Musik hatte nie einen besonders großen Stellenwert auf Möwenfels gehabt. Stets waren es die Schwimm- und Handballmannschaften gewesen, die den Lorbeeren für die Schule geholt hatten. Es galt das ungeschriebene Gesetz, dass, wer beliebt sein wollte, sich im Sport hervortun musste, um etwas zu gelten. Wer in der Musik Beachtung finden wollte, musste schon ein wahres Genie sein wie Irene oder Steffi.
Doch mit Frau Leopolds ungewöhnlichem Musikunterricht hielt auch die Begeisterung für Gesang, Tanz und Kammermusik Einzug auf der Burg. Die Mädchen kramten die alten Platten mit klassischer Musik aus den Regalen in den Gemeinschaftsräumen, und wenn die Hausmütter der vier Türme abends ihre Runde machten und die Letzten aus den Gemeinschaftsräumen scheuchten, hörten sie nicht selten die letzten Takte eines gemeinsam eingeübten Kanons verklingen.
Frau Leopold kam es bei allem, worin sie die Mädchen unterwies, nicht auf ein perfektes Ergebnis an, sondern auf die Freude am gemeinsamen Musizieren. Sie schien in jedem Mädchen eine musikalische Ader zu erkennen, und wenn es noch so schief sang oder noch so oft aus dem Takt kam. Ihre Stunden begannen immer mit einem Lied, dass sie auf dem Klavier vorspielte und so begeistert dazu sang, dass die Mädchen bald einstiegen, oder mit einer kurzen Einheit in Body-Percussion. Die junge Lehrerin hielt sich dabei nicht mit Worten oder Erklärungen auf, sie ließ die Schülerinnen einfach an der Musik teilhaben, sobald sie einigermaßen in den Rhythmus gefunden hatten.
Frau Leopold ließ außerdem nie einzeln vorsingen, es sei denn, ein Mädchen wünschte es sich.
„So etwas gibt es bei mir nicht", entgegnete sie energisch, als sich die Mädchen der vierten Klasse nach der gefürchteten Leistungskontrolle im Singen erkundeten. „Schlimm genug, dass ich eure Klassenarbeiten bewerten muss, aber so etwas wie die persönliche Stimme eines heranwachsenden Mädchens kann ich nicht bewerten."
Besonders die dritte Klasse arbeitete mit großem Eifer. Sie hatten sich dazu entschlossen unter Frau Leopolds Anleitung ein Musical über „Das Gespenst von Canterville" einzustudieren und am Schuljahresende aufzuführen.
Maren gab mit Inbrunst das schaurige Gespenst, Sir Simon. Sie war wie geschaffen für diese Rolle, nichts bereitete ihr mehr Vergnügen, als mit Säbel und rostiger Kette über die Bühne zu fegen und dabei schrecklich zu stöhnen. Isis und Judith spielten die vorwitzigen Zwillinge der Familie Otis, Helena und Manuela die Eltern Otis und Johanna hatte Frau Leopold für die Rolle der Virginia gewinnen können. Die junge Lehrerin hatte es verstanden, Johannas Scheu vor eine Solo-Rolle ernst zu nehmen und ihr viel Mut gemacht. Sie hatte erkannt, dass Johanna eine außergewöhnlich klare und saubere Stimme hatte, was gut zu der Rolle des sensiblen Mädchens passte. Lucy, Steffi und Kathrin spielten weitere Schloss-Geister, die für die Steffi eigens zusätzliche musikalische Themen schrieb und ins Stück einfügte.
Dolly blickte gedankenverloren von einem frisch bezogenen Bett zum nächsten. Schon waren einige Wochen des neuen Schuljahres vergangen… Nun begann die Zeit, in der die Wochen immer schneller vorüberzogen. Schon als Schülerin hatte sie das so wahrgenommen, und jetzt, als Hausmutter des Nordturms, empfand sie immer noch genauso.
Über die Mädchen der ersten Klasse machte sie sich in diesem Jahr noch mehr Gedanken als sonst. Sie konnte nicht sagen, warum. Es gab keine, die sich der Schule komplett verweigerte, besonders streitlustig oder auffallend uninteressiert war. Aber jede von ihnen schien ihre ganz eigene Geschichte mit nach Möwenfels gebracht zu haben. Bei jedem Mädchen gab es die Möglichkeit, von ihren Erfahrungen zu profitieren, andererseits konnte eine Prägung, welcher Art auch immer, es den Mädchen schwerer machen, sich auf Möwenfels einzufinden und schließlich sich selbst kennenzulernen…
Um Juliane jedenfalls machte sich Dolly keine allzu großen Sorgen. Das Mädchen, das von seinen Klassenkameradinnen nur Jule gerufen wurde, kam ganz nach seiner großen Schwester Helena und eiferte ihr in jeder Hinsicht nach. Jule war aber ein wenig ernster als Helena und interessierte sich besonders für alle Fragen, die Gesellschaft und Politik betrafen.
Ganz ähnlich Mareike, ein ruhiges Mädchen mit dichten, dunkelblonden, Haaren und einer runden Brille. Sie war ein Bücherwurm und seit der ersten Woche ständig mit Jule zusammen. Dolly hatte den Eindruck, dass die beiden geistig auf einer Ebene waren, den anderen Klassenkameradinnen weit voraus und manchmal kopfschüttelnd über deren Unbeschwertheit.
Die kleine Leonie hatte sich an die Fersen der beiden geheftet. Leonie war mit einer Sondergenehmigung auf Burg Möwenfels eingeschult worden. Ihre alleinerziehende Mutter war Diplomatin und viel unterwegs. Sie hatte Frau Greiling innständig gebeten, ihre Tochter schon jetzt aufzunehmen, obwohl sie erst im nächsten Sommer zwölf werden würde. Frau Greiling hatte ausnahmsweise zugestimmt. Dolly war sich, so sehr sie Frau Greilings Entscheidung respektierte, nicht sicher, ob das für Leonie das Richtige gewesen war. Das Mädchen war zwar durchaus fleißig und intelligent, hätte aber vielleicht noch ein Jahr gebraucht, bis sie dem Internatsalltag gewachsen war. Abends hatte Leonie oft Heimweh, worüber man sie glücklicherweise leicht hinwegtrösten konnte, doch Dolly ahnte, dass der straffe Alltag im Internat, ständig unter Gleichaltrigen, das verträumte Mädchen überforderte. Dazu kam ein hohes Lernpensum, denn die erste Klasse in Möwenfels forderte Lernstoff, den Leonie in ihrer alten Schule noch nicht gehabt hatte.
Glücklicherweise hatten sich die vernünftige Jule und die gutmütige Mareike Leonie wie einer Schwester angenommen und unterstützten sie, wo sie nur konnten.
Ein weiteres Freundschaftspaar, Mali und Alev, hatte schon vor der Einschulung auf Möwenfels bestanden. Die beiden kamen von einem berühmten Sportgymnasium, das sie nun nicht mehr besuchen konnten, denn ihr Stipendium wurde vom Förderverein der Schule nicht weiter finanziert. Das waren zwei Energiebündel! Auch für Burg Möwenfels hatten sie je ein Stipendium ergattert. Ihre Leistungen waren ausgezeichnet, sowohl in der Schule als auch im Sport. Die beiden kickten in jeder freien Minute und trainierten Pässe und Dribbeln. Von der Handballmannschaft hielten sie sich demonstrativ fern, doch sie hatten schon eine eigene kleine Fangemeinde, die ihnen nachmittags beim Spielen zusah.
Immer wieder kam es zwischen ihnen und Hanka zu Streitereien. Auch Hanka hatte ein hitziges Temperament, dass sie allerdings besser zu zügeln wusste als die zwei Fußballerinnen. Hanka hatte zuvor an einer russischen Ballettschule gelernt. Ihr Deutsch war noch etwas brüchig, aber Hanka biss sich mithilfe von Nachhilfestunden von Vivi durch. Dolly merkte, dass Hanka es gewohnt war, hart zu arbeiten und erst sehr spät dafür belohnt zu werden. Für andere Sportarten als Ballett hatte sie allerdings nur Verachtung übrig, und vor ihrer energischen, manchmal harten Art fürchteten sich weniger selbstbewusste Mädchen wie Leonie oder Miray.
Miray war ein stilles Mädchen. Dolly sah sie oft länger als die anderen Mädchen arbeiten, meistens mit einer kleinen Sorgenfalte auf der Stirn. Dolly hatte sie erzählt, dass sie Ärztin werden wollte, wie ihr Vater, dabei war zum ersten Mal ein kleines Lächeln über ihr Gesicht gehuscht. Dolly fühlte sich an Susu erinnert, die vor vielen Jahren den gleichen Wunsch geäußert hatte…
Auch Rahel war ein ruhiger Typ und schien sich am meisten für Musik zu interessieren. Sie verbachte viele Stunden in den Übräumen und spielte selbstvergessen am Klavier.
Dollys Blick fiel auf das Bett ganz am Fenster. Rosanna hatte Stapel von Büchern auf dem Nachttisch liegen. Sie liebte fantastische Geschichten und Märchen. Klaus war begeistert von der fantasievollen und lebhaften Schülerin. Dolly aber hatte ein ungutes Gefühl. Sie hatte den Eindruck, dass Rosanna nicht glücklich war. Sie nahm zwar engagiert am Möwenfelser Leben teil und zeigte Interesse an vielen Themengebieten, doch schien sie immer ein wenig nervös zu sein, immer auf dem Sprung. Und dann gab es Tage, an denen sie abwesend und verwirrt wirkte und sich absonderte. Einmal war sie sogar in Klaus' Unterricht eingeschlafen!
Neun noch unfertige, einzigartige Persönlichkeiten mit all ihren Schwierigkeiten und Problemen sollten nun also sechs Jahre gemeinsam verbringen und miteinander leben lernen. Dolly seufzte. Eigentlich konnte so etwas doch nur schiefgehen. Doch dann lachte sie leise: Dachte sie sich das nicht seit ihrer eigenen Schulzeit?
