Kapitel geändert am 8.6.2020
Mireya presste sich die Hand vor den Mund, um nicht laut zu schreien. Der Hexer stieß mit einer Art Druckwelle den Rehbock vom Felsen und hob sie auf dessen blutbesudelten Platz. Sofort machten sich ein paar der Wildhunde über die sorgsam ausgeweidete Beute her. Was für eine Verschwendung… Letho hatte einen seiner Dolche in der Hand und Mireya sah gebannt zu, wie er in die Hocke ging, seine Handfläche Richtung Boden streckte und einen Kreis aus kleinen lila Flammen um sie herum beschwor. In dessen ungefährer Mitte Mireya auf dem Felsen stand. Der Findling war blutgetränkt und lange nicht hoch genug, um ihr vollständig Schutz zu bieten, aber mehr Möglichkeiten gab es hier nicht.
Ein kurzes Heulen in unmittelbarer Nähe diente als Startschuss für den Angriff. Von mehreren Seiten stoben Wildhunde aus dem Gebüsch, hier und da auch ein zotteliger Wolf. Merkwürdig. Mireya hatte noch nie gehört, dass sich Wölfe und tollwütige Hunde zu einem Rudel zusammenschlossen. Zähnefletschend griffen die Tiere an, Geifer tropfte von ihren Fängen. Der durchdringende Blutgeruch machte sie wild. Mit Schrecken erkannte Mireya einen riesigen, rotbraunen Wolf, der sich das Schauspiel zunächst aus sicherer Entfernung ansah. Als ob er die Kampftaktik des Hexers ausloten wollte. Doch war das nur ein gewöhnlicher Wolf? Das Biest war viel größer und wuchtiger, ebenso schien sein Verhalten intelligenter. Der Hexer hatte Mühe alle Angreifer, die durch den lila Ring brachen, gleichzeitig zu erwischen. Trotz der Verlangsamung, die die Bewegungen der Tiere grotesk entschleunigten, stellte die schiere Größe des Rudels die größte Herausforderung dar. Mireya sah sich umgeben von Geifer-spritzenden Fängen, wütendem Knurren, durchdringend heulender Schmerzensschreie von allen, die der Hexer erwischte und den kurzen „Kommandos" des Alphawolfes.
Lethos Kräfte – sowohl magischer als auch muskulärer Art - schwanden langsam. Selbst er war nicht unbesiegbar. Yrden half ihm zwar dabei, die Geschwindigkeit des Angriffs zu reduzieren, aber die Anzahl der Gegner war hoch. Noch nie hatte er ein auf die Art gemischtes Rudel gesehen. Er vermutete etwas Unnatürliches dahinter, denn niemals würden sich die vorsichtigen, stolzen Wölfe mit räudigen, tollwütigen Kriegshunden verbünden. Seine Annahme wurde bestätigt, als er den riesigen, rotbraunen Warg erblickte, der sich in aller Ruhe das Kampfgeschehen ansah. Letho schleuderte mehrere Igni-Feuerkugeln in alle Richtungen, aber die Wölfe waren wie hypnotisiert. Ihre Schmerzen und ihr verbrennendes Fell ignorierend stürzten sich zwei von ihnen auf Mireya und Letho verlor fast den Verstand vor Wut. Sechs der größten Wildhunde schafften es ihn einzukesseln und trieben ihn vom Felsen weg. Die aufgestaute Wut der letzten Tage entlud sich vulkanausbruchartig. Seine Klingen durchschnitten Fell, Sehnen, sogar ein Ohr oder eine Pfote hieb er einem der Tiere ab, doch sie schoben ihn langsam immer weiter weg von ihrer leichteren Beute.
Mireya trat mit all ihrer Kraft nach den wutschäumenden Schnauzen ihrer Angreifer. Jaulend zogen sie sich ein kleines Stück zurück, nur um dann mit noch mehr Schwung heranzustürmen. Einer schaffte es schließlich zu ihr auf den Felsen zu springen und versenkte seine Fänge im fleischigsten Teil von Mireyas linkem Oberschenkel. Sie schrie schmerzerfüllt auf und wurde zu Boden gerissen. Ein weiteres Paar Reißzähne zerriss ihr Leinenkleid an der Schulter und bescherte bis ihr unterhalb ihres Schlüsselbeins tiefe Kratzer. Mireya wurde schwarz vor Augen, die Wunde an ihrem Oberschenkel, in den sich immer noch der Wolf verbissen hatte, blutete stark. Verzweifelt fasste sie nach der Schnauze des Wolfes, der ihr Bein malträtierte, doch es war hoffnungslos. Sie schaffte es nicht, die glitschigen Kiefer zu fassen, auch ihre Tritte gegen die Flanke des Tieres blieben wirkungslos. Der Wolf hatte seine Fänge regelrecht verkeilt und stemmte seine Hinterläufe in den durch ihr Blut matschig gewordenen Boden. Mit Entsetzen erkannte Mireya, dass er versuchte sich ein großes Stück Fleisch herauszureißen. Panik und Übelkeit stieg in ihr auf.
Das war also ihr Ende? Ernsthaft? Sie endete als Köterfutter?!
Letho atmete schwer. Wie zum Geier konnten die so nah an ihn ran kommen, ohne, dass er sie bemerkt hatte… Um ihn herum ließen sich bereits Raben nieder, die sich an den getöteten Tieren laben wollte. Schweiß- und blutüberströmt wandte er sich Mireya zu. Er zögerte kurz. Er konnte den Wolf nicht einfach töten, die Gefahr, dass er im Todeskampf krampfhaft zuckend Mireyas Oberschenkel zerfetzte war zu groß. Also ging er auf den Wolf zu – ein Männchen, wie er zufrieden feststellte - und trat ihm mit voller Kraft von hinten zwischen die Beine. Er wünschte sich seine Stahlschienen, die normalerweise seine Schienbeine schützten, herbei, doch die hatte er aus Bequemlichkeit nicht angelegt. Normalerweise führte so ein kräftiger Tritt dazu, dass ein Tier seine Beute losließ, sich umdreht und versucht, nach dem Täter zu schnappen. Dieser unter einem Art Bann stehende Wolf winselte lediglich und verlor seinen Halt im matschigen Boden, doch Mireyas Bein ließ er nicht los. Sie war sehr blass und er erkannte an ihrem trüben Blick, dass sie kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Letho positionierte sich von hinten über dem Wolf und bohrte seine kräftigen Finger zwischen das Gebiss und Mireyas bleiche Haut. Er schaffte es, die Kiefer des Wolfes zu fassen. Endlich riss er den Kopf des Wolfes mit einem kräftigen Ruck und lautem Knacken auseinander und schleuderte den Kadaver zur Seite. Mireya verspürte sofort Erleichterung, als der Druck der Wolfszähne ihr Bein verließ, doch das führte auch dazu, dass ihre Wunde noch stärker blutete. Eine Ader musste verletzt sein. Sie stöhnte auf und versuchte die Fluten ihres Lebenssafts zu stoppen.
In Windeseile schnallte der Hexer seinen Gürtel los und schnürte ihr Bein ab. Dann nahm er Mireya auf seine Arme und rannte zur Hütte. Er spürte den wütenden Blick des Wargs, dessen gesamtes Rudel er vernichtet hatte, in seinem Rücken.
„EDUAR!", dröhnte die Stimme des Hexers. Eduar trat mit überraschtem Blick hinaus und starrte den Hexer, der seine blutüberströmte Gattin wie eine Braut ins Haus trug mit zunehmender Wut an. Der Hexer befahl ihm Wasser und alles an Heilkräutern, was er finden konnte, zu holen. Eduar starrte ihn ungläubig an, als der Hexer begann, seine behutsam auf den Tisch gebettete Mireya auszuziehen.
„Das waren Wölfe, ihre Wunden hier oben müssen gereinigt werden, Wolfsbisse sind…"
Eduar schnitt ihm das Wort ab.
„Nimm deine Finger von meiner Frau!", brüllte Eduar den bulligen Hexer an. Letho schuppste ihn kräftig zur Seite, was dazu führte, dass der Gatte ins Bett plumpste. Der Hexer entfernte immer mehr und mehr blut- und speichelgetränkte Stofffetzen von der Verletzten. Als sie nur noch in ihrer schmutzigen Unterwäsche vor ihm lag, schluckte er schwer. Weder das schmale Burstband noch die winzigen Leinenunterhosen schafften es, ihre weibliche Blöße hinreichend zu bedecken. Letho konnte sowohl dunkle Kreise unterhalb ihres Brustbanden erkennen als auch das dunkle Dreieck, das sich unter ihrem…
„Hör endlich auf sie anzustarren!", keifte Eduar und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er reichte dem Hexer gerade mal bis zur muskelbepackten Schulter.
„Ich sag es Dir nur einmal. Wenn ich ihre Wunden nicht versorge, verblutet sie. Hol. mir. sofort. Wasser!"
Die tiefe Stimme des Hexers klang drohend. Eduars Adamsapfel wackelte auf und nieder, als er seine aufkeimende Angst runterschluckte. Dieses Monster von einem Mann ließ seine eigene Wut immer wieder hoch kochen. Tagelang hatte er, Eduar, es geschafft, dieses Vieh zu ignorieren. Tagelang hatte er es geschafft, sich einzureden, die ach so tolle Hilfe, die der Hexer seiner faul gewordenen Mireya leistete, auch ihm, Eduar, diente. Aber mittlerweile hatte er die Schnauze voll davon, dieses gefräßige Vieh durchzufüttern. Wenigstens schien der keinen Gefallen an Schnaps zu haben. Als Der Hexer den Gürtel von Mireyas Bein lockerte, um die Durchblutung des bläulich gewordenen Körperteils wieder zu erlauben, fing Eduar doch an, sich zu bewegen. Aus zahlreichen Löchern rann so viel Blut, dass bereits der gesamte Tisch hellrot wurde. Er verfluchte den Hexer. Wenn seine Gattin das nicht überlebte, würde der Hexer dafür büßen müssen. Er hatte ja keine Ahnung, wie schwer es heutzutage war, an guten Schnaps zu kommen…
