Hallo,

es tut mir leid, dass das Update so lange auf sich warten lassen hat. Aber ich habe es doch noch geschafft, das Kapitel in diesem Jahr fertig zu bekommen. Vielleicht findet ihr ja über die Feiertage die Zeit es zu lesen.

In diesem Kapitel beginnen endlich die Spiele!

Viel Spaß beim Lesen!

Ich wünsche allen frohe Weihnachten! :3

A/N: Kurze Erinnerung: Die Autorin hält sich in dieser Fanfic weiterhin an die Bücher, statt an die Filme.

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They say they don't know when, but a day is gonna come
When there won't be a moon and there won't be a sun.
It will just go black, it will just go back
to the way it was before.

Is it true what they say about the Son of God?
Did he die for us? Did he die at all?
And if I sold my soul for a bag of gold,
which one of us would be the foolish one?
Which one of us would be the fool?

(„Don't Know When But A Days Gonna Come" –Bright Eyes)

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9. Ihr Blut soll euch niemals verlassen

In der letzten Sekunde vor dem Gong nahm Clove einen tiefen Atemzug.

Los.

Ihre Füße berührten kaum den Boden, sodass sie förmlich zum Füllhorn flog. Möglicherweise konnte dies an einem weiteren versteckten Talent legen: ihrer Geschwindigkeit. Sie war schnell. Wirklich schnell. Und offensichtlich schneller als die anderen Tribute, denn sie war die erste, die es zu dem Stapel Waffen schaffte.

Ihre Sinne waren vollkommen überwältigt; jeder Nerv, jeder Zentimeter ihrer Haut prickelte mit einer beinahe nicht auszuhaltenden Menge an Adrenalin. Nur ihre Gedanken waren ruhig. Was sie jetzt antrieb war nichts weiter als Instinkt.

Eine Ansammlung an Messern – ihre Messer – befanden sich ordentlich auf einer Matte hergerichtet, neben den anderen Waffen. Dort mussten zwanzig, dreißig oder vielleicht auch mehr liegen. Doch sie hatte keine Zeit zum Zählen. Gerade als Clove sich umdrehte stürmte das Mädchen aus 10 auf sie zu. Sie war riesig und scheinbar auch noch ziemlich furchtlos, da sie keine Angst zeigte, während sie auf Clove zu rannte, wie einer der Bullen, mit denen sie aufgewachsen sein musste.

Ja, das ist es. Komm zu mir. Komm zu mir.

Clove hob ihr erstes Messer in die Höhe, bereit, es wegzuschleudern.

Sie würde es also sein?

Clove schleuderte die Waffe nach dem Mädchen. Für einen Moment schien die Luft es in der Schwebe halten zu wollen und drehte es auf die Seite, wie eine Untertasse. Perfekte Präzision, perfektes Ziel. In dieser letzten unbedeutenden Zeitdauer konnte Clove den letzten Atemzug sehen, den das Mädchen je nehmen würde. Ihre Augen schlossen sich, als das Messer in ihrem Hals steckenblieb und ihre Lippen sich trennten. Den letzten Moment ihres Lebens verbrachte sie damit nach der Waffe zu greifen und zu Boden zu gleiten.

Clove blinzelte nicht. Sie wollte keine Sekunde davon verpassen. Und doch, selbst während sie das Werkzeug aus der Hand des toten Mädchens pflückte, sogar als das Blut des Mädchens – echtes, menschliches Blut – aus der offenen Wunde an ihrem Hals sickerte, konnte Clove es nicht leugnen.

Sie fühlte nichts.

Hohl. Leer. Nichts.

Dieser Mord brachte keine Befriedigung.

Das Nichts dauerte jedoch nicht lange an. Denn während dieses Austausches, der bloß weniger als ein paar Sekunden gedauert hatte, näherten sich die anderen nun dem Füllhorn. Bei der Art, wie sie rannten, die Mienen ihrer Gesichter, waren sie eine Schar wilder Vögel, eine Herde verängstigtes Vieh, eine Gruppe Schweine – nichts weiter als Tiere. Jämmerliche, verzweifelte, aufgeregte, wilde Tiere. Es war kein Wunder, dass ihr Mord sich nach nichts angefühlt hatte. Obwohl Clove es dutzende Male zuvor bei anderen Lebewesen getan hatte, hatte sie die leise Hoffnung gewahrt, dass die Wirkung bei Menschen anders sein würde. Aber das war sie nicht.

Sie hätte Hunde abgeschlachtet haben können.

Auf einmal lief Clove auf die anderen zu und schrie so laut, dass ihr das Blut ins Gesicht schoss. Ihre Augen richteten sich auf den Jungen aus 5, der ziemlich nahe gekommen war. Ein bisschen zu nahe. Sie schlitzte eine klaffende Wunde in seinen Bauch. Es hatte ihn nicht getötet, aber das war ihr egal. Seine Schreie reichten aus, um ihr Erfüllung zu bringen, wenn auch nur für eine kurze Weile. Sie hatte einen Hunger, der gestillt werden musste. Und sie glaubte, die einzige Möglichkeit, dies zu tun, war so viele Tribute wie möglich zu vernichten.

Ihr Messer stieß in den Rücken der gebückten Gestalt, die sich als der Junge aus 9 offenbarte, als er auf die Erde plumpste. Und dann sah sie Katniss.

Für nur einen Moment hielten sie Augenkontakt und in diesem Moment konnte Clove ihren Schrecken sehen. Reinen, blanken, unbestreitbaren Schrecken. Dann startete 12 in Richtung Wald. Zielgenau schleuderte Clove ihr Messer auf den Kopf des Mädchens, aber 12 zog den hellorangenen Rucksack gerade noch rechtzeitig hoch – und machte den Dolch somit wertlos. Obwohl 12 schnell war könnte Clove sie erwischen, doch ein weiterer Schrei von dem Jungen aus 5 reichte aus um sie daran zu erinnern, dass sie jetzt nicht gehen konnte.

Ein irres Lächeln fand seinen Weg auf Cloves Lippen. Alles, was sie sah, war unnatürlich hell; alles, was sie hörte, war unnatürlich laut.

Sie musste sich dazu zwingen, ihre Finger weiterhin um ihr Messer zu pressen, nachdem sie herumgewirbelt und es beinahe nach Marvel geschleudert hätte. Sein Fuß stand auf dem Brustkorb von dem Jungen aus 5, aus dem er einen Speer herauszerrte, dessen Spitze mit Spinnweben-ähnlichem rotem Gewebe bedeckt war. Einen Augenblick lang starrten sie einander an, jeder bereit zum Angriff. Clove wollte ihn umbringen. Es einfach tun, nur, weil sie es konnte. Vielleicht fühlte er das Gleiche.

Doch dann griff ihn der Junge aus 8 törichterweise an. Clove kam ihm nicht zur Hilfe. Stattdessen wurde ihre Aufmerksamkeit zum Füllhorn gelenkt, wo sie den Jungen aus 11 sah. Nur dass er nicht alleine war. An seinen Rücken festgekrallt war kein anderer als Fischkopf, der anscheinend auf ihn gesprungen war, und versuchte ihn mit einem Knüppel zu schlagen. In einer Grauen erregenden Vorführung schleuderte 11 mit Leichtigkeit den Knüppel aus den Händen des Jungen, seine kräftige Hand packte den Kragen seines Shirts und er schlug Fischkopf gegen die goldene Wand des Füllhorns. Alles, was es brauchte, war ein heftiger Schlag gegen seinen Körper und Fischkopf war mehr als nur tot. Sein Schädel war durch reine Gewalt zerbrochen.

Doch die Angst befand sich zu weit weg von Clove. Im Moment empfand sie nichts. Stattdessen visierte sie ihr nächstes Opfer an: das Mädchen aus 7, das sich bückte und hastig versuchte einen Rucksack aufzusammeln. Dann schrie sie. Zuerst wegen des toten Körpers ihres Distriktpartner, der an ihrer Seite, mit einem Pfeil in seinem Hals gebohrt, zusammenbrach. Doch dann weil sie Clove sah, die auf sie zukam.

Schock und Erkenntnis befanden sich immer noch in ihren Augen als Clove sich auf sie stürzte. Für einen Moment, nur einen Moment, erlaubte sie ihr zu leben. Es war gerade lang genug, dass ihre Augen drei Tränen vergossen und ihr verzweifelter Schrei die Luft zerriss, ein einziges Wort.

Bitte.

Das war nicht wie ein Tier. Tiere flehten nicht. Ekstase schwamm schnell durch Cloves Adern. Sie wollte nicht, dass das Betteln aufhörte. Deshalb schlitzte sie mit dem Messer über das Gesicht des Mädchens, was sie dazu brachte ein Kreischen auszustoßen, lauter, als jede menschliche Stimme, die Clove je gehört hatte. Sie tat es wieder und wieder. Haut, stellte sie fest, zerriss so wie Papier es tat. Das Mädchen warf ihren Kopf vor und zurück. Blut rann aus den Schnittwunden, die nun überall auf ihren Wangen und auf ihrer Stirn durchkreuzte Muster erzeugten. Ihre Augen quollen aus ihrem Schädel, wie bei einer Ratte. Ihre Hände, die sich irgendwo unterhalb von Clove befanden, versuchten verzweifelt sie wegzustoßen, oder sich vielleicht zu ihrem Gesicht zu bewegen. So oder so war es Zeit für sie zu sterben.

Clove stieß ihr Messer in die Kehle des Mädchens, was ein Geräusch machte, das beidem ähnelte, einem Knall und dem Klang von Stiefeln auf toten Blättern. Ihr warmes Blut bespritzte Cloves Gesicht und sprudelte nahezu aus ihrem Hals, wie ein Geysir. Aber sie war immer noch nicht tot. Im Gegensatz zu dem Mädchen aus 10, das augenblicklich zu Boden ging, krümmte sich dieses Mädchen und erstickte an ihrem eigenen Blut, hustete noch mehr davon auf Clove, bevor ihre Augen sich schließlich in ihren Kopf zurückrollten und sie starb.

Vielleicht hätte Clove sich dann in Bewegung setzen sollen, aber das tat sie nicht. Stattdessen blieb sie und wollte, dass das Mädchen wieder lebendig wurde, damit sie es noch einmal tun konnte. Doch das war ein Fehler, denn nicht einmal eine Sekunde war vergangen, bis sie von einer unsichtbaren Kraft zu Boden gerissen wurde. Es war ein Junge, allerdings konnte sie nicht erkennen, wer er war oder woher er kam, da er sofort begann sie zu würgen. Jedoch war er sehr töricht, denn ihre Hände waren immer noch um ihre Messer gewickelt. Bevor Clove aber überhaupt Zeit hatte etwas zu unternehmen, wurde sein Kopf von seinem Hals entfernt. Blut überschüttete sie in Mengen, die selbst sie als unangenehm empfand. Als sie seinen nun nutzlosen Körper von sich wegrollte, fiel ihr Blick auf das Schimmern eines Schwertes.

Und dort war Cato, schwer atmend, das Gesicht rot. Sein Schwert war auf sie gerichtet und sie konnte in seinen eisigen Augen sehen, dass er erwog sie zu töten. Doch anstatt die Waffe ebenfalls quer über ihren Hals fahren zu lassen, entfernte er sich und stürmte in die andere Richtung. Clove konnte seine Überlegung nachvollziehen, denn als er sich von ihr abwandte, erwog sie ebenfalls ihn zu töten. Was für ein Paar sie beide abgaben. Sie waren nichts weiter als Haie in Raserei in der See, die alles zerfetzen.

Von weitem sah sie die Hand des Mädchens aus 9 zur Verteidigung emporfliegen, als Cato sein Schwert mehrmals durch ihren Körper stieß.

Wie sehr sie sich ähnelten. Haie im Meer, Haie im Meer.

Sie hörte die Worte von Brutus.

Dann, wenn die richtige Zeit kommt, könnt ihr all eure Bemühungen dafür aufbringen euch gegenseitig umzubringen."

Süße Zeit verging so langsam. Sie würde warten müssen, aber am Ende würde es sich lohnen. Denn dann gehörte er ihr und ihr ganz allein. Es wäre Perfektion, künstlerisch, poetisch. Sein Tod würde ihm gegenüber alles andere als ungerecht werden.

Ein Lächeln kroch auf Cloves Lippen.

Das Füllhorn begann sich zu leeren. Zum ersten Mal sah sie Glimmer und dem Bogen nach zu urteilen, der sich um ihren Rücken schlang, war sie diejenige, die den Jungen aus 7 getötet hatte. Ihre Hand hatte sie nun in dem Haar des Mädchens aus 3 verwickelt, die ihre Arme schwang, in dem Versuch, sie von sich zu werfen. Doch Glimmer schlitzte mit einer Klinge ihren Bauch auf und sie war tot.

Sie sah Marina und Loverboy nun auch zum ersten Mal. Sie standen nahe beieinander. Beide wanderten an dem toten Mädchen aus 6 vorbei, während Marina die Kette ihrer Harpune aufwickelte. Clove war überrascht, dass die Spielemacher solch eine Waffe in die Arena geworfen hatten – sie musste sie wirklich beeindruckt haben. Marvel lief ein letztes Mal über das Feld, um zu überprüfen, ob irgendwelche Nachzügler zurückgelassen worden waren.

Cato befand sich immer noch über dem Mädchen aus 9. Clove beobachtete einen einzelnen Tropfen von dem Blut des Mädchens an seiner Klinge hinunterlaufen. Keiner von ihnen bewegte sich.

Aber die anderen taten es. Loverboy, der jetzt einen großen Bluterguss auf seiner Wange trug, lehnte gegen das Füllhorn und atmete tief. Glimmer trottete dorthin, wo Cato stand. Bei Marvel breitete sich nun ein Grinsen auf seinem blutigen Gesicht aus, während er die Leichen betrachtete, die ausgestreckt auf dem Boden lagen. Und Marina ging zu dem zerbrochenen Leichnam ihres Distriktpartners hinüber, für den sich Clove bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Zeit genommen hatte sich einzugestehen, dass er nicht mehr aufstand.

„So ein Idiot", sagte Marina und schüttelte ihren Kopf. Nur dass ihre Stimme nicht sarkastisch oder bitter klang. Wenn überhaupt, klang es nur das kleinste bisschen traurig.

Allerdings hatte sie Recht. Der Junge war ein Idiot. Er hatte sein ganzes Leben lang trainiert, um innerhalb der ersten fünf Minuten der Spiele zu sterben. Es war erbärmlich.

Für diese Angelegenheit verschwand Clove allerdings nicht viele Gedanken, denn sie war nun vollkommen auf Glimmer konzentriert, die Cato mit einem neckischen Klaps auf seine Schulter aus seiner Trance gelockt hatte. Es war seltsam mit anzusehen, denn Clove konnte sich Cato nicht beim Flirten vorstellen. Umwerben erforderte einen Grad an Höflichkeit, bei dem sie sicher war, dass er ihn nicht besaß. Dies wurde mit dem Ausdruck bestätigt, den seine Gesichtszüge als Reaktion auf Glimmers Berührung zeigten. Er war nicht unbeschwert oder freundlich.

Vielmehr erinnerte er Clove eindeutig an den, den er letzte Nacht aufgesetzt hatte. War das erst letzte Nacht gewesen?

Kein einziges Mal während des Tages war ihr Kuss mit Cato in ihre Gedanken eingedrungen. Sie wies es zurück als nichts weiter als eine Kollision ihrer Wutausbrüche – sie beide waren in solch einem Zustand gewesen. Jedoch konnte Clove nicht bestreiten, dass es ein berauschendes Erlebnis gewesen war, denn es war das erste Mal gewesen, dass sie in der Lage war ihre Ansammlung an manischer Energie an einem menschlichen Wesen freizulassen, ohne es zu zerbrechen oder zu töten, und sogar etwas im Gegenzug zurückzubekommen. Es war eine Befriedigung gewesen, die sie nicht erwartet hatte.

„Wir müssen von hier verschwinden, damit sie die Körper einsammeln können", sagte Marvel vom Füllhorn aus.

Clove stimmte ihm zu und beobachtete nun Fischkopfs Schädel, der sich in den Erdboden entleerte. Gedankenverloren sagte sie zu sich selbst: „Sie fangen bereits an zu verfaulen."

Bei den Worten drehten sich alle mit einem Blick zu ihr, der andeutete, dass ihr vereinzelt vierzehn weitere Arme gewachsen waren. Cato war der einzige, der lächelte.

„Was?", schnauzte Clove. War es ihr jetzt nicht gestattet zu reden?

Nach längerem Schweigen schnaubte Glimmer: „Du siehst widerlich aus."

Normalerweise war Cloves erste Reaktion ein Messer in Glimmers Auge zu schleudern. Danach war ihre zweite sich zu beherrschen. Dann war ihre dritte sich zu fragen, wieso sie sich zurückhielt. Sie konnte sie hier töten. Es würde keine Konsequenzen geben, kein Körper zum Verstecken.

Oh, richtig, das Bündnis.

Irgendwo am Ende der fortlaufenden Linie ihrer Gedankengänge hinterfragte sie schließlich das, worüber Glimmer gesprochen hatte. Daher berührte sie ihre Wange.

Sie war nicht bloß mit Blut bespritzt, wie Marvel. Vielmehr war sie geradezu bedeckt. Sie konnte es fühlen, als es anfing auf ihrem Gesicht zu gerinnen, möglicherweise irritiert, dass es sich nicht mehr in einem lebenden und atmenden Körpersystem befand. Es war überall; an ihrem linken Arm, ihrem Hals, sogar an ihrer Kleidung. Das meiste davon musste daher kommen, als Cato den Jungen enthauptet hatte, während er immer noch auf ihr gewesen war.

„Das ist einfach ekelhaft", sagte Marvel, der angewidert seine Nase rümpfte. Er steuerte in Richtung Wald, den Speer in der Hand, mit Marina und Loverboy im Schlepptau. Nur Clove folgte ihm nicht. Stattdessen starrte sie Glimmer an. Der Winkel ihrer rot bemalten Lippen zuckte hoch zu einem Lächeln. Alles besaß immer noch eine irreale Beschaffenheit. Einen Augenblick lang war Clove sicher das Mädchen sei eine Puppe, gefertigt aus Porzellan und Garn, statt aus Fleisch und Knochen.

„Ich würde das abwaschen, Süße", sagte Glimmer. Bevor sie ihre goldenen Locken über ihre Schulter schnippte und mit den anderen in den Wald weggaloppierte, höhnte sie: „Denk dran, du musst für die Kameras gut aussehen."

Wenn Clove nicht über ihre Worte nachgedacht hätte, hätte Glimmer in der Sekunde, in der sie sich umdrehte, ein Messer in ihrem Rücken stecken gehabt. Doch stattdessen wurde Clove an etwas erinnert, das sie vergessen hatte – dass all das eine Fernsehsendung war. Hunderttausende Augen sahen ihnen zu, hatten ihnen zugesehen. Und sie hatten alles gesehen.

Clove sah die Körper ihrer Opfer, die überall auf der Landschaft lagen, in einem neuen Licht – eines, das sie vorher niemals wirklich in Betracht gezogen hatte, trotz dessen wie unübersehbar es war. Das Mädchen aus 7, mit glänzenden Risswunden, die sich über ihr Gesicht zogen, und wildes, raues, violettes Gewebe, das wie eine Blume aus ihrer Kehle herausströmte, starrte sie nun aus einem Paar weit aufgerissener, anschuldigender Augen an.

Natürlich hatten die blutrünstigen Sponsoren des Kapitols die Show genossen. Doch hatte es die Mutter, daheim in Distrikt 7, die ihr Kind in einem ungezügelten Anfall an Todesqualen schreien gesehen hatte, bevor es abgestochen wurde, ebenso sehr? Oder die Freundin von 9, dessen Körper sich wahrscheinlich in genau diesem Augenblick mit Tränen überzog? Was war mit dem Bruder, der sich immer noch ungläubig vor einer Leinwand irgendwo in 10 befand, außerstande zu begreifen, dass er seine Schwester niemals wieder zurückbekommen würde?

Sie alle sahen ihre Geliebten auf grausame und brutale Weise sterben. Und das Mädchen, das ihren Sohn abgeschlachtet hatte, ihre Töchter, ihre Geliebten, ihre Freunde, stand aufrecht und lebendig, für sie alle sichtbar, während sie ihr Messer polierte und das Blut in ihrem Gesicht berührte.

Sie wollten sie sterben sehen, davon war Clove überzeugt. In diesem Moment musste es mindestens ein Dutzend Menschen geben, die ihr den schlimmsten vorstellbaren Schmerz zufügen wollten. Sie wollten sie vernichtet sehen, verstümmelt, besiegt. Sie wollten Vergeltung.

Seht, wie mein Fleisch von Würmern und Käfern in den Grenzen der Hölle auseinandergerissen wird.

Clove wünschte, sie könnte sie jetzt sehen. Sie wollte den Zorn in ihren Gesichtern sehen; sie wollte das rücksichtslose Brennen ihrer Feindlichkeit. Es sollte ihren Körper überschwemmen, sie einnehmen, bis es alles war, was sie fühlen konnte. Clove schloss ihre Augen und sehnte sich danach, dass es sie verzehrte, dass deren Leiden eine allmächtige Erfüllung mit sich brachte.

Träumt von mir, flehte Clove sie an. Seht mich in eurem Wachzustand. Lasst mich eure Gedanken heimsuchen. Lasst mich die süßen Gedanken, die ihr von denjenigen, die ihr am meisten liebtet, und die durch meine Hand gestorben sind, verpesten. Ihr Blut soll euch niemals verlassen.

Denn es würde sie niemals verlassen.

Mögen sie sie hassen, bis sie sterben. Mögen sie sie eines Tages finden und alles ihnen mögliche tun, um sie für das, was sie getan hatte, zahlen zu lassen. Mögen sie sie zerstören. Mögen sie versuchen.

Was sie nicht wussten, war, dass ihr Hass ihnen gegenüber ebenso grausam war. Vielleicht sogar noch mehr.

Catos Stimme zog sie aus ihren Gedanken zurück. Er hatte sie mit zur Seite geneigtem Kopf beobachtet.

„Nein, du solltest das Blut behalten", sagte er. „Es steht dir."

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Clove zählte das Feuern der Kanone. Insgesamt hatten sie elf getötet. Das Geschwätz der anderen kam von irgendwo hinter ihr. Sie stuften sich gegenseitig ein: Wer hatte die meisten getötet, wer würde den nächsten kriegen. Clove interessierte sich für nichts davon. Sie wollte gegen einen Baum gelehnt warten, den Luftkissenschiffen zusehen, wie sie die Körper wegbeförderten, ungestört.

Doch dann hörte sie Glimmer.

„Wo gehst du hin, Süßer?"

Gerade als Clove sich zu den Worten umdrehte, sah sie eine Gestalt an ihr vorbeiflitzen. Es war ein Junge, einer der kleineren Tribute. Er hatte eine große Drei hinten auf seiner Jacke.

Augenblicklich war Clove ihm auf den Fersen, allerdings war er jetzt zu weit weg, außerhalb ihrer Wurfreichweite. Da sie kein weiteres Messer vergeuden wollte, verfolgte sie ihn, bis die anderen vor Erschöpfung weiter zurückgefallen waren und sein Tempo deutlich nachgelassen hatte. Cloves Bestreben wurde inzwischen leicht von einer ähnlichen Erschöpfung verdrängt, weshalb sie ihn nur an der Wade statt am Rücken erwischte. Er brach auf dem Boden zusammen.

Sie hatte ihn.

Er wehrte sich, um fortzukommen, doch es war zu spät. Ihm war die Luft aus den Lungen gepresst worden. Er konnte sich nicht bewegen. Cloves Knie gruben sich in seine Rippen.

„Was ist passiert, Süßer?", fragte sie, zog ihn näher zu sich und starrte ihn eindringlich an. „Wolltest du deine kleine Freundin nicht zurücklassen?"

Der Junge hielt seine Augen zusammengepresst. Mit der Spitze der Klinge strich¹ sie behutsam über die Haut, ohne sie zu verletzen – jetzt noch nicht. Unter ihren Knien fing sein Körper so heftig an zu zittern wie ein Blatt im Wind und seine Lippen stülpten sich über ein Paar großer Vorderzähne.

„Hast du Angst?", fragte Clove. Sie konnte an seiner Atmung erkennen, dass er Tränen zurückhielt. Oder vielleicht hyperventilierte. Der Junge nickte mit dem Kopf.

„Ja, hast du", sagte sie. „Du willst nicht sterben?"

Er schüttelte den Kopf. Nein. Er wollte nicht sterben.

Und dann wurde an dem Halskragen ihres Shirts in ihrem Genick gezerrt und Clove hing in der Luft. Mit einem schmerzhaften Knall traf ihr Kopf auf dem Boden auf. Vollkommen verwirrt setzte sie sich drei Meter weiter von der Stelle auf, wo sie ursprünglich auf dem Körper von 3 gehockt hatte, und sah Cato, lachend. Er wandte sich von ihr ab und schritt auf den Jungen zu, sein Schwert erhoben. 3 stieß einen erstickten Schrei aus und schützte sein Gesicht mit seinen Armen.

Wie konnte er es wagen? Das war ihre Beute!

Warte!"

Es war Loverboy. Gewaltsam riss er Glimmer nahezu aus dem Halbkreis, den sie, Marvel und Marina hinter ihnen gebildet hatten, damit er sich selbst hineindrängen konnte. Er bewegte sich auf den Jungen zu und stand über ihm, gefährlich dicht an Cato, und sagte beinahe anschuldigend: „Du! In deinem Interview mit Caesar – hast du nicht die Spannungsmuster auf dem Neustart-Anschlussstecker eines Sterochips beschrieben?"

„J-ja", stotterte der Junge.

„Das ist erstaunlich!" Loverboy keuchte beinahe. „Ich meine, sogar dafür, dass du aus deinem Distrikt kommst. Die Tatsache, dass du das gerademal als ein Teenager kannst, ist absolut verrückt."

„Meinst du das jetzt etwa ernst?", schnauzte Cato ihn an. Das Schwert zeigte nun auf Loverboy.

Loverboy schien nicht wirklich beunruhigt zu sein. Vielmehr betrachtete er Cato mit einem Blick, der immer noch von dem Jungen aus 3 fasziniert war, so als ob Catos Warnung so unbedeutend wäre, wie das Wimmern eines Kindes.

„Meinst du das ernst?", fragte er. „Weißt du wie unglaublich das ist? Er weiß wie man ein mikroskopischesGerät verkabelt, das gerade erst im Kapitol auf den Markt gekommen ist. Die Komplexität, die Genialität davon ist durchaus bemerkenswert. Es wäre eine Verschwendung ihn zu töten. Er könnte für uns ein Gewinn sein."

Sofort lief Catos gesamtes Gesicht rot an. Seine Nasenlöcher weiteten sich.

Zur Hölle mit dem Mädchen!", war alles, was er brüllte.

Er hob sein Schwert, bereit es direkt durch Loverboys Brust zu stoßen, doch Distrikt 3 schrie plötzlich: „Ich kann ein Gewinn sein!"

Sie sahen ihn alle an. Cato hielt in der Bewegung inne. „Was?", blaffte er.

„Ich-ich-ich … Ja. Wenn ihr– ich meine, wenn ich ein paar Schaufeln finden könnte oder irgend-irgendetwas, um die Bomben um die Po-Podien auszugraben … Ich könnte sie vielleicht ... re-reaktivieren … und dann könnte ich sie um das Fü-Füll–" Er verlor seine Stimme. Seine dunklen Augenwimpern waren immer noch zusammen geblinzelt. Das Zittern seines Körpers gestattete seinen Worten nicht fortzufahren.

Clove verlangte nach seinem Blut. Sie war gerade im Begriff Cato und Loverboy zur Seite zu stoßen und ihn für sich selbst zurückzufordern, als Marvels Augen sich plötzlich weiteten und er erstaunt den Satz beendete: „– um das Füllhorn herum platzieren."

„Niemand hat das jemals in den Spielen gemacht", sagte Marina. „Wir könnten hier all unsere Sachen horten und keiner könnte sie anrühren."

Marvel, Glimmer und Marina schienen sich an diese Idee zu gewöhnen. Aber Clove kümmerte das nicht. Sie brauchten diesen verzweifelten, traurigen, kleinen Käfer aus 3 nicht. Cato musste ihr zugestimmt haben, denn er beugte sich mit einem bedrohlichen Lächeln über den Jungen. Als er aber sprach war es an die anderen gerichtet.

„Und wenn schon", sagte er. „Wenn jemand Wache steht würde das die gleiche Wirkung erzielen."

„Aber das würde es nicht", betonte Loverboy. „Ich meine, wir sind zu sechst, richtig? Also wirklich mehr als zwei Leute auf einmal könnten nicht Wache stehen. Allerdings denke ich, dass die meisten von euch das nicht tun wollen werden. Und abgesehen davon ist Thresh davongekommen. Er ist irgendwo da draußen. Und wenn er zurückkommt könnte er die meisten von uns mit Leichtigkeit überwältigen und das ganze Essen, das es gibt, an sich nehmen."

Cato und Loverboy starrten sich an. Anschließend zuckte Loverboy nur mit den Schultern, „Ich weiß nicht. Es kommt mir einfach wie eine gute Idee vor."

Clove glaubte Cato würde sie beide erschlagen. Sie feuerte ihn schweigend an es zu tun. Aber er tat es nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit fiel das Schwert an seine Seite. Cato stach einen Finger in die Brust von 3.

„Hör mir zu", knurrte er. „Wir nehmen dich mit zurück zum Füllhorn. Du hast den Rest des Tages, um das zu erledigen. Wenn du Scheiße baust, töte ich dich. Wenn du anfängst Essen wegzunehmen, töte ich dich. Wenn du mir im Weg stehst, töte ich dich. Wenn nur noch ein paar von uns übrig sind, töte ich dich. Verstanden?"

Selbst nachdem Cato mit geballten Fäusten davon gestürmt war, hatte Clove immer noch Schwierigkeiten damit, das, was gerade geschehen war, zu verarbeiten. Nicht nur hatte Loverboy sich Cato gestellt und lebte noch, sondern er hatte auch seine Entscheidung, den Jungen zu töten, beeinflusst. Und jetzt stand er dort mit verschränkten Armen, sah Cato mit seelenruhigen blauen Augen an, ohne auch nur eine Spur von Dankbarkeit oder gar Erleichterung in seinen Gesichtszügen.

Wenn sie es vorher nicht gewesen war, so war sie sichjetzt sicher, dass jede Sekunde, die sie ihm erlaubten zu leben, ein Fehler war. Vielleicht würde sie die Initiative ergreifen und es einfach beenden.

„Oh, um Himmels Willen, steh auf", seufzte Marvel und rollte mit den Augen. Distrikt 3 hatte sich auf dem Boden keinen Zentimeter gerührt und hörte, dort wo er mit zusammengekniffenen Augen lag, nicht auf zu zittern. „Wir werden dich jetzt nicht umbringen."

Die Worte ermunterten ihn jedoch nicht. Deshalb zog Loverboy ihn hoch. Selbst als Distrikt 3 stand hielt er seine Augen noch geschlossen.

„Hey!", schnauzte Loverboy ihn an. „Du bist am Leben, okay?"

Seine Worte waren schroff, doch Clove hörte die Aufmunterung darunter versteckt.

„Aber nicht lange", sagte sie.

Sie war sauer, wirklich sauer. Wenn Cato sie nicht heruntergezogen hätte, hätte er tot sein können. Sie ging sicher ihnen einen Schritt voraus zu sein, während sie in Richtung Füllhorn davon stampfte. Sie hasste dieses Bündnis.

Sie würde es so lange hassen, bis es gebrochen war.

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¹ = im Original „she gently carved around them", aber da sie ihn nicht wirklich schneidet habe ich mich dazu entschieden zu schreiben, dass sie mit dem Messer über seine Haut „streicht".