Graue Wolken hingen wie Schatten über dem Queen Anwesen und brachten den düsteren Glanz eines Morgens in Starling City hervor. Der Regen hatte in der Stille der Nacht aufgehört, aber die Rückkehr des Sturms der letzten Nacht war nahe, während die Unwetterwolken sich zusammenzogen. Der trübe Himmel verfinsterte sich mit jeder Stunde. Im Schatten des edlen Haushalts, erwachte Cassie voll Angst, verschwommene Augen erwachten in einer majestätischen Welt, die nicht ihre war.

Hohe Decken hingen mehrere Meter über ihrem Kopf, ihre Augen wanderten höher und höher und sie keuchte beim Anblick eines Kristallleuchters ausgestattet mit poliertem Gold. Handgefertigte Tapeten bedeckten die vier Wände des riesigen Raumes. Der cremefarbene Ton war warm und anziehend. Eingeschüchtert drehte sie sich in den weichen Laken aus Chinesischer Seide und einer dunklen Satintagesdecke. Wo war sie? War das alles ein Traum? Als sie sich aufsetzte, bemerkte sie einen leichten Kater. Ihre Finger strichen durch ihr Haar, sie stöhnte und versuchte, einen Sinn in ihre Umgebung zu bringen. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, bevor alles schwarz wurde... jemand hob sie hoch und trug sie in die Dunkelheit, das Gesicht im Schatten verborgen.

Versunken in ihre Gedanken bemerkte sie nicht, wie sich die Tür öffnete und ein Fremder eintrat. Erst das Geräusch der Tür, die sich schloß, ließ sie kerzengerade hochfahren.

„Vergeben Sie mir, wenn ich Sie erschreckt habe," sagte Oliver mit einem halben Lächeln. „Sie haben zwei Tage lang geschlafen."

Cassie war sprachlos.

Vertrautheit gemischt mit Verwunderung stand in ihren Augen, als sie die Gestalt des Mannes von oben bis unten musterte. Groß, tadellos gekleidet in einem blauen Flannelpullover und dunkler Hose, die seinen starken Körper und die breiten Schultern betonten. Dunkelbraunes Haar, kurz geschnitten und trotzdem widerspenstig, schmeichelte einem fein geschnittenem Gesicht. Der Bartschatten ließ ihn älter wirken als er vermutlich war. Aber am bemerkenswertesten waren seine strahlend blauen Augen, die sie aufmerksam beobachteten. Auch wenn sie es nicht mit Sicherheit sagen konnte, so war sie doch überzeugt, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Er war zu schön und zu reich, um sich zu irren, während er jeden einzelnen Atemzug des Zimmers einnahm.

Ihr Herz hämmerte wie wild und sie wandte sich ab. Ihre Wangen brannten vor Schamesröte. Sie konnte nicht glauben, dass sie in seinem Haus war. Es bestand kein Zweifel, dass die wunderschöne Einrichtung dieses Raumes zu einem Hotelzimmer gehören könnte. Denn sie übertraf bei weitem diejenigen, die sie in Zeitschriften gesehen hatte.

„Wie... bin ich... hierher gekommen?"

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Sie erinnern sich nicht mehr?"

Sie schüttelte den Kopf und bemerkte einen zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht, während er seufzte. Er setzte sich ans Bett, sie wurde panisch und zog ihre Füße weg.

„Auf meinem Weg nach Hause von einer Party," sagte er. „Sah ich, dass Sie in Schwierigkeiten waren und nahm Sie mit. Mein Fahrer, Mister Diggle, war beim Militär und hat dort eine medizinische Ausbildung genossen. Er hat sich um Sie gekümmert."

Sie musterte ihn verstohlen aus dem Augenwinkel, wie er aufrecht und fast ein wenig unsicher auf der Bettkante saß. „Wer sind Sie?" flüsterte sie und schämte sich für ihr Unwissen.

Überraschung erschien auf seinem Gesicht. Scheinbar erwartete er, daß sie ihn kannte, weil er sich nicht vorstellte. „Sie wissen nicht, wer ich bin?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Mein Name ist Oliver Queen."

Er sah sie argwöhnisch an, ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. Dann öffnete er den Mund, als wolle er zu einer Erklärung ansetzen, tat es jedoch nicht.

Das Schweigen breitete sich im Raum aus, bis es Cassie nicht mehr länger aushielt. „Und wozu brauchen Sie einen Leibwächter?" fragte sie, nachdem er keine Antwort geben wollte.

Wieder dieser mißtrauische Blick. Sie kam sich plötzlich dumm vor. Als wäre sie Teil eines Witzes, dessen Pointe sie nicht verstand. „Sagen wir es mal so," meinte er mit einem Schmunzeln. „Ich nehme es mit meinen Ausgehzeiten nicht immer ganz so genau."

„Also ist er nicht ihr Leibwächter, sondern ihr Babysitter?"

Ein kleines Grinsen umspielte seine Mundwinkel. „Dieses Wort erwähnen Sie ihm gegenüber besser nicht."

Sie erwiderte sein Lächeln, das wirklich sehr schön war, bevor sie ihm in die blauen Augen sah. Eine angenehme Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus. Als könnte sie die Verbindung, die so plötzlich zwischen ihnen entstanden war, körperlich spüren.

"Und verraten Sie mir auch, wie Ihr Name ist?"

Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten. Doch da war nichts. Nur ein großes schwarzes Loch in ihrer Erinnerung. Sie hatte ihren Namen vergessen. Genau wie alles andere... Panik erfasste sie. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, durchforstete ihren Verstand nach etwas, irgendetwas, irgendeine Erinnerung. Nichts. Außer Dunkelheit.

"Alles in Ordnung? Sie sind plötzlich so blass?" Erkundigte sich Oliver und Sorge stand in seinen Augen.

"Ich... ich kann mich nicht erinnern..." stieß sie entsetzt hervor. "Es ist alles weg!" Außer sich riss sie die Bettdecke von sich herunter, wollte aus dem Bett springen und fliehen, als ein scharfer Schmerz durch ihre Mitte schoss. Sie schrie überrascht auf.

Oliver legte beruhigend eine Hand auf die Schulter. Dann drückte er sie sanft ins Bett zurück. "Sie brauchen Ruhe." Ein wenig verlegen reichte er ihr die Bettdecke und vermied es krampfhaft, nicht auf ihre entblößten Beine zu starren. Diggle und er hatten ihre liebe Not gehabt, sie mit geschlossenen Augen bis auf die Unterwäsche auszuziehen und in eines von Theas Nachthemden zu stecken. Jetzt machte er sich im Geiste eine Notiz, mit seiner kleinen Schwester über die Länge, oder besser die fehlende Länge, der Nachthemden zu diskutieren. Aus den Augenwinkeln sah er jedoch, daß ihre Schienbeine und Knie mit Schrammen und Blutergüssen übersät waren. Was in aller Welt war dieser Frau bloß zugestoßen?

"Dr. Peterson hat Ihnen ein starkes Schmerzmittel gegeben. Bestimmt kommt Ihre Amnesie davon."

Ihr Kopf fuhr herum. "Glauben Sie?"

Er nickte zuversichtlich. Aber er war sich nicht sicher. Solange sie nicht wußten, was passiert war, konnte alles mögliche die Ursache sein. Er würde Felicity darauf ansetzen. Vielleicht konnte sie etwas herausfinden.

"Gibt es denn etwas, woran Sie sich erinnern? Irgendetwas?"

Sie schüttelte hilflos den Kopf.

"Machen Sie sich keine Sorgen. Das wird schon wieder." Er wollte sich erheben, aber sie hielt ihn am Arm zurück.

„Ist das denn alles, was passiert ist?" fragte sie verdächtig, etwas lauerte tief in ihrer Erinnerung, schwach und weit weg. Aber durch die Amnesie waren die letzten Stunden nur verschwommen und ohne Zusammenhang. Was tat ein Milliardär wie Oliver Queen in den Glades? Und warum sollte er ausgerechnet in diesem verlassenen Teil von Starling City eine Party feiern? Und wie war sie dort hingekommen?

Niemand interessierte sich für die Glades.

Es war verlorenes Land, verknüpft mit Leid. Sie wusste sehr wohl, dass die meisten von Starlings Elite nichts lieber sähen als das Ende der Glades. Aber als Oliver Queen ihr ein deutlicheres Bild von ihrer geheimnisvollen Ankunft in diesem Haus gab, erfüllte sie eine Woge der Erleichterung, auch wenn sie sich weiter unwohl fühlte.

„Ich nehme an, Sie haben... mich gerettet," sagte Cassie.

„Möchten Sie, dass ich jemanden für Sie anrufe? Der kommt und Sie abholt?" Zu spät bemerkte er seinen Fehler. Wenn sie nicht einmal ihren Namen wußte, dann konnte sie sich sicher nicht an ihre Familie erinnern. „Tut mir leid."

„Das muß es nicht," sagte sie und senkte den Blick.

„Gibt es sonst einen Ort, wo Sie hin können?"

„Ich bin nicht hilflos, Mister Queen," sagte Cassie. „Ich komme schon zurecht. Sobald ich wieder auf den Beinen bin, werde ich gehen. Ich werde Sie nicht lange belästigen."

„Natürlich," sagte Oliver als Wiedergutmachung. „Ich wollte Sie nicht beleidigen. Aber wenn Sie irgendetwas brauchen, zögern Sie nicht."

„Ich denke nicht, dass ich irgendetwas von Ihnen brauche," antwortete Cassie hitzig. „Ich kann mich sehr gut alleine um mein Leben kümmern."

Derart zurückgewiesen, verzog Oliver den Mund in dem Versuch, ihre scharfe Zunge zu bremsen. Er hatte doch nur versucht, ihr zu helfen. Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Zimmer.