14. Tausend verschiedene Ängste
Als sie den Horizont erreichte warf die Sonne hässliche, lilafarbene Risse über den Himmel. Nur dumpf bemerkte Clove die Beschaffenheit dieser Objekte, denn ihr Verstand war noch zu schwach, um sie zuzuordnen, wie er es normalerweise getan hätte. Ihre Augen waren zu trocken, um offen zu bleiben, trotz ihrer Bemühungen. Langsam sank sie zurück in das, was sie vielleicht nun bereits eine Million mal erlebt hatte, und was sie sicherlich noch eine weitere Million mal erleben würde, bis es vorbei war. Wenn es jemals vorbei sein würde.
Sie sah einen alten Freund.
Es war allein mit ihr im Raum. Wann immer sie es sah, waren sie stets allein. Vor vielen Jahren hatte es viele wilde Anfälle verursacht, viele unkontrollierbare Aggressionsausbrüche – viele beunruhigende Reisen über ein Meer der Beruhigung. Wegen diesem Ding vergaß Clove nie wie es war, sich zu fürchten.
Sie starrte ihm in die Augen und es starrte auch in ihre. Tausend Jahre vergingen in nur wenigen Sekunden. Die Mauern des Gebäudes begannen zu bröckeln. Die Bäume um sie herum verwelkten und starben. So blieben sie für immer, bis nur noch sie übrig waren. Und sie war wirklich allein. Nur sie und diese Kreatur, für den Rest der Zeit.
Außerhalb ihrer Halluzination erschauderte ihr Gesicht zur Antwort.
Cato erlangte schmerzhaft das Bewusstsein, als er unwillkürlich seinen Rücken krümmte. Es waren sowohl der Schmerz, der ihm durch sein Rückgrat schoss, als auch das donnernde Geräusch seiner eigenen Schreie gewesen, die ihn zurückgebracht hatten. Seine Sicht war mit diesem schmierigen Film überzogen, den er seit dem Morgen, an dem dieses Miststück diese kleinen verdammten Monster auf ihn fallen gelassen hatte, nur zu gut kannte. Nur die Hölle wusste, wie lange das her war.
Alles was er hören konnte war das Klingeln in seinen Ohren. Sein steifer Nacken machte ein beunruhigendes, leises Knacken, als er ihn neigte, um Cloves dunkles, mattes Haar neben sich zu sehen. Keiner von ihnen befand sich auch nur annähernd in einer bequemen Position, dass man vermuten könnte, dass sie sich absichtlich so zusammengekauert hatten. Er versuchte seinen Arm zu bewegen, nur damit er sich über ihren Körper rollen und ihr Gesicht sehen konnte. Er konnte sich nicht erklären, warum er es sehen wollte. Vielleicht um zu beweisen, dass er nicht in einer weiteren Halluzination versinken würde.
Wie auf Kommando rührte sich Clove, beinahe ein wenig zu schnell. Sie rollte sich herum und hob ihr Kinn, um ihn anzusehen. Ihre Lippen waren weich, mit nicht einmal einem Riss, der bezeugen würde, dass sie für Stunden (Tage, vielleicht sogar Wochen) ausgeknockt gewesen war. Wenn nicht einmal das ein Hinweis darauf war, dass er immer noch unter dem Gift der Jägerwespen litt, dann gab es keinen Zweifel mehr daran, als sie auf ihn drauf kletterte.
Ihr Haar stand an allen Enden ab, als sie ihn bestieg, und dabei die verblasste Sonne abschirmte. Er beschloss, dass es keine Rolle spielte, ob dies eine Halluzination war oder nicht. Cato wusste nur, dass er sie in genau diesem Moment wollte. Deshalb hielt er sie nicht auf, als sie langsam ihre Lippen auf seine legte. Allerdings war sie dabei zärtlich, was ganz und gar falsch war. Er drückte seine Hüften gegen ihre, woraufhin sie nur mit der gleichen Kraft ihren Oberkörper hob. Als würde sie nichts wiegen.
Frustriert lehnte er sich zurück, damit er ihr in die Augen sehen konnte. Doch als er das tat, sah er, dass sie nicht schwarz waren.
Sie waren grau.
Das rüttelte ihn wach. Er versuchte sie von sich runterzuwerfen, damit er sie auf dem Boden festnageln und sie umbringen konnte. Doch auf einmal wog sie mehr als er. Stattdessen war sie es, die ihn unter sich gefangen hielt und ihre Schenkel gegen seinen Oberkörper drückte, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Seine Hände schossen hoch, um ihr Gesicht zu packen, damit er ihr die blasse Haut direkt von den Knochen reißen konnte. In Gegenwehr schlug sie seine Hände fort und brachte ihr Gesicht nahe an seins heran.
Als Katniss ihren Mund öffnete, um zu sprechen, hörte Cato die Stimme von Caesar Flickerman.
„Es tut mir leid, aber die Zeit ist um. Viel Glück, Katniss Everdeen, Tribut aus Distrikt Zwölf!"
Das Gejohle von den Tausenden ihrer Bewunderer, die sie im Kapitol hatte, setzte die umstehenden Bäume in Brand. Und bevor er daran denken konnte, dass sie alle ihm gehören würden, schlug sie ihren Kopf hart gegen seinen Schädel. Die gesamte Welt wurde wieder dunkel.
„Weißt du noch, wie du mir sagtest, dass du mir alles geben würdest, was ich will?"
Die Strähnen ihres Haares sahen aus wie blutige Streifen auf der weißen Seide, auf der sie lag. Ihre Augen waren nicht auf ihn gerichtet. Das waren sie nie. Aber ihr Lächeln war so schön wie immer, als sie über ihren eigenen kleinen Scherz kicherte. Die süße Stimme erklang noch einmal.
„Erinnerst du dich, Marvel? Weißt du es nicht mehr?"
Und dann verschwand sie in den Decken. Seine Reaktion auf die erschütternde Angst, die er bei dem Gedanken daran verspürte, sie komplett verloren zu haben, war ihr sofort hinterher zu kriechen. Sie war jedoch schneller als er und sie hastete durch sie hindurch, bis sie so weit weg war, dass er nur ihr entferntes Lachen hören konnte. „Citrine!", brüllte er. Aber er gab keinen Laut von sich. Er war bereits weg.
Die Laken wurden von seinem Körper gerissen und er stand vor den hoch aufragenden Gebäuden und einer Menschenmenge in Distrikt Eins. Für den schmerzhaften Bruchteil einer Sekunde empfand er den Ruhm, den er sein Leben lang erwartet hatte. Doch dann griffen ein Paar Hände hart in seine Schultern und warfen ihn zu Boden. Er konnte seinen Mörder nicht sehen. Aber diese Hände rissen ihn auseinander und warfen jeden einzelnen Teil von ihm weit entfernt auf den Boden.
Doch nicht weit genug. Er sah immer noch das verzerrte Lächeln seiner Kameraden, während seine Überlegenheit zu Einzelteilen zerbröckelte. Er hörte die bestürzten Schreie von Citrine, als die raue, unversöhnliche Welt sie vernichtete, weil sie nicht überleben konnte, ohne dass er sich um sie kümmerte.
Schließlich schnipste sein Vater alles, was von ihm übrig war, so lieblos weg, als würde er den Staub von einem Familienporträt wegwischen.
Nur ein dunkler Fleck über einem Bild der Perfektion. Für immer vergeudet.
Circuit trug ein weiteres Mal Brandcreme auf seine Stiche auf. Es half nicht viel gegen die Schwellung, aber gegen die Schmerzen, wenn auch nur ein bisschen. Er war nur einmal gestochen worden. Im Vergleich zu den anderen befand er sich bei bester Gesundheit.
Was hatte er nicht für ein Glück?
So viel Glück, dass er den anderen dabei zusehen konnte, wie sie litten – zu verängstigt, um sie tatsächlich selbst zu töten und zu hoffnungsvoll, denn trotz all des Wünschens und der Sachen, die er sich in den vergangenen zwei Tagen gesagt hatte, wusste er dennoch, dass sie überleben würden. Jederzeit würde einer von ihnen aufwachen. Ihre dumpfen Schreie wurden allmählich immer leiser.
Du kannst sie immer noch töten, sagte ihm eine leise Stimme.
Es stimmte. Er könnte es immer noch tun. Jeder von ihnen war ihm ausgeliefert – sogar der Junge aus Zwei.
Doch selbst in ihren schwächsten Zuständen jagten sie ihm immer noch eine grauenvolle Angst ein.
Er wusste, dass es seinen Tod bedeuten würde, wenn er jetzt nicht handelte. Feigheit war das Wort, mit dem er es beschrieb. Vielleicht würden sie ihn, wegen allem, was er für sie getan hatte, schmerzlos töten.
Oh, wo war Peeta in diesem Moment? All das wäre so viel besser, wenn nur Peeta bei ihm wäre. Er wusste, dass ihm etwas Schlimmes widerfahren war. Circuit hatte seine Schreie aus den Tiefen des Waldes gehört, nachdem Cato ihm nachgejagt war. Doch nachdem er die Augen die letzten zwei Nächte während der Hymne auf den Himmel gerichtet hatte, wusste er, dass er immer noch am Leben war. Was, wenn er einfach aufbrach, um ihn zu finden? Was, wenn–?
Der Junge aus Eins wurde ruckartig wach. Sein üblicherweise gezähmtes, blondes Haar stand in alle Richtungen ab, als er sich vom Boden erhob. Seine Augen schienen unfokussiert. Gerade als er sich aufgerichtet hatte beugte er sich vor und erbrach sie auf den Boden.
Angst überfiel Circuit. Es war zu spät. Er hätte sie töten sollen! Er hätte sie einfach töten sollen! Wie hatte er nur so dumm sein können? Obwohl … es war noch nicht zu spät. Eins war schwach. Er war sehr schwach.
Vorsichtig stand Circuit auf und kroch um die Essenshaufen herum und über die Landminen, die er kreiert hatte. Aber er bewegte sich zu langsam und bevor er auch nur in die Nähe von Eins kam, erkannte er, dass nichts von dem funktionieren würde. Eins fing seinen Blick auf, als er gerade noch drei Meter entfernt war.
Dieser Junge sah jetzt ganz anders aus. Er wirkte so … nun, das einzige Wort, an das Circuit denken konnte, war verletzlich. Sein Gesicht war leer, seine Haut war kränklich gelb, die Stiche auf seinem Arm waren abscheulich. Aber die Augen des Jungen attackierten ihn immer noch auf solch eine Art, dass Circuit sich nicht mehr vorwärts bewegen konnte. Er konnte sich sogar überhaupt nicht mehr bewegen.
Irgendetwas war völlig anders in den Augen von Eins. Es waren weder die roten Äderchen, die das Weiß befleckten, noch die dunklen, ausgezehrten Schatten, die darunter hingen. Vielmehr war es der Ausdruck, den seine Augen in sich trugen. Als Circuit den Jungen das letzte Mal bei Bewusstsein gesehen hatte, waren sie distanziert gewesen und hatten ständig auf die Menschen herabgesehen, stets mit gesenkten Lidern, als ob es ihn nicht weniger interessieren könnte, wer vor ihm stand. Jetzt waren sie weit, wütend und beinahe erschrocken – die Augen eines geschlagenen Tieres.
Als Circuit zurückwich, geschah dies nicht aus Mitleid. Es geschah aus Angst. Trotz allem konnte er nicht verhindern, die Spiele mit grimmiger Faszination dafür zu bewundern, dass es ihnen immer wieder gelang, alle ihre Tribute zu brechen, egal wie gut sie vorbereitet gewesen sein mochten, als sie die Arena betraten.
Clove öffnete ihre Augen für eine beunruhigend freundliche Welt sowie stechende Kopfschmerzen. Wellen des Schmerzes überfluteten ihren gesamten Körper und sie konnte das Stöhnen nicht unterdrücken, das über ihre Lippen kam. Alles tat ihr weh, vom Kopf bis zu den Füßen. Vielleicht war der Himmel während der Halluzinationen tatsächlich auf sie herabgefallen.
Die Halluzinationen. Sie erinnerte sich wieder an sie und mit Widerwillen stellte sie fest, dass sie endlich vorbei waren. Ihr Schmerz war zu real, als dass sie sich immer noch in ihnen befand.
Dann begann sie die Dinge wieder wahrzunehmen – vor allem die Gestalten, die in der Ferne entlang schlürften. Die größte erkannte sie als Cato. Ein schmalerer, schlankerer Schatten saß in einer beinahe Embryohaltung über einen Speer gebeugt und schärfte ihn – Marvel. Und der kleinste von allen war letztendlich der Junge aus Drei, der Schmutz in ein Loch im Boden trat.
Clove drehte sich um, als die Übelkeit in ihr hochstieg. Ihre Kleidung war dreckig und mit Schweiß und Schmutz befleckt. Was war passiert? Wie lang war sie hier gewesen? Die Informationen kamen bruchstückhaft zu ihr zurück und schoben sich durch die ungreifbare, alptraumhafte Welt, aus der sie gerade erwacht war. Nichts davon machte so wirklich Sinn. Ihr Körper war schwach und ihr Verstand noch viel schwächer. Sie brauchte Wasser. Das war das Wichtigste.
Die anderen ignorierend gab sie ihr Bestes, als sie sich auf den Bauch drehte, ohne sich zu übergeben. Das Wasser des Sees vor ihr war blau und schimmerte – überhaupt nicht wie der zerstörerische, schwarze Trichter, als den sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Mit schmerzhafter Anstrengung kämpfte sie sich bis an den Rand. Cato beobachtete sie währenddessen. Jedoch war er nicht so freundlich seine Hilfe anzubieten, denn er wusste verdammt gut, dass sie seine Hilfe nicht wollen würde, vor allem nicht wenn sie in solch einer schlechten Verfassung war. Sie würde dasselbe für ihn tun, wenn die Rollen getauscht wären. Nur jemand der aus Distrikt Zwei stammte wusste einen anstrengenden Kampf zu würdigen. Das war es, was sie auf diesem Feld von den anderen unterschied.
Als sie das Ufer erreichte zögerte sie nicht und tauchte den ganzen Kopf in den See, um Wasser zu schlucken. Doch das war ein Fehler. In dem Moment, in dem sie ihr Kinn hob, um Luft zu holen, kam all das Wasser, das sie getrunken hatte, zusammen mit einer guten Menge schmerzhaft trockener Magensäure wieder hoch. Während sie es auf den Boden erbrach kochte Frustration in ihr hoch. Sie mag ihr ganzes Leben lang trainiert haben, doch niemand hatte sie darauf vorbereitet: krank, müde, gefangen in einem Körper am Rande des Todes. Vor der Arena war sie so sehr an die Zivilisation gewöhnt gewesen, in der Medikamente zur Behandlung von Krankheiten verabreicht wurden und in einigen besonders wohlhabenden Familien hatte es Avoxe gegeben, die einem Wasser oder Essen brachten, wenn man danach verlangte.
Genau in dem Moment erinnerte sie sich an alles, was passiert war. Das Biest aus Zwölf hatte das Nest der Jägerwespen auf sie fallen lassen. In Zwei hatte ihr die Akademie alles über diese kleinen Biester beigebracht. Wie das Kapitol sie kreiert hatte, um auf die Punkte zu zielen, an denen im Kopf die Angst lebte. Wie sie sie an verschiedenen Orten in den ärmeren, einfacheren Distrikten einschleusten, um deren erbärmliche Bewohner unter Kontrolle zu halten. Deswegen musste dieses Miststück sie gekannt haben. Könnte sie diesen Baum vielleicht bewusst ausgewählt haben? Wusste sie genau, was sie tun würden? Dass sie am Boden lagern und auf sie warten würden?
Diese Gedanken machten Clove trotz ihres Zustands wütend. Das Schwein kam ihr wieder in den Sinn – sein Kreischen war in ihren Ohren genauso laut wie an dem Tag, an dem sie es gehäutet hatte. Aber jetzt verstand sie, dass dies nicht genug war. Sie musste nur daran denken, wie … wie –
Nein, nicht jetzt. Sie rief sich in Erinnerung, dass Wasser wichtiger war, als Pläne zu schmieden, wie sie Zwölf abschlachtete. Abgesehen davon war es schwer daran zu denken jemanden zu töten, wenn man selbst am Rande des Todes stand. So zumindest fühlte es sich an.
Tod. Das Wort ging ihr durch den Kopf, bevor es wirklich an Bedeutung gewann. Sie bemerkte, dass Glimmer nicht zu den Schatten gehörte, die sie beim Aufwachen gesehen hatte. Auch nicht die Seeschnecke. Oder Loverboy. Nachdem sie Wasser getrunken und ihren Körper einige Zeit entspannt hatte, setzte sie sich langsam auf, um den anderen gegenüberzutreten. Überraschenderweise sah sie, als sie sich umdrehte, dass Marvel sie beobachtete. Nun, beobachten war nicht das richtige Wort dafür. Starren wäre ebenfalls keine passende Wahl gewesen, um es zu beschreiben. Er hätte genauso gut auch fauchen könnten. Und auch wenn Clove es nicht verstand, sah sie auch nicht von ihm weg.
All das wurde von einem schwarzen Samtetui unterbrochen, das mit einem Klonk auf dem Boden landete, sich aufklappte und dabei Cloves eigene Messer offenbarte.
Sie sah auf und sah Cato in einer angespannten Position stehen, als würde er sich auf einen Kampf vorbereiten. Oh, er war wütend. Sie kannte den Ausdruck, den er trug, mittlerweile fast zu gut – sein Kiefer verkrampfte sich, so wie er es immer tat, wenn er wahnsinnig wurde, die Haut in seinem Gesicht war blutrot, seine Lippen waren zu einer langen, geraden Linie zusammengepresst. Clove sah, dass er erfolglos versucht hatte den Stachel aus der Schwellung unter seinem Auge zu entfernen, die nun aus einer grässlichen Mischung aus Violet und Grün bestand.
„Du bist besser bereit um aufzubrechen, wenn die Sonne untergeht", schnauzte er sie an.
Clove verengte ihre Augen. Ehrlich gesagt war sie nicht sicher, ob ihre Stimme funktionieren würde, wenn sie versuchen würde sie zu benutzen. Aber sie tat es trotzdem. Und mit heiserer Stimme antwortete sie: „Wie schön zu sehen, dass du dich so gut erholt hast, Arschloch."
Cato schnappte wie eine gerissene Saite. „Pass auf was du sagst, du kleines Miststück!", zischte er.
Jedoch beängstigte die Reaktion Clove nicht. Wenn überhaupt, dann nervte sie sie. Sie war nicht in der Stimmung für eine von Catos angepissten, kleinen scheiß Anfällen. Ihr Kopf pochte jetzt schon viel zu sehr. Statt darauf anzuspringen, starrte sie ihn daher nur an und fauchte: „Verpiss dich."
Plötzlich stürmte er auf sie zu wie ein wütender Stier. Ihr ging es zu schlecht, um zu verstehen, was genau er tat. Sie sah, wie sein Körper die Sonne vor ihr abschirmte. Dann krachte etwas Flaches und Kaltes ohne Vorwarnung hart in ihr Gesicht und ihr Körper knallte auf den Boden. Ihre Sicht wurde sehr schnell von schwarzem Schnee verdeckt. Als er begann wegzuschmelzen, sah sie wie Cato in den Wald stürmte und sie mit einem vermutlich ziemlich großen Striemen zurückließ. Sie war sich nicht sicher, ob er sie geschlagen oder mit der flachen Seite seines Schwertes getroffen hatte, am Ende spielte es in ihrem Zustand auch keine Rolle. Eine Zeit lang lag sie einfach nur da – zu wütend, um zu sprechen und zu sehr von Schmerzen geplagt, um sich zu bewegen.
Schließlich fragte sie Marvel, was mit den anderen geschehen war.
Mit einem düsteren Lächeln sagte er: „Glimmer ist tot."
„Und was ist mit Vier und Zwölf?", fragte Clove, das Wort Zwölf brannte auf ihren Lippen.
„Vier ist tot. Cato hat irgendwas mit Zwölf gemacht, aber er ist immer noch da draußen."
Wenn der Vorfall der Jägerwespen dafür gesorgt hatte, dass Cato vor Wut schäumte, dann hatte er etwas vollkommen anderes mit Marvel angestellt. Alles an ihm war anders. Anstatt zu faulenzen, wie er es sonst immer während ihrer Ruhepausen tun würde, hatte er die Knie an sein Kinn gezogen und seine Finger strichen immer wieder über den Kopf des Speeres. In den Vertiefungen seines Gesichts lagen violette Schatten – vor allem unter seinen Augen. Er ließ sein Haar in einem unbändigen Chaos. Es war unterhaltsam den Jungen so zu sehen, so weit unten von seinem Thron.
Doch statt sich im Augenblick darauf zu konzentrieren verarbeitete sie seine Worte. Glimmer und die Schnecke waren also tot? Darüber war sie nicht glücklich. Wut kochte in ihr hoch. Zwölf hatte ihr die Möglichkeit genommen diese beiden zu töten. Sie waren gut ausgebildet gewesen – sogar Glimmer. Das Mädchen mag im Gegensatz zu ihnen inkompetent gewesen sein, doch auf keinen Fall im Vergleich zu den anderen Tributen. Es war solch eine Verschwendung, dass ihre Leben von jemand so Unbegabtem genommen worden war. Die einzigen Tribute, die das Recht hatten die Mitglieder ihrer Allianz umzubringen, waren die Mitglieder ihrer Allianz. Nicht so ein widerlicher Tribut aus Zwölf.
Clove ballte ihre Fäuste. Zwölf würde nie begreifen, was auf sie zukommen würde. Sie hatte keine Ahnung.
Als Cato zurück ins Lager gestampft kam, hatte er sich kaum beruhigt. Sein Gesicht war immer noch so rot wie eine Tomate und der Stich unter seinem Auge sah nur noch schlimmer aus. Ebenso wie die Ansammlung der verblassten, pochenden Beulen auf seinem Arm.
In der Zeit, in der er fort gewesen war, hatte Clove jeden ihrer eigenen Stachel herausgeschnitten. Sie wusste, dass es ihrem Körper nur noch mehr Schaden würde, wenn sie sie drin ließe. Was sie nicht verstand war, weshalb ihre Sponsoren ihr dafür keine Salbe schickten. Distrikt Eins unterstützte seinen Tribut. Früher am Tag hatte Clove Marvel neidisch dabei beobachtet, wie er einen silbernen Fallschirm aus der Luft pflückte, bevor er den Boden berührte. Das Gift der Jägerwespen hatte dem Jungen definitiv nicht gut getan – er hatte nicht einmal einen aufgeblasenen Blick in Cloves oder Dreis Richtung geworfen, als er sein Bündel öffnete. Zu Cloves Vergnügen hatte er sich den Tag über ziemlich untypisch verhalten. Beinahe paranoid. Jede ihrer Bewegungen brachte ihn zum Zusammenzucken oder zumindest dazu sie anzusehen. Gelinde ausgedrückt war es sehr befriedigend.
Cato kam auf sie zu. Mit Augen wie Stahl sagte er bloß: „Jetzt."
Clove verstand was er meinte und stand auf, während sie ihn dabei wütend anstarrte. Die Stelle, an der er sie an der Seite ihres Gesichts mit seinem Schwert getroffen hatte, brannte immer noch. Es würde nicht aufhören zu brennen, bis sein Blut an ihren Messern klebte. Im Moment war sie jedoch zu schwach, um gegen ihn zu kämpfen.
Drei erhob sich ebenfalls, doch Cato ließ ihn mit einem einzigen Blick innehalten.
„Du gehst nicht bevor der Job erledigt ist", sagte er und ruckte mit dem Kopf in Richtung des letzten Sprengstoffs außerhalb seines Loches. „Es ist schon schlimm genug, dass du so lange brauchst. Die anderen Tribute könnten dich bei der Arbeit gesehen haben und wissen inzwischen, wie sie sie umgehen können. Du hast verdammtes Glück, dass ich dich am Leben lasse."
Drei nickte ohne ihm in die Augen zu sehen. Ihr Essen war nun inmitten eines Arsenals an Sprengstoff gehortet. Kein Tribut würde da rankommen. Sie konnten nun jagen und essen, wie sie wollten. Der Plan war brillant. Und obwohl Clove nicht behaupten konnte, dass sie froh war, den Jungen am Leben gelassen zu haben, war er ihnen doch nützlich gewesen. Und dennoch würde es nicht lange dauern, bis sie auch ihn töteten.
Marvels Lippen pressten sich aufeinander, während seine Augen zwischen den beiden hin und her huschten. Er umklammerte den Griff seines Speers so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
„Na dann los", sagte Clove. Sie hob vom Boden eine Nachtsichtbrille auf, ohne darüber nachzudenken, auch eine für Cato aufzuheben. Dann schritt sie ihnen voraus, ohne ein Wort zu sagen.
Diese Nacht wurden zwischen ihnen nicht viele Worte gewechselt. Clove war zu schwach, um Energie an ihren Distriktpartner oder Marvel zu verschwenden. Cato schien jedoch eine Menge Energie zu haben, jedoch konzentrierte sie sich nur auf eine Sache.
Nachdem sie sich etwa eine Stunde durch den Wald gekämmt hatten, preschte Cato gewaltsam durch das Unterholz. „Wo verdammt noch mal ist sie?", knurrte er.
Clove rollte mit den Augen, weil sie genau wusste, über wen er sprach. „Es ist eine große Arena", blaffte sie. „Sie wird nicht plötzlich aus dem Nichts auftauchen."
Aber ihre Worte schienen Catos Ohren nicht zu erreichen. „Sie ist hier irgendwo. Ich weiß, dass sie es ist. Wir gehen da lang", sagte er und marschierte in einen tieferen Teil des Waldes.
Marvel erwiderte darauf nichts Gegenteiliges und so folgte Clove widerstandslos. Doch im Laufe der Nacht verlief Catos Suche immer erfolgloser. Und Clove verlor immer mehr ihrer ohnehin schon kaum vorhandenen Kraft. Aber Cato war lächerlich entschlossen. Während die Zeit verlief begann er die Stille zwischen ihnen zu brechen und sprach nur von Katniss. Das Mädchen war das einzige woran er denken konnte. Er war vollkommen von dem Gedanken besessen sie zu finden. Aber die Sinnlosigkeit des Ganzen steigerte sich mit jedem Schritt, den sie machte, bis Clove sich schließlich gegen einen Baum lehnen musste, um nicht umzufallen.
„Was machst du da?", schnauzte Cato und fuhr herum, als er bemerkte, was sie tat. Vor ihnen blieb Marvel stehen.
„Wir werden sie jetzt nicht finden" sagte Clove, ohne einen von ihnen anzusehen.
Cato trat auf sie zu. Als er seine Nachtsichtbrille anhob, leuchteten seine Augen beinahe in der Dunkelheit.
„Ich werde sie finden", antwortete er.
Clove starrte ihn finster an. „Ich gehe zurück", sagte sie.
Sein Verlangen hatte sich in Besessenheit verwandelt – sie konnte es bereits sehen. Am Ende würde es ihn in diesen Spielen nur benachteiligen. Er war ein Narr.
Als sie ihm den Rücken kehrte, hörte sie sein Knurren. „Du bist schwach."
Der Kommentar brauchte eine Weile, um gegen ihre Haut zu klatschen und in ihr Gehirn einzudringen. Er verbrannte jeden ihrer Sinne und setzte jeden Teil von ihr in Brand. Schwach? Hatte er sie gerade schwach genannt?
Sie griff in ihre Jacke und zog ein Messer heraus. Es war eins ihrer stämmigeren – ein großer Dolch, befestigt an einem dicken Griff. Distrikt Zwei sah in diesem Moment zu. Vielleicht stimmten sie ihm zu, vielleicht auch nicht. Egal, es kümmerte sie nicht, wie sie in ihren Augen dastand. Deren Meinung konnte Clove nicht weniger interessieren. Aber sie bedeutete Cato alles. Sie konnte ihn auf eine Weise demütigen, wie er es nicht konnte. Vielleicht war das eine seiner Schwächen.
Und dennoch musste sie feststellen, dass die Spitze seines Schwertes auf das untere Ende ihres Brustkorbs deutete, als sie sich umdrehte.
Sie wusste nicht, was er von ihr erwartete. Unter normalen Umständen würde sie annehmen, dass er nur auf irgendeine Reaktion wartete. Dies war kein normaler Umstand. Seine Augen brannten sich in ihre. Vielleicht hatte er wirklich vor, sie zu töten.
Vielleicht lag es an der Erschöpfung. Vielleicht war es etwas anderes. Aus welchem Grund auch immer konnte Clove sich nicht zurückhalten zu lachen. Sie hörte auf, als seine Klinge ganz sacht in ihren Körper drang.
„Du machst was ich sage", hauchte er.
Ohne nachzudenken holte sie mit dem Messer aus, um damit seine Wange zu treffen. Aber Cato war schneller. Er zog das Schwert weg und schlug ihr das Messer aus der Hand. Bevor sie ein weiteres hervor ziehen konnte drückte er die Klinge wieder gegen ihren Bauch. Nur dass er dieses Mal beabsichtigte bis zum Anschlag einzudringen.
„Du bestimmst nicht über mich!", zischte sie. Trotz des Tons ihrer Stimme entfernte sie sich von ihm. Langsame, zaghafte Schritte, während das Schwert immer weiter in sie eindrang.
Und dann lehnte sie mit dem Rücken gegen einen Baum.
„Oh, ich bestimme über dich", sagte er mit dem Hauch eines Lächelns im Gesicht. Aber Clove wusste, dass er alles andere als erfreut war. Sie konnte seine Wut in dem scharfen Klang seiner Worte hören. Sie konnte es in diesen leeren Augen sehen. Und sie wusste, dass in diesem Moment nichts dahinter geschah. Seine Bösartigkeit war ein Instinkt, der keiner Überlegung bedurfte.
Das Schwert drang tiefer in ihre Haut ein. Bevor sie es verhindern konnte, brachte der Schock sie zum Keuchen. Sofort verspürte sie das stechende Gefühl und sie fühlte, wie Blut über ihre Hüften tropfte. Er führte seine Lippen an ihr Ohr und sein Atem stieß dagegen, so hart und unerbittlich wie Stahl.
„Du spuckst auf unseren Distrikt", flüsterte er. „Es ist eine Schande. Ich sollte dich verdammt noch mal töten."
Mit zitternden Händen drückte Clove ihre Handflächen gegen das Schwert, um dagegen anzukämpfen. Erneut erwachte ein Feuer in ihr.
„Dann wag es nicht es schnell zu machen", sagte sie aufrichtig.
Als sein Atem zwischen den scharfen Kanten seiner weißen Zähne drang, kühlte er ihre Stirn. Das Heben und Senken seiner Schultern sowie seine angespannte Atmung waren ungleichmäßig. Die kleinsten Andeutungen farbloser Stoppeln waren über seinem kantigen Kinn verstreut. Die Haut unter seinen Augen war hauchdünn und blau. Der Stich auf seiner Wange war grünlich und entzündet. Er war krank. Es war das erste Mal, dass sie ihn so zerbrechlich sah. So menschlich. Und dennoch hatte er ihr Leben dank seines Schwertes in seiner Hand.
Sie hätte ihn verschlingen können.
„Werde ich nicht", versprach er.
Das Schwert schnitt gegen sie, als er es zurückzog. Kalte Luft drang an ihre aufgerissene Haut und fühlte sich schärfer an, als das Metall, dass sie verlassen hatte.
„Scheiße", keuchte sie, als ihre Hände zu ihrem Bauch flogen. Sie konnte ihr eigenes, dickflüssiges Blut fühlen, das durch ihre Finger sickerte. Der Schnitt war jedoch nicht tödlich. Cato würde sie diese Nacht nicht erledigen. Stattdessen marschierte er bereits wieder in den Wald und brüllte: „Wir ziehen weiter!"
Marvel stand noch einen Moment lang still und beobachtete Clove dabei wie sie versuchte sich wieder zu beruhigen. Als sie seinen tiefblauen Augen begegnete erschien der Anflug eines Lächelns auf seinen blassen, aufgesprungenen Lippen.
„Happy Hunger Games", flüsterte er.
In diesen Spielen waren sie alle Tiere. Der Glamour, die Paraden, die leuchtenden Lichter des Kapitols – nichts davon konnte Darry, der sein ganzes Leben lang damit aufgewachsen war, in Distrikt Zehn Rinder zu schlachten, die Wahrheit von alldem vollkommen verschleiern.
Es hatte etwas unglaublich Ironisches hier zu sein. Daheim in Zehn war das Vieh alles: Es war Nahrung, Unterhalt, Freunde für eine kurze Zeit. Allerdings lernte man bereits in einem jungen Alter sich nicht zu sehr an die Biester zu gewöhnen. Sie wurden zum Sterben gezüchtet, um die Nachfrage des ziemlich zähen Hungers des Kapitols zu befriedigen.
Kinder, das hatte er inzwischen verstanden, waren Rindern sehr ähnlich.
Darry saß an einen Baum gelehnt und schärfte weiter die Waffe, die er befestigt hatte. Es war ein provisorischer Speer, der mit der Zeit und Arbeit, die er hineinsteckte, immer besser wurde. Das Messer, an das er während des Blutbads gekommen war, hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt am Leben gehalten. Er hatte es aus dem Jungen aus Distrikt Neun gezogen, bevor er in den Wald geflohen war. Während er in den vergangenen Tagen hier gewesen war, war ihm das düstere Gesicht von Neun mehrere Male in den Sinn gekommen. Und während Darry Holzschichten von seinem Speer scherte, dachte er an die aschfahle Haut des Jungen, die noch nie zuvor direkt unter reinem Sonnenlicht gestanden haben musste.
Der Inbegriff eines weiteren gebrochenen Kindes, das in diese Spiele geworfen wurde.
Dieser Gedanke reichte aus, um Darrys Lippen dazu zu bringen sich zu einem Grinsen zu verziehen. Naja, es stand ihm nun wirklich nicht zu jemanden dafür zu tadeln, gebrochen zu sein. Betreten sah er zu seinem linken Fuß herab, der schlaff und matt auf der weichen Erde lag. Als sein Pa ihm vor vielen Jahren versucht hatte als Jungen beizubringen ihre Mutterkuh zu melken, waren die Knochen dieses Fußes zerquetscht worden. Das Kapitol verfügte über die medizinische Behandlung, um es zu richten, allerdings hatte seine Familie sich das niemals leisten können. Es war ein Unfall, der sein Leben zuhause belastet hatte. Hier sorgte er für einen völlig anderen Nachteil.
Aber er überlebte. Wenn auch nicht durch viel Aufwand, aber er war immer noch am Leben. Da er aus Zehn kam wusste Darry wie es war, an der Schwelle des Todes zu leben. Er hatte es schon einmal getan. Er konnte es wieder tun.
Seine Gedanken wanderten zurück zu seinem Zuhause. Genau jetzt würde der Wind über die hektorgroßen, grünen Wiesenflächen wehen, die Distrikt Zehn ausmachten. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, aber die Arbeit begann immer sehr früh. Er hoffte, dass seine Mama die Türen ihrer Scheune öffnete, die Augen schloss und lächelte, wenn ein Windstoß frischer Morgenluft über ihr Gesicht strich. Er hoffte, dass sein Pa Heu in die Futtertröge schaufelte, während ein langes, dickes Grashalm aus seinem Mundwinkel herausragte, so wie es das immer tat. Er versuchte sich die groben Hände seines Vaters vorzustellen, wie sie über das feine, marmorierte Fell eines ihrer Rinder strichen …
Darry wusste, dass seine Eltern nichts davon taten. In diesem Moment wurden sie zusammen mit den anderen aus Zehn in so etwas Ähnliches wie einem Gehege zusammengetrieben, um die Spiele auf der einzigen Projektionswand im Distrikt mitzuverfolgen. Darry war selbst dort gewesen, um vergangene Hungerspiele zu sehen. Nur wusste er, dass seine Eltern nicht in der Menschenmenge sein würden. Sie würden auf ihrem eigenen, separaten, kleinen Podest stehen, damit der gesamte Distrikt ihren Schmerz mitbekommen konnte, wenn er starb.
In der Ferne hörte Darry das Rascheln von Blättern. Sofort zuckte sein Körper zusammen. Adrenalin und Angst rasten durch ihn. Das Geräusch hätte von einem Hasen sein können. Aber Darry hatte in den letzten Tagen gelernt die Geräusche von Tieren zu erkennen und das war kein typischer Waldbewohner. Seines Wissens nach gab es nur noch eine weitere Kreatur, die in diesem Wald lebte. Seine Hand schloss sich fester um sein Messer.
Mit Mühe kämpfte er sich so leise wie möglich auf die Beine und stand dann einfach nur da. Er hörte wieder das Geräusch, doch diesmal kam es von hinten. Er wirbelte herum.
Selbst in der schummrigen Morgendämmerung wäre es schwierig gewesen, sie zu übersehen. Dieses Haar war einfach zu leuchtend. Sie kroch über die Äste in den Bäumen, mit einem Lächeln in ihrem schmalen Gesicht, das unlesbar war, selbst wenn sie es wagen würde näher zu kommen. Für nur einen Moment hielt sie inne, damit sie ihn ansehen konnte. Oder vielleicht damit er sie ansehen konnte – das Mädchen, so hatte er festgestellt, offenbarte sich ihm nur wenn sie es wollte. Sie war so schwer zu erreichen wie ein Geist. Es war beinahe erschreckend, dass er sie bisher mindestens dreimal an drei verschiedenen Orten gesehen hatte und sie ihn bisher noch nicht angegriffen hatte.
Allerdings hatte er in diesem Moment keine Angst vor ihr. Er konnte sie sehen. Er könnte sie töten, wenn sie etwas näher kam. Was sie natürlich nicht tat. Stattdessen zog sie den Rucksack, den sie trug, von ihrem Rücken nach vorne und steckte ihre Hand hinein. Als sie sie wieder herauszog, waren ihre Finger um eine Pfote geballt. Eine gebratene Pfote.
Nein, das konnte sie nicht.
Als Darry zu seiner Rechten sah, musste er schockiert feststellen, dass er nur noch zwei gebratene Kaninchen an dem Ast hängen sah, an dem vor wenigen Augenblicken noch drei hingen. Irgendwie war es dem Mädchen gelungen, das Essen zu stehlen, das nur ein oder zwei Meter neben ihm hing, ohne dabei entdeckt zu werden. Er bemühte sich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck, als er ihren bernsteinfarbenen Augen begegnete, aber er war sich sicher, dass die Überraschung auf seinem Gesicht nicht verborgen blieb. Sie war eine noch größere Bedrohung, als er erwartet hatte. Hatte sie die ganze Zeit über Essen von ihm gestohlen? Dies war nicht das erste Mal, dass etwas aus seiner bescheidenen Sammlung verschwand.
Das Lächeln des Mädchens war nun nicht mehr unlesbar. Sie verspottete ihn. Mit verzogenem Gesicht versuchte Darry sich daran zu erinnern, aus welchem Distrikt das Mädchen stammte. Er war fast sicher, dass es Distrikt Fünf war.
Seine Finger hielten zitternd die Waffe. Dieses Mädchen stahl das Essen, um das er gekämpft hatte und für das er buchstäblich sein Leben riskierte, um es zu braten. Er war kurz davor sie anzuschreien, um sie zu verschrecken – bis er Stimmen hörte. Sofort erstarrte er. Er kniff die Augen zusammen, mit der zerbrechlichen Hoffnung, dass er sich das nur einbildete.
Aber das tat er nicht. Es war keine Einbildung. Sie waren es wirklich. Er hatte gewusst, dass er ihnen irgendwann begegnen würde. Um ehrlich zu sein war es nicht so früh, wie er erwartet hatte. Bevor er davonrannte wollte er Blickkontakt mit dem Mädchen aus Fünf herstellen, da er sich plötzlich mit ihr verbunden fühlte, einfach nur weil sie keine von ihnen war. Die Stelle, an der sie kurz zuvor noch gewesen war, war nun verlassen. Sie war bereits verschwunden. Deshalb sammelte er seine Sachen zusammen und gab sein Bestes, um das gleiche zu tun.
Das würde er jedoch nicht schaffen. Er wusste, dass er das nicht schaffen würde. Er humpelte durch das Unterholz, machte dadurch mehr und mehr Lärm, wodurch sich seine Panik noch mehr steigerte, und wusste, dass es das gewesen war. Es hatte nie eine Chance gegeben hier lebendig herauszukommen. Er hatte gewusst, dass er hier sterben würde, er hatte nur nicht gewusst wann.
Die Stimmen seiner Verfolger wurden lauter. Ihre Schritte wurden schneller.
Er wollte nicht wirklich glauben, dass sie ihn gefunden hatten. Doch als er über seine Schulter zurückschaute und sie sah, blieb ihm keine andere Wahl, als die Tatsache zu akzeptieren. Sie stürmten auf ihn zu wie ein Rudel Wölfe, jeder von ihnen bemüht, ihn als erster zu erreichen. Im Stillen verfluchte er seinen kaputten Fuß, der ihn daran hinderte ihnen tatsächlich zu entkommen.
Und dann erschien das verwelkte Gesicht seine Mama vor seinen Augen. Er könnte schwören, dass er ihre markerschütternden Schreie aus Zehn bis hierher hören konnte, da sie zusah, wie ihr Baby um sein Leben rannte.
Seine Schritte verlangsamten sich.
Nein, so würde es nicht für ihn enden.
Er würde nicht sterben während er vor ihnen davonrannte. Er würde nicht zulassen, dass seine Mutter zusehen musste, wie sie ihn wehrlos und schwach erledigten. Sein ganzes Leben lang hatte er ums Überleben gekämpft. Sein Tod würde nicht anders sein.
Mit entschlossenem Gesicht drehte er sich zu ihnen um.
Die Bäume schienen wie eine grüne Wand, als Clove zwischen ihnen hindurch flog und sich ihrem Ziel näherte. Er war einer der Schwächlinge auf diesem Feld. Verzweifelt hüpfte er auf einem verletzten Fuß vor ihnen weg. Er war erbärmlich.
Und Clove konnte es nicht erwarten ihn zu töten.
Plötzlich hörte der Junge auf zu rennen – wenn man die Bewegung, die er machte, um von ihnen wegzukommen, überhaupt so nennen konnte. Dann drehte er sich tatsächlich um.
Clove lächelte spöttisch. Dieser traurige, kleine Tribut würde sich wehren? Er wollte tapfer sein. Wie süß.
Nun war er alles, was sie noch sehen konnte. Sie wollte ihn. Sie wollte ihn unbedingt. Sein Gesicht wurde immer verzerrter, als sie sich ihm näherte. Die klaffende Wunde auf ihrem Bauch interessierte sie in diesem Moment so wenig, dass sie auch ein Insektenstich hätte sein können. Vielleicht war sie schwächer als Cato und Marvel, doch sie war ohne Zweifel schneller als sie.
Zeit für dich zu sterben, Tribut.
Dann, gerade als sie ihr Messer zückte, um damit nach ihm zu werfen, wirbelte eins durch die Luft und zielte direkt auf ihre Stirn. Ohne Zögern ließ sie sich auf den Boden fallen. Sie bemerkte nicht einmal, dass sie geschrien hatte, bis die kalte Luft des Morgens ihren Mund erfüllte. Dieser Schwächling hatte eine Waffe? Und dann nicht irgendeine Waffe – eine ihrer eigenen?
Clove richtete sich sofort wieder auf. Sie hielt das Knurren nicht zurück. Dann sah sie eben aus wie ein Tier – das war ihr egal. Sie wollte das Blut dieses Jungen jetzt noch mehr als zuvor.
Sie erhob sich aus dem Schmutz beinahe ebenso schnell, wie sie hineingefallen war, ohne Zeit zu verlieren. In weniger als einer Sekunde warf sie ihn zu Boden. Er mochte größer sein als sie, aber er war dünn und schwach.
Das dachte sie zumindest.
Bevor sie seine Arme auf den Boden drücken konnte, griff er nach oben und packte sie am Hals. Und überraschenderweise war sein Griff stark. Ihr erster Instinkt war es ihre Nägel in seine Augenhöhlen zu bohren, anstatt ihren Hals von seinen Händen zu befreien. Er stieß sie von sich runter. Aber nach langem Ringen hatte sie ihn wieder unter sich – beide keuchten und husteten heftig.
„Woher kommst du?", fragte sie spöttisch.
Der Tribut sagte nichts.
„Oh, warte, ich erinnere mich an dich", sinnierte sie. Klirrend zog sie das Messer aus ihrer Jacke. Sie drehte es vor seinen Augen, um die Angst in ihnen zu sehen. Und da war sie. Einen Moment lang konnte er seine Angst nicht verbergen, obwohl er es zu versuchen schien. „Du bist der Kaputte. Der Krüppel."
Dies schien ihn zu reizen. Seine Lippen pressten sich aufeinander. Clove grinste.
Was als nächstes geschah hatte sie nicht erwartet.
Sie hatte die Punkte, an denen ihre Knie seine Arme unten hielten, nicht richtig berechnet. Wieder stieß er sie von sich. Nur dieses Mal reagierte sie nicht so schnell. Bevor ihr Verstand auch nur verarbeiten konnte, was geschah, bohrte sich sein Knie in ihren Rücken. Er schrie sie an. Er schrie so viele Dinge, dass sie ihn nicht verstehen konnte – bis auf ein Wort.
Monster.
Dann war der Moment vorbei und als Clove sich auf ihren Rücken rollte hing der Junge in der Luft. Cato hatte ihn jetzt.
„Anscheinend haben wir hier einen Kämpfer", sagte er. Seine farblosen Augen leuchteten hell. Seine Zähne waren zu einem harten Lächeln zusammengebissen, als er den Jungen mit solch einer Kraft gegen einen Baum rammte, dass Clove das Knacken von Knochen hören konnte.
Cato betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, während er ihn an seiner Kehle hielt.
„Kaputter Fuß, hm?", höhnte er. „Vielleicht tu ich dir einen kleinen Gefallen, hm? Ich denke, das Kapitol weiß diese Geste zu schätzen."
In Cloves Magen explodierte beinahe etwas, als er diese Worte sagte. Sie wusste, was Cato durch den Kopf ging. Die Idee was herrlich. Vielleicht hatten sie nicht das Mädchen, das in Flammen stand. Aber sie hatten auf jeden Fall etwas, womit sie sich aufwärmen konnten.
Der Junge musste ebenfalls verstanden haben, was er meinte, denn seine stoische Maske brach beinahe augenblicklich zusammen. Er fing an um sich zu schlagen. Seine Schreie erfüllten die Luft – so verzweifelt und panisch, dass sie wie die eines Kindes klangen. Clove wusste, dass das Wort Nein nie wieder dieselbe Bedeutung für sie haben würde.
Als Cato den Jungen zu Boden warf trat Clove einen Schritt vorwärts. Aus ihrem Augenwinkel konnte sie sehen, dass Marvel einen Schritt zurücktrat.
In diesem Moment hätte Cato ein Riese sein können. Er schien kaum real zu sein, wie er über dem dünnen Jungen stand und sein Schwert über den Fuß zog, der schlaff gegen den anderen lag. Cloves Sicht verdunkelte sich, als er anfing zu schneiden. Er bewegte die Waffe vor und zurück, als würde er Holz schneiden. Aber das Fleisch des Jungen war nicht wie Holz. Schwarzes Blut lief aus der Wunde, die Cato verursachte und die Schreie des Jungen verschreckten die Vögel, die von den Bäumen zusahen.
Clove bemerkte nicht einmal, dass sie mit ihm schrie. Mit dem Jungen, mit Cato, mit den Bewohnern des Kapitols, die zusahen. Mit allem. Sie schrie. Und sie liebte es. Vielleicht war es nicht ihr Schwert, das dem Kind solch unglaubliche Schmerzen bereitete. Trotzdem fühlte sie sich dadurch lebendiger, als sie sich erinnern konnte, seit diese Spiele begannen.
Bei all dem, was passierte, bemerkte sie nicht, dass Marvel auf die beiden zukam. Erst als ein dumpfer Schlag ertönte, gefolgt vom Verstummen des Jungen, erkannte sie, dass Marvel gefährlich nahe neben Cato stand, und einen seiner eigenen Speere aus dem Rücken des Jungen zog.
Er sagte nichts, während er sich von ihnen entfernte. Aber das musste er auch nicht. Die Adern unter seinen geweiteten Augen und seine tiefen Atemzüge sagten alles.
Marvel war zu Tode erschrocken.
Etwas, das sowohl wie Schock, als auch Wut aussah, zog sich über Catos Gesicht, als die Kanone ertönte. Doch als sich sein Gesichtsausdruck zu einem Lächeln veränderte, verstand ihn Clove, noch bevor seine Augen auf ihre trafen, mit einem bösen Lächeln, das zu ihrem eigenen passte.
Im Laufe der Zeit würden sie auch Marvel umbringen. Nicht mehr lange.
Nicht mehr lange.
A/N: Ich finde es ja ehrlich gesagt ein bisschen ironisch, mit welchen Worten dieses Kapitel endet, wenn man bedenkt, dass es das Letzte dieser Geschichte ist. Leider, leider hat Paper Space an dieser Stelle aufgehört zu schreiben. Und da das letzte Update von 2012 ist halte ich es für unwahrscheinlich – aber nicht ausgeschlossen – dass sie eines Tages an der Geschichte weiterschreiben wird. Falls das doch einmal der Fall sein sollte würde ich natürlich gerne weiter übersetzen.
Auch wenn ich traurig bin, dass das Übersetzen von „The Blood of the Beast" an dieser Stelle für mich vorbei ist, muss ich sagen, dass es mir unheimlich viel Spaß gemacht hat. Sie ist nach wie vor meine Lieblingsstory aus dem Hunger-Games-Fandom und noch dazu konnte ich meine Englischkenntnisse etwas erweitern ^^
Inzwischen habe ich mich an meine eigenen Geschichten zu Cato und Clove gewagt. Von daher wird es an anderen Stellen für mich weitergehen.
Man liest sich
eure stone
