Din Djarin war nie nach Zanbar zurückgekehrt. Zu schmerzhaft waren ihm der erlittene Verlust und die Erinnerungen an die Zerstörung. Aber Sorkan hatte teure Bilder, die er tief in seinem Inneren trug, heraufbeschworen. Die Liebe und die Leidenschaft, die die Mutter ihrer Heimat entgegengebracht hatte, hatte ihn über den Weg nachdenken lassen. Sein gesamtes Erwachsenenleben hatte er Mandalor gewidmet, doch er besaß auch eine Heimat.
Von seinem Landeplatz aus war es nur ein kurzer Marsch zum See. Das Tal erstreckte sich noch in eben der friedlichen Einsamkeit vor ihm wie er sie aus zahllosen Besuchen bei seiner Großmutter kannte. Er durchschritt eine zerklüftete Schlucht und erreichte die Niederung mit ihrer bescheidenen Holzhütte. Sie stand noch. Dins Herz machte einen Sprung.
Die alte Tür leistete seiner Berührung keinen Widerstand und gab dem verlorenen Sohn den Zugang frei. Auch in der Hütte war trotz des Verfalls vieles noch erhalten. Din entdeckte ein Glaspferdchen auf einem Regal und erinnerte sich, wie er damit gespielt hatte. Ein paar Konserven hatten die Jahre ebenfalls überdauert. Seine Oma hatte fantastisch Kirsiche eingelegt. Din lächelte und blickte aus dem großen Fenster auf den Lacta-See. Er schluckte und die Szenen lang vergangener Badetage und Picknicke zerrissen ihn. Er wandte sich ab und trat durch die Hintertür auf die Veranda. Von dem gemütlichen Korbstuhl, in dem er sich zusammengerollt, als er den Geschichten seines Großvaters gelauscht hatte, war nur noch der Fuß erhalten. Langsam legte Din seine Waffengürtel und den Brustpanzer ab und streifte die Armschutze von seinen Händen und Gelenken. Stiefel und Beinrüstung folgten. Auch die robuste Leinen-Überbekleidung zog er aus. Seine Tunika und die weiche Dreiviertelhose behielt er an, als er in den See sprang und schwamm.
Der Lacta-See in seiner milchigen Konsistenz war warm und süß. Er zog kein Leben außer winzigen Gründlern und einigen sonderbaren grauen Fröschen an. Letztere wirkten, wenn man sie jemals zu Gesicht bekam, überdreht und wild. Das lag am Zuckergehalt des Gewässers. Lacta war gut für die Haut, und seine Großmutter hatte es als Grundlage für ihre Seifen und Pflege-Cremes verwendet. Auch ein gehaltvolles, wenn auch nicht gesundes, Getränk namens CalLaC bestand aus Lacta und Farbstoffen. Trank man ein Glas davon, benahm man sich wie die Frösche.
Als Kind waren er und seine Eltern oft hergekommen. Hier hatte er Schwimmen und Tauchen gelernt. Er war mit seinem Vater um die Wette getaucht und sie hatten Spielzeuge, die seine Mutter in den See warf, vom Grund heraufgeholt. Sein Lieblingsspielzeug hatten sie jedoch nicht gefunden. Er erinnerte sich an einen tränenreichen Abschied von seinen Großeltern. Sein Vater war geblieben und hatte den ganzen See abgesucht, doch es war nicht aufzufinden gewesen. Einen Moment lang überlegte Din, ob er danach tauchen sollte.
Nach dem Schwimmen legte sich Din ans Ufer und starrte in den Himmel. Die Sonne ging auf und die Sonne ging unter, dann folgten Sterne, während die erste Sonne grünlich verblasste. Din schloss die Augen und noch bevor er viele tiefsinnige Gedanken denken konnte, schlief er.
Es war der tiefste und gesündeste Schlaf seit Jahren gewesen. Statt der immer wiederkehrenden Albträume hatten ihn gute Bilder besucht. Menschen hatten ihn empfangen und umarmt und waren froh ihn zu sehen. Nachdem er sich als Kind verlaufen hatte und nach drei Tagen den Weg zurückgefunden hatte, war das so gewesen. Seine Mutter hatte ihn gar nicht mehr loslassen wollen, und das ganze Dorf schien glücklich darüber zu sein, dass er nach Hause gefunden hatte.
„Din? Din Djarin?" drängte eine Stimme in sein Bewusstsein.
Er öffnete die Augen und war vom Tageslicht geblendet. Über ihm stand ein Mann etwa seines Alters. Er hatte Handwerkskleider an und trug verschiedene Werkzeuge. Intuitiv entschied Din, dass der Mann keine Bedrohung war, und setzte sich auf.
„Du bist es wirklich, Mann," strahlte der andere und reichte Din seine Hand zum Gruß. Er studierte das entfernt bekannte Gesicht und ordnete die Werkzeuge ein.
„Lan," Stellte er mehr fest als dass er fragte, „Lan Zohn. Und ich sehe, du führst das Erbe deines Vaters weiter." Er deutete ein Nicken Richtung Sägen und Hobel an.
Der Zimmermann bestätigte das und setzte sich zu Din, beteuerte seine Freude, dass er wieder da war. Din lauschte ihm und fühlte sich seltsam angekommen. Lan und er waren zusammen zur Schule gegangen. Sie hatten in ihrer Freizeit auch viel Unsinn angestellt, Lan, er und-
„Hal?"
„Ist weg," war die knappe Antwort, „aber die anderen sind auch nicht so übel."
„Die anderen?" Din wagte seinen Ohren nicht zu trauen. Es gab andere.
„Ja, es sind über die Jahre viele zurückgekommen. Die Mandalorianer hatten sie gerettet, aber sie gehören hierher." Die Worte Lans versetzten Din einen Stich.
„Viel haben sie nicht erzählt, aber bei einigen soll es wohl richtig streng gewesen sein. Die haben nur gebetet und gepredigt und haben versucht, unsere zu bekehren."
„Der Weg," murmelte Din und Lan nickte.
„Ja, genau. So ein Quatsch. Als ob es nur einen Weg gäbe. Jedenfalls haben sie sie gut behandelt, und als sie alt genug waren, sind sie wiedergekommen. Und jetzt auch noch du! Wo hast du all die Jahre gesteckt?"
„War viel unterwegs," sagte Din tonlos. Lans Worte schmerzten ihn.
„Aber jetzt bleibst du," kam die hoffnungsvolle Retour und Din schluckte. Er musste da noch etwas klären. Wenn ihm das gelang, war das möglich.
„Sag mal, kannst du die Hütte wieder hinkriegen?" fragte Din, „Ich habe da ein paar Vorstellungen."
