Rückfall: Epilog
Sie konnte spüren, wie die Augen aller Personen in der Kommandozentrale sorgfältig von ihr abgewandt waren. Sie alle hatten Han gehört, sie wusste es, und sie wusste auch, dass sie sie nicht ansahen, weil sie irgendwie mit ihm mitfühlten; es spielte keine Rolle, dass sie keine Ahnung hatten, wie ihre Version der Geschichte aussah. Das konnten sie nicht, sie verstand es ja selbst kaum. Für einen kurzen Augenblick schloss sie die Augen, verließ dann ihren Platz und stürmte hinter ihm her. Sie ignorierte den besorgten Blick, den Carlist Rieekan ihr zuwarf, als sie ihre Handfläche nervös auf das Lesegerät legte und aus der Tür hinaus und den Flur hinunter rannte.
„Han!"
Sie rief seinen Namen und hoffte, dass ihre Stimme nicht zu sehr zitterte. Sie wusste noch nicht einmal, warum sie es tat – oder was sie zu ihm sagen würde – sie wollte einfach – sie wollte nicht, dass er ging; sie wollte wirklich nicht, dass er ging. Es schien nur – irgendwie erbärmlich, ihn zu bitten, für sie zu bleiben, wenn die Rebellion so viel größer war als zwei Menschen, und sie war ohnehin zu zerbrechlich, um Risiken einzugehen.
Sie kam so anmutig wie möglich zum Stehen, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. Er drehte sich ruckartig zu ihr um und hob die Hand in einer dramatischen Geste spöttischer Ehrerbietung.
„Ja, Höchstwohldurchlauchtigste?"
Angesichts der Bitterkeit seiner Worte zuckte sie zusammen; der zusätzliche Spott, den er ihrem Titel anhängte, sagte so viel darüber aus, wie er sich fühlte. Sie war sich ihres ungeschützten Standortes sehr deutlich bewusst. Der Streit konnte leicht beobachtet werden, was sie entsetzte, obwohl sie ihm nachgejagt war. Sie konnte fühlen, wie sie sich einigelte und versuchte, sich dagegen zu wehren – nein, dachte sie, halte ihn beschäftigt – sie standen sich genau gegenüber und sie neigte den Kopf nach oben.
„Ich dachte, du hättest beschlossen, zu bleiben", erwiderte sie kühl.
Sie hielt seinem Blick stand und forderte ihn heraus – war es nicht so? Hatte sie ihn falsch verstanden? Nachdem er nach dem Debakel mit Chewbacca und allem, was auf Kashyyyk passiert war, nicht davongeflogen war – nachdem er noch nicht einmal die Bezahlung für die Mission angenommen hatte, die damit geendet hatte, dass sie auf Ord Mantell gestrandet und dem Kopfgeldjäger begegnet waren – nach allem, was auf Ord Mantell geschehen war, konnte er doch nicht immer noch planen, sie zu verlassen, und wenn das eine weitere Drohung war…wenn das eine weitere manipulative Drohung war…sie konnte die Psychospielchen einfach nicht mehr länger ertragen.
Seine Lippen kräuselten sich zu einem sarkastischen Grinsen.
„Nach der Begegnung mit dem Kopfgeldjäger auf Ord Mantell habe ich es mir anders überlegt", fuhr er sie an.
Ihre Lippen teilten sich, sie konnte fast das kalte, stechende Metall von Fetts Handschuh an ihrer Kehle spüren. Ihr Hinterkopf schmerzte, als sie sich an das Gefühl der Gewehrmündung und den entsetzten Ausdruck auf Hans bleichem Gesicht erinnerte, als er seinen Blaster fallenließ, ihr gegenüber auf die Knie ging und die Hände an den Hinterkopf legte – sich ergab. Die Art, wie er – kühl und gefasst erschienen war und dem Kopfgeldjäger gesagt hatte – langsam, langsam, tu ihr nicht weh. Tu ihr nicht weh. Wenn Luke nicht zurückgekommen wäre, nachdem er Leias Schrei gehört hatte –
„Han, wir brauchen dich!", bellte Leia.
Verstand er nicht, dass Ord Mantell sie ebenfalls zu Tode verängstigt hatte? Bis zu diesem Moment hatte sie geglaubt, dass es ihr recht wäre, in diesem Krieg zu sterben, sie hatte geglaubt, dass – vielleicht – sie war nicht suizidgefährdet, aber sie war auch nicht so scharf darauf, zu überleben – aber als Fett ihr die Waffe an den Kopf gehalten hatte, war das Verlangen, zu leben, so stark gewesen, dass es ihr fast die Tränen in die Augen getrieben hatte – und Han so einfach aufgeben zu sehen, ohne einen Kampf, seine Freiheit für ihr Leben – wenn es ihm genug Angst machte, dass er weglief, warum verstand er dann nicht, dass es ihr ebenfalls Angst machte – ?
Seine Augenbrauen hoben sich und er zuckte ein wenig zurück und schluckte schwer.
„Wir?", zitierte er und hob die Hand.
„Ja", entgegnete sie eindringlich.
Er ballte die Hände zur Faust, deutete auf sie und seine Knöchel wurden weiß.
„Oh", hauchte er fast spöttisch. „Oder brauchst du mich?", forderte er.
Seine Augen blitzten und Leia war für einen Moment von der Intensität seiner Emotionen überwältigt, die nur durch die Anspannung seines Kiefers und den Aufruhr in seinen Augen deutlich wurde.
„Ich?", fragte sie lahm und hasste – hasste sich selbst dafür – in ihrem Kopf konnte sie die geflüsterten Worte von Ord Mantell hören – Das ist es, was du brauchst? Und ihre Antwort – Ja, ja, hm, ja.
Seine Hand hielt dicht vor ihrem Gesicht inne, bedrohlich, sein Gesichtsausdruck war ungeduldig und angespannt. Ihm fehlte alle Sanftheit und Intimität, die sie auf Kashyyyk gesehen hatte, und ihm fehlte sogar der hoffnungsvolle Kummer, den sie auf Ord Mantell erlebt hatte; innerlich schrie sie, ein kleiner, lange unterdrückter Teil von ihr bekam einen Anfall und trat gegen die Gitterstäbe in ihrem Herzen und in ihrer Seele – lass mich raus, lass mich raus, ich will ihn, sag ihm, dass du ihn willst – sie bemühte sich, diesem Teil von ihr zuzuhören, aber der Gedanke an Liebe, daran, jemanden zu lieben und geliebt zu werden, schien ihr so viel furchteinflößender, als in einem Krieg zu kämpfen. Und sie hatte so viel verloren –
„Ich verstehe nicht, was du damit meinst", antwortete sie steif.
Die Worte verbrannten ihre Lippen, als sie sie aussprach, und Han ballte seine Faust fester, legte den Kopf schief und zog seine Zunge aggressiv zwischen die Zähne.
„Vielleicht verstehst du es wirklich nicht", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor – fuhr auf dem Absatz herum und stürmte davon.
Leias Herz schlug ihr bis zum Hals, ihr Magen schien abzusacken, und ihre Stiefel knirschten im Schnee, als sie ihm instinktiv nachlief. Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander. Sie konnte kaum nachvollziehen, warum sie ihm weiter folgte, wenn alles, was sie tat, war, ihn zu verletzen – so schrecklich es auch klang, seine wiederholten leeren Drohungen, sie zu verlassen, hatten sie gelehrt, dass er eine der wenigen Konstanten in ihrem Leben war, dass er da sein würde, während sie sich selbst zusammennahm, und damit konfrontiert, ihn zu verlieren, zog sie sich zurück, anstatt ihm in einfachen Worten zu sagen, dass sie ihn brauchte, und redete sich selbst törichterweise ein, dass sie Recht gehabt hatte. Siehst du? Er wird gehen, du wirst ihn verlieren, du hast es gewusst –
„Was soll es denn da zu verstehen geben?", platzte es aus ihr heraus.
– das ist deine selbsterfüllende Prophezeiung, Leia, dachte sie.
„Ach, komm schon", rief Han mit dem Rücken zu ihr. Er verlor einen Teil seiner Gewandtheit, sein Ton stieg mit dem Maß seiner Wut an. „Du willst mich doch nur hierbehalten, weil du eine Menge von mir hältst."
Leia verringerte den Abstand zwischen ihnen und argumentierte trotz des Sturms in ihr dagegen.
„Ja, weil deine Führungsqualitäten von großem Wert für uns sind – "
Sie war froh, dass er sich in diesem Moment entschloss, sich zu ihr umzudrehen und sie zu unterbrechen. Sie wollte ihren leeren Satz nicht beenden und als sie sich, erschrocken über seine Nähe, von ihm zurückzog, beschleunigte ihr Herzschlag sich schmerzhaft und sie fragte sich selbst warum, warum, warum es so einfach war, körperlich intim mit ihm zu sein, und so unmöglich, ihre Gefühle zuzulassen. Es hätte nicht einmal einfach gewesen sein sollen, mit ihm zu – zu schlafen –
„Nein", bellte Han heftig. „Das ist nicht der Grund."
Leia trat einen Schritt zurück, als ein Offizier sich zwischen ihnen durchdrängte, und ihr Gesicht wurde blass, als sie sich daran erinnerte, dass sie sich in der Öffentlichkeit befanden. Sie starrte Han mit weit geöffneten Augen an, für einen Moment besorgt, dass er die expliziten Details ihrer gemeinsamen Nächte durch den gesamten Flur rufen könnte. Sie bemerkte, dass sein Gesichtsausdruck sich beträchtlich verfinsterte, als sie sich besorgt umsah, und erinnerte sich mit einer erneuten Welle der Scham an seine Fragen auf Ord Mantell – Du denkst, dass ich nicht gut genug für dich bin, oder?
„Na, komm schon", fuhr Han sie wieder an und biss fest die Zähne zusammen. Er wartete und Leia erwiderte nichts, ihre Lippen öffneten sich angespannt. „Ahhh", neckte er sie und unterdrückte ein Grinsen. „Ich habe doch Recht", versuchte er sie erneut leise zu überzeugen.
Sie wollte seine Hand wegschlagen – mitten auf dem Flur, Han?
„Was bildest du dir eigentlich ein?", fauchte Leia.
Sie drückte die Zunge gegen ihre zusammengebissenen Zähne, ihre Pupillen weiteten sich schockiert. Er wich zurück, seine Augen verdunkelten sich bitter, und er blinzelte, als wäre er ebenfalls geschockt. Er sah aus, als würde er sie schlagen, und sie wäre nicht überrascht gewesen, wenn er es getan hätte. Sie war kurz davor, sich nach vorne zu werfen, seine Hände zu nehmen und ihn anzuflehen, zu ignorieren, was sie gerade gesagt hatte – natürlich bildete er sich nichts ein – Kashyyyk war kein Traum gewesen, genauso wenig wie Ord Mantell, diese Erfahrungen waren so kostbar –
„Ich bilde mir was ein?", knurrte er. „Warum läufst du mir dann nach?"
Sein Blick huschte brutal und mit wenig Mitgefühl über sie.
„Hast du Angst, ich könnte verschwinden, ohne dir einen Abschiedskuss zu geben?", spottete er.
Leia schwieg und ihre Ohren klingelten. Sie biss sich auf die Zunge und senkte den Kopf ein wenig – sie hatte Angst davor; sie hatte auch Angst, ihn nie wiederzusehen, und sie hatte Angst vor einem Mann, der sein Leben und seine Freiheit hergeben würde, nur um sie in Sicherheit zu wissen, weil sie so viel Verantwortung trug und nicht glaubte, ihm denselben Dienst erweisen zu können – sie musste leben und nun wusste sie auch, dass sie das wollte, aber ihre Aufgabe im Leben, ihr Ziel, war es, diesen Krieg durchzustehen – aber würde er das verstehen? Wusste er, auf was er sich einließ – dass diese Verpflichtung darüber hinausgehen würde, sich nur ihr zu verpflichten?
Er trat näher und senkte die Stimme.
„Warum hast du mir das angetan, Leia?", wollte er wissen, seine Stimme heiser und belegt.
Ihre Augen brannten und sie blinzelte Tränen zurück, während sie den Kopf schüttelte. Sie hatte nie aus böser Absicht heraus gehandelt – er war auf Kashyyyk zu ihr gekommen und sie hatte es geschehen lassen, weil sie es wollte und es war so schön gewesen; sie war auf Ord Mantell zu ihm geflohen, und vielleicht, wenn der Kopfgeldjäger sie beide nicht bis ins Mark erschüttert hätte, hätten sie reden können, wie er es versprochen hatte, und sie wäre in der Lage gewesen, ihm zu sagen –
„Du bist so kalt wie dieser Planet", warf Han ihr heiser vor.
Leia schluckte schwer, um die Tränen zurückzuhalten.
„Und du denkst, du bist derjenige, der mich auftauen kann?", fragte sie zittrig – ihre Stimme brach; warum beharrte er darauf? Warum glaubte er, mit ihr und allem, was damit einherging, umgehen zu können? Es war ein Wunder, dass er sie in beiden Nächten, die sie mit ihm verbracht hatte, nicht schreiend hatte aufwachen sehen, in eiskalten Schweiß gebadet und in den Laken verheddert, während sie weinte und nach ihrer Mutter und ihrem Vater rief und darum bettelte, dass der Schmerz aufhörte. Das war nicht schön, das war nicht der Traum, für den er sie hielt –
„Was denkst du, was ich die ganze Zeit versucht habe?", fragte er.
Er schluckte schwer und ließ ihr keinen Moment Zeit, um zu antworten.
„Ich bin nicht mehr wirklich daran interessiert", stieß er harsch hervor. Er ballte die Hand zur Faust, presste die Zähne aufeinander und lehnte sich näher an sie heran. „Ich habe dir gesagt, du sollst mich aufhalten. Du hättest mich aufhalten sollen", zischte er und klang müde, ausgebrannt und am Boden zerstört. „Wenn du mich nicht wolltest – hättest du das nicht tun müssen."
Ihr Atem stockte schmerzhaft in ihrer Kehle. Sie biss sich auf die Lippe, bis sie sich taub anfühlte, und er starrte sie an, wartete und wartete, seine Augen suchten ihre – während sie das Sprechen verlernte; erklärte er wirklich, dass er fertig mit ihr war oder war das ein letzter verzweifelter Versuch, sie dazu zu bringen, etwas Echteres zu sagen als – die Dinge, die sie ihm im Bett zuflüsterte.
Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte den Flur hinunter.
„Han", rief sie mit brechender Stimme – sie klang leiser und eindringlicher.
Er drehte sich nicht um und sie schloss die Augen und wandte sich um, um sich gegen die eisige Wand zu lehnen. Sie brannte kalt in ihrem Rücken und sie fühlte sich so eingefroren wie die Welt um sie herum, so gefangen, so eingesperrt wie ihre kleine Rebellenbande – all der Verlust und all die Gewalt hatten sie irgendwie ruiniert, sie gebrochen; sie hatte geglaubt, ihm mit ihrem Körper zu vertrauen, könne es ihr leichter machen, ihm ihr Herz anzuvertrauen, aber sie war immer noch so zurückhaltend – und sie dachte wirklich –
Dieses Mal würde er nicht zu ihr zurückkommen.
Ende
