8. 60 Sekunden

60 Sekunden …

Rue fühlte sich vollkommen einsam.

Isolation höhlte ihren Körper aus. Der Tod war überall. Er befand sich in den Gesichtern der Tribute um sie herum, er befand sich in der unnatürlichen Luft, die ihr über das Gesicht blies, er befand sich in der barbarischen Spitze, zu der sich das Ende des Füllhorns formte.

Warum war sie hier? Warum war jeder von ihnen hier?

Auf einmal hatte sie einen Kloß im Hals, ihre Augen drohten zu tränen und das leere Gefühl füllte sich vorübergehend sehr schnell mit Verzweiflung, Schrecken, Verlassenheit und Trauer, wie sie sie noch nie zuvor empfunden hatte.

Denk an etwas anderes, denk an etwas anderes.

Hinter geschlossenen Augenlidern versuchte sie die schönen weißen Blätter der Birnenblüten von zu Hause ausfindig zu machen. Doch sie konnte es nicht. Alles, was sie sehen konnte, war Blut.

Ihre Augen – so golden wie die Sonne, wie ihre Mama zu sagen pflegte – flackerten auf und wurden von dem Glanz eines Speeres angezogen, dessen Spitze scharf genug war, um sich von dort aus wo sie stand durch die Tiefen ihrer Seele zu bohren.

Nein, nicht, sagte eine Stimme. Weine nicht. Hab keine Angst. Sei stark. Du musst stark für sie sein. Sie schauen zu.

Die Stimme hatte Recht. Sie glaubte, sie sehen zu können: ihre Brüder und Schwestern, in der Menge, vor der einzigen Projektionswand in ihrem Sektor in Distrikt 11, all ihre kleinen Hände unterstützend miteinander verflochten, all ihre Augen auf sie gerichtet. Sie würde sie nicht enttäuschen. Sie konnte nicht.

53 Sekunden …

Marina war nicht in der Arena.

Sie befand sich an millionen Orten, außer in der Arena.

Sie schwamm durch die geheimnisvolle, türkisfarbene Welt ihres Distrikts, zwischen den rosafarbenen und roten Korallen; Sonnenlicht warf verlockende, immer wiederkehrende Lichtformen auf den mit Leben bedeckten Meeresboden. Sie befand sich auf dem Segelboot ihres Vaters und schaufelte Garnelen, mit Schnurrhaaren wie Katzen, auf. Sie pflückte durchsichtige Quallen aus dem Wasser und warf sie auf ihre Schwestern.

Als keine dieser wirklichen Erinnerungen funktionierte, erschuf sie neue.

Sie gewann die Spiele. Sie war auf dem Cover jedes Modemagazins des Kapitols. Sie küsste die Lippen ihres außergewöhnlich, traumhaft schönen Mentors und fuhr mit ihren Händen wieder und wieder durch sein bronzefarbenes Haar …

49 Sekunden …

Icaunus, wiederum, war eindeutig in der Arena.

Anders als seine Distriktpartnerin, die sich still mit ihren unfokussierten, himmelblauen Augen irgendwo in ihrer eigenen kleinen Welt befand, hüpfte er auf und ab, und verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Seine braunen Augen waren überall, auf allem, auf jedem.

Das war's. Es war Zeit.

Wie alle in diesem Moment ruhig bleiben konnten war ihm vollkommen unbegreiflich. Seine Hyperaktivität verursachte beinahe, dass er vom Podium herunterfiel, doch er schaffte es sich zu bremsen, bevor er zu Stücken aus Fleisch und Knochen gesprengt wurde. Sobald er sich aufgerichtet hatte, hüpfte er wieder.

Der Tod würde ihm nicht in den Sinn kommen

46 Sekunden …

Thresh war vollkommen leer.

Seine Gedanken waren leer. Seine Gefühle waren leer. Mit goldenen Augen fixierte er sich auf das, was er rings um das Füllhorn brauchte – und das waren Rucksäcke mit Essen und Wasser. Er benötigte keine Waffen; er würde nichts vom Kapitol anfassen, was er nicht musste.

Die Ansicht des kleinen Mädchens, das ihm gegenüber mit ihren leicht ausgestreckten Armen auf ihrem Podium hockte, würde ihn so lange wie er hier war daran erinnern, wieso.

Er würde nichts benutzen, dass ihnen gehörte.

Wenn er tötete, würde er das einzige benutzen, dass ihm noch gehörte und nur ihm allein. Seine bloßen Hände.

41 Sekunden …

Peeta war vollkommen erfüllt.

Erfüllt mit Adrenalin, erfüllt mit Angst und erfüllt mit Gedanken, die alle um seine Aufmerksamkeit konkurrierten. Er hatte mit den Careers ein Abkommen getroffen. Deshalb hatte er keine andere Wahl, als in den Kern des Füllhorns zu laufen. Er würde kämpfen müssen; er würde wahrscheinlich töten müssen. Würde ihn einer der Careers letztendlich nicht eh erschlagen? Es war sehr wahrscheinlich, dass sie es würden, trotz der Abmachung. Er wusste, dass sein Leben in dieser Arena enden würde, aber würde es so früh sein?

Doch der wichtigste Gedanke, der imstande war alle anderen zum Schweigen zu bringen, war in einem menschlichen Wesen verkörpert, das fünf Tribute von ihm entfernt stand. Ihre grauen Augen waren auf das Füllhorn fixiert. Sie starrte auf den Bogen.

Gott, Katniss, tu es nicht.

Sich den Careers anzuschließen, sich zum Füllhorn vorzukämpfen; all das war für sie. Sie wollten sie tot sehen und weil sie die Careers waren, würden sie das ohne seine Einmischung wahrscheinlich auch schaffen. Er würde dafür sorgen, dass sie hier lebendig herauskam. Es kümmerte ihn nicht, ob der Preis dafür sein Leben sein mochte.

Um seine Nerven zu beruhigen versuchte er sich an die exakte Farbe ihrer weichen, olivfarbenen Wangen zu erinnern, als das Feuer, dass aus ihrer beider Körper gekommen war, sie erleuchtet hatte. Er versuchte an die makellose Nuance ihrer grauen Augen zu denken, als sie in seine hinaufgeschaut hatten, umringt von flauschigen, schwarzen Wimpern, die dort niemals gewesen wären, wenn sie in Distrikt 12 wären.

Es war schwierig diese wunderbaren Bilder unter den tobenden Winden seiner Sorge vorzufinden, doch es gelang ihm sich darauf zu konzentrieren. Und mit ihnen, besann er sich auf sein Ziel.

Er hatte keine Angst mehr.

34 Sekunden …

Glimmer rieb die freie Stelle an ihrem Finger.

Wieso hatten sie ihn ihr wegnehmen müssen? Es war ihr Ring, ihr Andenken. Und wenn sie vorgehabt hatten das zu tun, warum hatte es warten müssen, bis direkt bevor sie von der Glasröhre umhüllt wurde, um in die Arena hochgehoben zu werden?

Zum Teufel mit ihnen! Es war bloß genug um einen Tribut zu töten. Die Vorteile, die einige dieser Heiden ihr gegenüber besaßen, waren überhaupt nicht fair. Wie konnte sie wohl gewinnen, wenn es zum Beispiel auf nur sie und den gewaltigen Oger, der Cato war, hinauslief? Es erschien vollkommen fair, einer schlanken Frau wie ihr zu erlauben, ein unbedeutendes kleines Ding mitzubringen, um die Tatsache auszugleichen, dass sie kein überragender Gigant war, der ein Genick allein mit seiner Kraft brechen konnte.

Und wo wir gerade über ein unbedeutendes kleines Ding redeten: Was war mit diesem winzigen Kobold, Clove? Sie war das wirkliche Monster. Glimmer hatte ihre Begabung mit diesen Messern gesehen, allerdings hatte sie auch noch etwas anderes in ihr gesehen. Dieses unheimliche Lächeln, das sich unter diesen mit Sommersprossen bedeckten Wangen bildete, wenn sie eine ihrer Waffen in das Herz eines Dummys grub. Oder ihre schwarzen Augen, die sich weiteten, wenn sie das Genick aufschlitzte.

Dieser Ring wäre keine Verschwendung gewesen.

Ihre Augen richteten sich auf den Pfeil und den Bogen, die auf dem Stapel im Füllhorn lagen. Das würde ihr gehören.

Vielleicht hatte sie kein Gift. Aber ein Bogen würde genau auf die gleiche Art funktionieren, oder? Sie könnte weit außer Reichweite schreiten und die wahre Konkurrenz kampflos beseitigen.

Und wenn es einen Kampf geben sollte, tja, sie würden nicht die einzigen mit Dolchen sein.

Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

28 Sekunden …

Marvel war so unbewegt wie ein Stein.

Sein Körper war über das Podium gelehnt, mit einem Bein vor dem anderen, so regungslos wie eine Statue – eine Kugel, bereit, abgefeuert zu werden. Sein Zielobjekt waren die silbern glänzenden Spitzen einer Kiste mit Speeren, in der Nähe des Inneren des Füllhorns. Sie warteten nur darauf, dass sich seine Finger um sie ballten, um endlich sein jahrelanges Training an den schlecht ernährten, skelettartigen Körpern seiner Konkurrenten anwenden zu können.

Die bedauerlichen kleinen Kakerlaken, die er gezwungen war seine Landmänner zu nennen.

Aber natürlich waren sie es nicht hier.

Es war beinahe mitleiderregend, in die rauen, desorientierten und ständig verdreckten Gesichter der Tribute aus den niederen Distrikten zu blicken, als sie sich entweder ungemütlich zu bewegen schienen oder ihre Körper in einer ungeschickten Startposition auf ihren Podien bereithielten. Sie gingen immer so schnell zu Boden, Jahr für Jahr. Marvel wollte sie selbst kaum töten, um ehrlich zu sein. Es schien einfach so … verschwenderisch.

Es gab jedoch einige Konkurrenten, die er wirklich töten wollte.

Die zwei kleinen Biester aus Distrikt 2.

Er musste sie nicht einmal ansehen, um zu wissen, was sie taten; höchstwahrscheinlich grinsten sie höhnisch oder knurrten, wie die unkultivierten Tiere, die sie waren. Sie würden mit Gewissheit eine Herausforderung sein. Seiner Meinung nach gab es aber gar keinen Zweifel, dass er sie beide abschlachten konnte.

Und Glimmer? Der Gedanke an einen Endkampf gegen seine erotische, oberflächliche, unqualifizierte Distriktpartnerin reichte aus ihn zum Lachen zu bringen. Ihre Fähigkeiten waren gering, für fast elf Jahre langes Training. Und er musste es wissen, da sie gemeinsam die gleiche Akademie besucht hatten.

Diese Spiele würden zu einfach sein.

Auf einmal kamen ihm ein Paar lieblicher Augen und ein entzückendes Kichern in den Sinn, und unterbrachen seine mörderischen Gedanken. Jedoch machte ihm das nichts aus.

Sie durfte ihn immer unterbrechen.

Wo war sie im Augenblick? Es war ein Wochentag, doch selbst die Fabriken waren während der Spiele geschlossen. Zählte jemand für sie die Sekunden herunter? Beschrieb sein Gesicht, wenn die Kameras sich darauf fokussierten? Er hoffte, dass sie keine Angst hatte. Trug sie ihr Haar heute in einer Schleife? Er liebte es, wenn sie ihre rotblonden Locken in ihrem Nacken herrichtete und ihre zerbrechlichen Schultern entblößte …

Aber das war nicht die Zeit, um an sie zu denken. Deshalb scheuchte er sie mit Zärtlichkeit, die er nur für sie vorbehielt, aus seinen Gedanken. Aber nur für diesen Moment.

21 Sekunden …

Cato hörte alles.

Er hörte sein Herz hart gegen die Knochen seines Brustkorbes schlagen. Er hörte seine eigenen Atemstöße. Er hörte sein Blut, als es durch seine Adern pochte. Er hörte seine Zähne knirschen, als sein Kiefer sie aufeinander mahlte. Er hörte alles.

Er hörte den Jungen aus 7 hart schlucken. Er hörte den Herzschlag des kleinen Mädchens aus 11, als es sich bereitmachte zu rennen. Er hörte das leise Geräusch, das der Junge aus 10 machte, als er sein Gewicht auf sein schwaches Bein verlagerte. Er hörte Loverboys Muskeln, als sie sich strafften. Er hörte einen Schweißtropfen Threshs Rücken hinunter rinnen. Er hörte die Knochen in Marvels Fingern, als sie knackten. Er hörte Glimmers Augenwimpern schlagen, als sie wegen der Sonne stark blinzelte. Er hörte das Mädchen, das in Flammen steht, ausatmen, als sie die Position zum Sprinten einnahm.

Doch er sah andere Dinge.

Er sah den Jungen aus Distrikt 7, der an seinen Hals griff, als Blut daraus spritzte. Er sah das kleine Mädchen aus 11, das er unter seinen Finger zerquetschte. Er sah das Bein des Jungen aus 10, nach hinten umgeknickt und Knochen ragten heraus, alle an den verkehrten Stellen. Er sah Loverboy, der wirklich sein Herz vor den Augen von ganz Panem offenbarte¹, auf dem Boden, umgeben von einer Lache aus Blut und violetten Organen. Er sah Threshs zerrissenes Fleisch, das den Knochen seiner Wirbelsäule freilegte, ehe er sie kaputt trat. Er sah Marvel, mit diversen Einstichslöchern überall auf seinem Körper, rote gähnende Münder, verteilt über blutunterlaufender, violetter Haut. Er sah Glimmers goldenes Haar wirr durcheinander und verfilzt mit Blut, während sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag, ihr Schädel komplett zerschmettert.

Und er sah das Mädchen, das in Flammen steht … in eine Million Stücke zerrissen, ihre Arme, Gliedmaße, Hände, alles in die falsche Richtung gekrümmt. Nur dass sie nicht tot war. Sie lebte. Und sie schrie.

Dann sah er Clove.

Sie hatte dieses Kleid von letzter Nacht an, wurde gegen die Wände des Füllhorns hochgehalten und war physisch zerquetscht. Sie verwelkte vor Schmerz. Sie flehte ihn an aufzuhören. Ihre zarten Knochen brachen. Sie war hilflos, schwach, entsetzt. Genauso, wie er sie mochte.

Sie hielt das Mädchen aus 8 auf dem Boden fest und drückte ihr ein Messer an die Kehle. Mörderisch, grausam, aggressiv. Mit demselben hungrigen Blick in diesen tiefgrünen Augen, wie in der Nacht, in der sie so tapfer ein Messer in seinen Nacken gestochen hatte.

Sie blutete wie die anderen, als ein Haufen auf dem Erdboden.

Er war nicht länger menschlich. Kaum gab es eine Zeit, in der er es wirklich war, doch er war immer eingesperrt. Die Leine der Zivilisation hielt ihn hier jedoch nicht zurück. Er war im Begriff freigelassen zu werden. Wild, ungezähmt, wahnsinnig. Das einzige, was ihn jetzt noch zurückhielt, war die Uhr.

Die Farben schienen zu verblassen, als er wieder zu seiner Konkurrenz schaute.

Sie würden alle sterben.

Feuer jagte durch jede Gliedmaße seines Körpers. Er wollte ihre Schreie hören. Er wollte ihr Blut fühlen, wie es an seinen Fingern klebte.

Er wollte es überall, wie einen Ozean, in dem alles versank.

10 Sekunden …

Clove wartete geduldig.

Sie war nicht ruhig, aber ihre Energie durfte nicht, in der Art die es gern hatte, durch sie hindurch stürmen. Sie war auf einen Punkt ausgerichtet und fokussiert, genau wie der Rest von ihr. Diesen Moment würde sie nur einmal bekommen.

Ihr Leben war nichts anderes gewesen, als ein Sturz, der zu diesem Punkt führte.

Ein Fall durch die schwarzen Pupillen ihrer Mutter, durch violette Feuer und ruhige Gesichter, in den Handflächen von Monstern und Bekannten landend, weggeworfen, in die Dunkelheit, die nur noch die Funken der Sterne und Träume von Blut erlaubte. Aber jetzt erreichte sie den Boden und der bestand aus der festgetretenen Erde, die ihr Podium und das Füllhorn umgab. Der Sturz war beinahe vorbei.

Das war alles. Alles, wofür sie trainiert hatte, was sie erwartet, womit sie ihre wachen Stunden verbracht hatte, in denen sie darüber fantasierte. Es war geradezu bedauerlich, dass es schließlich so weit war, dass es schließlich unmittelbar bevorstand. Es würde nichts mehr geben, worauf man sich freuen könnte.

Ihr erster menschlicher Mord.

Alles, das sie von einem der dreiundzwanzig, die an ihre Podien gefesselt waren, trennte, waren nichts als Sekunden. Die Intimität dieses Moments konnte sie nicht bestreiten. Er war stärker und machtvoller als die Empfindung ihres Messers, das sie durch den Bauch eines Pferdes grub, als dabei zuzusehen, wie ein Huhn lebendig durch ihre Flamme verbrannte, als ihre Lippen über Catos Haut gleiten zu lassen. Sie konnte ihre Angst, ihren Schrecken fühlen. Sie konnte es in ihren Gesichtern ablesen.

Ihre Sicht verdunkelte sich wieder an den Rändern. Ein Lächeln kroch auf ihre Lippen.

Sie dachte an Lymes Versprechen. Sie könnte gewinnen, sie könnte zum Kapitol zurückkehren und zum Sieger gekrönt werden und ihren Distrikt stolz machen, wenn sie nach Hause zurückkehrte. Doch selbst wenn sie das täte würde sie nicht wirklich dort sein.

Wenn ihr Fuß einmal von diesem Podium heruntergestiegen war, würde sie diesen Ort nie wieder verlassen.

4 Sekunden … 3 Sekunden … 2 Sekunden …

1 Sekunde.

oOoOoOoOoOoOo

¹ = Original: „He saw Lover Boyreally pouring his guts out". „to have guts" bedeutet „Mut haben", aber „guts" heißt auch „Eingeweide". Es ist also ein Wortspiel. Ich habe dafür eine deutsche Redewendung finden müssen, die passt.