Während Oliver die Treppe hinunterlief und die Eingangshalle durchquerte, um die Tür zu öffnen, überlegte er, ob er seinem späten Gast einen Kinnhaken verpassen oder ihm danken sollte, weil er ihn vor einer Dummheit bewahrt hatte. Ein paar Sekunden länger und er hätte womöglich...
Er zog die Tür auf. Unter einem riesigen Schirm stand Felicity im Licht der Außenbeleuchtung.
„Felicity!" Er zwang sich, den Ärger aus seiner Stimme zu halten und sich nicht anmerken zu lassen, wobei sie ihn gerade gestört hatte. Für Runde zwei mit ihr war er einfach zu müde. „Was machen Sie hier? Es gießt in Strömen!"
Felicity schloss ihren Schirm, zwängte sich an ihm vorbei und marschierte in die Eingangshalle. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen. „Ich wollte Sie nur noch mal an die Aufsichtsratssitzung morgen früh erinnern," sagte sie wie aus der Pistole geschossen.
„Ein Anruf hätte genügt. Dafür hätten Sie nicht herkommen müssen." Er schloss die Tür und drehte sich zu ihr.
Sie musterte ihn von oben bis unten, suchte nach verdächtigen Veränderungen an ihm. Aber da war nichts. Sein Hemd war nicht zerknittert oder falsch geknöpft, seine Hose saß perfekt und sah nicht so aus, als hätte er sie hastig übergezogen. Er trug sogar Schuhe. Kein Lippenstift am Kragen. Nur seine Haare waren unordentlich, aber das waren sie eigentlich immer.
Oliver stellte sich vor sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Felicity, was ist los?" verlangte er. Seine Augen bohrten sich in ihre.
Sie räusperte sich verlegen. „Ich... ich wollte..." sicher gehen, daß du deine Prinzipien nicht vergißt, sobald du mit ihr und ungefähr zwanzig leeren Betten alleine bist. „... Ihnen das hier noch geben." Sie kramte geschäftig in ihrer Tasche und zog einen dünnen Stapel Papier hervor.
„Was ist das?" interessierte er sich und entließ sie vorerst aus seinem Bann.
Felicity drückte die Unterlagen gegen ihre Brust und blickte mißtrauisch über ihre Schulter die Treppe hinauf.
„Sie schläft," beruhigte er sie und lieferte ihr endlich, was sie wissen wollte.
„Uhuh." Sie kaute auf ihrer Lippe. Irgendetwas stimmte hier nicht...
„Also?"
Zu ihren Füßen hatte sich eine kleine Pfütze auf dem Parkett gebildet, aber es schien ihn nicht zu stören. Sie blinzelte. „Ich konnte mich in ihren Computer bei Star Pharma hacken und herausfinden, woran sie gearbeitet hat. Das wird Sie bestimmt interessieren." Mit einem verschwörerischen Zwinkern überreichte sie ihm den Stapel.
„Gut. Ich sehe es mir morgen gleich an."
„Aber..." Ihre Augen wurden groß. Das klang so gar nicht nach Oliver. Vor ein paar Stunden hatte er nicht einmal Zeit, um etwas zu essen. Und jetzt?
„Felicity." Oliver fuhr sich seufzend über das Gesicht und stieß die Luft aus. „Ich bin müde. Es war ein langer Tag." Als ob sie nicht wüßte, daß er nicht schlafen konnte. Und wenn er schlief, hatte er Alpträume.
Plötzlich wußte sie, was nicht stimmte. Woher dieses nagende Gefühl kam, daß ihr etwas entging. „Sind Sie ganz alleine hier? Wo ist Ihre Mutter? Und Thea?"
„Meine Mutter mußte geschäftlich nach Central City. Thea begleitet sie, weil es dort angeblich die besten Designerläden gibt."
„Oliver..."
Er legte die Hand auf ihre Schulter. „Es ist alles in Ordnung," versicherte er ihr. „Gehen Sie nach Hause, Felicity." Sanft, aber bestimmt, schob er sie mit sich in Richtung Tür.
Sie stemmte die Absätze in den Boden, bis er stehen blieb, und sah zu ihm auf. „Versprechen Sie mir, keine Dummheiten zu machen."
„Sie klingen wie meine Mutter."
Diesmal waren es ihre Augen, die sich über die Brille hinweg in seine bohrten. „Versprechen Sie es."
Er öffnete die Tür. „Wir sehen uns morgen." Damit schob er sie mühelos über die Schwelle, drückte noch einmal kurz ihre Schulter und schloss die Tür.
