„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn,
dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein."

(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 146)

11. Die Plage der Toten

Clove starrte auf Achts leblosen Körper.

Die Aufregung, die sie empfand, als sie das Mädchen tötete, war überwältigend gewesen. Doch sie verschwand beinahe genauso schnell, wie sie erschienen war; besonders angesichts der unglaublichen Todesqualen die sie mit ihren Schreien entließ. Wieso? Ihr Tod war weder langsam, noch lang, aber er war brutal gewesen. Und doch stand Clove dort, hielt immer noch das Messer, rot vom Blut des Mädchens, und sie empfand nichts, außer dem Loch, das der Rausch in ihrer Brust hinterlassen hatte, als er verflog. Sie versuchte kleine Details mit der Leiche zu verknüpfen, die vor ihr ausgestreckt lag, mit dem, was sie gerade getan hatte; der Blutstropfen, der an den blassen Lippen des Mädchens entlanglief, das raue Fleisch ihres Bauches, dessen Öffnung eine dunkle graublaue Wulst offenlegte, dessen Kopf aus der zerrissenen Haut herausragte – vielleicht ihre Leber oder ihre Speiseröhre. Aber nichts davon half. Sie hätte auf einen Felsen starren können. Sie fühlte sich leer, hohl, einfach nichts. Nichts! Wieso fühlte sie nichts?

Um sie herum jubelten die anderen. Ein weiterer toter Tribut bedeutete, dass sie alle einen Schritt näher dran waren die Spiele zu gewinnen. Allerdings konnte Clove immer noch nicht behaupten, sich für das Gewinnen zu interessieren, trotz dessen, was sie zu Lyme gesagt hatte – alles, was sie interessierte, waren ihre Morde. Nur dass sie anfingen sie immer weniger zu befriedigen und bisher hatte sie erst vier getötet. Frustration stieg plötzlich in ihrem Magen auf, bei dem Gedanken daran, dass sie die ganze Zeit über gewartet hatte und doch hielt das Gefühl während des Mordens bei weitem nicht so lange an, wie sie erwartet hatte. Wenn es passierte, dann passierte es und wenn das Opfer starb, dann war es vorbei.

Vielleicht musste sie die Dauer der Zeit, die sie bekamen, um am Leben zu bleiben, verlängern. Vielleicht sollte sie den nächsten nicht so schnell erledigen.

Aber letztendlich wirst du auch nichts fühlen, sagte eine Stimme.

Wütend verdrängte ein anderer Teil von ihr die Stimme aus ihren Gedanken. Sie wollte nicht darüber nachdenken; die Möglichkeit, dass sie, egal wie viel Blut sie vergoss, egal wie viel sie zerstörte, am Ende immer noch komplett leer wäre. Sie hatte nicht all die Jahre darauf gewartet, um zu diesem Ergebnis zu kommen.

Catos lautes Jubeln und sein raues Gelächter, was schmerzhaft in ihren Ohren klingelte, regte sie nur noch mehr auf. Sie wollte nichts sehnlicher, als ihn zu schlagen, bis Glimmer rief: „Zwölf erledigt und nur noch elf übrig!" Ihre Zähne schimmerten weiß, als sie lächelte. Dies sorgte für eine weitere Runde Jubeln. Clove ballte ihre Fäuste.

Die einzigen, die nicht jubelten, waren Loverboy und Marvel; Loverboy schien auf seine Wunde am Arm übertrieben fokussiert zu sein, während Marvel, so desinteressiert und überheblich wie immer, nur leicht angeekelt aussah, als er das Ende seines Speers benutzte, um damit gegen die fleischige Ausbuchtung aus dem geöffneten Bauch des Mädchens zu stoßen.

„Widerlich", schnaubte er. Dann benutzte er die Waffe, um das abgelegte Bündel des Mädchens anzuheben, damit er sich nicht selbst in die Nähe des Körpers bücken musste. Mit gerümpfter Nase durchstöberte er die Sachen. „Eine Rolle Bandagen, einige Streichhölzer –

die haben ihr offensichtlich keinen Gefallen getan", meinte er und schmunzelte.

„Nichts brauchbares", verkündete Marvel, während er das Bündel ziellos zu Boden warf und es unabsichtlich gegen das leblose Gesicht des Mädchens schleuderte.

„Lasst uns lieber abhauen, damit sie die Leiche holen können, bevor sie anfängt zu stinken", spöttelte Cato.

Die anderen begannen loszugehen, aber Clove nutzte den Moment um zurückzubleiben und der Leiche eine letzte Chance zu geben, irgendwelche Emotionen in ihr zu wecken. Doch das einzige, was sie zu tun schien, war vor ihrem geistigen Auge ein Bild von dem Loch hervor zu zerren, das Cato in ihre Wand geschlagen hatte, in der Nacht in der die Trainingsergebnisse verkündet wurden. Aus irgendeinem Grund löste dies eine unglaubliche Welle von Angst aus, dicht gefolgt von Irritation.

Sie schnaubte, woraufhin in der Kälte eine Wolke aus Nebel ihren Mund verließ. Dann stampfte sie davon, der flackernden orangen Flamme von Catos Fackel hinterher, weil sie nicht länger vergeblich das glotzende, dumme Gesicht des toten Mädchens erforschen wollte.

Der Wald war jetzt in das mystische blaue Licht der nahenden Morgendämmerung getaucht. Sie marschierten an Bäumen mit weißer Rinde und ein paar vorbeihuschenden Kaninchen vorbei, doch als sie sich einer Ansammlung dicker Stämme näherten fragte Glimmer: „Hätten wir nicht inzwischen eine Kanone hören müssen?"

„Eigentlich schon", sagte Marvel, der sich duckte, um einem niedrig hängenden Ast auszuweichen. „Nichts hindert sie daran sofort loszugehen."

Glimmer blickte über ihre Schulter und ihre smaragdgrünen Augen legten sich auf Clove. „Es sei denn sie ist nicht tot", grinste Glimmer.

Clove biss die Zähne aufeinander, da sie ihre Aussage als Beleidigung ihrer Fähigkeiten ansah. Sie war ein professioneller Killer und offensichtlich erfahrener als Glimmer, was sich nicht nur durch ihre Zehn, sondern auch durch bloße Beobachtung zeigte. Dass sie die Frechheit besaß, etwas anderes anzudeuten. Das reizte sie nur noch mehr.

„Sie ist tot. Ich habe sie erstochen", schnauzte sie.

Marvel verlangsamte sein Tempo und schaute nun zurück. „Jemand sollte zurückgehen. Sich vergewissern, dass es erledigt ist", sagte er. Bei seinen Worten begannen die anderen das gleiche zu tun.

„Jah, nicht dass wir sie zweimal ausfindig machen müssen", stimmte Marina ihm zu.

Clove schürzte ihre Lippen. „Ich sagte sie ist tot!", rief sie. Sie blieb ganz hinten in der Gruppe stehen und starrte sie alle finster an. Sie wusste wie man tötete. Sie hatte das Mädchen an den Rippen erwischt und genug ihrer Innereien zerschnitten. Sie war tot.

„Wo bleibt dann die Kanone?", neckte Glimmer. Ihr spöttisches Lächeln war nicht zu ertragen. Sofort schoss Clove das Blut ins Gesicht und die Farben ihrer Sicht verließen das trübe Blau des umliegenden Waldes.

„Offensichtlich ist sie nicht tot, wenn es keine Kanone gibt", seufzte Marvel aus der Nähe seiner Partnerin, doch Clove konnte nur Glimmers Lächeln sehen. Dieses herablassende, aufgeblasene Lächeln, dass nur dafür da war, dass ein Messer direkt durch seine Lippen und runter in die Kehle drang, die sie verbarg.

„Ertönen Kanonen sobald sie gestorben sind?", kam Marinas Stimme aus einer anderen Richtung.

„Ich bin nicht sicher. Wir können es jedoch herausfinden", fauchte Clove, während ihre Hand runter in ihre Jacke wanderte, um ein Messer hervorzuziehen. Sie brauchte ein schweres, eins, das lang genug war, um sich durch den Berg an Arroganz zu schneiden, den Glimmer hinter diesem nun angespannten Gesicht verbarg. Sie machte den Anschein als würde sie etwas erwidern wollen, als sich Loverboy plötzlich zu Wort meldete.

„Wir vergeuden Zeit", rief er. Seine Stimme war voller Frustration. „Ich werde gehen und sie erledigen, damit wir weiter können!"

Clove wandte sich ihm zu. Sie wollte zum letzten Mal brüllen, dass das Mädchen tot war, und selbst wenn sie es nicht wäre, dann würde sie ohnehin verbluten. Doch stattdessen sagte Cato, der lediglich amüsiert aussah: „Na dann geh, Loverboy. Überzeug dich selbst."

Als Loverboy an ihr vorbeiging fühlte sie die aufkommende Wut bei seiner unmittelbaren Nähe. Er dachte wirklich er wäre so verdammt großzügig, nicht wahr? Sie wurde es langsam leid. Sobald das Licht seiner Fackel außer Sichtweite war zischte sie leise: „Warum töten wir ihn nicht einfach jetzt und bringen es hinter uns?"

„Lasst ihn mitkommen", flüsterte Marina und fügte dann schnell hinzu: „Was kann es denn schaden? Er kann gut mit dem Messer umgehen."

Für einen Moment wusste Clove nicht, wovon sie sprach. Aber dann erinnerte sie sich daran, wie Marina nach dem Kampf am Füllhorn einen schlaffen Körper von Loverboy weggezogen hatte.

„Außerdem ist er unsere größte Chance sie zu finden", sagte Cato und ein dunkles Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus und er schien sich von ihnen zu entfernen, gefangen in einer Fantasie, von der Clove wusste, dass er in ihr Katniss tötete. Jedoch hatte er recht. Egal wie anstrengend die Versuchung auch sein mochte, sie konnten Loverboy nicht umbringen, zumindest nicht bis sie das Mädchen fanden. Sogar wenn sie sie nicht fanden, vielleicht würde sie sie finden und sie wurde von ihm angelockt.

Marina verschränkte ihre Arme bei Catos Worten. „Wieso?", fragte sie verärgert. „Denkst du sie hat ihm diese kitschige Liebeserklärung abgekauft?"

Ihre geschürzten Lippen schienen etwas zu sagen, was ihre Worte nicht taten.

„Vielleicht hat sie das", sagte Marvel. „Jedes mal, wenn ich daran denke, wie sie sich in diesem Kleid im Kreis gedreht hat, möchte ich mich übergeben."

„Ich wünschte wir wüssten, wie sie die Elf gekriegt hat", sagte Glimmer. Sie musterte Clove für einen Moment, bevor sie ihren Blick wieder zu den anderen wandern ließ.

„Ich wette, Loverboy weiß es", grinste Cato. Dabei waren seine Mundwinkel so scharf wie Klingen.


Der Morgenwind übertrug ihre Stimme, die frostige Kälte brannte nahezu auf Peetas Wangen, als er sich ihrem nun sterbendem Körper näherte.

Meine Mutter und ich fertigen Kleider. Wir arbeiten zusammen. Wir können uns wirklich aufeinander verlassen – was Zubehör und Talent angeht, meine ich. Mein Talent liegt mehr im Abnähen und der Stickarbeit. Ihres darin Muster zu kreieren. Ich könnte niemals die Muster so kreieren, wie sie."

Dasselbe Mädchen, das Peeta gerade dabei beobachtet hatte, wie es von Clove verstümmelt wurde, hatte genau das zu Caeser Flickerman nur zwei Nächte zuvor gesagt, während sie unter dem harten Lichts des Kapitols nervös mit einer verirrten Haarlocke spielte. Peeta hatte ihrem Interview besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt – vielleicht weil er eine besondere Schwäche für hübsche Gesichter besaß. Er konnte sich daran erinnern, wie strahlend sie in dieser Nacht ausgesehen hatte. Der weiche blaue Tüll ihres Kleides passte gut zu ihrem sonnigen Haar (in ihrem Interview konnte sie Caeser fast alles über das Kleid, das sie trug, erzählen, als hätte sie es selbst hergestellt). Er konnte sich auch noch daran erinnern, wie sie versucht hatte ihre Stimme ruhig zu halten, während sie von ihrer Mutter sprach – der Mutter, die sich auf sie verließ, der Mutter, auf die sie sich verließ; und er war nicht so dumm zu denken, dass es nur um das Zubehör und das Talent ging. Vielleicht war es das Kapitol, aber er war es nicht.

Nun lag sie auf dem Boden, natürlich mit dem Gesicht nach oben, sodass alle sehen konnten, wie sie verblutete; das Kapitol, ihr Distrikt und ihre Mutter.

Je näher er kam, desto mehr wurde ihm klar, wie lebendig sie noch war. Dieses Mädchen musste entweder unter Schock oder nur stillgehalten haben, als Clove auf sie hinab gestarrt hatte. Denn nun konnte er sehen wie sie zitterte, wie ihre Hände kleine Bewegungen machten, um das Blut und die Muskeln zu berühren, die aus ihrem Bauch drangen. Ein kleiner Käfer machte sich auf den Weg zu ihrer offenen Wunde und kam dem, was auch immer es für ein Gewebe sein mochte, das unterhalb des verstümmelten roten Fleisches herausragte, sehr nahe.

Peeta atmete tief ein und schloss seine Augen, um sich zu beruhigen.

Sanft, als ob eine plötzliche Bewegung ihr noch mehr Schmerzen bereiten würden, kniete er sich neben sie. Ihr Gesicht war ausdruckslos, ihre Augen abwesend, wie sie hinauf ins Nichts starrten. Aber sie war immer noch am Leben. Ihre Atemzüge gingen schnell und hart. Ohne groß auf das geronnene Blut unterhalb ihrer Brust zu achten, zupfte er den Käfer weg.

Er konnte sich an viele Dinge aus dem Interview dieses Mädchens erinnern, jedoch nicht an ihren Namen. Es war irgendetwas anmutiges, womöglich Ella oder vielleicht Anna. Aber er konnte sich einfach nicht erinnern. Er hasste sich dafür, dass er ihn vergessen hatte.

Peeta wusste dass er sich nicht zu viel Zeit lassen konnte; die anderen warteten und er würde es nicht ertragen können, noch mehr darüber nachzudenken, wie das Leben dieses Mädchens hätte sein können, wenn sie ihr Zuhause niemals verlassen hätte; wenn sie niemals ihre Nähnadeln und die vielen Blumen zurückgelassen hätte, die auf ihrer Fensterbank standen – im Sommer meistens Gänseblümchen, im Frühling manchmal Lilien – oder wenn sie niemals ihre Mutter verlassen hätte.

Allerdings gab es einige Dinge, die er zu sagen hatte. Das Wichtigste kam zuerst.

„Es tut mir leid, dass das passiert ist", flüsterte er, als er ihre Wange berührte. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn hören konnte. Auch wenn sie es nicht konnte, war dies nicht nur für sie. Dies war für die Spielemacher, weil er wusste, dass zumindest sie zusahen. Dies würde es nie bis zum Rest von Panem schaffen oder zu irgendjemanden, der dieses Mädchen daheim in Acht kannte. Aber er wollte, dass sie ihn hörten, sie sahen und sahen, was sie getan hatten.

„Es tut mir leid, dass ich zugelassen habe, dass sie dir das antut. Es tut mir leid–" Sein Atem stockte plötzlich. Er atmete tief ein und plötzlich überkam ihn Wut. Diese Wut galt nicht Clove; auch wenn sie die ganze Zeit über das wahre Monster war. Er hatte gedacht, es wäre Cato, jedoch war es die Aggression des Jungen, die ihn gegenüber der wahren Natur seiner Distriktpartnerin blind machte, der es nichts ausmachte dafür zu sorgen, dass alle zusahen, wenn sie tötete, und nicht das Bedürfnis dafür verspürte, sie daran zu erinnern, wie gefährlich sie war, denn ihre Motivation zu Töten war nichts anderes als ihre eigene Vollendung. Dieses Mädchen war geisteskrank, Peeta konnte es in ihren Augen sehen. Er hasste sie und er fürchtete sie – aber er bemitleidete sie auch. Sie war krank.

Allerdings war sie nicht diejenige, die sie alle hierhergebracht hatte und sie dazu zwang sich gegenseitig umzubringen.

Seine Gedanken verstummten sofort, als Achts kalte Hand seine eigene berührte. Vielleicht hörte sie zu, vielleicht verstand sie. Noch nie in seinem Leben zuvor war die Welt je so still gewesen. Für einen Moment sagte er sein eigenes stummes Aufwiedersehen, indem er sich hinab beugte und die Stirn des Mädchens küsste.

Dann drückte er ihre Nase und ihren Mund zu. Zuerst wehrte sie sich, doch dann hörten ihre schwachen Bewegungen auf und signalisierten ihren Tod. Sie war die erste Person, die er jemals getötet hatte und wenn er es schaffen sollte sich hier durchzukämpfen, würde sie die einzige sein.

Er ging davon, ohne ihre Augen zu schließen, denn er wollte, dass die Nation die Frage sah, sie sie sogar noch im Tod stellten.

„War sie tot?", fragte Cato, der ganz verträumt aussah, als er sich ihnen näherte. Peeta setzte einen gleichgültigen Gesichtsausdruck auf.

„Nein, aber jetzt ist sie es", antwortete er. Darauf folgte der harte Knall der Kanone.

Peeta hätte schwören können, dass er lauter war, als üblich.


Cato knirschte immer noch mit den Zähnen, auch noch lange, nachdem sie zum Füllhorn zurückgekehrt waren.

Der komplette Tag war vorüber und sie hatten niemanden gefunden, nicht einen einzigen Tribut. Die unbefriedigte Erwartung machte ihn wütend und ungeduldig – er brauchte eine Entladung, die er für zumindest einen weiteren Tag nicht kriegen würde. Er dachte darüber nach, ob er vielleicht allein in den Wald gehen sollte. Er zog es auch in Erwägung einen der anderen anzugreifen, vielleicht den Jungen aus Drei zu töten, der seinen Job nicht einmal ansatzweise erledigt hatte. Irgendwie gelang es ihm sich dafür zu entscheiden Clove zu beobachten.

Sie saß ihm gegenüber am Feuer, wischte ein inzwischen sauberes Messer an ihrem Shirt ab und beobachtete – oder vielmehr starrte – die anderen, wie sie Zelte aufbauten. Das ungestüme Funkeln in ihren Augen sagte ihm, dass sie genauso angepisst war, wie er. Und diese dünnen Lippen wurden noch dünner, durch die Art, wie sie sie zwischen ihren Zähnen rollte.

Aber sie hatte keinen verdammten Grund wütend zu sein. Heute hatte er ihr seine Beute gegeben. Dabei hätte er sie auch selbst erledigen können. Das hätte er wohl auch, wenn er gewusst hätte, wie langweilig dieser Tag werden würde. Was ihn noch mehr irritierte, war die Erinnerung daran, wie Glimmers Augen groß wurden, nachdem Clove ihr Messer durch das Mädchen gestoßen hatte oder wie Marina einige Schritte zurückgewichen war. Im Gegensatz zu ihm interessierte Clove die Angst nicht, die die anderen für sie empfanden. Sie schätzte es nicht auf die Art, wie er es tat. Aus diesem Grund fand er auch, dass sie sie nicht einmal verdient hatte.

Er entschied, dass er sie nicht länger beobachten wollte.

Sie sah ihn nicht an, als er auf den leeren Platz neben ihr glitt. Cato hasste Gleichgültigkeit – vor allem ihre spezielle Sorte. Er wollte sie an ihren Zöpfen von ihrem Platz hochreißen und ihr Gesicht über das Feuer halten, damit es ihre Haut versengte und die Nachtluft mit ihren Schreien erfüllte. Er konnte es sehen: ihre Arme, wie sie wie verrückt um sich schlugen und ihre Schultern, die sich vor Schmerzen krümmten. Doch aus irgendeinem Grund hörte er in seiner Vorstellung statt ihrer Schreie nur ihr kaltes Gelächter in seinen Ohren.

Eine Weile lang sprachen sie nicht miteinander und die Stille veranlasste ihn dazu so wie sie die anderen zu beobachten. Die Erschöpfung machte sie langsam, während sie sich mechanisch bewegten, um ihre Aufräumarbeiten zu erledigen. Sie tauschten Belanglosigkeiten miteinander aus und sie schienen nicht einmal zu wissen oder sich daran zu stören, dass sie beobachtet wurden. Cato hasste sie; um ehrlich zu sein hasste er alle Menschen. Aber er verstand die Bedeutung von Respekt und Einschüchterung. Sogar hier in der Arena gab es eine Hierarchie und er würde darauf wetten, dass er an der Spitze stand. Er wusste, dass dies etwas war, wofür sich seine Distriktpartnerin nicht interessierte. Sie war völlig unsozial; sie sprach nie zwanglos, interagierte nur mit anderen, wenn sie musste, und selbst dann umgab sie immer noch eine unerschütterliche Dunkelheit. Während er Menschen hasste war ihm dennoch mit größter Abneigung bewusst, dass er sie immer noch brauchte. Clove hingegen würde es bevorzugen auf dieser Welt ganz alleine zu leben.

„Wen zuerst?", fragte er, um sie zu amüsieren.

Sie sah ihn nicht an und er sah sie nicht an, aber aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie sie ihre eigenen verengte. Er wusste, was sie tat – zusammen mit ihrer fast unglaublichen Gleichgültigkeit in der menschlichen Interaktion war sie äußert zynisch. Auch wenn er davon ausgehen konnte, dass es nicht daran lag, dass sie irgendwelche Emotionen versteckte. Ihm war klar, dass ihre nicht sehr tiefgründig waren. Was sie zu schützen schien war nichts weiter als ihr physisches Dasein, darauf bedacht, schutzlos auf Angriffe vorbereitet zu sein. An ihr gab es vieles, das vollkommen primitiv war. Die anderen konnten es nicht so sehen, wie er. Er wusste nicht, wie groß ihre Angst vor Schmerzen oder dem Tod war. Er wusste nicht, ob es überhaupt etwas gab, vor dem sie sich fürchtete.

Schließlich kräuselte sie die Lippen und sagte: „Ich will Glimmer."

Er war sich nicht sicher, ob ihm diese Idee gefiel. Er hatte einen Plan entworfen, um mit Glimmer etwas Wunderbares anzustellen. Obwohl Clove, entschied er, vermutlich etwas Besseres mit ihren Messern an so einem wunderschönen Tribut anstellen konnte.

„Dann kriege ich Loverboy", schoss er zurück und überließ ihr keine Widerrede.

„Nicht, bis wir sie gefunden haben", fauchte Clove.

„Und sie gehört mir auch", sagte er.

Sie presste die Lippen aufeinander. Eindeutig war sie anderer Meinung. Aber nichts würde ihn umstimmen. Das Mädchen, das in Flammen stand, gehörte ihm. Sie verdiente vernichtende Schmerzen, die nur er ihr zufügen konnte. Das Schneiden eines Messers quälte, doch das Zerreißen von Haut war nichts im Vergleich zum Zertrümmern von Knochen. Clove würde hier nicht gewinnen. Er grinste höhnisch.

„Was gibt dir das Recht sie zu töten?", knurrte sie leise.

Cato lehnte sein Gesicht zu ihrem, damit sie seinem Blick nicht ausweichen konnte, jedoch schien sie es nicht einmal zu versuchen. Ihre schwarzen Augen bohrten sich tief in seine. Er hasste diese Augen. Sie waren zu dunkel, zu ausdruckslos. Sie zeigten nichts.

„Weil ich's kann", antwortete er. Sie sollte wissen, was er meinte. Dass er sich nehmen würde, was auch immer er als seins erachtete. Es gab keine Diplomatie, wenn es darum ging, was er wollte. Sie könnte um das Mädchen kämpfen, aber Cato wusste, dass sie das nicht tun würde. Clove mochte ihren Tod wollen, aber er war sich sicher, dass es nicht auf die gleiche Art war, wie bei ihm.

Ihre Augen blickten immer noch in seine, deshalb bewegte er sich nicht. Statt sie zu ärgern, hauchte er ihr gegen ihre Lippen. Ihre Reaktion war ebenso leicht: flackernde Nasenflügel, zuckende Mundwinkel – und dennoch sorgte es dafür, dass sich ein böses Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. Er wollte, dass sie angriff, stattdessen brach sie den Blickkontakt zu ihm ab.

„Dann will ich die anderen", sagte sie. Er wusste, dass sie über ihre Verbündeten sprach, aber sie würden erst noch sehen, wie viele er ihr am Ende überlassen würde.

Er richtete seinen Blick wieder auf die anderen, als sie anfingen sich einzurichten. Loverboy und Distrikt Vier waren ihnen am nächsten, sie arbeiteten gemeinsam daran ein Zelt aufzubauen. Glimmer saß mit verschränkten Beinen auf einem Fass und öffnete eine Schachtel mit Essen. Das Insekt, das kein Zelt bekam, schwebte in sicherer Entfernung zu ihnen. Marvel hatte seinen Schlafsack ausgerollt und faulenzte darauf, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und mit geschlossenen Augen, sein Fuß träge über seinem Knie drapiert.

„Ich kann kreativ sein", sagte Clove zu ihm, beinahe gehässig.

Als ob er das nicht könnte.

Vielleicht war sein Spezialgebiet Dinge zu zerbrechen und abzutrennen nicht ganz so kompliziert und zierlich wie ihr Talent, jedoch konnte er seine Opfer immer noch zu etwas Wundervollem machen. Sie beide waren seit Jahren dazu trainiert worden, die Kunst des Abschlachtens zu perfektionieren – und es war tatsächlich eine Kunst. Es gab einen Weg es gut zu machen. Und abgesehen von ihnen schien niemand in dieser Arena das zu verstehen. Nicht einmal die aus Distrikt Eins oder Vier; wenn sie töteten ging es schnell und meistens auf die möglichst simpelste Art. Sie genossen es nicht. Genau wie er kämpften sie für den Ruhm, doch für sie gab es nichts darüber hinaus. Seine Motivation zu töten beinhaltete Ruhm, aber auch Überlegenheit und Futter für das Feuer in ihm, das danach verlangte alles auf seinem Weg zu vernichten. Er war sich sicher, dass es nichts Mächtigeres gab, als das Leben eines anderen zu nehmen – das Einzige, das ihre bloße Existenz bezeichnete, zu entfernen und sie mit absolut nichts zurückzulassen. Wie niemand sonst von so einem Gefühl vollkommen begeistert sein konnte schien für ihn unbegreiflich. Und die beste Art – die angemessenste Art, dies zu tun, war es, es so lange hinauszuzögern, dass man beobachten konnte, wie ihr komplettes Wesen in Vergessenheit geriet.

„Sie müssen langsam sein. Wir müssen sie langsam machen", sagte er. Lächelnd fügte er hinzu: „Und wir müssen sie gut machen."

Ein leises Knurren kam aus Cloves Kehle. Als sie sprach war ihre Stimme zu süß und passte nicht zu der boshaften Falte, die ihre mit Sommersprossen besetzte Nase machte, als sie sich kräuselte oder ihre Oberlippe, die sich hob, als ob sie Fauchen würde.

„Aber nicht zu feindselig", flüsterte sie. Das Feuer beleuchtete ihre blasse Haut und erzeugte dunkle Schatten in den Furchen ihres Gesichts.

Ihre Worte sorgten bei beiden für heftiges Gelächter, was die anderen dazu brachte, erschöpft zu ihnen zu blicken. Aber es war ihnen scheißegal. Schon bald würden sie jeden einzelnen von ihnen töten.

Und dann würde Cato sie töten.

Er beobachtete, wie ihre Schultern bebten und ihr Rücken sich wölbte, als ihr nervtötendes Lachen durch seine Ohren schrillte und plötzlich wollte er nichts anderes, als seinen Mund hart auf ihren zu pressen, so wie er es vor einigen Nächten getan hatte, wenn auch nur, um es zu beenden.

Doch als sein Gesicht ihr gefährlich nahe kam, fühlte er etwas Hartes und Metall presste sich gegen sein linkes Handgelenk, nur für ihn erkennbar und verborgen vor den Augen der Umstehenden und vielleicht selbst vor Panem. Als er sich zurückzog sah er, dass sie immer noch lächelte.

Noch nie in seinem Leben war er auf eine Kreatur gestoßen, die so abscheulich und doch so verflucht schön war.


Stunden später, nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war, und das blaue Licht der Morgendämmerung ihre zweite Nacht in der Arena ersetzt hatte, lag Clove mit offenen Augen in ihrem Zelt und beobachtete das flackernde orange Leuchten ihres Feuers, während es erstarb. Sie hatte geschlafen, aber wie gewöhnlich war es unruhig und unbefriedigend gewesen – vor allem wenn man bedachte, dass sie seit fast drei Tagen nicht geschlafen hatte. Als sie versuchte einzunicken konnte sie nur daran denken, wie Marvel geduldig auf den Moment ihrer Schutzlosigkeit wartete und Glimmer zuflüsterte, ihr Messer bereitzuhalten. Sie dachte an Catos scharfe weiße Zähne, entblößt unter diesem dummen Grinsen, während seine Finger den Griff seines Schwertes fester griffen, während er sich auf leisen Sohlen ihrem Zelt näherte. Vergangene Hungertspiele begannen sich in ihren Gedanken zu wiederholen – Spiele, in denen ein Tribut gewartet hatte, bis seine Opfer schliefen, um sie zu töten. Aber sie würden sie nicht kriegen. Selbst im Schlaf war sie wachsam und es gab nie einen Moment, in dem sie kein Messer bei sich trug.

So oder so spielte es keine Rolle. In dieser Nacht gab es mehrere Momente, in denen sie sich wälzte oder bewegte und sich damit selbst weckte. Irgendwann in der violetten Dunkelheit gab sie einfach auf und sie glitt in einen Schwebezustand zwischen zu wach, um sich vollständig zu entspannen, aber nicht wach genug, um das Zelt zu verlassen. Für eine lange Zeit lag sie nur da und dachte angespannt darüber nach, wie sie jeden von ihnen genau jetzt ganz einfach umbringen konnte. Glimmer war während ihrer Schicht eingeschlafen und es schien, als ob auch der Rest von ihnen tief und fest schlief. Sogar der Junge aus Drei, der, eingehüllt in den Kokon seines Schlafsacks, durch die direkte Aussetzung mit der kalten Morgenluft zitterte wie Espenlaub, war weit vom Bewusstsein entfernt.

Ihr wurde klar, dass, wenn sie es wirklich wollte, sie das Ganze gewinnen konnte.

Keiner von ihnen konnte sie berühren, nicht einmal wenn sie wach waren. Alles, was es dafür benötigte, waren ein paar direkte Treffer und sie konnte sie alle in Minuten bezwingen. Sie brauchte keine „Verbündeten." Sie konnte jeden töten. Sie konnte sogar den angsteinflößenden Jungen aus Elf töten.

Natürlich könnte sie es auf die einfache Art machen. Jedoch wollte sie diese Gelegenheit nicht verschwenden. Außerdem würde allein ihr Charakter ihr so etwas zu tun nicht erlauben und sie wollte es auch einfach nicht. Obwohl sie noch nie zuvor daran gedacht hatte, dass, wenn einer dieser schnüffelnden Schwächlinge ihr Geschick und ihr Können besäße, das genau das sein würde, was sie tun würden: so schnell wie möglich und mit so wenig Blut wie nötig gewinnen. Zum ersten Mal seitdem sie die Arena betreten hatte dachte sie an Lyme oder viel mehr an ihre Stimme, wie sie sagte:

In der Sekunde, in der sich dein Zorn stärker als du erweisen lässt, könnte es das Ende von allem sein.

Sie lächelte vor sich hin.

Oh Lyme, wie Recht du hattest.


Der Morgen brach an. Clove öffnete ihre Augen und vernahm Loverboys Stimme, überrascht davon, dass es ihr gelungen war, irgendwann nach dem Morgengrauen weg zu dämmern, und wie üblich schien niemand in nächster Zeit etwas unternehmen zu wollen. Deshalb ließ Clove sie widerwillig am Füllhorn zurück, wieder einmal begleitet von Cato, dessen Motivation ihr in den Wald zu folgen diesmal nicht darin lag, sie mit seiner Anwesenheit zu belästigen. Vielmehr schien er ebenso ungeduldig einen Tribut finden zu wollen, wie sie.

Sie tauschten ein paar Worte, als sie durch den Wald steuerten. Aber sie bewegten sich als eine Einheit, suchten die Baumkronen ab, liefen gelegentlich zwischen den Bäumen entlang, bis sie ihr Tempo wieder verlangsamten, zwei Augenpaare unentwegt wachsam. Es gab Momente, in denen Cato grob mit der Hand in ihre Richtung wedelte, um ihr zu bedeuten anzuhalten und sie standen beide still, lauschend.

Irgendwann schleuderte Clove ihr Messer auf was auch immer es war, was sie neben sich in einem großen Busch herum huschen gehört hatte, nur um herauszufinden, dass sie ein Kaninchen verwundet hatte.

Catos Gesicht wurde so rot wie eine Tomate, als sie das Tier an seinem Genick packte und es ihm hin hielt, um es ihm zu zeigen.

Gottverdammte Scheiße!", bellte er.

Clove konnte förmlich sehen wie schnell der Zorn ihn verzehrte. Die Muskeln in seinen Armen pulsierten unter den hochgerollten Ärmeln seiner Jacke. Er wirbelte herum und fuhr seine Faust unglaublich hart in den nahestehendsten Baumstamm, was zu so einem lauten Knacken führte, dass Clove sicher war, dass er sich die Hand gebrochen hatte. Aber er schlug weiter, bis seine Knöchel lila und blutverschmiert waren. Als auch das nicht funktionierte fing er an gegen den Stamm zu treten, bis der gesamte Baum schief stand, während er bösartig knurrte: „Wo sind sie? Wo verdammt nochmal sind sie?"

Clove hätte verängstigt sein sollen, aber als sie ihn schweigend beobachtete, war sie nur vorsichtig. Wenn sie nicht unsichtbar blieb könnte Cato sie in diesem Moment wirklich töten. Sie wusste, das lag nur an seinem brennenden Verlangen nach Blut, weil er seit dem ersten Tag nicht mehr getötet hatte – was sie nachvollziehen konnte, denn sie fühlte genauso. Irgendwie war sie neidisch, dass er in der Lage war sich auf diese Weise selbst zu entladen. Sie konnte sich nicht entladen.

Seine Wut war vollkommen faszinierend. Adern erschienen in seinen Augenwinkeln und die Knochen seines Kiefers stachen beinahe durch seine Wangen. Die Kraft seines Körpers war die einer Maschine: gnadenlos, undurchdringlich. Seine Arme mussten aus Stein gemacht sein, durch die Art wie sie so rücksichtlos in die Rinde flogen. Und auch seine Beine besaßen eine unfassbare Stärke – mit jedem Tritt wehten Blätter von den Ästen weit über ihm auf ihn herab, wenn er sie mit seinen Schlägen durchschüttelte. Nun verstand sie auch, wie er das Rückgrat eines Mannes mit seinen bloßen Händen brechen konnte. Als sie ihn beobachtete war es schwer zu glauben, dass er nur ein Mensch war.

Doch als er dem Baum einen letzten Hieb mit seinem Fuß versetzte und er tiefer in den Wald davon stampfte und dabei mit seinem Schwert nach tiefer hängenden Zweigen schlug, erinnerten seine abgewetzten Knöchel sie daran, dass er nicht unsterblich war. Sie wagte es nicht ihm direkt zu folgen. Stattdessen widmete sie sich dem verwundeten Kaninchen. Das Geschöpf gab leise merkwürdige Laute von sich, während es sich wandte. Die Wunde schien nicht so schwerwiegend zu sein, um zum Tod zu führen. Er wurde nur verlangsamt, doch vielleicht konnte es überleben …

Wenn sie weggehen würde.

Auf der Erde lag ein Stein mit der perfekten Größe. Sie hob ihn vom Boden und wischte als sie sich der Kreatur näherte liebevoll den Schmutz von seiner feuchten Unterseite.

Vorsichtig kniete sie sich daneben. Dann schlug sie den Stein heftig auf seinen Körper hinab. Sie wurde belohnt mit einem befriedigenden Knirschen seiner Knochen und einem schwachen Klatschen seines weichen Körpers. Aber es blutete nicht. Es war bloß zerschmettert und tot. Seine Augen traten ebenso hervor, wie die des Mädchens aus Sieben.

Es war bloß ein dummes, unachtsames Tier. Aber es war etwas.

Es war nicht schwer Cato ausfindig zu machen – er war immer noch wütend und daher machte er Geräusche, die man mit einem Bären vergleichen konnte, dessen Schritte denen einer Herde Vieh glichen. Für eine Weile folgte sie ihm leise, doch schließlich siegte ihr Ärger über ihre Vorsicht.

„Wenn du nicht die Klappe hältst werden wir einen Scheißdreck finden!", zischte sie.

Als er sich mit gebleckten Zähnen nach ihr umdrehte, zückten ihre beiden Hände instinktiv blitzschnell nach einem Messer. Das Schwert, das er hielt, schimmerte gefährlich im Tageslicht, als er es leicht in die Luft hob. Doch dann neigte er leicht den Kopf und sah plötzlich so aus wie in der Nacht bevor sie in die Arena kamen, wobei ein benommener Ausdruck seine Gesichtszüge übernahm. Er kam ihr mit dem Hauch eines Lächelns näher und seine Augen waren so ausdruckslos und abwesend wie noch nie zuvor.

„Was willst du tun? Mich töten?", fragte er, als sie ihre Waffen hoch hielt. „Nur zu. Wirf deine kleinen Messer …", er breitete seine Arme aus und strahlte. „Ich bin ganz offen."

Aber als er sich ihr weiter näherte senkten sich seine Augenbrauen und seine Nase rümpfte sich und sein Gesicht verzerrte sich zu einer Art widerlichen, animalischen Grinsen, das einen ebenso bestialischen Zorn in ihr weckte.

Tu es", zischte er. „Tu es und sieh, was verdammt noch mal passiert. Ich werde sie verdammt noch mal zertrümmern. Und dann zertrümmere ich dich."

Diese Drohung war anders als die anderen. Sie unterschied sich von der Nacht, in der er ihre Handgelenke fest gehalten hatte und es unterschied sich von dem Moment, als er seine Hände um ihre Rippen gepackt hatte. Diese Male waren aus ihrer eigenen Boshaftigkeit oder ihrem Zorn heraus provoziert worden. Aber das war ganz und gar er selbst.

Und es erregte sie.

Sie warf den Kopf zurück und lachte, bevor sie eins ihrer Messer nach seinem rechten Oberschenkel warf. Allerdings hatte sie seine Reaktion vollkommen falsch eingeschätzt. Weil er bereits damit gerechnet hatte gelang es ihm, ihm ein wenig auszuweichen. Es drang immer noch in sein Fleisch, jedoch nicht an so einer schwerwiegenden Stelle, wie sie es beabsichtigt hatte. Dann stürmte er wie ein Zug auf sie zu und prallte gegen sie, bevor sie auch nur die Zeit gehabt hätte, ein zweites Messer nach ihm zu schleudern.

Mit dem Schwert gegen ihren Hals drückte er sie gegen einen Baum, doch sie war schnell genug, um ein weiteres Messer hervorzuziehen und es gegen seinen Bauch zu halten, an einer Stelle, bei der allein die kleinste Bewegung dafür sorgen würde, dass es in seinen Magen drang. Die Klinge seines Schwerts drückte gegen ihre Haut und er bewegte es gerade leicht genug, um sie zu schneiden. Doch der Schnitt war ziemlich tief und brannte schmerzhaft. Sie zuckte zusammen und hustete wegen des Drucks gegen ihre Kehle, allerdings bohrte sie ihr Messer ebenfalls in ihn, genug, dass er sie ein Miststück nannte und das Knie seines stärkeren Beines hart gegen ihren Oberschenkel presste.

Die Zeit hielt für sie still und keiner von ihnen bewegte sich. Wieder einmal wurde sie von der dünnen Haut unter seinen Augen in den Bann gezogen. Sie wollte unbedingt mit dem Finger darüber fahren und spüren, wie weich sie ist. Sie wollte winzige, filigrane Schnitte darin machen und Muster über den schwachen blauen Adern kreieren, die in ihrer Komplexität ebenso schön sein würden. Er würde nicht mit einem Messer im Bauch sterben. Das war nicht die Arte, wie er gehen sollte.

Einer seiner Fingerknöchel erlangte ihre Aufmerksamkeit, jetzt, wo sie den Schaden aus der Nähe sehen konnte. Die Hand hielt den Griff seines Schwertes – die andere war hinter ihrem Kopf und zog sie gegen die Klinge. Aus den Wunden, aus denen winzige Splitter aufstiegen, als wären sie selbst Bäume, rann immer noch rotes Blut. Die scharfen Kurven jedes Knöchels waren bereits lila und zu unnatürlich großen Größen angeschwollen. Und sie konnte sehen, dass seine weiße Hand zitterte.

Seine andere Hand ließ plötzlich ihr Haar los und er legte unerwarteterweise seinen Handrücken auf die andere Seite ihres Gesichts, liebevoll über ihre Wange streichend. Sie spürte die warme Feuchtigkeit seines Blutes, wie er es über ihre Haut schmierte. Seine Augen waren so intensiv auf sie gerichtet, dass es ihr schwerfiel, in sie hinein zu schauen.

Ihre freie Hand strich über den Stoff, der seinen Bauch bedeckte und fuhr über seinen Gürtel und hinab zu seinem Oberschenkel, wo sie das Messer herauszog. Sein Körper zuckte daraufhin, aber er wandte seine Augen nicht ab. Stattdessen drängte sein Körper sich ihr weiter entgegen. Seine Atemzüge wurden schneller, genau wie das Heben und Senken seiner Schultern. Sie verlor sich in ihnen.

Und dann hörten sie Geräusche, die zweifelsfrei menschlich waren.

Augenblicklich war Cato weg von ihr. Was auch immer sich ihnen näherte war mehr als eine Person, vielmehr schienen es sogar mehr als zwei zu sein. Die Stimmen der entgegenkommenden Tribute verstummten sofort und wurden ersetzt von dem Rascheln schneller Schritte, was bedeutete, dass sie sie ebenfalls gehört hatten.

Aber sie waren bereit – Clove mit ihren Messern, Cato mit seinem erhobenen Schwert. Sie standen bereit, bei dem allerkleinsten Geräusch anzugreifen, wobei sich ihre Rücken beinahe berührten.

Marvel erschien mit dem Speer in der Hand zwischen den Bäumen. Die Erkenntnis zeigte sich auf seinem Gesicht, doch Clove entging nicht wie zögerlich er den Speer sinken ließ. Glimmer erschien hinter ihr, Cato gegenüber, was sie nur wusste, weil sie hörte wie das Mädchen schnaubte. „Was ist mit euch beiden passiert?"

Als Clove sich zu ihr umdrehte sah sie, wie Glimmer entsetzt auf Catos heftig blutende Wunde an seinem Bein und seine geschundenen Hände schaute. Ihre Augen wanderten dann zu Clove, aber nicht zu ihrem Gesicht. Vielmehr schaute sie auf ihren Hals.

Clove berührte ihre Kehle und es überraschte sie, wie sehr es immer noch schmerzte und wie viel Blut aus der offenen Wunde floss. Vielleicht lag es am Schock oder Adrenalin oder beidem, doch sie hatte bisher noch überhaupt nichts gespürt. Cato hatte sie ziemlich doll erwischt. Dennoch schoss ihr nur ein Wort durch den Kopf, als sie einen Blick mit ihrem Distriktpartner tauschte, der kaum merklich schmunzelte:

Wir.


Der Rest des Morgens entpuppte sich als ebenso erfolglos, wie der vorige Tag.

Deshalb schien die komplette Allianz nun vollkommen frustriert zu sein. Jeder von ihnen fand seine eigene spezielle Art Clove unter die Haut zu gehen. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich davon abhalten konnte, Glimmers Haare auszureißen, wenn sie damit noch einmal gedankenverloren herumwirbelte oder ob sie sich daran hindern konnte Loverboy anzugreifen, wenn sie noch einmal seinem Blick begegnete. Wenn sie jedoch von Marvels gelegentlichem, schmutzigem, flüchtigem Blick oder Marinas fest aufeinander gepresste Lippen ausging, jedes Mal, wenn Clove anhielt, um einen Schuh zuzubinden oder um mit ihren Messern zu spielen, musste dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhen. Ihre Verärgerung über die Situation begann sich ineinander zu manifestieren.

Dies alles spitzte sich zu, irgendwann als die Sonne am höchsten Punkt des Himmels stand, als sie eine Pause unter einem dichten Blätterdach machten.

Es begann mit einem leisen Gespräch zwischen Loverboy und Marina. Die Seeschnecke zeigte ihm ihr Andenken, das sie aus ihrem Distrikt mitgebracht hatte – nur so eine uralte Münze, bestehend aus einem Material, das im Licht Bronze schimmerte. Glimmer, die offenbar nicht mit viel Schweiß und Insekten umgehen konnte, ohne einer besonders schlechten Stimmung zu erliegen, schnaubte angesichts des Objekts, woraufhin Marina erwiderte: „Wieso erzählst du uns nicht was mit deinem Andenken passiert ist oder wissen das bereits alle?"

Clove hatte aufgehört auf ihr bedeutungsloses Geschwätz zu achten und ließ die Geräusche wie das Rauschen eines kaputten Fernsehers ineinander übergehen, während sie die Messer im Inneren ihrer Jacke neu ordnete (sie hatte über ihren eigenen Sarkasmus gegrinst, als sie ihren besonderen Favoriten hinter die Brusttasche steckte, direkt über ihrem Herzen.) Aber das weckte ihr Interesse. Sie erwischte sich dabei, wie sie einen Blick zu Cato warf, der neben ihr saß, nur um festzustellen, dass er das gleiche tat.

Glimmer verengte bloß die Augen in Marinas Richtung. Ihre natürlichen Wimpern waren immer noch flauschig genug, um ihre grünen Pupillen beinahe vollständig zu verbergen, als sie das tat. Bevor sie allerdings, was auch immer für eine spitze Bemerkung sie auf Lager hatte, sagen konnte, kam Marvels tiefes Glucksen von irgendwo zwischen den Bäumen ihr gegenüber. Er stand oberkörperfrei in einiger Entfernung. Das Porzellanweiß seiner Muskeln ließ ihn wie eine sich bewegende Statue erscheinen, als er ein frisches Hemd aus seinem Rucksack zog.

„Wie witzig das doch ist, dass jemand, der elf Jahre lang trainiert hat, immer noch das Bedürfnis verspürt, Gift mit in die Arena zu bringen", sinnierte er, mehr mit sich selbst.

Das überraschte Clove nicht – wenn überhaupt amüsierte es sie. Also hatte Glimmer versucht ein bisschen Gift hineinzuschmuggeln? Natürlich würde sie das. Das war so typisch für sie.

Clove versuchte nicht ihre Belustigung zu verbergen, als sie zu dem hübschen, aber sehr dummen Mädchen sah, das ihre Augen im Moment nur auf ihren Distriktpartner richtete. Einen Moment lang schürzte sie die Lippen, aber auf die gleiche Art, wie ein Deckel eine Flamme löschte. Sie konnte die Verärgerung, die sie in ihrem Mund zurückhielt, schnell unterdrücken und stattdessen verzogen sich ihre Mundwinkel langsam zu einem gemeinen, schelmischen Lächeln, welches Clove sie eine Million mal zeigen gesehen hatte, aber nicht von dieser Intensität. Plötzlich schienen diese grünen Augen beinahe zu leuchten.

Marvel hingegen schien es nicht zu bemerken oder sich nicht darum zu kümmern, wie sie reagierte. Clove fand es interessant, dass er nicht wartete, bis er wieder vollständig bekleidet war, um sie zu verärgern. Nacktheit war ihrer Meinung nach der ultimative Zustand der Verwundbarkeit. Aber er schien sich eindeutig nicht im Geringsten von Glimmer bedroht zu fühlen, nicht einmal genug, dass er das Bedürfnis verspürte, sie anzusehen, während er sie erniedrigte. Glimmer hatte eindeutig bewiesen, dass sie nicht zu denjenigen gehörte, die zum Angriff übergingen, wenn man sie provozierte. Jedenfalls nicht körperlich – obwohl Marvels Verhalten ihr gegenüber noch etwas anderes aussagte. Dieser Junge war eindeutig einer der anspruchsvollsten Menschen, die Clove jemals getroffen hatte, weshalb er für den Rest von ihnen einen sehr geringen Respekt hielt. Aber seltsamerweise schien er seiner eigenen Distriktparnterin gegenüber den geringsten Respekt zu empfinden. Clove könnte es daran erkennen, wie er mit ihr sprach.

Glimmer beugte sich jetzt vor, grinste beinahe anzüglich, mit ihrem hübschen Gesicht in ihren Handflächen.

„Erzähl mal, Marvel", sagte sie. „Ist das dein Andenken, das ich da sehe? An deinem Arm?"

Clove konnte zuerst kaum erkennen, worüber sie sprach, da es so klein war. Doch da, unter der Wölbung von Marvels blassem Bizeps befand sich ein sehr schlichtes, aber kompliziert gewebtes Band. Es war farblos, langweilig und sehr bescheiden – ein Andenken, das zu einem Tribut, der aus dem Distrikt des Luxus stammte, überhaupt nicht passte. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck kaum sehen, doch was sie erkennen konnte schien ein plötzliches Interesse daran zu zeigen, was Glimmer sagte. Einen Moment lang blieb er still, sein blanker Rücken war ihnen völlig ruhig zugewandt, bevor er sich ein sauberes Shirt über den Körper zog.

„Sehr gut beobachtet", sagte er sarkastisch, als er sich zu ihr umdrehte.

„Weißt du, ich habe zufällig während wir im Zug waren gehört, wie Gloss sagte, das es das seltsamte Ankenken war, das er jemals gesehen hat, worauf einer seiner Tribute bestanden hatte es mitzubringen", schnurrte sie, immer noch mit dem gleichen Lächeln auf ihren Lippen. Dann stand sie auf, beinahe ziellos, als ob sie einen Spaziergang in den Wald machen wollte. Oder vielleicht hätte es als solches eingestuft werden können, wenn sie nicht auch den Bogen und die Pfeile aufgehoben und die Schnur des Bogens angeschlagen hätte.

Marvel schien das nicht zu entgehen, denn er setzte sich nicht wieder hin. Stattdessen lehnte er sich gegen den Stamm eines Baumes in der Nähe seiner eigenen auserwählten Waffen, mit verschränkten Armen und einem Lächeln im Gesicht, das im Widerspruch zu dem Zorn in seinen Augen zu stehen schien.

„Tja, meins hat immerhin nicht ihn und unseren gesamten Distrikt mit seiner Dummheit beschämt", höhnte er. „Nicht wahr, Glimmer?"

Wut durchbrach für einen Moment Glimmers sorgfältig gepflegte Maske, aber sie wurde schnell unterdrückt. Ihr Gang glich nun weniger einem Stolzieren sondern mehr einem Pirschen. Dann legte sie den Kopf zur Seite und blinzelte mit großen Augen.

„Ich schätze nicht", sagte sie liebevoll. „Und doch ist es überaus interessant, dass du dich von allen Dingen gerade für dieses entscheidest und es mitbringst. Es gibt mir … nur zu denken." Als sie verstummte dachte Clove sie konnte beinahe hören wie dem Mädchen vor Aufregung der Atem stockte. Glimmer schaute zu den Baumkronen und im ersten Moment konnte Clove nicht verstehen weshalb, jedoch erinnerte sie sich schnell an etwas, das sie so oft vergaß: dass die Welt zuschaute.

Glimmers Grinsen war verrückt.

„Hat sie das für dich gemacht?"

Marvel behielt seinen leeren Gesichtsausdruck, aber er schien gezwungen zu sein, als hielte er etwas Mächtiges dahinter zurück. Seine Augen verengten sich. Clove konnte sehen, wie sich seine Armmuskeln anspannten und sich seine Finger tiefer in seine Haut gruben.

„Ich weiß nicht worüber du redest", sagte er.

„Oh, Marvel, du Hund! Spiel nicht den Blöden. Das ist furchtbar unhöflich von dir. Du könntest ihr kleines Herz brechen! Womöglich kann sie uns gerade hören… oder vielleicht auch nicht. Besitzt der stinkende Fabrikabschaum überhaupt Fernseher?"

Marvel sagte nichts, er behielt bloß ein merkwürdiges Lächeln in seinem Gesicht, während er Glimmer so intensiv anstarrte, dass das Mädchen hätte umgestoßen werden können. Er begann sehr langsam auf sie zu zu schleichen. Als Antwort begann sie sich vorsichtig in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.

„Dummer Marvel", fuhr sie fort. „Dachtest du wirklich, du könntest sie geheim halten? Wusstest du nicht, dass dein kleines Haustier für Amethysts Vater arbeitet? Wir haben euch beide gesehen … aber nein, du könntest deine Augen ja nie lang genug von ihr lassen, um es zu bemerken." Glimmer schaute nun wieder zu den Bäumen und schien nun direkt zu einem völlig anderen Publikum zu sprechen. „Wer hätte das gedacht: der Goldjunge aus Distrikt Eins, der Stolz der Akademie war verknallt in nichts anderes, als ein armes, flohgebissenes Fabrikmädchen."

Das Lachen, das von Marvel folgte war unerwartet, barsch und ganz anders als alles, was Clove je zuvor von ihm gehört hatte. Es gab ein anderes Wort, mit dem sie es hätte beschreiben können, aber dieses Wort kam ihr erst in den Sinn, als das Lachen des Jungen verstummte und die Miene, die er stattdessen aufsetzte, aufgerissene Augen und ein Grinsen trug.

Wahnsinnig.

„Oh, Glimmer, was du für schmutzige kleine Spielchen spielst", sagte er sehr laut. „Hast du vergessen, dass wir hier sind, um uns gegenseitig zu töten, Mäuschen?"

In seinen Augen brannte genug Feuer, um die kalten blauen Pupillen zum Schmelzen zu bringen, als er sprach. „Denk nicht einmal für eine Sekunde daran, dass ich das nicht tun würde."

Die Drohung schwebte in der Luft.

Clove und Cato tauschten einen Blick und verstanden die Frage, die sie beide wortlos fragten: Aber waren sie nicht diejenigen, die sie töten würden? Cato grinste.

Glimmers Augen weiteten sich vor Angst, doch ihr Stolz schien ihr nicht zu erlauben aufzuhören.

„Sei nicht sauer auf mich, nur weil du kein guter Freund bist", höhnte sie. „Wieso winkst du ihr nicht zu, damit sie dich sehen kann. Wie war noch mal ihr Name? Ach, ja–" Und dann wandte sie ihr hübsches Gesicht gen Himmel und wank enthusiastisch. „Hi, Citrine!"

Marvel schnappte sich plötzlich seinen Speer, der gegen den Baum lehnte. Dabei fing Glimmer an ihn wüst anzuschreien, wobei sie ihre Beherrschung vollkommen verlor und anscheinend versuchte aus dem Wald zu kommen, bevor er ihr zu nahe kam: „Oh! Aber ich vergaß, oder? Sie kann uns grad nicht sehen! Um genau zu sein wird sie uns niemals sehen können! Weil sie nämlich überhaupt nichts sehen kann, nicht wahr? Sie kann nicht einmal dich sehen!"

Als das Wort dich immer noch in der Luft hing, war Marvel bereits über ihr. Aber Glimmer zog schnell ihren Bogen hervor. Plötzlich befanden sie sich in einer Pattsituation. Marvel mit seinem erhobenen Speer, bereit sie aufzuspießen und Glimmer mit ihrem gespannten Bogen, bereit den Pfeil direkt durch sein Herz zu jagen. Normalerweise war sie mit ihren Pfeilen keine große Bedrohung, aber da sie so nahe beieinander standen, konnte nicht einmal sie verfehlen und er würde es ganz sicherlich auch nicht. Sollte sich einer von ihnen jetzt bewegen könnte es für sie beide tödlich enden.

In der Hitze des Gefechts hatte Clove keine Zeit gehabt zu begreifen, dass das Publikum, vor dem sie Marvel versuchte zu demütigen, nicht sie waren, und es war nicht der Großteil von Panem – es war Distrikt Eins. Clove wurde vage daran erinnert, wie sie Cato am ersten Tag mit ihren Messern erwischt hatte und sie verstand wie anders sie im Gegensatz zu dem Paar aus Eins waren, die Geheimnisse statt dominierender Stärke benutzen. Cloves Meinung nach war es albern.

Und dann realisierte sie noch etwas, das Glimmer gesagt hatte über das Mädchen, in das Marvel offenbar verliebt war. Wenn es eine Sache gab, die Clove über diese zwei verstand und Cato offenbar nicht, dann waren es gesellschaftliche Klassen. In Distrikt Zwei, vor allem in ihrem Sektor, war es verpönt, dass sich reichere Kinder mit der Arbeiterklasse verbanden. Aber nach Marvels Reaktion zu urteilen waren solche Beziehungen vielleicht mehr als nur verpönt. Und was hatte Glimmer gesagt? Das Mädchen konnte nichts sehen? Clove dachte einen Moment über diese Aussage nach, bevor sie verstand.

Also war der protzige, aufgeblasene, heilige Marvel verliebt in nichts anderes als eine blinde Hinterwäldlerin? Der Gedanke brachte ein Schmunzeln auf Cloves Gesicht.

Marvel und Glimmer starrten beide wütend in die Augen des anderen, keiner wich zurück. Dann grinste Marvel spöttisch.

„Weißt du", sagte er leise. „Es gibt einen Grund, weshalb sie mich den Stolz der Akademie nannten. Ich war gut in dem, was ich tat. Ich war vielleicht sogar der Beste in den ganzen Jahren. Deshalb bin ich jetzt hier. Doch du, tja, es war ein Wunder, wie du immer weiterkommen konntest, wenn du offensichtlich so unqualifiziert warst … Erinnerst du dich daran, wie sie dich genannt haben, Glimmer?"

Glimmers Gesicht wurde augenblicklich rot vor Wut, sie konnte es nicht so gut verbergen wie Marvel. Marvels Grinsen wurde größer. „Ja, natürlich tust du das. Die Schlampe der Akademie."

Glimmer schrie. Marvels Armmuskeln zuckten, als er mit seinem Speer ausholte. Clove machte sich bereits für das Blut, doch das Blut kam nicht.

Denn ganz plötzlich schoss ein Feuerball durch die Bäume und zielte direkt auf Marvel und Glimmer. Sie ließen sich beide zu Boden fallen, wodurch sie ihm geradeso mit dem blonden Haar auf ihren Köpfen ausweichen konnten. Loverboy sprang ihm ebenfalls aus dem Weg, als er in den Baum krachte, gegen den er gelehnt hatte.

Clove drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie der umliegende Wald in Flammen aufging.