Mein Letho ist nicht mehr lange so seicht, keine Sorge, das ändert sich hin und wieder und eine Erklärung dazu kommt auch noch. -Manti
Kapitel geändert am 8.6.2020
-Tränenüberströmt stand Mireya vor der frisch aufgehäuften Erde, gekrönt von einem liebevoll geflochtenen Blumenkranz, bestehend aus rotem Mohn, den ihre Mutter immer so geliebt hatte und drückte ihre abgespielte Stoffpuppe fest an sich. Die letzte Puppe, die ihre Mutter vor Jahren für sie gefertigt hatte. Leise weinend sank sie auf die Knie, strich zärtlich über die Stelle, unter der sie den Kopf vermutete und strich auch über den kleineren Kranz, den sie aus Vergissmeinnicht geknüpft hatte. Sie hatte sich so sehr auf einen kleinen Bruder gefreut. Obwohl er es war, der den zarten Leib ihrer Mutter zerrissen hatte, trauerte sie auch um ihn. Schluchzend sah sie hinüber zum großen Steinhaus, in dem ihr Vater seinen Geschäften nachging. Seine Hilfskräfte verluden mannshohe Fässer auf große Karren oder lungerten herum und lachten über irgendwelche Witze. Das alltägliche Leben ging offensichtlich weiter, während sie selbst sich nicht vorstellen konnte, ohne ihre Mutter auch nur einen Tag zu überleben. Ihre Mutter war wie Sonnenschein gewesen. Licht und Wärme in der Dunkelheit des Kellers, in die ihr Vater sie oft zwang, damit sie „etwas beitrug". Sie hasste den Lebenswandel ihres Vaters. Ständig liefen fremde, dreckige und besoffene Männer durch ihr zuhause. Und je älter und reifer sie wurde, begannen sich einige nicht mehr nur für den Alkohol ihres Vaters zu interessieren. Seit ihres Erblühens traute sie sich kaum noch alleine irgendwohin. Ihre Mutter hatte die Lüstlinge oft zur Rede gestellt, wenn sie Mireya Angst einjagten, doch das war jetzt für immer vorbei. Einzig die rechte Hand ihres Vaters, Eduar, ein großer, bärtiger Mann, betrachtete sie noch, ohne dass ihm Sabberfäden aus den Mundwinkeln hingen. Er war es auch, der ihr Wasser und kleine Mahlzeiten hinunter in den Keller brachte, wenn sie arbeitete. Ihre Aufgabe bestand größtenteils darin, die großen Kessel zu reinigen, denn einzig sie war noch klein genug, dort hinein zu schlüpfen und alles kräftig mit Schwämmen und Bürsten zu schrubben. Die schwere und doch langweilige Arbeit versetzte sie immer in eine Art Tagtraum. Darin malte sie sich ihre Zukunft aus, die rein gar nichts mit Kellern, Schenken, Schnaps oder ihrem Vater zu tun hatte.
Sie erhob sich und strich ihre Schürze glatt. Dann ging sie zu einem Regenfass, klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht und ging langsam wieder zurück ins Haus. Die Tür wurde aufgestoßen und hätte sie fast umgeworfen. Ihr Vater sah wütend aus.
„Wo zum Geier bleibst Du denn? Wer essen will, muss auch arbeiten! Und Du, Töchterchen, isst weit mehr, als Du arbeitest."
Sein Blick wanderte abfällig an ihrem Körper hinunter, der anderen Dreizehnjährigen weit voraus entwickelt war. Mireya legte vor ihrem Bauch die Hände zusammen. Dabei sah ihr Vater die Puppe und schnaubte verächtlich auf. Er streckte die Hand fordernd aus. „Bist Du nicht langsam zu alt für Spielzeug?"
„Mama hat sie für mich gemacht", flüsterte sie obwohl sie wusste, dass die Antwort ihm nicht gefiel.
Sein Blick verfinsterte sich und er riss ihr ungeduldig die Puppe aus der Hand. Er warf sie weit von sich und herrschte sein einziges Kind an. „Es gibt auch andere Möglichkeiten, Deine Hände zu beschäftigen!" Mireya war sich nicht sicher, ob er es auf ihre Putzarbeit bezog oder auf die jungen Männer, die gespannt zuhörten. Insgeheim hofften einige seit längerem darauf, dass der Boss seine Tochter, die er offensichtlich verachtete, nicht mehr in große Kessel steckte, sondern in eins der robust gebauten Holzbetten, in denen die Arbeiter schliefen. Sie ging zügig in den Keller und begann ihre kräftezehrende Arbeit, bis plötzlich Eduar vor ihr stand. Er hielt ihr die schmutzige Stoffpuppe hin. Mireya schluchzte laut auf und kletterte so schnell sie konnte aus dem Kessel. Sie warf sich Eduar in die Arme und heulte sich dankbar an seiner knochigen Brust aus.-
Mireya liefen Tränen die Schläfen hinunter. Warme Erinnerungen an ihre Mutter durchfluteten sie, durchbrochen von den fürchterlichen Schmerzschreien, die ihre Mutter während ihrer Niederkunft ausgestoßen hatte. Solch schreckliche Schmerzen. Der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich etwas und machte ihr ihre eigenen Schmerzen etwas bewusster. Sie versuchte die Augen zu öffnen aber ihre Lider waren so schwer. Es gelang ihr ein wenig. Sofort tauchte eine schwarz behaarte Hand vor ihrem Gesicht auf und machte komische Bewegungen. Der sanfte Nebel umhüllte sie stärker und sie entspannte sich. Sie versuchte ihren Traum wiederzufinden. Vergeblich. Männerstimmen holten sie immer wieder in die Realität zurück. Man unterhielt sich mit ihr. Moment! Das war Streit, keine Unterhaltung. Eine keifende Männerstimme schien sich zu beschweren. Der Sprecher war offenbar gegen alles, was die deutlich tiefere Stimme vorschlug. Gegen jedes einzelne Wort. Das Gekeife begann sie zu nerven und sie versuchte die Stimme mit einer fahrigen Bewegung wegzuschieben. Sie bereute die Bewegung sofort, ein scharf brennender Schmerz fuhr durch ihre linke Seite. Ihre Hand wurde eingefangen und festgehalten.
Eduar starrte den Hexer wütend an. Hielt der jetzt auch noch Händchen mit seiner Ehefrau?! Und was sollte das heißen: Hilfe holen?
„Du musst zur Garnison reiten und Hilfe holen." Der Fleischklops sprach langsam und deutlich mit ihm, als wäre er schwachsinnig. Eduar war sich sicher, dass in der Garnison ein Quacksalber seinem Handwerk nachging. Mireyas Wunden überschritten bei weitem die armseligen Fähigkeiten des Hexers in der Kunst des Heilens und Eduar beschäftigte sich prinzipiell nicht mit solchem Weiberkram. Mireyas einzige Chance bestand darin, dass unter den Soldaten ein Heiler oder wenigstens ein Kräuterkundler hauste, der sich besser auskannte als der Hexer. Immerhin hatte er es geschafft, durch einen festen Druckverband die Blutung zu stillen, doch es gab hier nichts, was eine Infektion der tiefen Bisswunden verhindern würde. Da Mireya einen Großteil der kostbaren Kräuter in den stark brennenden Schnaps geworfen hatte, und die Reste seiner eigenen Genesung dienten, war der Vorrat nahezu aufgebraucht.
„Ich werde sie auf keinen Fall mit Dir hier alleine lassen!", fauchte Eduar.
„Warum, weil Dir so viel an ihr liegt?" Letho wandte sich ihm zu. Dann lachte er hämisch auf. „Bisher hast Du Dich ja nicht besonders gut um sie gekümmert. Denkst Du nicht, ich hätte sie mir einfach genommen, wenn ich es wollte?!"
Eduar schluckte krampfhaft. Er wusste nur zu gut, dass er dem Hexer kräftemäßig nicht gewachsen war. Er verfluchte seine Gattin. Was hatte sie ihn auch einladen müssen. Welcher normale Mensch kommt schon auf die Idee, so einen sogar einzustellen. Ach, wäre sie nicht so unfähig gewesen, wäre sie gar nicht erst in den Monsterhaufen reingefahren und all das wäre gar nicht erst passiert.
„Ich kann da nicht hin reiten, die halten mich doch für dumm und blind", versuchte der Hexer ihn zu überzeugen.
Reiten? Dumm und blind? Er konnte ihm nicht folgen.
Letho hatte ganz vergessen, dass der Nichtsnutz bewusstlos gewesen war, als die Soldaten hier auftauchten. Er fasste die damalige Situation kurz für den Gatten zusammen - in möglichst einfachen Worten – und erkannte amüsiert, dass der bescheuerte Gatte nicht einmal bemerkt hatte, dass da ein prächtiger Hengst in seinem Stall stand.
„Außerdem mögen Soldaten die Gesellschaft Meinesgleichen nicht", schloss er seine Erklärung. Etwas erwachte in den Augen Eduars. „Du hast Angst, was?", kicherte er. Letho ließ genervt die mächtigen Schultern kreisen. „Es gibt eine Wehfrau im Dorf", sagte Eduar schließlich. „Das muss reichen."
Letho entfuhr ein animalisches Knurren. Er presste seine Finger auf den Nasenrücken. Wie konnte ein einzelner Mann nur so dämlich sein? Unfassbar, wie nichtsnutzig dieser Vollidiot war. Er konnte beim besten Willen nicht verstehen, was die schöne Verletzte in ihm sah.
„Sie liegt doch nicht in den Wehen!" Er seufzte. „Na schön. Beeil Dich aber."
Eduar grinste breit. „Bis morgen wirst Du Dich schon gedulden müssen. Es ist fast dunkel und mit nur einer Hand steig ich nicht auf den riesigen Gaul. Wenn ich dahinlaufe, werde ich wohl oder übel in der Taverne übernachten müssen."
Wohl oder übel. Sicher.
