Kapitel 3: Vergessen
Gähnend band sich Syala an einem Ast eines hohen Baum fest, auf dem sie die Nacht verbringen würde. Sie streckte sich vorsichtig und begann die Liane festzuknoten, die sie vorher um ihre Hüfte schlang. Kiwi ließ sich mit einem Quieken vor ihr nieder. Den kleinen gelb gefiederten Convor hatte Syala in ihrem ersten Jahr auf der Insel verletzt gefunden. Sie hatte ihn gesund gepflegt. Seitdem war der Convor, jedenfalls glaubte Syala, dass es ein Männchen war, ihr ein treuer Freund geworden. Durch ihn fand sie immer etwas zu essen. Hauptsächlich ernährte sich das inzwischen 16-jährige Mädchen von Wurzeln, Blättern und kleinerem Getier. Sie konnte sich den Luxus nicht leisten, sich ihrer Spezies entsprechend zu verhalten. Es tat ihr weh, selbst das kleinste Tier zu töten, weil sie deren Schreie hörte. Deshalb erlöste sie meist nur schon verletzte Wesen. Weh tat es trotzdem.
Glücklicherweise hatte sie nach 6 Monaten einen Gimerstock gefunden. Scheinbar war auch Wookies schon hier gewesen. Gimerstöcke wurden häufig von Wookies verwendet. Aber auch Homalianer nutzten die Kräfte des Gimerstocks. Der Saft, den man daraus gewinnen konnte, wenn man auf der Rinde herumkaute, lindert Schmerzen und löscht den Durst. Meister Yoda besaß auch einen Gimerstock, der ihm bei der Meditation half.
Inzwischen hatte sich Syala an das Leben auf diesem Planeten gewöhnt. Seit zwei Jahren versuchte sie hier zu überleben. Die Homalianerin hatte akzeptiert, dass man nicht nach ihr suchte. Dass sie hier erst mal nicht wegkam. Tagsüber wanderte sie durch das Dickicht und versuchte den Trandoshanern zu entkommen. Die waren nicht gerade erfreut darüber, dass sie die junge Jedi noch immer nicht erwischt hatten. Nachts suchte sie sich stets ein anderes Lager. Nach den ersten 6 Monaten, in denen sie jeden Abend erschöpft und völlig fertig zusammengebrochen war, hatte sich ihr Körper zumindest ein wenig auf die Anstrengung eingerichtet. Trotzdem kam sie kaum voran.
Jetzt war sie erschöpft. Mit zitternden Finger holte sie ein Stück Gimerrinde hervor. Glücklich begann Syala darauf herumzukauen. Ihr Durst wurde schwächer, ihr Körper begann sich zu entspannen. Bald konnte sie wieder ruhig atmen. Ihre Gedanken begannen sich zu sortieren. Damit dies ohne körperliche Schäden ablaufen konnte, leitete ihr Körper den Schlafvorgang ein. Wenn der Körper völlig ruhig war und sich entspannte, konnte das Sortieren leicht ablaufen. Syala schlief ruhig. Ab und zu zuckten Bilder auf. Unterschiedliche, die in ihrem Gedächtnis gespeichert waren und nun verschoben wurden. Zum Teil auch gelöscht wurden, wenn sie sich als unwichtig erwiesen und so eine Belastung für das Gedächtnis darstellen würden. Eine Szene tauchte auf und wurde wie ein Traum abgespielt.
Aufgeregt spielte Syala mit ihrer Kleidung. Heute war ihrer Versammlung. Der Ausflug nach Ilum. Die Suche nach den Machtkristallen für ihre eigenen Lichtschwerter. Das würde sehr interessant werden. Eilig schnallte sie sich ihren Rucksack auf den Rücken und folgte den anderen Jünglingen nach draußen. Insgesamt waren sie zu viert. Zwei männliche und zwei weibliche Jünglingen. Luan, ein Twi'lek mit hell orangener Hautfarbe. Mako, ein Junge von Naboo. Ahsoka, eine Togruta mit weiß blauen Lekku. Und Syala natürlich. Sie war mit ihren 12 Jahren die älteste der vier. Luan war wie Mako 10 Jahre alt. Ahsoka war sogar erst 9 Jahre alt. Alle vier standen aufgeregt nebeneinander.
„Was machen wir hier?", fragte Ahsoka.
Sanft beugte sich Syala zu ihr hinüber.
„Etwas besonderes. Es ist wichtig, wenn man ein Jedi werden will."
„Stimmt genau, Syala."
Eine junge Padawan trat aus dem Schatten eines kleinen Transportschiffes hervor. Sie war eine Nautolanerin. Nia war schon seit 4 Jahren die Padawan von Meister Fisto und inzwischen schon 16 Jahre alt.
„Ihr werdet eure eigenen Lichtschwerter bauen."
Mako, Luan und Ahsoka jubelten und auch Syala glitt ein Lächeln übers Gesicht. Nia versuchte die Begeisterung zu dämpfen. Ruhig hob sie die Hände und bat um Ruhe.
„Ihr werdet euch dazu der Versammlung unterziehen. Euch steht eine schwere Aufgabe bevor. Ihr werdet euch Herausforderungen stellen müssen. Das ist eine große Ehre für ein Jedi."
Die Jünglinge lächelten sich an. Aufregung und Abenteuer. Das klang doch spannend. Jedenfalls für eine Hälfte der Gruppe. Nia führte die vier an Bord des kleinen Raumschiffes, zeigte ihnen, wo sie ihre Sachen abstellen sollten, und bedeutete ihnen sich zu setzen.
Während des Fluges begannen die vier Jünglinge sich zu unterhalten. Sich kennenzulernen. Mako und Luan, die befreundet waren, erzählten, wie weit sie schon in der Machtnutzung war. Dass sie schon kleine Steine durch die Luft schweben lassen konnten. Mit glitzernden Augen saß die jüngere Ahsoka daneben und lauschte den beiden Jungen. Sie war absolut begeistert. Syala, die neben ihr saß, lächelte über die anderen. Als Älteste fühlte sie sich unwohl. Normalerweise wurde man mit 9 bis 11 zur Versammlung gerufen. Doch Syala war da einfach noch nicht so weit gewesen, wie die Jedi-Meister es sich gewünscht hatten. Mittlerweile war sie gerade gut genug. Mit dem Machtkontrolle kam sie sehr gut klar, wenn sie sich konzentrierte. Im Lichtschwertraining war sie hingegen eine absolute Niete. Auch wenn es um die allgemeine körperliche Fitness ging, ums lockere Lauftraining, versagte Syala auf ganzer Linie. Nachdenklich starrte Syala auf den Boden.
„Hey, alles in Ordnung?", fragte Luan.
Seine Lekku legten sich um seinen Hals. Ein Zeichen der Besorgnis. Der Twi'lek war sehr mitfühlend. Aber so war er nur nach außen. Sein Mitgefühl war eine Mauer. Dahinter verbarg sich ein großes Chaos. Ihm fehlte irgendetwas. Doch er wusste nicht, was es war. Trotzdem kümmerte sich Luan immer um die Wesen um sich herum. Er besaß das Mitgefühl, welches den Jedi so wichtig war.
Syala zuckte mit den Schultern. Was sollte sie sagen?
„Ich weiß nicht. Es ist... komisch. Ich bin schon 12. Eigentlich müsste ich schon auf Ilum gewesen sein. Aber die Meister meinten, ich wäre noch nicht so weit..."
Beruhigend legte Ahsoka eine Hand auf ihre Schulter. Auch Luan sah zu ihr hinüber. Mako machte ein eher betrübtes Gesicht. Wie gerne hätte er noch zwei Jahre gewartet. Manche Padawane erzählten häufig die gruseligsten Geschichten über die Gefahren der Versammlung. Böse Wesen sollten dort lauern. Zitternd fuhr Mako mit den Händen über die Oberarmen.
„Aber jetzt bist du dabei. Das wird ein super Abenteuer! Ein richtig spannendes Abenteuer!", rief Ahsoka begeistert.
Eine ansteckende Aufregung. Luan musste grinsen. Auch Makos Anspannung löste sich. Schließlich lächelte auch Syala.
Auf Ilum verging den Vieren kurz das Lächeln. Es war eiskalt. Fröstelnd zogen sie ihre Kapuzen enger und folgten Nia durch den Schnee. Langsam kämpften sie sich durch den Sturm. Vor einer großen Wand blieb Nia stehen und drehte sich zu den Jünglingen um.
„Um zu dem heiligen Ort vorzudringen, müssen wir uns alle konzentrieren. Fühlt die Macht. Dann wird sich der Eingang öffnen."
Kurz sahen sich die Jünglinge an, dann hoben sie ihre Hände und ließen die Macht durch ihre Körper strömen. Syala zögerte noch. Warum, wusste sie nicht genau. Vielleicht aus Angst zu zeigen, was sie konnte. Doch sie besann sich. Tief ausatmend ließ sie die Macht durch ihren Körper strömen. Als Homalianerin konnte sie den Machtausstoß bewusst steuern. Sie lenkt ihn auf die Wand, gemeinsam mit den Machtausstößen der anderen, die teilweise schwächer waren als ihrer. Tatsächlich bewegte sich etwas. Säulenähnliche Teile der Wand schoben sich nach unten in die Erde. Nia trat als erstes durch das große Tor. Die Jünglinge folgten ihr neugierig. Eine riesige Halle tat sich vor ihnen auf. Riesige Statuen von Jedi, die ihre Lichtschwert erhoben hielten. Man konnte sich jedoch nicht lange auf die beeindruckende Halle konzentrieren. Die junge Padawan stand bereits neben dem Jedi-Großmeister Yoda.
„Jünglinge, Jünglinge. Konzentrieren ihr euch musst, hört ihr?", sprach Yoda die vier an, „ Ein Jedi sein, damit eine große Verantwortung verbunden ist. Vor euch eine schwere Aufgabe liegt. Eure eigenen Lichtschwerter bauen ihr sollt, doch vorher einen Kristall sich jeder von euch holen muss. Das Herz des Lichtschwertes dieser Kristall ist. Die Macht der Jedi er fokussiert."
Dann hob er die Hände, woraufhin sich weit oben, beinahe unter der Kuppel, öffnete sich ein „Fenster". Ein Lichtstrahl beleuchtete eine Konstruktion die unter der Decke befestigt war. Diese begann sich durch den Machteinfluss von Meister Yoda zu bewegen. Ein großer Kristall streute das Licht durch die Halle. Ein kleinere Kristall fokussierte das Licht auf den Rahmen eines riesigen Tors. Eis begann zu schmelzen. Die „Tür" schien sich aufzulösen. Wasser floss die Stufen hinunter.
„Wenn Jedi ihr werden wollt, in die Höhle des Kristalls ihr gehen müsst. Vertraut euch selbst und vertraut auf die anderen. Dann erfolgreich ihr sein werdet.", erklärte Meister Yoda ruhig.
Nia ging mit den Jünglingen auf den oberen Absatz der Treppe. Dort ermahnte sie die Jünglingen noch einmal.
„Solltet ihr euren Kristall gefunden haben, kehrt ihr sofort hierher zurück. Die Tür friert zu, sobald die Sonne untergeht. Ihr habt also nicht viel Zeit. Ist die Tür erst einmal zu sitzt ihr für eine Rotation in der Höhle fest. Niemand wird dann etwas für euch tun können."
„Aber wie erkennen wir, welcher Kristall unserer ist?", stellte Mako ängstlich die Frage, die auch die anderen Jünglinge beschäftigte.
„Das werdet nur ihr allein erkennen.", antwortete die Nautolanerin eher kryptisch, „Beeilt euch. Eure Zeit ist knapp."
Den Rat befolgend liefen die vier Jünglinge durch das große Tor. Eine kleine Halle tat sich vor ihnen auf. Neugierig sahen sich die Jünglinge um. Eiskristalle spiegelten das trübe Licht. Syala staunte. Den übrigen Jünglingen ging es nicht anders.
„Wir sollten weitergehen.", flüsterte Ahsoka andächtig.
Die Kälte und die Worte Nias trieben sie voran. Ahsoka ging mit Syala voraus, während Mako und Luan hinter ihnen liefen. Sie kamen in einen runden Raum mit drei Abzweigungen.
„Wo sollen wir lang gehen?", fragte Mako mit ängstlicher Stimme.
Die übrigen zuckten mit den Achseln. Nachdenklich tippte sich Ahsoka mit dem Zeigefinger an die Lippe.
„Vielleicht müssen wir da lang gehen, wo wir meinen, dass wir da lang gehen müssen..."
„Jetzt klingst du wie Nia eben. Was meinst du denn?"
Syala sah sie verwundert an. Auch Mako schaute verwirrt zu Ahsoka. Nur Luan schien zu ahnen, was die Togruta meinte.
„Ich glaube, Ahsoka meint, dass wir uns von der Macht leiten lassen sollen. Die Macht wird uns sagen, wo wir lang gehen sollen."
Das klang vernünftig. Die Jünglinge konzentrierten sich. Sie beriefen sich auf die Macht. Ließen sie fließen. Intuitiv deuteten alle gleichzeitig auf den mittleren Gang. Ahsoka sah ihre Gefährten an. Dann schritt sie voran. Luan, Mako und Syala folgten ihr.
„Wartet mal!", rief Mako plötzlich.
Die jungen Anwärter sahen sich zu ihm um. Rechts von ihnen lag eine breite Schlucht.
„Was ist denn?", fragte Luan.
„Ich glaube, da drüben glitzerte irgendetwas. Vielleicht ist es mein Kristall.", meinte Mako.
Angst stieg in ihm hoch. Wenn es sein Kristall war, dann müsste er die Schlucht überwinden. Über eine schmale Brücke krabbeln.
„Ich geh da nicht rüber. Das ist viel zu gefährlich."
Protestierend blieb Mako vor der schmalen Brücke stehen. Überrascht sah sein bester Freund Luan ihn an. Er wusste, dass der Junge von Naboo Höhenangst hatte. Aber wenn es sein Kristall war, musste er ihn sich holen.
„Du schaffst das. Wir alle unterstützen dich, Mako.", versprach Luan ihm.
„Das ist deine Prüfung.", ergänzte Syala.
Ahsoka streckte ihre Hand in die Mitte. Das andere Mädchen begann zu grinsen und streckte ihre eigene tätowierte Hand ebenfalls aus. Auch Luan und schließlich auch Mako folgten dem Beispiel der Mädchen.
„Einer für alle.", begann Ahsoka.
„Und alle für einen!", vollendeten die anderen.
Mako atmete tief ein. Dann setzte er vorsichtig einen Fuß auf die Brücke. Einen nach den andern voreinander setzend bewältigte der Junge den Weg über den schmalen Steg. Die Übrigen sagten ihm immer wieder, wann er aufpassen musste. Es dauerte seine Zeit, bis er endlich die andere Seite erreicht hatte. Vorsichtig löste er seinen Kristall aus dem Stalagmit.
„Ich hab ihn!", jubelte Mako.
Während die anderen Jünglinge applaudierten, machte sich der Junge von Naboo auf den Rückweg. Luan streckte ihm seinen Arm entgegen und zog seinen Freund zurück auf den festen Untergrund.
„Du hast es geschafft!", jubelte Mako begeistert.
„Eine Prüfung des Mutes.", murmelte die Homalianerin so leise, dass es niemand verstand.
Die vier beschlossen weiterzugehen. An der nächsten Kreuzung verhielten sie sich genauso wie zuvor. Geleitet von der Macht entschied Ahsoka gemeinsam mit Mako, der die Höhle nicht ohne die Gewissheit verlassen wollte, dass die anderen auch mitkamen, nach rechts zu gehen. Luan und Syala wählten den linken Weg.
Die Togruta ging mutig voraus. Mako folgte ihr eher vorsichtig. Ahsoka schien das hier sogar Spaß zu machen. Eine herausragende Eigenschaft der Greifmäuse. Enthusiasmus war prägend für diesen Clan. Gemeinsam erreichten sie eine riesige Höhle, durch deren Decke das Sonnenlicht schien. Das Licht wurde mehrfach so gebrochen, dass sich ein einzelner Strahl auf eine bestimmte Stelle im Eis konzentrierte.
„Komisch.", flüsterte das Mädchen, „Das könnte mein Kristall sein. Aber wie soll ich da ran kommen?"
„Vielleicht musst du einfach warten, bis das Eis taut.", schlug Mako vor, „Du musst Geduld haben."
Ahsoka stöhnte frustriert auf. Geduld war nicht ihre Stärke. Doch Mako hatte recht. Sie ließ sich zu Boden fallen. Die Togruta nahm eine Meditationshaltung ein, so wie man es im Tempel lehrte. Mako tat es ihr gleich. Schweigend saßen die beiden nebeneinander und versuchten zu meditieren. Sie atmeten ruhig ein und aus. Konzentriert überlegte Ahsoka, wie sie ihren Stein erreichen könnte. Sie wägte verschiedene Optionen ab. Doch keine war vernünftig. Ihr Enthusiasmus schwand.
„Konzentriere dich, Ahsoka.", hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf.
Es war ein Verbindung über die Macht. Das überraschte die Jüngling. So etwas konnten nur ausgebildete Jedi-Meister. Aber Meister Yoda würde doch nicht in die Prüfungen der Jünglinge eingreifen, oder? Ahsoka konnte sich das nicht vorstellen. Verwirrt versuchte sie die Ursache der Stimme zu finden.
„Konzentriere dich!", ertönte die Stimme erneut.
Diesmal erkannte die jüngste der vier die Stimme. Es war Syalas. Eine Erklärung dafür hatte Ahsoka zwar nicht, aber sie beschloss dem Rat der Älteren zu folgen. In diesem Moment war nur der Kristall, ihr Kristall, von Bedeutung. Sie durfte sich nicht ablenken lassen. Wie Syala sagte, konzentriere dich. Das tat die Togruta jetzt. Die Sonnenstrahlen ließen das Eis schmelzen. Instinktiv streckte Ahsoka ihre rechte Hand aus. Sie ließ sich von der Macht leiten und versuchte das Eis um ihren Kristall zu spüren. Mittlerweile war das Eis dünner geworden. Ahsoka versank wieder in ihrer Meditation.
Während Ahsoka und Mako meditierten, waren Luan und Syala in einem beinahe kreisrunden Raum angekommen. Er war unendlich hoch, so dass man die Decke nur erahnen konnte. Ganz oben, in der Mitte der Kuppel, schien etwas zu glitzern. Syala kniff ihre Augen zusammen. Tatsächlich sah es wie ein Kristall aus, so weit die Älteste das beurteilen konnte.
„Wie soll ich da nur ran kommen?", murmelte Syala.
Luan zuckte nur mit den Achseln. Er selbst war verzweifelt. Ihm hatte sich noch kein Kristall offenbart. Wie sollte er da jemand anderem helfen? Er hatte doch keine Ahnung. Hilflos sah er zu der Homalianerin hinüber.
„Vielleicht musste einfach das tun, was Ahsoka gesagt hat.", erinnerte sich Luan, „Einfach das tun, von dem du glaubst, das es das richtige ist."
Überrascht wandte Syala den Blick von der Kuppel ab und starrte den Twi'lek an. Noch einmal sah sie unbehaglich nach oben. Es blieb ihr keine andere Wahl. Sie ließ sich zu Boden sinken, um eine Meditationshaltung einzunehmen. Konzentriert ließ sie die Macht in ihr fließen. Sie öffnete sich der Lebendigen Macht, der ursprünglichen, greifbaren Lebensenergie, die alles umgibt. Eine Welle von Frustration durchfuhr sie. Es war nicht ihre eigene. Sie tastete nach dem Ursprung der Frustration. Die Quelle schien nicht weit entfernt zu sein. Syala kannte die Machtsignatur des Lebewesens. Jeder hatte eine eigene, persönliche Machtsignatur. Kam man einmal mit einem machtintensiven Lebewesen in Kontakt, konnte man sich die Machtsignatur dieser einprägen und später zuordnen. Also vertiefte die Homalianerin ihre Meditation, um mehr herauszufinden. Dabei öffnete sie sich schließlich auch der Vereinigenden Macht, der gewaltigen, kosmischen Macht. Das ließ Syala kurzzeitig und leicht verschwommen erkennen, wo die Quelle der Frustration war. Das Togruta-Mädchen Ahsoka schien verzweifelt zu versuchen, an ihren Kristall zu kommen. Mehr konnte die älteste der Jünglinge nicht erkennen. Es war an sich schon beeindruckend, wie viel sie gesehen hatte. Aber als Homalianerin war der Umgang mit der Macht bereits von Natur aus in ihr veranlagt. Anders als die anderen Jünglinge brauchte sie nicht so viel Training im Umgang mit der Macht. Syala konnte bereits Ereignisse, die gerade in der Nähe passierten, sehen. Eine Eigenschaft, die unter dem Namen Tai Vordax oder auch Postkognition bekannt war. Außerdem übte sie sich in der Machtheilung, die Grundlagen des Curato Salva. Nun, da die Homalianerin das Problem kannte, sollte sie nach einer Lösung suchen. Dazu nutzte sie die projektive Telepathie, um ihre Stimme in Ahsokas Verstand zu pflanzen. Diese hohe Kunst war für Syala einfach zu erlernen gewesen. Ihre natürlichen Fähigkeiten, die sie als Homalianerin besaß, halfen ihr jetzt.
„Konzentriere dich, Ahsoka.", sendete sie eine Nachricht zu Ahsoka.
Es kostete ihr viel Kraft, aber Syala gab nicht auf. Als sie die Verwirrung der Togruta spürte, sandte sie noch eine Nachricht.
„Konzentriere dich."
Dann musste Syala die Verbindung zur Macht abbrechen. Es kostete sie zu viel Kraft. Das, was sie getan hatte, hatte ihr viel Überwindung gekostet. Ihre Macht zu nutzen, hatte sie müde gemacht. Sehr müde. Nur langsam konnte sie wieder die Umrisse der riesigen Halle erkennen.
„...ala! Syala!?", rief eine Stimme nach ihr.
Die Angesprochene versuchte die Augen weiter zu öffnen, aber sie konnte nicht. Verschwommen sah Syala, wie Luan sich über sie beugte. Er hatte ihren Kopf in seinen Schoß gelegt und strich ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht.
„Du musst wach bleiben, Syala. Hörst du? Du bist nur erschöpft. Bald ist alles wieder gut. Du musst ruhig liegen bleiben. Keine Angst, dein Kristall ist in deiner Hand absolut sicher."
Luan sprach beruhigend auf die halb Ohnmächtige ein und strich dabei sanft über Syalas Wangen. Erschöpft öffnete die Homalianerin ihre Hand, um zu sehen, was der Twi'lek meinte. Dieser bemerkte ihre Bemühungen und nahm ihr den Stein aus der Hand. Er hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hoch.
„Siehst du? Er schwebte während deiner Meditation einfach so von da oben herab. Du hast ihn quasi angezogen."
Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihren Kristall betrachtete. Er war länglich, rau und grünlich. Unterschiedliche Grüntöne spiegelten sich in dem Kristall. Er symbolisierte die Farben der Natur, bemerkte Syala lächelnd, er war ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Spezies der Homalianer.
„Es ist ein Kasha-Kristall. Er wird vor allem von Cereanern, wie Ki-Adi Mundi, zur Meditation verwendet. Es ist selten, dass man solche Kristall auf Ilum findet. Konzentrationsfördernd soll ein Kasha-Kristall auch sein.", erklärte Luan.
Es klang, als hätte er es auswendig gelernt. Der Twi'lek beugte sich lächelnd über ihren Oberkörper, um ihr den Kristall in die Hand zu legen. Dann schloss er ihre Hand um den Stein.
„Versuch dich auf den Kristall zu konzentrieren. Wenn er wirklich die Konzentration fördert, dann kannst du gleich wieder aufstehen."
Mit flatternden Augenlidern tat Syala, was Luan ihr vorgeschlagen hatte. Der Twi'lek hielt immer noch ihre Hand und versuchte sich ebenfalls zu konzentrieren. Die Macht floss durch beiden Jünglinge hindurch. Die Homalianerin begann ruhig ein und aus zu atmen. Schließlich konnte sie sich mithilfe von Luan aufrichten. Er stützte sie, während sich beide wieder auf den Weg machten. An einer Kreuzung ließen sich beide zu Boden sinken. Es war anstrengend, das Mädchen durch die Gänge in den Eishöhlen von Ilum zu schleppen, auch wenn sie mithelfen konnte. Beide atmeten tief durch.
„Sag mal, seh ich richtig? Hey, ihr beiden.", erklang mit einem Mal eine Stimme.
Es war Ahsoka in Begleitung von Mako. Lachend sah die Togruta ihre Gefährten an. Luan zwang sich zu einem Lächeln, was ihm angesichts Syalas unregelmäßig gewordenem Atmen schwer fiel. Erschrocken drehte er sich zu ihr um. Ahsoka kniete sich neben die Homalianerin.
„Was ist passiert?", fragte die Togruta eilig.
„Sie hat sich total überanstrengt, als sie ihren Kristall aus der Decke holen wollte. Sie hat meditiert und danach war sie total erschöpft. Keine Ahnung, was mit ihr los ist.", erklärte Luan hastig.
Dann beugte er sich zu ihr hinunter. Vorsichtig strich er ihre Haare beiseite, um ihren dicken Mantel zu öffnen. Dadurch sollte Syala besser atmen können. Der Twi'lek suchte ihren Puls, der unruhig schlug. Besorgt sah er die Grünhäutige an.
„Komm schon, Syala. Bleib bei uns. Es wird alles wieder gut. Du musst nur noch ein bisschen wach bleiben. Hörst -"
Plötzlich brach Luan ab. Über Syalas Körper, etwa auf seiner Augenhöhe, leuchtete irgendetwas an der Wand. Erstaunt und gleichzeitig fasziniert griff er nach dem leuchtenden Ding und zog es aus der Wand.
„Hey, das sieht aus wie ein Kristall!", rief Mako.
Es war wirklich ein Kristall. Er leuchtet in Luans Handfläche und strahlte ein warmes Licht aus. Syalas Augen flatterten leicht. Ihre Atmung wurde langsamer.
„Hört mal!", flüsterte Ahsoka, „Ihre Atmung hat sich beruhigt."
„Du hast recht. Es geht ihr besser. Ich denke, wir können versuchen, sie raus zu tragen."
Hastig stopfte der Twi'lek seinen Kristall in eine Tasche an seinem Gürtel. Gemeinsam mit Mako half er Syala auf. Sie legten ihre Arme um die Hüfte der Homalianerin. Deren Arme legten sie auf ihre Schultern. Ahsoka ging voraus. Jetzt, wo jeder von ihnen einen Kristall hatte, mussten sie hier dringend raus, bevor das riesige Tor zufror.
„Seht mal, da!", rief die Togruta nach einer Weile begeistert, „Das ist der Ausgang."
Erschöpft schleppten Luan und Mako Syala durch das Tor, das schon zu ¾ zugefroren war. Ahsoka half den beiden, die Homalianerin auf den Boden zu legen. Yoda trat mit Nia auf die vier Jünglinge zu.
„Was ist passiert?", fragte die Padawan-Schülerin ernst.
Ihre grünen Kopftentakeln bewegten sich unsicher hin und her. Der Großmeister beugte sich über Syala. Sie atmete flach, aber mittlerweile gleichmäßig. Luan erklärte eilig, was in den heiligen Kristallhallen von Ilum passiert war.
„...und dann ist sie zusammengebrochen. Syala ist erst wieder richtig wach geworden, als ich meinen Kristall gefunden habe. Dann haben wir sie gemeinsam hergebracht.", schloss der Twi'lek schließlich.
„Sie an Bord des Schiffes bringen wir müssen. Dort helfen man ihr kann."
Meister Yoda stützte sich auf seinen Gimerstock. Luan und Mako hoben Syala wieder hoch und trugen sie zu dem Schiff.
Es war eine aufregende Mission gewesen. Jeder der Jünglinge hatte auf der Mission eine Prüfung bestanden. Mako hatte gelernt, mutig zu sein, als er über die Brücke gekrochen war. Ahsoka hatte sich gedulden müssen, um ihren Kristall aus dem Eis zu lösen. Syala hatte ihr Selbstvertrauen gefunden, indem sie ihrer Macht vertraute. Luan fand die Hoffnung wieder, als sich sein Kristall wegen seiner Freundlichkeit gegenüber seinen Kameraden offenbarte.
