„Mama, du darfst nicht so schnell fahren", kam es vorwurfsvoll aus dem Kindersitz auf der Rückbank.
„Na hör mal, ich fahre genau hundert, so viel ist erlaubt! Aber du hast Recht, sonst verlassen die gute alte Schnucki noch die Lebensgeister."
Dolly Schwarze bremste den alten Wagen ein wenig ab und fuhr etwas langsamer. Ihre Tochter Katharina, genannt Rina, fuhr mit ihrem zufriedenen Kindergesang fort, kein bestimmtes Lied, sondern einfach nur ein Trällern aus Freude an der eigenen Stimme. Klaus Schwarze, Dollys Mann, lächelte seiner Frau zu. „Wenn Rina so weitermacht, müssen wir sie auf ein Konservatorium, nicht nach Burg Möwenfels schicken!", scherzte er. Dolly hoffte jedenfalls, dass er scherzte. Für sie war es seit Rinas Geburt ausgemacht, dass ihre Tochter die Schule besuchen würde, die sie selbst so sehr geliebt hatte. Sechs Jahre hatte Dolly auf Möwenfels als Schülerin gelebt, dann zwei weitere Jahre im Möwennest, der Schwesternschule nur ein paar Kilometer entfernt. Später war sie, nach ihrem Studium, als Erzieherin, schließlich als Hausmutter auf die Burg zurückgekehrt. Nun ja, bis zu Rinas Einschulung auf Möwenfels waren ja noch sieben Jahre Zeit!
Schnucki, Klaus' alter Wagen, bog nun in die Ausfahrt ein, die sie auf die Landstraße Richtung Burg Möwenfels bringe sollte. Eigentlich wohnten Hausmutter Dolly und der Deutsch- und Geschichtslehrer Klaus-Henning Schwarze ganzjährig in ihrer kleinen Wohnung auf der Burg, doch über den Sommer waren sie viel gereist. Erst hatten sie Dollys, dann Klaus' Eltern besucht, um Rina viel Zeit mit ihren Großeltern zu ermöglichen. Vor allem Dollys Eltern nahmen es schwer, dass ihre Enkelin so weit weg von ihnen wohnte. Dann hatten sie zwei Wochen auf einem Campingplatz in Kroatien verbracht, waren gewandert, hatten gebadet und einen wunderschönen Urlaub genossen.
Nun aber freute sich Dolly auf ein neues Schuljahr auf der Burg, auf den Trubel und die Mädchen.
Zwei Tage blieb der kleinen Familie, um sich wieder in ihrer Wohnung im Nordturm einzurichten, die Vorbereitungen für das neue Schuljahr zu treffen und noch ein letztes Mal die Ruhe und Einsamkeit des Schwimmbeckens zu genießen, das stets mit frischen Meerwasser gefüllt war. Später, wenn die Mädchen kamen, würde von Ruhe und Einsamkeit nichts mehr zu spüren sein…
Dolly dachte sich auch in diesem Jahr wieder eine Kleinigkeit aus, die die Schülerinnen bei ihrer Ankunft in den Schlafsälen begrüßen sollte. Dieses Mal waren es kleine Frösche aus Origami-Papier, auf die sie den Namen des jeweiligen Mädchens schrieb. Beim Falten konnte ihr Rina sogar schon helfen.
„Schatz, du machst schon wieder noch vor Schuljahres-Beginn Überstunden", mahnte Klaus mit gerunzelter Stirn. „Ist das denn wirklich nötig?"
Dolly sah gelassen auf. „Ich bastele mit meiner Tochter und fördere ihre Feinmotorik, wie kannst du das als überflüssig bezeichnen?" Als Klaus ihr Lächeln nicht erwiderte, legte sie das Papier, dessen Kante die gerade falzen wollte, beiseite und sagte ruhig: „Ich weiß, dass es für dich oft schwer ist, dass ich keinen klar begrenzten Acht-Stunden-Tag habe. Aber gerade das ist es, was den Beruf so wertvoll für mich macht! Es ist ebene nicht nur ein Job, es ist auch mein Leben. Und ich weiß, dass es dir mit deinem Unterricht auch so geht!"
Nun lächelte Klaus doch. „Ich weiß ja, ich weiß ja. Es ist nur… weißt du noch, im letzten Jahr die lange Grippe? Du hast dich nicht richtig auskuriert, nur um schnell wieder arbeiten zu können. Wenn du deinen Beruf liebst, musst du auf dich achten, sonst bleibst du Möwenfels nicht erhalten. Das weißt du."
Dolly biss sich auf die Lippe. Natürlich wusste sie, dass Klaus Recht hatte. Aber sie wollte es ihm nicht so einfach machen. Sie wusste genau, dass er am liebsten hinzugefügt hätte: „Und manchmal glaube ich, dass du mit deiner Arbeit verheiratet bist und nicht mit mir!" Es ärgerte sie, dass er es nicht laut aussprach, sondern so tat, als würde er sich allein um ihre Gesundheit sorgen.
So antwortete Dolly nicht und die steile Sorgenfalte blieb auf Klaus' Gesicht. Rina war an diesem Abend eigenartig still. Sie merkte sofort, wenn ihre Eltern sich nicht ganz grün waren. Mit einem leisen schlechten Gewissen und einem unguten Gefühl in der Magengegend schlief Dolly an diesem Abend ein.
