Eine Stunde später betrat Oliver in einem dunkelblauen Maßanzug sein Büro bei Queens Consolidated. Es befand sich im obersten Stockwerk eines imposanten Wolkenkratzers, in dessen Glasfassade sich der Fluss und die umliegenden Gebäude spiegelten. Nicht weniger spektakulär war die Aussicht von drinnen. Die Chefetage war auf drei Seiten von einer Glasfront umgeben, durch die man über die gesamte Stadt einschließlich der Glades blicken konnte. Felicity war jedes Mal aufs neue gebannt von dem Häusermeer, durch das sich die Straßen wie Adern schlängelten. Manchmal hatte sie das Gefühl, diese Stadt war ein lebendes Wesen, das atmete und Menschen verschlang.
Oliver trat an ihren Schreibtisch und räusperte sich. Felicity schreckte aus ihren Gedanken hoch. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm herum und sah zu ihm auf. Wie immer machte ihr Herz bei seinem Anblick einen kleinen Sprung. Der dunkelblaue Anzug stand ihm verboten gut. Und er hatte wohl kurz vorher geduscht, denn sein Haar war noch feucht, was seine blauen Augen noch besser zur Geltung brachte. Vor ihrem geistigen Auge tauchte ein Bild von Oliver Queen nur mit einem Handtuch bekleidet auf. Ihr Herz klopfte schneller.
Oliver räusperte sich erneut. Er musterte sie eingehend, als ob er ahnen würde, was sie gerade dachte. Felicity lief dunkelrot an und sah hastig auf ihre Unterlagen. Verdammt. Warum mußte er so unverschämt gut aussehen? Und dann auch noch direkt nach dem Duschen hier auftauchen? Verflucht seist du, Oliver!
"Felicity, was wissen Sie über Amnesie?"
"Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen, Oliver," begrüßte sie ihn mit einem pikierten Unterton. "Wie geht es Ihnen? Oh, danke der Nachfrage, mir geht es sehr gut." Nur weil sie hier an diesem Schreibtisch saß und die Sekretärin spielte, brauchte er sich nicht einbilden, daß er sie auch so behandeln konnte.
"Guten Morgen, Felicity," flötete er übertrieben freundlich, aber sein Mundwinkel zuckte verdächtig. Der IT-Geek brachte ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ohne sie und Diggle hätte er sich wohl längst in seiner Rachemission verloren. "Also? Was wissen Sie über Amnesie?"
Felicity schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und genoss die Aussicht. "Nicht viel. Aber ich kann..."
"Posttraumatisches Belastungssyndrom," sagte Diggle, der gerade zur Tür herein kam.
Oliver drehte sich zu ihm um. Diggle hatte seine volle Aufmerksamkeit.
"So weit ich weiß ist das einer der häufigsten Gründe. Es ist eine Art Schutzmechanismus des Verstandes. Ich hab das ein paar Mal in Afghanistan gesehen. Wenn Soldaten von einer Mission zurückkamen, die schief gelaufen ist. Sie konnten sich nicht daran erinnern, was passiert war."
"Konnten Sie es denn irgendwann?"
"Ja, mit Hilfe eines Psychologen. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, es zu vergessen. Keiner war mehr derselbe."
"Warum fragen Sie, Oliver?" Erkundigte sich Felicity.
"Die Frau, die wir gerettet haben. Sie kann sich an nichts erinnern. Nicht einmal ihren Namen."
"Sie haben mit ihr gesprochen?" Ihre gute Laune sank schlagartig. Also hatte er heute morgen nichts besseres zu tun gehabt, als nach der fremden Frau zu sehen, für die er sich so sehr interessierte.
"Und seiner schlechten Laune nach zu urteilen, ist sie nicht sofort dem Charme von Oliver Queen verfallen, sondern hat ihn abblitzen lassen," verriet Diggle mit einem Grinsen.
"Sehr witzig," grollte Oliver. "Sie wußte auch nicht, wer ich bin."
"Sie meinen den Miliardär/Playboy oder den Bogenschützen?"
"Beides. Als ich ihr sagte, wer ich bin, hat sie mich angesehen und es war keine Anklage oder Verachtung in ihrem Blick. Nur echtes Interesse. Es war eine Wohltat."
Uh-oh, dachte Felicity, das klang gar nicht gut. "Hm, wie machen Sie das bloß?" Spottete sie. "Haben Sie ein eingebautes Radar oder so was?" Er sah sie grimmig an, aber sie fuhr unbeirrt fort. "Ich meine, wie sonst konnten sie die einzige Frau in Starling City finden, die nicht ihren Ruf kennt? Und wie praktisch, sie hat auch noch Amnesie!"
Diggle gluckste vergnügt. Eine eifersüchtige Felicity war ein reizender Anblick. Ein paar blonde Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und ihre Wangen waren gerötet, während sie ihre Brille energisch zurechtrückte. Meistens war eine Frau im Spiel, wenn sie sich mit Oliver in die Haare kriegte. Oder die Tatsache, daß er nicht sah oder sehen wollte, wie verknallt sie in ihn war. Diggle verschränkte die Arme vor der Brust und genoss das Schauspiel, das sich vor ihm entfaltete.
Oliver machte erst gar nicht den Versuch, sich zu rechtfertigen. "Also einigen wir uns auf posttraumatisches Belastungssyndrom," ignorierte er ihre Bemerkung und wollte ihre Unterhaltung in weniger gefährliche Gefilde bringen. "Vermutlich wurde sie überfallen. Die Stichwunde und die anderen Verletzungen sprechen dafür."
"Welche anderen Verletzungen?" Fragte Diggle. Nachdem sie seine angebliche Nichte in der Dunkelheit des Gästezimmers von ihrer schmutzigen Kleidung befreit hatten, hatten sie beide den Raum verlassen, damit Dr. Peterson in Ruhe seiner Arbeit nachgehen konnte. Vermutlich hatte er Oliver über den Zustand der Fremden unterrichtet.
"Sie hatte Prellungen und Schnittwunden an Armen und Beinen."
"Was soll das heißen?" Felicitys Gesichtsfarbe wurde noch dunkler.
Oliver ignorierte ihre Ausbruch. Ihn schien es nicht zu stören, daß sie kurz vor dem Platzen war. "Es heißt, daß sie geschlagen wurde. Und ihr ein Messer in den Bauch gerammt wurde."
"Und wann genau haben Sie ihre Beine gesehen? Ich meine, die Verletzungen an ihren Beinen? Bevor oder nachdem sie nicht wußte, wer Sie sind?" Explodierte sie.
Manchmal fragte sich Diggle, ob es daran lag, daß Oliver ein so guter Bogenschütze war, weshalb er zielsicher in jede Tretmiene tappte, die seine Sekretärin auslegte. Vielleicht lag es auch daran, daß er die letzten sechs Jahre auf einer Insel verbracht hatte und dort Feingefühl gegenüber weiblichen Befindlichkeiten nicht gefragt gewesen war.
"Heute morgen, nachdem..." Er sprach nicht weiter, nachdem Felicity von ihrem Stuhl aufgesprungen war. Oh Oliver, dachte Diggle und verdrehte die Augen, jetzt hast du dein Todesurteil unterschrieben.
Felicity schnaubte verächtlich, warf ihm einen letzten tödlichen Blick zu und stolzierte aus dem Büro. "Ich hole mir jetzt einen Kaffee. Nur für mich. Und vielleicht hat die Kaffeemaschine danach einen Kurzschluss!" Rief sie über ihre Schulter.
Diggle begann zu lachen, während Oliver ihn verständnislos ansah. "Gut gemacht, mein Freund." Er klopfte ihm auf die Schulter. "Jetzt ist sie richtig sauer."
Oliver schüttelte kurz den Kopf, bevor er in sein Büro verschwand. Diggle wartete einen Moment, bis er sich an den Schreibtisch gesetzt hat und den Papierstapel darauf von links nach rechts geschoben hatte. Dann durchquerte er den Raum, platzierte sich vor dem Schreibtisch, verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Solange, bis Oliver es nicht mehr aushielt und den Kopf hob.
"Sie wird sich schon wieder beruhigen," sagte er leichtgläubig.
"Sagen Sie mir jetzt endlich, warum Sie so mies gelaunt sind?" Diggle setzte sich in den Stuhl vor dem Schreibtisch. "Oder ist an Felicitys Theorie was dran?"
Oliver fuhr sich seufzend über das Gesicht. "Vielleicht," gestand er. "Ich hatte etwas mehr Dankbarkeit erwartet. Das ist alles."
"Nicht alle Damen wollen gerettet werden. Nennt sich Emanzipation. Schätze, damit fehlt Ihnen einfach Erfahrung. Zumindest brauchen Sie sich keine Gedanken machen, daß Sie ihr Geheimnis verrät. Wenn sie sich nicht daran erinnern kann, wer sie gerettet hat."
"Ich möchte ihr gern helfen. Was meinen Sie, Diggle?"
"Warum nicht?"
"Wir sollten damit anfangen, herauszufinden, wer sie ist, woher sie kommt. Vielleicht finden wir so einen Hinweis, wer ihr das angetan hat. Hatte Sie etwas persönliches bei sich? Haben Sie sich ihre Kleidung angesehen?"
Diggle nickte. "Ja, aber da war nichts brauchbares. Ein Wohnungsschlüssel, eine Fahrkarte und etwas Kleingeld. Kein Ausweis oder Führerschein."
"Verdammt."
"Wir könnten es mit einem Fingerabdruck versuchen. Ich bin sicher, Felicity könnte sich in den Polizeicomputer hacken und einen Abgleich machen."
"Gute Idee." Oliver sprang von seinem Stuhl. "Ich kümmere mich um den Fingerabdruck, kümmern Sie sich um Felicity." Er startete in Richtung Tür, um die Flucht anzutreten. Aber Diggle durchschaute sein Manöver sofort. Er hielt ihn am Arm zurück. "Oliver," ermahnte er. "Reden Sie mit ihr." Er sah seinen Boss durchdringend an. "Um Himmels willen, lassen Sie Ihren berühmten Charme oder Ihre Muskeln spielen, ist mir egal. Aber klären Sie das. Felicity ist Teil unseres Teams. Ohne sie wären wir aufgeschmissen. Wir brauchen sie. Sie brauchen sie."
Oliver ließ den Kopf hängen. "Ja, ich weiß."
"Also werden Sie sich bei ihr entschuldigen und ich werde den Fingerabdruck besorgen."
Diggle gab ihn frei und marschierte aus dem Büro, bevor Oliver etwas erwidern konnte.
