Auch am nächsten Morgen konnte sie immer noch nicht die Majestät dieses Ortes begreifen. Es war nicht der Buckingham Palace, aber es war nahe dran und näher als sie wohl je kommen würde. Exquisite Seidentapeten, Kristallleuchter, die ein leises Lied spielten, wenn sie aneinander stießen. Cassie konnte die Schauer, die ihr über den Rücken liefen, nicht abschütteln. Die Reichen wussten wirklich, wie man lebte.
Sie stand auf und nahm ihren üblichen Spaziergang durch den Raum auf, streckte ihre Beine und tat, was immer nötig war, um ihre Gedanken von Oliver Queen abzulenken.
Müde setzte sie sich auf die gepolsterte Fensterbank. Das weiche Kissen war eine willkommene Abwechslung und eine friedliche Stille überkam sie, als sie aus dem Fenster sah. Ruhig saß sie auf der Fensterbank, wiegte sich leicht hin und her, summte eine kleine Melodie und sonnte sich in den Sonnenstrahlen. Nach Tagen des Regens und der Düsternis war das strahlende Wetter eine willkommene Abwechslung und sie konnte die üppigen und ausladenden Anlagen des Hauses auf sich wirken lassen. Getrimmter Rasen erstreckte sich so weit das Auge reichte, gesäumt von einem bunten Arrangement aus Blumen. Marmorstatuen tanzten in Springbrunnen und riesige Bäume standen in Reih und Glied. Der größte erregte ihre Aufmerksamkeit. Eine prachtvolle alte Eiche stand eingezäunt von einem Eisenzaun und unter ihren Ästen standen mehrere Grabsteine. Sie runzelte die Stirn und überlegte, wer wohl dort unter den Baumwurzeln lag. Dann sah sie ihn. Oliver Queen. Mit gebeugtem Kopf wandte er sich von der Eiche ab und lief zum Haus zurück. Er sah entsetzlich einsam und traurig aus.

„Mitglieder der Queen Familie."

Cassie bekam fast einen Herzinfarkt. Ihre Wangen verfärbten sich dunkelrot.

„Verzeihen Sie." Diggle errötete leicht und drehte die Augen zur Decke. „Ich habe dreimal angeklopft, aber niemand hat geantwortet. Ich dachte, es ist vielleicht etwas passiert."

„Schon gut, es war mein Fehler," sagte sie mit brüchiger Stimme und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich war nur..." Ihr Blick wanderte nach draußen, musterte die beeindruckenden Säulen und Statuen um den Baum.

„Mitglieder der Queen Familie," wiederholte er.

„Sein Vater hat dort ebenfalls einen Grabstein."

Cassie warf ihm einen verwunderten Blick zu. "Sein Vater ist tot?"

"Sie erinnern sich nicht an die Geschichte, oder?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht," sagte sie. "Oliver wollte es mir erzählen, aber dann sagte er, ich würde ihn danach anders sehen, und ich wollte ihn nicht drängen."

Mit einem verständnisvollen Nicken kam er zu ihr. Er deutete auf das Polster. "Darf ich?"

Sie rutschte ein Stück, um ihm Platz zu machen, und Diggle setzte sich neben sie.
"Vor sechs Jahren gerieten Oliver und sein Vater mit der Jacht in einen Seesturm. Die Queens Gambit erlitt Schiffbruch und sank. Oliver hat als einziger überlebt."

"Oh mein Gott," keuchte Cassie und schlug die Hand vor den Mund.

"Nach Tagen auf See strandete er auf einer einsamen Insel, Lian Yu, wo er fünf Jahre lang ums Überleben kämpfte, bevor er gerettet wurde. Das ist alles, was ich weiß. Er spricht nicht gern darüber. Keiner weiß, was genau ihm auf dieser Insel widerfahren ist, aber es hat ihn verändert."

Die Farbe in Cassies Gesicht verdunkelte sich. Sie kannte den Mann kaum und doch spürte sie eine Woge des Mitleids über seinen Verlust. Was so ein Erlebnis wohl in einem Mann bewirkte?
Sie fühlte mit ihm.

Ein erneutes Klopfen an der Tür erklang, bevor Raissa ihren Kopf hereinsteckte.
„Bitte verzeihen Sie die Störung, aber es ist jemand an der Tür, der Miss Taylor sehen möchte."

John und Cassie sahen sich an, beide überrascht.

Jemand wollte sie sehen? Als Cassie Anstalten machte, Raissa zu folgen, hob John seine Hand. „Warten Sie. Ich überprüfe das zuerst. Oliver hat mir gesagt, daß niemand weiß, daß Sie hier sind. Wir sind lieber vorsichtig."

Ein Schauer durchfuhr Cassie und Kälte kroch ihren Nacken hinauf. John hatte recht. Auf ihrer Fahrt zurück zum Anwesen hatte Oliver seinen Verdacht geäußert, daß der Brand vielleicht kein Unfall gewesen ist. Jemand war hinter ihr oder ihrem Mitwissen her. Ein Mitwissen über etwas, an das sie sich nicht erinnerte. Sie nickte. „ Ja, Sie haben recht."

Aber als sie sein besorgtes Gesicht sah, wußte sie, da war noch mehr. Oliver hatte ihr noch immer nicht erzählt, was er und Felicity über ihre Kollegen herausgefunden hatten. Sie hatte den Verdacht, daß er das Thema absichtlich vermied. Bis jetzt war sie stets abgelenkt gewesen, erst von dem Verlust ihres Zuhauses und dann ihrer unerwarteten Rückkehr in die Queen Villa. Aber jetzt, nachdem sie Johns besorgten Gesichtsausdruck und sein angespanntes Verhalten sah, befürchtete sie das Schlimmste. Wenn es ihnen gut ging, hätte es ihr Oliver bestimmt gleich gesagt. Also ging sie davon aus, daß ihre Kollegen tot waren.

„Machen Sie sich keine Sorgen," versuchte John sie zu beruhigen. „Hier sind Sie sicher." Mit einem letzten zuversichtlichen Lächeln verließ er das Zimmer und folgte Raissa hinunter in die Eingangshalle. Auf dem Weg kontrollierte er, ob er seine Waffe an seinem Hosenbund leicht erreichen konnte. Nur für den Fall.

Oliver wollte gerade die Eingangshalle in Richtung Cassies Zimmer durchqueren, als er Diggle an der Eingangstür stehen sah. Ein großer Mann stand auf der Schwelle und sprach mit John.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie lange ich schon nach ihr gesucht habe. Ich bin völlig ausgeflippt. Meine Verlobte hat am Morgen das Haus verlassen, um joggen zu gehen. Das macht sie jeden Tag, bevor sie zur Arbeit geht. Ich mußte früh zur Arbeit, also habe ich sie nicht mehr gesehen. Als ich am Abend nach Hause gekommen bin, lag ihr Handy auf dem Tisch, zusammen mit ihrer Geldbörse. Ich wußte, daß ihr etwas passiert sein mußte, aber die Polizei hat mich nicht ernst genommen. Bis jetzt. Ein Beamter hat mich informiert, daß es ein Feuer in ihrem Wohnkomplex gegeben hat und daß er auf der Straße mit ihr gesprochen hat. Er hat mir gesagt, er hätte gesehen, wie sie in eine Limousine gestiegen ist. Über das Kennzeichen fand ich heraus, daß der Wagen der Queen Familie gehört. Deshalb bin ich hier."

Oliver blieb stehen und versteckte sich hinter dem Türrahmen. Sein Verhalten war nicht gerade sehr professionell, aber er hatte gerade keine Lust, mit Cassies Verlobten aneinander zu geraten. Merkwürdig. Felicity hatte nie einen Verlobten erwähnt. Und wieso tauchte er gerade jetzt auf? Wie hatte er sie gefunden? Vielleicht war es nichts, aber es konnte nicht schaden, wachsam zu sein.

Das Gesicht des Fremden erstrahlte, als er Cassie die Treppe herunterkommen sah. „Cassie! Oh mein Gott! Ich hab dich überall gesucht!" seufzte er und eilte zu ihr.

Oliver machte einen weiteren Schritt in die Eingangshalle. Er und John behielten Cassie streng im Auge. Ihr Gesichtsausdruck war verschlossen, sie schien den Besucher nicht zu erkennen.

Cassie musterte den Mann in der Eingangshalle. Er kam ihr nicht bekannt vor, sie erinnerte sich nicht, aber er kannte ihren Namen.

Der Mann schlang die Arme um sie und drückte sie fest an sich. „Was machst du für Sachen?" Er sah sie an und atmete voller Erleichterung aus.

Er war attraktiv. Perfekte Gesichtszüge, braune Augen, groß, schlank und trotzdem muskulös an genau den richtigen Stellen. Er sah aus wie dieser Schauspieler, dessen Namen sie ständig vergaß. Aber da war kein Wiedererkennen von ihrer Seite aus. Seine Stimme klang fremd, sein Geruch war nicht vertraut. Um ehrlich zu sein, trug er sogar ein Aftershave, das sie widerlich fand. Es roch nach Moschus und eine Spur zu intensiv. Einer dieser Düfte, die man liebte oder haßte. Sie hätte es keine fünf Minuten mit ihm in einem Raum aushalten, da sein Aftershave ihr den Atem raubte.
„Die Polizei hat mich hierher geschickt. Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, daß du am Leben bist. Ich habe mit dem schlimmsten gerechnet." Mit zitternden Fingern strich er über ihre Wange. Seine Berührung... wirkte falsch. Sie wollte seine Hand am liebsten wegwischen. „Du erkennst mich wirklich nicht." Tiefes Bedauern stand in seinem Gesicht. „Ich bin Adam. Wir sind seit fünf Jahren ein Paar. Im Juni haben wir uns verlobt und wollen nächstes Jahr heiraten." Er zeigte ihr den Ring an seiner linken Hand. Cassie trug keinerlei Schmuck und sie fragte sich, was mit ihrem Verlobungsring passiert war. Hatte sie ihn abgenommen? Warum?
Adam schien ziemlich verzweifelt, als er in seiner Jackentasche herumwühlte. Er zog eine Geldbörse hervor. Sie erkannte sie sofort. Lila farbenes Leder, völlig verschlissen. Ein Geschenk ihres Vaters. Das filzige Etwas war eines der wenigen Erinnerungsstücke, die ihr von ihm geblieben war. Sie nahm die Geldbörse und öffnete sie. Ihr Ausweis – Cassandra Taylor. Sie las den Namen immer und immer wieder. Das war sie. Kein Zweifel. Die Adresse kannte sie ebenfalls. Ihre Wohnung, die erst gestern in Flammen aufgegangen war. Sie fand ihren Führerschein, diverse Quittungen und die fast volle Stempelkarte eines Coffeeshops. Ihr öffentliches Leben, recht knapp zusammengefasst und unspektakulär.

„Alles in Ordnung, Cassie?" fragte John, der noch immer neben der Tür stand. „Soll ich euch zwei alleine lassen?"

Oliver bemerkte, wie Cassie erstarrte. Ihr ganzer Körper wurde steif. Er hoffte, daß Diggle es auch sah. Es war wohl keine besonders gute Idee, sie mit diesem Kerl alleine zu lassen. Trotz all der Beweise, die er zu Tage förderte, und der durchaus glaubwürdigen Geschichte, die er erzählte, schien Cassie sich nicht an ihn zu erinnern. Und es war offensichtlich, daß sie ihm nicht traute.
Warum ging ihr der Gedanke dermaßen gegen den Strich, mit Adam alleine zu sein? Sie fühlte sich unbehaglich in seiner Nähe, obwohl sie nicht sagen konnte warum.

Adam schüttelte den Kopf. „ Nicht nötig. Wir wollten sowieso gerade gehen, nicht wahr, Schatz?" sagte er. „ Ab jetzt kümmere ich mich um dich." Er beugte sich zu ihr, legte seine Hand in ihren Rücken und küsste sie.

Cassie empfand gar nichts. Seine Lippen kamen ihr nicht bekannt vor. Warm, weich und sie schmeckten süß, aber der Kuss hinterließ kein wohliges Prickeln. Er löste keine Schmetterlinge in ihrem Bauch aus. Cassie fühlte nicht das geringste. Womöglich waren ihre Gefühle zusammen mit ihrem Gedächtnis verloren gegangen? Adam sah verteufelt gut aus, dennoch sagte ihr ihr Körper, daß da nie etwas zwischen ihnen gewesen ist und auch nie etwas sein wird. Schlicht und einfach, weil er nicht ihr Typ war.

„Du musst verwirrt sein. Ich habe uns ein Zimmer im Grand Hotel reserviert, damit du dich etwas ausruhen kannst. Und ich habe für morgen früh einen Termin bei Dr. Walker vereinbart. Mach dir keine Sorgen. Ich werde dir dabei helfen, dich zu erinnern. Du wirst dein Gedächtnis bald wieder haben." Vergnügt ging er zur Eingangstür, drehte sich dort noch einmal zu ihr um und zwinkerte ihr zu. „Kommst du? Ich komme sonst zu spät zur Arbeit. Wir können heute abend alles in Ruhe besprechen, wenn ich zurück bin. Vielleicht bringe ich sogar einen deiner Kollegen mit."

Einen ihrer Kollegen? Warum fühlte sie sich bei dem Gedanken unwohl? Es klang fast wie eine Drohnung. Und warum war Oliver plötzlich an ihrer Seite, während John etwas hinter seinem Rücken umklammerte?