13. Horror
Sogar in ihrem Schlaf fand Clove keinen Frieden. Die Entscheidung zu schlafen kam nicht von ihr, sondern von ihrem Körper. Wäre es nach ihr gegangen wäre sie die ganze Nacht lang wach geblieben, um Zwölf zu beobachten. Als die anderen sich einige Zeit zuvor hingelegt hatten, um sich auszuruhen, und die Sterne sich auf der anderen Seite des Horizonts befanden, bestätigte sich der Gedanke, dass keiner von ihnen Zwölf so furchtbar wollte wie sie – aus diesem Grund entschied sie, dass sie dieses Mädchen überhaupt nicht verdienten. Doch kaum nachdem das Schnarchen der anderen die Luft erfüllte, begannen ihr Nacken und ihr Rücken schmerzend zu protestieren. Als sie sich hinlegte, sanken ihre Lider unwillkürlich über ihre Augen, während irgendwo in der Ferne ein Vogel zwitscherte.
Als sie sich wieder öffneten, war es ein ganz anderer Klang.
Zuerst war es nur ein entferntes Brummen, dessen Ausmaß zaghaft zuzunehmen schien. Für eine unvorstellbar kurze Zeit hätte dieser Lärm ein süßes Schlaflied sein können und nichts weiter.
Glimmer kam dadurch kaum wieder zu Bewusstsein. Wie ein kleines Kind schmiegte sie ihren blonden Kopf weiter an ihre Schulter und benetzte ihre Lippen, die von ihrem tiefen Schlaf ganz trocken waren.
Stunden zuvor war es ihre Aufgabe gewesen über das Mädchen aus Zwölf zu wachen. Aber nie zuvor in ihrem Leben hatte Glimmer etwas machen müssen, worauf sie keine Lust hatte. Vor allem, wenn die Anweisung von diesem arroganten Oger namens Cato kam. Deshalb blieb sie so lange wach, wie sie wollte und kämpfte nicht gegen die Müdigkeit an, als sie sich ankündigte. Glimmer glitt so sanft in den Schlaf, als wäre sie daheim in Distrikt Eins, als läge sie in ihrem federweichen Bett, umhüllt von ihren feinen seidenen Bettlaken, statt dass sie unbequem und aufrecht gegen die harte Rinde eines Baumes lehnte. Ihr kam der flüchtige Gedanke an das Mädchen, das sie eigentlich beobachten sollte, während sie in den Schlaf hinüberglitt – wie dumm und schmutzig sie war. Dann flatterte er mit dem Rest ihrer Gedanken wie ein Schmetterling in die Nacht hinaus.
Jetzt, als sie wieder zurück in den Schlaf sinken wollte, war das Brummen nicht mehr entfernt. Es war nicht einmal mehr ein Summen. Der Klang war eine Kombination von Dutzenden individuellen Summtönen, jeder mit seiner eigenen Tonhöhe. Glimmer öffnete ihre Augen, gerade noch rechtzeitig, um den ersten Stich zu spüren.
Es begann mit nur einem Insekt. Dann zwei. Schließlich waren da Hunderte von schwarzen Punkten, die vor ihren Augen herum flatterten. Sie hatte kaum Zeit sich zu fragen, was das war, bevor sie anfing zu schreien und sie wie wahnsinnig von sich wegschlug.
Als ihr Blick auf ihre Hände fiel bemerkte sie, dass sich bereits eine gelbe, fleischige Wölbung auf ihrer opalweißen Haut bildete. Sie kreischte. Die Käfer schienen es immer wieder auf ihr Gesicht abgesehen zu haben. Einer flog in ihren geöffneten Mund. Sie stachen sie immer noch – wieder und wieder. Sie würden nicht aufhören sie zu stechen.
Die anderen um sie herum waren ebenfalls aufgewacht. Sie sah Cloves dunklen Pferdeschwanz aufblitzen, aber er schien sich viel zu langsam zu bewegen. Cato packte das Mädchen am Kragen. „Zum See!", rief er. „Zum See!"
Glimmer bedeckte ihr Gesicht und griff nach ihrem Bogen. Aber die Insekten waren unerbittlich. Sie stolperte vorwärts, den anderen hinterher, aber sie konnte nicht … Sie konnte sie einfach nicht erreichen. Alles, was sie spürte, war Stich nach Stich. Es gab zu viele von diesen Insekten, um sie zu zerquetschen, aber sie schlug immer noch mit ihrem Bogen nach ihnen. Als sie spürte, wie ihr Arm taub wurde, schrie sie nach den anderen.
Aber als Antwort ertönte nur eine Stimme, die aus der Nacht zuvor widerhallte.
Wer wird dir zur Hilfe kommen?
Zwischen dem Braun der rasenden Insekten sah sie herab und entdeckte violette, hervorquellende Gliedmaßen, wo eigentlich ihre Arme sein sollten. Doch nichts davon machte mehr Sinn. Nicht der Schmerz. Nicht die Schreie. Nicht das Klingeln, das sie um sich herum hörte. Nichts. Nichts.
Als ihr Körper zu Boden fiel sah sie etwas, das sie hasste. Es war der Mund ihres Vaters. Er hatte smaragdfarbene Augen, genau wie sie, aber sie blickte nie in sie hinein. Nur zu seinem Mund. Er küsste sie wie ein Vater es niemals tun sollte. Dann sprach er.
Du wirst diese Welt beenden, mein Schatz.
Mit diesen Worten begann sie sich von allem zu lösen. Jede Erinnerung, die sie jemals hatte, verdunkelte sich. Finger, die über eine blaue Wand strichen. Ein breites Fenster. Die strahlenden Zähne plappernder Mädchen. Ihre Lippen gegen einen warmen, weichen Hals. Ein Paar Hände auf ihrem Rücken, die sie dort auch wirklich haben wollte. Ein Paar Hände, die sie nicht wollte. Süßes Kichern, das durch warme Sommernächte drang. Blonde Locken, die den herumwirbelnden Körper eines Kindes umhüllten.
Nichts.
Ihre Gedanken in diesen letzten Augenblicken versuchten verzweifelt etwas zu verstehen, irgendetwas. Aber irgendwann verstummten sogar sie.
Was für eine Tragödie, erklang es in ihren dumpfen Verstand. Denn obwohl sie zu weit davon entfernt war zu wissen, wer sie war oder wie sie hierhergekommen war, wusste sie, dass sie starb.
Marina taumelte vorwärts.
Sie kannte diese kleinen Monster. Jägerwespen. Sie hatte sie in vorherigen Hungerspielen gesehen. Sie konnte sich an eine Zeit erinnern, als sie vor Jahren vor dem riesigen Bildschirm in Distrikt Vier saß, und sich mit leichter Neugierde fragte, welche Art von Schrecken ihre Stiche verursachen könnten. Jetzt wusste sie es.
Sie wünschte sich mehr als alles andere, dass dem nicht so wäre.
Glimmers durchdringende Schreie trieben sie motivierend vorwärts. Nur einige wenige dieser Insekten schwebten jetzt um sie herum und verliehen ihr gelegentlich einen weiteren Stich. Jedoch hatten sie sie bereits schlimm genug erwischt. Sie war nicht so schnell wie die anderen. Sie glaubte Peeta zu sehen, der weit voraus rannte – wenngleich ihre Augen nun bereits anfingen sie zu täuschen. Dinge hatten ihre Proportionen verloren. Gedankenverloren berührte sie ihren Nacken, der von erschreckend großen Blasenbildungen bedeckt war. Als sich die Welt um sie herum zu verdunkeln begann, wusste sie, dass sie nicht mehr viel aushalten konnte. Ihre einzige Verteidigung bestand darin, diese kleinen Bestien mit all ihrer schwindenden Kraft totzuschlagen.
Vor ihren Augen bewegten sich ihre Hände langsam. Sie konnte nicht sicher sein, ob sie wirklich so schwach war oder ob es Teil der Halluzination war. Der Boden begann sich steil zu neigen. Ein schweres Gewicht lag auf ihr. Sie brach darunter zusammen.
Schwarz strömte aus den Stichen auf ihren Armen – die inzwischen so groß waren wie Pflaumen. Nein, so würde sie nicht gehen. Das konnte sie nicht. Die Vorstellung, dass sie sterben könnte, erschreckte sie bis ins Mark. Sie konnte ihren Mund nicht bewegen, doch im Inneren ihres Verstandes breitete sich ein entsetzlicher Schrei aus. Sie konnte sterben.
Als sie sich um kriechen zu können auf ihren Bauch rollte, sah sie auf und stellte fest, dass sie nicht mehr von Bäumen umgeben war. Vielmehr sah sie nur gewaltige, sich andeutende Wesen in der Farbe von frischem Blut. In der Ferne wackelten Guppys durch die merkwürdigen Wesen, aber sie verschwanden beinahe so schnell, wie sie sie bemerkte. Sie wollte einen Arm ausstrecken, um sie zu fangen. Sie versuchte es. Aber ihre Arme waren kein Teil mehr von ihr. Nichts war es mehr.
Wenn es etwas gab, das Marina verstand, dann war es sich nicht darum zu bemühen, einen aussichtslosen Kampf zu führen. Und sie verlor diesen. Deshalb gab sie den Kampf auf und wartete geduldig darauf, dass der Tod kam.
Und er kam.
„Scheiße! Scheiße! Scheiße!"
Clove knurrte diese Worte, während sie die restlichen Insekten zerquetschte, die um sie herum summten. Die Stiche, die sie bei ihr zurückgelassen hatten, wuchsen rasant. Der erste, den sie auf ihrem Schulterblatt abbekommen hatte, besaß bereits die Größe einer gereiften Orange.
Sie rannte, doch die Wurzeln schienen sich zu erheben, um sie zum Stolpern zu bringen. Die Baumstämme, an denen sie vorbeikam, bewegten sich weiterhin neben ihr. Aber sie kümmerte sich nicht um sie. Konzentrier dich auf Cato, war alles, was sie sich sagte, während sie ihm folgte. Sie nur zu ihm, sie zu ihm.
Als der See in Sicht kam warf sie sich ohne zu zögern hinein. Das Wasser toste, als es sie aufnahm und zog sie in den Schlamm am Boden seines trüben Körpers. Sie hielt den Atem an, während sie dagegen ankämpfte. Etwas hielt ihre Knöchel fest und zog sie nach unten. Sie stieß es weg, aber es packte sie immer wieder. Als sie die Augen öffnete konnte sie es schwach erkennen. Es war eine Kreatur. Es sah beinahe menschlich aus. Schwarze Haarsträhnen waberten um das blasse Gesicht herum.
Dann stieß ihr Kopf hustend und spritzend aus dem Wasser. Die Bäume, die sich über ihr abzeichneten, schienen eine andere Beschaffenheit angenommen zu haben. Sie konnte sie nicht genau erkennen. Auch wenn sie feststellen konnte, dass die Farben um sie herum, ein wenig … heller wirkten.
Der Junge aus Drei fing an zu schreien, als einige der Jägerwespen, die ihnen gefolgt waren, anfingen ihn zu attackieren. Mit sehr wenig Anmut fiel er geradezu in den See.
Mit einem Spritzen erschien Cato neben ihr. Wassertropfen flossen über einen riesigen violetten Stich unter seinem Auge und aus seinen dunklen, goldenen Haarsträhnen. Seine Augen waren allerdings leer. Sie waren so Schwarz wie das Wasser, das um sie herum flüsterte. Clove war verwirrt. Bevor sie in die Arena kam hatte sie noch nie zuvor einen Körper aus Wasser gesehen, allerdings wusste sie, dass er nicht so pulsieren sollte.
„Hol ihn dir", sagte Clove. Auch wenn sie es erst eine Sekunde nachdem die Worte ihren Mund verlassen hatten verstand, wieso sie es gesagt hatte – denn Loverboy war inzwischen wieder aus dem See heraus und rannte nun in Richtung Wald. Sie schüttelte den Kopf. Nein, nein, sagte sie sich. Reiß dich zusammen. Halluzinationen sind für die Schwachen.
Cato beachtete sie nicht. Stattdessen bewegte sich sein Kopf wie eine Schlange durch das Wasser. Heftig keuchend kroch er aus dem See. Dann war er ebenfalls weg. Verschwunden.
Folge ihnen, sagte sich Clove. Aber aus irgendeinem Grund empfand sie das dringende Bedürfnis genau dort zu bleiben, wo sie war und der Stille um sich herum zuzuhören. Nur dass die Stille an Lautstärke zuzunehmen schien. Das Zwitschern irgendeines Tieres war so laut, als würde es durch einen Lautsprecher brüllen. Der Wind donnerte, lauter und lauter. Sie war so abgelenkt, dass sie nicht einmal das Summen einer Jägerwespe hörte, bevor sie wieder gestochen wurde.
Marvels Kopf erschien langsam vor ihr aus dem Wasser, seine Haut so weiß wie eine Perle. Eine Kanone ertönte. Das Geräusch sandte Wellen durch die Luft. Marvels schwarze Augen trafen auf ihre, während das Wasser weiter um sie herum pulsierte – einstimmiger und unnatürlicher als zuvor. Er streckte einen Arm aus und berührte die Beule, die auf ihr wuchs.
Dann erhob sich das Wasser wie die Wände eines Trichters.
Clove war verzweifelt. Sie versuchte ihm zu entfliehen. Dem Wasser. Es war schwarz wie ein Grab. Es war so rot wie das Blut, das aus dem Hals von Zehn sickerte. Es war so orange wie die Flammen des Feuers. Es verbrannte sie. Es zog sie hinein. Es zerstörte sie.
Eine weitere Kanone.
Als sie sich ans Ufer zog konnte sie sich nicht erinnern wie sie dort angekommen war. Ein Teil von ihr ertrank immer noch im Wasser. Weshalb sie zurückgehen wollte. Bis sie den Körper sah.
Er lag etwas entfernt vor ihr im Sand. Das blonde Haar war ein völliges Durcheinander. Es war Glimmer. Clove konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, dass es Glimmer war. Mit dem Rücken immer noch Clove zugewandt fing sie an zu schreien. Dieses Geräusch war so unglaublich laut, dass Clove es kaum ertragen konnte. Als sie jedoch am Körper ankam, hörte es auf.
„Nein", sagte Clove. Ihre Stimme schien durch ihre eigenen Ohren widerzuhallen. „Schrei nochmal."
Aber der Körper gehorchte nicht. Clove trat ihn.
„Schrei nochmal", verlangte sie, mit dem Fuß auf den Boden stampfend. Sie wollte die Schreie noch einmal hören. Sie wusste nicht wieso, denn sie waren so fürchterlich. Aber sie wollte sie noch einmal hören.
Der Körper gehorchte immer noch nicht. Stattdessen begann das Haar grau zu werden und aus seinem Kopf zu fallen und die Haut begann wegzuschmelzen.
„Schrei nochmal! Schrei nochmal! Schrei nochmal!"
Clove war jetzt auf dem Körper. Sie zog an seinem farblosen Haar und schlug sein Gesicht hart auf den Boden, während sie kreischte. Sein Schädel begann zu knacken, aber es war nicht hart genug. Sie zog die Haarbüschel heraus, die zurückgeblieben waren. Sie fing an gegen den Rücken zu treten, bis er eingedrückt war.
Schrei nochmal. Schrei nochmal.
Sein Kopf erhob sich aus dem Dreck, um sie anzusehen. Als Clove das Gesicht sah, schrie sie gemeinsam mit ihm.
Denn das Gesicht war ihr eigenes.
Alles um sie herum wurde riesig, während sie zu Boden fiel und in ihren Schreien ertrank. Die Welt drehte sich so schnell, dass sie alles nur noch verschwommen sah. Sie starb, sie war sich so sicher, dass sie starb. Und mit diesem Gedanken änderte sich alles.
Die Landschaft versank in Dunkelheit. Überall um sie herum. Sie sah nur noch schwarz.
Noch nie zuvor hatte sie so deutlich verstanden, weshalb sie diese Farbe immer gehasst hatte.
Es war nichts. Es war nichts. Und sie war so voller Nichts. Wie viele Momente hatte es in ihrem Leben gegeben, um es zu füllen? Wie oft hatte sie auf weiße Wände gestarrt oder sich schreiend, schreiend, die Haare herausgerissen, weil es nichts gab, das sie tun konnte, um zu verhindern, sich in Nichts aufzulösen.
Aber sie würde ihm niemals entkommen.
Jetzt konnte sie alles sehen. Selbst wenn sie jeden einzelnen Tribut in der Arena tötete, selbst wenn sie überlebte, um Distrikt Zwei noch einmal zu sehen, es war egal, wie viel sie zerstörte; das Nichts würde sie immer noch zerstören. Bis zu dem Tag, an dem sie starb.
Und in diesem Moment verstand sie die totale Leere des Todes.
Wenn er kam würde ihr gesamtes Wesen aufhören zu existieren. Kein Gedanke, kein Gefühl, nicht einmal das Wissen, dass man tot war. Sie wäre fort – verlassen in der Dunkelheit für den Rest der Unendlichkeit.
Gar nichts.
Ihre Schreie rissen sie wieder zurück in die sich drehende Welt. Doch bevor sie das Gefühl von Erleichterung empfinden konnte, fiel der Himmel auf sie herab.
Während Marvel sich aus dem See zog, hörte er eine Kanone feuern.
Er atmete langsam und tief ein. Diese Kanone signalisierte den Tod von einen von ihnen. Er wusste nicht genau wer es war. Auch wenn es ihn große Anstrengung kostete seinen Verstand davon abzuhalten zu halluzinieren, versuchte er herauszufinden, wer es war. Vielleicht Loverboy? Nein, Marvel hatte ihn gesehen. Cato war noch gesund und munter – leider. Der Junge aus Drei strampelte immer noch im Wasser. Clove befand sich innerhalb Sichtweite, auch wenn es nicht wirklich den Anschein machte, dass sie noch lange durchhielt. Das Mädchen schien komplett durchzudrehen, sie schrie und schlug mit ihren Fäusten auf den Boden. Marvel würde nicht zulassen, dass das Gift aus ihm das gleiche machte wie mit ihr. Ganz Panem sah zu. Er würde weder sich noch seinen Distrikt so beschämen.
Obwohl er realisierte, dass er keine große Wahl hatte, als er sah, wie ein kleines Mädchen zwischen den Bäumen hervorgekrochen kam.
Bei ihrem Anblick wusste er, wessen Tod die Kanone signalisiert hatte. Genauso wusste er, dass dieses Mädchen nicht wirklich da war. Nicht nur weil sie tot war, sondern auch, weil diejenige, die er schreiend und auf den Boden schlagend im Lager zurückgelassen hatte, zehn Jahre älter war, als das Kind, das vor ihm stand. Ihre smaragdfarbenen Augen bohrten sich in ihn.
„Marvel." Glimmer lächelte höhnisch. Ihre Stimme war ebenso real wie vor zehn Jahren, als sie zusammen in der Akademie trainiert hatten. Er hatte sie damals genauso gehasst, wie er es heute tat.
Er wartete darauf, dass sie mehr sagte. Aber sie sagte nichts. Stattdessen öffnete das Kind nur seinen Mund, woraufhin das schreckliche Summen der Jägerwespen ertönte. Instinktiv stand er auf, um zu rennen, nur um wieder hinzufallen. Er versuchte sich selbst zu sagen, dass es nicht real war, doch die kleine Glimmer war nun direkt vor seinem Gesicht, der Mund immer noch unmenschlich weit geöffnet, während das verrücktmachende Summen seine Ohren erfüllte.
Dann war es nicht mehr Glimmer. Es war nicht einmal ein Mensch. Die Kreatur, die nun vor ihm stand, war etwas, das er sich nicht erklären konnte. Er konnte es nicht sehen, aber er wusste, dass es da war. Es war schlimmer, als jede Mutation, die er je gesehen hatte, und weitaus schlimmer, als jede Jägerwespe. Seine Anwesenheit brachte einen Schrecken mit sich, den er noch nie zuvor erlebt hatte.
Er fing an sich sein eigenes Fleisch wegzureißen, damit es ihn nicht mehr berührte. Angefangen bei seinen Armen. Er grub seine Nägel in seine Haut und riss darüber, bis sein eigenes Blut seine Finger rot färbte. Das Summen schrillte immer noch in seinen Ohren. Es war so laut, dass es schmerzte. Auch wenn es nicht mehr das Summen der Jägerwespen war. Viel mehr glich es dem Rauschen des kaputten Fernsehers, der sich in dem schäbigen, kleinen Raum befand, in dem Citrine daheim in Distrikt Eins zusammen mit ihrer Mutter lebte.
Der Gedanke an sie brachte sie in die Arena. Marvel sah, wie sie sich in der Ferne zwischen den Bäumen bewegte – ihre feurigen Locken flatterten um ihren schlanken Körper. Er konnte hören, wie sie seinen Namen rief, während sie über die Steine und Wurzeln stolperte, die ihre blinden Augen nicht erkennen konnten. Nur wurde ihre wunderschöne Stimme von dem Geräusch übertönt. Diesem gottverdammten Geräusch, bei dem er sich lieber die Ohren abreißen würde, als es noch länger hören zu müssen.
All das wurde durch einen Schrei zum Schweigen gebracht.
Er wusste, dass dieser Schrei real war. Er war natürlich. Er zog ihn aus seinen Halluzinationen, nur damit er wieder in sie hineinfallen konnte.
Es war Clove. Sie war das einzige Reale in all dem. Flach auf dem Rücken liegend drehte er den Kopf, um sie ansehen zu können. Ihr bleiches Gesicht war vollkommen verzerrt. Und dieser Schrei. Es war der Schrei tausender Todesfeen. Er wollte, dass es aufhörte. Er musste dafür sorgen, dass es aufhörte.
Er griff nach seinem Speer, der neben seiner Hand lag, während er sich auf seinen Bauch rollte, damit er in ihre Richtung kriechen konnte.
Er hatte immer gewusst, dass sie ein Monster war. Er hatte es immer gewusst.
In vielerlei Hinsicht war Peeta froh, dass sie es getan hatte. Katniss hatte sich selbst gerettet. Und vielleicht hatte sie auch ihn gerettet.
Indem sie das Nest auf sie hatte fallen lassen, hatte sie zwei der Karrieros getötet. vielleicht waren Glimmer und Marina nicht unbedingt die blutrünstigsten von ihnen, doch wenn es darauf ankam hätten sie jeden umgebracht, um zu gewinnen. Und auch wenn Peeta gestochen worden war, reichte es nicht aus, um ihn zu töten. Deshalb war es ein Sieg für ihn – ein düsterer Sieg, aber nichtsdestotrotz ein Sieg.
Trotzdem fühlte er, wie sich dort, wo er sich vor einigen Stunden an der Brust an dem Feuer verbrannt hatte, schmerzhafte Blasen bildeten. Ihm war bewusst, dass auch er Halluzinationen bekommen würde. Er wankte leicht, während er rannte, und glaubte immer noch zu hören, wie Marinas sterbendes Stöhnen seinen Namen wisperte. Sie war jetzt tot. Ihr Körper war bereits eingesammelt worden.
Während des Chaos hatte Peeta kaum darauf geachtet, was mit Glimmer passierte. Er wusste, dass sie von allen das Schlimmste abbekommen hatte. Er befürchtete, dass sie ihren Körper noch nicht eingesammelt hatten.
Aber als er durch das Unterholz krachte, war das, was er sah, viel, viel schlimmer.
„Was machst du denn noch hier?", fauchte er sie an. Katniss starrte ihn nur ausdruckslos an. Jetzt ergriff ihn absolute Panik. Cato war direkt hinter ihnen. Er würde sie töten. Er würde sie beide töten.
„Bist du wahnsinnig?", rief er und stupste sie mit dem Ende seines Speers an, damit sie aufstand. „Steh auf! Steh auf!"
Mühsam erhob sie sich, aber sie bewegte sich nicht von ihm weg. Es ging ihr schlecht. Peeta konnte sehen, wie schlecht es ihr bereits ging. Einem Kampf würde sie sich jetzt nicht stellen können. Peeta schob sie kraftvoll von sich weg.
„Renn!", schrie er verzweifelt. „Renn!"
Das Geräusch des sich durch das Unterholz schlagenden Schwertes hinter ihnen sorgte dafür, dass sie davon stolperte. Katniss würde entkommen. Es würde ihr gut gehen. Im allerdings nicht. Peeta schloss für einen Moment die Augen, bevor er sich umdrehte, um seinen Tod zu begrüßem. Er hatte zu früh gedacht, er wäre gerettet.
Cato versuchte nicht einmal die unverwüstliche Wut in seinen Gesichtszügen zu verbergen, während er sich Peeta mit dem Schwert näherte, das nun dreimal so groß wirkte, wie sonst. Peetas Gedanken wanderten zu seinem Vater. Er sah das warme Lächeln des Mannes, während er durch Peetas Haar wuschelte.
Mehr als alles andere hoffte er, dass er jetzt nicht zusah.
Cato neigte seinen Kopf und sprach. „Ich habe dich gewarnt", sagte er. Er würde fortfahren, doch Peeta wusste, dass dies seine einzige Chance war, zuzuschlagen. Sollte er fliehen würde Cato ihn wahrscheinlich schnappen, oder schlimmer, er würde Katniss hinterherjagen. Peeta wollte beides nicht. Wenn er sterben sollte, würde er als er selbst sterben. Denn auch wenn Peeta kein Kämpfer war, war er zumindest kein Feigling.
Aber er hatte Angst.
Peeta griff Cato lautlos an. Er hätte den Speer werfen können, doch wenn er verfehlte würde er ohne Verteidigung dastehen. Es gelang Cato den Schlag mit seinem Schwert zu parieren, auch wenn er es immer noch langsam tat. Das Gift drückte den kräftigen Jungen bereits nieder und machte ihn träge. Peeta wollte ihn direkt in den Bauch stechen, doch Cato schwang das Schwert gekonnt und mit solch einer Kraft gegen seinen Speer, dass er Peeta gleich mit ihm zurückwarf.
Cato hielt seinen Fuß auf Peetas Brust, bevor er wegkrabbeln konnte. Als Cato sein Gesicht zu Peeta herunterbeugte, war der Junge ebenso groß wie die Bäume.
„… wirst du schneller tot sein, als du Katniss sagen kannst", presste Cato zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Peeta hörte, wie Panem Cato anfeuerte und wie Tiere nach seinem Blut lechzten. Er konnte schwören, dass er sie durch die Arena brüllen hörte. Taten sie das für gewöhnlich? Spielten sie die Reaktionen des Publikums ab, damit die Opfer sie hören konnten? Peeta hörte auch seine Mutter und ein irres Grinsen breitete sich auf Catos Gesicht aus. Distrikt Zwölf wird trotzdem einen Gewinner haben, zischte sie. Und zumindest sie wird nicht so eine Enttäuschung sein.
„Weißt du was?", sagte Cato, der für den dramatischen Effekt versuchte Gelassenheit vorzutäuschen. Die Wirkung war allerdings noch beängstigender. Zitternd kamen seine Worte durch seine Zähne gepresst. War er in den letzten zwanzig Sekunden gewachsen? Der Junge sah plötzlich noch größer aus, als er ohnehin schon war.
„Vielleicht sollten wir das langsam angehen, hm, Zwölf? Panem will seinen Loverboy jetzt noch nicht gehen sehen."
Ohne Vorwarnung stieß Cato das Schwert in seinen Oberschenkel. Peeta dachte, er wäre auf die Schmerzen vorbereitet gewesen, doch ganz sicher nicht darauf. Sein Körper verkrampfte, doch Catos Fuß hielt ihn weiterhin auf dem Boden. Er konnte sich nichts davon abhalten, zu schreien. Er konnte Cato kaum noch sehen. Es schien, als wären all seine anderen Sinne ausgeschaltet worden, und alles, was er fühlen konnte, war der unerträgliche Schmerz.
Das Schwert schnitt direkt durch den Muskel seines Oberschenkels und kratzte vielleicht sogar auch an seinem Knochen. Peeta hörte Catos Gelächter, als wäre es weit entfernt. Noch weiter entfernt hörte er das leise Weinen seines Vaters. Noch viel weiter hörte er das Flüstern von Katniss, wie sie ihm zusah, viele Jahre später, daheim in Distrikt Zwölf, mit der Siegeskrone immer noch in ihren Haaren.
Ihre Worte wurden vom Wind getragen, direkt an seinem Gesicht vorbei.
Cato genoss Loverboys Schreie. Er verharrte dort und beobachtete ihn dabei, wie er versuchte wegzukriechen, bis er wieder dieses vertraute Summen hörte. Er rannte den Weg zurück, den er gekommen war, und raste durch die Bäume, aber das kleine Biest erwischte ihn trotzdem. Er zerquetschte es, bevor es davon fliegen konnte. Er starrte auf seine Handfläche und glaubte, er könnte die abgetrennten Flügel immer noch schlagen sehen. Er schüttelte den Kopf.
Als er sich zum Wald umdrehte, befand er sich nicht mehr in der Arena. Nein, er war in der Arena. Aber sie sah nicht aus wie die Arena.
Irgendetwas hatte sich verändert. Er nahm an, dass die Bäume die gleichen waren. Es waren weder die Felsen noch der Erdboden. Doch dann begriff er, dass es die Luft selbst war. Sichtbar pulsierte sie um seinen Körper, während er durch sie hindurch ging. Er wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht und staunte, als er die merkwürdigen Vibrationen um seine zitternden Finger sehen konnte. Dann verstand er, was passierte. Angst ergriff ihn.
Die Luft dieses Ortes hielt ihn hier gefangen.
Nein, knurrte er trotzig. Dann stürmte er los und bemerkte stumpf wie langsam er geworden war. Die aufgehende Sonne am Himmel lastete auf ihm und drückte ihn zu Boden. Aber er würde das nicht zulassen.
„Mein Cato, immer ein Kämpfer", sagte Licinia, die ihn finster anblickte, während sie hinter einem Baum hervortrat. Er bemerkte, dass sich ihre Nase wütend kräuselte, wie die eines knurrenden Hundes.
Was machst du hier, Mutter?, zischte er, um sie von sich fernzuhalten.
„Mein Cato, immer ein Kämpfer", sagte sie wieder, nur dass sie sich jetzt um den Baum drehte. „Mein Cato, immer ein Kämpfer. Mein Cato, immer ein Kämpfer."
Sie sang. Er bedeckte seine Ohren. Hau ab! Er versuchte sie anzuschreien, aber er konnte nicht. Er konnte gar nichts tun. Du Miststück! Hau ab! Hau ab! Plötzlich flogen die dunklen Bäume wieder an ihm vorbei, und er war sich sicher, dass er sich bewegte. Aber er konnte nicht sicher sein. Es gab nichts mehr, über das er sich sicher war.
Sein Körper krachte auf den Boden und sofort begannen sich Wurzeln in seine Richtung auszubreiten. Er griff nach seinem Schwert, um sie kaputt zu hacken, aber die Waffe war zu schwer.
Nein, bleib. Es waren die Bäume, die sprachen, überredeten. Der Boden fand seinen Weg nach oben, oder vielleicht versank er auch darin. Er würde für immer hier gefangen sein, mit Sicherheit.
Steh auf, mahnte er sich selbst. Steh auf!
Seine Knie gaben nach, als er versuchte aufzustehen, also kroch er. Erde und Schmutz flog in die Luft, während sie versuchten ihn in ihrem widerlichen Flüstern zu begraben, aber er würde das nicht zulassen. Dann kamen die Käfer. Scharenweise kamen Sie von den Bäumen und krochen aus dem Boden heraus. Vollständig bedeckten sie ihn und plötzlich begann ihn etwas in die Erde zu ziehen. Er versuchte zu schreien, doch es war bereits zu spät.
Er sah, wie sich sein Körper an diesem Ort zersetzte und sich die Würmer in seine toten Augen bohrten. Pilze wuchsen aus seinen Gliedmaßen und sein Mund war geöffnet zu einem ewigen Schrei, da die Welt bereits vergessen hatte, dass er je existierte. Und dann sah er sie, ihren schlanken Rücken, bevor sie in pinkes Wasser in einer Badewanne glitt, zuhause in Distrikt 2, und sie hob ein edles Glas in ihren weißen Fingern, legte den Kopf zurück, um einen Schluck zu nehmen. Sie lachte. Sie lachte und lachte. Sie hatte gewonnen und er hatte verloren. Er verrottete, er würde diesen Ort niemals verlassen, niemals den Ruhm erhalten, nachdem er sich so lange gesehnt hatte, ein Leben, das vergebens gelebt worden war.
Diese Erkenntnis war seine größte Angst. Diese Wahrheit würde er niemals vergessen. Und als er das verstand, gab ihm der absolute Horror darüber seine Stimme zurück. Er schrie. Er schrie wie er sich noch nie zuvor hatte schreien hören.
Die Bäume trennten sich wie ein Vorhang, um den See zu enthüllen. Das Wasser war rot. Alles wurde rot.
Er sah, wie etwas durch den Schlamm glitt. Es war blass und golden. Doch dann wurde es rot. Zwischen den sich wechselnden Farben erkannte er, dass es Marvels Gesicht war. Das, worauf er sich zubewegte, sah aus wie nichts anderes als ein Ball auf dem Boden. Doch Cato kannte diese schwarzen Haare und er kannte diese Schreie. Es war Clove.
Ich habe dich, hallte ihre Stimme um ihn herum. Sie hatte ihn. Sie hatte ihn wirklich.
Jetzt konnte er sehen, wie viel Angst sie ihm einjagte. Denn auch wenn er es sonst versuchte zu ignorieren, konnte sie wirklich gewinnen. Sie könnte gewinnen und er könnte hier sterben, für immer an diesem Ort gefangen, während die Welt seinen Namen vergaß.
Die Welt würde niemals seinen Namen vergessen.
Cato sah, was Marvel mit dem Speer vorhatte, der in seiner Hand schimmerte. Aber er würde ihn daran hindern. Er würde sie töten. Er würde sie töten und es Distrikt Zwei zeigen. Er würde es der Welt zeigen.
Er rannte, um zu beschützen, was ihm gehörte. Marvel bemerkte ihn kaum, hob gerade den Speer, als er beinahe über dem schreienden Mädchen zusammensackte. Cato sah wie seine eigene Faust gegen den Kiefer des Jungen schlug.
Und dann sank er zu Boden, auf sie drauf.
