Lethos Fluchtplan verlangte ihm einiges an Geschick und Taktik ab. Er musste erreichen, dass sein kraftstrotzender Körper schwach wirkte, sein Verstand hingegen messerscharf blieb. Er ließ sich immer tiefer in die Meditation gleiten und verlangsamte so seine Atmung.
Kraftvolle Tritte des Captains oder die Peitschenhiebe, die immer noch hin und wieder auf ihn niederprasselten, verringerten zwar die Tiefe seiner Versunkenheit, aber Lethos Zustand wirkte, als hätte sein Geist längst seinen Körper verlassen.
Dröhnendes Gejohle drang an sein Ohr. Zwar versuchte er dauerhaft in Meditation zu versinken, doch ausblenden konnte er die alkoholschwangeren Stimmen der Soldaten nicht immer. Seine Muskeln wurden zunehmend schwächer, sein sonst so verlässlicher Körper ließ ihn immer mehr im Stich. Alles, einfach alles zerrte an seinen Nerven.
Als perfektionierter Attentäter ging Letho die ganze Aufmerksamkeit, die ihm mitten im Innenhof der Garnison zukam, gehörig gegen den Strich. Von der anziehenden Wirkung, die er auf Insekten hatte, ganz zu schweigen. Er konnte seinen eigenen Geruch kaum ertragen. Alle paar Tage hatte man einen Eimer unter ihn geschoben und mehr oder weniger ausreichend seine Hose runtergezogen, um größere Sauerei zu vermeiden, doch um ihn herum war der Boden getränkt mit Blut, Schweiß und seiner eigenen Pisse. Er war noch nie ein Mann gewesen, der sorgsam auf seine Gesundheit achtete. War im Falle eines Hexers schlichtweg nicht nötig. Ausreichend Nahrung und Zeit zu Meditieren genügte. Normalerweise schützte er sich mit Quen, hatte das Zeichen abgewandelt und über die Jahre perfektioniert. Was durch kam, wurde mit Heiltränken innerhalb von Sekunden versorgt. Die Narben, die durch schlecht verheilte Wunden entstanden, interessierten ihn nicht. Schließlich waren sie nicht der einzige Grund, warum Menschen einen weiten Bogen um ihn machten.
Er kannte Schmerz und Verzicht natürlich, aber dieses völlige Auszehren und in der Hitze der Sonne brüten lassen, raubte ihm mehr Kraft, als selbst ein Mutant wie er kompensieren konnte. So lange Zeit ohne Essen und Tränke aushalten, das hatte er seit seiner Ausbildung nicht mehr tun müssen.
Es war absolut unmöglich für ihn, sich diesmal mit bloßer Gewalt freizukämpfen.
Immerhin konnte er aus seiner Position das Lager einigermaßen überblicken. Ein Fluchtweg wäre kurz. Die – nicht zuletzt dank ihm – deutlich geschrumpfte Kompanie hatte er bereits nach wenigen Tagen analysiert und sich die Rundgänge der Wachen eingeprägt. Normalerweise eine Kleinigkeit, wenn er im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte wäre.
Er wusste, wo sie ihre Waffen ablegten, in welch schlechtem Zustand diese waren, und vor allem, wo die Lebensmittelvorräte aufbewahrt wurden. Er war so unglaublich hungrig. Seit er sich so tief in die Meditation begab, reichte man ihm nicht mal mehr etwas von dem verdorbenen Essen.
Der Arzt prüfte hin und wieder, ob sein Herz noch schlug, verbrachte aber die meiste Zeit des Tages in seinem schattigen Zelt und ignorierte Letho. Die übrigen Soldaten schienen darauf zu warten, dass der Hexer tot zusammenbrach. Soweit er hören konnte, wurden Wetten über den genauen Zeitpunkt abgeschlossen.
Hin und wieder schüttete man einen Eimer Wasser über seinen Kopf und es fiel ihm jedes Mal schwerer nicht zusammenzuzucken. Er musste besser werden. Besser täuschen. Den Schwachköpfen eine Falle stellen.
„Die Delegation wird morgen Mittag eintreffen. Bist Du sicher, dass der es bis dann überlebt?", fragte der herannahende Gwynleve, dicht gefolgt von Fryhor, den alten Arzt. Der Angesprochene betrachtete den Gefangenen abschätzend.
„Sicher kann man bei diesen Freaks nie sein. Was weiß ich, wieviel der aushält. Hat seit drei Tagen nichts zu sich genommen. Wundert mich sowieso schon, dass der noch atmet."
„Tut er das? Seine Brust bewegt sich nicht", bemerkte Fryhor und kratzte sich am Kinn.
Der Arzt näherte sich dem Hexer skeptisch.
Letho konzentrierte sich auf das Summen der Insekten, die ihn umschwirrten, das Rauschen der Blätter, das Glucksen des Flusses.
„Hm…" Der Alte legte seine minderdurchbluteten Hände an den Hals des Hexers. „Verdammt!"
Er hob Lethos Kopf hoch und betrachtete ihn prüfend. Die knorrigen Hände tasteten an verschiedenen Stellen des Rumpfes herum und schlussendlich legte der Alte sein Ohr an Lethos Brust.
„Ich kann nichts hören", murmelte der Alte und Fryhor befahl den Männern, Ruhe zu geben.
„Sein Herz schlägt noch. Sehr langsam und kaum hörbar, aber es schlägt."
„Sieht mehr tot als lebendig aus."
Eine so tiefe Meditation fuhr den Stoffwechsel herunter, als befände er sich in einem Winterschlaf, was Lethos Haut deutlich grauer erscheinen ließ.
„Morgen Mittag sagtet Ihr? Vermutlich wäre es ratsam, den Mutanten zu säubern, bevor die Delegation ihn mitnimmt. Er stinkt zum Himmel und zieht Schmeißfliegen und vielleicht sogar Leichenfresser an", überlegte der Arzt. Fryhor horchte auf. Er wollte auf keinen Fall dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Untote und Leichenfresser die Delegation angriffen.
„Losmachen!", befahl der alte Arzt ein paar Soldaten, die in der Nähe standen.
„Auf keinen Fall!", unterbrach Fryhor den Arzt brüsk.
„Kommandant", wandte der Arzt sich hilfesuchend an Gwynleve. „Ich kann nicht zaubern. Ich bin nicht mehr so gelenkig wie früher, ich kann hier nicht auf den Knien herumrutschen und diesen Fleischberg waschen. Ich…"
„Niemand hat gesagt, dass Du dieses Vieh waschen sollst, oder?", bemerkte Fryhor.
„Hey, ähm…", wie hieß die Schlampe noch… „Miriam!"
Mireya hatte die Diskussion halb gehört und ahnte bereits, was auf sie zukam. Sie trocknete sich ihre geschundenen Hände an ihrer schmutzigen Schürze ab und trat näher an die kleine Gruppe heran. Sie erschrak kurz beim Anblick des offensichtlich ohnmächtigen Hexers. Seine Haut war aschfahl und er sah von Stunde zu Stunde schlechter aus.
„Such Dein Zeug zusammen und mach ihn sauber", sagte er einfach und winkte seine Männer nun selbst zu sich. Mireya blickte ungläubig zwischen dem Captain und seinem Gefangenen hin und her. Sie betrachtete den Boden um den Hexer herum und rümpfte ihre Nase.
„In dieser Jauchegrube wird alle Seife der Welt nichts nützen", antwortete Mireya mutiger, als sie sich fühlte und deutete auf den schlammigen Untergrund.
Fryhor sah seinen Kommandanten fragend an, der seinerseits den Arzt ansah. Der Arzt konnte beide beschwichtigen.
„Sire, in diesem Zustand ist der Mutant nicht fähig, Dummheiten zu machen. Ihr seht selbst, dass er fast tot ist. Stellt der Frau einen Wachmann zur Seite und lasst sie arbeiten. Selbst wenn es die ganze Nacht dauert… Der Gestank ist selbst hier im Freien kaum auszuhalten."
Fryhor trat ein letztes Mal gegen den Hexer und dessen komplett fehlende Reaktion beruhigte ihn. Vorsichtig geworden, winkte er aber doch einige Männer zu sich.
„Kettet ihn los! Und holt Armbrustschützen!"
„Nein, Fryhor", grätschte der Kommandant dazwischen. „Ein Mann genügt völlig, um dieses Wrack zu bewachen. Ich will die Truppe morgen nüchtern und ausgeschlafen präsentieren!"
Fryhor knirschte hörbar mit den Zähnen, fügte sich aber. Er riss einem Soldaten die Schlüssel aus den Händen und löste persönlich die Handfesseln des Hexers.
Letho kippte nach vorne und landete bäuchlings auf dem Boden.
„Ihr da!", Fryhor winkte zwei der stärker gebauten Soldaten zu sich. „Tragt dieses Monstrum ins Lazarett und bindet ihn dort auf dem Tisch fest."
Die beiden hergerufenen mühten sich mit ihrer schweren Last ab während Mireya ihre Utensilien ebenfalls ins Lazarett brachte.
Sie musste schmunzeln, als sie sah, dass sie es kaum schafften, den Hünen ins Zelt zu schleppen.
Da sein Oberkörper bereits unbekleidet war, banden sie seine Handschellen mit einer langen Kette, die unter dem Tisch durchgezogen wurden, auf dem normalerweise Verwundete versorgt wurden, zusammen. Fryhor trat ebenfalls ins Zelt und reichte ihr sein kleines Klappmesser.
"Schneid´ diesen Fetzen von ihm runter und gib Dir Mühe. Es wirft kein gutes Bild auf diese Garnison, wenn unser wichtigstes Geschenk für unseren geliebten Kaiser nach Jauche riecht. Wenn Du Dich rächen willst, für das was dieses Vieh Dir angetan hat, nur zu. Aber töte ihn nicht!"
Er sprach kurz mit einem seiner Männer, der sichtbar keine Lust auf Wachdienst hatte und zog sich in sein eigenes Feldbett zurück. Auch er wollte der Delegation in bestmöglicher Verfassung gegenübertreten.
Mireya wusch zunächst ihre eigenen Hände und Unterarme gründlich mit Seife, schließlich nütze es ihr nichts, wenn sie den Hexer zusätzlich mit Ruß beschmutzte.
Sie musste kurz überlegen, wie und wo sie am besten anfangen sollte, entschied sich dann aber doch zügig dazu, bei den Hosenbeinen des Hexers anzufangen.
Sie schlitze und riss das zerfetze Beinkleid seitlich bis zum Hosenbund auf und musste sich sehr zusammenreißen, nicht auf den Fußboden zu spucken. Die bisher unsichtbar gebliebenen Wunden an Fußrücken und Knien des Hexers verströmten einen fauligen Geruch. Sie erinnerten sie an die wundgelegenen Stellen ihres Vaters damals, als er nicht mehr fähig gewesen war das Bett zu verlassen. Sie mochte sich kaum die Schmerzen vorstellen, die diese Druckgeschwüre zusätzlich zu dem häufig ausgepeitschten Rücken und den Fußsohlen verursachten.
„Götter, das ist ja nicht auszuhalten", beschwerte sich der Wachmann und hielt sich in deutlich größerem Abstand neben dem Zelteingang auf. Mireya dankte ihm heimlich, dass er die Tür aufgeschlagen ließ.
Eigentlich hatte sie sich Hilfe von ihm erhofft, der riesige Hexer war nun wirklich zu schwer für sie.
Also zerrte sie, abwechselnd die Beine des Hexers hochhebend so lange an ihm herum, bis sie schweißgebadet und der Hexer unbekleidet war. Schnell bedeckte sie seine Blöße mit einem größeren, rauen Tuch, was ihr als Putz- bzw. jetzt Waschlappen diente und warf die zerstörte Hose hinaus vor die Tür. Der Wächter schob den stinkenden Stoff mit dem Fuß so lange zur Seite, bis er durch ein niedriges Loch in der Mauer fiel und platschend im Fluss landete.
Zurück im Zelt wusch sie erneut ihre Hände und verteilte zunächst mithilfe einer Suppenschüssel frisches Wasser auf dem schmutzigen Körper des immer noch ohnmächtigen Mannes. Gänsehaut breitete sich auf seinem trotz der Strapazen immer noch monströsen Körper aus. Die offenen Wunden spülte sie besonders gründlich aus und glaubte den Hexer ab und an zusammenzucken zu sehen. Sie schäumte Ewigkeiten jede erreichbare Stelle seiner Haut dick mit Seife ein und hob sich Kopf und Hals bis zum Schluss auf. Für sein Gesicht wollte sie frisches Wasser benutzen. Es lag bereits ein beachtlicher Haufen dreckiger Lappen unter dem Tisch und der große Waschbottich war fast leer. Als sie das Gesicht waschen wollte, positionierte sie sich so zwischen Tisch und Eingangstür, dass sie das Gesicht des Hexers vor etwaigen Blicken des Wachmannes abschirmte. Dieser hatte sich allerdings auf einen Mehlsack gesetzt und starrte in ein Lagerfeuer.
„Könnt Ihr mich hören?", fragte sie vorsichtig in Lethos Ohr flüsternd, während sie seinen Hals einseifte. Keine Reaktion. Sie nahm einen sauberen Lappen, tränkte ihn und ließ ein wenig Wasser über die aufgesprungenen Lippen des Hexers fließen.
Hatte er den Mund geöffnet oder bildete sie sich das ein?
Doch. Er versuchte zu schlucken, was aufgrund seiner trockenen Kehle schmerzhaft klang. Sie machte unnötig laute, plätschernde Geräusche beim Ausgießen des Wassers und flößte ihm vorsichtig einige Schüsseln Wasser ein. Als Letho sich räusperte, blickte sie erschrocken zum Wachmann, doch der war auf seinem Posten eingeschlafen und interessierte sich nicht die Bohne für seinen Gefangenen.
Der nachtschwarze Himmel verriet ihr, dass sie schon sehr lange mit ihrer Aufgabe beschäftigt war. Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ ihre verspannten Muskeln knacken und richtete ihren Blick wieder auf das vernarbte Gesicht des Hexers.
Fast hätte sie vor Schreck die Schüssel fallen gelassen. Letho starrte sie aus blutunterlaufenen, gelbglühenden Katzenaugen an.
