„Leid ist vielfältig.
Die Armseligkeit der Welt ist vielförmig.
Die Farbtöne, die den weiten Horizont des Regenbogens überschreiten,
sind so unterschiedlich, wie die Farben dieses Bogens, –
auch verschieden, aber so eng miteinander verbunden."
(„Berenice" – Edgar Allan Poe)
10. Die Mörderin
Cato sorgte dafür, dass er Abstand zwischen sich und die anderen brachte – das Kapitol würde ihre geliebte Allianz nicht schon am allerersten Tag komplett abgeschlachtet sehen wollen.
Oh, aber er könnte es tun. Die Vorstellung reichte aus, um Elektrizität durch seine Gliedmaßen zu senden. Seine Finger verkrampften sich um den Griff seines Schwertes. Er könnte sich genau jetzt umdrehen und sie umbringen. Alle von ihnen, wenn er wollte.
Loverboy wäre ganz bestimmt der Erste, bloß weil er ihn einfach wütend gemacht hatte. Danach würde er Drei in zwei Hälften zerteilen. Cato hatte bereits die Logik vergessen, die ihn davon abhielt, die Bäume mit dem Blut dieses Schwächlings zu bespritzen. Er verdiente es, diese erbärmliche, kleine Kreatur. Nichts, das so schwach war, besaß das Recht zu leben.
Aus Spaß an der Freude konnte er dann Distrikt Vier töten. Oder Glimmer, dessen süßer Hals nach seinen Händen rief, doch würde er sie nicht erwürgen, nein. Ihre Schreie würden in ganz Panem zu hören sein. Und dann war da natürlich noch Marvel – Cato hatte sich für ihn einen glorreichen Plan ausgemalt, einer, der sich zu ändern schien, mit jeder abfälligen Bemerkung, die über seine blasse Lippen kam, mit jedem spöttischen Lächeln –
Er konnte diese Gedanken nicht länger aushalten, von daher ließ er sein Schwert fallen und schlug mit seiner Faust hart gegen einen Baumstamm, erhielt Befriedigung durch das Knacken seiner Knochen und den Schmerz, der seine Fingerknöchel und sein Handgelenk überfiel.
Wenn er das nicht getan hätte, hätte die Gier von ihm Besitz ergriffen und er würde sich umdrehen und diesen herrlichen Gedanken Genüge tun. Doch das würde solch eine Verschwendung sein. Sein Bündnis musste für den Schluss aufgehoben werden – eine letzte prachtvolle Show für das Kapitol und natürlich für ihn selbst, in Anbetracht dessen, dass dies die letzten Morde sein würden, die er vollenden würde, ohne sich um sinnlose Konsequenzen kümmern zu müssen.
Das leise Summen ihrer Stimmen drang nun zu ihm durch. Und folglich wusste er, dass sie ihn sahen, als ihre Stimmen erstarben. Sie fürchteten sich vor ihm. Jeder einzelne von ihnen fürchtete sich vor ihm.
Und er liebte es.
Sie würden versuchen es zu verbergen, versuchen ihre Schwäche zu verbergen, doch er wusste es besser. Glimmer war so sehr davon überzeugt, ihre sanften Hände und die Kurven ihrer Hüften würden ihn davon abhalten jeden einzelnen Knochen in ihrem hübschen Gesicht zu brechen. Sie wusste nicht, dass er die Vorsicht sehen konnte, die sie hinter ihrem Lächeln zu verbergen versuchte. Marvel, in all seiner gottverdammten Gleichgültigkeit, konnte weiterhin sein Kinn recken, doch würde er niemals versuchen ihn öffentlich herauszufordern, nein, niemals. Loverboy würde weiterhin von Zeit zu Zeit ein Auge auf ihn haben, weil er dachte, dass er es nicht sah, und deswegen war er ein Narr, denn Cato sah alles.
Er sorgte dafür, dass sie ihn fürchteten. Er sorgte dafür, dass jeder Spieler auf diesem Feld ihn fürchtete. Wenngleich es eine Ausnahme gab. Nur eine kleine Ausnahme, die sich gerade allein und leise in Richtung der dunklen Bäume aufmachte, ohne irgendjemanden von ihnen zu beachten, ohne ihn zu beachten, ohne verdammt noch mal irgendetwas zu beachten.
Die Junge, die Schöne, die Tödliche …
Oh, nur hatte Caesar keine Ahnung. Keiner aus dem Kapitol hatte das. Vielleicht dachten sie, sie konnten es in der scharfen Kurve ihres Kiefers erkennen oder in dem tödlichen Schwung ihrer Lippen, doch es ging so viel tiefer, als bloße Schönheit. Nicht einmal während des Blutbades konnten sie gesehen haben wietödlich sie wirklich sein konnte. Doch Cato kannte ihre wunderschöne Tödlichkeit – und das war die einzige Art mit der es genau beschrieben werden konnte: wunderschön. In ruhigen Momenten konnte er sehen, wie sie hinter diesen schwarzen, schwarzen Augen von all den Möglichkeiten wie sie ihn vernichten konnte träumte, und sich die Winkel ihres Mundes, dieses wunderschönen verdammten Mundes, sich zu einem höhnischen Grinsen verzogen, was ihn in den Wahnsinn trieb, und er sich selbst kaum davon abhalten konnte sie in Stücke zu reißen. Einmal hatte ihre Zunge ihm ihre Tödlichkeit gezeigt, als sie über das Blut geleckt hatte, das aus der tiefen Wunde ran, die ihre Zähne in seinem Hals hinterlassen hatte.
Aber nichts hatte es mehr gezeigt, als der Moment in dem sie seine Hand an ihr Gesicht gehalten und nur hineingeatmet hatte, wieder und wieder und sie sich kaum bewegt hatte. Sie war einfach tödlich, tödlich, immer so tödlich.
Sie wussten nichts über diese Dinge, aber sie würden sie sehen. Und dann würden sie verstehen, wieso er sie für den Schluss aufheben würde.
Er konnte es kaum erwarten sie zu töten.
Brutus hatte diesen Gedanken nahegelegt, als wenn er ursprünglich von ihm gekommen wäre, doch Cato hatte es bereits an dem Tag ihrer Ernte beschlossen. Als sie in dem rumpelnden Waggon des Zuges beieinanderstanden, der sie zum Kapitol brachte, waren die ersten Worte, die er an sie gerichtet hatte, die, dass sie vollkommen leicht zu vergessen war. Und als sie durch einen Tunnel fuhren beleuchteten die flackernden, orangefarbenen Lichter ihr knurrendes Lächeln und sie flüsterte leise: „Warte ab, was ich mit dir anstellen kann." Dann war der Moment vorbei, sie wurden von dem Sonnenlicht überströmt, das wieder durch die Fenster gelang, die Teilnahmslosigkeit hatte den Weg zurück in ihre dunklen Augen gefunden und das Lächeln war verschwunden, doch er hatte es gesehen, Gott, er hatte es gesehen.
Und von diesem Moment an war er in ihrem Namen versunken.
Clove.
Ihren Tod würde er zu etwas Besonderem machen. Er würde der Großartigste von allen sein. Er würde traumhaft schön und grausam sein, so grausam, genau wie sie. Und das Kapitol würde es lieben. Nur würde es nicht für sie sein. Ihr Tod wäre nicht wie die anderen; er wäre nicht für den Stolz seines Distrikts, er wäre nicht für die Spiele, er wäre nicht für die Befriedigung seiner Wut oder seines Egos, welche beide als eigenständige Wesen angesehen werden konnten.
Nein, ihr Tod wäre nur für ihn.
Wenn er könnte würde er sie irgendwo umbringen, wo die Kameralinsen nicht hingelangten, denn er wollte, dass nur sie beide dabei waren und niemand sonst. Er wollte der einzige sein, der das schmerzhafte schrille Knacken hörte, wenn er anfing ihr zartes, empfindliches Schlüsselbein zu zerbrechen – Wie viele Nächte hatte er wachgelegen, wieder und wieder, über diesen einen bestimmten Teil von ihr nachdenkend? Er wollte der einzige sein, der das Zittern ihrer Unterlippe sah oder die Falte in ihrem Augenwinkel, wenn sie sich gegen den unerträglichen Schmerz wehrte, den er ihr zufügte.
Aber es war okay, dass er diese Anblicke und Geräusche mit der Masse teilen musste, denn es wäre immer noch er allein, der ihr diese Dinge antat.
Niemand sonst würde Blutergüsse auf ihrer Haut hinterlassen. Niemand sonst würde langsam, sehr langsam, jeden ihrer Knochen brechen. Sie würde nicht den Namen eines anderen kreischen. Niemand sonst würde ihr Blut fühlen, das Blut, wonach er sich sehnte es zu sehen. Nein, niemand sonst würde ihrem Tod Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie er es tun würde. Und er würde niemanden sonst sie töten lassen. Sie war sein.
Seine junge, schöne, tödliche Clove.
„Haben wir die Action verpasst?"
Glimmer ging neben ihm, mit den Händen an den Hüften, und besah sich seine nun geschwollene blutüberströmte Faust. Action, fragte sie? Ja, du hast die Action verpasst.Wenn du dabei gewesen wärst, würde dein hübscher Schädel jetzt zerbrochen auf dem Boden liegen.
„Ich glaube nicht, dass du gern dabei gewesen wärst, Süße", spottete er.
Da war es schon wieder. Ihr Lächeln. Dachte sie wirklich, sie wäre so gut darin es zu verstecken? Ihre Fingerspitzen fuhren über seinen Arm und sie hauchte, während ihre Lippen gegen sein Ohr streiften: „Aber überall wo du bist möchte ich sein."
Er sah, wie ihre perfekte Nase zuckte und wie das Weiß ihrer Zähne für einen kurzen Moment strahlte. Sie war wirklich ein überwältigendes Wesen; so traumhaft schön wie jeder Kommentator und Designer im Kapitol gesagt hatte. Allerdings hatte Cato die Kunst schöne Sachen zu zerstören perfektioniert.
Sie brach den Augenkontakt schnell ab und ihr goldenes Haar wallte über ihren Rücken, als sie auf ihre übliche Weise den Hang herunter trottete, um sich den anderen anzuschließen. Sie schien davon überzeugt zu sein, dass das Schwingen ihrer Hüften erotisch wirkte, aber Cato wusste, dass es sich um einen hastigen Rückzug handelte. Denn sie ahnte, dass er es nicht erwarten konnte ihr das Genick zu brechen.
Allein zurückgelassen, nun da sein Zorn verraucht war, versuchte er die Entscheidung, die er getroffen hatte, zu beurteilen: Drei zu behalten. Doch Cato war nie gut darin gewesen zu beurteilen und das Einzige, an das er klar denken konnte, war, wie er Loverboys Herz buchstäblich aus seiner Brust schneiden würde, wenn sie das Mädchen erst einmal gefunden hatten. Panem würde das gefallen.
Sein Ärger auf Loverboy steigerte sich nur, als er die Gruppe am Füllhorn erreichte. Sie alle standen um den Jungen aus Drei herum, der immer noch am ganzen Leib zitterte. Seine knubbligen Knie machten beinahe ein klapperndes Geräusch, wenn sie aufeinander prallten. Cato hasste ihn. Er war schwach. Er war so, so unvorstellbar schwach und er versuchte noch nicht einmal es zu verbergen. Es war erbärmlich.
Der Junge war nichts weiter als ein Insekt, das zerquetscht werden musste. Cato hatte beinahe die Entscheidung getroffen ihn in zwei Teile zu schneiden (aber ihn vorher noch vor Loverboy zu halten, damit er von dem Blut bespritzt wurde, von demjenigen, den er gedacht hatte er hätte ihn gerettet), als die hervorstehenden Augen des Kindes ihn aufhielten. Es war unfassbar wie laut sie waren. Er hätte nie gedacht, dass Augen so schreien konnten. Er konnte förmlich fühlen, wie sich seine Lippen über seine feuchten Zähne rollten, als sie sich zu einem unwillkürlichen Lächeln verzogen.
Wenn du ihn am Leben lässt kannst du das mehr als nur einmal sehen, sagte eine Stimme.
Cato stimmte zu. Er genoss die schreienden Augen des Jungen voll und ganz.
Er hob einen Finger und deutete auf das nahestehendste Podium. „Fang an zu graben", befahl er.
Während der Junge wegkrabbelte entschied Cato, dass Insekt ein guter Name für ihn war. Das klang gut.
Als das Insekt anfing sich mit bloßen Händen über die Erde her zu machen bemerkte er Clove in der Nähe der Baumstämme, die den See umringten, weit jenseits des Feldes. Sie war nicht bei den anderen in der Nähe des Füllhorns. Cato bemerkte, dass er sich danach sehnte das Straffen ihres Kiefers und ihrer Lippen zu sehen, wenn sie sich vor Verärgerung zusammenpressten. Daher wies er mit seinem Kinn zu Marvel, ein stummer Befehl das Insekt zu bewachen, und folgte dem Weg, den er sie hatte nehmen sehen.
Als er sie fand hatte sie ihm den Rücken zugewandt und war vollkommen still, während sie im Sand saß, mit ihren Händen im Wasser. Als er sich ihr näherte achtete er darauf leise zu sein, während er darüber entschied, auf welche Art er sie wütend machen konnte. Sie vom Boden heben und ins Wasser werfen vielleicht. Ihr Gesicht würde vor Wut erstarren, genauso wie in dem Moment, als er sie vom Insekt weggerissen und sie beiseite geschleudert hatte, bevor sie die Chance hatte ihn zu verletzen. Er weidete sich an der Erinnerung ihres Gesichts, als sie den Kopf vom Boden gehoben hatte, um ihn zornig anzustarren. Es hatte gereicht um ihn zum Lachen zu bringen, in dem Moment –
Plötzlich unterbrach das Spritzen von Wasser die Stille und noch bevor er dazu kam sein Schwert zu heben oder sich auch nur zu ducken, zischte eins ihrer Messer durch die Luft, direkt an ihm vorbei und schnitt ganz knapp an der Seite seines Halses. Es landete mit einem schweren Tonk in dem Holz eines Baumes hinter seinem Rücken.
Im ersten Augenblick machte ihn seine Verwirrung rasend. Er hob dämlich sein Schwert, nur um zu realisieren, dass es nichts gegen Clove tun konnte, die ein Dutzend Messer in seinen Körper werfen konnte, noch bevor er die vier Meter die zwischen ihnen lagen überqueren konnte. Dies war nicht dasselbe Mädchen, das er dort im Kapitol in seiner Gewalt halten konnte – dieses Mädchen hatte nun ihre Waffen. Ein einziges Wort kam ihm in den Sinn, während sie sich ihm näherte, mit nichts weiter als einem gleichgültigen Blick der ausreichte, um sein Blut zum Kochen zu bringen.
Gefährlich.
Er war kaum in der Lage zu denken, als sie mit ihrer kleinen aber starken Hand sein Schwert senkte. Dann berührte ein Hauch ihres Atems seine Lippen und das Metall ihres Messers strich über seine Haut, als sie es aus der Stelle zog, wo es tief im Baum gesteckt hatte. Sie hatte ihr Kinn gehoben, aber ihre Augenlider verbargen zum Teil ihre dunklen Augen, als sie seinen Hals betrachtete und ihren Ärmel benutzte, um liebevoll eine überraschende Menge an Blut wegzuwischen, das aus dem frischen Schnitt sickerte, den ihre Waffe hinterlassen hatte.
„Das nächste Mal, wenn du mir in den Weg kommst, und dir nimmst, was rechtmäßig mir gehört", sagte sie lediglich, dann hob sie ihren Blick, „werde ich nicht danebentreffen."
Diese Augen, diese Augen. Sie brodelten wie glühend heißer Teer und versengten jeden Zentimeter seines Körpers. Er wollte sie aus ihren Höhlen reißen. Die Kameras hatten alles eingefangen und alle in Panem wurden soeben durch sie Zeuge seiner Schwäche. Er konnte sie von Distrikt Zwei bis hierher hören, wie sie wie Hunde heulten, bei dem Anblick von dem Cato, den sie alle fürchteten, den Cato, der die Menge teilte, wenn er in den Straßen entlangging, der kleinen, sommersprossigen feixenden Clove ausgeliefert. Wenn sie sie doch nur letzte Nacht gesehen hätten, als die gleichen Hände, die gerade gegen seine Kehle drückten, nutzlos herumflatterten, als ihre Rippen drohten zu brechen. Oder vielleicht das Blut, das ihr ins Gesicht geschossen war, als sie schrie. Doch stattdessen bekamen sie zu sehen, wie sie ihn gegen einen Baum drängte und ein Messer behutsam unter sein Kinn setzte.
Daher versuchte er sich damit zufrieden zu geben sich vorzustellen, wie ihr Körper auseinander gerissen wird, beginnend mit diesen Lippen, die sich nun zu einem Grinsen kräuselten, denn sie wusste, dass er sauer war, dass sie ihn hatte. Seine Sicht färbte sich rot, als sie sich auf Zehenspitzen stellte und die Finger ihrer anderen Hand nach dem Stoff seines Shirts griffen. Das Blut des Tributes, den er getötet hatte, war nun über ihre Wange verschmiert und Perlen von pinkem Wasser tropften von ihrem spitzen Kinn. Ihre Lippen pressten sich auf seine Mundwinkel, erniedrigten ihn erfolgreich weiter. Gerade als er im Begriff war sie von sich zu schleudern, flüsterte sie: „Du bist so durchschaubar, Cato."
Augenblicklich schossen seine Arme hoch um sie zu fangen, damit er ihrem Körper solch unerträglichen Schmerz zufügen konnte, dass sie nichts anderes wollte, als diese beschissenen Worte dreimal zurückzunehmen. Doch sie war flink und mit Leichtigkeit wich sie seinen Händen aus, als er versuchte sie am Haar zu fassen. Bevor er Zeit hatte sich zu beruhigen, hatte sie ihm den Rücken zugewandt und sie ging weg, den Kopf zurückgeworfen, lachend. Noch nie zuvor hatte er ihr Lachen gehört.
Er entschied, dass er es hasste.
Es war zu hoch, zu schrill, zu verdorben. Seine Zähne knirschten bei den Klang und in diesem Moment ermahnte er sich: Am Ende werde ich dich kriegen. Ich werde dich verdammt noch mal kriegen.
Sie hatten beschlossen, dass sie damit warten würden, die anderen Tribute zu jagen. Schließlich befanden sie sich noch am Anfang – die Spiele hatten gerade erst begonnen. Im Moment konnten sie sich bis zum Sonnenuntergang ausruhen und warten, bis sie die Feuer sehen konnten, damit sie nicht blind den Wald durchkämmen mussten, was sie zu viel Energie kosten würde.
Die grausame Ironie des Ganzen schmerzte Peeta sehr, während er den Jungen aus Drei beobachtete, wie er so verzweifelt in der Erde grub, dass der Schmutz um ihn in der Luft herumflog. Er konnte trotz der Entfernung sein Keuchen hören und er konnte den Schweiß sehen, der sich in den Falten seiner schmutzigen Stirn sammelte. Blut färbte sein Hosenbein rot und Peeta wusste, dass der dünne Verband, den sie ihm so gütigerweise überlassen hatten, nichts gebracht hatte, um die Blutung seiner Wunden zu stoppen. Sein schweres Keuchen wurde von Zeit zu Zeit von einem schlecht unterdrückten Schluchzen unterbrochen.
Währenddessen saß Marvel im Schatten des Füllhorns auf einem Eimer mit Äpfeln und Glimmer beschwerte sich über die Hitze und die Auswahl des Essens.
Peeta hatte Drei nun schon fast zwei Stunden beim Arbeiten zugesehen: graben, den Sprengstoff herausziehen, neu verkabeln, weitermachen, graben. Als er sich mit der ersten Bombe beschäftigte gab es einen Moment, in denen er mit den Händen über den Ohren zurückschreckte. Aber nachdem er bemerkt hatte, dass er noch lebte, machte er zögernd weiter. Peeta dar dankbar dafür, dass keiner der anderen etwas bemerkt hatte – vor allem Cato.
Er wagte es momentan nicht den furchtbaren Tribut aus Distrikt Zwei anzusehen. Mit Augen wie die eines Drachen hatte er Peeta überwacht und darauf gewartet, dass er zerbrach. Innerhalb eines Tages hatte dieser Junge es geschafft, dass sich Peetas Ausmaß von dem, was ein Mensch an Feindseligkeit und Brutalität besitzen konnte, noch vergrößerte. Und das obwohl er sechzehn Hunger Spiele gesehen, die Geschichten von neunundfünfzig gehört und in einer Gesellschaft gelebt hatte, die Kinder dazu zwang, sich für die Unterhaltung einer Nation bis zum Tod gegenseitig zu bekämpfen. Aber Peeta gelang es den Schrecken unter Kontrolle zu halten, indem er an Katniss dachte. Er durfte niemals eine Miene verziehen, wenn er sie retten wollte. Er musste einer der Careers sein, vielleicht sogar bis zu dem Moment, in dem er starb.
Doch als der Junge aus Drei beinahe in ein Loch gefallen wäre, als er damit kämpfte einen weiteren Sprengstoff herauszuziehen, konnte Peeta nicht mehr länger herumsitzen. Geistesgegenwärtig seufzte er verärgert und so laut, dass die anderen es hören konnten, „das wird so nie fertig!", und humpelte auf ihn zu – immer noch kaum in der Lage nach dem Blutbad vernünftig zu gehen, und er betete leise dafür, dass nicht plötzlich ein Speer durch seine Brust durchstieß.
Nichts geschah. Deshalb riskierte er nicht noch mehr, in dem er zurückschaute.
Die Schultern des Jungen zuckten zusammen, als Peetas Schatten ihn in Dunkelheit hüllten. Er drehte sich auf seinen Knien erschrocken zu ihm um. Zitternd. Dreck bedeckte seine Arme und seine Mundwinkel. Er war schweißgebadet. Und am schlimmsten war, dass seine Augen in Tränen schwammen. Peeta wurde ganz schlecht.
„Es tut mir leid", presste er hervor. „Ich werde mich beeilen, ich schwöre–"
„Alles in Ordnung", sagte Peeta so leise er konnte. „Geh zur Seite. Ich werde es anheben."
Der Junge bewegte ich nicht und zuckte wieder, als wäre er geschlagen worden. Peeta konnte Cloves Beine sehen, wie sie sich von der Öffnung des Füllhorns entfernten – sie hockte auf dem zylindrischen Dach wie eine Katze und im Moment klebten ihre Augen vermutlich auf ihnen. Mit einer Stimme, die noch leiser war, als zuvor, sagte er mit zusammengepressten Zähnen: „Bitte, du musst jetzt tapfer sein oder sie werden uns beide töten."
Ein paar dünner Augenlider glitt über die großen Augen des Jungen und Peeta beobachtete das Heben und Senken seiner Brust, als er tief Luft holte. Als sie sich hoben, um seine braunen Augen wieder zu offenbaren, konnte Peeta erleichtert feststellen, dass er aufgehört hatte zu zittern. Als Peeta in das Loch griff, um den Sprengstoff hervorzuholen, sprach der Junge mit ruhiger Stimme. „Achte darauf, dass du nur die roten und gelben Seiten der Fassung berührst. Siehst du sie?"
„Jah", antwortete Peeta. Schmerz schoss durch seine Beine, als er sich hinkniete, aber ohne große Schwierigkeiten pflückte er mit beiden Händen die Vorrichtung aus dem Boden, als wäre es nichts anderes als eine übergroße Rübe. Er spürte, wie das Blut durch seine offene Wunde an seinem Arm pulsierte und den Verband darum durchnässte. Obwohl er verletzt war, hatte er immer noch die Kraft seines Oberkörpers. Das sorgte dafür, dass eine Stimme zu ihm durchdrang.
„Was ist mit dir? Ich habe dich im Markt gesehen. Du kannst fünfzig Kilo schwere Säcke voll Mehl heben."
Er wiederholte es noch einige Male, um sich für einen Moment von der Arena zu entfernen. Auch wenn er hier war, sie versteckte sich hier irgendwo zwischen den Bäumen. Obwohl die Erinnerung aus der Zeit stammte, als sie mit Haymitch im Kapitol ihre Strategie diskutiert hatten, zog ihre Stimme ihn zurück nach Hause nach Distrikt Zwölf. Sie zog ihn zurück zu seiner Schulzeit, als er sie aus seinem Garten in sicherer Entfernung beobachtet hatte, wenn sie nicht hinsah und der Wind mit ihren schwer zu bändigenden Zöpfen in der Sonne spielte.
Säcke voll Mehl, Säcke voll Mehl.
Er musste sich schwer bemühen ein Lächeln zurückzuhalten.
Drei arbeitete fleißig. Seine flinken Finger hätten Kunstwerke schaffen können, als sie knallbunte Drähte zu offenbar komplizierten Mustern neu ordneten, während sie einander anfunkten und anzischten, als würden sie protestieren. Als er ihm dabei zusah wäre Peeta auch beinahe zurückgewichen, doch nach ein paar Versuchen und Fehlversuchen wurde Drei zuversichtlicher in seiner Arbeit. Dieser Junge war wirklich brillant, wenn auch nicht brillant genug, um genügend Abstand zwischen sich und das Füllhorn zu bringen. Peeta fragte sich, weshalb er zurückgeblieben war.
Dies ging für eine weitere Runde so weiter: der Junge grub, Peeta zog es heraus, der Junge arbeitete. Während er sich darauf konzentrierte vorsichtig einen roten Draht aus einem blassen Grünen zu ziehen, beugte Peeta sich nahe zu ihm, als wäre er von Neugier überwältigt, und fragte mit leiser Stimme: „Wie heißt du?"
Er achtete darauf, Drei nicht direkt anzusehen, damit die anderen nicht noch misstrauischer wurden, als sie es ohnehin schon waren. Drei tat es ihm gleich.
„Circuit", flüsterte er.
Wären es andere Umstände gewesen, hätte Peeta gegrinst. Circuit? Das war ein eindeutiger Unterschied zu den üblichen Namen, die man in Distrikt Zwölf vergab, aber er mochte Circuit. Es war ein netter und passender Name für den Jungen.
„Du bist Peeta, stimmt's?", fragte Circuit, den Blick weiterhin auf seine Arbeit gerichtet. „Der Bäcker?"
Vorsicht, Vorsicht, dachte Peeta plötzlich angespannt. Circuits Stimme war nicht laut gewesen, aber Peeta war immer noch paranoid. Er wagte es nicht direkt zu den Careers zu schauen, stattdessen stand er auf und reckte seinen Rücken, Seite zu Seite, und schaute gedankenverloren in ihre Richtung. Er sah wie Clove sich aus ihrer Hocke erhob, hinuntersprang und entlangschritt. Cato beobachtete sie weiterhin, lächelnd, auf die verstörendste Weise. Die anderen schienen ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken.
Während er bemerkte, dass die Luft rein war und ihr bedeutungsvoller Austausch nicht völlig überwacht wurde, konnte er nicht anders, als ein wenig überrascht zu sein, dass der Junge sich nicht nur an seinen Namen erinnerte, sondern auch an seinen Beruf. Er kannte natürlich einige Einzelheiten über Circuit – genug um Cato davon zu überzeugen ihn zu verschonen, doch das lag nur daran, dass Peeta Wert auf Details legte. Er wusste, dass die meisten Leute nicht so waren, aber er mochte Menschen. Er konnte sich an fast alle Tribute und ihre Interviews mit Caesar erinnern; so wie das Mädchen aus Sieben, das Clove zerstückelt hatte, das Tiere sehr geliebt hatte, oder der Junge den Cato in zwei Teile geschnitten hatte, der das Zirpen einer Grille oder das Geräusch eines Regentropfens nachmachen konnte.
„Ja", antwortete Peeta schließlich. „Du erinnerst dich daran?"
„Jaah", sagte Circuit, während seine Mundwinkel versuchten Gleichgültigkeit vorzutäuschen. „Mir hat dieser Witz gefallen, den du über das Brot aus deinem Distrikt gemacht hast – dass die besondere Zutat Kohle ist. Es brachte mich zum Lachen."
Peetas Herz bekam einen Stich. Wie gerne hätte er den armen Circuit wieder zum Lachen gebracht? Aber das konnte er hier nicht. Um das aufkommende Gefühl von Glück abzuwehren, versanken sie wieder einmal in Schweigen und führten ihre mechanischen Aufgaben fort. Circuit verkabelte weiter und grub. Peeta tat weiterhin so, als würde er ihn streng beaufsichtigen und zog Sprengstoffe aus dem Boden sobald sie ausgegraben waren.
Etwas später, als die untergehende Sonne ein pinkes Licht auf Circuits Wangen warf, während er an dem vierten Sprengstoff arbeitete, sagte er mit niedergeschlagenen Augen: „Danke, dass du mir das Leben gerettet hast."
Peeta nickte nur kurz zur Erwiderung, denn er konnte es nicht riskieren noch mehr zu sagen.
Aber wenn er hätte antworten können, hätte er Circuit gesagt, dass er wünschte, dass er es nie gemusst hätte.
Clove biss hart in das Fleisch eines Apfels und nach nur einigen Bissen entschied sie, dass sie ihn nicht mehr wollte. Sie war ein Dutzend Mal umhergeirrt, erneut auf das Füllhorn gesprungen und hatte ihre Runden in der Nähe des Sees gemacht, über das Feld und den angrenzenden Wald, aber sie war immer noch unruhig. Sie wollte los, sie wollte jagen. Sie hatten den ganzen Tag gewartet, ohne echte Schritte zu unternehmen, nach den anderen Tributen zu suchen. Es waren nun schon ein paar Stunden vergangen, sie hatten sich alle ausgeruht und sie hatten die Campingausrüstung und Nachtsichtbrillen, also wieso saßen sie immer noch bei diesem gottverdammten Füllhorn?
Als sie diese Frage in Richtung Marvel fauchte, der sein eigenes Spiegelbild am Ende seines Speeres zu betrachten schien, sagte er, ohne sie dabei wirklich anzusehen: „Du willst doch nicht wirklich die Show verpassen, oder?"
Er meinte den Tribut an die Verstorbenen des Tages. Die Sonne senkte sich in der Ferne über die schwarzen Bäume. Die Nacht würde bald hereinbrechen. Aber es könnte sie nicht weniger interessieren, es zu sehen. Sie wusste wen sie getötet hatte. Die anderen waren ihr völlig egal. Außerdem hatte sie seit dem ersten Kampf keine Kanonen mehr gehört. Niemand war heute noch gestorben.
Wahrscheinlich weil wir alle nur auf unseren Ärschen sitzen.
Sie rümpfte die Nase.
„Ich gehe noch einmal weg", sagte sie zu niemand Bestimmtem.
„Kannst du nicht mal aufhören, Clove?", seufzte Marina. Sie lehnte neben Marvel gegen die Wand des Füllhorns und webte Netze aus Drahtseilen, die man ihnen zur Verfügung gestellt hatte. „Es ist ja nicht so als würden sie irgendwo hingehen. Außerdem glaube ich nicht, dass auch nur irgendwer dumm genug wäre innerhalb eines Kilometers von diesem Platz zu bleiben."
Clove legte den Kopf schief. Sieh an, sieh an, wie mutig die Seeschnecke geworden war, seit sie ihre schweren Waffen in die Hände gekriegt hatte. Zu schwer, wenn es nach Clove ging, zu langsam.
Allerdings hatte sie Recht – Clove hatte die umliegenden Wälder nun schon dreimal durchkämmt und sie hatte überhaupt nichts gefunden. Das Kapitol musste sich langweilen. Vielleicht sollte sie für eine überraschende Wendung sorgen, indem sie die Seeschnecke tötete. Sie zog gerade ein Messer hervor, das sie besonders bevorzugte – eins mit einer leicht gekräuselten Spitze und einem leichten Griff – als sich Cato vor sie stellte.
„Ich komme mit", sagte er.
„Dich hat niemand eingeladen", fuhr Clove ihn an.
„Ich brauche keine Einladung." Cato grinste spöttisch.
Sie stand lang genug still, um ihn wütend anzustarren, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und davon stampfte, während sie versuchte so weit wie möglich von ihm entfernt zu bleiben, wie sie konnte. Sie konnte hören, wie er den anderen sagte, dass sie ihr Zeug zusammen sammeln sollten, damit sie los konnten, wenn er zurück kam, und dass sie ein Auge auf Drei werfen sollten. Dann kam er nur mit, um sie zu bespaßen? Sie ging schneller.
Sie erreichte den Wald vor ihm. Die inzwischen schwarzen Baumkronen kreierten ein Kaleidoskop an Farben durch dessen Zweige – pink, lila, orange. Es tauchte den Boden in ähnliche Muster in hellen und dunklen Farben. Mit vorsichtigen Schritten ging sie den langen Hang eines Tals hinunter und sie stellte fest, dass sie noch nicht in diesem Teil des Waldes gewesen war. Sie gierte danach jemanden umzubringen, seit Cato sie von Drei weggezogen hatte. Auch wenn sie dafür eine angemessene Entschädigung erhalten hatte. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht beim Gedanken daran, wie seine Zähne nach ihr geschnappt hatten, nachdem sie seinen Schlägen ausgewichen war. Wo war der große Idiot denn jetzt? Sie hörte seine lauten, trampeligen Schritte gar nicht mehr.
Als sie sich umdrehte bemerkte sie, dass er nicht mehr hinter ihr war. Gut, sie wollte seine Gesellschaft sowieso nicht. Er hatte sie für diesen Tag genug verärgert. Und das auch noch am ersten Tag.
Sie ging gerade mal zwei Schritte, als plötzlich jemand hinter ihr war und sie zu Boden rang. Sofort geriet sie in Panik. Da er ihre Arme auf ihrem Rücken hielt kam sie nicht an ihre Waffen heran. Eine Hand drückte ihren Kopf auf den Boden und Dreck drang in ihre Nase, als sie törichterweise einatmete. Sie konnte ihren Angreifer nicht einmal sehen, doch von der Größe her ging sie davon aus, dass es ein Junge war. Ein großer Junge. Plötzlich packte sie das Entsetzen.
Was, wenn das–?
„Cato!", brüllte sie. Er war in der Nähe, vielleicht konnte er sie hören. „Cato!"
Und dann hörte sie sein Lachen. Sie brauchte eine ganze Minute, um ihre Verwirrung loszuwerden und um zu begreifen, dass ihr Angreifer Cato war. Dieser Verdammte! Sie verfluchte sich selbst dafür so dämlich gewesen zu sein. Sie hatte nicht nur automatisch das Schlimmste angenommen, sondern auch noch seinen Namen gerufen. Warum hatte sie das nicht durschaut? Weil er nicht durchschaubar ist, sagte eine Stimme. Sie brachte sie zum Schweigen.
„Du verdammtes Stück Scheiße!", fauchte sie, während sie versuchte ihre Arme zu befreien, die er immer noch festhielt. Wut entflammte in ihrem Magen und strömte unkontrolliert in die anderen Bereiche ihres Körpers. Er hatte sie so schwach aussehen lassen.
Er senkte seinen Mund zu ihrem Ohr und sprach zwischen zusammengepressten Zähnen. „Wenn du mich noch einmal so bloßstellst reiß ich dir die Arme aus", sagte er.
Sie hörte auf sich zu wehren, damit er sie losließ. Sobald er dies tat würde sie ihn angreifen. Natürlich nicht tödlich. Aber gerade genug, um genug Blut zu vergießen, um ihre Rache zu erhalten.
In dieser Stille konnten sie weit entfernt etwas hören. Das Knacken von Ästen. Es könnte ein Tier sein und vielleicht hätten sie das auch gedacht, wenn da nicht dieses leise Weinen gewesen wäre.
Sofort war Cato von ihr runter. Beide richteten sich auf und sie standen kurz still, während sie weiterhin lauschten. Clove sah ihn an und in dem schwindenden Sonnenlicht sah sie die Zustimmung in seinen Augen. Ja, lass uns gehen.
Sie bewegten sich leise, aber zügig in Richtung des Geräusches. Es war nicht weit von ihnen entfernt gewesen, aber sie konnten niemanden sehen. Die Stimme hatte nach einem Mädchen geklungen. Also wo war sie? Sie erstarrten, als sie noch einmal das Rascheln von Zweigen hörten. Unsicher schaute Clove in die Baumkronen.
Hätte sie geblinzelt hätte sie es nicht gesehen. Aber das tat sie nicht. Daher sah sie die schwachen Umrisse eines menschlichen Körpers, der von Baum zu Baum sprang und in den Blättern verschwand. Einen Moment lang fragte sie sich, ob das eine Mutation sein könnte. Die Spielemacher waren bekannt dafür, dass sie sie mit in die Arena warfen, doch normalerweise liefen sie nicht ziellos umher, sondern griffen an.
Und dann erinnerte sie sich. Sie dachte an den Tag, an dem sie versucht hatten Thresh zu rekrutieren, als der Junge seine Axt niedergelegt hatte, da er von einem lächelnden kleinen Mädchen gerufen wurde …
Ja, Clove konnte sie jetzt fast erkennen. Durch die Blätter konnte sie ihre braune Haut sehen. Cato musste ebenfalls bemerkt haben, dass etwas in den Bäumen war, aber er sah nicht in die richtige Richtung. Das Mädchen beobachtete sie. Clove lächelte, machte aber keine weiteren Bewegungen in ihre Richtung.
Cato stand jetzt hinter ihr und sah, was sie sah. Das Licht wurde schwächer. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit.
So schnell wie ein fliegender Vogel bewegte sich das Mädchen zum nächsten Baum. Clove wusste das nur durch die Art und Weise wie die Zweige sich bewegten. Sie und Cato folgten ihr, während sie schneller und schneller von Baum zu Baum sprang. Clove bemerkte eine große Lücke in der Baumkrone und hoffte, dass das Mädchen zu Boden fallen würde. Stattdessen sah sie, wie ihr winziger Körper durch die Luft schwebte. Sie beschleunigte ihren Schritt, bis die Äste aufhörten zu rascheln.
Sie waren direkt unter ihr, da war Clove sich sicher. Sie konnte keinen der umliegenden Äste sich durch den schlanken Körpers des Mädchens bewegen sehen. Doch wo war sie? Clove legte den Kopf schief und spürte die inzwischen kalte Luft an ihren Zähnen, als sie grinste.
„Wieso kommst du nicht zum Spielen runter?", rief sie ihr zu. „Wir beißen nicht."
Immer noch keine Bewegung. Der Himmel war inzwischen lavendelblau und die Sonne sank schnell. Clove suchte immer noch die Äste ab.
„Es wird furchtbar kalt. Frierst du da oben nicht? Wir haben viele Jacken und Decken, weißt du", sagte sie. „Wir könnten dich warm halten." Sie bemerkte kaum, dass ihre Stimme beinahe einem Knurren glich. Aber es war ihr egal. Sie wollte das kleine Mädchen.
Cato, der neben ihr seinen Hals reckte, flüsterte plötzlich: „Da bist du also."
Jetzt sah Clove sie auch, lediglich zwei weitaufgerissene Augen, die im trüben Sonnenlicht beinahe weiß leuchteten. Ein Paar dunkler Finger trennte die Blätter. Wenn das Mädchen nur etwas weiter unten wäre, dann könnte Clove sie erwischen. Doch sie war so weit oben, dass ihre Messer sie nicht erreichen konnten. Frustriert versuchte sie es trotzdem und die Waffe drang zwar weit oben in den Stamm ein, jedoch nicht nah genug in der Nähe des Mädchens.
Einen Moment später raschelten die Blätter erneut und sie hüpfte wieder weg.
Clove wollte ihr hinterher, aber Cato packte sie am Arm. „Wir werden sie schon noch früh genug kriegen", sagte er mit einem bösen Grinsen, während er in die Bäume starrte, in denen das kleine Mädchen verschwand.
Wir. Clove dachte über dieses Wort nach. Sie hatte bereits die Entscheidung getroffen sich Cato für den Schluss aufzuheben, denn sein Tod verdiente Mühe und Zeit. Er würde langsam sein, doch sie würde ihn spektakulär machen, wundervoll. Sie würde ihn mit ein paar Messern bezwingen und ihn dann zerschneiden, bis nicht mehr ein Stück weiche Haut übrig war. Anfangen würde sie mit seinem Gesicht. Genauer gesagt mit seinen Augen.
Doch was war bis dahin? Er war ihr Distriktpartner. Und während sie kaum sagen konnte, dass sie ihm vertraute, so vertraute sie ihm um einiges mehr, als den anderen. Vielleicht war Vertrauen nicht das richtige Wort. Aber was war es dann? Wir. Dieses Wort wiederholte sich immer wieder. Wir. Es schien irgendwie etwas mit dem Lächeln zu tun zu haben, das er jetzt trug, da er an das Blut des kleinen Mädchens dachte, genauso wie sie es tun würde, wenn sie nicht damit beschäftigt wäre die Bedeutung von Wir zu verstehen.
Das blaue Licht des Himmels erlag dem Violet, doch auch im Dunkeln blieben seine Augen hell. Sie starrte sie an und versuchte die Bedeutung dieses einzelnen Wortes zu verstehen, dass sie einfach nicht erklären konnte. Aber es brachte nichts. Das einzige, was sie wusste, war, dass sie sich eindeutig besser verstanden, als die anderen und das Cato anscheinend bereits entschieden hatte, dass es ein „Wir" gab. Von daher sah sie im Moment keinen Grund ihm zu widersprechen.
Sie bemerkte kaum, dass diese hellen Augen sie ebenfalls anstarrten.
Plötzlich ertönte die Hymne und ersetzte das Zirpen der Käfer und das Rascheln der Blätter. Die Gesichter der Toten erschienen am Nachthimmel – ihrer Toten. Das erste das erschien war das Mädchen aus Drei, das sie durch die Blätter der Bäume anstarrte. Als nächstes kam der dumm grinsende Fischkopf, mit seinen weit aufgerissenen braunen Augen und seinem platten dunklem Haar. Wieder einmal wurde sie an Panem erinnert, das jetzt zusah. In diesem Moment wiederholten sie jeden einzelnen Tod und fügten vielleicht weitere Kommentare hinzu.
Das Mädchen aus Sieben erschien, nur dass ihr Gesicht immer noch eben und unzerkratzt war. Ihr Distrikt würde in diesem Moment sehen, wie Clove ihr Messer in die Haut unter ihrem Auge grub und über ihre Stirn. Clove lächelte für sie.
Als der Junge aus Acht erschien führte Cato seine Hand zu Cloves Wange und streifte mit seinem Daumen unter ihrem Auge entlang. Sie fragte sich für einen Moment weshalb. Doch dann sah sie im Himmel das Gesicht, das zu jenem Kopf gehörte, den sie vom Hals von dem Jungen rollen gesehen hatte, der sie mit seinem Blut begossen hatte. Blut, das sie noch nicht vollständig von ihrem Gesicht abgewaschen hatte.
Sie sah die anderen – der Junge aus Neun, das Mädchen aus Zehn. Ihre Augen schienen auf sie gerichtet zu sein. Sie waren tot, weil sie schwach genug gewesen waren zuzulassen, dass sie sie tötete. Und jetzt konnten sie sie aufrecht und lebendig sehen. Zu ihren Füßen könnte sie ihre weißen Hände sehen, wie sie aus der Erde heraus nach ihr griffen. Sie griffen nach ihren Knöcheln, sie krallten sich an ihre Beine, doch sie konnten nichts tun. Ihre Geister waren wutentbrannt, als sie sich aus der Erde erhoben, um sie zornig anzustarren. Sie wollten ihren Tod. Was könnt ihr mir schon anhaben, Geister?, spottete sie.
Als die Hymne endete hörte sie ein wildes Lachen und bemerkte dann, dass es ihr eigenes war. Sie war am Leben und sie waren tot, tot, tot. Und sie konnten nichts dagegen tun. Werdet ihr mich heimsuchen?, fragte sie sie und hoffte, dass sie es taten. Sie wollte, dass sie sie für den Rest ihres Lebens heimsuchten. Ihr Lachen wurde unkontrollierbar.
Für Cato machte sie eine kurze Drehung und für die umstehenden Bäume machte sie einen Knicks. „Mein aufrichtiges Beileid an die Distrikte Sieben, Neun und Zehn!", rief sie und salutierte in typischer Distrikt-Zwei-Manier. „Gesegnet seien all diejenigen, die sich von ihren Verlusten erholen müssen."
Dann ertönte Catos lautes Gelächter. Sie waren beide hysterisch, stampften mit den Füßen auf den Boden, Tränen rollten ihnen aus den Augen. Cato hielt sich den Bauch. Clove rang um Atem bei jeder Welle ihres unerträglichen Lachens.
Ich bin am Leben und du bist tot.
Clove war nicht sicher wie lange sie dort draußen blieben. Es könnten Sekunden gewesen sein. Es könnten Stunden gewesen sein.
Als ihr Lachen endete, streckte sie ihre Hand aus, um seinen Hals zu berühren. Er berührte das Blut auf ihrer Wange, rieb hart darüber, um es über ihre Lippen zu schmieren, was sie ableckte, als er dies tat.
Es könnten Ewigkeiten gewesen sein.
Clove erreichte das Feuer, das die anderen in der Nähe des Füllhorns entzündet hatten. Ihre Schulter streifte Catos Arm, während sie gingen. Augenblicklich kam Marvel auf sie zu. Das Feuer warf dunkle Schatten auf seine hohlen Wangen und Ärger spiegelte sich auf der Furche seiner Augenbrauen.
„Wo zur Hölle wart ihr zwei?", fragte er, seine tiefblauen Augen zu Schlitzen verengt. „Wir warten hier schon weiß Gott wie lange."
Catos Lippen entblößten seine Zähne, als er auf ihn zuschritt und mit seiner Schulter heftig gegen seine stieß, und für einen kurzen Moment stehen blieb, um mit gedämpfter Stimme zu sagen: „Ich glaube, ich müsste hier derjenige sein, der die Fragen stellt."
Zornesröte legte sich auf Marvels Wangen und seine dünneren, aber immer noch muskulöseren Arme spannten sich an, als er seinen Kopf zu Cato neigte. Clove hätte an ihm vorbeigehen können, aber sie wollte den seltenen Anblick der Wut genießen, den der sonst so gleichgültige und luxuriöse Tribut zu Schau stellte.
„Sind wir etwa ein wenig gereizt, Marvel?", fragte sie. Seine Nasenlöcher zuckten.
„Natürlich nicht. Wir sind Verbündete. Sind wir doch, du süßer kleiner Kobold?", fragte er leise, aber laut genug, dass sie es hören konnte und der Rest von Panem nicht.
Sie lächelte nur und sagte nichts weiter. Fürs Erste, dachte sie. Fürs Erste.
Die anderen machten sich fertig. Glimmer trug einen Köcher mit Pfeilen und der Bogen hing über ihrem Rücken. Loverboy steckte Messer in seinen Gürtel und trug einen Rucksack über seiner Schulter. Marina hatte einen Arm voll mit Netzspulen, als sie eine Fackel an ihrem Feuer entzündete.
Cato warf dem Jungen aus Drei einen Speer in die Arme, der nun völlig erschöpft auf einem Stuhl am Feuer saß. „Du bleibst und hältst hier bis zum Morgen Wache. Dann machst du mit den Bomben weiter. Die Hälfte davon ist besser fertig, wenn ich zurückkomme."
Dann wandte er sich an Glimmer und befahl, „Mach das Feuer aus. Wir können nichts gebrauchen, dass die anderen Tribute anlockt."
Clove verstaute einen Satz Messer in den Schlitzen ihrer Jacke. Das Gewicht zog sie ein wenig runter, doch das war es wert. Sie achtete darauf, dass sie festsaßen und nicht herausfallen konnten, falls sie jemandem hinterherjagen sollte.
Dann zogen sie alle in die Nacht hinaus. Cato hatte Clove eine von den Nachtsichtbrillen zugeworfen, mit denen man im Dunkeln sehen konnte, als wäre es Tag. Sie achtete darauf hin und wieder in den Baumkronen nachzusehen.
Während sie gingen bemerkte sie, dass Marina an verschiedenen Stellen Netze aufstellte. „Einige sind aus Draht", sagte sie grimmig. „Sie werden also weh tun, wenn sie jemanden fangen. Hoffentlich hören wir ihre Schreie, bevor sie herauskriegen, wie man sich daraus befreit."
Ihre Suche war für den Großteil der Nacht erfolglos. Sie folgten Geräuschen, von denen einer glaubte, er hätte sie gehört und fanden jedoch nichts. So ging es mehrere Male und irgendwann meinte Loverboy, sie wären bereits sechs Kilometer gegangen.
Sie beschlossen eine Pause zu machen. Marina ließ sich auf die weiche Erde fallen und schien sich nicht an dem Dreck zu stören, der sich in ihrem Haar verfing. Glimmer sah sie an, als wäre sie ein Käfer. Marvel lehnte sich mit verschränkten Armen gegen einen Baum und analysierte den Himmel. Loverboy wirkte interessanterweise nervös, was Clove misstrauisch machte.
Sie vertraute ihm nicht.
Loverboy war ein passender Name für ihn – seine runden Augen, die sanften Gesichtszüge und das lockige goldene Haar ließen ihn aussehen wie einen verzweifelten Romantiker. Oder sie waren die perfekte Deckung für einen gefährlichen lässigen Schwätzer. Er sprach auf eine Weise, die seine Vorschläge in Befehle verwandelte und war somit in der Lage die Menschen um ihn herum leicht zu manipulieren. Die anderen, sogar Cato, waren dem bereits zum Opfer geworden. Clove musste aufpassen, dass ihr das nicht auch passierte.
„Das ist lächerlich", jammerte Glimmer. „Die Arena ist zu groß. Wie groß sind die Chancen, dass einer von ihnen hier plötzlich auftaucht?"
„Wir haben das kleine Mädchen gesehen", sagte Clove.
„Und ihr habt sie nicht getötet?", fragte Marvel mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen.
„Konnten wir nicht", schnappte Cato. „Sie sprang in den Bäumen herum wie ein verdammtes Eichhörnchen."
„Zu schade, dass ich nicht da war", sagte Glimmer, während sie an der Schnur ihres Bogens zupfte.
Daraufhin spottete Marina von dem Stein herab, auf dem sie saß. „Bitte", lachte sie. „Am Ende hättest du einen von ihnen erschossen, geschweige denn das Mädchen."
Marvel schnaubte bei ihren Worten.
Wenn sie so mit Clove gesprochen hätte, hätte sie die Seeschnecke sofort zu Boden gerissen.
Doch Glimmer blieb stattdessen starr wie eine Statue in den Schatten, die zu Leben erwachte, als sie ins Mondlicht trat. Ihre Lippen, die nun ihre rote Farbe verloren hatten, grinsten und ihre goldenen Augenbrauen waren hochgezogen, während sie wie eine Katze zu dem Mädchen schlich, dass immer noch lachend auf ihrem Stein saß. Angespannt dachte Clove, dass Glimmer sie schlagen oder erstechen würde. Marina tat plötzlich das gleiche.
Doch stattdessen steckte Glimmer liebevoll eine Locke hinter das Ohr des Mädchens. „Oh, du bist süß", gurrte sie beinahe. Marina wirkte ziemlich verwirrt, wenn nicht sogar sprachlos. Glimmer benutzte dann einen Finger, um das Kinn des Mädchens anzuheben, sodass sich ihre Nasen beinahe berührten, als sie sprach: „Aber mich zu unterschätzen wäre deinerseits ein sehr dummer Fehler."
Clove erinnerte sich wieder an die Rollen, die sie alle spielten. Cato, der Anführer, Marvel, der Vermittler, Zwölf, der Loverboy, oder vielleicht der Lügner – sie realisierte, welche Glimmer spielte. Am Anfang hatte sie angenommen, dass sie nur die Schöne war und das wäre passend gewesen, denn unter dem überirdischen Silberlicht war sie eine der schönsten Personen, die Clove jemals gesehen hatte. Aber nein, Glimmers Rolle war viel mehr. Es war die Art wie sie lächelte und die kleinen subtilen Bemerkungen, die sie machte, um, wer auch immer es zu dieser Zeit sein mochte, zu verärgern. Das hatte sie bei Clove gemacht und sie hatte auch schon gesehen, wie sie das schon einmal bei Marvel gemacht hatte. Im Trainingscenter war sie oft an ihm vorbeistolziert, fuhr mit einem Finger über seine Brust, breit grinsend, weil sie wusste, dass sie ihn damit wütend machte.
Dann würde sie darauf warten, wie sich die Muskeln verspannten oder das Gesicht rot wurde und sie würde davon tänzeln. Das war ihre Strategie, wie Clove nun verstand. Sie sorgte dafür, dass diejenigen um sie herum die Nerven verloren. Sie beobachtete, wie genau dies bei Marina geschah, als sie ihre Lippen aufeinander presste und die Augen zu Schlitzen verengte, während Glimmer – natürlich – davon stolzierte.
Das war das Spiel, das Glimmer spielte. Die Anstifterin.
Sie stieß Marvel mit dem Ellenbogen gegen die harte Brust, als sie an ihm vorbeiging. „Und du, lach nicht zu doll, sonst werd ich's dir zeigen", sagte sie.
Marvels Gesicht blieb völlig unbeeindruckt. „Bitte, Kleine, bring mich nicht in Versuchung", sagte er.
Während sie Glimmer dabei zusah, wie sie ihn höhnisch anlächelte, fragte Clove sich, welche Rolle sie selbst spielte.
Dann stand Cato blitzschnell auf und zeigte auf den Himmel. Clove versuchte zu erkennen, worauf er zeigte, und sie musste sich mehrmals umschauen, bis sie es fand. Doch als sie das tat lächelte sie, genauso wie Cato während er sprach: „Feuer."
Sie brauchten lange, um der Rauchwolke zu folgen. Als es sich näherte und größer wurde begann der Himmel heller zu werden und signalisierte den dämmernden Morgengrauen. Schließlich konnten sie sie sehen. Es war ein Mädchen, das neben dem Feuer saß, beinahe schlafend.
Sie begannen zu rennen und jeder versuchte zuerst bei ihr zu sein.
Das Mädchen wachte nur einige Sekunden zu spät auf. Sie schrie wie verrückt, als Cato sie am Kragen ihres Shirts hochzerrte. „Bitte!", flehte sie. Clove lächelte, die eine andere Stimme hörte, die verzweifelt das gleiche Wort schrie.
Cato griff nach den Armen des Mädchens und zerrte sie so heftig auf ihren Rücken, dass Clove ihre Knochen brechen hören konnte. Dicke Tränen liefen augenblicklich über ihre pummeligen Wangen. „Bitte!", wiederholte sie, nur dass ihre Stimme nun beinahe einem Kreischen glich. Mit verzweifelten aufgerissen Augen starrte sie sie der Reihe nach an. „Bitte! Tötet mich nicht! Bitte, bitte!"
„Wem gehört sie?", fragte Glimmer, sie ignorierend. Cato sah nur zu Clove, mit einem boshaften Grinsen. „Ich schulde dir einen", sagte er zu ihr.
Und dann, als sich alle Köpfe zu ihr drehten und ihr den Weg zu Cato frei machten, der das Mädchen festhielt, und als das Mädchen beim Anblick von Clove, die ein Messer auswählte und es an ihrem Shirt abwischte hysterisch begann zu schluchzen, kam Clove zurück zu ihrer vorherigen Frage, wer sie war, in diesem Spiel, das sie spielten. Es war so offensichtlich – sie wusste nicht, wie sie es am Anfang nicht sehen konnte.
Die Mörderin.
Clove ging auf das Mädchen zu und trat mit ihren beiden Füßen hart auf ihre Zehen, was sie dazu brachte aufzuschreien. Ihr Gesicht war fast lila, als sie ihren Mund weit öffnete und schluchzte. „Bitte!", bettelte sie erneut, verzweifelt. „Bitte! Bitte tötet mich nicht! Ich will leben! Ich will leben!"
Clove lächelte und wischte eine Spur Schnodder von der Nase des Mädchens. „Warum sollte ich dich nicht töten?", flüsterte sie.
„Ich will nicht sterben!", schrie sie. „Ich bin zu jung! Bitte–"
Ihre Schluchzer wurden immer heftiger. Clove blickte spielerisch zu Cato, der immer noch hinter dem Mädchen stand, und sie zwischen ihnen gefangen hielt. „Oh, Cato", hauchte sie. „Sie will nicht, dass wir sie töten."
Catos Augen brannten nur voller Erwartung. Clove konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. Sie hatte sie schon einmal im Trainingscenter gesehen – sie kam aus Distrikt Acht. Sie war die Traurige, diejenige, die immer weinte. Es war keine Überraschung, dass sie auch weinend sterben würde.
„Bitte! Ich will nicht sterben!", wiederholte Acht mit heiserer Stimme.
„Tja, das ist zu schade für dich", sagte Clove. „Denn ich will nicht, dass du lebst."
Und dann drängte sie ihr Messer heftig in den Magen des Mädchens und beschloss sich mit ihr nicht zu sehr zu vergnügen. Ihre Schreie retteten sie vor der Folter – sie wurden zu unangenehm, selbst für Clove, die festgestellt hatte, dass sie schreiende Opfer liebte. Aber das machte ihr nichts aus. Das Fleisch des Mädchens war weich und in der Stille der Nacht hörte sie das schwache Reißen ihrer Organe. Sie beschloss hochzuschlitzen, statt hinab und traf auf einen Knochen.
Dann zog sie die nun tiefrote Klinge heraus und wich zurück. Cato tat das selbe.
Das Mädchen glitt zu Boden, ihr Blut ergoss sich auf der Erde und färbte sie dunkelrot.
