Hallo,

dieses Kapitel kommt dieses Mal etwas schneller. Ihr werdet am Inhalt des Kapitels merken, wieso ich so schnell mit dem Übersetzen war ;)

Ich musste mich daran erinnern, dass ich den Text übersetze, da ich angefangen habe einfach weiterzulesen. Es ist ein echt tolles Kapitel. Ich bin gespannt wie ihr es findet.

The Blood of the Beast hat jetzt auch endlich ein Titelcover.

Nun will ich euch aber nicht länger aufhalten. Viel Spaß beim Lesen!

oOoOoOoOoOoOo

Can you picture what will be?
So limitless and free?

Desperately in need of some strangers hand.
In a desperate land.

Lost in a Roman wilderness of pain.
And all of the children are insane.

All of the children are insane.

(„The End" – The Doors)

7. All diese Kinder sind wahnsinnig

Atme, Peeta. Atme.

Er wiederholte das wie ein Mantra für sich selbst, als er beobachtete, wie Katniss so viel Abstand wie möglich zwischen sie brachte. Es überraschte ihn nicht im Geringsten, dass sie unzufrieden war, mit dem, was gerade geschehen war. Er hatte gewusst, dass sie es sein würde.

Aber vorerst war das in Ordnung. Haymitch hatte ihn gewarnt. Jetzt kam die einzige Chance, die er kriegen konnte, um möglicherweise ihr Leben zu retten.

Sogleich entdeckte er die Careers. Sie alle sechs drängten sich in einen der Fahrstühle, der von ihm am weitesten entfernt lag. Er musste schnell handeln.

Atme, atme.

oOoOoOo

Hass rührte sich schmerzhaft in Cloves Unterleib, als sie in den Aufzug trat. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hatte 12 es geschafft Distrikt 2 bloßzustellen. Es war einfach nicht richtig. Jedes Jahr waren 1, 2 und 4 generell in Allem fast immer ausgeglichen: Aufmerksamkeit, Bewertungen, Sponsoren. Warum nur sollte das Jahr ihrer Hunger Games genau jenes sein, in dem es solch ein niedriger Distrikt das erste und einzige Mal fertigbrachte, die Gunst des Kapitols für sich zu gewinnen, bevor sie auch nur einen Schritt in die Arena setzten? Wenngleich es technisch gesehen nicht ihre Schuld war, so brachte es ihrem Distrikt Schande – sie brachte ihrem Distrikt Schande, weil sie erlaubte, dass dies geschah.

Allerdings lag diese Bürde nicht allein auf ihren Schultern. Cato schien vor Wut zu schäumen, als er neben ihr in den Fahrstuhl trat.

„Ich kann es einfach nicht fassen – die Bauern aus Zwölf waren die Stars der Show. Zwölf! Ist das Kapitol verrückt geworden?" Glimmer stampfte beinahe mit ihren High Heels auf, als sie sprach.

„Sei einfach still und drück die Eins, Glimmer. Das geht nun schon seit fünfzehn Minuten so und ich habe es bereits satt, es von dir zu hören", schnauzte Marvel aus seiner Ecke des Fahrstuhl. Er ging beinahe die Wände hoch, und versuchte Marina oder Cato nicht anzurühren.

Clove war ganz seiner Meinung. Was spielte es überhaupt für eine Rolle? Auch wenn sie wütend war, wusste sie, dass es nichts bringen würde, sich weiterhin darüber aufzuregen. Schließlich begannen morgen die Spiele. In weniger als zwanzig Stunden. Es gab nur noch eine Nacht durchzustehen und dann …

Gerade als die Türen anfingen zuzurollen, schob ein Paar Hände sie auf. Sie gehörten – ausgerechnet – zu dem Jungen aus Distrikt 12.

„Sorry", schnaubte er, blickte sie beinahe gleichgültig an. „Ich musste einfach weg von ihr."

Seine Worte wurden mit Schweigen beantwortet. Keiner von ihnen schien anfangs zu wissen wie er reagieren sollte, aus einer Vielzahl von Gründen: Einer davon war von dem merkwürdigen intuitiven Gefühl sprachlos zu sein, das dadurch ausgelöst wurde, wenn man jemanden sah, direkt nachdem man über ihn gesprochen hatte, der andere war die eindeutige Gleichgültigkeit des Jungen, bezüglich mit wem er gerade in den Aufzug eingestiegen war, und letztendlich das, was er gesagt hatte.

Nachdem der Schock über seine bloße Gegenwart vorüber war, versuchte Clove immer noch seine Unerschrockenheit zu ergründen. Sie war noch nicht einmal dazu gekommen über seine Worte nachzudenken, als Marina piepste:

Katniss?"

„Jaah", seufzte der Junge. „Ich kann sie nicht ausstehen. Und sie scheint mich nie in Ruhe zu lassen. Das Mädchen hat die Persönlichkeit eines Felsens. Die Tatsache, dass Haymitch mich dieses ganze Riesen-Trara mit ihr abziehen lässt, macht mich einfach fertig."

Was hatte er gerade gesagt? Riesen-Trara? Clove wackelte mit ihrer Nase, während sich die anderen verwundert ansahen.

Was?", schnappte Glimmer.

Daraufhin hob er eine Augenbraue.

„Wie, ihr habt das alles tatsächlich geglaubt? Ich schätze, ich war ziemlich gut", sagte er, beinahe vor sich hin glucksend.

„Was meinst du, ‚alles tatsächlich geglaubt'?", zischte Marvel unerwartet. „Du hast es gerade dem gesamten Land bekanntgegeben!"

Und dann verengte der Junge seine Augen und verzog daraufhin den Mund, als ob Marvel einfältig war. Er war entsetzlich kühn für einen Distrikt 12 Tribut, so viel stand fest.

„Jaah, und?", fragte er. „Ich meine, verdammt, ich bin überrascht. Solltet es nicht ausgerechnet ihr sein, die Ahnung davon haben wie man Sponsoren gewinnt?"

Clove musste die Worte in Gedanken immer wieder wiederholen. Das alles … war für die Sponsoren? Sie hätte es wissen müssen! Niemand, nicht einmal ein Tribut aus 12, konnte so erbärmlich sein ihre Liebe im Fernsehen live zu verkünden, sodass es die gesamte Nation sehen konnte, vor allem im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf etwas wie die Hunger Games. Es war so perfekt geplant. Noch nie zuvor hatte ein Paar von Tributen diese Vorgehensweise gewählt. Es war verzweifelt und ungerecht, aber nicht einmal sie konnte behaupten, dass es nicht brillant war. Es war beinahe zu brillant.

Der Aufzug läutete nun, signalisierte ihre Ankunft im ersten Stock. Aber Glimmer hielt ihren Finger auf den Knopf gedrückt.

„Du willst mir also sagen, dass das alles Schwachsinn war?", meinte Cato.

Der Distrikt 12 Junge zuckte mit den Schultern. „Jaah. Ich hoffe nur jemand bringt sie am Anfang der Spiele um und schafft sie mir damit vom Hals. Ich werde nicht in der Lage sein es auf Anhieb selbst zu tun, so sehr wie ich auch will. Außer ich will die Unterstützung der Sponsoren nicht mehr." Anschließend, fast als nachträglicher Einfall, fügte er an Glimmer gewandt hinzu: „Warum hältst du die Tür auf?"

Katniss umbringen? Ein Lächeln schlich sich auf Cloves Gesicht, als sie anfing Pläne zu schmieden. Na wäre das nicht einfach ein schöner Plan? Die Liebe ihres Lebens als Köder zu benutzen, um sie anzulocken und dann hatten sie sie. Sie wäre nicht einmal in der Lage wegzurennen. Sie konnten sie in einen Hinterhalt locken. Und dann mit ihr tun, was immer sie wollten; ihren Körper in Stücke reißen, ihr Fleisch und ihre Knochen zerschneiden. Anschließend, nachdem das vorüber war, den Jungen vernichten.

Nach nur einem flüchtigen Blick zu den anderen, wusste Clove, dass sie alle das gleiche dachten. Insbesondere Cato, der ein Grinsen auf seinem Gesicht trug, das sich von Wange zu Wange ausbreitete. Glimmer nickte, Marina und Fischkopf schienen nichts dagegen zu haben und Marvel rollte mit den Augen.

Schließlich grinste Cato spöttisch: „Na gut, ich habe ein Angebot für dich, Loverboy."

Distrikt 12 senkte seine Augenbrauen. „Was für eins?", fragte er argwöhnisch.

„Du bringst sie zu uns und wir werden dich nicht umbringen", sagte Cato. „Naja, jedenfalls nicht sofort."

„Fragt ihr mich ob ich mich euch anschließe?"

„Leider", seufzte Marvel.

12 stand wirklich für einen Moment da und erwägte das. Er dachte tatsächlich über ihr Angebot nach. Vielleicht war er nicht klein, aber er war definitiv nicht monstermäßig groß wie Thresh. Clove verengte ihre Augen; die Furchtlosigkeit, die er ihnen gegenüber zeigte, war vollkommen untypisch für einen Tribut, der aus einem derart schwachen Distrikt kam.

„In Ordnung." Er nickte.

„Großartig." Marvel klatschte augenblicklich voller Sarkasmus. „Lasst mich hier jetzt aussteigen."

Die Tür schloss sich hinter den Tributen aus Distrikt 1 und Clove konnte gerade noch Glimmer ausmachen, die Marvel fragte, was gerade passiert war. Clove selbst war nicht einmal sicher. Vor weniger als zwei Minuten war der Junge nah dran gewesen der Feind Nummer Eins zu sein. Aber irgendwie war er nun in ihrem Team und ein Teil ihres Bündnisses. Und obwohl es etwas Neues für einen Distrikt 12 Tribut war ein Teil der Careers zu sein, konnte niemand bestreiten, dass ihr Verlangen Katniss zu töten die Wichtigkeit von Tradition überwog.

Jedoch kam Clove nicht umhin sich zu fragen was es mit diesem Mädchen aus 12 auf sich hatte, dass es diesen Jungen dazu brachte sie genug zu hassen, sodass er seinen eigenen Distriktpartner tot sehen wollte. Doch sie stieß ihre unsinnige Neugierde verärgert fort, bevor sie über diesen Gedanken nachgrübeln konnte. Clove gehörte nicht zu denen, die daran glaubten ihre Feinde kennen zu müssen – allein die Redensart ließ sie an einen Wolf glauben, der die Wesensart einer Henne verstehen wollte. Es war total lächerlich.

Nun, da sie mehr Platz hatten, war Cato in der Lage seinen Körper zu drehen, um 12 gegenüberstehen zu können. „Glaub nicht, dass du deswegen imstande sein wirst irgendetwas Witziges abzuziehen", drohte er auf ihn herabsehend. „Du bist bei uns, damit wir das Mädchen umbringen können. In der Sekunde, in der ich einen Sinneswandel bemerke, wirst du schneller tot sein, als du Katniss sagen kannst."

„Wir beide tun uns hier gegenseitig einen Gefallen", sagte 12. Er und Cato starrten einander unablässig in die Augen. Er sah nicht einmal verängstigt oder eingeschüchtert aus. Er schien völlig unbeeindruckt. Das störte Clove. Etwas stimmte definitiv nicht mit diesem Jungen und demzufolge auch nicht mit dem Bündnis, dass sie gerade mit ihm geschlossen hatten.

Doch der Aufzug läutete, ihren Stockwerk signalisierend.

„Wir sehen uns morgen, Loverboy", sagte Cato, als er hinaus schlenderte. Clove sorgte dafür, dass sie ihren Fuß lange genug in der Tür hielt, um 12 ihre eigene stumme Warnung zu geben – dass sie ihn beobachten würde, dass sie seiner Handlung nicht ganz vertraute, nicht so wie die anderen. Doch seine Augen; ein Blau irgendwo zwischen Marvels tiefer Nuance und Catos eisiger Farbe, verrieten nichts. Seine Augen durchbohrten sie mit derselben Gleichgültigkeit, die er auch Cato geschenkt hatte.

Ohne ein weiteres Wort kehrte sie ihm den Rücken zu und stiefelte von dem Fahrstuhl weg, gerade noch rechtzeitig, um Lyme um die Ecke kommen zu sehen.

Ihr Mentor sah heute Abend hübsch aus. Sie war nicht jemand, der Make-up trug – und das brauchte sie auch nicht, in Anbetracht der natürlichen Schönheit ihrer außergewöhnlichen Gesichtszüge. Lediglich die Hose, die sie trug, war geschmeidig und glatt. Sie trug sogar High Heels. Allerdings bemerkte Clove, dass sie in ihren Händen Reisetaschen voller Gepäck transportierte.

„Clove." Lyme sprach sie mit einem leichten Lächeln an.

„War es akzeptabel?", fragte Clove und näherte sich der bereits großen Frau, die durch ihre Schuhe noch größer gemacht wurde.

„Es war großartig. Ich war sehr stolz. Und du siehst auch absolut umwerfend aus."

Clove tat ihr bestes ihren Mund kontrolliert zu behalten, als ein Lächeln drohte über ihre Lippen zu sprießen. Lyme stellte eine der Reisetaschen hin und legte eine große warme Hand auf ihre Schulter.

Ihre Augen wanderten für einen winzigen Moment zu Cato, aber es reichte aus, um ihm mitzuteilen, dass er nicht erwünscht war.

Während Cato davon trampelte, stand Clove schweigend da, nicht sicher, was sie jetzt sagen sollte. Die letzte Begegnung, die sie und ihr Mentor heute gehabt hatten, hatte damit geendet, dass Lyme unerwartet den Raum verlassen hatte und zwar in dem erzürntesten Zustand, in dem Clove sie jemals gesehen hatte. Möglicherweise ging es Lyme genauso, denn als sie ihre Hand zurückzog, fiel sie an ihre Seite und ihre Miene schien unsicher. Doch die Verunsicherung ließ so schnell nach wie sie erschienen war.

„Das wird das letzte Mal sein, dass ich dich vor den Spielen sehen werde", sagte sie, in typischer Lyme-Manier direkt auf den Punkt kommend.

Die Worte nahmen ihren Lauf durch Cloves Körper und betäubten ihn. Sie fühlte sich benommen und war vielleicht sogar ein wenig traurig. Offensichtlich mochte sie ihren Mentor; sie konnte sich das nun selbst eingestehen. Aber wieso? Wieso? Dazu hatte sie keinen Grund. Clove hatte keinen Grund irgendjemanden zu mögen. Und sie kannte Lyme erst seit etwas mehr als einer Woche. Als Mentor war sie sicher passabel gewesen, aber davon abgesehen kannte sie sie kaum. Die Gefühlsregung, die sie fühlte, war so sinnlos, so albern …

Doch als Clove dennoch ihren Mund öffnete, um zu fragen „Wieso?", war die Frage schwer genug, um herauszufallen und auf dem Boden zu zerschmettern.

„Nun, ich werde heute Nacht ins Spielhauptquartier gehen müssen, um all deine Sponsoren zu organisieren", sagte sie. „Wir beide, ich und Brutus. Faun wird dich morgen begleiten."

Clove musste ein Gesicht gezogen haben, denn Lyme entließ ein leichtes Glucksen. Sie konnte sich nicht daran erinnern ihren Mentor jemals lachen gehört zu haben. Der Klang war angenehm. Das Lachen kullerte durch den Raum.

„Hör mir zu, Clove", sagte Lyme plötzlich ernst. „Das sind meine letzten Ratschläge an dich. Erstens: Du darfstauf gar keinen Fall irgendjemandem vertrauen. Nicht einmal deinem Team. Bleib zu jeder Zeit sorgsam. Morgen erreichst du außerdem dieses Füllhorn und bekommst ein paar Messer zwischen die Finger. Sorge dafür, dass du schnell bist, damit dich niemand ohne sie erwischen kann. Dann töte wer auch immer nötig ist."

„Du weißt, dass ich das werde", sagte Clove und grub ihren Blick tief in Lymes dunkle Iriden – Iriden, genau wie ihre eigenen. Für eine scheinbar lange Zeit verweilten sie genau so, stillstehend und ohne den Augenkontakt abzubrechen. Sie versuchten nicht einander einzuschüchtern, noch versuchten sie eine Auseinandersetzung zu gewinnen. Für Clove jedenfalls war das, was sie empfand, die Empfindung von Trost. Wenngleich sie nicht sicher war, wofür der Trost war.

„Denke daran", sagte Lyme mit sanfter Stimme. „Es gibt einige Leute, die wollen, dass du lebend aus dieser Arena herauskommst."

„Die Leute, die ihre Ärsche aufs Spiel gesetzt haben, um mich hier herzukriegen?", spöttelte Clove und wiederholte Lymes Worte von früher an diesem Tag.

Mit einem Mal drückte etwas Schweres den Raum nieder, Clove konnte es fühlen. Es war, als ob zusätzliche fünfzehn Kilo Luft sich über ihren Köpfen angereichert hätten.

„Ja", sagte Lyme. „Gewinne für diese Leute. Gewinne für den Distrikt oder für den Ruhm oder für was auch immer du willst. Sorge nur dafür, dass du gewinnst."

Clove wägte das in Gedanken ab. Konnte sie ihr das versprechen? Sie konnte nicht lügen – sie hatte zu viel Respekt vor ihrem Mentor, um das zu tun. Allerdings konnte sie nicht behaupten, dass sie jemals darüber nachgedacht hatte zu gewinnen. Aber sie schuldete Lyme etwas; ihr Mentor hatte die vergangenen letzten Tage immerhin eine Menge für sie getan. Und als der Mentor eines Siegers eingestuft zu werden würde sie definitiv ausgleichen, richtig?

„Okay", sagte Clove.

Danach gab es nichts weiter zu sagen. Aber trotzdem drückte Lyme Cloves Schulter noch fest mit einem leichten Schütteln und gab ihr ein weiteres leichtes Lächeln, bevor sie ihre Reisetaschen zum Fahrstuhl brachte und hinter den silbernen Türen davon schlüpfte, weg.

Allerdings konnte Clove nicht behaupten, dass sie deswegen völlig traurig war. Denn in dem endgültigen, wortlosen Austausch, hatte sie etwas tief in Lymes Augen gesehen, das es geschafft hatte sie einzusaugen und sie auszuspucken, über eine Million Mal, in einer Million verschiedener Arten.

oOoOoOo

Stunden später unter den dämmerigen Lichtern ihres Badezimmers, sah Clove ein anderes Wesen in ihrem Spiegel eingeschlossen.

Dieses war nicht wunderschön, wie das letzte. Dieses Ding war ein Tier. Bedrohliche, dunkle Schatten verliefen über ihre grauen Wangen. Ihr Gesicht wirkte leer. Ihr Körper war nackt. Es starrte Clove mit Augen, die wie Feuer brannten, wütend an. Ihre Oberlippe war hochgezogen. Sie fletschte ihr gegenüber die Zähne. Eine ihrer Hände packte ein weiteres Büschel ihrer Haare – nun dunkel und unordentlich, und die andere hackte es mit einer silbernen Schere ab. Wie eine große Spinne, die noch immer an ihrem Netz hing, trieb das Büschel leise durch die Luft, bis es vor ihr im Waschbecken landete.

Dieses Ding brauchte keine langen Locken. Es hatte Schönheit nicht nötig.

Es hörte nicht auf Haarbüschel zu greifen, bis schwarze Locken ihre Schultern berührten; dessen wilde, rauen Enden sich hin und her verflochten. Es lächelte über sein Werk.

Clove schaltete das Licht aus; sie konnte es nicht mehr ertragen das Ding in dem Spiegel zu sehen. Die Dunkelheit verschlang sie. Sie beruhigte ihr pochendes Herz. Sie floss in ihren Mund, als sie ihre Lippen trennte, um einzuatmen. Sie drang in ihren Hals ein, ihre Lungen. Sie schwappte in ihre Beine. Aber sie konnte sie nicht ausfüllen. Clove schrie. Sie schlug ihre Faust gegen die Wand. Der Schmerz kam unmittelbar, aber auch nach wie vor, war da nichts.

Die Leere, die sie so oft verspürte, war in diesen wenigen vergangenen Stunden besonders schlimm gewesen. Sie konnte das Nichts leibhaftig wachsen fühlen, als es ihm gelang sie zu verzehren. Raserei, Zorn, alles blieb fern. Nicht einmal eine Rührung der Nerven, nicht einmal ein wenig Erschöpfung.

Die Lichter gingen wieder an. Clove wollte die Haarbüschel essen, die nun an dem Waschbecken hafteten, sich selbst daran ersticken. Lasst sie sie von innen heraus erwürgen, damit der Hauch des Todes sie vielleicht ins Leben zurückschütteln konnte. Sie nahm eines und betrachtete es in ihren Händen genau. Aus der Nähe sahen dessen Enden aus wie kleine bedrohliche Scherben. Sie schmiss es auf den Boden und stürmte aus dem Badezimmer.

Eine Stunde lang saß Clove auf ihrem Bett und starrte ins Nichts.

Dann – ein Geräusch. Es kam von außerhalb ihrer Tür. Clove durchquerte den Raum und schlüpfte in die einzigen beiden Kleidungsstücke, die sie auf dem Boden ausmachen konnte: ein weiches Shirt und Unterwäsche. Und dann folgte sie dem Geräusch.

Es waren Schritte.

Sie führten sie zu dem massiven Fenster, das über das Kapitol hinaussah. Der Ursprung des Geräusches kam von einer Silhouette, die mit dem breiten Rücken zu ihr stand, dessen Schultern sich hoben und senkten, während er atmete oder eher gesagt, keuchte. Natürlich war Cato wach.

Clove wollte keinen Lärm machen, um ihn nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sie wollte die Schatten, die über die nackte Haut seines Rückens tanzten, beobachten, bis die Sonne aufging. Aber er spürte ihre Gegenwart.

Sein Kopf schoss hoch und er wirbelte herum, um sie anzusehen. Seine blassen Augen, die ungewöhnlich weit geöffnet waren, zeigten ihr, dass er in genau derselben manischen Stimmung war, wie sie. Er neigte seinen Kopf. Seine Lippen brachen auf, um ein Lächeln zu offenbaren. Mit den fokussierten Bewegungen einer Dschungelkatze, schlich er auf sie zu.

„Was ist los, Schatz?", schnurrte er. „Kannst du nicht schlafen?"

Wenn Clove nicht in so einer Verfassung gewesen wäre, würde sie vor ihm zurückschrecken. Doch stattdessen schwebte zur Seite. Eine Blase aus Spannung begann sich zwischen ihnen zu bilden. Clove konnte es fühlen. Sie fühlte wieder etwas. Die Leere in ihr fing an sich zu füllen. Sie fühlte sich auf einmal ermutigt, nach mehr verlangend.

„Nicht heute Nacht", antwortete sie.

Seine Augen huschten von ihren weg und seine Lippen kräuselten sich zu einem spöttischen Lächeln. „Hast dir stattdessen lieber einen kleinen Haarschnitt verpasst?", meinte er.

„Muss für morgen schön aussehen, nicht wahr?", sagte sie. Unwillkürlich klang ihre Stimme wie ein Knurren.

Sie wanderten weiterhin in einem weiten Kreis umeinander umher. Energie pulsierte jetzt durch Cloves Adern. Es war so eine wunderbare Empfindung, besonders da es nur Augenblicke zuvor gewesen war, dass sie sich aus Verzweiflung beinahe erstickt hätte, um das gewaltige, hohle Loch zu schließen, das sich in ihrem Leib bildete. Sie seufzte lebhaft und sah sehnsüchtig aus dem Fenster.

„Ich kann einfach nicht aufhören nahzudenken", sagte Clove. Sie blieb stehen und wandte sich zum Kapitol. Unverzüglich war Cato bei ihr. Ehe er auch nur ein Geräusch machte, konnte sie seine Gegenwart spüren. Winzige Haare in ihrem Nacken stiegen auf. Sie bekam Gänsehaut. „Über morgen. Über ihr Blut …" Sie schmunzelte. „Über dein Blut."

Sein Lachen war näher als erwartet. Ein Paar großer Handflächen, abgehärtet von dem jahrelangen Umgang mit Waffen, legten sich langsam auf ihren Rücken, völlig unerwartet, weshalb Clove daraufhin zusammenzuckte. Aber als sie ihr zum zweiten Mal nahe kamen, ließ sie zu, dass sie ihre Haut berührten. Sie starteten an ihrem Kreuz und strichen dann um ihre Hüften, bis sie über ihrem Bauch aufeinander trafen. Ihr Blut setzte sich in Brand.

Ein Paar muskulöser Arme folgte, schlossen ihren Körper in ihrer Wärme ein. Anschließend fühlte sie ein Kinn in ihrer Halsbeuge ruhen, Lippen, die ihr Ohr berühren, Wimpern, die zweimal gegen ihre Gesichtshälfte schlugen. Ihr gesamter Körper war nun in seinen gepresst. Die Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

„Du weißt, dass Brutus Recht hatte", murmelte er. „Töte die andern, hebe das Beste für den Schluss auf."

Clove schloss ihre Augen, gestattete sich selbst vollständig in ihm zu versinken. Ihre Sinne waren wachsam, auf alles eingestellt; die Wärme, die seine unbedeckte Brust gegen ihren Rücken ausstrahlte, seine Hände, dessen Fingerspitzen anzufangen schienen winzige Kreise auf dem weichen Fleisch ihres flachen Bauches zu zeichnen; der zimtige Geruch seines heißen Atems.

„Ich freue mich darauf", erwiderte sie.

„Zu sterben?", hauchte Cato. „Denn wenn es auf uns hinausläuft, wird das für dich der Fall sein."

Seine Finger streiften nun verlockend langsam über ihren Hüftknochen. Sie malten die winzigsten Muster auf die dünne Hautschicht. Seine Brust hob und senkte sich. Sein ganzer Körper schien zu pulsieren. Clove musste sich selbst daran erinnern zu antworten.

„Nein, wird es nicht. Ich werde dich umbringen", sagte sie und versuchte ihre Atmung zu kontrollieren. Bei einer normalen Gelegenheit hätte sie mehr gesagt, hätte es sogar geknurrt, aber das war alles, was sie aufbringen konnte. Seine Fingerspitzen fuhren über den Stoff ihrer Unterwäsche, bei der sie bis jetzt vergessen hatte, dass sie sie trug.

Ein weiteres leises Lachen dröhnte in ihr Ohr. „Ich glaube nicht", sagte er.

Seine Finger ballten sich um ihre Hüften, zogen sie weiter an ihn. Ihr Atem stockte. Clove hatte sich selbst vollkommen schutzlos dargestellt, er konnte jeden Moment angreifen – aber sie konnte sich nicht dazu durchringen auch nur einen klaren Gedanken zu formen. Ihr Verstand konzentrierte sich auf die Wahrnehmung seines Daumens, während er langsam unter das Futter des Stoffes glitt und die blanke Haut streichelte. Clove fühlte nicht anderes.

„Wieso", hörte sie sich schwach fragen.

Der Stoff wurde anschließend von nur einer ihrer Hüften mit bedachter Langsamkeit heruntergezogen. Sie hörte plötzlich auf zu atmen.

Gegen ihr Ohr sagte er leise flüsternd: „Ich habe dich."

Als Clove das selbstgefällige Lächeln spürte und das tiefe Lachen hörte, das folgte, wurde sie aus ihrer Trance gezogen. Ihr Mund verdrehte sich zu einem krummen Grinsen. Zwei konnten dieses Spiel spielen. Sie hob ihre Hand zu Catos Gesicht und strich mit ihren Fingern über seinen Kiefer und ließ sie über seine Lippe streifen.

„Stimmt das?", fragte sie und bemühte sich den benommenen Klang, den ihre Stimme zuvor enthalten hatte, nachzuahmen. Doch Cato kaufte ihr das nicht ab. Seine Hände entfernten sich von ihrem Körper. Doch es war zu spät.

Unverzüglich stach sie ein Paar Finger in die empfindliche Vertiefung unter seinem Kinn und wirbelte dann herum, um ihm gegenüberzustehen. Sie bewegte eine Hand, um ihre Finger über seinem Schlüsselbein – Unterschlüsselbeinnerv – hinunterzudrücken und presste anschließend ihre anderen Finger in den Bereich genau vor seinem Ohr, mit genügend Kraft, dass sein Körper durch den einschlagenden Schmerz in seinen Nebenhöhlen vorübergehend unbrauchbar wurde. Bevor er Zeit hatte anzugreifen hatte sie ihn gegen die Wand gedrückt.

Jetzt war sie dran.

Mit kindlicher Unschuld stellte sie ihre winzigen Füße auf seine großen und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, sodass sie fast auf Augenhöhe waren. Sie nahm eine Hand, um ihre Finger über seinen Kiefer zu streifen, während die andere seine Schulter griff, um die Balance zu behalten. Sie streifte ihre Lippen über die Muskeln seiner Brust, seinen Hals hinauf, über sein Kinn, stoppte bei seiner Wange, als ob sie im Begriff war sie zu küssen.

Stattdessen sagte sie: „Denn ich denke, dass ich dich habe."

In seinen kalten Augen war eine unergründliche Intensität, aber anstatt ihr Angst einzujagen, weckte es bei ihr eine ähnliche Lust, die sich seit fünfzehn Jahren im Schlaf befunden haben musste. Seine Lippen trennten sich. Der Schein des Kapitols beleuchtete seine nackte Haut. Die perfekt gemeißelte Brust unter ihren Fingern, der Vorsprung seines Halses, die Linie seines Kiefers, alles an ihm erregte einen Urinstinkt, der darum kämpfte die Kontrolle über ihren Körper zu gelangen. Er kochte in ihr. Er wollte ihn. Er wollte ihn auf eine Art, von der Clove sich nicht entsinnen konnte jemals etwas so sehr gewollt zu haben.

Er brachte sie dazu ihren Mund zärtlich zu seinem zu bringen, doch statt ihn zu küssen, biss sie in seine weiche Unterlippe hinein.

Cato ging los wie eine Bombe.

Ihr Kopf klatschte gegen die Wand, bevor sie überhaupt begreifen konnte, was geschah. Seine Hände pinnten sie dagegen, in der Luft schwebend. Sein Körper war gegen ihren gepresst. Clove handelte nun ohne nachzudenken. Ihre Beine wickelten sich um seine Taille. Dann krachten ihre Münder aufeinander.

Sie küssten sich.

Es war das erste Mal, dass Clove jemanden küsste. Nur das da nichts Sinnliches oder Romantisches dran war. Es war hart, aggressiv. Ihre Zähne schmetterten gegeneinander; sie bissen heftig in die Lippen des anderen. Ihre Hände kratzten, griffen zu, verletzten sich gegenseitig in jeder Form, die sie konnten, in einer gewaltigen Kombination aus Lust und Hass. Aber es war wunderbar. Clove konnte nicht genug kriegen. Sie wollte bloß mehr, mehr, mehr. Ihre Finger vergruben sich in seinem Haar, sie zog sich näher an ihn heran. Ein Knurren grollte in seiner Kehle. Sie riss sich los, wanderte mit ihrem Mund seinen Hals hinunter, ihre Zunge streifte über seine Haut. Und dann geschah etwas.

Vielleicht war es die Nähe, vielleicht war es die Intensität von allem. Vielleicht war es das Adrenalin, das durch ihre Adern jagte; vielleicht waren es ihre erhöhten Sinne. Vielleicht war es die Erkenntnis darüber, dass, wenn der Morgen kam, sie in eine Arena geschmissen werden würden, um sich bis zum Tod zu bekämpfen.

Aus welchem Grund auch immer, sie wollte Cato plötzlich umbringen.

Clove biss mit so viel Kraft wie sie konnte in das Fleisch seines Halses hinein. Metallisches Blut floss in ihren Mund. Sein Körper zuckte. Sie biss härter zu.

Dann waren seine Hände in ihrem Haar verknotet und er riss ihren Kopf zurück. Die Wunde an seinem Hals war bereits violett und schwarz und Blut sickerte aus der tiefen, klaffenden Wunde. Clove hatte immer noch den Geschmack davon im Mund; sie spürte, wie es an ihren Lippen trocknete. Nun tat sie was auch immer sie konnte, um ihm Schmerzen zu bereiten. Ihre Hände flogen zu seinem Gesicht, schlugen es, mit der Faust, mit der offenen Hand. Ihre Nägel gruben tiefe Risse über seinen Rücken. Sie fauchte ihn an wie ein Tier.

Schließlich packte seine Hand ihren Kiefer und drückte ihn mit genügend Druck zusammen, sodass er knackte, was sie zum Keuchen brachte. Catos Muskeln spannten sich an, seine Atmung kam stoßweise, sie sah sogar wie sich seine Pupillen weiteten. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Und dann warf er sie zu Boden.

Oh, wie ähnlich sie sich waren.

Ihr wurde die Luft aus den Lungen gepresst und innerhalb eines Wimpernschlags spreizte Cato ihre Beine, seine großen Hände wickelten sich um ihre Taille und die gewaltige Menge seines Gewichts drängte sich auf ihren viel kleineren Körper. Drückte sie. Clove versuchte durch den Mund einzuatmen, aber sie bekam keine Luft. Ihre Hände schwangen nutzlos zu seinem Gesicht. Sie versuchte sogar einen ihrer Finger in seine Augenhöhle zu graben. Aber es brachte nichts. Wie ein Pferd wendete er ihre Bemühungen mit einem Bocken seines Kopfes ab. Letzten Endes war sie außer Stande ihre Arme für etwas zu gebrauchen, außer zu versuchen seine Hände und seinen Körper von sich zu stoßen. Es waren Qualen, wie sie Clove noch nie zuvor empfunden hatte. Ihre Wangen blähten sich, als sie einen Schrei zurückhielt.

„Nein, schrei, ich will es hören", forderte Cato zwischen zusammengebissenen Zähnen. Seine Augen loderten, sein Gesicht war rot. Er war ein Wahnsinniger. Jedoch konnte Clove nicht leugnen, dass sie auch eine war.

Ihr Mund schloss sich fest zusammen. Sie würde ihn hieraus keine Genugtuung erlangen lassen. Aber sie hatte absolute keine Verteidigung. Sie war gefangen.

„Weißt du, Blumen wie du wachsen nicht dort, wo ich herkomme", sagte Cato leicht, als ob es über dem Esstisch gesagt werden würde. Und danach presste er härter auf sie herab. Blut stieg Clove ins Gesicht. Sie glaubte die Inhalte ihres Innenlebens würden in wenigen Augenblicken auf den Boden geschleudert werden. Der Schrei, den sie zurückgehalten hatte, wurde freigelassen. Ihr Kopf peitschte vor und zurück, sie wand sich, versuchte zu entkommen. Jede Zelle ihres Körpers schrie verzweifelt mit ihr zusammen.

Cato lachte, aber das kümmerte sie nicht. Ihr war alles egal.

„Fleh mich an", knurrte er, sein Blick veränderte sich nahezu unverzüglich. „Fleh mich an dich gehen zu lassen."

Aber das würde sie nicht. Stattdessen ignorierte sie ihn und fuhr fort sich hin- und herzuwerfen, in egal welche Richtung, die sie konnte, um seinem eisernen Griff zu entkommen.

Fleh mich an."

Er konnte jeden Knochen in ihrem Körper brechen und sie würde ihm niemals die Genugtuung geben. Als Trotzaktion starrte sie wütend in seine Augen, die erneut abwesend waren. Aber als seine Hände an ihren Seiten weiter eindrückten, war alles, was sie tun konnte, ihre Augen zuzupressen und einen weiteren Schrei auszustoßen. Weder Brutus noch Lyme würden heute Nacht zu ihrer Rettung kommen. Aber sie brauchte sie nicht. Lasst Cato sie umbringen – in diesem Moment wollte sie nicht anderes.

Aber noch nicht einmal das konnte er tun.

Er löste die Hände, die er an ihre Seiten gepresst hatte und sofort flutete der Schmerz, der von Schock und Druck verdrängt worden war, ihren Körper hindurch. Clove keuchte, hustete, würgte sogar, und realisierte erst jetzt wie wenig sie geatmet hatte. Schwäche ereilte sie, hinterließ sie unfähig sich zu bewegen.

Cato neigte seinen Kopf hinunter. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und ließ einen Finger über die Haut unter ihrem Auge streifen. „Solch ein sanftes Täubchen", wisperte er. „Wie schade, dass du zur Schlachtbank geführt werden musst."

In den Schatten war er weltfern. Ein Dämon, ein Engel, ein Gott. Etwas Wunderschönes und Unfassbares. Clove fragte sich, ob er in Wirklichkeit von einem Künstler geformt worden war. Sie fragte sie, ob er echt war.

„Ich habe schon vorher getötet", sagte er in ihr Ohr. „Weißt du, wie eine Wirbelsäule klingt, wenn sie bricht?"

Eine zittrige Hand langte herauf, um sich um seine zu krampfen. Clove war körperlich zu erschöpft, um ihr Handeln zu hinterfragen; um sich zu fragen wieso sie sich nicht wehrte und um sich zu fragen wieso sie sich erlaubte in diesem Zustand zu bleiben. Ihr Daumen streifte wieder und wieder über die Haut seiner Handfläche. Sie brachte sie zu ihrem Mund und sprach in sie. „Nein", antwortete sie.

Seine Finger beugten sich um ihre Augen, aber sie machten keine Anstalten sie weiter zu verletzen. Vielmehr schienen sie ihr Gesicht zu befühlen. „Es klingt wie das Knirschen von Metall", beschrieb er. „Alles was nötig ist, ist ein bisschen Druck und es wird zerquetscht wie eine Konservendose. Es ist wirklich faszinierend, wie leicht man menschliche Knochen brechen kann."

Ihr geistiges Auge zeigte ihr eine Szene: Cato, der die Schultern eines Mannes hielt und hart gegen seinen Rücken trat und den Körper zu einem spitzen Winkel formte. Wieso tat er mit ihr nicht das gleiche? Was er jetzt tat war weitaus schlimmer: absolut nichts. Clove lag schutzlos und jämmerlich vor ihm und alles, was er tat, war ihren Kiefer zu küssen. Er war wahrhaftig ein Monster.

„Wie viele?", fragte sie ohne nachzudenken.

Die Hand, die sie an ihren Mund hielt, drückte gegen ihre Wange und drehte ihr Gesicht, um seinem zu begegnen. Ein Licht aus dem Fenster kroch langsam seine Gestalt herunter und brachte Schwärze mit sich, sodass sie bloß das matte Schimmern seiner weißen Zähne sah, als er antwortete:

„Drei."

Ohne ein weiteres Wort glitten seine Hände von ihrem Gesicht weg und sein Körper entschwand zurück in die Dunkelheit, die den Raum nun verschlang, als ob es von Anfang an lediglich ein Teil von ihm gewesen wäre.

Und dann war er fort und Clove wurde zurückgelassen, um erneut nichts zu fühlen.

Für eine lange Zeit lag sie dort, aber letzten Endes erlangte sie genug Kraft zurück, um zum Glasfenster zu kriechen. Bis die Sonne über den Gebäuden des Kapitols aufging, blieb Clove dort und füllte das wieder geöffnete Loch in ihrer Brust mit Hass. Hass für sich selbst, Hass für Cato, Hass für Lyme, für Brutus, für Pallas, für die Tribute, für das Kapitol, für Panem, für die Welt.

oOoOoOo

Was ist mit deinem Haar passiert?"

Das waren die ersten Worte, die Cloves Stylist zu ihr gesagt hatte, als sie erschien, um sie morgens abzuholen. In dieser Nacht hatte sie keinen Schlaf gefunden. Doch Fauns reine Gegenwart hauchte ihrem ermüdeten Körper Leben ein – die törichte kleine Frau war der leibhaftige Inbegriff einer Mahnung, für das, was kommen würde; ein letzter Hauch Make-up, ein letzter Kleiderwechsel, all die letzten Vorbereitungen, die gemacht werden mussten.

Heute begannen die Hunger Games.

Bedeutungslose Bilder zogen vor Cloves Augen vorbei, als sie die abhelfenden Aufgaben verrichtete, die erforderlich waren, um sie, Schritt für Schritt, dem Podium der Arena näherzubringen. Frühstück, kaum angerührt auf einem Teller, die Fahrt mit einem Luftkissenschiff, der silberne Aufspürer, als er in die Haut ihres Armes gegraben wurde, Fauns rote Augenwimpern. Nichts blieb für mehr als bloße Momente im Fokus, bis sie sich selbst in die blau vertäfelten Wände des Startraums starren widerfand.

Faun hatte sie geduscht. Hatte sie in die schlichte gelbbraune Hose und grüne Bluse gekleidet, welche Clove sich unwillkürlich blutbefleckt und zerrissen, an einem der Tribute vorstellen musste. Allerdings würde sie sich diese Dinge nicht mehr vorstellen müssen richtig? In weniger als einer Stunde würde sie in der Lage sein sie selbst zu sehen. Ihr Herz schlug gegen ihren Brustkorb, Luft schien ihre Kehle zu verstopfen. Sie versuchte ihr Lächeln zu unterdrücken, doch die freudige Erwartung erlaubte es ihr nicht.

Heute würde sie töten. Heute würde alles sein.

Was taten die anderen in diesem Moment? Schrieen sie? Weinten sie? Bibberten sie vor Nervosität? Kauten sie auf ihren Fingernägeln? Distrikt nach Distrikt dachte Clove über sie nach: Glimmer, die ihr Haar zurecht zupfte; Marvel, der seinen Gürtel anpasste; Cato, der mit den Handknöcheln knackte; das Mädchen aus 3, das nervös ihre moppeligen Wangen antippte; der Junge aus 3, der über den Boden schritt; Fischkopf, der auf- und absprang; Marina, die auf ihre Lippe biss; die Rothaarige aus 5, die ins Nichts starrte; das Mädchen aus 8, das hysterisch schrie; der Junge aus 11, beherrscht und ausdruckslos; das kleine Mädchen aus 11, das durch das Zimmer flitzte; Loverboys blaue Augen, weit und hilflos; das Mädchen, das in Flammen steht … kichernd … wirbelnd

Clove wurde erst aus ihren Gedanken gerissen, als Faun nach ihrem Andenken fragte. Clove hatte keins. Es gab nichts, von dem sie gewollt hätte, dass es von zu Hause mit ihr hierher reiste. Sie hatte keine liebevollen Erinnerungen; keine Gegenstände von sentimentalem Wert. Kein Teil ihres Lebens aus Distrikt 2 gehörte in die Arena. Ihre Vergangenheit und jeder Sinn für Menschlichkeit, der ihr vielleicht noch geblieben war, würde sich in Nichts auflösen, sobald der Gong losging.

Sie fragte sich, ob das immer noch der Fall sein würde, wenn ihr Leben anders verlaufen wäre.

Wäre es das, wenn ihre Mutter ihre ausgestreckten Arme umarmt hätte, während sie als Kind gejammert hatte? Wäre es das, wenn ihre Mahlzeiten mit Gesprächen verbracht worden wären, anstatt mit Schweigen? Wäre es das, wenn ihr Vater ihr einmal in die Augen geschaut hätte? Wäre es das, wenn sie sie geschlagen, sie umarmt, sie angebrüllt, sie erbarmungslos verprügelt, nur etwas, irgendetwas, nur einmal getan hätten?

Wäre es das, wenn sie ihre Kindheit nicht damit verbracht hätte im Garten mit Geistern zu spielen? Wäre es das, wenn sie Freunde außerhalb der weißen gewaschenen Wände gehabt hätte, wie die anderen kleinen Kinder, anstelle von Krankenschwestern, die sie baten für sie Bilder zu malen? Wäre es das, wenn in diesen Jahren, in denen sie jung war, ihre Tage mit Wunder und Fantasie punktiert gewesen wären, statt mit Halluzinationen und Beruhigungsmittel?

Wäre es das, wenn sie Zeit aufgebracht hätte zu ihren Gleichaltrigen Kontakte zu knüpfen, statt das Blut von Tieren aus ihrer Kleidung zu waschen? Wäre es das, wenn sie ihre Nächte damit verbracht hätte von Jungs zu träumen, statt wachzuliegen und über den Tod nachzudenken? Wäre es das, wenn ihre Gedanken schön wären, intellektuell, erleuchtend?

Ja, vielleicht würden die Dinge dann anders sein. Dann wäre sie aber auch schwach. Schwach, wie ihre Eltern, schwach, wie ihre Gleichaltrigen, schwach wie ihre Tributmitstreiter. Das Leben, oder das Fehlen davon, hatte das Mädchen geformt, das in dem Startraum stand und darauf wartete den Boden mit dem Blut anderer Kinder zu bemalen.

Als Clove Faun also in die Augen sah und sagte „Ich hatte nichts mitzubringen", meinte sie das auch.

Dann sagte eine Frau in einer monotonen Stimme, dass es Zeit war sich auf den Start vorzubereiten. Faun schaute überaus erfreut aus.

„Viel Glück, du kleines Biest", war alles, was sie zwitscherte. Als Lyme die Leute erwähnt hatte, die Clove lebend aus der Arena herauskommen sehen wollten, war sie sicher, dass das Faun nicht mit einbezog.

Plötzlich umhüllte eine Glasröhre ihren Körper und zog sie hinauf. Faun, der Startraum, das Kapitol und Distrikt 2 verschwanden für immer hinter einer Betonwand.

Drei Herzschläge. Ein Atemzug. Verkrümmte Finger.

Sonnenlicht, das einen Moment lang blendete. Gras, das in einer Brise wehte. Rücksäcke, überall verstreut. Dreiundzwanzig Individuen standen auf ihren erhöhten Plattformen. Blauer Himmel. Ein goldenes Füllhorn.

Eine Stimme.

„Meine Damen und Herren … Lasst die vierundsiebzigsten Hunger Games beginnen!"

Rote Nummern.

Sechzig Sekunden.

oOoOoOoOoOoOo

Ich liebe das Ende dieses Kapitel und ich freue mich schon darauf das nächste zu übersetzen, da es zu meinen Lieblingskapiteln dieser Story gehört! Ihr könnt also gespannt sein ;)

Ich versuche auch das nächste Kapitel wieder einigermaßen schnell zu übersetzen.

Bis dann!