Kapitel geändert am 8.6.2020
Peter Saar Gwynleve, seinerseits Kommandant der nilfgaardischen Garnison, begann sich zu fragen, ob dieser Trunkenbold ihn verarscht hatte. Warum nur verstand die Bevölkerung hier nicht, wie wichtig es war, Abgaben für die Armee, die sie immerhin auch beschütze, zu leisten. Jedes verdammte Korn musste er aus den Bauern heraus prügeln und jetzt weigerten sie sich sogar, ihm den versprochenen Schnaps zu liefern. Er winkte seinen Captain - Bla bla Fryhor...er hatte den Vornamen vergessen- heran und befahl ihm, die geforderte Ladung mit ein paar Männern abzuholen. Plus einer Strafabgabe. Und zwanzig Peitschenhieben. Er hasste es, wenn man seine Befehle ignorierte. Er überlegte die Frau einfach her schaffen zu lassen, inklusive ihrer Utensilien, die sie zum Brennen brauchte, doch hatte ihre kurze Anwesenheit hier im Lager schon genug Unruhe gestiftet. Diese unausgelasteten, jungen Männer hatten noch tagelang von ihrer sehr weiblichen Figur geschwärmt und sich immer wieder darum geprügelt, wer sie zuerst haben durfte, wenn sie das nächste Mal hierherkam.
Nachdem er seine Befehle erhalten hatte, pfiff Captain Fryhor schrill und die zwölf Mann starke Gruppe setzte sich, begleitet von einem großen Lastkarren, vor den zwei riesige Rapphengste gespannt waren, in Bewegung.
Mireya betrachtete frustriert die stumpfe Axt und den großen Stapel Fällholz, die darauf warteten in handliche Stücke gehackt zu werden. Zwar lieferte das nahegelegene Sägewerk, doch klein hacken musste man schon selbst. Das Feuerholz war ausgegangen und sie machte sich sowieso schon übermäßig Sorgen, da sie noch keine Ahnung hatte, wie sie die geforderte Menge Schnaps überhaupt abliefern sollte. Noch dazu ohne Zugtier. Und mit fehlendem Wagenrad.
Eduars Zustand verschlechterte sich seit einiger Zeit. Immerhin hatte Mireya ihn davon überzeugen können, dass sie ohne den Hexer sich weder gut um ihn kümmern noch Schnaps herstellen konnte. Also hatte sie ihn kurzerhand gegen Kost und Logis und vielleicht als Berater in Sachen Kräuter „eingestellt". Eduars Temperatur war gestiegen und sein Unterarm sah gar nicht gut aus. Nach wie vor ließ er sich nicht von dem Hexer anfassen und alles was seine Gattin ihm brachte, weigerte er sich zu trinken. Alles, außer Schnaps.
Also hatte sie ein paar der Heilkräuter zu Pulver zerrieben und in seinen Becher Schnaps gerührt. Besser als nichts, hoffte sie. Eduar schlief stundenlang oder hing halb bewusstlos in den Kissen.
„Wohin damit?", fragte der lautlos neben Mireya erschienene Hexer. Er griff nach der Axt und schärfte die Klinge mit seinem Wetzstein. Dabei murmelte er etwas Unverständliches.
"Ihr müsst das nicht tun."
"Du solltest es nicht tun müssen." Er umfasste einen Stamm und zog ihn einfach so vom Stapel.
„In den Kellerraum, bitte", antwortete sie dankbar lächelnd und sah ihm eine Weile beim Holzhacken zu. Das geschmeidige Spiel seiner Muskeln faszinierte sie ungemein. Er geriet nicht einmal ansatzweise ins Schwitzen und Mireya fragte sich, wie ausdauernd Hexer waren. Immerhin hatte er ihren Wagen den restlichen Rückweg zu ihrer Hütte mehr oder weniger allein getragen und geschoben. Sie fragte sich ob er auch in allen anderen Bereichen so ausdauernd war und errötete prompt.
Woher kamen solche Gedanken plötzlich? Männer hatten sie bisher nicht sonderlich interessiert und nach ihrer Erfahrung, die sich auf Eduar beschränkte, Sex schon gar nicht. Trotzdem löste der Hexer etwas in ihr aus, was sie sonst nur aus schmutzigen Saufliedern kannte.
Unfassbar, wie schnell er den Stapel zerteilt hatte. Er lud sich die Arme voll und warf es nach und nach in den Keller. Als sie zusammen das gesamte Feuerholz verstaut hatten, inspizierte er die Schnapsbrennerei. Der Raum war mehr als ungeeignet dazu. Es existierte außer der Falltür keine Frischluftzufuhr und falls etwas schief ging, würde die ganze Hütte abfackeln.
„Lass mich raten, die Idee Deines Lieblings?", fragte er, auf die wackelige Vorrichtung deutend. Sie nickte nur.
„Bitte nennt ihn nicht so", bat sie leise und mühte sich mit einem halbvollen Fass ab.
„Wie nennst Du ihn denn?"
„Nicht Liebling", antwortete sie und lächelte gequält. „Wie nennt man Euch eigentlich?"
Er überlegte kurz, ob er ihr seinen Namen nennen konnte. Immerhin hatte sie seine auffällige Erscheinung bisher nicht erkannt. Also hatte sie entweder noch nie Kopfgeldplakate von ihm gesehen, oder es gab hier in der Umgebung keine mehr. Er hoffte wirklich, einfach in Ruhe gelassen zu werden. Er hatte genug von seinem Leben im Verborgenen und auch vom Kämpfen. Sogar Geralts Vorschlag, nach Kaer Morhen zu gehen, hatte er abgelehnt. Er wollte einfach niemandem aus seinem alten Leben mehr sehen. Noch ein kurzer Zwischenstopp hier und da, dann hatte er alles zusammen, um weiter gen Süden zu ziehen. Mireya sah ihn immer noch abwartend an und er beschloss, es zu riskieren.
„Letho."
Er beobachtete ihre Reaktion ganz genau. Auch sein Name schien ihr nichts zu sagen. Gut. Er genoss ihre Gesellschaft und arbeitete gern für eine deftige Mahlzeit und ein trockenes Lager für sie und mit ihr. Alles in allem war es ihm ganz recht, bis zum nächsten Neumond hier abzuwarten, statt jede Nacht woanders campen zu müssen. Es gab hier genug zu tun, um nicht rastlos zu werden und die Hausherrin war schön. Er betrachtete gern schöne Frauen. Ein winziger Teil in ihm beneidete den weißen Wolf um dessen Talent im Umgang mit Frauen. Er musste selten für Gesellschaft bezahlen. Die meisten Weiber wollten gar nicht mehr raus aus seinem Bett. In seinem Fall hingegen, sprangen sie nach getaner Arbeit sofort auf und rannten davon. Höchst erstaunlich, dass die Schöne bisher noch keinerlei Anzeichen für Furcht zeigte. Aber, wenn sie ihn als Königsmörder erkannte, würde sich das auf jeden Fall ändern.
„Letho", wiederholte sie. "Klingt fremd. Woher stammt Ihr?"
„Nicht von hier."
Sie akzeptierte, dass er nicht mehr Preis geben wollte und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Es war bestimmt besser, wenn nur ein bisschen was zu der angeforderten Menge fehlte.
„Bei den Göttern, was stimmt mit diesem Gaul nicht?", schrie Captain Fryhor den Kutscher des Lastwagens an. Einer der Zughengste wehrte sich immer wieder gegen die Zügel und Kommandos des Kutschers. Er brachte fast den Wagen zu Fall bis einer der Soldaten es endlich schaffte, den aggressiven Hengst zu bändigen. Der Kutscher sprang vom Bock und drosch mit einer Gerte auf den Rappen ein. „Der macht schon seit seiner Geburt Probleme, Sir." Fryhor kniff sich in die Nasenwurzel. Er war definitiv zu Höherem bestimmt. Nicht einmal die Packesel hatte diese Garnison im Griff. Zugegeben, es war auch keine besonders gute Idee, ausgerechnet einen ungezähmten Hengst auf so eine lange Fahrt mitzunehmen. Normalerweise lernten untrainierte Pferde von den erfahreneren. Dieser Gaul war entweder tollwütig oder einfach nur selten dämlich. Er schien einfach nichts lernen zu wollen. Fryhor beschloss, nach ihrer Rückkehr in die Garnison den Hengst schlachten zu lassen.
„Autsch!", Mireya steckte sich ihren Zeigefinger in den Mund. Verdammt nochmal, so konnte sie nicht arbeiten. Schnapsbrennen erforderte Konzentration und Ruhe. Sie gab es auf. Trotz der Mühe, die sie sich gab, würde sie die bestellte Menge niemals abgeben können. Eduar hatte sowieso schon maßlos übertrieben, als er, total betrunken, ihr Können in den Himmel gelobt hatte. Die Tatsache, dass man bestimmte Phasen der Brennerei nicht beschleunigen konnte plus der Tatsache, dass die Frage des Transportes noch nicht geklärt war, ließ Mireyas Hände zittern. Nilfgaarder waren nicht unbedingt für ihre Geduld bekannt. Verzweifelt unterdrückte sie ein Schluchzen.
Der Hexer hatte recht. Wieso blieb sie eigentlich bei Eduar? Bisher hatte er ihr nichts als Ärger eingebracht. Sie konnte hervorragend für sich selbst sorgen. Immerhin half Ed ihr nicht im Haushalt, beim Brennen, nicht einmal beim Holz machen. Bisher hatte er sich nur von ihr bedienen und mit Schnaps versorgen lassen.
Verdammt… wieso hatte sie ihn nicht schon längst verlassen? Glaubte sie ernsthaft, er würde sie im Falle eines Falles verteidigen? Gegen bewaffnete Banditen? Oder Soldaten? Im Gegenteil, oft genug hatte er in Tavernen, die sie belieferten, mit ihren Rundungen geprahlt und Bettgeschichten, die es nie gegeben hatte, erzählt, um die anwesenden Männer neidisch zu machen.
Ihr Blick glitt zweifelnd über die gefährlich schwankende Apparatur, die Eduar ihr hier unten im Keller notdürftig aufgebaut hatte. Hauptsache so schnell wie möglich viel Geld verdienen. Sogar die Sicherheit des winzigen Hauses war ihm egal. Auch da behielt der Hexer recht. Bei dem kleinsten Fehler würde ihr die Hütte brennen. Mireya seufzte. Tränen liefen ihre Wangen herunter. So hatte sie sich ihr Leben als junges Mädchen nicht vorgestellt. Sie war genügsam, brauchte nicht viel, um zufrieden zu sein. Sie wollte nur in Ruhe und Frieden leben. Am Dorfrand niederlassen und nur für sich und ihren Gatten oder eine kleine Familie sorgen. Nie hätte ihr jüngeres Ich erwartet, dass Eduar so eine schlechte Partie war. Klar, das romantische Geseier der Barden und frisch verliebter Jungfrauen, die schwärmerisch über die feschen Jünglinge tratschten, hatte sie noch nie für bare Münze genommen. Sie glaubte schon lange nicht mehr an Romantik oder Liebe. Fast alle jungen Frauen, mit denen sie aufgewachsen war, litten mittlerweile unter ihren Ehemännern. Sie wurden geschlagen und regelmäßig dazu gezwungen ihre Beine breit zu machen, mussten traumatisierte oder kriegsversehrte Veteranen pflegen oder standen ganz und gar ohne Gatten da. Was fatal war, denn es wimmelte nur so von Deserteuren und Gesindel, die nur allzu gerne hilflose Frauen raubten, die niemand vermisste oder suchte, um sie sich als „Ablenkung" von den Strapazen des alltäglichen Kampfes ums Überleben in Käfigen zu halten. So gesehen, hätte sie es schlechter haben können…
Sie zuckte heftig zusammen, als der Hexer, die Leiter ignorierend, zu ihr hinuntersprang. Schnell trocknete sie sich ihre feuchten Wangen mit ihrer Schürze ab und wandte sich ihm zu.
Er näherte sich ihr langsam. „Dein Typ ist bewusstlos. Wenn Du willst, kann ich seine Knochen richten."
Woher kam plötzliche dieses Helfersyndrom? Wurde er langsam weich? Irgendetwas an dieser Frau löste in ihm das Bedürfnis aus, es ihr leichter zu machen. Wie so ein beschissener „Jungfrau-in-Not-Ritter". Natürlich hatte er sofort gesehen, dass sie geweint hatte.
Sie erbleichte ein wenig und nickte zaghaft. Letho hielt ihr die Leiter fest, während sie hochstieg. Und zwang sich dazu, auf den Boden zu starren.
Als sie oben angekommen das aschfahle Gesicht Eduars erblickte, legte sich Mireyas Stirn in Sorgenfalten. Ihr Gatte glühte förmlich und sein Unterarm lag in einem merkwürdigen Winkel auf dem Bett. Unterhalb der Bruchstelle war das Handgelenk dick angeschwollen und Eduars dreckige Finger verfärbten sich bereits bläulich. Oh Götter, lasst ihn bitte nicht die Hand verlieren!
Mireya sah den Hexer fragend an.
„Ich ziehe die Knochen auseinander und Du schienst den Arm", erklärte er und deutete auf die Holzstangen, die er anscheinend extra dafür zurecht geschnitzt hatte. Mireya wusch sich ihre Hände und atmete tief durch, bevor sie dem Hexer zunickte. Letho setzte sich seitlich neben Eduar auf das Bett und vollführte eine merkwürdige Bewegung mit der Hand vor Eds Gesicht, was dessen Gesichtszüge entspannte. Er schien noch tiefer in die Bewusstlosigkeit zu sinken. Mireya hielt Stangen und Stoffbandagen bereit und sah fasziniert und leicht angeekelt zu, wie die kräftigen Hände des Hexers mit schraubstockartigem Griff langsam die verschobenen Knochen auseinanderzogen. Er drückte hie und da mit seinem Daumen, um die Bruchkanten von Elle und Speiche wieder an den richtigen Platz zu schieben. Fast sah es aus, als versuche er dem Verletzten die Hand abzureißen. Mireya war sich sicher, dass er es durchaus könnte. Letho nickte Mireya auffordernd zu und sie beugte sich über den ausgestreckten Arm des Hexers, um den Verband an zu legen. Eduar stöhnte lediglich kurz auf, wurde aber nicht wirklich wach. Mireya wickelte geschickt die Binden um den geschienten Arm, nicht ohne zu bemerken, dass der Hexer leicht seinen eigenen Arm wegdrehte, nachdem sie ihn ein, zweimal mit der Unterseite ihrer rechten Brust gestreift hatte.
„Genug", sagte er kurz und Mireya verknotete die Stoffbinden.
Letho erhob sich und setzte sich an den Tisch, der überladen mit verschiedenen Kräutern neben dem Herd stand. „Wenn das nicht hilft, schneide ich sie ab." Mireya war sich nicht sicher, ob er die Bandage oder Eduars Hand meinte.
„Sind alle Hexer Heiler?", fragte sie und setzte sich ihm gegenüber.
Er schnaubte verächtlich auf. Er und Heiler…
„Nein. Nur geübt."
Sie blickte zu der tiefen Narbe, die seine Stirn verunstaltete. „Harpyie."
Sie senkte den Blick in seine Katzenaugen. "Ihr müsst jung gewesen sein, so gespannt wie die Narbe ist."
Grauenhafte Erinnerungen an seine Ausbildung tauchten vor seinem inneren Auge auf. "Ich war ungefähr vierzehn", antwortete er und kratzte sich unbewusst an der Stirn.
„Sieht immer noch schmerzhaft aus", sagte sie und griff nach etwas Melkfett, was sie sonst für ihre geschundenen Hände benutzte. „Darf ich?"
„Die Narbe ist alt, Du machst mich nicht hübscher", antwortete Letho schulterzuckend, setzte sich aber, als sie aufstand, so hin, dass sie sich zwischen seine Beine stellen musste, um seine Stirn zu erreichen.
Was sie, sehr zu seiner Überraschung und Freude, auch tat. Sie bestrich die tiefe Narbe mit dem Fett und musste lächeln, als er wieder an ihr roch.
Er hatte die Augen geschlossen, die Unterarme auf die breiten Oberschenkel abgelegt und zwang sich mit aller Gewalt dazu, sein Gesicht nicht zwischen ihre Brüste zu drücken, die so direkt vor seine Nase einen unfassbar verführerischen Duft verströmten.
Sie massierte die straff gespannte Haut seiner Stirn und wunderte sich selbst über ihren Mut und ihren neu entdeckten Spaß am Flirten.
Verdutzt stellte sie fest: Ja, sie flirtete mit ihm. Alles, was sie tat, schien eine Reaktion in ihm auszulösen. Was ihr ausgesprochen gut gefiel. Eduar hatte selbst in den frühen Jahren ihrer Ehe nicht so stark auf ihre Zuwendungen reagiert. Sie zuckte ein wenig zusammen, als Letho plötzlich die Augen öffnete und den Kopf drehte, um besser nach draußen horchen zu können.
Er packte sie unsanft an den Hüften, schob sie ein Stück weg und richtete sich auf, die Fäuste geballt. „Soldaten."
