Kapitel geändert an 8.6.2020
Mireya half ihrem Gatten in eine frische Tunika, was durch die Holzstangen nicht gerade einfach zu bewerkstelligen war. Sie wollte nur ungern die Ärmel aufschneiden. Sie besaß kaum noch Haushaltsgeld - erst recht nicht für solchen Luxus wie neue Kleidung – und wo Eduars Ersparnisse versteckt waren, wusste sie nicht. Natürlich verwaltete der Herr des Hauses das Geld, schließlich führte auch er die anstrengenden Verhandlungen mit den Kunden. Für die lästigen Einkäufe der Zutaten war allerdings seine Frau zuständig. Außerdem musste sie neue Fässer heranschaffen und den Wagen reparieren lassen. Blöd, wenn der eigene Gatte schon immer der beste Kunde war und sie deutlich weniger Einnahmen hatten, als möglich gewesen wäre. Sie lebten zwar noch nicht sehr lange in Weißgarten, aber Mireya war durchaus beliebt. Sie war zuverlässig, lieferte pünktlich, kaufte die Zutaten auf dem obstüberfluteten Markt zu fairen Preisen und veredelte ihren daraus gewonnenen Schnaps mit magenschonenden Kräutern.
„Dieser Freak wird Dich nicht begleiten! Auf keinen Fall! Ist mir gleich, wie Du an ein neues Wagenrad kommst. Du musst Deinen Arsch hinhalten, wenn Du die Abgaben nicht rechtzeitig schaffst!", zischte Eduar seine Gattin an. Offensichtlich hatte er seinen Anflug von verzweifelter Hilflosigkeit überwunden. Mireya blinzelte ungläubig und brach ihre Hilfestellung sofort ab. Sie trat einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften. Ihr Blick wurde streng und ihre Empörung wuchs schlagartig. „Wenn ICH die Abgaben nicht rechtzeitig schaffe? Hast nicht DU diese völlig hirnrissige Menge versprochen?" Langsam riss ihr der Geduldsfaden. Sie legte eine Hand über ihr Herz. „Ich kann das nicht allein machen, bei den Göttern, Eduar! Glaubst du ernsthaft, ich könnte ein Wagenrad tragen?" Mireya schüttelte den Kopf. „Sieh Dir den Hexer doch mal an, ER konnte den Wagen allein hierherschieben, weißt Du nicht mehr?" Eduars Gesicht verfinsterte sich noch mehr. „Auf. Keinen. Fall. Wird. Er…" Mireya streckte ihm abwehrend die Handflächen entgegen und stapfte wütend davon. Männer! Außer Geifer und hirnloser Sturheit schien es nichts zu geben.
Um sich zu beruhigen hing sie das frisch gewaschene Bettzeug auf die Leinen, die der Hexer neu für sie zwischen dem kleinen Stall und dem Haus gespannt hatte. Ihre Emotionen schlugen Purzelbäume. Da bekam sie endlich die Unterstützung bei ihren alltäglichen Aufgaben, die sie sich wünschte, ausgerechnet von dem von dem Typ Mann, der so weit von einem anständigen Ehemann entfernt war, wie es nur ging. Von dem Typ, vor dem sie eigentlich Angst haben sollte. Der sie abstoßen sollte. Der sie innerlich vollständig durcheinander schüttelte. Sie spürte die körperliche Anziehung, was ihr zwar gefiel, aber immer deutlicher auch für Eduar wahrnehmbar war, was ihr ein schlechtes Gewissen bescherte. Sie war bisher trotz der merkwürdigen Vorstellung ihres Vaters von Erziehung anständig durchs Leben gegangen und würde sich jetzt nicht wie eine Schlampe aufführen, kaum, dass ihr Gatte außer Gefecht gesetzt war. Eduars Zustand hatte sich ein zwar ein wenig verbessert, aber da er in den kurzen Momenten, in denen er draußen auf der Bank saß, statt im Bett zu liegen, den Hexer besser beobachten konnte, verschlechterte sich seine Laune umso schneller. Dass der Mutant jeden Starrwettbewerb gewann, trug einiges zu seiner schlechten Laube bei. Er wechselte zwischen Aggressivität, Verzweiflung, Hilflosigkeit und weibischem Gejammer über seinen schlechten Zustand und hatte immer noch Fieberträume, während denen Mireya ihn fest im Arm hielt, damit er sich nicht wieder die Hand verletzte. Immerhin verheilte der Bruch gut. Seine Hand sah wieder rosiger aus und er musste sich nicht mehr den ganzen Tag mit Schnaps betäuben. Nicht, dass er etwas dagegen gehabt hätte. Sie könnte schreien vor Wut. Wer hätte gedacht, dass sie die normalerweise wöchentlich stattfindenden Fahrten zur Taverne und Garnison einmal vermissen würde.
Krachende Äste und schwere Schritte lenkten Mireyas Aufmerksamkeit Richtung Kräutergarten und sie streckte ihren Kopf zwischen zwei Bettlaken hindurch. Der Hexer kam mit einem fast ausgewachsenen Rehbock auf seinen Schultern von seiner Jagd zurück. Ob er ihn mit seinen Wurfmessern erlegt hatte? Mireya hatte nie andere Waffen gesehen, als die mit denen er sie vor den Monstern gerettet hatte. Seine Schwertscheiden blieben leer und er besaß auch keinen Bogen oder eine Armbrust oder ähnliches, was ihm die Jagd mit Sicherheit erleichtert hätte. Eduar besaß so etwas auch nicht, bisher bekamen sie ihr Fleisch über einige wenige Hasenfallen, die Mireya aufgestellt hatte, oder eben im Austausch gegen Schnaps in Weißgarten. „Wird auch Zeit, wir füttern Dich hier nicht umsonst durch", giftete Eduar den Hexer an und erntete einen strafenden Blick von seiner Gattin. Und einen mörderischen von dem Hexer. „Hohes Ross, dünnes Eis", knurrte er und Mireyas Nackenhaare richteten sich auf. Letho wandte sich ihr wieder zu und blieb ein paar Schritte vor ihr und der sauberen Wäsche stehen. „Wohin damit?", fragte er, ein wenig außer Atem. Mireya überlegte. Hasen oder ähnlich kleine Tiere nahm sie normalerweise auf dem Küchentisch aus, aber der weit größere Bock würde dort weder drauf passen, noch hatte sie große Lust, den Hüttenboden mit Blut zu tränken. Ihr fiel der große Felsen zwischen Ihrer Hütte und der Grotte ein. „Kommt", bat sie den erfolgreichen Jäger und führte ihn zu dem Findling. Sie legte ihre Schürze ab und breitete sie auf der fast ebenen Oberfläche aus. Letho legte den Bock darauf und ließ ein wenig seine strapazierten Schultern kreisen. Erstaunt stellte Mireya fest, dass das Genick des Tieres gebrochen war. Er hatte ihn mit bloßen Händen gefangen und erlegt. Letho sah ihren Blick und zuckte mit den Schultern. „Gegen den Wind anschleichen, Geweih packen und den Hals umdrehen. Kein großes Ding…", erklärte er beiläufig, während er statt einer seiner vielen Waffen, die an ihm befestigt waren, ein altes Klapptaschenmesser aus dem Stiefel zog. „Für Euch vielleicht nicht", sagte sie und schenkte ihm ein bewunderndes Lächeln. Er sonnte sich einen Moment darin. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen wiesen ein Feuer auf, als hätte sie mit ihrem Ehemann gestritten. Letho wandte sich seiner Arbeit zu und begann den Rehbock aufzubrechen. Die Eingeweide warf er weit von sich und wollte sich dem Fell widmen, als Mireya die Hand auf sein Handgelenk legte. „Ihr dürft nicht auf ihn hören. Ihr tut sehr viel für mich und ich bin Euch wirklich sehr dankbar." Ihre warmen Worte zu hören, ließ seinen eigentlich eher langsamen Puls in die Höhe schnellen. Ganz zu schweigen von dem Kribbeln seines Handrückens, das ihre kleine, vom vielen Waschen noch immer verschrumpelte Hand auf seiner groben Pranke verursachte. Mireyas Blick huschte über seine blutverschmierten Unterarme zu den beiden kunstvoll gearbeiteten Griffen der Klingen, die sich über seinem Waffengürtel kreuzten. „Wo habt Ihr die erstanden?", fragte Mireya und zog einen der auberginefarbenen Dolche aus dem Halfter. „Vorsicht", warnte er noch, doch sie berührte bereits die Klinge und strich sogar darüber. Sie ließ die Waffe vor Schreck fallen und zischte. Ehe Letho realisierte, was er tat, packte er ihre Hand, schob ihren Zeigefinger in seinen Mund und saugte das Blut aus dem haarfeinen Schnitt, den sie sich zugezogen hatte. Mireya war etwas blass geworden, was nur noch deutlicher zeigte, wie sich ihre Wangen nun röteten. Ihre Lippen öffneten sich leicht und ihre goldbraunen Augen glühten förmlich. Ihr war nicht bewusst, wie unglaublich verführerisch sich warme Lippen vor allem an der Haut zwischen den Fingern anfühlten. Ihre Knie wurden zu Gummi. Sie schluckte schwer und stützte sich mit der anderen Hand am Felsen ab. Er behielt ihren Finger etwas länger als unbedingt nötig gewesen wäre in seinem Mund, zog ihn aber doch irgendwann heraus, drehte sich weg und spuckte ihr Blut auf den Boden. „Leichengift. Ich habe sie zwar gereinigt, aber deine Hände bevorzuge ich gesund", erklärte er ruhig und inspizierte die kleine Wunde. Seine schwieligen Hände betasteten an verschiedenen Stellen ihre Haut, scheinbar um die Temperatur zu prüfen. Sie bekam am ganzen Körper Gänsehaut und ein wohliges Gefühl kribbelte in ihrem Bauch. Der Wind drehte und wehte ihm einen Schwall Pheromone, die ihr Nacken verströmte, ins Gesicht. Überrascht blickte Letho in ihre Augen, die sich leicht verdunkelten. Wie gereifter Honig, dachte er und hatte den erlegten Rehbock längst vergessen. Da der Wind gedreht hatte, bemerkte er das Rudel Wildhunde erst, als er deren zähnefletschende Knurren hinter sich vernahm.
