Es war die richtige Entscheidung.
Oder?
Es war richtig, dass sie die Queen Villa verließ, sie gehörte da nicht hin. Im Grunde war sie jetzt auf der Flucht. Wie konnte sie in eine Welt wie die von Oliver Queen passen? Eine Welt erfüllt von Eleganz, Schönheit und Kultur.
Entschlossen kletterte sie auf den Rücksitz des Taxis. Sie war erleichtert, daß es ihr heute besser ging. Aber heute war sie noch ungeschickter als sonst und ihr Herz wollte nicht aufhören zu klopfen, seit sie die Villa verlassen hatte. Als würde es wissen, daß sie nicht zurückkehrten.
„Alles in Ordnung," sagte sie sich. „Du wirst schon klar kommen." Ja, alles würde gut werden. Sie klammerte sich an den Gedanken, das letzte Bisschen Hoffnung, das sie noch hatte. Sicher, für eine Weile würde in der Luft hängen, aber ihr Willen, nicht aufzugeben, würde sie zum Erfolg treiben.
Erschütterungen bebten durch das Taxi, als der Wagen über die Brücke fuhr und eine scharfe Rechtskurve machte. Ein Klumpen formte sich in ihrem Hals und sie schluckte. Sie sah aus dem Rückfenster auf die großen, glänzenden Gebäude, die immer kleiner wurden. Sie straffte die Schultern und wies den Fahrer an, die nächste Straße rechts abzubiegen. Sie fuhren inmitten von Chaos und Wahnsinn. Direkt vor ihnen kämpften Feuerwehrmänner gegen ein Gebäude in Flammen, Polizeibeamten und Sanitäter säumten die Straße. Ein Menschenauflauf hatte sich gebildet und beobachtete das Schauspiel neugierig. Ein Beamter kam auf sie zu und klopfte gegen das Dach des Taxis, als es stehen blieb. „Tut mir leid, Kumpel," sagte er und winkte sie weiter. „Das Gebäude steht in Flammen, Sie müssen umkehren."
Cassie wurde blaß. Das Gebäude, das gerade in einem flammenden Inferno aufging, war ihr Gebäude. Entsetzt sah sie, wie Flammen aus den Fenster züngelten und Rauch in den Himmel stieg.
„Nein!" rief Cassie und sprang aus dem Taxi. Sie rannte auf das Gebäude zu, wurde aber von dem Beamten zurückgehalten, der das Taxi gestoppt hatte. Seine Hände packten ihren Arm.
„Miss, Sie können da nicht hineingehen!"
Fast hysterisch, riß sich Cassie los und starrte fassungslos auf das Haus. „Ich..ich... muß... da leben!"
Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter und seufzte. Wasser strömte aus den Schläuchen, ohne etwas gegen das Feuer ausrichten zu können.
„Kommen Sie, Miss. Ich bringe Sie von hier weg." Eine Hand auf ihrer Schulter drehte er sie herum und führte sie zum nächsten Coffee Shop.
Als er Cassie eine Tasse Kaffee brachte, war bereits alles vorbei.
Ein dunkles Gerüst war alles, was von dem Gebäude übrig geblieben war. Tränen brannten in ihren Augen.
Es war alles weg. Einfach alles. Alles, was sie in dieser Welt hatte, war Asche und Staub. Was sollte sie jetzt tun? Wo sollte sie jetzt leben? Ein Obdachlosenasyl? Nein! Niemals! Ihre Hand umklammerte die dampfende Tasse, während sie ihren nächsten Schritt überlegte.
„Miss?"
Sie bewegte sich nicht beim Geräusch der männlichen Stimme, starrte nur vor sich hin und bemerkte kaum die Gestalt, die sich zu ihr setzte. Ein Stift und ein Block wurden herausgezogen und vor ihr auf den Tisch gelegt. Ihre Augen konzentrierten sich auf die Hände mit den langen Fingern.
„Tut mir leid für Ihren Verlust," sagte die Stimme voller Mitleid.
Cassie antwortete nicht.
„Nur damit Sie es wissen," sagte er und klappte seinen Notizblock auf. „Die Feuerwehrmänner fanden nichts… alles... wurde zerstört."
Sie sagte noch immer nichts und starrte in ihrem Kaffee.
„Die Heilsarmee ist draußen. Ich bin sicher, sie können Ihnen eine Bleibe organisieren."
Ihr Blick fiel auf die Männer und Frauen mit Flugblättern in ihren Händen. Eine Frau in einem braunen Kleid klammerte sich an eine Frau in einem Geschäftsanzug. Sie war erstaunt über die Hilfe und Unterstützung. Tief in ihrem Herzen wusste sie jedoch, dies würde das erste und letzte Mal sein, dass man eine helfende Hand ausstreckte. Morgen würde sich niemand mehr erinnern oder darum kümmern. Sie waren alle hier, um in die Nachrichten zu kommen. Doch die Teams packten schon ihre Sachen zusammen, bereits wieder auf der Suche nach einer neuen Story.
„Miss."
Sie riß die Augen auf und starrte in ein Gesicht, hübsch und sehr genervt.
Officer Davis.
Das war der Name auf seinem Schild. Sie musterte sein Gesicht. Sprödes blondes Haar mit dunklen Spitzen, seine Haut gebräunt und ein Funkeln in seinen blauen Augen. Er war ein krasser Gegensatz zu Oliver Queen. Sie erschrak, entsetzt, dass Oliver ihre Gedanken durchkreuzt hatte.
Als sie am Morgen gegangen war, hatte er das Haus bereits verlassen, um an dem Meeting teilzunehmen, von dem Felicity gestern gesprochen hatte. Sie hatte nicht mehr mit ihm sprechen können, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Obwohl sie neugierig war, was er über ihre Kollegen herausgefunden hatte. Doch das konnte sie mit einem Internetzugang und etwas Suche selbst auch. Nein, sie mußte ihr Leben zurück bekommen. Ohne die Hilfe eines reichen Playboys. Sie wollte nicht, daß er sich wegen ihr in Gefahr begab.
Nach ihrer letzten Begegnung in der Küche, hatte er sie gemieden. Sehr zu ihrer Neugier. War es wegen seiner geheimnisvollen Vergangenheit? Oder etwas anderes? War es eine Wunde, die ihn nach Kontakt sehnen ließ? Sie hatte großes Mitleid mit dem reichen Junggesellen. Gefangen in so einem Haus mit kalten Wänden. Es musste deprimierend sein. Sie konnte sich seine Kindheit nicht vorstellen.
Cassie seufzte und leerte ihre Tasse, genoß jeden Tropfen, während sie es zuließ, dass die Unterhaltung des Beamten sie einlullte, und warf einen weiteren Blick aus dem Fenster. Der Tag war fast zuende. Die Feuerwehrmänner räumten zusammen. Jemand schrie nach einem Abrisskommando und ihr Mut sank. Morgen würden sie das Gebäude abreißen. Mehr Worte drangen an ihr Ohr und sie konzentrierte sich auf den Beamten. „Alles wird gut werden," sagte er mit einem strahlenden Lächeln, die Augen hoffnungsvoll.
Er schien sich so sicher und Cassie spürte ein Lächeln in ihrem Mundwinkel. „Danke." Sie schluckte. Sie packte ihre Sachen zusammen und erhob sich. Sie bedankte sich für den Kaffee. Er sprang auf die Beine und kam ihr nach. „Warten Sie," sagte er und hielt sie auf, eine Karte in der Hand. „Wenn Sie etwas brauchen..."
Cassie umklammerte die Karte. „Danke, aber es geht mir gut."
„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten."
„Ich weiß." Sie drehte sich um und verließ das Diner. Sie ging zielstrebig auf einen Mitarbeiter der Heilsarmee zu. Es würde nicht leicht werden, seinen Stolz zu behalten, wenn man in der Kälte schlief.
