noch ein „Gute Weiterreise!"

Mary drückte sich schnell ins Auto, zog die Tür hinter sich zu und versuchte so gelassen wie möglich zu wirken. Innerlich war sie panisch. Vor ihr war schon recht viel Leben unter die Decke eingezogen. Endlich schloss auch Lawrence seine Tür. Der Fahrer stieg betont gelassen ins Auto, schnallte sich an, drehte den Zündschlüssel um und gab langsam Gas. Keine Sekunde zu spät, denn kaum war das Auto angerollt, ertönten schon die ersten Quaklaute unter der Decke, die erfahrungsgemäß schnell jämmerlich und genauso schnell lautstark fordernd wurden. Mary blieb noch sitzen, damit die Wächter, die ihnen nachschauten, nicht auf die Idee kommen konnte, dass sie zu ihren Füßen eine kostbare Fracht an ihnen vorbeigeschmuggelt hatte. Der Kontrollposten verschwand hinter einer Kurve, und Mary atmete laut durch. „Verdammt knapp!" fluchte auch der Fahrer.

Die Grenze dagegen war ein Kinderspiel. Die Grenzwächter waren so verdattert einen Commander zu treffen, dass sie ganz vergaßen, dass sie auch dieser Reisegesellschaft eine intensive Kontrolle angedeihen lassen sollten. Lawrence inspizierte zum Schein den Grenzposten, heuchelte Interesse, fragte nach ihren Erfolgen gegen den organisierten Schmuggel, ließ sich einiges erklären, wobei sogar Mary wusste, dass hier alles erstunken und erlogen war.

Mit gestempeltem Ausweis, die Daten säuberlich erfasst, wurden sie auf die Reise ins nördliche Nachbarland geschickt.

Sie fuhren zunächst noch durch bewaldete Hügel, dann parkte der Fahrer die Limousine. „Gratuliere Ihnen zur gelungenen Flucht!" Mary hatte es noch nicht richtig registriert, dass sie nicht mehr in Gilead war. Die ganze Aufregung war reichlich viel gewesen, und sie saß mit leerem Kopf hinten auf der Rückbank. „Wir werden sie jetzt gut außer Sichtweite vor dem nächsten Ort aussteigen lassen. Sie gehen dann der Hauptstraße entlang, direkt an dieser Straße finden sie die Einwanderungsbehörde. Dort registrieren Sie sich. Und das war es!" erklärte der Fahrer, der nicht zum ersten Mal in seinem Leben heiße Fracht über die Grenze gebracht hatte.

Mary nickte, bedankte sich leise. Lawrence blickte streng gerade aus und wünschte ihr etwas kühl viel Glück. Mary band sich die beiden Jungs um den Bauch, um leichter gehen zu können. An der Hauptstraße hüpfte sie schnell aus dem Auto. Sie blickte etwas wehmütig dem davonbrausenden Auto nach. Jetzt stand sie da mitten im Nichts, allein, in einem Land, das sie nicht kannte, ohne einen Knopf Geld und überhaupt nicht vorbereitet, was ein Leben außerhalb Gilead für sie überhaupt bedeuten würde. Die Hauptstraße war jetzt völlig leer. Es blies ein kalter Wind und Mary zog den Mantel zu, sodass die Babys den kalten Wind nicht zu spüren bekamen. Sie zog den Stehkragen hoch und stopfte ihre Hände in die Manteltaschen und ging festen Schrittes auf den Ort mit der Einwanderungsbehörde zu.

Das Spital

Oberarzt McCrury war seit über 30 Jahren Leiter der Neonatologie des größten Krankenhauses in Toronto. In den letzten Jahren war es zunehmend eine deprimierende Angelegenheit gewesen. Die Geburtenraten waren chronisch niedrig. Meistens lagen auf der Station 1 oder 2 Geburten, die Kapazitäten wären für das 50-fache ausgelegt. Jedes Jahr hatte man ihm die Zimmer reduziert und vor einiger Zeit musste er sogar eine Zusatzausbildung in Frauenheilkunde machen, um nicht seinen Job zu verlieren. Die kleine Station für Geburten schmissen er und eine ältliche Hebamme seit Jahren im Alleingang. Die Ausbildungslehrgänge für Geburtsheilkunde waren vor Jahren ausgesetzt worden. Er bedauerte das immer sehr und schielte doch immer verstohlen auf das südliche Nachbarland, das konstant steigende Geburtenraten aufwies. Den Preis dafür war McCrury aber nie bereit gewesen zu fordern.

Als die Nachricht eintraf, dass einer jungen Gattin die Flucht mit ihren 2 Babys gelungen war, bot der Arzt an, die Frau in einem der chronisch lehrstehenden Zimmer der Säuglingsstation unterzubringen. Nicht weil er besonders scharf auf eine weitere schwer traumatisierte Frau aus Gilead war. Entweder sie hatten als Mägde ein jahrelanges Martyrium zeremonieller Vergewaltigungen über sich ergehen lassen müssen oder sie waren viel zu jung verheiratet worden und manchmal nicht mal körperlich für eine Geburt bereit gewesen. Aber die seltene Zwillingsgeburt hatte seinen beruflichen Ehrgeiz geweckt.

Was er dann auf der Station traf, war eine junge Frau mit einem kecken, männlichen Kurzhaarschnitt, die sich noch nicht in der freien Welt akklimatisiert hatte und etwas scheu wirkte. Aber ihre Augen strahlten, sie wirkte kräftig und gesund und mental fit. Besonders überraschte sie ihn aber, als sie die Zwillinge vorstellte. Die beiden Knaben waren bester Gesundheit und medizinisch tadellos versorgt. Als er das anmerkte, fing es aus der jungen Frau hervorzusprudeln. Sie überraschte ihn mit einer gehörigen Portion Fachwissen in der Neonatologie, und in kürzester Zeit diskutierten zwei Experten über Säuglingspflege.

McCrury konnte sich erinnern, dass er in der Diskussion um Perzentilen, Nabelbrüche und Wundschorf Raum und Zeit vergaß. Die junge Frau bedauerte, dass Gilead es nicht zuließ, dass sie wie ihr Vater Arzt werden konnte. McCrury kannte Dr. Weisz sogar von mehreren Kongressen. Ein brillianter Kopf und fundamentalchristlicher Eiferer. Er konnte sich erinnern, dass er als junger Arzt zwischen Bewunderung und Abscheu geschwankt hatte. Er konnte sich auch an dessen Sohn erinnern, der in den Anfangsjahren Gileads durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Dr. Weisz war dann in seiner Verzweiflung doch dazu übergangen, seinem nächsten Spross sein umfangreiches medizinisches Wissen angedeihen zu lassen. Die junge Frau war in Besitz mehrerer sehr mitgenommener Fachbücher, die mit Anmerkungen vollgeschmiert waren. McCrury konnte also getrost mit lateinischen Fachbegriffen um sich werfen, sein Gegenüber konnte mithalten.

Die junge Frau, die sich als Mary Blaine vorstellte, zog also in den verwaisten Neonatologietrakt des Krankenhauses und in das Leben des Arztes. Er war glücklich über seine neue Mitstreiterin, die genauso wie er von Kaiserschnitten nur im medizinischen Notfall etwas wissen wollte und schwangere Frauen mit Leidenschaft zu einer Normalgeburt überredete. Mary wurde schnell ein unbezahltes Mitglied der winzigen Mannschaft, denn die Schwangeren fanden einen guten Zugang zu der Frau, die bereits theoretisch und praktisch in Sachen Geburt viel zu sagen hatte. Wenn Mary nicht gerade ihre eigenen Kinder pflegte, mit ihnen spielte oder sie liebkoste, war sie mit Inbrunst „Chef" der Abteilung. Auch die Pfleger der angrenzenden Stationen hatten die umtriebige junge Frau schnell akzeptiert. Die männlichen Pfleger der Frauenstation zogen Mary gerne hinzu, wenn vor allem geflüchtete Frauen aus Gilead Zuspruch brauchten. Die schluckten zwar, als sie bemerkten, dass da eine Commandergattin am Werk war, aber dank Marys Bodenständigkeit verflogen die Bedenken schnell.

Kurz und gut McCrury fühlte sich, als hätte er mit Mary den Sechser im Lotto gemacht. Und so bat er sie nach einigen Wochen in sein kleines Büro.

„Mary, ich sage es ihnen auf den Kopf zu. Ich bin froh, dass Sie bei uns sind und ich möchte, dass Sie bei uns bleiben." Er sagte ihr auch geradewegs auf den Kopf zu, dass das Medizinstudium in Kanada für sie eine langwierige Angelegenheit werden würde. „Fachlich sind sie qualifiziert, aber ihnen fehlt leider jede Ausbildung. Sie können ja nicht einmal einen Pflichtschulabschluss nachweisen. Keine Uni wird das akzeptieren."

Mary nickte, denn das war ihr klar, dass sie in Sachen Bildung sich in Gilead große Defizite eingehandelt hatte.

„Aber!" so fuhr der Oberarzt fort: „Aber ich habe mir Gedanken gemacht. Mrs. Knobbs unsere Hebamme geht bald in Pension. Ich möchte mich für Sie, wenn Sie einverstanden sind, dafür einsetzen, dass sie ihre Stelle antreten. Da es keine Hebammenschulen mehr gibt, würde ich ein Training on the Job vorschlagen und das hat Chancen."

Er wusste, dass Mary den Vorschlag nicht ablehnen würde und so lehnte er sich genüsslich zurück.

Mary war natürlich völlig außer sich. Was hatte sie für eine Angst vor diesem Kanada gehabt, als sie damals nur mit einem Ausweis und zwei furchtbar hungrigen Säuglingen die Tür zur Einwanderungsbehörde durchschritt. Wer war sie schon? Eine Gattin aus Gilead, der der Mann abhandengekommen war. In Gilead war sie nichts mehr. Sie konnte zwar lesen, schreiben, rechnen, aber als die Dame von der Einwanderungsbehörde nach beruflichen Qualifikationen fragte, musste sie beschämt den Kopf schütteln. Die Dame hatte sich zwar entschuldigt, weil sie wusste, dass Mädchen in Gilead nur in Hauswirtschaftsschulen unterrichtet wurden, aber Mary fühlte sich doch sehr leer.

Als sie mit den Jungs nach Toronto ins Krankenhaus verlegt wurde, durfte sie ein eigenes Zimmer beziehen. Es war zwar ein Krankenzimmer, aber sie bekam einen Schlüssel und durfte sich das Zimmer so herrichten, wie es ihr passte. Als der Oberarzt ihr dann noch in Aussicht stellte, dass sie als Hebamme arbeiten könnte, konnte sie ihr Glück gar nicht fassen. Sie wohnte, sie arbeitete, sie würde ihr eigenes Geld haben. Der Commander konnte dableiben, wo der Pfeffer wächst. Mary liebte das Gefühl, selbstständig zu sein. Kanada wurde ihr jeden Tag sympathischer.

Auch weil sie Freunde fand. Sie war am Anfang, Männern gegenüber sehr gehemmt. Es war ihr völlig neu, wie unbefangen hier Männer und Frauen miteinander umgingen. Und Mary erlaubte sich die Chance, sich auch mit Männern anzufreunden. Sie fühlte sich zwar wie ein Flittchen aber langsam lernte sie, dass auch Männer Menschen waren, denen man auf Augenhöhe begegnen konnte. Es half ihr, dass sie der Commander auch immer respektvoll behandelt hatte und ihr die Entscheidungen über den Haushalt und die Menschen, die darin lebten, völlig überließ. Gute Gedanken an den Commander fielen ihr allerdings schwer. Dass er sie mit den Zwillingen sitzen hatte lassen und auch nach der Flucht nie Kontakt zu ihr gesucht hatte, wo sie doch gehört hatte, dass er es auch nach Kanada geschafft hatte, schmerzten sie. Sie wollte ihn schnellsten vergessen, obwohl sie offiziell immer noch eine verheiratete Frau war.

Dafür hatte sie in James einen engagierten Lehrer, der ihr schnell beibrachte, dass man Männern keinen falschen übermäßigen Respekt beibringen musste. James war Pfleger in der Nachbarstation. Er war ein lustiger Typ mit feuerroten Haaren, einem ebenso feuerroten Vollbart und der für Rothaarigen so typischen immer geröteten Haut. Aber James war freundlich, erzählte gerne von seinen Ausflügen mit seiner Freundin. Dass er leidenschaftlich strickte und seine Freundin eine Schrauberleidenschaft für ihre Harley hatte, fand Mary dann schon sehr befremdlich.

James war ihr auch behilflich, ihr Zimmer wohnlich zu machen. In einer Flohmarkthalle hatten sie einen altmodischen Ohrensessel ergattert, den Mary zum Stillen genial fand. James' Freundin erwies sich als handwerkliches Allroundgenie, und das Trio machte den alten Sessel wieder fit. Am Sonntag war sie bei dem Paar immer wieder zum Essen eingeladen oder einfach zum Plaudern auf ihrer Terrasse. Ihr entgingen aber die wehmütigen Blicke in Richtung Joshua und Joseph nicht. Ihr fiel nichts Besseres ein, als die beiden zu fragen, ob sie denn Pate und Patin werden wollten. Sie konnte sich an den Brauch von früher erinnern. Und die beiden waren begeistert und als Paten sehr engagiert. Sie hatten eine kleine Taufe mit einer wunderschönen Torte organisiert.

Mary integrierte sich in Windeseile in die Gesellschaft Kanadas. Gilead war Schnee von gestern.

Die Bar

James steckte seinen Kopf bei der Zimmertür herein. „Hey, begleitest du uns heute Abend in eine Bar!"

„Eine Bar?" Mary musste wohl etwas verdattert geschaut haben.

„Du weißt aber schon was eine Bar ist."

„Naja so halbwegs. Gehört habe ich davon schon."

„Du warst aber noch nie in einer? Na, dann wird es Zeit. Ich habe die Nachtschwester schon gefragt, ob sie auch ein wenig Babysitter spielt für dich. 19 Uhr!"

Mary war ein bisschen überrumpelt, aber fand den Vorschlag gleichzeitig auch ein bisschen aufregend. Sie lächelte und meinte: „Na gut, dann gehen wir in eine Bar."

Mary war selten so aufgeregt wie kurz vor diesen ominösen 19 Uhr. Die Nachtschwester hatte gemeint, sie solle die Jeans und den weißen Pulli tragen. Das würde für die Bar durchaus reichen.
Was sie denn in einer Bar so machen solle, wollte Mary auch wissen. Die Nachtschwester tätschelte ihr den Rücken und meinte nur. Man trifft sich mit Freunden, trinkt ein Glas Wein und hat Spaß. Das Konzept war Mary immer noch nicht klar. Mit Freunden Spaß haben – sie hätte auch sagen können, man berechnet Flugbahnen von Wurfgeschossen – das hätte sie auch nicht verstanden.

Pünktlich holten James und seine Freundin Mary ab. Mit dem Taxi fuhren sie in die „Lieblingskneipe", wie es James ausdrückte. Colin der Arzt aus der Psychiatrie und seine Frau würden auch kommen und wenn wir „viel Glück" haben – meinte er schmunzelnd – komme sein Bruder Sean auch.

Die Bar war dann weniger aufregend, als sie sich Mary ausgemalt hatte. Sie entpuppte sich als irischer Pub mit einer gemütlichen Lounge. Colin winkte die Neuankömmlinge in eine Ecke und Mary setzte sich neben James' Freundin auf die Bank hinter dem Tisch. Eine Runde Wein wurde bestellt und da alle ihre Begleiter im Krankenhaus arbeiteten, Kollegengespräche geführt. Der eine oder andere spöttische Witz über einen Oberarzt führte zu Gelächter in der Runde.

Mary fühlte sich nicht unwohl und lachte artig mit. Es war alles sehr neu für sie. Wie ungezwungen die Paare miteinander lachten. Wie unvoreingenommen Frauen mit Männern sprachen. Langsam und vorsichtig beteiligte sie sich am Gespräch. Es machte ihr Freude, wie die Kanadier hier an einem Tisch zu sitzen und über Belanglosigkeiten zu schwatzen, zu lachen.

Plötzlich wurde es laut rund um den Tisch. Arme flogen in die Höhe und ein „Hallo!" und „Da ist er ja!" James' Bruder Sean betrat die Szene. Er war etwas kleiner als James, hatte die gleichen kupferroten Haare, die ihm in wilden Locken vom Kopf abstanden. Er war etwas untersetzt. Mary fand, dass sie ihn keinesfalls als gutaussehend bezeichnen würde, aber Sean brachte sie schon beim ersten Anblick zum Lachen. Und er entpuppte sich als absoluter Clown. Egal ob er seinem Bruder gegen den Strich durch die Haare fuhr, Colin's Freundin als Schönheit bezeichnete, die den Arzt wohl aus Mitleid heute ausführen würde oder derbe Späße machte, Mary musste immer wieder lachen. Sie biss sich dabei immer wieder in den Zeigefinger, den sie sich quer vor den Mund legte. Es wäre absolut unerhört in Gilead über derlei Späße zu lachen. Sie hatte aufgehört zu zählen, wie oft neben ihr das Wort Penis an dem Abend gefallen war.
Sean war ihr Bemühen nicht laut über seine kleinen Schweinereien zu lachen auch aufgefallen. Doch James bremste ihn sogleich ein: „Mary ist unser Gast heute Abend." Und erklärend schob er nach: „Sie ist vor wenigen Wochen aus Gilead zu uns gekommen. Also, Sean, benimm dich!"

Sean grinste über das ganze Gesicht. Das sommersprossige Gesicht hatte jetzt große Lachgrübchen. „Und über sowas wie Penisse redet man bei Ihnen nicht?" fragte er flapsig aber herausfordernd.

Mary schluckte und gab fast flüsternd zurück: „Bei uns war das nie nötig!"

Sean stand der Mund offen, während sein Bruder hinter seinem Rücken fast einen Lachkrampf bekam. Die Frauen kicherten. Colin prustete neben ihr in sein Weinglas: „Mary, sie sind eine Nummer. Die Psychiatrie ist voller traumatisierter Frauen aus Gilead, und sie leisten sich hier mit dem Großmeister des zotigen Humors einen Schlagabtausch."

„Hab' ich was Falsches gesagt?" Mary wurde butterrot.

Colin klopfte ihr auf die Schultern und lächelte sie: „Mary, sie machen das ganz wunderbar."

Der restliche Abend verlief dann problemlos. Wie hatte die Nachtschwester nochmal gesagt: mit Freunden Spaß haben. Jetzt wusste was, das bedeutete und sie fühlte sich pudelwohl. Einige der irischen Volkslieder kannte sie sogar noch aus der Schule und konnte ein paar mitsingen.

Der Pub schloss um 23 Uhr. Die 6 jungen Leute setzten sich in Bewegung Richtung Busterminal, wo sie Sean in einen Vorortebus setzen wollten. Sie plauderten als es plötzlich anfing wie aus Kübeln zu gießen. Der Unterstand half nicht viel und so schnell der Guss gekommen war, hörte er auch wieder auf.

„I am singing in the rain!" intonierte Sean und führte einen eigenwilligen Stepptanz in einer der Pfützen, die jetzt auf der Straße entstanden waren. „Mary, Sie sind sicher eine fabelhafte Tänzerin!" rief er ihr zu und ergriff Mary an der rechten Hand. Zugegebenermaßen hatte Mary noch nie getanzt. Aber der Wein hatte sie leicht beschwipst und mit Seans Choreografie konnte sie mithalten. Das Wasser spritze bis hoch zu den Knien und Sean gab mit einem gesungenen „Ta ta rum ta ta taaa!" den Takt vor. Mary fand die Situation furchtbar komisch und musste herzlich lachen. Sie lachte laut und hielt sich auch keine Hand mehr vor den Mund.

Kanada und seine Freiheiten waren sehr nach ihrem Geschmack. Wenn sie das geahnt hätte, dann wäre sie schon längst …

Sean wurde in den Bus gesetzt. Mary fuhr wieder mit James und seiner Freundin mit dem Taxi zurück zum Krankenhaus. Leichter Regen hatte wieder eingesetzt, als sie sich von den beiden verabschiedete: „Ich danke euch für die schöne Idee!"

„Mary, es würde uns freuen, wenn du wieder mal mit von der Partie wärst."

Mary winkte dem Taxi noch nach und fühlte sich übermütig und glücklich. Jetzt war sie also in einer Bar gewesen.

Ein Hauch Gilead

Sie ging zurück zum Krankenhaus. In eine Bar gehen, war viel mehr als nur süßen Alkohol zu trinken. Es war ein leichtes Zusammensein von Menschen, ohne tiefen Sinn aber mit Leben im Herzen, ohne große Gedanken im Kopf. Die große Moral war wie die Mutter zu Hause geblieben und hatte eine kleine Tür zur Leichtsinnigkeit offengelassen.

Einen Arm um die Schultern legen, sich in die Augen sehen, gemeinsam Lachen, wie die Kinder in Pfützen springen … sie durfte sich hier das leichte Leben erlauben. Sie durfte lachen. Sie durfte eine Frau sein. Und je mehr sie sich erlaubte, umso stärker fühlte sie sich, umso mehr entdeckte sie von Mary. Sie hatte Angst gehabt vor Kanada. Angst, weil sie ohne Ausbildung nur zur Gattin in Gilead taugte. Vielleicht hatte sie auch Angst vor der Freiheit gehabt, dieser Lebensform, in der man sich die Grenzen selber stecken musste. Dabei war alles so viel einfacher für sie. Mary Blaine war wieder oben auf.

Sie huschte vorbei am Portier. Wenn Eishockey im Fernsehen lief, dann hätte man wohl eine Schrankwand in das Krankenhaus tragen können, und der Wächter hätte es nicht bemerkt.

Sie nahm die Treppen in den zweiten Stock, ging leise am Empfang der Kinderstation vorbei. Die Krankenschwester winkte ihr und deutete ihr einen Daumen hoch, dass alles in Ordnung verlaufen sei. Mit den Händen in den Hosentaschen ging sie den langen Gang bis zu ihrem Zimmer. Ohne das Licht einzuschalten, drückte sie sich durch die Tür.

Der Mond beleuchtete das Zimmer schwach, aber sie konnte es sogleich sehen. Die beiden kleinen Plexiglasbettchen waren leer. Sie stürzte zu den Betten, in die sie die Jungs am Abend gebettet hatte. In Panik blickte sie auf den Boden. Sie schlug die Hände vor den Mund und unterdrückte einen Schrei.
Sie wollte in ihrer Angst aus dem Zimmer laufen und um Hilfe rufen. Aus der Zimmerecke ertönte nur ein vernehmbares „Pssst!". Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das Zwielicht. In ihrem Sessel, den sie sich zum Stillen organisiert hatte, saß ein Mensch.

Mary ging zwei schnelle Schritte zur Nachttischlampe und schaltete diese ein. Ja, da saß ein Mensch. Nachlässig gekleidet mit einer alten Jeans, einem ausgewaschenen Hoodie, die Kapuze über den Kopf. Den Kopf gesenkt. In den Armen hielt er die beiden Jungs.

Was hätte sie ihm noch vor Stunden gerne ins Gesicht geschrien. Ihren Frust, dass er plötzlich aus ihrem Leben verschwand und sie hochschwanger auf die Flucht schickte, ihren Hass, dass sie die Jungs alleine ohne professionelle Betreuung zur Welt bringen musste, ihre Panik auf der Flucht und er niemals an ihrer Seite.

Doch jetzt saß er da. In schlabbriger Kleidung, zusammengesunken, und jetzt sah sie auch, dass er weinte. „Commander?" flüstere sie.

„Es gibt keinen Commander mehr!"

Mary ließ sich entgeistert auf das Bett sinken. Es war mehr, als sie verarbeiten konnte.

„Mary, bitte sag, dass es euch gut geht!"

„Ja." stotterte sie. Ja es gehe ihnen gut, die Jungs wären bei der Geburt schon sehr kräftig gewesen und würden sich jetzt altersgemäß entwickeln. Den Rückstand zu Einzelgeburten machen die beiden in Windeseile wett.

„Und dir?" er sah hoch. Er musste sich seit Tagen nicht mehr rasiert haben. Seine Augen blickten müde.

„Mir geht es auch gut." Mary fehlten einfach die Worte, um ihn zu fragen, wie es ihm ginge. Sie hatte für ihn einfach keine Worte mehr.

Josh fing langsam an zu krakeln. Sobald er die Augen aufschlagen würde, bekämen sie ein kleines Konzert zum Thema „Hunger und zwar in diesem Moment". Und dann dauerte es gewöhnlich nicht lange, bis auch die Nummer zwei ganz dringend nach der Brust verlangte.

Er stand auf, um ihr ihren Sessel zu räumen. Mary zog den feuchten Pullover aus, streifte ihre Jeans ab und kramte in ihrem Spind nach ihrem Nachthemd. Da fühlte sie an ihrem Hals, dass er seinen Kopf dagegen lehnte. „Mary, es tut mir so leid! Es tut mir so leid!" Seine Tränen rannen ihr über den Rücken. Sie schluckt den Kloss in ihrem Hals hinunter und befreite sich mit einem Ruck. Sie zog sich das Nachthemd über und nahm mit einer geschickten Bewegung das bereits recht ungeduldig werdende Baby an sich.

Sie ließ sich in ihren Sessel fallen, knöpfte mit einer Hand die Knopfleiste auf und drückte dem hungrigen Josh die Brust in den Mund, der sogleich gierig daran sog. Ein Moment der Stille entstand. Das Ehepaar stand sich gegenüber, unfähig etwas zu sagen, unfähig sich anzusehen. Es tat Mary einfach nur weh.

Aber sie fühlte aber auch, wie sich der angestaute Ärger in ihr sich verflüchtigte. Wie konnte sie auf diese jammervolle Gestalt, die heute in ihr Zimmer geschlichen war, böse sein. Sie brauchte ihn gar nicht nach seiner Geschichte fragen, seine Haltung, seine Kleidung, seine müden Augen sprachen Bände.

„Leg mir Joseph in den anderen Arm!" wies sie an, als sie bemerkte, dass sich auch Baby Nummer 2 im Arm seines Vaters zu strecken begann.

Während sie die Kinder stillte, beobachteten sie sich wortlos. Es war ein wortloser Schmerz, der zwischen ihnen im Zimmer stand. Mary atmete tief ein und sagte dann schlicht: „Hinter dir hängt eine Windel, wirf sie dir über die Schulter, dann kannst du Josh beim Bäuerchen helfen." Mechanisch tat er, was sie sagte, nahm den satten Säugling in die Arme, legte ihn über die Schulter und tätschelte ihm sacht den Rücken.

Nachdem auch das zweite Baby fertig gefüttert war, legte Mary die beiden wieder in ihre Plastikwiegen, deckte sie sanft zu. Die beiden Jungs schliefen schnell wieder ein. Mary atmete tief und richtete sich auf. Sie stand ihrem Mann jetzt sehr nahe, Auge in Auge. Sie war unfähig etwas zu tun, in ihr tobte ein Sturm.
Für ihn war es leichter, er zog sie an sich, legte seinen Kopf an ihre Schulter und ließ seine Tränen wieder laufen. „Es tut mir alles so leid!"

„Ja, die Nummer hatten wir schon!"

„Mary, ich weiß, dass du mir böse bist, aber sei ehrlich, es ist alles gut gegangen. Es hat dir sicher einiges an Kraft abverlangt, aber jetzt ist alles gut."

„Ja, jetzt wo wieder alles normal zu laufen beginnt, kann der liebe Commander ja wieder bei der Tür hereinschneien und mein Leben in Unordnung bringen."

„Hast du eigentlich nie Nick zu mir gesagt?"

Mary dachte nach und schüttelte den Kopf: „Nein, nie! Nein, in den ganzen beiden Jahren nicht." Sie atmete tief ein: „Wir waren schon ein komisches Ehepaar!"

„Sind. Mary, wir sind es."

„Du hast doch June. Du bist damals mit ihr einfach verschwunden. Drei Monate kein Lebenszeichen. Nichts."

„Ich habe June auch schon ewig nicht mehr gesehen. Sie ist wieder nach Kanada gegangen."

Mary runzelte die Stirn. „Du nicht?"

„Nein, wie soll ich. In Gilead droht mir der Strang, in Kanada das Kriegsverbrechertribunal. Ich habe keinen Platz, wo ich hingehen kann. Ich bin dann zurück nach Chicago und habe mich den Rebellen angeschlossen. Da kann ich wenigstens helfen."

Mary erschrak heftig. In ihrem Kopf hatte sie sich immer wieder ausgemalt, wie ihr Mann wie ein Turteltäubchen mit seiner June in Kanada weilte. Sie erschrak aber auch, weil sie sich plötzlich große Sorgen machte. Er würde irgendwann zwischen den Fronten aufgerieben werden. Sie musste ihn mit großen Augen angesehen haben.

„Nick, das tut mir leid zu hören. Ich … ich habe gedacht …" Sie sprach nicht fertig und senkte den Kopf. Sie schloss ihn in die Arme. Die Umarmung tröstete sie beide. „Das ist furchtbar!" Mary fühlte sich plötzlich sehr hilflos.

Sie umarmte ihren Mann um den Bauch und zog ihm dann den Hoodie über den Kopf. „Komm! Komm zu mir!" Es hatte gar nicht vieler Worte gebraucht, dass sie ihm vergab. Alles vergab, alles vergaß und ihm wieder alles geben wollte.

Sie liebten sich in dieser Nacht, wie sie es vorher noch nie getan hatten. Verzweifelt, leidenschaftlich. Als ob jeder dem anderen alles geben wollte, was sich an Liebe und Zuneigung aufgestaut hatte.

Als sie an diesem Morgen erwachte, lag er noch neben ihr. „Guten Morgen, habe ich auch noch nie zu dir gesagt." Sie mussten beide lachen.

„Nick, um uns brauchst du dich hier keine Sorgen zu machen. Wir können noch eine Weile hierbleiben. Und im Herbst darf ich eine Ausbildung beginnen. Der Chefarzt meinte, dass er eine Fachkraft wie mich als Hebamme gut gebrauchen könnte."

„Wie kriegst du das immer wieder hin, Mary?" Er strich ihr durch die Haare und lächelte sie an. „Die kurzen Haare stehen dir auch sehr gut." Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Mary Blaine, ist immer oben auf."

„Aber wir drei brauchen dich auch."

Er nickte und seufzte. „Ich muss weiter!"

„Ich bringe dich raus!" Mary schlüpfte aus dem Bett, zog sich schnell einen Jogginganzug über. „zuerst aber rasieren!" Sie fingerte aus ihrem Necessaire einen Nassrasierer heraus und kramte nach etwas, was sie als Rasierschaum verwenden könnte: „Bereit?"

Während des Rasierens fragte er: „Wozu brauchst du eigentlich einen Rasierer?" Mary lächelte verschwörerisch. „Bist du nicht ganz treu?"
„Eigentlich schon!" gab Mary zu.

„Eigentlich?"

„Mach dir keine Sorgen." Beide mussten lachen, und Mary küsste ihn auf die Schulter. Zwei kräftige Arme ergriffen sie am Kopf und zogen sie nach unten: „Pass auf, ich habe ja den Rasierer in der Hand!" Sie alberten und lachten während Mary weiterrasierte.

„Ich bin froh, dass du kein Commander mehr bist. Ich kann Nick gut leiden!" Sie fügte hinzu: „Aber wir haben jetzt ein Problem. Ich werde auf June Osborne sehr eifersüchtig sein."

„Ach Mary, lass mir meine Liebe zu June. Wir haben gemeinsam so viel durchgemacht. Ich habe ihretwillen so viel auf mich genommen. Sie wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Aber es ist jetzt anders." Er sah sie mit treuen Augen an. „Und du hast es selber gesagt: ich darf keine Luftschlösser bauen. Und es ist mir klar geworden, wie recht du hattest."

Mary legte ihre Hand auf seine Schulter und seufzte.

Sie nahm von ihrer Garderobe den weißen Kittel, den sie manchmal trug, wenn sie auf der Station half und reichte ihn ihrem Mann: „Schau, ob der passt!"

Natürlich spannte er an den Schultern, aber für die kurze Weile würde er seinen Dienst tun. Er verabschiedete sich noch von den schlafenden Jungs, strich ihnen über die Köpfchen und folgte dann seiner Frau zur Tür. Mary spähte hinaus und winkte als Zeichen. Beide huschten zum Notausgang und verließen über die Notausgangstreppe das Krankenhaus. Sie trafen auf der Treppe ein paar müde Krankenschwestern, die gerade ihren Dienst antraten, die aber bei den beiden Gestalten auf der Treppe keinen Verdacht schöpften.

Mary lotste ihren Mann zielsicher zum hinteren Notausgang. Sie küssten sich nochmal und verabschiedeten sich mit einem „Bis bald!" Mary lehnte sich an die Tür und sah ihrem Mann nach, wie er sich schnell entfernte. „Alles Gute, Nick!" sagte sie zu sich. Sie war traurig und glücklich zugleich.

Sie waren beide keine Kanadier. Gilead hatten ihnen beiden einen kräftigen Stempel aufgedrückt. Das Regime war installiert worden, als sie beide noch sehr jung waren. Mary konnte sich an die normale Zeit davor kaum noch erinnern. Aber sie beide würden ihren Weg gehen. Gilead hatte es ihnen nicht austreiben können, Menschen zu bleiben. Und es passierten auch zuweilen komische Dinge. Die scheinbar Starken waren eigentlich sehr schwach. Und die scheinbar Schwachen hatten sehr viel Stärke in sich.

Mary atmete tief ein und dachte bei sich: „Wie kompliziert war ihre Ehe gewesen. Eigentlich war sie ein Konstrukt gewesen, dass ihnen dieses Regime aufgedrückt hatte. Wie sehr hatten sie jeden Tag gekämpft, um einen Funken dessen zu leben, was andere unter Ehe verstanden. Kompliziert, verworren, voller uneinsichtiger Gefühle. Und jetzt war alles plötzlich sehr einfach. Ein Mann, eine Frau, die Kinder. Alles einfach. Keine Worte!"

„Kanada, wir kommen!" Sie lächelte, drehte sich um und huschte wieder in ihr Zimmer zurück.

Epilog

Mir entgleitet alles. Es ist alles soviel größer, soviel komplizierter, als ich es ertragen kann. Ich will einen Platz zum Leben, dennoch bin ich ein Wanderer zwischen den Welt. Ich will das richtige tun, in einer Welt, die nur das falsche zulässt.
Es gibt so viele Möglichkeiten, aber sobald ich eine ergreife, wird sie zur Hydra mit 7 Köpfen.

Ich bin nicht so gewieft wie Commander Lawrence, der mit Witz, Charme und Ränke seinen Weg durch Gilead findet. Ich bin keine June Osborne, die wie ein Leuchtfeuer einer ganzen Revolution voranschreiten kann. Ich bin auch keine Mary, die egal in welche Situation man sie bringt, zu strampeln beginnt, bis sie wieder auf fester Erde steht, um ihren eigenen Weg weitergehen zu können.

Ich will nur, dass mich jemand an die Hand nimmt und mir einen Weg weist, wie ich das Gute tun kann. Ich will eine Welt, in der es schlicht und einfach gut ist. Ich wollte einer Welt aus Tristesse, die durch Alkohol und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war, entfliehen. Ich wollte wirklich an die neue Welt der Söhne Jakobs glauben. Aber ich sah eine Welt, die Menschen brach, weil sie mordete, vergewaltigte und aus Menschen das schlimmste herausholte, das ihnen innewohnte.

June gab mir eine Idee, wie man dieses Monstrum zerstören konnte. Ich wollte nur ihr helfen und merkte wie sie mir langsam entglitt und mit ihr die Familie, von der ich träumte.

Und dann drängte sich Mary in mein Leben, langsam aber gewaltig. Der Ehe mit ihr musste ich zustimmen, und ich war anfangs froh gewesen, dass sie nicht viel verlangte und sogar mein Leben mit June tolerierte. Aber während mir June immer mehr entrann, baute Mary emsig an einem Leben, bis es mir lebenswert erschien. Und als die beiden Frauen an dem Abend im Haus am Meer aufeinanderprallten, war es für mich fast wie zwei Urgewalten. Sie wussten alles, ich wusste gar nichts.

Und am nächsten Tag befanden wir uns alle auf der Flucht. Die Frauen spülte es in Sicherheit, mich in das Chaos.

Während June den Untergrund regierte, wurde meine Liebe zur ihr immer mehr zur Verehrung. Wie stark diese Frau war. Und je mehr ich sie verehrte, umso unmöglicher erschien es mir, mit ihr als Frau zusammenzuleben. Als ob man versuchen würde, in die Sonne zu schauen.

Natürlich war ich an dem Tag mit June auf die Flucht gegangen. Was war mir auch anderes übriggeblieben. Es blieb keine Zeit zu verlieren. Wir hatten es auf erprobten Mayday-Pfaden nach Kanada geschafft, und ich war in dem Hauptquartier vorübergehend untergekommen. Alle unsere Vorzeichen hatten sich gedreht. Jetzt war ich der, der Schutz bedurfte. Ich kam damit nicht zurecht. Und es nagte in mir, dass ich Mary in ihrem Zustand zurückgelassen hatte.

June wurde immer mehr zur Lichtgestalt. Zur Anführerin. Obwohl wir uns noch nie so nah waren, entfernte sie sich mehr und mehr von mir. Ich war bei June, davon hatte ich geträumt. Und ich war noch nie so einsam.
Gleichzeitig hatte ich eine Frau. Sie die Königin des Alltags. Mary war ein Uhrwerk, das man nie aufziehen musste. Es war mir schon in Gilead aufgefallen, dass man sich hinter Mary gut verstecken konnte. Ellen hatte einmal gesagt, dass der Himmel diese Frau geschickt hätte.

Ich musste nie zweifeln, dass Mary nicht alles meistern würde, was man ihr in den Weg legte. Irgendwann erreichte mich die Nachricht, dass sie und die beiden Jungs wohlbehalten in Kanada angekommen seien. Und als ich sie traf, da hatte sie sich in Kanada fein eingerichtet inkl. Zimmer und Zukunft für sich selbst. Da war sie nun die starke Frau mit kecken kurzen Haaren und nahm mich doch wieder bei sich auf. Und plötzlich war zwischen uns alles ganz einfach.

Mary würde für mich der einfachere Weg sein. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ihn gehen wollte. Die zwei Jahre Ehe mit ihr hatten auf mich gewirkt. In vielen Erinnerungen spielte Mary ihre Rolle.

Die erste Zeit in der kleinen Wohnung in der Kaserne, als Mary völlig ungeniert das Medizinbuch ihres Vaters vor mir las. Sie sagte gar nichts, sondern sah mich aus den Augenwinkeln herausfordernd an. Den nächsten Schachzug im Spiel machte ich, in dem ich ihr aus Junes Bibliothek einen Liebesroman mitbrachte. Eine üble Schmonzette aus dem viktorianischen England mit einer Widmung an June auf der ersten Seite. Mary las es und warf es dann demonstrativ ins Feuer. Vorsichtsmaßnahme, hieß es dann im Maryschen Sprech.

Oder als sie damals die Tür zu seinem Zimmer öffnete und an den Türrahmen gelehnt auf ihrer Lippe herumbiss – ein untrügliches Zeichen, dass Mary sich etwas überlegt hatte. Sie knallte mir an den Kopf, dass sie einen Frauenarztpflichttermin hätte und sie bei Gott nicht wissen würde, mit welcher Ausrede sie dem Frauenarzt kommen sollte: „Was wir in unserer Ehe treiben oder eben NICHT!" waren ihre Worte. Ich musste ihr den Rücken zudrehen, sonst hätte ich ihr ins Gesicht lachen müssen. „Mach es ordentlich!" hatte sie mir am Abend noch aufgetragen. In ihren Büchern hätte sie durchaus gelesen, so dozierte sie, dass Frauen auch Höhepunkte hatten. Ihre kindische Ernsthaftigkeit war unglaublich fehl am Platz in dem Moment. Aber lustig.

Oder wie die immer vorlaute Mrs. Blaine plötzlich bei der Prayvaganza hinter mir verschwand, als alle Augen auf sie gerichtet waren. Irgendwann hatte ich sie mitten im Saal stehen lassen, sie sollte nur auch ihr Fett von dieser scheinheiligen Gesellschaft abkriegen.

Oder an dem Abend mit June. June hatte mich noch gefragt, wie sie Mary ansprechen sollte. „Nenn sie doch einfach Mary, so heißt sie!" hatte ich noch gemeint. Aber davon wollte Mary nun gar nichts wissen: „Mrs. Blaine!" hatte sie June ins Gesicht geschleudert. Schon, dass klar ist, wessen Revier, das hier sei. Beim Schlafengehen hatte ich zu June noch gesagt, dass ich die Nacht bei meiner Frau verbringen würde. June lachte auch und meinte, dass wir Mary nicht demütigen sollten. Sie sei eifersüchtig genug.
Aber das eifersüchtig kam an bei mir. Mir war es zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr recht, wenn andere Commander von meiner „hübschen, jungen Frau" sprachen.

Und ein bisschen tat mir die amerikanische Vertretung in Kanada leid, denn ab morgen würden sie sich mit einer Frau auseinandersetzen müssen, die ihren Mann zurückwollte – um jeden Preis. Mary wird das wie immer erledigen.