A/N: Ich habe es nochmal geändert. Ich hoffe jetzt ist es besser. Danke für die konstruktiven Vorschläge.

Letho hatte seine Rüstung und die meisten seiner Waffen im angrenzenden Wald versteckt und kehrte nun wieder zu Mireya zurück ins Haus. Er konnte sie nicht mit den garantiert wütenden Männern allein lassen. Er wickelte sich den Rest des Verbandes um die Augen und zog die Kapuze tief ins Gesicht. Fast blind zu sein und sich rein auf seine Hexersinne verlassen zu müssen, hatte er in seinen Zeiten als „verkrüppelter Mönch" zur Genüge üben können. Das Risiko von einem der Soldaten erkannt zu werden, war einfach zu groß. Nachdem er Mireya über seine Rolle als ihr schwachsinniger Verwandter instruiert hatte, setzte er sich an den Tisch und zupfte konzentriert an einem Sträußchen Kamille herum. Dabei wiegte er leicht seinen Oberkörper vor und zurück und summte in langsamer Abfolge immer wieder den ein und selben tiefen Ton. Seiner Erfahrung nach beachteten gesunde Menschen Verrückte nach einiger Zeit nicht mehr. Und Mireya wohnte weit genug entfernt von auskunftsfreudigen Nachbarn, die man nach ihm hätte fragen können.

Spätestens, als Mireya das metallische Klirren der Rüstungen hörte, verdrängte der scharfe Geruch nach Angst ihren sonst so angenehmen Duft. Sie stand in der Haustür und knetete nervös ihre Schürze mit beiden Händen.

Captain Fryhor befahl drei seiner Männer den Stall und die Umgebung zu inspizieren. Er selbst sprang von seinem Pferd und stampfte wütend ins Haus. Mireya schluckte hörbar. Sie war vor dem Captain in voller Rüstung zurückgewichen und positionierte sich neben Eduars Bett. Sie deutete auf dessen Arm und berichtete unaufgefordert von dem Angriff der Monster, ließ allerdings den Teil, den der Hexer dazu beigetragen hatte, aus.

„Während sie meine arme Milli fraßen, konnte ich nachhause rennen. Mein blinder Vetter hier half mir dann am nächsten Morgen Eduar und unseren Wagen zurück zu schaffen. Er ist zwar nicht besonders schlau, aber sehr stark, wie Ihr sehen könnt", beendete sie ihren Bericht und ihr „Cousin" begann, wie um ihre Worte zu bestätigen, am Stängel einer Kamille zu kauen. Mireya nahm es ihm schnell aus der Hand und gab ihm einen strafenden Klaps auf seine nun leere Faust. „Du sollst nicht immer alles in den Mund nehmen!"

Der Gescholtene zog geräuschvoll seine Nase hoch und spuckte eine beachtliche Menge Rotz und zerkaute Pflanzenreste einfach neben sich auf den Boden. Das sollte reichen, um die Soldaten auf Abstand zu halten.

Fryhor verzog angewidert sein Gesicht und rief zwei seiner Männer herein. Mireya spürte Lethos warme Handfläche an ihrem Oberschenkel. Er schob sie leicht zur Seite, wohl damit sie im Falle eines Angriffs nicht zwischen ihm und dem Captain stand.

„Schafft den Schnaps in den Wagen", sagte Fryhor auf die Falltür deutend. Als Mireya erkannte, dass sie sämtliche Fässer aus dem Keller holten, versuchte sie dem Captain zu erklären, dass sie keine andere Einnahmequelle hatte und schließlich auch Zutaten und neue Fässer kaufen müsse. Vom kaputten Wagen ganz zu schweigen. Fryhor setzte ein lüsternes Grinsen auf und legte Mireya seinen Zeigefinger über die Lippen. „Schsch", beruhigte er sie und strich mit dem Zeigefinger an ihrem Kinn, Kehle und schließlich seitlich an Mireyas Brust entlang. Sein Mund näherte sich ihrem Ohr und sie spürte förmlich, wie sich die Aura des Hexers verdunkelte. „Du findest bestimmt einen Weg, Geld ranzuschaffen", raunte er ihr zu und Mireya stieg Zornesröte ins Gesicht. Fryhors schlechter Atem trieb ihr fast die Tränen in die Augen, oder lag es an seinem Spott? Sie trat wie Schutz suchend hinter ihren „Vetter". Dieser schob sie erneut zur Seite. Draußen brach ein wenig Tumult aus. Der Rappe machte wieder Ärger. Fryhor schien es nicht zu bemerken, oder ignorierte es geflissentlich. Der Hexer begann mit einem Fingernagel am Tisch zu kratzen. Fryhor lachte verächtlich auf. „Wie süß. Versteckst du dich hinter diesem Trottel? Dem trieft die Dummheit doch schon aus der Fresse. Als ob…"

Der "Trottel" erhob sich plötzlich ruckartig. Sein Stuhl fiel laut klappernd zu Boden und auch Mireya sprang erschrocken zur Seite. Fryhor griff reflexartig nach seinem Schwert. Der Hexer richtete sich zu seiner vollen Größe auf und Fryhor erbleichte. Dieser Gigant überragte ihn mindestens um eineinhalb Fuß. Fryhor verfluchte sich selbst. Hier in der beengten Hütte war sein Schwert nutzlos und einen Faustkampf hier drin würde selbst er, der jeden Kameraden in der Garnison mehrfach bezwungen hatte, gegen dieses bullige Vieh verlieren. Draußen versuchten sie den Hengst mit Schlägen gefügig zu machen. Einige der Männer hatten bereits ebenfalls ihr Schwert in der Hand. Fryhor grunzte verblüfft, als er unsanft zur Seite geschoben wurde. Der Trottel stapfte leicht humpelnd zielgerichtet auf den dem Hengst am nächsten stehenden Soldaten zu, postierte sich direkt zwischen ihn und den Kopf des Tieres und fuchtelte vor den angstgeweiteten Augen des Gauls herum. Erstaunlicherweise beruhigte der Hengst sich sofort. Mit seinen klobigen Pranken griff er nach dem Zaumzeug und zog es rechts und links auseinander. Die Muskeln der haarigen Arme traten weit hervor und mit einem lauten Ratsch riss der Schwachsinnige das verstärkte Leder der Trensenhalterung durch. Einfach so. Fryhors Männer wichen allesamt vor dem Muskelprotz zurück und blickten ihren Captain fragend an. Der jetzt ruhige Gaul wurde in aller Ruhe vom Zuggeschirr befreit und in den Stall geführt. Dort tastete der Blinde unbeholfen so lange herum, bis er alles gefunden hatte, was er brauchte und summte wieder diesen monotonen Ton, während er mit langen Strichen das Fell des Rappens striegelte.

Fryhor, der sich als erster von seinem Schreck erholt hatte und sah seine Männer strafen an. Diese sahen ob ihrer Feigheit beschämt zu Boden, während Fryhor sich wieder an die Nasenwurzel fasste. Doch dann winkte er ab und wandte sich wieder der Hausherrin zu.

„Gleich und gleich gesellt sich gern, was? Leg drei Fässer drauf und behalte den tollwütigen Gaul vorerst. Bring ihn mitsamt dem restlichen Schnaps in einem Monat zur Garnison zurück sonst zieh ich persönlich dich an den Haaren zu meinem Kommandanten und glaub mir, er lässt dich deine Schulden abarbeiten. Hast du mich verstanden?"

Er notierte sich gedanklich, dann ein paar Armbrustschützen für den Schwachsinnigen mitnehmen zu müssen. Diese Männer hier waren offensichtlich nutzlos, so tatenlos, wie sie den Trottel hatten gewähren lassen. Mireya nickte kurz und ließ sich auf die kleine Bank fallen.

Ein Monat. Für mindestens acht Fässer Schnaps. Unmöglich.

Als die Soldaten abgezogen waren und Mireya sich beruhigt hatte, betrat sie zögernd den Stall. Der Rappe war immer noch ruhig und schien die lange überfällige Fellpflege zu genießen. Sie lehnte sich an die Holzwand und ließ sich eine Weile vom Summen des Hexers einlullen. Das Fell des Hengstes wies einige Lücken und seine Haut zahlreiche Narben auf, als würde er sein ganzes Leben lang schon geschlagen werden. Der Hexer hatte nach wie vor die Augenbinde an und die Kapuze tief im Gesicht. Sie war sich sicher, dass die Blindheit ihn nicht so sehr behinderte, wie er vorgespielt hatte. Sie berührte geistesabwesend die Stelle ihres Oberschenkels, an der er sie zur Seite geschoben hatte und erinnerte sich an das Gefühl seiner Hand auf ihrer Haut und was das in ihr ausgelöst hatte. Fast beneidet sie den Hengst, der noch viel mehr in den Genuss der warmen Hände des Hexers kam. Plötzlich spürte sie genau eine solche Hand an ihrer Schulter und erschrak ein wenig. Scheinbar war sie so tief in Gedanken versunken, dass sie sein Nähern nicht bemerkte und auch nicht mitbekommen hatte, dass es inzwischen still im Stall geworden war. Sie zwang sich zu lächeln. „Ihr könntet als Schauspieler arbeiten", sagte sie, nachträglich von seiner kleinen Show beeindruckt.

„Nicht wirklich", antwortete er und trat noch ein wenig näher an sie heran. Wie von selbst fasste sie nach seinem Verband und versuchte den Anfang der Stoffbandage zu finden. Er beugte sich zu ihr hinunter, damit sie an den Knoten hinter seinem Kopf kam. Sie spürte seinen warmen Atem direkt auf ihrem Scheitel. Er atmete ein paarmal tief ein. „Mhm. Du riechst gut." Sie hob ihren Kopf und versuchte seine Augen durch das Band zu erkennen. Er neigte seinen Kopf und prüfte erneut die Luft. Einer seine Sinne beraubt musste er sich wohl besonders auf seinen gesteigerten Geruchssinn verlassen und Mireya hoffte inständig, dass sie nicht so schmutzig roch, wie sie sich nach dem Besuch der Soldaten fühlte. Offenbar schien das nicht der Fall, denn das Gesicht des Hexers näherte sich noch ein kleines bisschen. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihre Lippen, fast...

"Mireya, schaff Deinen fetten Hintern hierher!"

Aufkeimende Wut und Scham über die dreisten Worte ihres Gatten trieben ihr erneut die Zornesröte ins Gesicht. Der Moment war zerstört und sie stürmte an dem Hexer vorbei zurück ins Haus.

Letho richtete sich wieder auf und entfernte selbst die Augenbinde. Er blinzelte einige Male ins grelle Sonnenlicht, bevor er ihr hinterher sehen konnte. Sie sah angepisst aus, wie sie forschen Schrittes ins Haus stapfte.

Fast hätte er sie geküsst, doch Eduars Schrei nach seiner Frau kam ihm dazwischen. Sie konnte gar nicht schnell genug zu ihrem Gatten kommen. Soweit er hören konnte, geigte sie ihm gerade ordentlich die Meinung. Woraufhin ihr Göttergatte seine Taktik änderte und Letho verzweifeltes Gestammel von: "Aber ohne Dich bin ich verloren" und "ich kann doch nichts dafür, dass es mir so schlecht geht" vernahm.

Letho seufzte. Er musste dringend meditieren. In ihm brodelte Wut wegen des Captains, der sie angefasst hatte und seines eigenen, unglaublich starken Verlangens, es ihm gleich zu tun. Noch dazu dieser nervige Ehemann, der Mireya auch noch beanspruchte. Letho war auf alles und jeden eifersüchtig. Sein eigenes Verlangen nach der wohlgerundeten Frau wuchs, je mehr Männer sie ungefragt antatschten. Letho knurrte fast, als er sah, wie Eduar laut schluchzend seine Gattin zu sich aufs Bett zog und sich von ihr trösten ließ. Er hatte solch starke Schmerzen und ihm ging es ja so fürchterlich. Letho rammte eine Faust in die Stallwand, was lediglich dazu führte, dass der mühsam beruhigte Hengst schnaubte und mit Staub berieselt wurde. Verdammt. Er musste wirklich meditieren.