Hallo,
tut mir leid, dass das Kapitel so lange auf sich warten lassen hat. Ich hatte privat sehr viel um die Ohren.
Mein Dank geht wieder einmal an gkmoberg1, der mir bei der Übersetzung geholfen hat.
Und ich bedanke mich auch für die Kommis :)
Das ist das Kleid, das sich die Autorin für Cloves Interview vorstellt: tiny . cc / 794miw
Die Autorin empfiehlt für die Interviewszene einen ganz bestimmten Song: Falling by Bassnectar (feat. Paper Machete). Hier geht's direkt zum Video: tiny . cc / 445miw
(Bei den Links müsst ihr die Leerzeichen rausnehmen.)
oOoOoOoOoOoOo
Hold your sadness like a puppet.
Keep putting on the play.
But everything you do is leading to the point.
Where you just won't know what to do.
And at that moment you may laugh.
But there is someone there who will be laughing louder than you.
(„Sunrise Sunset" – Bright Eyes)
oOoOoOoOoOoOo
6. Monster und Marionetten
Es war zwei Uhr morgens, aber Brutus wusste, wo er ihn finden konnte.
Die Lichter des Aufzugs griffen seine Augen an. Sie waren zu hell. Die Beschriftungen auf den Tasten schienen eher Buchstaben als Nummern zu sein – aber er wusste, dass das nicht stimmen konnte; so viel Alkohol hatte er nicht getrunken. Doch er hatte genug getrunken, um Schwierigkeiten zu haben die Zeichen zu entziffern. Die Aufzugstüren hatten sich schon lange geschlossen, als es ihm endlich gelang auf den Knopf zu hämmern, der mit der ‚12' beschriftet war.
Alles war ruhig in dem dunklen Gang, den die Türen offenbarten, sobald sie sich öffneten. Brutus stand still, bis er den dumpfen Klang von Gläserklirren hörte und ein Lichtschein irgendwo den Flur hinab im Blickfeld erschien. Er folgte ihm.
Der angeschlagene Mann, nachdem er suchte, saß allein und übel gelaunt in einem Raum, der für Avoxe bestimmt war und ließ eine Flasche Alkohol seine Qualen lindern.
Brutus kannte ihn seit einigen Jahren. Sie waren Sieger – sie hatten zusammen als Mentoren betreut. Jedoch war es schwer zu sagen ob der Mann ihn durchaus verachtete oder nicht, wenn man bedachte, dass Brutus' Tribute seine jedes Jahr umzubringen schienen.
„Haymitch, mein alter Freund."
Die unerwartete Stimme reichte aus, um dafür zu sorgen, dass Haymitch von seinem Barhocker heruntersprang, diesen mehrere Meter hinter sich fliegend beförderte, und ein Messer mehrmals durch die Luft schlitzte, bevor sich Erkenntnis auf seinem Gesicht ausbreitete. Seine blutunterlaufenden, grauen Augen verengten sich.
„Was zur Hölle machst du hier, Brutus?", lallte er. Wie üblich war er betrunken. Vielleicht mehr als gewöhnlich.
„Witzige Geschichte, um ehrlich zu sein", sagte Brutus. „Vor einigen Stunden hatte ich das Vergnügen mit dem Inhaber des Gebäudes über die finanziellen Kosten zu verhandeln, die resultierten, als mein Tribut ein beschissenes Loch direkt durch unsere Wand geschlagen hat. Deshalb hatte ich, um die Kopfschmerzen loszuwerden, ein paar Drinks. Aber dann ging unten in der Vitrine der Alkohol aus."
Haymitch nahm einen weiteren Schluck. Als die Flasche mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch schlug, sagte er schlau: „Du hättest einfach mehr bestellen können."
„Nun, vielleicht wollte ich Gesellschaft", sagte Brutus.
Für mehrere Minuten wichen sie beide nicht von der Stelle; Brutus, im Eingang stehend, Haymitch, der ihn wütend anstarrte, von seinem Platz am Tisch aus. Nach einer Weile deutete er mit der Flasche in die Richtung des Barhockers ihm gegenüber und goss Alkohol in ein schwerwiegendes Glas. Er schob es zu Brutus.
„Das war für dich dieses Jahr durchaus eine Ernte", sagte Brutus.
Der einzige Laut, den er zur Antwort erhielt war Haymitchs Schlucken. Anschließend winkte er mit der Hand, die Anmerkung abweisend. „Bitte, lass uns zu dem wirklichen Grund kommen, weshalb –" er hielt inne, um einen Rülpser freizulassen, der klang, als ob er irgendetwas anderes als Gas mit sich gebracht haben mochte, „– du hier bist."
Brutus entschied nach welcher Herangehensweise er vorgehen wollte. Erneut legte sich Stille über sie.
„Wie hat sie das gemacht?", fragte er schließlich.
Haymitchs Lächeln war finster. „Du denkst wirklich, dass ich dir das sage?"
Brutus fühlte wie sein Temperament aufbrauste, deshalb lehnte er sich vom Tisch zurück, anstatt darauf zu reagieren und warf seinen Kopf in den Nacken, um den Inhalt des Glases seine Kehle herunterzuschütten. Es war stark. Es war wirklich stark. Haymitch alberte nicht herum.
Als er seinen Mund öffnete um auszuatmen, fühlte sich die Luft des Raumes kalt an. Sofort verdickte sich der Dunstschleier vor seinen Augen.
„War mir nicht sicher, was ich dachte", sagte er und lehnte seinen Kopf mit einem heftigen Knack zur Seite. „Es ist nur so eine derartige Kehrtwendung. Normalerweise gehen deine Tribute womit aus? Einer Vier … Einer Drei … Dieses Jahr hast du nicht nur eine Acht, sondern eine Elf."
„Alles hat ein erstes Mal", meinte Haymitch. „Normalerweise schlagen deine Tribute keine Löcher durch Wände."
Erneutes Schweigen. Beide Männer lehnten sich leicht zurück, starrten einander träge durch halb geöffnete Augen an. Brutus lehnte sich schließlich mit dem Körper über den Tisch. Er lächelte.
„Deine werden sterben, Haymitch."
Haymitch brach in barsches Gelächter aus. Dann hämmerte er seine Faust auf den Tisch und riss seine Augen weit auf. Seine grauen Iriden köchelten. Unter seinem Lächeln waren seine Zähne zusammengebissen. „Nein, wirklich? Ist das nicht das Spiel? Dreiundzwanzig von diesen Tributen werden sterben." Die Flasche war wieder an seinen Lippen.
„Oh, nein, nein, nein. Ich hätte konkreter sein sollen", sagte Brutus. „Meine Tribute wollen deren Blut. Nein – vielleicht sollte ich lieber sagen, sie wollen ihr Blut. Es wird eine ziemliche Show werden, wenn sie sie erwischen. Du hättest das Feuer in den Augen meines Jungen sehen sollen, als er diese Elf gesehen hat."
Haymitch blieb unbeeindruckt, als er mit der Flasche in seiner Hand herumspritzte. „Ich bin sicher in deinen war auch ziemlich viel", sagte er.
Dies brachte Brutus aus der Fassung, selbst in seinem verlangsamten Zustand.
„Kann schon sein", lächelte er. „Es spielt allerdings keine Rolle, wie ich das empfand. Ich werde nicht in dieser Arena sein. Trotzdem, das wird dieses Jahr ein interessantes Spiel sein … Für uns beide."
Haymitch war auf etwas in der Maserung des Tisches fokussiert. Ein Grinsen breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus, bis er über das ganze Gesicht über strahlte.
„Ah, aber ist es das nicht immer, Brutus?", sagte er.
Dann würde er plötzlich hysterisch, so unbeherrscht wie ein Kind. Sein irres Gelächter vibrierte von den Wänden des Raumes zurück. Es hallte von den Kochtöpfen und Pfannen wider, die über der Küchenspüle hingen. Es übertönte Brutus, als er ihm für den Drink dankte und sich vom Tisch abstieß. Es verfolgte ihn den dunklen Flur hinunter und zurück zum Aufzug. Es verfolgte ihn den ganzen Weg zum zweiten Stock.
oOoOoOo
Auch wenn sie nicht träumte sah Clove trotzdem Dinge, wenn sie schlief. Oft waren es Erinnerungen – Erinnerungen des Tages, Erinnerungen, die schon lange her waren, sich wiederholende Gedanken. Jedoch verschwanden sie immer wieder schnell.
Ihre Ruhepausen, wenn sie kamen, würden einige Stunden sein, in denen ihr Körper der Erholung erlag, während sie das Bewusstsein erlangte und wieder verlor. Manchmal wurde sie wachgerufen, von dem Klang ihrer eigenen Stimme. Manchmal waren es die Geräusche von anderen, reale und imaginäre.
Diese Nacht sah sie Bilder in eine graue Wand eingeritzt: eine Regenwolke, ein Baum, Monster, Kinder, Mama, Pferde, ein Engel, ein Haus, eine Spinne, ein Dämon.
Danach sah sie eine andere Wand. Diese Wand war blau. Und diese Wand war nicht verschwommen; sie war klar und detailliert. Diese Wand war real, es war ihre Decke. Die Decke ihres vorläufigen Zimmers. Sie war im Kapitol und wartete auf die Hunger Games.
Noch ein Tag.
Sie setzte sich in ihrem Bett auf.
Heute war der letzte Tag. Morgen würde sie in der Arena sein.
Sie wusste Schlaf würde jetzt nicht zu ihr zurückkehren, also stand sie auf und fing an ihr Zimmer zu durchschreiten. Morgen würde alles sein. Alles, wofür sie ihr ganzes Leben lang trainiert hatte. Aufregung begann irgendwo tief in ihrem Magen zu brodeln und plötzlich hatte es ihren gesamten Körper überflutet. Sie konnte sich nicht beherrschen. Ihr Herz raste, ihre Füße bewegten sich voreinander schneller und schneller.
Wen würde sie zuerst töten? War das wichtig? Nein, nein, war es nicht. Denn sie würde töten. Dieses Gefühl, dieses Gefühl, oh wie sie sich danach sehnte es jetzt zu empfinden. Wie sehnlichst sie sich wünschte zu wissen wie es sich anfühlen würde.
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Es hatte keinen Sinn zu duschen. Heute würde es reichlich farbenprächtige Hände geben, erpicht darauf sie zu baden. Begierig darauf ihre kleine Puppe zu gestalten, um sie dem Kapitol zu präsentieren. Die Interviews fanden heute Abend statt.
Clove interessierte sich für nichts davon.
Das alles war bloß eine Ablenkung. Sie machte sich nichts daraus, was das Kapitol nun von ihr dachte. Lediglich die Trainingsergebnisse hatten eine Rolle gespielt, damit sie es ihrem Distrikt zurückzahlen konnte, und jetzt war sie nichts weiter schuldig. Nun waren es einzig und allein ihre Bedürfnisse und ihre Wünsche, die zählten. Und sie wollte in diese Arena hinein.
Es hätten Stunden sein können, es hätten Jahre sein können, die sie auf diesem Fußboden auf- und abging. Irgendwann schlug eine Faust gegen ihre Tür und sie war von Azurblau¹ lichtüberströmt.
Nur noch ein Tag.
oOoOoOo
In Grau gekleidete Männer arbeiteten daran das Loch in der Wand mit etwas Dickem und Blauen auszufüllen. Ihre weißen Handschuhe fuhren immer wieder darüber, drängten es dazu sich zu schließen. Clove beobachtete wie es sich schloss, wie das Auge eines schlafenden Giganten.
„Seid vorsichtig!", spöttelte Pallas. Er zeigte einen anklagenden, stummeligen Finger. „Bewegt euch nicht zu hastig. Ich möchte diese Arbeit vernünftig erledigt haben!"
Und anschließend sah der kleine Mann, der diesen Morgen wie ein kugelrundes Bonbon² gekleidet war, zu Cato, um ihn mit seinen perlenartigen Augen zornig anzustarren. Ihr Kapitolbegleiter war in einer besonders schlechten Stimmung gewesen, nach dem kleinen Kunststück, das der Junge letzte Nacht abgezogen hatte. Er bemühte sich nicht seine Abneigung ihnen gegenüber noch länger zu verstecken.
Clove erkannte, dass ihr Distriktpartner letzte Nacht nicht sehr gut geschlafen haben musste. Dort in den Falten seines Mundes und in den Höhlen seiner Wangen schienen sich dauerhafte Schatten zu bilden. Unter seinen Augen waren die winzigsten blauen Adern sichtbar. Sie fielen Clove auf – diese Adern. Ganz gleich wie dick seine Haut woanders sein mochte, sie war doch so empfindlich unter seinen Augen. Es war schwer zu glauben, dass irgendetwas an Cato empfindlich war, aber er war ein menschliches Wesen und alle Menschen hatten solche dünne, dünne Haut unter ihren Augen.
Er benutzte einen Löffel, um was auch immer seine Tasse ausfüllte zu verrühren, erzeugte ein hypnotisches klink, klink, klink Geräusch, das erst stoppte, als er bemerkte, dass Cloves Augen auf ihm lagen. Er erstarrte unmittelbar und hielt sie in seinem stechenden Blick gefangen. Sein Mund war eine schmale Linie.
Sie sah weg.
„In Ordnung", seufzte Lyme von ihrer Ecke des Tisches. „Wir haben nur bis zur Mitte des Nachmittags, um euch zwei für die Interviews heute Abend fertig zu machen. Danach wird der Rest des Tages euren Stylisten ausgehändigt. Clove, iss dein Essen schnell auf."
Als sie aufstand, um ihr zu folgen, führte Lyme sie zu einem schmalen, mit Büchern gefüllten Zimmer auf ihrer Etage. Wie gewöhnlich brachte ihr Mentor die Sache gleich auf den Punkt. Clove hatte sich kaum hingesetzt, als sie sagte: „Du brauchst ein Image. Wir werden dich an das Kapitol verkaufen müssen."
„Es interessiert mich nicht, ob sie mich mögen", fauchte Clove.
„Oh, aber das wird es", sagte Lyme. „Und du hast zwei Möglichkeiten: Du bemühst dich jetzt oder du bemühst dich in der Arena, wenn du den Hungertod stirbst."
Cloves Kiefer spannte sich an, aber sie löste sich von ihrem Stolz und schluckte die Worte hinunter, die ihr Mund drohte freizulassen.
„Das dachte ich mir. Vielleicht willst du das jetzt nicht hören, aber du bist nicht der übliche Distrikt Zwei Tribut. Du bist eher klein. Es wird für die Leute leicht sein dich zu übersehen. Also werden wir dich in einem Licht porträtieren, in dem sie es nicht können. Wir wissen alle welche Methode Cato benutzen wird."
Lyme musste es noch nicht einmal sagen. Ja, sie alle wussten was Cato für das Kapitol sein würde. Dieses Jahr stach er als der brutale, gewalttätige Killer hervor. Er würde viele Sponsoren bekommen. Und er würde noch nicht einmal etwas wirklich ‚spielen' brauchen. Allein seine bloße wahre Arroganz würde ausreichen – sie würden es fressen wie Käfer auf verfaulten Früchten.
„Aber für dich will ich etwas machen, das nicht dezent ist, aber dich nicht als eingebildet darstellt. Du bist ein Mädchen und du bist jung. Faun wird dich wunderschön aussehen lassen –"
Clove sah in Gedanken ein Bild von sich selbst, in Tüll gekleidet, kichernd und Küsse zum Kapitol pustend. „Ich werde nicht Glimmer sein", blaffte sie.
Lyme hörte augenblicklich auf zu reden und ihre Augen bohrten sich in Clove. Die Botschaft, die Klappe zu halten, war unmissverständlich.
„Wir werden diese Einstellung von dir in Ordnung bringen müssen", sagte Lyme einen Moment später. „Ein Jahr hatte ich ein Mädchen, das diesen Ansatz wählte und ich habe noch nie einen Tribut aus unserem Distrikt mit weniger Sponsoren ausgehen gesehen. Niemand will eine kleine Göre sehen."
Clove starrte sie tapfer für einen weiteren Moment wütend an, aber nachdem sie ausatmete fuhr Lyme fort.
„Du wirst gefährlich sein", sprach sie mit Endgültigkeit aus.
Clove durchdachte das. Gefährlich. Dieses Wort wiederholte sich in ihren Gedanken und sie fing an den Klang davon mehr und mehr zu mögen. Wenn sie für diese ignoranten kleinen Biester in eine Show gesteckt werden musste, hatte sie nichts dagegen diese Rolle zu spielen.
„Lass sie wissen, dass du eine Kraft bist, mit der man rechnen muss. Du wirst stark und bestimmt sein. Lach nicht zu viel; verteile nicht zu viele Lächeln. Sei aber kein Stein und sei nicht distanziert. Sei nicht bescheiden, aber sei auch nicht allzu selbstbewusst. Sei bedrohlich, aber trete nicht arrogant auf. Behaupte dich mit einem Auftreten, das nicht vergessen wird. Die Zuschauer kennen dich ohnehin schon. Bisher ist dein Image gut; deine Punktzahl war eine der Höchsten –"
Cloves Hände ballten sich hierbei zu Fäusten. Sie wollte nicht über die Trainingsergebnisse reden. Sie wollte auch nicht, dass sie erwähnt wurden. Lyme musste das bemerkt haben, denn sie war bei dem, was sie gesagte hatte, verstummt.
„Hör mir zu", sagte sie ernst. „Wir wissen nicht was gestern in diesem Trainingszenter passiert ist. Es könnte alles gewesen sein. Aber du darfst etwas nicht vergessen: Du bist aus Distrikt Zwei, sie ist aus Zwölf. Lass dich nicht von ihr verunsichern. Dieser Ratschlag kann auch nützlich für die Arena sein."
Nun ging Lyme mit einem Knie vor ihr in die Hocke, ihre Augen unergründlich auf Cloves gerichtet.
„Bewahre einen kühlen Kopf", sagte sie. „In der Sekunde, in der sich dein Zorn stärker als du erweisen lässt, könnte es das Ende von allem sein. Verstehst du?"
Zu sagen, dass ihr Zorn sich stärker als sie erwies würde voraussetzen, dass es keinen permanenten Einfluss auf alles hatte was Clove tat. Er war ihr Brennstoff. Er war ihre Motivation. Er rief jeden Gedanken hervor, den sie hatte. Und er verschwand niemals. Er hatte sie schon längst von innen heraus vernichtet. Aber er war ein Teil von ihr. Und er war etwas, das sie gewiss nicht kontrollieren konnte.
Doch Clove nickte trotzdem zustimmend mit ihrem Kopf.
Die nächsten Stunden verbrachten sie damit wie Lyme mit ihr übte wie man sprach und Fragen auf eine Art beantwortete, die zu dem Standpunkt passte, den Clove einnehmen würde. Sie arbeiteten an ihrer Unverfrorenheit, was schwer zu beheben war. Lyme ließ sie mehrere Male mit kräftigen Schritten durch den Raum laufen und lehrte sie wie sie ihren Rücken gerade bog, ohne ihre Brust herauszustrecken. Sie übten zusammen das Interview, jedoch verlief dies nicht sehr gut aufgrund von Lymes Unfähigkeit kreative Fragen zu stellen. An einem gewissen Punkt konnte Clove es nicht mehr schaffen sich zurückzuhalten.
„Es interessiert mich nicht Sponsoren zu bekommen!", fauchte sie wütend und sprang nahezu von Lyme weg. „Mir sind ihre Geschenke egal! Ich brauche sie nicht, um mich zu retten! Es ist mir egal, ob sie wollen, dass ich gewinne! Es ist mir sogar egal, ob ich gewinne!"
Lymes Gesichtszüge waren auf einmal wutentbrannt. Clove hatte noch nie so viel Emotion auf ihrem Gesicht angezeigt gesehen.
„Es ist dir egal, ob du gewinnst?", blaffte sie, ihre Stimme hallte von den Wänden wider. „Warum bist du dann hier?"
Für einen Moment konnte Clove keine Worte finden. Das unverwüstliche Starren ihres Mentors würde sie sicher erweichen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern genügend Mut aufzubringen, um wieder ihren Mund zu öffnen. Doch ihre Antwort war aufrichtig.
„Ich will spielen", sagte Clove.
Daraufhin saßen sie lange ohne etwas zu sagen beieinander. Lymes Gesichtsausdruck verwandelte sich zu Stein und als dies geschah konnte Clove sie nicht mehr ansehen. Sie konzentrierte sich auf ein Stück Farbe, irgendwo hinter Lymes linker Schulter, das so aussah, als würde es bald von der Wand herunterkommen.
Aber schließlich sprach sie noch einmal.
„Du sorgst dafür, dass das Interview gut verläuft", sagte Lyme. „Wenn auch nur für die Lehrer und Fachmänner, die vermutlich ihre Ärsche aufs Spiel gesetzt haben, um dich hierherzukriegen." Anschließend stand sie auf, um den Raum zu verlassen, doch bevor sie das tat drehte sie leicht ihren Kopf, während sie Clove weiterhin den Rücken zukehrte, und fügte mit konzentrierter Stimme hinzu:
„Werf nicht alles weg und vergeude ihre Zeit und Anstrengung."
Und dann war Lyme weg. Clove blieb allein im Raum zurück und bemerkte stumpf wie die meiste Wärme zusammen mit ihr genommen wurde.
oOoOoOo
„Oh, Süße, du musst dein Haar wirklich häufiger bürsten."
Cloves buntes, kicherndes Vorbereitungsteam hatte ihre Arme und Beine an einem Stuhl festgeschnallt und eine grüne Hand hielt nun ihre Stirn fest, als sie ein seltsames Gerät verwendeten, das an ihrem Haar zog und bewirkte, dass es rauchte. Gelegentlich verbrannte es ihre Kopfhaut. Dies sollte sicherlich eine Art von Folter sein. Möglicherweise wäre Clove ein wenig besser dran gewesen, wenn sie nicht versucht hätte eines der Mitglieder ihres Vorbereitungsteams anzugreifen. Zumindest hätte man sie dann nicht angeschnallt.
Seit Stunden hatten sie sie nun schon wie ein schönes Stück Fleisch vorbereitet. Sie hatten seltsame Hautcremes auf ihren gesamten Körper und verkrustete Puder aller Art auf ihr Gesicht gerieben, die unglaublich juckten. Ihre Wimpern waren aufs Höchstmaß angegriffen worden, wodurch sie sich vollkommen schwer auf ihren Lidern anfühlten und ihre Sicht hatte nun ein schwarzes dichtes Dach. Sie hatten Glitzer auf ihr Gesicht gepustet und sie malten etwas Kaltes auf ihre Lippen.
Die Tür des Raumes öffnete sich, um ihre Stylistin, Faun, zum Vorschein zu bringen. Ihre dramatischen Absätze klackerten, als sie über dem abnormen weißen Marmorflur entlangging. Wie üblich lag ein langer, rosa Stift träge zwischen ihren Fingern, und aus ihm heraus kam Qualm, wenn sie ihn gelegentlich an ihren Mund brachte und an ihm zog. Clove hatte so etwas noch nie zuvor gesehen, aber es hatte einen eigentümlichen, natürlichen Geruch, der vor allem von einer Person kam, dessen gesamter Körper vielleicht genetisch verändert war.
Clove gezügelt zu sehen brachte ein Schmunzeln auf ihre gelben Lippen. „Schon wieder unartig, Liebes?"
Clove verabscheute diese Frau.
Als Reaktion starrte sie sie wütend an. Eine Stimme aus der gegenüberliegenden Ecke des Raumes schrie: „Sie hat mich mit Pinzetten angegriffen, Faun!"
Faun rollte mit den Augen. „Nun, das ist der Grund, weshalb du zuerst wachst und später Fragen stellst. Jetzt raus hier. Ihr alle."
Bei dem Klatschen ihrer Hände, die einem Dutzend Regenbögen glichen, drängten sich künstliche Geschöpfe zur Tür wie Kakerlaken, die vor dem Licht flüchteten.
„Also", sagte Faun, ließ einen langen hell lackierten Fingernagel Cloves Kiefer entlang fahren – knapp außer Beißreichweite. „Ich hatte ein kleines Gespräch mit deinem Mentor über deine Vorgehensweise für das Interview. Dein Kleid wird perfekt dazu passen."
Sie ging einen Schritt zurück und bewegte ihre Hände wellenartig in der Luft, die daraufhin gespenstische Rauchschwaden hinterließen. „Wenn du dich für Gefahr entscheidest, dann wäre es nur passend dich als etwasMächtiges, etwas Unsterbliches darzustellen. Eine Schöpfung von Schönheit, direkt aus dem Himmel selbst. Ein antikes Wesen, das nicht an menschliche Maßstäbe von Zeit und Raum, Leben und Tod, gebunden ist: eine Göttin."
Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie in Cloves Augen nach irgendeiner Form von Begeisterung bei ihren Worten suchte. Aber dort war nichts. Unverzüglich wurde das Lächeln eine Grimasse.
„Dein Enthusiasmus macht mich einfach fertig, Schätzchen", sagte sie und dann verengten sich ihre Augen. „Ich werde dich entlassen. Aber bevor du irgendetwas Voreiliges tust, lass mich dich nur daran erinnern, dass hier Kameras sind, die jede deiner Bewegungen beobachten. Und ich bin ein hochrangiger Einwohner dieses schönen Kapitols. Wohingegen du, nun, in weniger als vierundzwanzig Stunden wirst du in Blut und Schmutz umherkriechen."
Ihre offensichtliche Angst brachte ein Lächeln auf Cloves Gesicht. „Oh, aber ich würde es nicht wagen", höhnte sie.
Wie sehr sich Clove wünschte, dass ihre liebenswürdige Stylistin morgen in dieser Arena sein würde.
Irgendwann nachdem sie losgebunden worden war, in einen Überzug an Kleidungsstücken gerungen und in Absatzschuhe gezwängt, war sie imstande vor den Spiegel zu treten.
Als sie es tat sah sie ein fremdes Wesen darin gefangen. Es starrte sie hinter dicken, schwarzen Wimpern mit Interesse an. Goldene Farbflecken waren in einem komplizierten, aber raffinierten Muster entlang der Augenwinkel platziert und ihre Augenbrauen waren dunkle, perfekt geformte Bögen. Die Haut des Gesichts könnte Seide sein, makellos und matt ohne eine einzige Sommersprosse, die ihre weichen Wangen befleckten. Ein langer Vorhang von Haaren, so Schwarz wie Öl, floss über eine von ihren schönen Schultern, detailliert mit einzelnen geflochtenen Zöpfen.
Das Wesen spielte mit dem Stoff des Kleides, das es ummantelte – in der Farbe eines frischen fliederfarbenen Blütenblattes. Es strich eine Hand über die kleinen Halbmonde ihrer blassen Brüste unter zwei Blütenverkleidungen aus Spitze, zu einem Ausschnitt verbunden, der elegant aber verwegen tief herabschoss. Und anschließend die andere über die nackte Haut ihrer Hüften und Oberschenkel, die durch Kaskaden von Spitze spähten, das sich an ihren Seiten herunter kräuselten. Ihre bemalten Lippen rollten sich zusammen.
Diese unirdische Schönheit war nicht sie. Sie war nicht sterblich. Sie war eine Göttin.
Und sie war auch viel, viel älter als fünfzehn.
Oh, würde Lyme nicht zufrieden sein, mit dem was ihre Stylistin erschaffen hatte? Zusammen würden Clove und dieses Ding heute Abend viele Sponsoren gewinnen.
Den ersten Beweis davon bekam sie nachdem Faun sie in den Flur gedrängt hatte, wo sie sich vor Cato stehend wiederfand.
Als er sie erblickte glitt sein Gesicht sehr schnell in mehrere verschiedene Ausdrücke. Zuerst hoben sich überrascht seine Augenbrauen, dann verengten sich seine Augen; womöglich bei der Erkenntnis, dass ihre Erscheinung heute Abend ausreichen würde, um ihm bei der Gunst um die Zuschauer eine Konkurrenz zu sein. Aber dann veränderten sich seine Gesichtszüge zu etwas, wofür Clove einen Moment brauchte, um es zu verstehen. Als sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen, war es kein höhnisches Grinsen. Seine Augen verweilten auf jeder ihrer Kurven. Dann, wenn sie auf ihrer Brust zu liegen schienen, war sie imstande den Gesichtsausdruck zu entziffern.
Hunger.
Aber er sah auch ziemlich verwegen aus, nicht wahr? Das Jackett, das er trug, war hervorragend geschneidert. Es umrandete seine breiten Schultern und schmiegte sich an den richtigen Stellen an seine Arme. Das graue Shirt darunter war gerade genug aufgeknöpft, um die Haut³ seiner Brust zu entblößen. Sein dunkelblondes Haar, ursprünglich nah am Haaransatz geschnitten, war ein ganzes Stück gewachsen, seitdem sie angekommen waren, und war ein bisschen unordentlich gestylt, aber auf eine vollkommen sexy Art …
Clove unterbrach ihren eigenen Gedankengang. Sexy? Brachte sie wirklich gerade Cato mit dem Wort sexy in Verbindung? Sie brauchte einen Moment um die Unmöglichkeit dieser Aussage zu bestimmen.
Nun, er war sehr männlich. Einmal hatte sie die entblößte obere Hälfte seines Körpers gesehen, angestrahlt von dem Sonnenlicht, das durch das Fenster des Zuges hereinkam, der sie zum Kapitol gebracht hatte. Es war, als würde sie eine lebende Statue ansehen, geformt zur Perfektion – die Art, die antike Künstler einst erschufen, um Krieger oder Götter darzustellen. Die definierten Muskeln seiner Brust und seines Bauches waren auf eine Art in glatte Haut eingemeißelt der Stein ähnelte. Und sein Gesicht war nicht gerade hässlich. Sie sah es gerade an; die kräftige, markante Kinnpartie, makellose hohe Wangenknochen, die von gescheiten Händen eines Künstlers gezeichnet sein konnten, Lippen, die von vollendeter Form waren …
Okay, er konnte also sexy sein. Das würde keinen Unterschied darin machen ihn zu töten. Eventuell würde es das sogar erfreulicher machen. Clove fragte sich, ob in seine Eingeweide zu stechen eine ähnliche Empfindung auslösen würde, wie durch eine Wassermelone zu schneiden.
Trotz dieser Gedanken, streifte Clove dennoch ihre Hüfte gegen seinen Oberschenkel, als sie an ihm vorbeiging.
oOoOoOo
Die Interviews wurden auf der großflächigen Bühne dem Stadtzentrum gegenüber abgehalten, die vor dem Gebäude stand, in dem sich ihr Trainingszenter und die Apartments befanden. Alle vierundzwanzig Tribute würden in einem Bogen um Caesar, sitzen alle imstande jedes Interview live zu sehen. Clove und Cato waren die Letzten die eintrafen und unverzüglich wurden sie von ihren Stylisten abgekratzt, sobald sich die Türen des Fahrstuhls öffneten.
Sie wurden für Clove zu schnell geschoben, die in ihren hohen Absätzen kaum funktionsgemäß laufen konnte, ganz zu schweigen bei hohen Geschwindigkeiten. Doch sie ging an etwas vorbei, das die Unruhe verlangsamte.
Na sah sie heute Abend nicht einfach heiß⁴ aus? Ihre grauen Augen blickten Clove nicht an, sie schien so verwirrt und gehetzt wie der Rest von ihnen. Ihr Haar befand sich nicht in seinem üblichen Zopf. Ihr Gesicht sah nicht ganz so hohl aus wie normalerweise. Oh, wie schön sie war.
Katniss. Ihre süße, kleine Katniss.
Sie war so nah, dass Clove ihr Parfum riechen konnte. So, so nah. Nah genug dass noch nicht einmal eine Armlänge nötig war um ihre Kehle zu ergreifen …
Cloves Hand hatte sich unwillkürlich von ihrer Seite bewegt. Doch das Mädchen war bereits weg. Sie gingen jetzt an den anderen Tributen vorbei, ihre Körper gehüllt in Gewänder und Stoffe aller Arten und Farben. Dann wurden sie schließlich hinter Marvel deponiert. Clove stürzte beinahe in ihn. Als er sich zu ihnen umdrehte, richtete er seinen Blick vergnügt auf sie.
„Na wenn sich da nicht jemand nett zurechtgemacht hat", sagte er.
Gemeinsam vertraten er und Glimmer Distrikt 1 beinahe zu wörtlich – Marvel mit seinem exquisiten silbernen Anzug, der nahezu aus Metall gemacht zu sein schien. Und Glimmer mit ihrem goldenen, beinahe durchsichtigen Kleid, das jede Kurve ihres Körpers liebkoste und in der Farbe zu ihrem Haar passte.
„Genauso wie ihr", meinte Cato, wenngleich seine Augen nur auf Glimmer fokussiert waren, die ihn mit roten Lippen süßlich anlächelte.
Aber das war alles wofür sie Zeit hatten, denn plötzlich erschien ein Mann vor Glimmer und führte sie, und folglich den Rest der Reihe, auf die Bühne.
[„Falling" von Bassnectar (feat. Paper Machete) einschalten]
Das Erste das Clove wahrnahm war die Nachtluft, die ihr mit ihrem kühlen Brennen ins Gesicht schlug. Sie bemerkte flüchtig, dass dies das erste Mal war, dass sie, seitdem sie sich bei der Ernte freiwillig gemeldet hatte, draußen war. Grelle Lichter erschufen einen Heiligenschein um Marvels ohnehin schon goldenen Hinterkopf und sie folgte ihm so gedankenlos wie eine Motte. Dann überspülten sie die Wellen der schreienden Stimmen. Sie waren unglaublich laut, fast hypnotisierend. Als sich ihre Augen den blendenden Lichtern der Bühne anpassten, konnte sie den Ursprung sehen.
Tausende Menschen.
Es war buchstäblich wirklich ein Meer. Ein Meer, besprenkelt mit Kameras und aufleuchtenden Lichtfunken. Menschen überfluteten den Boden, sie hingen von ihren Balkonen herunter, sie wanken, sie jubelten. Ihre Schreie drangen in ihren Geist ein, strömten durch ihren Körper und brachten sie von der Bühne fort. Clove war nur einen Schritt auf das Geräusch zugegangen, als eine Hand sie mit Gewalt in einen Sitz zerrte. Verwirrt sah sie zu ihren Seiten. Marvel nahm Platz zu ihrer Rechten und Cato, die gewaltvolle Hand, saß zu ihrer Linken und beobachtete sie mit gesenkten Augenbrauen.
Alle Tribute nahmen Platz. Heute Abend waren sie alle nur Marionetten an Bindfäden, gezogen von ihren Mentoren und ihren Stylisten, um die Volksmassen des Kapitols zu unterhalten.
Caesar hüpfte sofort auf die Bühne, gefärbt in Taubenblau. Das trieb den ohnehin schon unvorstellbar lauten Geräuschpegel des Publikums auf die Spitze. Irgendwo begann Musik zu spielen. Der Klang von Trompeten riss durch die Luft.
Und dann begann das Puppenspiel. Jeder hatte eine Rolle zu spielen.
Glimmer war die Erste, die Verruchte.
Eine der ältesten von ihnen, mit all den Kurven die dafür sprachen. Sie stolzierte auf die Bühne, schwang ihre Hüften, gehüllt in flüssigem Gold. Caesar küsste ihre Hand. Sie verzog ihre kirschroten Lippen zu einem Schmollmund; ließ ihre verführerischen smaragdfarbenen Augen zu den Kapitolmännern in der ersten Reihe der Menge flattern. Ihre Hände schwirrten zu Caesars Arm, um ihn scherzhaft zu schlagen. Der Buzzer erklang. Sie war fertig.
Marvel schritt nun zur Bühne, der Publikumsliebling.
Der lässige, bezaubernde Junge mit Erhabenheit und Überlegenheit. Er hatte das Publikum von dem Moment an, als er ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Er schaffte es sie in seine Antworten auf Caesars Fragen mit einzubeziehen, in einer Vorführung von makelloser Selbstdarstellung. Er ließ für sie weiße Lächeln aufleuchten. Als Caesar ihn fragte, ob er dachte, dass er eine harte Konkurrenz haben würde, wendete er sich den Tributen mit einem gleichgültigen Blick zu und machte ein übertriebenes Schulterzucken.
„Ich weiß nicht, Caesar", seufzte er. „Ich denke, ich kann mit ihnen allen fertig werden. Aber können wie eine Gruppenzählung hierauf bekommen?" Er deutete auf den Personenkreis und das Gebrüll der Zustimmung begann bevor Caesar auch nur die Gelegenheit hatte zu fragen:
„Was denkt ihr, Leute? Haben wir hier unseren Sieger?"
Ihre Schreie fuhren fort, sogar nachdem der Buzzer erklungen war, und Marvel sich hingesetzt hatte.
Wieder einmal begann die Welt sich unrealistisch langsam zu bewegen. Caesar hob seine Hände zum Publikum, das sich sichtlich einstimmig bewegte, als ob es an sich eine einzelne lebende Einheit wäre. Supernovae zündeten um ihn herum. Für einen Moment hörte Clove nichts außer den Worten:
„Als nächstes haben wir unseren ersten Distrikt Zwei Tribut."
In diesem Moment war es nicht die Maske, die sie trug, die unsterblich war – es war sie. Sie erhob sich von ihrem Sitz. Mächtig. Bedrohlich.
„Clove!"
Gefährlich.
Der gewaltige Lärm der Menge war fast zu einem sichtbaren Wesen geworden, so kräftig wie der Wind. Clove schritt ihm entgegen, als sie auf Caesar zuging. Alles, was im Mittelpunkt unter die grellen Lichter eintauchte, wurde in allen Einzelheiten beleuchtet, einschließlich der kleinen Partikel, die in der Luft um sie und Caesar herum schwebten. Aus der Nähe konnte sie jede Pore seines Gesichts unter den Schichten von weißem Puder, die darüber geschmiert waren, sehen, jeden Riss in seinen blauen Lippen. Sie wurde an ein Monster erinnert.
Caesar machte ihrem Kleid ein Komplement und Lymes Stimme erschallte in ihrem Kopf: Niemand will eine kleine Göre sehen. Clove bedankte sich liebenswürdig bei ihm.
Sie fingen an sich in Fragen zu vertiefen – über ihre Fahrt mit dem Streitwagen, über ihre Stylistin, über die Gefahren des Trainings. Clove hielt ihre Antworten vage, aber achtete darauf perfekt gespielte Lächeln hinzuzufügen, wenn nötig. Ihr Gesicht erschien auf all den gewaltigen Bildschirmen, die an mehreren Gebäuden des Zentrums hingen. Was sie sah, all das, was geschah, nahm eine surreale Qualität an. Sogar ihre Sicht schien unklar zu sein.
Das Interview war komplett an ihr vorbeigezogen und das Ende rückte näher. Aber sie wusste, was sich Caesar für den Schluss aufhob.
„Nun, wir lieben immer unsere Tribute aus Distrikt Zwei. Nicht wahr?" Er drehte sich zum Publikum, das in Erwiderung grölte. Sie hörten nicht auf, als er seinen Fokus wieder auf Clove richtete. „Aber ich muss sagen, du bist mit Abstand die jüngste, die ich seit langer Zeit für deinen Distrikt freiwillig melden gesehen habe. Was half dir bei der Entscheidung dies zu tun?"
Clove antwortete ehrlich. „Ich war bereit zu kämpfen", sagte sie.
Die Reaktion der Menge kam unverzüglich. Sie jubelten ihr zu. Caesar stieß ein kühnes Lachen aus.
„Dann must du wegen morgen sehr aufgeregt sein", sagte er.
„Ja", sagte Clove mit einem finsteren Lächeln. „Ja, das bin ich."
„Nun, wenn ich dich so sehe wie du bist, in diesem Augenblick, kann ich nicht behaupten, dass ich mir vorstellen kann, dass du auch nur einer Fliege etwas zuleide tun kannst." Er wandte sich um und redete erneut mit dem Publikum. „Ich meine, schaut sie euch an! Sie ist einfach wunderschön, nicht wahr?" Ihre Schreie der Zustimmung folgten. Caesar war wieder zu ihr zurück, aber er hatte keine Frage, er wartete auf eine Reaktion.
Clove wollte ihm sagen, sie würde ihn von dieser Bühne herunterwerfen und seinen künstlichen Körper zerbrechen, bis er nichts weiter war als eine blutige Lache auf dem Boden, doch stattdessen sagte sie: „Das Aussehen kann täuschen."
Nun war sie an der Reihe das Publikum anzusprechen. Sie wandte sich um, um sie alle anzusehen; diejenigen in der ersten Reihe, diejenigen die von ihren Balkonen herabhingen, diejenigen die überall in Panem vor ihren Fernsehern saßen.
„Denn ich bin tödlich."
Die plötzliche Mauer aus Lärm, die eine Aussage allein hervorbrachte, traf sie mit solch einer Wucht, dass sie sich fühlte, als ob sie davon hätte umfallen können. Sie johlten und brüllten. Sie stampften mit ihren Füßen. Sie schienen beinahe über einander her zu springen. Sie liebten es. Sie liebten ihre ungeduldigen Tribute. Sie liebten diejenigen, die ihnen ihre Show lieferten.
Caesar musste sie beruhigen, um fortfahren zu können. „Ah ha! Ja! Was bist du nur für ein Charakter, meine Liebe. Unsere Zeit geht uns jetzt zur Neige, deshalb nur noch eine letzte Frage: Was hast du zu deiner diesjährigen Konkurrenz zu sagen?"
Die Kameras fokussierten sich flüchtig auf einige der Gesichter hinter ihr. Was hatte sie ihrer Konkurrenz zu sagen? Dass sie jeden einzelnen von ihnen höchstpersönlich umbringen wollte? Dass sie seit dem Tag, an dem sie ihre Gesichter gesehen hatte, über all die unterschiedlichen Möglichkeiten fantasierte, wie sie sie abschlachten konnte? Dass sie nach ihrem Blut lechzte, ihrem Leiden? Dass sie sich jetzt sofort umdrehen und sie alle töten würde, wenn sie könnte?
Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und sie wiederholte: „Was ich zu ihnen sagen würde?"
Um den Effekt zu erzielen sah sie über ihre Schulter und erhaschte einen flüchtigen Blick auf einige ihrer Gesichter. Mit süßlicher Stimme sagte sie: „Viel Glück."
Erneut grölte die Menge, bloß war es diesmal länger und lauter als das letzte Mal. Clove versäumte den Buzzer. Sie konnte Caesar kaum hören, als er ihre Hand nahm und sie in die Luft hob. „Meine Damen und Herren, die Junge, die Schöne, die Tödliche – Clove aus Distrikt Zwei!"
Als sie zu ihrem Platz zurückkehrte, drehte die Menschenmenge immer noch so weit durch, dass Caesar sie zurück gewinnen musste. Sie liebten sie. Sie liebten die junge, schöne, tödliche Clove. Neben ihr lächelte Marvel betont spöttisch. „Das war niedlich." Aber bevor sie eine abfällige Bemerkung zur Erwiderung machen konnte, wurde Cato auf die Bühne gerufen.
Cato, der erbarmungslose Mörder.
Er musste nicht einmal etwas sagen damit das Publikum erneut außer sich geriet. Caesar verlor an ihm keine Zeit mit abhelfenden Fragen. Er machte direkt einen Schnitt zu dem was sie alle hören wollten. Jede Drohung, jedes arrogante Kommentar, das Cato machte, erhielt immer mehr Lob. Die Grausamkeit in seinen Worten verwandelte das Publikum in Tiere; knurrend, schreiend, brüllend. Als Caesar fragte ob er irgendwelche letzten Bemerkungen äußern wollte, sah er zur Zuschauermenge. Clove guckte absichtlich zu den Bildschirmen, als sie sich auf sein Gesicht fokussierten. Seine blauen Augen drangen durch ihre, trotz des Monitors.
„Ich werde euch allen eine gute Show liefern", lächelte er. Mit Sicherheit war es die geschickte Arbeit von Brutus. Allerdings war der Zuspruch, der erfolgte, lauter als die von Clove, Marvel und Glimmer zusammen. Das Mädchen aus Distrikt 3, das als Nächste für ihr Interview aufgerufen wurde, wurde nahezu darin übertönt.
„Na, wie war das?", fragte Cato Clove, als er Platz nahm, seine Worte durchtränkt von Hochmütigkeit.
Clove hielt ihren Blick geradeaus gerichtet, als sie zur Erwiderung sagte: „Ein weiterer großer Bastard. Als ob sie das nicht schon vorher gesehen hätten." Sie erwartete, dass seine Miene bei ihren Worten hart und verärgert sein würde, aber wieder einmal überraschte Cato sie. Er sah voll und ganz amüsiert aus. Das verärgerte sie, und vielleicht zeigte sich das, denn sein einfältiges Lächeln wurde ein Grinsen.
Clove widmete ihre Aufmerksamkeit nun wieder dem Rest des Puppenspiels, nun mit dem Jungen aus Distrikt 3, der seine Intelligenz hochspielte. Irgendwie waren er und Caesar in eine Unterhaltung über irgendein gern verwendetes Gerät im Kapitol gerutscht und wie es funktionierte. Sie konnte nicht sagen ob Caesar tatsächlich ernsthaft fasziniert war, oder ob er nur ein guter Schauspieler war. Sie vermutete das Letztere.
Als nächstes kam Marina, die, in einem Kleid in der Farbe einer Meeresmuschel, zur Bühne floss, ihr üblicherweise krauses Haar in Locken ihren Rücken hinab fallend. Ihre Rolle war spitzbübisch und ein bisschen scherzhaft. Sie knüpfte eine Ähnlichkeit zu ihrer Konkurrenz die sie mit Haien und Thunfischen verglich. „Es gibt einige, die groß sind, einige, die klein sind, manche mit großen Zähnen – aber wenn du das richtige Netz hast kannst du sie alle in eine Falle locken, nicht wahr?"
Fischkopf schien keine große Rolle zu spielen. Er übertraf Caesar jedoch locker wenn es um die Unterhaltung ging. Und es endete damit, dass er alle Fragen stellte.
Als die 5er die Bühne betreten hatten, langweilte sich Clove schließlich. Ihre Aufmerksamkeit wurde erst wieder bei den beiden allerletzten Tributen festgenagelt. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie beugte sich in ihrem Sitz vor. Weiter, Katniss, weiter.
Das Mädchen war vollkommen verstört als sie im Rampenlicht stand. Sie wischte ihre Hände nervös an ihrem Kleid ab. Sie umklammerte ihre Finger. Sie verengte ihre grauen Augen, als sie das Publikum absuchte. Beim Anblick von ihr fühlte Clove erneut Feuer durch ihren Körper rasen. Sie wollte aufstehen und genau hier auf der Bühne über sie herfallen. Das würde den Zuschauern eine Show liefern. Oh, sie würden das einfach lieben.
Dann wirbelte Katniss in ihrem Kleid herum. Kichernd. Das Publikum liebte sie. Als sie anfingen über die Elf zu reden, die sie bei den Trainingseinheiten erzielt hatte, hörte Clove Marvel schnauben. Sie wandte ihren Kopf, um ihn anzusehen.
„Sie ließ uns alle wie Idioten aussehen", flüsterte er. „Ich will ihren Tod."
Als der Junge aus 12 die Bühne betrat, stellte Clove fest, dass sie überhaupt nicht groß auf ihn geachtet hatte. Seine Persönlichkeit war freundlich und äußerst sympathisch. Nur dass er keine Rolle zu spielen schien. Innerhalb kürzester Zeit rief er die Menge wach, obwohl er der allerletzte Tribut war. Sie hingen an jedem seiner Worte, lachten, jubelten. Gegen Ende fragte Caesar ihn, ob er daheim eine Freundin hätte, woraufhin er antwortete, dass dort keines wäre, doch dass es da ein Mädchen gäbe, das er liebt. Und dann plötzlich waren vier kleine Wörter alles, was es für den einfältigen Bergarbeiter benötigte, um all ihre Interviews in Brand zu setzen und nichts als Asche zu hinterlassen, als ob sie überhaupt niemals wirklich stattgefunden hätten.
„Wir sind zusammen hier."
[Song ausschalten]
oOoOoOoOoOoOo
¹ = Im Original „cauliflower blue", aber im Deutschen klingt „Blumenkohlblau" nicht so schön… Habe von daher einfach einen anderen Blauton gewählt.
² = a ball of candy
³ = An dieser Stelle eigentlich „his flesh". Habe aber für den Ausdruck ein anderes Wort gewählt.
⁴ = Wortspiel. Katniss ist „the girl on fire" (das Mädchen, das in Flammen steht) und Clove denkt an dieser Stelle, dass sie „on fire" ist, was umgangssprachlich bedeutet, dass jemand „heiß" ist.
