Das Übersetzen dieses Kapitels hat ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen und ich bedanke mich an dieser Stelle bei Paper Space und gkmoberg1, die mir beide bei meinen (vielen) Fragen geholfen haben.
Vielen Dank für die Reviews. Ich würde euch gerne persönlich antworten, aber da ihr hier leider nicht angemeldet seid kann ich euch keine Nachrichten schicken. Es freut mich, dass euch die Geschichte und die Übersetzung gefallen! :)
A/N: WARNUNG: In diesem Kapitel wird sehr viel geflucht.
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A boy with a coin he crammed in his jeans.
Then making a wish, und tossed in the sea.
He walked to a town that all of us burned.
When God left the ground to circle the world.
(„Boy With a Coin" – Iron und Wine)
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5. Brennen
Eine weitere Nacht kroch vor ihren weit geöffneten Augen vorbei. Ruhig. Langsam.
Als die Sonne an dem rosafarbenen Himmel über den schimmernden Gebäuden des Kapitols aufging, drückten Erschöpfung und Frustration ihre Glieder nieder. Als sie sich bewegte verarbeitete ihr Verstand lediglich ein paar ausgewählte Bilder: blasse Füße auf einem plüschigen, grünen Teppich; ein rotes Handtuch hängte über einem Arm; eine breite, weiße Tür; ein seelenruhiges Gesicht starrte aus dem Spiegel; Wassertropfen aus einem Duschkopf.
Noch zwei Tage.
Der Gedanke reichte aus, um ihre getrübten Sinne wachzurütteln.
Noch zwei Tage.
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„Gut geschlafen, Prinzessin?"
Cato zeigte ihr sein übliches höhnisches Lächeln, als sie zusammen im Aufzug standen. Er musterte das ungezähmte Haar, das sie zu einem dunklen Haarknoten hochgesteckt hatte sowie die dunklen Schatten unter ihren Augen, die sich fast bis zu ihren Wangen herunter ausbreiteten. An diesem Morgen hatten sie sich nicht beim Frühstück gesehen; sie hatten beide private Treffen mit ihren Mentoren gehabt. Heute war der dritte Trainingstag und demzufolge die privaten Trainingseinheiten.
Clove war nicht in der Stimmung sich mit ihm zu beschäftigen.
„Fahr zur Hölle", murrte sie.
Die Trainingseinheiten waren für die Tribute eine Chance, um den Spielemachern ihre Talente demonstrieren zu können und dafür wiederum eine Bewertung zu erhalten, die in ganz Panem ausgestrahlt werden würde. Aber als ein Tribut aus Distrikt 2 würde Cloves Bewertung viel mehr als eine ansehnliche Nummer sein, um Sponsoren auf sich zu lenken. Es würde nicht nur eine Widerspiegelung davon sein, wie aufmerksam sie die Jahre hindurch trainiert hatte, sondern von ihrer Akademie, ihrem Sektor und von gesamt Distrikt 2. Von den Tributen aus ihrem Distrikt wurde nicht nur erwartet, dass sie hohe Bewertungen erhielten; es wurde von ihnen erwartet, dass sie die Höchsten erhielten. Das einzige, das wichtiger war, als eine gute Punktzahl zu erhalten, war die Hunger Games selbst zu gewinnen.
Als Gegenleistung dafür, dass sie den Tributen erlaubten an den Spielen teilzunehmen, war eine herausragende Punktzahl eine Art sich bei ihrem Distrikt dafür zu bedanken, dass sie ihnen diese Ehre und das Privileg gestatteten.
Allerdings hatte Clove mehr zu beweisen, als ein normaler Distrikt 2 Tribut.
Normale Distrikt 2 Tribute waren siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Normale Distrikt 2 Tribute, selbst die Mädchen, waren stark in Größe und Kraft. Normale Distrikt 2 Tribute besaßen brutale Gewalt, die sich durch ihr bloßes Erscheinungsbild zeigte.
Und hier stand sie: fünfzehn Jahr alt, mit einer schmalen Gestalt und kleiner Körpergröße; mit Wangen voller Sommersprossen und einem jugendlichen Gesicht. Selbst bei ihrer Ernte hatten es die Gesichtsausdrücke ihrer Gleichaltrigen ausgesprochen, als sie auf dem Weg zur Bühne an ihnen vorbeigegangen war: Das war dieses Jahr ihr weiblicher Tribut?
Aber Clove war mehr als würdig.
Sie hatte nicht nur all die älteren Mädchen in ihrer eigenen Akademie in ihrem Können übertroffen, sondern sie hatte alle Mädchen in jeder Akademie übertroffen, die in ihrem Distrikt existierte. Dazu zugelassen zu werden, sich bei der Ernte freiwillig zu melden, war nicht einfach. Mehrere mögliche Kandidaten wurden aus allen vierzehn Sektoren des Distrikts gewählt und anschließend im Laufe von vierzig Tagen von einem Gremium beurteilt. Es war eine Menge Arbeit, aber am Ende wurden einem Jungen und einem Mädchen, die sich am besten eigneten, die Genehmigung erteilt an den Spielen teilzunehmen. Bei den Ernten ihres Distrikts wurden nicht einmal mehr Namen gezogen. Sie hatten lediglich Pallas, der nun schon seit einem Jahrzehnt ihr Kapitolbegleiter war, der auf die Bühne stieg und nach Freiwilligen fragte. Kein Tribut, der aus Distrikt 2 stammte, musste irrtümlicherweise zu den Hunger Games.
Wenn Clove jedoch etwas anderes erreichte, als eine überragende Bewertung, würde sie ihren Distrikt nicht nur beschämen. Es würde die Lehrer, die sie während der Jahre gehabt hatte, sowie ihren gesamten Sektor entehren. Es geschah nicht oft, dass man es jemandem der so jung war erlaubte ihren Distrikt zu vertreten, der die Hunger Games zu einem Beruf gemacht hatte. Um genau zu sein hatte Lyme Clove gerade erst an diesem Morgen darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie seit fünfundvierzig Jahren der jüngste Teilnehmer war, der aus ihrem Distrikt stammte.
Zu sagen, dass dies für sie ein wichtiger Tag war, war eine Untertreibung.
„Das war unhöflich von dir", antwortete Cato, gerade noch rechtzeitig bevor sich die Türen des Aufzugs öffneten.
Trotz der Tatsache, dass sie Distriktpartner waren, konkurrierten sie hierin gegeneinander. Obwohl sie beide aus Distrikt 2 stammten, kamen sie aus vollkommen verschiedenen Sektoren und demzufolge von verschiedenen Akademien; Clove aus Sektor Sieben, der sich im östlichsten Teil des Distrikts befand, dem Kapitol am nächsten, und Cato aus Sektor Zwölf, der nördlich lag. Während Clove ihr Leben mitten unter prächtigen Kopfsteinpflasterstraßen und Adligen verbracht hatte, hatte Cato zwischen Steinmetzen und der Gebirgswildnis gelebt. Während ihre Akademie dafür bekannt war hauptsächlich Friedenswächter hervorzubringen, war seine Akademie dafür bekannt brutale Tribute zu produzieren. Und was seinen Sektor betraf, nun ja, der war noch für viel mehr bekannt. Clove hatte so einiges gehört über Sektor Zwölf; Erzählungen von wilden Barbaren, ohne jegliches Gesetz, ein Land in dem sich eine Schlägerei über ein Grundstück rasch in einen grausamen, tödlichen Kampf verwandeln konnte. Sie pflegten zu sagen, dass dort die natürliche Auslese unter den Menschen tatsächlich immer noch stattfand; die Kleinen und Schwachen wurden getötet, bevor sie sich vermehren konnten, und diejenigen, die physisch stark waren, paarten sich und würden den Sektor aufrecht erhalten. Es war nicht verwunderlich, dass Cato solch ein brutaler Mensch war.
Als sie das Trainingszentrum betraten war das erste Paar, das sie sahen, Marvel und Glimmer, die ihnen bei Augenkontakt den Rücken zukehrten.
Die kleine Rivalität zwischen Clove und Cato die beste Bewertung zu erzielen, um ihrenSektor zu vertreten, war nichts im Gegensatz dazu die besten Punktzahlen in dem gesamten Wettkampf zu bekommen, um ganz Distrikt 2 zu repräsentieren. Dies war entscheidend, um die Unterstützung von Panem und die Ehre ihres Distrikts zu gewinnen. Sie wollten beweisen, dass sie besser waren, als die anderen – auch wenn die Tribute aus Distrikt 1, 2 und 4 so gut wie jedes Jahr ungefähr gleich waren. Clove könnte sich nicht an ein Spiel erinnern, in dem ein Tribut aus einem der unbedeutenderen Distrikte eine höhere Bewertung erhalten hatte, als diese drei.
Cato lachte leise beim Anblick von Marvel und Glimmer, die jede Möglichkeit nutzten, um sie zu meiden, als sie an ihnen vorübergingen.
„Hat Brutus dir auch von ihnen erzählt?", fragte Clove.
„Jah", sagte Cato. „Aber es überrascht mich nicht. Aufgeblasene, kleine Scheißkerle."
Offenbar war es Brauch für die Tribute aus Distrikt 1 jeden anderen Tribut am Tage der privaten Trainingseinheiten komplett zu ignorieren – einschließlich derer in ihrer Bande. Clove vermutete, dass es eine alberne Art war Überlegenheit vorzuführen. Es bedeutete nicht, dass ein Bündnis gebrochen war. Es war nur Distrikttradition.
Distrikt 2 brauchte so einen Blödsinn nicht. Ihre Überlegenheit kam allein von ihrem Namen.
Fischkopf kam auf sie zu; wie gewöhnlich konnte er nicht still stehen und hüpfte vor Aufregung¹. Dieser Junge war wie ein verdammter Hundewelpe. Indessen konnte der sandblonde Kopf seiner Partnerin vorbeiwippen gesehen werden, direkt auf Glimmers Station zusteuernd.
„Ah, Finnick hat ihr gesagt, dass sie nicht mit ihnen reden soll", sagte Fischkopf.
Sie sahen zu, wie Marina sich gegen den Ständer mit den Schwertern lehnte, mit einem Lächeln in ihrem Gesicht, das unmöglich mehr als aufgesetzt sein²konnte. Glimmers Rücken war ihnen zugekehrt, aber Clove war sich sicher, dass dieser Ausdruck nicht erwidert wurde.
Als Marina zu ihnen herüberkam, hatte sich das Lächeln zu einem höhnischen Grinsen verwandelt.
„Was?", fragte sie unschuldig, in Erwiderung auf ihre neugierigen Blicke. „Ich wollte nur Hallo sagen."
Vielleicht hatte die kleine Seeschnecke mehr Feuer, als Clove gedacht hatte. So oder so, das würde es nicht weniger wünschenswert machen sie zu töten.
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Das Training war an diesem Tag bösartig.
Die anderen Tribute hätten genauso gut unsichtbar sein können. Die Spannung zwischen den Careers war so greifbar, dass Clove sie beinahe um sich herum fühlen konnte, während sie ging. Und die anderen konnten es auch. Sie bemerkte Cato, der einen Blick auf Marvel warf, nachdem er eine brutale Vorführung davon gezeigt hatte, wie er alle Gliedmaßen von einer Attrappe in weniger als einer Minute abhackte. Sie beobachtete Marvel, der widerwärtig schmunzelte, nachdem er die Mitte eine Zielscheibe aus zwanzig Metern Entfernung mit einem Speer durchbohrte. Glimmers Augen schnellten zu Clove, wenn sie dachte, dass sie nicht hinsah. Sogar Marina, die sichheuteungeheuerlich mutig fühlen musste, machte eine Aussage, als sie Clove höhnisch angrinste, nachdem sie ihren üblichen Trick mit der Harpune abzog.
Das reichte aus, um Clove zum Lachen zu bringen. Dummes Mädchen. Dumme, dumme, kleine Seeschnecke.
Ihre blauen Augen würden in wenigen Tagen direkt aus ihren Höhlen herausgeschnitten werden.
Clove war als Nächste an der Reihe für das Nahkampftraining, welches sich zu ihrem Vergnügen im Zentrum der Verbindung von den Stationen befand, die ihre Careerkollegen alle besetzten.
Das würde es ihnen zeigen.
Beim Anblick von ihr wank der große, männliche Ausbilder eine Frau von einer anderen Station herüber. Aber Clove schüttelte den Kopf.
„Nein", sagte sie. „Ich will Sie."
Der Ausbilder betrachtete sie argwöhnisch. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist", sagte er zögernd.
„Ich sagte", wiederholte Clove langsam. „Ich will Sie."
„In Ordnung", scherzte der Trainier aufgrund ihrer Respektlosigkeit. „Also gut."
In ihren Jahren in der Akademie hatte Clove eine Kleinigkeit über die Druckpunkte des menschlichen Körpers gelernt, das nützlich genug war, um ihre kleine Größe und ihr geringes Gewicht wiedergutzumachen. Es war ihr geheimes Talent. Vielleicht konnte sie ihre Opfer nicht mit reiner Kraft umwerfen, aber sie konnte sie mit ihren bloßen Händen durch eine Reihe von genauen Angriffen auf konzentrierte Bereiche zu Boden bringen und sie beinahe so lange wie sie wollte festgenagelt halten. Wenn ihre Präzision besonders genau war, konnte sie einige ihrer Opfer sogar bewusstlos machen.
Sie war ein Skorpion; schnell, giftig, tödlich.
Weswegen war sieüberhaupt jemals nervös über ihren heutigen Auftritt gewesen? Wenn es soweit war, würde sie perfekt sein.
Aber fürs Erste trat sie für ihre Verbündeten auf.
Der Ausbilder nahm seine Stellung vor ihr ein, aber seine Körperhaltung war völlig falsch. Er machte bereits Fehler.
Clove konzentrierte sich auf mehrere Teile seines Körpers und das Schaubild aus ihrer Zeit in der Akademie manifestierte sich³ vor ihren Augen.
Ein Schweißtropfen, der von seinem Schlüsselbein herunter tropfte. Unterschlüsselbeinnerv. Ein gebeugter Muskel in seinem Arm. Oberarmarterie. Rötliches Haar⁴ bedeckte seine Ohren an der Seite seines Kiefers entlang. Schläfenarterie. Der blaue Bund seiner Shorts. Beckenarterie. Der innerste Bereich seines haarigen⁵ Oberschenkels. Oberschenkelnerv. ⁶
„Nun, wir werden es langsam angehen, also– argh!"
Sie griff an, noch bevor er seinen Satz beenden konnte. Zwei Zeigefinger auf seinen Beckenbereich waren alles, was es benötigte, um seine Beine unter ihm wegzutreten⁷. Sie umfasste seine Arme mit ihren Händen, drückte ihn an den empfindlichen Stellen darunter nach unten. Ihre Füße befanden sich auf seinen Oberschenkeln, ihr Körper krümmte sich wie der einer fauchenden Katze.
„Was?", fragte sie neckisch.
Er schob sie von sich und positionierte sich erneut, jetzt wachsamer.
„Nun gut", sagte er mit leiser Stimme, sodass nur sie ihn hören könnte. „Scheinbar ist hier jemand ein Experte."
Den Distrikten war es eigentlich nicht ‚genehmigt' Akademien zu besitzen. Aber jeder wusste, dass sie existierten. Die anderen Distrikte wussten, dass es sie gab – das war der Grund, weshalb sie alle bei den Tributen aus 1, 2 und 4 von ‚Careers' sprachen. Das Kapitol wusste, dass es sie gab – der Präsident selbst war einst bei ihrer Akademie erschienen, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war.
Deshalb wusste Clove nicht genau, weshalb der Trainer solche Abneigung in seiner Stimme hatte, als er ihr die Worte nahezuentgegen spuckte. Möglicherweise weil sie ihn gedemütigt hatte. Oder vielleicht lag es daran, dass er irgendwelche Beziehungen zu einem der unbedeutenderen Distrikte hatte. So oder so, es war ihr egal.
Da er nun damit rechnete war es beim zweiten Mal schwieriger ihn zu Fall zu bringen. Augenblicklich packte er ihren rechten Arm, doch bevor er ihren linken erreichte, konnte sie zwei Finger auf den Druckpunkt auf der Oberseite seines Kiefers schieben – Schläfenarterie. Dann, mit einem schnellen Tritt in seinen Oberschenkelnerv, lag er schon wieder auf dem Boden.
Es gelang ihr anschließend sich drei weitere Male an ihn zu heften, wenn auch nicht hintereinander, so war es dennoch eine beachtliche Leistung, angesichts der Tatsache, dass er mindestens doppelt so groß war wie sie.
Die fassungslosen Gesichter rings um ihr dachten bestimmt so. Einige gehörten den Trainern, einige gehörten den Tributen. Sie hatte die Aufmerksamkeit der gesamten Zuschauer erlangt.
Ihre Angst, sie war berauschend.
Fischkopf hatte sein Messer gleich fallengelassen und glotze sie in einer Art an, die seinem Spitznamen alle Ehre machte. Marina wandte ihren Kopf ab, sobald Clove Augenkontakt schuf, aber sie hatte nicht übersehen, wie das Mädchen mit ihren Zähnen auf ihre Lippe gebissen hatte. Marvel war auf die Zielscheibe an seiner Station fokussiert – vielleicht ein bisschen zu fokussiert. Glimmer analysierte sie durch verengte Augen.
Als sie Cato entdeckte war sein Ausdruck nicht wie der der anderen. Er lächelte.
Nicht nur, dass er nicht an seiner Station war, er gab noch nicht einmal vor mit etwas beschäftigt zu sein. Er stand etwa zehn Meter mit verschränkten Armen von ihr entfernt. Sein Kopf war zur Seite geneigt, als ob er einer sonderbaren Straßenaufführung zugeschaut hätte, und er lehnte mit seinem Rücken gegen eine Wand. Seine Körperhaltung war vollkommen entspannt. Aber seine Augen sagten etwas ganz anderes.
Die Intensität in diesen eisigen Augen konnte sie erdrücken.
Plötzlich sah er nicht mehr so entspannt aus. Sein Brustkorb hob und senkte sich, die Finger gruben in das Fleisch seines Bizeps, die Zähne bissen sich unter seinem Schmunzeln zusammen …
Clove musste den Blickkontakt abbrechen. Aber selbst als sie sich vom Trainer abwandte und zu einer anderen Station ging, fühlte sie sich immer noch freudig erregt. Etwas pulsierte in ihrem Körper und es schien, als würde Elektrizität durch ihre Venen laufen.
Diese Augen versetzten sie in Ekstase⁸.
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„Distrikt 2, weiblich."
Die automatische Stimme schallte durch die Lautsprecher im Speisesaal. Clove stand zuversichtlich auf. Hoffentlich waren die Spielemacher bereit. Es war ein Jammer, dass die beste Show dieser Nacht schon so bald kam.
Cato schlenderte aus dem Trainingszentrum, als sie eintrat. Er schaute eingebildet drein, aber im Ernst, was könnte er getan haben, das so Besonders war? Vermutlich ein paar Attrappen zerhacken. Nichts, was nicht schon ein großer Career vor ihm getan hatte.
„Schneide dir nicht die Finger ab", flüsterte er, als sich ihre Schultern streiften.
Bastard.
Die Spielemacher befanden sich alle am oberen Ende des Zentrums in ihren violetten Robenin einer Reihe. Sie saßen aufmerksam, einige mit gefalteten Händen, manche murmelten zueinander. Catos Vorführung musste gut gewesen sein. Der oberste Spielermacher saß vorne. Er nickte ihr zu.
Nach einem kurzen Nicken zur Erwiderung machte Clove auf dem Absatz kehrt und marschierte zum Ständer mit den Waffen.
Oh.
Es war ein unvergesslicher Anblick: Messer und Schwerter und Äxte aller Art waren auf mitternächtlichem Samt angebracht und funkelten in dem matten Licht, wie es ein Teich voller Wasser unter dem silbernen Mond tun würde. Sie hätte dort länger bleiben können, ihre Finger über die verschiedenen Klingen wandern lassend und die außergewöhnliche Handwerkskunst bewundernd, aber sie hatte hier eine Aufgabe.
Mit einem Gürtel voller ausgezeichneter Messer, den sie um ihre Hüften verriegelte, betrat sie das Podium. Die Spielemacher beäugten sie neugierig. Gut, sie hatte ihre Aufmerksamkeit.
Eine Armee menschlicher Oberkörper stand vor ihr. Clove nahm ihre Haltung ein.
Früher am Tag hatten sie und Lyme die gesamte Vorführung geplant. Es gab drei tödliche Akte.
Der erste Akt war Geschwindigkeit.
Ihre Messer zerschnitten die dünne Luft, als jedes von ihnen geradewegs in seinem Zielobjekt landete. Es gab keinen Moment, indem weniger als zwei gleichzeitig in der Luft waren – ein weiteres wurde geworfen, bevor das vorige auch nur die Zeit hatte sein Ziel zu erreichen. In sieben Sekunden standen zwölf bedauerliche Oberkörper besiegt an ihren Gestellen vor ihr, jedes mit einem Messer im Herzen.
Einige Spielemacher nickten, aber die meisten saßen still. Sie waren nicht monumental beeindruckt, aber das war in Ordnung. Clove erwartete nicht, dass sie sich schon an diesem Punkt befanden.
„Können sie sich bewegen?", fragte sie und sorgte dafür, dass ihre Stimme süßlich klang.
Hierbei begannen viele der Spielemacher mit dem Kopf zu nicken und Anmerkungen zu machen. Der oberste Spielemacher – sie war ziemlich sicher, dass sein Nachname Crane lautete – gab ein Zeichen zur Seite des Raumes. Mehrere Arbeitskräfte traten heraus, entfernten die Oberkörper und stellten Ganzkörper-Attrappen auf die auf dem Boden gezeichneten Linien.
„Danke", sagte Clove. Sie war davon überzeugt, dass sie in ihrem gesamten Leben noch nie so liebenswürdig geklungen hatte.
Der zweite Akt war Präzision.
Sie trat noch weiter zurück, als vorher. Die Attrappen begannen sich in alle Richtungen zu bewegen. Einige waren schnell, andere waren langsam.
Ganz egal wie die wirkliche Geschwindigkeit war, sie sah sie stillstehen, als würde sich die Zeit verlangsamen. Ein kräftiger Lufthauch streifte ihre Ohren. Ihre Finger griffen nach dem ersten Messer.
Glimmer sprintete an ihr vorbei, die schnellste von allen. Thwack. Distrikt 12 bewegte sich im Hintergrund, ihr dunkler Zopf flog durch die Luft. Thwack. Die Rothaarige aus 5 umkreiste den Rest. Thwack. Marina, die gesehen hatte, wie die anderen zu Boden gingen, rannte vor ihr weg, in Panik. Thwack. Der Junge aus 11 versuchte seine kleine Freundin zu beschützen. Thwack. Thwack.
Nur noch einer war übrig. Sie hielt inne.
Cato griff sie direkt an, sein Schwert in der Luft erhoben.
Ein Arm schwang quer über ihren Körper und mit Wucht flog das letzte Messer direkt in seinen Kopf.
Das Summen des Flüsterns brachte ihre Aufmerksamkeit zurück zu den Spielemachern. Begeistert redeten sie miteinander. Sie lehnten an den Rändern ihrer Sitzplätze. Selbst Crane saß mit den Ellenbogen auf seinen Knien und dem Kinn in seinen Händen und beobachtete sie aufmerksam.
Clove hatte sie genau dort, wo sie sie haben wollte.
„Kreis?", fragte sie.
Crane nickte und winkte noch einmal zu den Arbeitskräften.
Der dritte Akt war Wendigkeit.
Jetzt bewegten sich die Plastikkörper in einer großen Entfernung zueinander um sie herum. Ihre Augen schlossen sich.
Als Clove sie öffnete befand sie sich in einer Arena, die sie in einem Jahr gesehen hatte. Eigentlich war sie ziemlich schön – ein weites, offenes Feld, gänzlich bestehend aus hochgewachsenen Lavendelsträuchern. Es war ein violettes Meer. Die meisten Tribute dieses Jahres stiegen noch nicht einmal sofort von ihrem Podium. Sie waren vollkommen überwältigt.
Aber trotz seiner Schönheit war es eines der tödlichsten Hunger Games gewesen, die Clove jemals gesehen hatte. Man konnte nirgendwo hinlaufen. Sich nirgendwo verstecken⁹.
3 … 2 … 1.
Sie startete und stieß augenblicklich ein Messer in ihren ersten Gegner: der Junge aus Distrikt 5. Der nächste war Brutus, der mit einem erhobenen Schlagstock auf sie losging. Sie wich ihm aus, indem sie sich zu Boden rollte und tauchte hinter ihm wieder auf, stach ein Messer in seinen Rücken. Glimmer erschien erneut und griff sie diesmal an. Clove wehrte den Schlag ihres Schwertes ab und erwischte sie am Bauch. Sie änderte ihre Richtung sehr schnell und schleuderte rasch ein Messer in den Hals von Pallas, der bloß dumm auf dem Feld herumstand. Neben ihm war Lyme –
Nein, warte. Es war nicht Lyme. Nein, nein. Lyme war nicht hier.
Es war das Mädchen aus Distrikt 8. Genau, sie war es. Das dumme, schniefende Mädchen aus 8. Ein weiteres Messer schoss durch die Luft und landete in ihrem linken Auge. Clove wandte sich um. Der Junge aus Distrikt 7 hatte es jetzt auf sie abgesehen; er schwang die Axt, die er von Geburt an imstande gewesen sein musste zu schwingen. Sie duckte sich weg, wich ihm nur um Haaresbreite aus. Dann sprang sie auf seinen Rücken und stieß den Schrei eines Tieres aus, als sie mit ihrem Messer sein Genick aufschlitzte.
Die Zeit war um. Die Lavendelsträucher schwankten immer noch vor und zurück.
Sie hörte eine Atmung. Ihre eigene Atmung. Sie hörte einen Herzschlag. Ihren eigenen Herzschlag.
Atme. Entspann dich. Entspann dich.
Klatschen.
Die grauen Wände des Trainingszentrums kamen zuerst wieder ins Blickfeld. Dann das orange Leuchten der Lichtquellen. Dann das Gemurmel der Stimmen.
Die private Trainingseinheit. Die Spielemacher. Richtig.
So gut wie jeder von ihnen war jetzt auf den Beinen. Manchen stand vor Schreck der Mund offen. Sie sahen sie an, sahen einander an. Die meisten lächelten. Sie waren entzückt. Cranes Augen waren weit aufgerissen. Ein Lächeln breitete sich über seinem Gesicht aus.
Sie hatte Recht gehabt.
Eine perfekte Vorstellung.
„Danke", sagte Clove und neigte ihren Kopf.
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Es war spät am Abend, als Clove und Cato steif nebeneinander auf dem Sofa saßen, umringt von ihren schnatternden Vorbereitungsteams, ihren Stylisten, ihren Mentoren und natürlich von ihrem Kapitolbegleiter. Sie alle warteten darauf, dass ihre Trainingsergebnisse ausgestrahlt wurden. Alle Beteiligten waren dafür zusammengekommen.
Normalerweise hielten sich ihre Stylisten fern. Es waren zwei Frauen – lang, großgewachsen und gertenschlank, mit chirurgisch veränderten Wangenknochen und Tätowierungen um ihre Augen. Da sie aus Distrikt 2 stammten besaßen Cato und Clove das Privileg zwei der elitärsten Designer im gesamten Kapitol als ihre Stylisten zu haben. Die einzigen Tribute, die ein noch besseres Paar hatten, waren die aus Distrikt 1, aber das war zu erwarten, da ihrer der einzige Distrikt war – abgesehen vom Kapitol –, der sich um so etwas Unbeständiges wie Mode kümmerte.
Im Augenblick schwatzten sie verärgert über Distrikt 12. Clove konnte den eigentümlichen Geruch von Wein und Mottenkugeln riechen, der von ihrer Stylistin kam. Ihr Name war Faun.
„– Cinna. Ich verstehe noch nicht einmal wo er herkommt. Es war furchtbar gewagt, was er getan hat. Vielleicht ein bisschen zu gewagt für einen Anfänger", zischte sie in ihrer tiefen Stimme. „Versteht mich nicht falsch, ihre Kostüme waren nett. Aber das Konzept erschien mir ein wenig albern. Und jetzt nennen sie dieses eine kleine Mädchen – oh, wie war ihr Name? Ah, ja, Katfish – sie nennen sie ‚das Mädchen, das in Flammen steht'. Aber mal im Ernst, in Flammen stehen? Für mich ist es nur –"
Clove hörte diesem Gespräch schon bald nicht mehr zu. Pallas stand in der Nähe des Fernsehbildschirms und sah so ängstlich aus, wie immer.Wieso war er ständig so nervös? Ihre farbenfrohen Vorbereitungsteams waren überall, sprangen bei den Anordnungen der Stylisten, stürmten im Raum von Ecke zu Ecke. Es war überwältigend sie zu betrachten.
Ihre beiden Mentoren befanden sich hinter ihnen. Lyme stand schweigend, ihre Augen konzentrierten sich auf den Bildschirm, obwohl zurzeit nur Werbespots des Kapitols abgespielt wurden. Brutus war ein wenig lebhafter; er machte Witze auf Pallas' Kosten, lachte laut und trank alkoholische Getränke.
Aber niemand sonst hatte neben Cato und Clove auf dem Sofa Platz genommen. Die zwei sahen einander nicht an, sie sprachen nicht. Sie starrten nur in den Fernseher.
Auf einmal erschien das Wappen des Kapitols auf dem Bildschirm. Lyme drehte die Lautstärke höher, obwohl während der Sendung nichts gespielt wurde außer der Hymne. Es war jedes Jahr das Gleiche; die Hymne wurde abgespielt, ein Bild des Tributs erschien auf dem Bildschirm und daneben standen das Geschlecht und das Siegel des Distrikts, mit ihrer Punktzahl darunter aufleuchtend.
Marvel war der Erste. Er erhielt eine Zehn.
Brutus Reaktion spiegelte Cloves Gedanken wider.
„Verdammte Scheiße!", schimpfte er.
Catos Fäuste waren geballt. Das war schlecht für sie. Wenn Glimmer die gleiche Bewertung erhielt würde Distrikt 1 eine gemeinsame Gesamtsumme von zwanzig haben.
Aber das war nicht der Fall. Als Glimmers Gesicht auf dem Bildschirm erschien, leuchtete zu Cloves äußerstem Vergnügen darunter die Nummer Acht auf – eine ziemlich geringe Punktzahl für einen Career.
Clove hielt nun den Atem an. Sie waren die nächsten.
Brutus umklammerte Catos Schultern mit seinen Händen und schüttelte ihn leicht, als sie beide ihre Augen auf den Bildschirm fixierten.
Cato erhielt eine Zehn.
Unmittelbar ließ er einen Freudenschrei raus. Brutus stieß seine Faust mit einem dumpfen Thud in Catos Brust und rief: „Ah ha!"
Clove fühlte Lymes warme Hand auf ihre Schulter schleichen, als ihr Bild auf dem Bildschirm erschien.
Zehn.
Nun, es war nicht höher als Catos und es gab nun bereits drei von ihnen, die diese Bewertung erhalten hatten, aber es war immer noch gut. Clove brachte ihrem Distrikt keine Schande. Vielleicht war es nicht die einzige Höchstpunktzahl, aber es war immer noch die höchste. Und die anderen Tribute würden sicherlich nicht eine Zehn überragen – sie bezweifelte, dass es selbst die aus Distrikt 4 würden. Ihre größte Konkurrenz war schon vorüber.
Ihre aufleuchtende Zehn hatte Cato und Brutus Beifallsrufe zum Schweigen gebracht.
Als sie den Hals reckte, um dem Gesicht ihres Mentors zu begegnen, hörte ihre Punktzahl nicht auf immer mehr nach einem Erfolg auszusehen. Clove zuckte beinahe zusammen, als Lyme ihr scherzhaft das Haar verwuschelte; eine Geste, die sie niemals von dieser grüblerischen, beherrschten Frau erwartet hätte.
„Du hast es ihnen gezeigt", flüsterte Lyme.
Normalerweise rief solch eine grobe Berührung einen Anflug von Gewalt in Clove hervor. Aber sie unterdrückte es, da es sich gegen Lyme richten würde.
Nun wandte sie sich zu Cato und war sicher ihn zu verspotten. Sein Ausdruck war eisig, trotz des sarkastischen Grinsens, das er zeigte.
„Schätze wir sind gleich auf", sagte er.
„Jah", sagte Clove. „Schätze ich auch."
Die Vorbereitungsteams klatschten und jubelten alle. Pallas sah aus, als würde er wieder zu Atem kommen, nachdem er ihn angehalten hatte. Brutus forderte die Avoxe auf ihm Whiskey zu bringen.
Die beiden aus Distrikt 4 erschienen nun auf dem Bildschirm. Fischkopf bekam nur eine Acht und Marina hatte eine überraschende Neun. Dennoch schlug es sie nicht.
„Ah", seufzte Faun. „Das bedeutet, dass wir dieses Jahr die höchsten Punkte haben!"
Clove fühlte sich jetzt gut. Die erste Reaktion auf ihre Punktzahl kam zum Teil von ihrem überaus kritischen und ein wenig zynischen Charakter. Eine Zehn war gut. Auch wenn sie und Cato sie beide erlangt hatten, war es nicht unbedingt eine Standardpunktzahl für einen Tribut aus Distrikt 2. Und es zeigte ihren Wert. Sie war nicht zu unterschätzen. Sie war gefährlich. Sie würde eine Konkurrenz sein. Und sie hatte ihrem Distrikt Ehre gebracht. Ihre Gedanken wanderten flüchtig zur Akademie – ihre alten Lehrer, die anerkennend mit dem Kopf nickten, auf ihre Fernseher deuteten und den jüngeren Schülern sagten, ihr Beachtung zu schenken.
Sie hatte Sektor Sieben Stolz zurückgebracht. Lyme hatte Recht. Sie hatte es ihnen gezeigt. Sie hatte es ihnen allen gezeigt.
Clove war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie es beinahe verpasst hätte. Wenn Brutus' Schreie nicht gewesen wären oder seine Fäuste, die das Sofa mit so viel Wucht erschütterten, sodass Clove beinahe davon herunterflog, hätte sie es vielleicht. Aber dort war es, direkt auf dem Bildschirm.
Das Siegel von Distrikt 12. Das Mädchen mit dem steinernen Gesicht und olivfarbener Haut. Und die Elf leuchtete unter ihrem Namen auf.
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„WAS?", schrie Clove. Sie schoss von dem Sofa hoch, wie eine Gewehrkugel.
Eine Elf? Das Mädchen aus Distrikt 12 – dem ärmsten, schmutzigsten, erbärmlichsten Distrikt in ganz Panem – bekam eine höhere Punktzahl als sie?
Der hölzerne Couchtisch knirschte auf einmal seitlich quer über den Boden. Dessen Gegenstände zerbrachen in spitze Scherben.
Cato knurrte. „Dieses kleine, verdammte Miststück!"
Waren diese gottverdammten Spielemacher blind? War das ein Scherz?
Clove hatte nicht für mehr als die Hälfte ihres Lebens trainiert, um sich von einer schmutzigen, kleinen Provinzbewohnerin die Show stehlen zu lassen, die dorthin zurück gehörte, wo sie herkam: in einem Schuppen lebend und in Scheiße herumwälzend.
Ihr Distrikt, ihre Ehre, alles ging plötzlich in Flammen auf. Zorn stieg in ihrem Körper hoch. Er war ein lebendes, atmendes Ding, das sie von Zeit zu Zeit verbrauchte. Er war ein Wesen, ein Monster, ein alter Freund. Und es war jetzt überall. In ihren pochenden Adern, in ihren bebenden Lippen, in ihren zitternden Händen, in ihren unbeweglichen Beinen.
Im Gegensatz zu Cato, dessen Faust nun in einer Wand steckte, hatte es sie nicht im Besitz. Vielmehr köchelte es und brannte, als sie das alles in sich drin behielt.
Dieses Mädchen würde sterben.
Nicht nur in irgendeiner Form. Nein. Sie verdiente etwas Besonderes.
Einmal hatte Clove bei sich zu Hause ein Schwein gehäutet. Es war lebendig gewesen, als sie es getan hatte. Das Tier schrie und quiekte, während es verzweifelt versucht hatte sich aus ihrem Griff freizutreten. Seine hervortretenden braunen Augen hatten sie in einer Sprache angefleht, die keine Übersetzung benötigte. Aber sie fuhr damit fort die schleimigen Schichten seines gelben Fleisches wegzureißen, jede neue Hautschicht rötlicher als die vorige.
Wie würde das bei dem Mädchen aus Distrikt 12 sein? Wie würden sich ihre Schreie anhören? Wie würde ihre olivfarbene Haut aussehen, wenn es sich von ihrem Gesicht ablöste? Wäre sie gelb, wie beim Schwein? Vielleicht grünlich? Wann würde sie anfangen zu bluten? Bei dem Schwein hatte es lange gedauert. Erst, als sie das pulsierende, adrige, rosa Muskelgewebe erreicht hatte, sickerten Rinnsale an Blut aus den weißen Fetttaschen …
Der Raum war in Chaos ausgebrochen. Cato schien jedes Mal etwas Neues zu zerbrechen, wenn eine neue Welle von Zorn ihn überrollte. Brutus brüllte ins Leere hinein. Pallas zerbrach sich den Kopf über das Loch in der Wand. Die Stylisten und Vorbereitungsteams hielten an den Seiten Abstand und versuchten niemandem in die Quere zu kommen. Dann marschierte Lyme zu Cato herüber und bändigte ihn.
Clove nahm sich einen Moment Zeit, um den Schaden abzuschätzen. Der Tisch, dessen Kratzer jetzt grobe Linien quer über den Boden zogen. Das zackige, schwarze Loch, das sie wie ein Maul in der Wand anstarrte.
Nach dem Starren in die schwarze Leere des Loches, zog der Rest der Nacht an ihr vorüber. Personen redeten mit ihr, gingen an ihr vorbei. Irgendwann war sie in ihrem Bett gelandet. Doch ihre Gedanken waren eine undurchdringliche Wand geworden, die absolut alles um sich herum verdrängte, sodass innerhalb seiner Grenzen nur ein Name den Schwelbrand anheizen konnte.
Katniss. Katniss. Katniss.
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¹ = „jittering with so much energy he was nearly bouncing off the walls, as usual." „Bouncing off the walls" ist eine amerikanische Redewendung und bedeutet in diesem Fall, dass er seine Energie oder Aufregung nicht kontrollieren kann. Er kann nicht stillstehen. „jittering" habe ich sinngemäß übersetzt.
² „… couldn't possibly have been more of a guise."Guise: Gestalt, Erscheinung, Verkleidung.
³ = An dieser Stelle eigentlich „came to life". Bei mir wird das Schaubild aber nicht zum Leben erweckt, sondern manifestiert sich nur.
⁴ = Hier stand noch „a turf (of red hair)", was so viel wie Rasen bedeutet. Im Deutschen wird das nicht gesagt und statt einen anderen Begriff zu finden habe ich es einfach weggelassen.
⁵ = „his hair ridden thigh". Habe keine Übersetzung für „hair ridden" gefunden und gehe einfach mal davon aus, dass es „haarig" bedeutet.
⁶ = Subclavian (Unterschlüsselbeinnerv), Brachial (Oberarmarterie), Superficial temporal (Schläfenarterie), Iliaca (Beckenarterie) und Femoral (Oberschenkelnerv). Für diese Begriffe gibt es keine genaue Übersetzung, zumindest habe ich keine finden können und sie von daher so passend wie möglich übersetzt.
⁷ = gkmoberg1 hat mir diesen Satz sehr gut erklärt und da ich diese Szene etwas zu knapp geraten finde will ich sie euch nicht vorenthalten und hänge hier seine Erklärung mit an: Clove sticht mit ihren beiden Zeigefingern in den Beckenbereich des Trainers. Er weicht daraufhin zurück und verliert die Balance. Sie tritt in dem Moment gegen seine Beine und bringt ihn somit zu Fall.
⁸ = „She was high off those eyes." Tja, wie übersetzt man „high"? Ich hoffe, ich habe es mit „in Ekstase versetzen" einigermäßen gut lösen können. Btw: Ich LIEBE diesen Satz! Nicht meinen, den originalen ;)
⁹„Nowhere to run. Nowhere to hide."Das Original gefällt mir besser, da es viel dramatischer klingt.
