2. Feuer

Das Geräusch eines raschen Klopfens ließ Clove aus ihren Gedanken schrecken. Sie brauchte einen Moment um ihre Umgebung zu überblicken und sich daran zu erinnern wo sie war.

Die Hunger Games hatten noch nicht angefangen. Sie befand sich nicht in einem kahlen Feld oder einer Wüste. Sie erstach den Jungen aus 8 nicht mehrmals. Aber sie saß auf einem überaus luxuriösen Sofa, in einem überaus luxuriösen Raum, den das Kapitol für die Dauer ihres Aufenthaltes bereitgestellt hatte, bis die Spiele letztendlich begannen.

„Was?", fauchte sie.

Als Antwort öffnete sich die Tür soweit, dass der Kopf ihres Mentors in den Raum hineinsehen konnte. Ihr hübsches Gesicht beäugte Clove mit etwas dem Neugierde ähnelte. Obwohl Clove überhaupt nicht viele Leute leiden konnte, empfand sie einige Gefühle für die große, muskulöse Frau. Ihr Name war Lyme. Sie hatte die Spiele irgendwann zuvor gewonnen und war im Gegensatz zu den ganzen anderen, die sich in dem gewaltigen Pool voller Sieger in Distrikt 2 befanden, nicht arrogant und benahm sich auch nicht übermäßig überlegen. Vielmehr war sie hart, meistens ruhig und sprach nur mit Clove, wenn es nötig war – was Clove wirklich mochte.

Genauso anders als die anderen Sieger aus Distrikt 2 erweckte sie den Eindruck, dass sie wirklich hier sein wollte.

„Essen", sagte Lyme unbeeindruckt. Doch trotz der lockeren Redensart konnte man auf ihren Gesichtszügen stark ablesen, dass sie Cloves Tonfall ablehnte. Da Clove eine Menge Respekt für ihren Mentor empfand, gab sie vor es nicht zu bemerken, statt sie weiter herauszufordern.

Als ihre angezogenen Beine unter ihrem Körper hervor schlüpften, fühlte sie das vertraute kribbelnde Gefühl ihre Füße befallen. Für einen Moment blieb sie sitzen, beugte ihre Zehen und gab sich selbst die Zeit das Gefühl in ihren Gliedmaßen wiederzuerlangen. Lyme analysierte sie weiterhin von dem Türeingang aus. Gerade als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, sorgte das Geräusch von Porzellan, das auf marmoriertem Boden zertrümmerte, dafür, dass die Köpfe der beiden in Richtung des Speiseraums herumfuhren, der sich außerhalb des Zimmers befand. Lyme flüchtete augenblicklich zu dieser Szene. Aber Clove bewegte sich nicht, stattdessen schlich sich ein unwillkürliches Lächeln auf ihre Lippen.

Mehrere Stimmen folgten dem Geräusch des Aufpralls: eine von ihnen gehörte dem flennenden Dummkopf von einem Kapitolbegleiter und die andere war tief, aber laut und schnitt durch die ursprünglich ruhige Luft, wie das Schwert, mit dem er so gut umgehen konnte.

Er war die Definition eines arroganten, egozentrischen Idioten. Zusammen mit seinem aufgeblasenen Ego hatte er ein genauso aufgeblasenes Temperament und verlor andauernd die Beherrschung. Mit seinen Wutanfällen ähnelte er einem Kind, aber im Gegensatz zu einem Kind war sein Körper muskulös und gewaltig, was diese Vorfälle alles andere als harmlos machte. Es gab tatsächlich etwas, das mit ihm nicht stimmte¹, etwas das Clove in der Minute bemerkt hatte, in der sie sich am Tag ihrer Ernte einander zugewandt hatten, um für die Kamera die Hände zu schütteln, die all dies in ganz Panem ausstrahlte. Es war nicht in dem Moment, als er ihre kleine Hand so aggressiv fest gedrückt hatte, dass er versucht haben musste die Knochen in ihren Fingern zu brechen. Es war auch nicht dann, als die Mundwinkel seiner wohlgeformten Lippen sich zu einem selbstgefälligen Grinsen verzogen hatten, während er dies tat, trotz der Tatsache, dass nahezu jeder Fernsehbildschirm in diesem Land auf ihre Gesichter fokussiert war.

Vielmehr hatte sie es gesehen, als sie in seine Augen gesehen hatte, die trotz der Lebhaftigkeit in seinem Gesicht unheimlich leer wirkten.

Cato.

Er war so wie sie in vielerlei Hinsicht. Er war auch leer, aber an einem gewissen Punkt in seinem Leben musste er diesen leeren Raum aufgefüllt haben, mit Zorn und Hass gegen alles, gegen jeden, vielleicht sogar gegen sich selbst.

Aber es gab gerade noch genügend Unterschiede zwischen den beiden, dass sie ihre Abscheu ihm gegenüber bewahrte … und dass die Dinge interessant blieben.

Ein Beispiel: Seitdem sie geerntet wurde gehörte es zu Cloves neuen Lieblingsbeschäftigungen, um sich die Zeit zu vertreiben, ihren lieben Distriktpartner zu nerven – und sie war darin so talentiert, wie darin ihre Messer zu werfen. Obwohl wahrhaftig jeder gut darin sein konnte Cato zu verärgern – sie schien die einzige Person zu sein, die es genoss.

Mit kalten, feuchten Händen schob sie ihr dunkles Haar über eine ihrer Schultern und glättete ihr T-Shirt. Dann betrat sie das Kriegsgebiet.

Porzellanscherben lagen über dem steinernen Boden um die lange Festtafel aus Mahagoni des Appartements verstreut und wilde Avoxe huschten herbei, krachten beinahe ineinander, als sie die Unordnung aufräumten. Cato stand vor einem umgekippten Stuhl, sein großer Körper lehnte über dem Tisch und gewaltige Hände ergriffen den Rand der Oberfläche. Seine Zähne knirschten aufeinander und er knurrte seinen Mentor, Brutus, beinahe an. Brutus war ein ebenso bedrohlich aussehender, ungefähr vierzig Jahre alter Sieger. Brutus fläzte in seinem Sessel, mit einem langen Arm lässig an der Seite herunterhängend, aber ein breites Lächeln brach auf seinem Gesicht aus. Seine gebräunte, stoppelige Haut erweckte den Anschein, dass seine Zähne weiß leuchteten.

„Bist du jetzt fertig?", fragte er beiläufig.

Eine helle Röte verbreitete sich auf Catos Wangen und einer seiner Nasenflügel zuckte.

„Du redest mit mir als wäre ich ein gottverdammter Idiot!", stieß er wütend hervor und brachte den gesamten Tisch zum Scheppern, als er mit seinen beiden Fäusten drauf hämmerte.

Pallas, ihr pummeliger Kapitolbegleiter, mit seinem künstlich gefärbten limettenfarbenen Haar und dem dazu passenden lächerlichen lila Lidschatten, meldete sich plötzlich bei der Aussicht darauf, dass er womöglich nicht nur das zerbrochene Porzellan, sondern jetzt auch noch den Tisch ersetzen musste.

„Warum setzen wir uns nicht alle hin und beruhigen uns, hmm?", versuchte er sie zu überreden, während er seine fetten Finger nervös zusammenfaltete.

Brutus beachtete ihn nicht. Stattdessen stand er langsam von seinem Platz auf. Er stand mehrere Zentimeter über dem bereits gewaltigen Cato und nahm eine ähnliche Position ein: über dem Tisch lehnend, mit den Händen die Kanten greifend und sein Gesicht nicht weit entfernt von dem seines Tributs. Als Clove sie so sah drängte sich ihr der Gedanke auf wie ähnlich sie sich waren. Der Hauptunterschied war Brutus' gebräunte, raue Haut und sein dunkles Haar im Gegensatz zu Catos relativ heller Haut und Jugend.

„Das tue ich weil du ein gottverdammter Idiot bist. Vielleicht solltest du daran denken, wer es ist, der die Kontrolle darüber hat, welche lebensrettenden Sponsorengeschenke du in der Arena erhältst. Jetzt setz dich hin und halt die Klappe", knurrte er, lächelte trotz deines Tons aber immer noch.

Für einen Moment sahen sie einander an und keiner von ihnen zog sich zurück. Dann fuhr Cato herum und richtete seinen Stuhl mit solcher Kraft wieder auf, dass er ihn beinahe in den Tisch warf. Brutus nahm wieder Platz, lehnte sich zurück und ein Ausdruck von Anerkennung erhellte sein Gesicht. Für die meisten Mentoren würde Catos Verhalten äußerste Respektlosigkeit zeigen – aber dieser Mentor und Sieger stammte aus Distrikt 2. Brutus mochte Catos Wutausbrüche sogar: Sie zeigten das Feuer des Jungen, welches ihm in den Spielen nur helfen würde; seine Aggression würde eine der wichtigsten Unterhaltungsquellen sein. Das Kapitol liebte immer einen unbarmherzigen Killer.

Aber seit ihrer Ankunft musste das mindestens das vierte Mal gewesen sein, dass Cato etwas zerbrach, was Clove dazu brachte sich zu fragen, ob Brutus ihn mit Absicht provozierte.

Lyme hatte während dieser Auseinandersetzung schweigend neben Brutus gesessen, davon überzeugt, dass er und sein Tribut sich nicht gegenseitig angreifen würden. Pallas seufzte, als er sich auf seinen Platz setzte und gab den Avoxes müde das Zeichen das Essen zu bringen. Währenddessen bemerkte Brutus Clove und lächelte gespielt.

„Oh, sieh nur, du hast das süße kleine Ding verängstigt. Du musst unbedingt einige Manieren lernen, Junge. Das ist keine Art sich gegenüber einer Dame zu verhalten", sagte er zu Cato, allerdings bemerkte Clove einen Hauch Sarkasmus in seiner Stimme.

Ihre Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie. Sie könnte diesen alten Bastard töten. Ihre Augen huschten dann zu Cato, dessen Grinsen eindeutig eine Klugscheißer-Bemerkung zurückhielt. Der einzige Grund, wieso er nichts sagte, war, weil es verboten war – zumindest wenn Lyme dabei war. Eines ihrer ersten Abendessen hatte damit geendet, dass Clove eine Salatgabel gewaltsam in Catos Hand gerammt hatte. Daraufhin hatte schnell seine unverletzte Hand gefolgt, ihre Kehle gepackt und sie auf den Boden geschlagen, noch bevor jemand auch nur die Chance hatte zu reagieren.

Es war wegen dieses gleichen Vorfalls, dass sich Lyme von ihrem Platz neben Brutus erhob und sich auf dem neben Cato niederließ – diese beiden durften ebenfalls nicht nebeneinander sitzen.

Pallas besah sich vorsichtig die Gruppe von seinem Platz am Kopf des Tisches aus und rieb sich dann die Stirn. Jedes Jahr schafften die Tribute von Distrikt 2 es immer wieder anstrengend zu sein.

oOoOoOo

Wohlhabendes Essen, bestehend aus allerhand Farben, überzog den Tisch auf verzierten Serviertellern. Clove griff nach einem dicken Stück Steak – vermutlich frisch aus Distrikt 10. Sie konnte den Gedanken nicht verhindern, dass dessen Tribute in wenigen Tagen höchstwahrscheinlich durch ihre Hände sterben würden. Das Fleisch war größtenteils rot, mit einer geringen Bräune überzogen – genau so wie sie es mochte.

Sie wählte ein langes Steakmesser von der Mitte des Tisches. Seine Schlichtheit bewundernd zog sie ihre Finger über die Seite der Klinge entlang.

Dieses Messer war anders als andere Waffen; in seiner Beschaffenheit war es viel persönlicher. Es konnte in Langstrecken-Bereichen benutzt werden, was wirklich ihre Spezialität war. Aber anders als Äxte, Peitschen oder sogar Schwerter konnten Messer auch in der Nähe des Opfers benutzt werden und erforderten weniger Kraft und eher geschickte Finger. Schwerter und Äxte waren vielleicht geeignet um zu zertrennen, aber sie konnten nicht schneiden

Als Clove das Messer in ihrem Essen versenkte, stellte sie sich vor, wie sie Cato schnitt.

Sie sah auf, um sich einen genaueren Blick über ihn zu verschaffen. Seine grübelnde Gestalt war ihr gegenüber über den Tisch gebeugt. Seine großen Fäuste ballten sich um das Silberbesteck, das er in seinem Essen vergrub, als ob er wirklich nicht genau wüsste, wie man es manierlich hielt. Höflichkeit passte nicht zu ihm – genauso wenig wie den großen Körper unbequem zwischen einem teuren Stuhl und einem teuren Tisch eingeklemmt zu haben. Clove konnte ihn sich besser vorstellen, wie er durch den Wald lief, ein Tier barbarisch angriff und es roh aß. Sie bemerkte, wie sich seine Armmuskeln unter seinem dunklen Shirt strafften und wie fest sein markanter Kiefer zu kauen schien, was sie zu dem Schluss kommen ließ, dass er von der Auseinandersetzung mit Brutus immer noch angespannt war.

Als er bemerkte, dass er beobachtet wurde, hob Cato unverzüglich seine blassen Augen und traf Cloves mit solch einer Intensität, dass der Abstand zwischen ihnen kleiner zu werden schien. Diese Augen waren eine dieser Eigenschaften, die ihn so bedrohlich machten: Die Iriden² bestanden aus so einem hellen Blau, dass sie aus Eis sein könnten. Und als sie sich in Cloves Augen bohrten, realisierte sie, dass sie kaum menschlich zu sein schienen.

Aber sie jagten ihr keine Angst ein.

Als Antwort auf seinen Blick erhoben sich ihre dunklen Augenbrauen und Clove blinzelte unschuldig, bevor sie damit fortfuhr ihr Messer in das Steak zu stechen, ohne dabei den Augenkontakt zu brechen.

Die Konsistenz und der Widerstand des Fettes gegen das Messer machten es so einfach so zu tun, als wäre es das Innere seines Mundes, das gummiartige Fleisch seiner Wange, das sie aufschlitzte.

Unfreiwillig verlor sie sich selbst in diesem Moment. Cato anstarrend, das Fleisch zerschneidend – es wirkte alles so echt. Ihr Blick begann sich an den Rändern zu verdunkeln, als sie in den plötzlich sehr wütenden Jungen vor ihr eindrang, die Nasenlöcher seiner wohlgeformten Nase weiteten sich, seine breiten Schultern wurden sogar noch angespannter, als sie noch einen Moment zuvor waren. Sein perfekt angewinkeltes Kinn war nun verschlossen. Die Haut von seinem Gesicht war einfach so weich. Würde er schreien, wenn sie es täte? Würde er–

Das ständige Geklapper von Gabeln, die auf Tellern stießen und Glasbechern, die gegen Holz klirrten, hatte aufgehört. Die Stille im Raum holte Clove aus ihrer Trance.

Sie realisierte zuerst, dass sie das Messer über den Porzellanteller hin und her gezogen hatte, was ein furchtbar schrilles Kratzen verursacht hatte. Danach realisierte sie wie verkrampft sie war: Ihre eigenen Zähne malmten so hart aufeinander, dass sie nun eine Spannung in ihrem Kiefer fühlte, sie hatte sich deutlich über den Tisch vorgelehnt und ihre Fingerknöchel stachen durch den festen Griff um das Messer weiß hervor. Zum Schluss realisierte sie, dass sie jeder anstarrte.

Wie ein guter Mentor begann Lyme sofort eine Unterhaltung.

„Habt ihr zwei schon die offiziellen Bündnisse gegründet?", fragte sie und mit ihrer Frage erlangte der Tisch wieder ein wenig Normalität.

„Distrikt Eins hat uns heute angesprochen", antwortete Cato. Er ließ seine Augen noch einen weiteren Moment wachsam auf Cloves gerichtet, bevor er den Augenkontakt langsam abbrach.

Lyme nickte zustimmend. Die Tradition der Careers war so alt wie die Hunger Games selbst. Es waren die Careers die größtenteils töteten – und machten folglich auch die meiste Show. Das Schließen der Bündnisse war wichtig. Es bestand fast immer zwischen Distrikt 1, 2 und 4, mit der gelegentlichen, aber eher seltenen Ergänzung von anderen Distriktributen, wenn sie ein würdiges Talent besaßen.

Ironischerweise war Distrikt 1 wohl einer der Distrikte, den Clove am wenigsten mochte. Jedes Jahr produzierten sie dieselben hochmütigen, herablassenden Tribute, von denen sie schwören konnte, dass sie fast immer blond waren, mit weicher Haut und einer königlichen Luft um sie herum. Und das Paar von diesem Jahr war nicht anders.

„Und Distrikt Vier?", fragte Lyme.

„Die stinken nach Fisch", antwortete Clove lediglich und nach Brutus' rauem Gelächter, erklangen allmählich wieder die Geräusche des klirrenden Silberbestecks.

Weil Clove dachte, dass er nicht hinsah, erlaubte sie sich selbst einen verstohlenen Blick zu Cato zu werfen, nur um seine Augen ein weiteres Mal auf ihre fixiert zu sehen.

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A/N: Weil die meisten Enobaria als Cloves Mentor wählen hatte die Autorin beschlossen stattdessen Lyme auszuwählen; schließlich war sie auch eine Siegerin aus Distrikt 2.

¹ = „There was indeed something off about him." Ich weiß leider nicht, wie man das genau übersetzt und habe einfach das geschrieben, was ich denke, was es bedeutet. Falls jemand die genaue Übersetzung kennt kann er/sie mir gerne Bescheid sagen.

² = im Original „the Orbs", engl. für „Kugel" oder „Himmelskörper". Ich denke mal, dieser zweite Ausdruck wird in Fanfictions so verwendet, wie einige den Begriff „Seelenspiegel" benutzen. Da ich aber „Seelenspiegel" an dieser Stelle, bzw. in dieser Fanfiction, zu kitschig finde, werde ich „orb" einfach schlicht mit Iris übersetzen.