Der Hauptsitz von Star Pharmaceuticals befand sich im Finanzbezirk von Starling City, umzingelt von anderen Wolkenkratzern, die den Wohlstand ihrer Firmen zur Schau stellten. Riesige Glasfronten und schwere Stahlkonstruktionen versperrten die Sicht auf den Fluss und den Hafen und warfen lange Schatten über die Straßen zu ihren Füßen. Am Tag waren die Gehsteige überfüllt mit Geschäftsleuten, die von U-Bahn Stationen zu ihren Arbeitsplätzen eilten, während sie einen dampfenden Kaffeebecher in der Hand hielten und lautstark in ihr Handy sprachen. Verführerische Gerüche von den Ständen der Straßenhändler erfüllten die Luft und Lieferwagen parkten mitten in der Straße, sodass sie eine Kakophonie aus Hupen und Geschrei verärgerter Fahrer produzierten. Nachts dagegen war die Gegend eine Geisterstadt, verlassen bis auf ein paar dunkle Gestalten, die sich in den Schatten herumdrückten. Um diese Uhrzeit waren sogar die Putzkolonnen längst verschwunden, das gelegentliche Licht hinter den Glasfronten vor Stunden erloschen.
Mit etwas Hilfe von Felicity – Hilfe in der Form daß sie sich in das Sicherheitssystem von Star Pharmaceuticals gehackt und den Alarm abgeschalten hatte - hatte Arrow keine Schwierigkeiten, in das Gebäude zu gelangen. Da sich niemand im Inneren befand und auch niemand auf der Straße zu sehen war, konnte er einfach durch die Vordertür gehen. Es war eine nette Abwechslung, einmal nicht von Dächern oder durch Fensterscheiben springen zu müssen. Sehr angenehm.
„Ich bin drin," sagte er zu Felicity, während er die imposante Empfangshalle aus Marmor durchquerte.
„Also das war ja einfach. Sollten wir öfter machen. Erspart dir eine Menge Pfeile und ist besser für deine Gesundheit."
Arrow schnaubte bloß.
„Das Labor von Cassie befindet sich im fünften Stock. Ich sehe keinerlei Aktivität im Gebäude. Nicht einmal einen Sicherheitsbeamten. Denkst du nicht auch, daß das komisch ist?"
Arrow drückte die Tür zum Treppenhaus auf. Zwei Stufen auf einmal nehmend, arbeitete er sich in den fünften Stock vor. „Yeah," sagte er. „Vielleicht hatte sie recht damit, daß ihre Kollegen in Gefahr sind."
„Weißt du, sie ist nicht, was ich erwartet habe."
„Hm?" Noch nicht einmal leicht außer Atem erreichte Arrow den fünften Stock. Lautlos platzierte er einen Pfeil in den Bogen, öffnete die Tür mit einem Fuß und betrat den Korridor dahinter.
„Cassie. Sie ist nicht, was ich erwartet habe."
„Was hast du erwartet?" fragte Arrow, ohne ihr viel Aufmerksamkeit zu schenken. Während er auf die Dunkelheit vor sich zielte, bewegte er sich langsam den Gang entlang.
„Ich weiß nicht. Ich dachte, sie wäre dumm und eingebildet und undankbar – so wie deine anderen Freundinnen. Aber eigentlich ist sie ganz nett... und jemand, der versteht, wovon ich rede. Das ist neu für mich. Zumindest hatte ich das Gefühl, daß sie weiß, was ich ihr sagen will. Ich meine, das meiste, an dem sie gearbeitet hat, ist wirklich kompliziert... Schade, wenn sie sich bloß erinnern könnte, dann könnten wir jede Menge Spaß zusammen haben..."
Während Felicity weiter plapperte, hatte Arrow das richtige Labor gefunden. Auf dem Schild neben der Tür stand Cassies Name mit zwei weiteren. Er drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Wirklich seltsam.
Der Raum dahinter war komplett dunkel, nicht einmal die Straßenlampen unter ihm konnten ihn durch die großen Fenster auf der anderen Seite erhellen. Arrow machte zwei weitere Schritte hinein und sah sich um. Das Labor war verlassen.
„Es ist keiner hier."
„Hab ich doch gesagt. Die Wärmebildkameras zeigen keinerlei Aktivität."
Er schaltete das Licht an. Ein riesiger Raum gefüllt mit medizinischen Geräten, Reagenzgläsern, Zentrifugen, Flaschen mit Flüssigkeiten in allen erdenklichen Farben und Computermonitore kamen zum Vorschein. Aber was einst wie ein geordneter wissenschaftlicher Arbeitsplatz ausgesehen hatte, versank jetzt im Chaos. Die Reagenzgläser lagen zerbrochen am Boden, die Flaschen waren umgekippt und ausgelaufen, am Boden hatten sich große Pfützen gebildet, die Monitore waren zerschlagen. Und inmitten der Verwüstung lagen zwei Leichen. Sie trugen Laborkittel. Ihr Blut vermischte sich mit den anderen Flüssigkeiten.
„Verdammt," fluchte er leise. Das mußten die beiden anderen Namen auf dem Schild sein.
„Was ist los?" fragte Felicity.
„Wir kommen zu spät. Ich habe Cassies Kollegen gefunden. Sie sind tot."
„Großer Gott. Sie hatte recht."
Arrow kniete sich neben die Leichen, um nach ihrem Puls zu tasten, obwohl er bereits wußte, daß sie längst tot waren. Sonst hätte Felicity ihr Wärmebild auf dem Bildschirm entdeckt.
„Jemand hat das ganze Labor verwüstet." Er musterte seine Umgebung. „Sie haben nach irgendetwas gesucht. Und sie hatten nicht viel Zeit. Nachdem die Leichen schon kalt sind, müssen sie vor Stunden getötet worden sein."
„Glaubst du, sie haben gefunden, wonach sie gesucht haben? Oder glaubst du, sie haben versucht, Beweise zu vernichten?"
Arrow ließ noch einmal seinen Blick durch den Raum gleiten. „Schwer zu sagen. Cassie ist wahrscheinlich die einzige, die uns sagen kann, ob etwas fehlt."
„Dumm nur, daß sie sich nicht daran erinnern kann, wie das Labor vorher aussah."
„Wir brauchen ihre Erinnerung." Er mußte mit John sprechen. Nachdem er scheinbar Erfahrung mit einer posttraumatischen Belastungsstörung hatte, fiel ihm vielleicht etwas ein, womit sie ihre Erinnerung zurückholen konnten.
„Soll ich die Polizei rufen?" fragte Felicity. Sie fühlte sich gar nicht wohl dabei, daß sich Arrow noch immer an einem Tatort aufhielt.
„Ja, ruf Detective Lance an. Mal sehen, wie Star Pharmaceuticals darauf reagiert. Wenn sie jemanden oder etwas als vermisst melden, dann wissen wir, daß sie es nicht waren, die Cassie angegriffen haben. Wer auch immer das getan hat, muss zuerst Cassie überfallen haben, aber sie konnte entkommen. Also ist er in das Labor eingebrochen, hat sämtliche Zeugen getötet und die Formel gestohlen. Oder einige Proben."
„Oder er hat sämtliche Zeugen und Beweise vernichtet, die die Existenz des Gegenmittels bestätigen."
Hier konnte er nichts mehr tun. Wenn sich Cassie nicht erinnerte, saßen sie fest. Er warf einen letzten Blick auf das Chaos um ihn herum, dann drehte er sich um und verließ das Labor. Was auch immer ihr zugestoßen war, sie hatte wirklich Glück gehabt, daß sie entkommen konnte.
„Wirst du es ihr sagen?" fragte Felicity, während er die Stufen in Richtung Ausgang hinunter eilte.
„Nicht heute nacht. Sie soll sich etwas ausruhen. Vielleicht bringt das ihre Erinnerung zurück." Er konnte bloß hoffen, daß sie bereits schlief, wenn er nach Hause kam.
„Sie wird geschockt sein. Und verängstigt. Zumindest wäre ich das. Soll ich mitkommen? Als Unterstützung?" bot Felicity an. Ein kleines Bisschen Eifersucht nagte noch immer an ihr. Sie würde sich wohler fühlen, wenn Cassie in der Arrow Höhle übernachten würde anstatt in Olivers Haus, während seine Familie auch noch nicht da war. Obwohl Cassie kaum in der Verfassung war, um etwas schmutziges mit Oliver anzustellen. Während ihrem Gespräch in der Küche hatte Felicity bemerkt, wie Cassie das Gesicht verzogen hatte, sobald sie eine schnelle Bewegung gemacht hatte, oder wie sie nach Luft geschnappt hatte, als sie aufgestanden war. Immerhin hatte sie sich eine Stichverletzung zugezogen. Und jetzt, nachdem sie Cassie kennengelernt hatte, erkannte Felicity, daß Cassie anderes im Kopf hatte als Oliver zu verführen. Und Cassie schien sich in der exklusiven Umgebung unwohl gefühlt zu haben.
„Nein, keine Sorge. Du solltest dich auch ausruhen. Ich brauche dich ausgeschlafen und bissig für das Meeting, das du mir aufgedrückt hast."
Und diese Worte ließen ein breites Grinsen in Felicitys Gesicht erstrahlen und sie kicherte vor sich hin.
