Felicity und Oliver erwarteten ihn bereits sehnsüchtig in ihrer Kommandozentrale unter dem Nachtclub. Diggle hatte kaum die letzte Stufe der Stahltreppe hinter sich gebracht, da stürzte Felicity auf ihn zu. "Und? Wie ist sie so? Kann sie sich schon an etwas erinnern? Hat sie einen Akzent? Oder irgendwelche auffälligen Narben? Nicht, daß Sie sie so genau untersuchen sollten, aber vielleicht hat sie ja welche in ihrem Gesicht, die sie fürchterlich entstellen..." plapperte sie los.

Im Gegensatz zu Oliver, sah Diggle die Tretmiene, die sich gerade vor ihm auftat. Wenigstens dafür waren seine Kriegseinsätze gut gewesen.

"Sie ist nett," war alles, was er sagte. Jedes Wort konnte zu viel sein, um die Miene hoch gehen zu lassen.

"Nett? Das ist alles?" Felicity fiel in sich zusammen wie ein Luftballon.

Diggle nickte.

"Keine Narben?" murmelte sie enttäuscht.

Er schüttelte den Kopf. "Keine Narben."

"Haben Sie den Fingerabdruck bekommen?" kam ihm Oliver zur Hilfe.

Er zog sein Handy hervor und überreichte es Felicity, die es sofort an ihren Laptop anschloss und zu tippen begann.

"Wie geht's ihr?" erkundigte sich Oliver leise, in der Hoffnung, Felicity wäre zu beschäftigt, um zu lauschen. Diggle bezweifelte das.

"Ganz gut so weit," sagte er. "Die Amnesie nimmt sie ziemlich mit. Sie schien wirklich dankbar, daß wir ihr helfen wollen." Er warf einen kurzen Blick zu Felicity, die sehr interessiert auf ihren Bildschirm starrte. Aber er könnte schwören, daß ihre Ohren gerade ein Stück größer geworden waren.

"Sie ist tapfer," meinte Oliver.

"Raisa war bei ihr, als ich kam. Ich hab ihr gesagt, sie soll sich etwas um unseren Gast kümmern. Sollte ihr nicht schwer fallen, nachdem sie nächtlichen Damenbesuch von Ihnen gewohnt ist."

Oliver bedachte Diggle mit einem wütenden Blick, den er sonst nur seinen Gegnern entgegen brachte. "Ich hab mich geändert," knurrte er.

"Scheint bei Raisa noch nicht angekommen zu sein." Er zuckte mit den Schultern. "Und bei unserem Gast auch nicht. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Mister Queen."

Oliver fuhr sich durch die Haare und seufzte. "Wunderbar."

"Nichts," verkündete Felicity in diesem Moment. "Kein Eintrag in der Datenbank der Polizei."

"Also ist sie nicht vorbestraft. Sie wird sich freuen, das zu hören." Oliver trat hinter sie und blickte auf den Bildschirm. "Was ist mit der Gesichtserkennung? Können wir darüber etwas herauskriegen? Wenn Sie die Überwachungskameras der Queen Villa von gestern durchsehen, sollten wir ein Bild von ihrem Gesicht bekommen."

Felicity machte sich sofort an die Arbeit. Es war kein großes Problem für sie, sich in das Überwachungssystem von Olivers Zuhause zu hacken. Die Firewall war zwar gut, aber für sie nicht gut genug. Ungeahnte Möglichkeiten eröffneten sich ihr plötzlich. Wenn sie wollte, könnte sie Oliver jederzeit heimlich beobachten. Aber das machte sie zu einer Stalkerin, oder? Auch wenn die Versuchung groß war, so wollte sie doch nicht sein Vertrauen mißbrauchen. Er hätte den Vorschlag nicht gemacht, wenn er ihr nicht ebenfalls vertrauen würde. Sie mußte seine Privatsphäre respektieren, wie er und Diggle es auch taten. Verdammte Ehrlichkeit!

Nach ein paar Minuten hatte sie die richtige Aufnahme gefunden. Ein körniges schwarz weiß Bild zeigte einen Oliver ohne Kapuze und grünen Anzug, sondern in Jeans und dunklem Polohemd, wie er eine reglose Frau in Richtung Queen Villa trug. Sie hing schlaff in seinen Armen, lange Haare und lange Beine schwangen bei jedem seiner Schritte hin und her. Diggle folgte direkt hinter ihm. Felicity vergrößerte den Ausschnitt, während Oliver zur Eingangstür lief. Wie mühelos er die Frau trug! Als würde sie nichts wiegen. Vielleicht sollte sie doch mit Sport anfangen... Als er in das Licht der Außenbeleuchtung trat, bekam sie ein gutes Bild der Frau. Sie stoppte das Video, markierte das Gesicht und schnitt es aus. Einige Tastenkombinationen später hatte sie den Bildausschnitt in das Gesichtserkennungsprogramm kopiert. Der Computer verglich nun markante Merkmale mit Gesichtern auf sämtlichen Überwachungskameras der Stadt.

"Das kann eine Weile dauern," erklärte sie. "Wollen wir uns inzwischen was zu essen holen? Polizeicomputer zu hacken macht mich immer hungrig."

Diggle grinste. Gegen einen Big Belly Burger hätte er jetzt auch nichts einzuwenden. "Bin dabei," stimmte er zu und sah zu Oliver, der jedoch gebannt auf den Monitor starrte und sie gar nicht gehört zu haben schien.

"Oliver?" Er hob den Kopf. "Essen?" Diggle wußte, daß sein Freund anderes im Kopf hatte als Essen, aber das war das Problem mit Oliver. Manchmal verlor er sich in seinem Beschützerinstinkt und vergaß so grundlegende Dinge wie Essen. Es wunderte ihn also nicht, als Oliver den Kopf schüttelte.

"Sie müssen was essen, Oliver," ermahnte er. "Auf die halbe Stunde kommt es jetzt auch nicht an."

Felicity kam ihm zur Hilfe. "Auch wenn Sie die letzten Jahre auf einer Insel verbracht haben und sich dort von Blättern und Käfern oder irgendwelchen anderen widerlichen Sachen ernährt haben, von denen ich gar nichts wissen will, heißt das nicht, daß sie jetzt nichts mehr essen brauchen. Dann nützt Ihnen Ihr ganzes Training nichts, weil ihr Körper nämlich die Muskeln abbauen wird, die Sie hier regelmäßig so gern zur Schau stellen, wenn sie nackt an diesen Stangen hängen oder auf Säcke einschlagen. Nicht, daß ich was dagegen hätte... ich meine, es ist schon ein leckerer Anblick... ist auch nicht so leicht, da nicht hinzuschauen... Oh Gott! Habe ich das gerade wirklich gesagt? Ja, das habe ich... Und ich halt jetzt besser den Mund." Sie schlug sich beide Hände vor den Mund, ihr Gesicht dunkelrot.

Diggle mußte sich zusammenreißen, um nicht lauthals los zu lachen. Wie schaffte es das IT-Girl bloß immer, sich derart zu blamieren? Es war jedes Mal wieder aufs Neue amüsant. Er sah zu Oliver, um dessen Reaktion zu beobachten, aber der schien von Felicitys Fettnapf gar nichts mitbekommen zu haben. Zumindest tat er so, als hätte er nichts gehört.

Plötzlich gab der Computer ein leises Ping von sich. Er hatte eine Übereinstimmung gefunden. Der Burger würde noch warten müssen. Diggle und Felicity stürzten zum Computer, während Oliver bereits auf das Display tippte. Auf dem Monitor erschien das Bild einer Überwachungskamera. Die gleiche schlechte Qualität wie bei der Überwachungskamera der Queen Villa, aber es war ganz eindeutig die unbekannte Brünette. "Die Aufnahme ist zwei Tage alt. Hauptbahnhof. In der Tickethalle," sagte Felicity.

"Hat sie eine Kreditkarte benutzt?" fragte Diggle.

Sie zoomte näher an den Verkaufsschalter und die Theke. "Nein, Bargeld."

„Verdammt!" Oliver schlug mit der flachen Hand hart auf die Tischplatte und Felicity machte einen kleinen Sprung vor Schreck. „Das ist doch verrückt. Kommt es nur mir so vor, als würde sie das mit Absicht machen? Als wolle sie ihre Spuren verwischen?"

„Ist schon was dran," stimmte Diggle zu.

„Moment!" Felicity hob aufgeregt die Hand. „Da ist was. Ich hab da was gesehen… Sekunde… ich hab's gleich…" Ihre Finger sausten über die Tastatur. Die Aufnahme sprang zurück bis zu dem Moment, als sich die geheimnisvolle Unbekannte zu dem Schalter drehte und sich über die Theke beugte. Felicity deutete auf den Bildschirm. „Da! Seht ihr das? An ihren Hosenbund? Das ist ein Mitarbeiterausweis."

Diggle und Oliver beugten sich noch weiter über sie nach vorne. Zwei beachtliche Oberarme umrahmten plötzlich ihr Gesicht. Das war eine neue Erfahrung. Aber nicht unangenehm. So etwas konnte bestimmt nicht jede Frau von ihrer Bucket List streichen.

„Das gibt's doch nicht!" staunte Diggle. „Sie sind der Wahnsinn!"

„Gut gemacht, Felicity," lobte Oliver und zauberte ein breites Grinsen auf ihr Gesicht.

„Dann wollen wir doch mal sehen, mit wem wir es zu tun haben," murmelte sie und hämmerte auf die Tasten. Sie konnte es kaum erwarten, herauszufinden, wer der Feind in Olivers Bett war. Gleich würde sie ein Gesicht haben. Und dann konnte sie es ausdrucken, an die Wand hängen und sich von Oliver Pfeil und Bogen ausleihen…

Sie stoppte die Aufnahme genau in dem Augenblick, als sich der Mantel der Unbekannten durch die Drehung verschob und etwas weißen am Bund ihrer Jeans aufblitzte. Genau auf dieses Etwas zoomte sie heran, schnitt es aus und vergrößerte den Bereich noch einmal. Der Rechner summte kurz, um das Bild scharf zu bekommen, und dann nahm der Ausweis den gesamten Bildschirm ein.

Alle drei starrten sekundenlang schweigend auf das Passfoto einer Frau mit langen dunkelbraunen Haaren und großen dunklen Augen, die sanft lächelte. Ihr Gesicht war herzförmig, mit einer schmalen Nase und fein geschwungenen Lippen. Nein, sie war nicht häßlich, mußte Felicity zu ihrem Bedauern zugeben. Sie hatte auch kein von Narben entstelltes Gesicht. Sie sah nett aus. Wie jemand, mit dem sie befreundet sein könnte. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, sie zu hassen, wenn sie wie ein Supermodel aussehen würde.

„Das ist sie!" sagte Diggle und las vor, was auf dem Ausweis stand. „Ihr Name ist Cassandra Taylor. Wir haben ihren Namen."

„Und sie arbeitet in der Forschungsabteilung von Star Pharmaceuticals," ergänzte Felicity.

Der Rest war ein Kinderspiel. Mit dem Namen und ihrer Personalnummer konnte sich Felicity in den Hauptrechner von Star Pharma hacken, ihre Personalakte einsehen und sämtliche Daten einschließlich Adresse, Kontonummer und Sozialversicherungsnummer herausfinden. In nur fünf Minuten wußte sie alles über Cassandra Taylor, was sie wissen mußte.

„Oliver, wollen Sie ihr nicht die gute Nachricht überbringen?" schlug Diggle vor.

„Ja, wir sollten sie nicht länger warten lassen. Schicken Sie mir alles wichtige auf mein Handy, Felicity," rief Oliver bereits im Gehen. Zwei Stufen auf einmal nehmend hatte er es plötzlich sehr eilig, die Gießerei zu verlassen.

Felicitys düstere Miene bekam er gar nicht mehr mit.

„Tut mir leid." Diggle legte ihr die Hand auf die Schulter. Er wußte, wie schwer es ihr fallen mußte, ihn gehen zu lassen.

„Schon gut. Ich hätte mir denken können, daß sie keine international gesuchte Terroristin mit Narben im Gesicht ist." Sie zuckte mit den Schultern. „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt."