Hallo ihr Lieben! Leider hat es nicht so gut geklappt die einzelnen Kapitel hochzuladen, deshalb ist es jetzt ein komplettes Dokument - Sorry.
Ich habe versucht jedem einzelnen Familienmitglied der Familie Potter-Weasley gerecht zu werden. Dadurch sind es verdammt viele Charaktere - aber so ist das nun mal in einer Großfamilie.
Viel Spaß!
Full House
Prolog
Es klopfte und gleich darauf steckte Norris den Kopf durch die Tür. „Sir?" Die junge Aurorin sah ihn nicht direkt an, als sie ihn ansprach. Kein gutes Zeichen. „Könnte ich Sie kurz sprechen?" Harry zog die Brauen hoch. Dann nickte er und entschuldigte sich.
Harry wurde oft aus Meetings herausgeholt. Sehr oft. Das brachte der Job mit sich. Mit der Zeit lernte man als Leiter der Aurorenzentrale die Mienen der Personen zu lesen, die ihren Kopf durch die Tür steckten. Den meisten seiner Auroren konnte er inzwischen ansehen, ob eines von Harrys Kindern Ärger in der Schule oder ein Schwarzmagier eine Brücke in die Luft gesprengt hatte. Norris Gesicht sah nach Letzterem aus. Harry seufzte, bevor er sie in sein Büro führte und die Tür hinter ihnen schloss.
„Setzen Sie sich." Zitterte Norris etwa? War die Aurorin immer so fragil? Harry überlegte fieberhaft an welchem Fall sie gerade arbeitete, aber es fiel ihm nicht ein. Norris war noch zu unerfahren um eigene Ermittlungen zu leiten und assistierte deshalb einigen der Auroren. Harry wusste nicht, wem sie zurzeit zugeteilt war.
Die Aurorin setzte sich nicht. Nervös tippelte sie von einem Fuß auf den anderen und huschte mit den Augen durch das Büro ohne, dass ihr Blick irgendwo hängen blieb… bis es Harry zu bunt wurde.
„Norris!" Sein scharfer Ton brachte sie nun doch dazu, ihn anzusehen. „Was ist passiert?", hakte er deutlich ruhiger nach.
„Die … ähm … die Todesser, Sir …" Ja, genau. Norris war gar keinen Fall zugeordnet worden. Sie schob in dieser Woche Flohdienst. Zwei seiner Auroren mussten immer in der Nähe vom Flohnetzwerk sein, um Hilferufe entgegen zu nehmen und zu notieren, welche der auf Bewährung freigelassenen Hexen und Zauberer sich regelmäßig meldeten … und bei welchen nachgehakt werden musste. Gleich fünf Todesser standen zurzeit auf dieser Liste! Fünf! Alle vor kurzer Zeit aus der Haft entlassen. Harry hatte angeordnet, sofort über alles informiert zu werden, was die Ex-Häftlinge von sich gaben, wenn sie sich meldeten. Immerhin waren die Brüder Lestrange dabei. Beide Lestranges!
„Ja, Norris?", hakte Harry nach, als die Aurorin nicht mit ihrem Satz fortfuhr. „Wer von ihnen hat sich nicht gemeldet?"
„Alle", antwortete sie kleinlaut.
„Dann lassen Sie sie sofort orten und schicken Sie ihnen zwei, nein, besser drei Teams nach." Bei den Lestranges konnte man nicht vorsichtig genug sein. Harry war nicht zum ersten Mal froh, dass die Aurorenzentrale Magier auf Bewährung mit Ortungszaubern ausstattete. Diesmal hatte er sogar darauf bestanden, die Todesser mit drei Zaubern zu belegen – nur für den Fall. Eigentlich war es gar nicht so schlecht, dass die Fünf gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen hatten. Hermine würde sie innerhalb von Stunden wieder nach Askaban befördern und Harry hatte ein Problem weniger am Hals.
Harry sah auf. Die Aurorin stand noch immer vor ihm und blickte zu Boden. Sie nestelte an ihrem Umhang, klappte den Mund auf und dann wieder zu.
„Worauf warten Sie, Norris?", fuhr Harry sie an. „Legen Sie einen Zahn zu, bei Merlins Bart!"
„Wir … ähm … wir haben bereits versucht, sie zu orten, Sir." In Harry zog sich alles zusammen. „Sie müssen die Zauber gebrochen haben." Das war noch niemandem gelungen. Das war … scheinbar doch nicht unmöglich. Die Todesser hatten nicht mal Zauberstäbe! Verflucht! Harry schloss die Augen und atmete tief durch. Er nahm sich drei ganze Sekunden Zeit, um seine Gedanken und Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Dann sah er Norris an und war wieder der Leiter der Aurorenzentrale.
„Sie rufen einen Code T aus. Und schicken Sie alle Teamleiter in den Konferenzraum. Alle. Ohne Ausnahme. Gehen Sie!" Das brachte Norris dazu mit offenem Mund zu nicken und das Büro hektisch zu verlassen.
Harry wusste, dass er jetzt keinen Fehler machen durfte. Er musste alle verfügbaren Auroren in die Jagd mit einbinden. Alle laufenden Ermittlungen, in denen es nicht um einen Mordfall ging, mussten unterbrochen werden. Es gab Dutzende von Familie, die geschützt werden mussten, solange sie nicht wussten, wo die Todesser waren – seine eigene eingeschlossen.
Das Haus am Grimmauldplatz
Dudley und Rosemary waren früh aufgestanden und das, obwohl es am vorherigen Abend beim Klassentreffen doch etwas spät geworden war. Es gab viel zu erledigen, bevor Harry sie in das sichere Versteck brachte. Sie mussten den Nachbarn Bescheid sagen, damit diese nicht misstrauisch wurden und womöglich noch die Polizei einschalteten und damit jemand die Blumen im Garten goss; sie mussten packen und sämtliche Termine für die kommende Woche absagen. Dudley und Rosemary hatten beschlossen, dass sie das sichere Haus nicht verlassen würden. Harry hatte zwar gesagt, dass sie weiterhin zur Arbeit gehen konnten, aber Dudley wollte kein Risiko eingehen. Er meldete sich krank und Rosemary sagte bei ihren Ehrenämtern Bescheid, dass sie nicht kommen konnte. Thomas hatte sowieso Sommerferien.
Drei große Koffer packten sie zusammen – mit Gepäck für zwei Wochen, nur für den Fall. Dudley hoffte, dass sie nur ein paar Tage bleiben würden, aber man konnte nie wissen. Er vertraute Harry und er hatte seine Familie mit der Zeit lieb gewonnen, aber vor der Magie fürchtete er sich noch immer. Er würde ihr schwerlich aus dem Weg gehen können in der nächsten Zeit. Außerdem würde er Ginnys Familie wiedersehen. Darauf würde er allerdings lieber verzichten.
Um Punkt drei klingelte es an der Haustür. Thomas, der sich immer freute seinen Lieblingsonkel zu sehen und ganz begeistert von der Idee war, für ein paar Tage bei ihm und seinen Cousins zu wohnen, stürmte sofort herbei.
„Warte, Thomas!", rief Dudley. Er hatte nicht vergessen, warum sie sich verstecken mussten. Er schaute durch den Spion und öffnete dann vorsichtig die Tür. Es war nicht Harry der vor der Tür stand – es war Ted. Ted und Hermine, die Frau von Ginnys Bruder Ron. Beide trugen schwarze, lange Umhänge und Dudley erwischte sich bei dem Gedanken, was die Nachbarn denken würden, wenn sie jetzt aus dem Fenster schauten. Wenn Harry und seine Familie ihn besuchten, trugen sie immer normale Kleidung – aber das hier war kein gewöhnlicher Besuch.
„Tut mir leid, Dudley", sagte Ted und lächelte entschuldigend. „Harry konnte leider nicht kommen. Hermine kennst du ja." Dudley gab ihnen beiden die Hand und ließ sie dann herein.
„Was ist denn mit Harry?", fragte er.
„Er ist noch nicht wieder da", erklärte Hermine. „Aber wir haben keinen Grund zu glauben, dass ihm etwas passiert ist. Er ist wohl nur aufgehalten worden."
„Dudley, was hast du mir gestern noch zum Abschied gesagt?", fragte Ted.
„Ähm … Nichts. Ich war auf der Toilette und als ich wiederkam, warst du schon weg. Ich hab' mich nur noch von Ginny verabschiedet."
„Richtig", bestätigte Ted. Dudley blickte den jungen Mann irritiert an.
„Teddy", rief Thomas hinter Dudley und fiel Ted um den Hals.
„Du bist ganz schön groß geworden, Thomas", sagte dieser lächelnd und erwiderte die Umarmung.
„Hermine?", fragte Rosemary, als auch sie in den Flur kam. „Dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht gesehen." Hermine lächelte.
„Das ist bestimmt schon ein paar Jahre her." Die Frauen umarmten sich.
„Wann war das? An Harrys 35.? Ich weiß noch wie Ron dich nachts noch in den Pool geworfen hat." Hermine lächelte und wurde ein wenig rot um die Wangen. Sie nickte Ted kurz zu. Eine Geste, die Dudley nicht verstand.
„Und wie geht es jetzt weiter?", fragte Rosemary.
Hermine deutete auf Ted. „Die Auroren haben das Kommando."
„Hermine ist dabei, weil sie selbst bei Muggeln, also Nicht-Zauberern, aufgewachsen und euch deshalb helfen kann, wenn ihr Fragen habt."
Hermine lächelte Thomas breit an.
„Du musst Thomas sein", sagte sie. „Wir haben uns mal auf Harrys Geburtstag gesehen, aber da warst du noch ganz klein. Ich bin die beste Freundin von deinem Onkel Harry und die Tante von Teddy."
„Tante?", fragte Ted amüsiert. „Wohl eher die Frau des Schwagers meines Paten."
„Ja, das macht es einfacher." Hermine verdrehte die Augen.
„Also, Ted", unterbrach Dudley die beiden. „Wie geht es jetzt weiter?"
„Habt ihr gepackt?" Dudley deutete auf die Koffer. „Gut, wissen die Nachbarn, dass ihr nicht da seid?" Nicken von den Dursleys. „Dann können wir eigentlich gleich los." Ted holte eine Frisbeescheibe aus dem Zaubererumhang, den er trug.
„Das ist ein Portschlüssel", erklärte er. „Ihr müsst ihn gleich alle anfassen und dann bringt er uns an unser Ziel. Wichtig ist, dass ihr nicht loslasst. Habe ich noch etwas vergessen, Hermine?"
„Den Zettel", antwortete diese ohne nachzudenken.
„Stimmt." Teddy griff erneut in seinen Umhang und zog ein Stück Papier heraus. „Ich möchte, dass ihr das alle lest. Sprecht es nicht laut aus, aber behaltet es im Kopf." Dudley ergriff den Zettel. Das Versteck der Großfamilie Potter, Weasley, Tonks und Lupin befindet sich im Grimmauldplatz Nummer 12. Gut. Sie durften die Adresse nicht laut aussprechen, damit sie niemand hören konnte. Das ergab Sinn. Was Dudley nicht verstand war, warum sie sie überhaupt wissen mussten. Schließlich würde die Bottschüssel sie doch dorthin führen, oder etwa nicht? Er gab das Blatt wortlos weiter an Thomas.
Als sie ihn alle gelesen hatten, zählte Ted von 10 herunter und Dudley spürte ein sehr unangenehmes Ziehen in seinem Bauchnabel und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, fand er sich auf einem Gehweg wieder – direkt vor einem sehr großen, stattlichen Haus. Es war eine hell gestrichene, prunkvolle Stadtvilla. Die Hausnummer zwölf entdeckte Dudley gleich neben der blauen Eingangstür.
„Willkommen im ehemaligen Hauptquartier des Ordens des Phönix", verkündete Ted feierlich und öffnete ihnen die Tür. Dudley hatte keine Ahnung, was der Orden des Phönix war, obwohl ihm die Worte bekannt vorkamen. Vielleicht hatte er Harry mal darüber reden hören.
Das Innere des Hauses bestätigte den äußeren Eindruck. Die Möbel, Teppiche und Gemälde sahen alle kostspielig, alt, aber sehr gut erhalten, aus. Nur einige wenige neuere Stühle, Sofas und Tische fanden sich in dem großen Raum, der dem Eingangsbereich folgte. Warum sich hier überhaupt so viele Möbel befanden, war Dudley ein Rätsel, doch sie füllten den Raum keineswegs aus. Es musste ein Zauber auf ihm liegen, denn allein dieser Raum war größer, als das gesamte (sehr große) Haus von außen zu sein schien.
„Wir haben die Tische und Stühle aus den meisten Zimmern hier in den Salon gebracht", erklärte Hermine. „Es mussten fast alle Zimmer zu Schlafzimmern umgebaut werden. Wir sind mit euch 29 Personen."
Dudley zog scharf Luft ein und bemerkte, wie Rosemary neben ihm dasselbe tat. Auf einigen der Sofas und Stühlen saßen Kinder und Erwachsene von denen sich ein paar neugierig zu ihnen umsahen, während andere in Gesprächen oder Kartenspielen vertieft waren und sie gar nicht bemerkten. Mit seiner Familie fast 30 Personen. Das war deutlich schlimmer, als Dudley es sich vorgestellt hatte. Eigentlich sollte doch nur Harrys Familie hier sein. Allerdings entdeckte Dudley auch eine große Menge an roten Haaren – vielleicht waren viele der Menschen hier tatsächlich Ginnys engere Verwandtschaft.
„Thomas!", rief eine Kinderstimme von einem der Tische. Dudley erkannte Albus, einen von Harrys Söhnen, der grinsend auf sie zukam. Albus war ihm von Harrys Kindern immer am liebsten gewesen. Der Junge machte nicht viel Lärm, fiel nicht auf und war stets höflich, was man von James und Lily nicht gerade sagen konnte.
„Thomas, du kannst bei uns schlafen!", verkündete Albus laut auf dem Weg durch das Meer an Möbeln. „Rose, Lily und Hugo sind einverstanden."
„Cool!", erwiderte Thomas und grinste seinen Cousin breit an.
„Hallo Onkel Dudley, hallo Tante Rosemary", begrüßte Albus sie.
„Albus." Rosemary lächelte den jungen Potter freundlich an. „Schön, dich noch mal zu sehen, bevor du nach Hogwarts gehst."
„Ja. Nur noch 16 Tage, dann geht es los!" Albus strahlte über beide Ohren.
„Wir haben die Kinder in den oberen Etagen untergebracht und die Erwachsenen hier unten", erklärte Ted, während Albus und Thomas bereits nach oben verschwanden. Ted bewegte kurz seinen Zauberstab und Dudley beobachtete entsetzt, wie Thomas' Koffer den beiden Kindern hinterher flog.
„Tut mir leid", murmelte Ted zerknirscht als er Dudleys Reaktion sah. „Aber wir können, während ihr hier seid, leider keine Rücksicht nehmen. Hier sind so viele Hexen und Zauberer auf einem Fleck, dass ektische Geräte sowieso nicht funktionieren."
„Elektrische Geräte", verbesserte Hermine. „Und die solltet ihr wirklich nicht benutzen, sonst können sie explodieren. Dieses Haus ist sehr alt und magisch."
„Was ist das überhaupt für ein Haus?", fragte Rosemary.
„Es hat früher der Familie Black gehört", erklärte Ted. „Der Familie von meiner Großmutter und Harrys Paten Sirius. Dann hat Sirius es geerbt und es wurde zum Hauptquartier des Ordens des Phönix …"
„Eine Widerstandstruppe gegen Voldemort", unterbrach Hermine ihn. „Hestia und Dädalus waren auch Mitglieder." Hestia Jones und Dädalus Diggle hatten Dudley und seine Familie damals für ein Jahr versteckt. Er hatte nicht viele gute Erinnerungen an dieses Jahr.
„Als Sirius starb, hat Harry es geerbt und nach dem Krieg hat er es grundsaniert", erklärte Ted weiter. „Es wurde von der schwarzen Magie befreit. Nur ein paar der Möbel sind noch da, alles hat er rausgeworfen."
„Und wer wohnt hier?", fragte Dudley.
Teddy zuckte mit den Schultern. „Niemand. Nun ja. Normalerweise nicht. Harry will es eigentlich zu einer Art Museum für den Widerstand umbauen – den Opfern gedenken und so weiter. Der Keller ist auch schon fertig, aber irgendwie nutzen wir das Haus immer noch als Familientreffpunkt. Freunde und Familie sind hier immer willkommen und irgendjemand ist immer da."
Hermine lächelte. „Die Kinder veranstalten hier Übernachtungspartys, Teenager kommen her, wenn sie sich mit ihren Eltern streiten und wir treffen uns ab und zu auf ein Glas Elfenwein."
„Und manchmal haben wir sie alle gemeinsam hier", endete Ted und deutete auf die besetzten Stühle im Raum.
„Kommt!", sagte Hermine mit einem Lächeln. „Ich bringe euch in euer Schlafzimmer. Ihr könnt die anderen später kennen lernen. Richtet euch erst mal ein." Dudley spürte wie ihm eine Last von den Schultern genommen wurde. Er erinnerte sich noch gut daran, wie finster ihn einige Mitglieder von Ginnys Familie bei Harrys und Ginnys Hochzeit gemustert hatten – nicht, dass er es ihnen verdenken konnte.
Rosemary und Dudley folgten Hermine mit den verbliebenen Koffern durch einen breiten Flur, an ein paar Türen vorbei von denen Hermine die letzte schließlich öffnete.
Das Zimmer war überraschend gemütlich. Neben Bett und Schrank fanden sich noch ein kleiner Tisch mit Obst darauf, ein Sessel und ein Sofa (wie viele davon gab es in diesem Haus?) sowie – zu Rosemarys Entzücken – ein vollgestelltes Bücherregal.
„Ich habe euch ein paar unserer Muggle-Bücher zusammengesucht. Wir haben hier auch noch zwei Bibliotheken." Hermine schien Rosemarys Bücherliebe zu teilen. „Im Keller eine spezialisierte für den Orden des Phönix und seine Mitglieder und oben im ersten Stock noch unsere große Familienbibliothek – die solltest du aber nicht alleine betreten."
„Warum?" Rosemary sah die adrett gekleidete Dame irritiert an.
„Viele magische Bücher sind … sehr eigenwillig. Frag einfach einen anderen Erwachsenen. Wenn ich hier bin, gehe ich auch gerne mit. Die meisten der Bücher sind sowieso von mir."
„Und warum sind sie dann hier?"
„So haben alle etwas davon. Die Kinder können in den Ferien hier für die Schule recherchieren und wir müssen nicht alle Bücher mehrfach kaufen. Harry und Percy haben auch eine ziemlich große Sammlung und die Familie Black hatte hier sowieso schon eine nicht allzu kleine Bibliothek – allerdings mussten wir die meisten der Bücher unschädlich machen."
Für einen Moment waren sie alle ruhig. Dann räusperte sich Hermine nervös. „Tut mir leid. Ich plappere und plappere, dabei wollt ihr doch nur auspacken. Ich bin im Salon, falls ihr noch Fragen habt. Auch sonst könnt ihr euch natürlich gerne zu uns gesellen. Um halb sieben gibt es dann Abendessen – auch im Salon. Ich fürchte der Speisesaal wurde zum Auroren-Hauptquartier erklärt." Damit war Hermine verschwunden und Dudley konnte endlich ein wenig durchatmen.
Check In
Als die Dursleys mit Hermine verschwanden checkte Ted als erstes im zeitweise eingerichteten Aurorenstützpunkt im Esszimmer des Hauses ein. Genau genommen handelte es sich nur um zwei Schreibtische und zwei Betten sowie den einzigen an das Flohnetzwerk angeschlossenen Kamin des Hauses. Hier wurde vor allem darüber Buch geführt, welche der Schutzbedürftigen Personen sich zurzeit im Haus aufhielten und welche nicht. Jede Person, die ein- oder ausging hatte sich hier zu melden. Außerdem kamen die Informationen aus der Aurorenzentrale hier an, weshalb sich immer ein Auror hier aufhalten sollte (eine sehr einfache und langweilige Aufgabe, die Ted soweit dies möglich war, vermied). Ein weiterer Auror, so die Vorgaben, sollte seine Runden im Haus drehen, nach dem Rechten sehen und regelmäßig im Stützpunkt Meldung machen (schon eher eine Tätigkeit nach seinem Geschmack).
Der Einfachheit halber schickte die Zentrale ihm Auszubildende und Auroren kurz vor der Rente, die in Zwölf-Stunden-Schichten den Bürojob übernahmen, während Harry und Ted die Runden machten. Harry teilte den Großteil seiner Truppen für die Suche nach den Flüchtigen ein. Wenn es nach Harry und Ted gegangen wäre, hätten sie gar keine weiteren Auroren mit einbezogen, aber Minister Shacklebolt bestand auf „gleiches Recht für alle" als Harry ihm und seiner Familie zum Schutz Auroren zuteilte.
Zusätzlich kamen nun noch Ersatzkräfte hinzu, wenn Harry und Ted nicht im Haus waren, um die Rundgänge zu übernehmen. Der Azubi, der Ted gestern vertreten hatte, war nach seiner Schicht mehr als erschöpft nach Hause gegangen. James und Fred hatten ihn erst ein paar Stunden auf Trab gehalten und dann hatte er wohl mit Dominique geflirtet. Aus eigener Erfahrung wusste Ted, dass man sich lieber nicht mit Bill Weasleys Töchtern sehen ließ. Jedenfalls hatte Ted den armen Jungen aus einem der weniger gemütlichen Kellerräume befreien und nach Hause schicken müssen.
Laute Stimmen aus dem Esszimmer schreckten Ted aus seinen Gedanken und wischten ihm das Lächeln aus dem Gesicht. Sobald er die Tür öffnete wurde es dahinter wieder still und die beiden jungen Auroren starrten ihn überrascht an. Tina Jordan war in seinem Ausbildungsjahrgang und den Auror Furgeson kannte Ted, da dieser ein Jahr über ihnen gewesen war.
„Alles in Ordnung, Auror Furgeson?", fragte Ted.
„Nicht wirklich, Lupin." Furgeson kniff die Augen zusammen, als er Ted ansah. Ted war sich sicher, dass es dem fertig ausgebildeten Auroren gar nicht gefiel, dass Ted Lupin hier im Haus das Sagen hatte, aber Harry hatte nun einmal darauf bestanden.
„Ich war nicht mal eine halbe Stunde weg."
„Ginny Potter hat ausgecheckt."
„Ja, natürlich hat sie das. Es ist Sonntag und sie arbeitet für die Quidditch-Seite des Tagespropheten."
„Sie hat nicht nur Personenschutz verweigert, sondern außerdem Rose Weasley mitgenommen – ein elfjähriges Mädchen, dass nicht einmal einen eigenen Zauberstab besitzt, geschweige denn damit umgehen kann."
„Auror Furgeson." Ted musste ein Seufzen unterdrücken. „Mrs. Potter ist sehr gut in der Lage sich selbst und auch andere zu schützen. Auror Potter hat die Bedingungen für diese Schutzmaßnahmen sehr deutlich gemacht. Seine Familie wird in ihrem alltäglichen Leben, soweit irgend möglich, nicht gestört."
„Aber warum denn ein kleines Mädchen unnötig in Gefahr bringen?"
„Rose Weasley befindet sich in der Obhut von Mrs. Potter keineswegs in Gefahr. Wenn Sie mir nicht glauben, sollten Sie sich vielleicht mal mit ihr oder irgendeinem anderen volljährigem, magischen Mitglied dieser Familie duellieren. Sie würden sich wundern, wie wenig diese Kriegshelden aus der Übung gekommen sind."
Der Laut der aus Furgesons Mund kam, klang nach Teds Geschmack allzu sehr nach einem spöttischen Schnauben, und er musste sich zurückhalten, um nicht frech zu werden. Diese … seine Familie war sein schwacher Punkt, und er war sich sicher, dass Furgeson das wusste.
„Gab es sonst noch Vorkommnisse?", fragte Ted nun Tina, die den Austausch bisher nur schweigend beobachtet hatte.
„Nein, Auror Lupin", antwortete diese mit einem kleinen Lächeln. „Mrs. Angelina Weasley ist nach wie vor mit Miss Victoire Weasley und Miss Roxanne Weasley in der Winkelgasse. Mr. Ron Weasley ist vor ein paar Minuten gemeinsam mit Mr. Hugo Weasley und Miss Lily Potter zurückgekommen."
„Lupin!" Furgeson ballte die Fäuste auf der Tischplatte zusammen, hinter der er stand. „Wir können doch nicht so tun, als wäre das alles hier ein Ferienlager. Am besten sollten wir sie alle hierbehalten, sonst können wir sie unmöglich mit nur zwei Auroren schützen. Sie bringen nicht nur sich selbst, sondern auch die Kinder in Gefahr. Sie nehmen die Lestranges nicht ernst und wir tun das auch nicht."
„Okay, Furgeson, das reicht!", rief Ted lauter, als er es beabsichtigt hatte. „Setzen Sie sich", fügte er etwas ruhiger hinzu und sprach weiter, obwohl der Auror seiner Aufforderung nicht nachkam. „Ich weiß, ich stehe unter Ihnen und bin noch in der Ausbildung und deshalb ist es vermutlich nicht einfach für Sie, mir das Kommando zu überlassen. Nichts desto trotz, habe ich hier das Sagen und bin Ihnen keine Rechenschaft …"
Ted wurde unterbrochen, als die Tür hinter ihm sich abrupt öffnete und George den Raum betrat. In diesem Haus klopfte niemand an. Das war schon immer so gewesen. Victoire und Ted hatten zu Beginn des Sommers versucht in einem der Schlafzimmer ein wenig „allein zu sein" – das hatte nicht sonderlich gut funktioniert.
„Soll ich dich auschecken?", fragte Ted und wusste, dass er richtig lag, als er für einen winzigen Augenblick Georges Erleichterung in seinem Gesicht sah, bevor es sich wieder zu seinem typischen Grinsen verzog.
„Aber ich gebe dem Pagen kein Trinkgeld", scherzte George und sah dabei Furgeson an.
„Er wird dir auch nicht die Koffer tragen", konterte Ted, als Furgeson nur stumm den Mund aufklappte und George entsetzt ansah. „Wenn du zum Abendessen nicht zurück bist, schicke ich dir Percy hinterher."
„Kein Grund, mir gleich mit Folter zu drohen." George zwinkerte Ted zu und verließ den Raum wieder.
„Jetzt wissen wir nicht mal, wohin er geht." Furgeson klang vorwurfsvoll.
„Merlin, Furgeson! Mr. Weasley kann auf sich selbst aufpassen. Außerdem weiß ich, wo er ist." In Wahrheit war Ted schon sehr überrascht, dass George sich überhaupt bei ihm gemeldet hatte. Dafür musste er vermutlich Angelina danken.
„Und wo ist er?"
„Halt endlich die Klappe, Furgeson!" Tina war eine sehr ruhige, junge Frau, aber, wenn man sie allzu sehr reizte, konnte sie durchaus ungemütlich werden. Ted hatte das im ihrem ersten Ausbildungsjahr erlebt und war froh gewesen, nicht derjenige zu sein, auf den sie so wütend war – und er war der Patensohn von Ginny Potter!
„Diese Familie hat schon genug durchgemacht! Ted und Potter werden wissen, was für sie am besten ist. Schön für dich, dass du ganz offensichtlich keine Kriegsopfer in deiner Familie hast, aber bei uns sieht das nun mal anders aus! Meine Mutter geht jeden Tag – jeden verdammten Tag – zum Grab meines Vaters und sie würde durchdrehen, wenn sie sich vor jemandem dafür rechtfertigen müsste. Mein Onkel hat in der Schlacht von Hogwarts gekämpft und er würde lieber sterben, als sich zu seiner eigenen Sicherheit irgendwo einkerkern zu lassen. Teds Familie hat alles dafür gegeben, dass du nicht unter Voldemort aufwachsen musstest. Sie haben zehn Mal mehr Erfahrung als du und schulden dir keine Rechenschaft für nichts. Zeig' ein bisschen Respekt!"
Für eine Sekunde wurde es still im Esszimmer und Ted überlegte gerade, wie er sich am besten bei Tina revanchieren konnte, als sich die Tür öffnete und erneut George Weasley den Raum betrat – hinter ihm standen James und Fred, die Tina beide begeistert anstrahlten.
„Beim nächsten Mal, wenn ihr hier anfangt rumzuschreien, empfehle ich euch einen Muffliato", sagte George. „Aber dann wäre ich nie Zeuge dieser wundervollen Rede geworden, Tina. Bitte bestell' deiner Mutter und deinem Onkel Lee liebe Grüße. Und Mr. Furgeson: Hiermit bitte ich Sie noch einmal persönlich das Grab meines Bruders besuchen zu dürfen. Erhalte ich Ihre Erlaubnis?" Es war kein Spott mehr in Georges Stimme – nur Wut. Dann drehte er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, abrupt wieder um und knallte die Tür hinter sich zu.
„Okay, passt auf", sagte Furgeson plötzlich deutlich vorsichtiger. „Es tut mir wirklich leid, falls mein Verhalten respektlos war. Das war wirklich nicht meine Absicht. Aber ich glaube nicht, dass die Entscheidungen der Aurorenzentrale in dieser Situation hier irgendwie davon beeinflusst werden sollten, was diese Menschen vor fast 20 Jahren gemacht haben. Ich bin ihnen ja dankbar, aber das heißt doch nicht, dass sie für den Rest dieses Lebens immer eine Sonderbehandlung bekommen müssen."
„Verstehst du nicht, dass sie genau das nicht wollen? Auroren als Bodyguards zur Seite gestellt zu bekommen – das ist eine Sonderbehandlung!" Tina wollte vermutlich noch mehr sagen, aber Ted unterbrach sie.
„Kommt ruhig rein, wenn ihr sowieso lauscht", sagte er nicht lauter, als Tina und Furgeson gesprochen hatten. Fred und James hatten bestimmt ihre Langziehohren dabei und hörten jedes Wort deutlich. George und Ron hatten eine schnurrlose Variante erfunden, mit der man Gespräche in bis zu einem Kilometer Entfernung belauschen konnte, aber Fred und James standen meistens dennoch direkt vor der Tür, wenn sie lauschten. Beide Teenager traten herein.
„Du bist ganz schön schwer von Begriff, weißt du das?", fragte James Furgeson und schnappte sich einen der Stühle vor dem Schreibtisch.
„Hey Tina", grüßte Fred. Tina nickte ihm nur zu. Ted war sich nicht sicher, woher die beiden sich genau kannten, aber soweit er wusste, waren Tinas Onkel und George miteinander befreundet.
Dass die Flammen am Kamin hochschossen und jemand daraus hervortrat, überraschte Teddy keineswegs – es war Sonntag und damit Zeit für das wöchentliche Familiendinner der Weasleys, bei dem immer auch Freunde der Familie dabei waren. Es war die Person, die aus dem Kamin trat, die Teddys Augenbrauen in die Höhe schnellen ließ. Kingsley kam nur etwa einmal im Monat zum Essen vorbei und war eigentlich immer zu spät.
„Hey Kings, wo ist John?", fragte James noch bevor sich der Zaubereiminister den Ruß von der Kleidung klopfen konnte. Kingsleys Sohn war, obwohl er zwei Jahre älter war, eng mit Fred und James befreundet.
„Es ist auch schön, dich mal wieder zu sehen, James", sagte Kingsley und fuhr dem Potter mit der Hand durch das sowieso schon struppige Haar. „John kommt gleich. Er sucht noch nach seinem Besen." Kingsley verdrehte die Augen und sah dann Teddy an. „Alles in Ordnung bei euch?"
„Alles unter Kontrolle." Teddy nickte. „Was ist mit dir? Ist deine Uhr kaputt? Ich habe noch nie erlebt, dass du zwei Stunden zu früh auftauchst."
„Witzig, Lupin. Ich wollte noch was mit Hermine besprechen. Außerdem: Ist dir klar, dass mein Haus voller Auroren ist? Da sind mehr Auroren als normale Menschen. Egal wo du hinschaust, starrt ein Auror grimmig zurück. Ein Auror oder meine Ex-Frau, die ja ebenfalls wieder bei mir eingezogen ist, weil das für Harry weniger Aufwand bedeutet. Vielen Dank für diese großartige Idee." Teddy musste lachen. Er mochte Kingsley.
„Du warst doch selbst ein Auror." Fred grinste breit. „Und ich glaube John hat seinen Besen beim letzten Mal hier gelassen."
„Ich gehe bestimmt nicht zurück und sag' ihm Bescheid." Kingsley fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Und ja, ich war Auror, ich war sogar Bodyguard für den Muggle-Premier, und trotzdem scheinen hier einige zu glauben, dass ich nicht in der Lage bin mit dem Zauberstab umzugehen, nur, weil ich seit einer Weile hinter dem Schreibtisch sitze."
„Minister Shacklebolt … " Tina trat hinter dem Schreibtisch hervor und bot Kingsley die Hand an. „Mein Name ist Tina Jordan."
„Sind Sie die Tochter von Lee Jordan?"
„Er ist mein Onkel."
„Dann sind Sie die Tochter von James Jordan. Das mit Ihrem Vater tut mir sehr leid. Er war ein tapferer Mann."
„Vielen Dank."
Furgeson trat nun ebenfalls vor.
„Akela Furgeson, Minister", stellte er sich vor und gab Shacklebolt ebenfalls die Hand.
„Schön, Sie beide kennen zu lernen."
„Minister Shacklebolt, ich … ich wollte nur sagen, dass ich ein großer Bewunderer ihrer Arbeit bin und … ich wollte fragen … "
„Vielen Dank, Auror Furgeson, aber ich bin wirklich nicht als Zaubereiminister hier. Wenn Sie Anfragen haben oder sonst etwas loswerden wollen, wenden Sie sich bitte an mein Büro."
„Hermine ist entweder im Salon oder oben in der Bibliothek", sagte Teddy und bot Kingsley damit eine gute Gelegenheit zur Flucht. Der Minister lächelte ihm dankbar zu.
„Wir sehen uns dann beim Essen", sagte er und wollte gerade den Raum verlassen, als James ihn zurückhielt.
„Weißt du was von Dad?" Der Teenager klang für einen Moment wieder wie ein kleines Kind. James war für jeden Spaß zu haben, aber wenn es um seine Familie ging, war es ihm so ernst wie jedem anderen in diesem Haus.
„Ich weiß auch nicht, was genau los ist. Tut mir leid, James." James sah enttäuscht zu Boden. Kingsley trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Aber weißt du, wenn etwas passiert wäre, dann wüsste ich Bescheid."
„Ich flohe gleich noch mal ins Ministerium, James", sagte Teddy. James war das lauteste der Potter-Kinder, aber Teddy wusste, dass er auch das emotionalste war. Außerdem war James älter als Albus und Lily. Die anderen beiden erinnerten sich kaum an Harrys Aufenthalt im St. Mungos vor ein paar Jahren – Teddy und James würden diesen Vorfall jedoch so schnell nicht vergessen.
„Kann ich mitkommen?"
„Jamie …"
„Ach, vergiss es! Mir sagt man ja sowieso immer erst was los ist, wenn Dad in St. Mungo's liegt."
„James …"
„Einmal! Ein einziges Wochenende könnte er mal hier sein, aber nein … die Arbeit ist ihm wichtiger!" James' Stimme wurde lauter. Seine Augen feucht. Teddy hatte nicht damit gerechnet. Nicht jetzt. Sie hatten alle damit zu kämpfen, dass Harry nicht hier war; dass sie nicht wussten, wo er war und wie es ihm ging, aber … „Und ihr tut alle so, als wäre nichts! Dad könnte irgendwo da draußen sein. Er könnte tot sein und uns sagt niemand was und Dad … Dad interessiert es nicht mal, was wir denken. Ich hasse das! Ich hasse diesen Job und ich hasse ihn!"
Danach war es still. Teddy atmete schwer, ebenso wie James, dem die Tränen jetzt über beide Wangen liefen.
„James Sirius Potter", sagte Teddy ruhig. Er versuchte seine Wut in Zaum zu halten, aber er wusste, dass James sie dennoch gehört hatte. „Du kommst sofort mit." Teddy verließ den Raum mit schnellen Schritten und machte einen Umweg, sodass sie nicht am Salon vorbei mussten. Teddy achtete nicht darauf, ob James ihm wirklich folgte. Er kannte den jungen Potter gut genug. Teddy atmete auf, als er die Bibliothek im Keller leer vorfand. Zurzeit war es eine Herausforderung im Grimmauldplatz einen Raum zu finden, in dem man ungestört reden konnte.
„Setzen!" Teddy deutete auf einen der beiden Lesesessel, die am Kellerfenster standen und setzte sich in den anderen, als James seine Aufforderung folgte. Teddy sagte nichts weiter und auch James blieb ruhig.
„Manchmal hasse ich meine Eltern auch." Es war die Wahrheit. Es gab Momente in Teddys Leben, in denen er unglaublich wütend auf seine Eltern wurde. Er hatte noch nie mit jemand anderem darüber gesprochen als mit Harry – nicht mal mit seiner Grandma oder Victoire.
„Was?" James klang entsetzt. Mit offenem Mund starrte er seinen großen Bruder an.
„Immer wenn ein besonderes Ereignis ist und alle Eltern kommen. Du weißt schon: Am Gleis 9 ¾ vor der ersten Fahrt nach Hogwarts, bei der Zeugnisübergabe im letzten Jahr, Geburtstage, Weihnachten … Meine Eltern verpassen alles."
„Deine Eltern sind ermordet worden."
„Und sie haben gewusst, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie die Schlacht nicht überleben. Sie haben trotzdem gekämpft … obwohl sie ein kleines Baby Zuhause hatten. Sie haben gewusst, wie hoch das Risiko ist, dass ich als Waise aufwachse. Der Kampf war ihnen wichtiger als ich."
„Sie haben für dich gekämpft. Für uns alle. Und sie haben gewonnen. Sie haben für eine Welt gekämpft, in der du sicher und glücklich aufwachsen kannst und dafür ihr Leben riskiert und geopfert."
„Ich weiß." Teddys Stimme klang belegt. Er wusste, dass auch er von den Tränen nicht mehr weit entfernt war. „Und genauso ist es mit Harry. Er macht diesen Job, damit ihr keine Angst haben müsst, nachts auf die Straße zu gehen. Er kämpft für dich, James."
James sah nachdenklich aus, doch die Tränen waren getrocknet und die Wut abgeflaut. „Kann nicht jemand anders für uns kämpfen?"
Teddy musste lächeln. „Ich würde mir auch wünschen, dass jemand anders in der Schlacht gestorben wäre, aber die Dinge sind nun mal wie sie sind."
„Ich hasse ihn nicht."
„Ich weiß, James." Teddy stand auf und kniete sich direkt vor den Teenager. „Ich möchte trotzdem nie wieder hören, dass du so etwas über deinen Vater sagst, okay?" James nickte. Der Potter stand auf und umarmte Teddy fest.
„Danke Teddy", flüsterte er ihm zu. „Ich weiß echt nicht, wo das alles auf einmal herkam."
„Hatte sich wohl aufgestaut." Teddy löste sich von James und strich ihm die Haare aus der Stirn.
„Und sag du so was auch nie wieder über deine Eltern, ja?"
Teddy nickte. „In Ordnung."
„Erzählst du Dad davon bitte nichts?"
„Hatte ich sowieso nicht vor. Ginny auch nicht. Das bleibt unter uns."
„Und Kingsley und Fred und den beiden Auroren …"
„Die Auroren unterstehen einer Verschwiegenheitsklausel."
„Aber doch nicht gegenüber Dad."
„Doch. Hier geht es ja nicht um den Job."
„Kannst du mir was versprechen, Teddy?" Teddy sah James erwartungsvoll an und zuckte mit den Schultern. James atmete tief durch, bevor er fortfuhr. „Pass auf dich auf, ja? Ich weiß, du willst diesen Job machen und ich kann dich nicht davon abbringen, aber bitte stürz' dich nicht einfach mitten in die Schlacht. Ich will dich nicht verlieren, Teddy. Sei … sei einfach vorsichtig, okay?"
„Als ob Harry mich irgendwo einsetzen würde, wo ich ernsthaft in Gefahr wäre …"
„Teddy …"
„Ja, ist ja gut. Ich verspreche es dir."
„Danke."
„Willst du wieder hochgehen?"
James lächelte. „Nicht wirklich."
„Naja, solange hier zwei Auroren im Haus sind, bin ich wohl nicht im Dienst." Teddy setzte sich wieder hin und legte die Füße auf den kleinen Tisch zwischen den beiden Sesseln.
„Wenn Andy das sehen könnte …", kommentierte James. Teddys Großmutter hatte immer sehr auf Manieren und Höflichkeit geachtet. Viel mehr als Harry und Ginny.
„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass das was hier im Keller passiert unter uns bleibt."
Zeit für Quidditch
Bis eben war ihre Tante Ginny noch stinksauer gewesen. Die Auroren im Grimmaudplatz hatten sie nur widerwillig zum Quidditchspiel gehen lassen und wenn Rose ehrlich war, konnte sie das verstehen. Da draußen liefen Killer frei herum und Rose konnte noch nicht zaubern. Sie hatte noch nicht einmal einen Zauberstab. Aber Ginny hatte darauf bestanden, dass sie mitkam, und die Auroren hatten nachgegeben. Nun ja, das nicht gerade. Ginny und Rose waren einfach gegangen und sie waren ihnen nicht gefolgt. Auf dem Weg vom Kamin bis in die Presseloge hatte Ginny kein Wort gesagt und nur düster vor sich hingestarrt, doch nun war sie in ihrem Element. Sie schien wie ausgewechselt, sobald sie die Loge betraten und das Spielfeld überblickten. Die Spieler machten sich noch warm.
Ginny erzählte Rose von dem ersten Spiel über das sie für den Tagespropheten berichtet hatte – wie nervös sie gewesen war – und sie erzählte von ihrer Zeit als Profispielerin und Rose sah ein Funkeln in den Augen ihrer Tante, dass sie länger nicht gesehen hatte. Eigentlich war sie froh, dass Tante Ginny sie mitgenommen hatte. Es tat gut, das Haus zum ersten Mal seit Tagen zu verlassen und tief durchzuatmen. Für die Erwachsenen, die den Krieg miterlebt hatten, musste es viel schlimmer sein.
Die meisten ihrer Onkel und Tanten ließen sich nichts anmerken und auch ihre Großeltern waren so laut und herzlich wie immer. Ihre Eltern hingegen … Rose konnte es nicht in Worte fassen, aber irgendetwas war anders. Irgendetwas im Blick ihrer Mutter und den Witzen ihres Vaters war anders als sonst. Genau wie bei Tante Ginny, die heute etwas zu fröhlich zu sein schien. Zu sehr in ihrem Element, zu … abgelenkt von der Situation im Grimmauldplatz.
Rose achtete kaum auf das Quidditchspiel – dabei hatte sie sich schon Wochen darauf gefreut mit Ginny in der Presseloge zu sitzen. Seitdem der Kontakt der Auroren zu den Todessern abgebrochen war … Nein, seit sie entlassen wurden … Nein, eigentlich schon seitdem ihre Mutter den Gerichtsprozess verloren hatte, schien nichts anderes mehr eine Rolle zu spielen. Die Erwachsenen taten so, als wäre alles wie immer, sie redeten kein Wort darüber, aber Rose wusste, dass sie an kaum etwas Anderes dachten, als an die Todesser.
In einer Verletzungspause klopfte ein grinsender Neville Longbottom an der Glastür zur Loge an. Der achtjährige Frank stand hinter ihm und schaute schüchtern zu Boden. Neville war ein guter Freund der Familie. Er kam zu den traditionellen Familiendiners solang Rose sich erinnern konnte – vermutlich länger als sie auf der Welt war.
Ginny öffnete den beiden die Tür und umarmte Neville fest.
„Seit wann bist du denn ein Quidditch-Fan?"
„Bin ich nicht." Neville legte Frank eine Hand auf die Schulter. „Frank allerdings schon. Und da Hannah heute arbeiten muss, habe ich wohl keine Wahl." Er lächelte. Allzu viel schien es ihm wohl nicht auszumachen. „Hallo Rose. Freust du dich schon auf Hogwarts?"
„Ja und wie." Rose musste sich anstrengen, um fröhlich zu klingen. Ja, sie freute sich darauf, endlich in die Zauberschule zu gehen, aber im Moment hatte sie einfach anderes im Kopf.
„Kommt ihr nachher zum Essen vorbei?", fragte Ginny und warf Rose kurz einen Blick zu, den sie von ihrer Mutter zu Genüge kannte, aber noch nie bei ihrer Tante gesehen hatte – Ginny schien besorgt. Offenbar hatte Rose nicht ganz so gut geschauspielert, wie sie dachte.
„Nein, das schaffen wir nicht." Neville schüttelte langsam den Kopf. Sein Gesichtsausdruck wurde düster. „Frank und ich besuchen gleich noch meine Eltern und ich wollte später noch bei Dennis vorbeischauen." Rose überlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, dass sie Nevilles Eltern noch nie gesehen hatte. Sie erinnerte sich nur dunkel an ein paar Gespräche, die sie mitgehört hatte. Es ging immer um die Gesundheit der beiden älteren Longbottoms. Einen Dennis kannte sie auch nicht.
Ginny lächelte Neville an. Sie sah traurig aus. „Danke", sagte sie. „Harry und ich wollten eigentlich heute Morgen bei ihm vorbeischauen, aber er ist noch auf der Arbeit und … ich habe es einfach nicht geschafft." Ginnys Stimme hatte sich noch nie so … kraftlos angehört. Ihre Tante schien innerhalb von wenigen Minuten von einer extremen Gefühlslage in die nächste zu rutschen und das machte Rose Angst.
„Mach dir keine Vorwürfe." Nevilles Stimme wirkte auf Rose beruhigend und auch Ginny atmete tief durch. „Ich glaube Luna will Dienstag Abend noch einmal hin. Vielleicht schließt du dich ihr an. Das ist ihr bestimmt ganz recht."
Ginny nickte ihm dankbar zu. „Schickst du mir eine Eule, wenn du wieder da bist?", fragte sie. „Damit ich weiß, was mich erwartet?" Neville nickte. Rose verstand noch immer kein Wort. Sie sah Frank mit hochgezogenen Brauen an, doch der zuckte mit den Achseln und schüttelte den Kopf. Sie war wohl nicht die einzige, die im Dunkeln gelassen wurde.
„Hannah meinte, deine Mutter hätte einen riesigen Fortschritt gemacht." Ginny wechselte nach ein paar Sekunden Stille das Thema. Rose vermutete, dass sie die Stimmung etwas aufheitern wollte, doch es funktionierte nicht. Nevilles Gesicht verdüsterte sich nur noch etwas mehr.
„Mom hat Frank vor ein paar Wochen wiedererkannt." Rose sah den Jungen an, doch dieser schaute nur zu Boden. „Sie hat ihn gleich umarmt, als wir reinkamen." Nevilles Augen leuchteten kurz auf und dann sah auch er zu Boden.
„Das ist doch großartig", sagte Ginny.
„Das war es auch. Aber … diese ganze Situation … meine Eltern wissen nicht, was passiert ist, aber sie reagieren auf Stimmungen. Auch im St. Mungo's reden alle wieder über Todesser und ich weiß wirklich nicht, wie oft ich sie schon bitten musste den Namen ‚Lestrange' vor meinen Eltern nicht auszusprechen. Hannah und ich sind zurzeit auch nicht in Topform und so etwas spüren sie einfach."
„Das tut mir sehr leid, Neville. Wenn ich etwas tun kann …"
„Lass uns nur nicht mehr darüber reden. Ich habe in der letzten Woche den Namen Bellatrix öfter gehört als in den letzten 19 Jahren zusammen und langsam reicht es mir. Ganz abgesehen von dem Jungauror in meinem Haus, den ich noch vor vier Jahren in Kräuterkunde unterrichtet habe und der jetzt meine Familie beschützen soll." Neville verdrehte die Augen. In diesem Moment verkündete der Stadionsprecher das Ende der Pause und die beiden Longbottoms verabschiedeten sich. Rose nahm sich vor ihrer Tante nach dem Spiel ein paar Fragen zu stellen.
Als das Spiel zu Ende war, hätte Rose nicht einmal sagen können, wie der Endstand gewesen war. Die ganze Zeit über hatte sie nur über Nevilles Worte nachgedacht, über ihre Eltern, Todesser, Bellatrix, Auroren, den Orden des Phönix … Sie kannte, genau wie ihre Cousins und Cousinen die Grundgeschichte. Ihr Onkel Harry hatte Voldemort als Kleinkind für ein paar Jahre außer Gefecht gesetzt, dann war dieser wiedergekommen, hatte die Macht ergriffen und eine Ordnung hergestellt, in der Mugglegeborene wie ihre Mutter keinen Platz hatten. Einige Hexen und Zauberer, darunter auch ihre gesamte magische Familie hatten sich gegen Voldemort und seine Anhänger gestellt, es kam zu einer Schlacht um Hogwarts bei der unter anderem Teddys Eltern und Georges Zwillingsbruder Fred starben, ihre Eltern und Harry hatten dann die entscheidende Rolle gespielt und Voldemort war besiegt worden. Von einer Bellatrix hatte sie noch nie etwas gehört und auch von den Todessern die nun auf freiem Fuß waren, kannte sie die Namen nicht.
Ginny und Rose blieben noch sitzen, als sich die beiden anderen Pressevertreter verabschiedeten und auch als der letzte Zuschauer das Stadion verließ, rührte Ginny sich kein Stück. Rose beschloss die Situation auszunutzen.
„Ginny?" Ihre Stimme klang zittrig. Ihre Tante riss sich aus ihren Gedanken und sah Rose an. „Wer ist Bellatrix?" Das angedeutete Lächeln, das noch vor Sekunden auf ihren Lippen gewesen war, verschwand und ihr Körper zuckte zusammen. Es dauerte einige Augenblicke, bevor sie etwas sagte.
„Rose, ich …" Sie räusperte sich. „Ich glaube nicht, dass ich dir das erklären sollte."
„Quatsch. Du willst es mir nur nicht erklären."
Ginny schloss für einen Moment die Augen bevor sie Rose ansah und etwas leiser als zuvor sagte: „Bellatrix … Bellatrix Lestrange war eine Todesserin. Eine der treuesten Anhängerinnen Voldemorts und sie hat vielen Menschen sehr, sehr viel Leid hinzugefügt. Sie starb vor 19 Jahren in der Schlacht von Hogwarts."
Rose nahm sich einen Moment, um diese Information zu verarbeiten. Das meiste hatte sie sich schon zusammengereimt, bis auf … „Aber warum reden alle von ihr, wenn sie schon so lange tot ist?"
„Ihr Mann, Rodolphus und sein Bruder Rabastan gehören zu den Todessern, die zurzeit auf freiem Fuß sind. Beiden konnte kein einziger Mord nachgewiesen werden. Das Problem ist, dass wir nach all den Jahren nicht vorhaben die Leichen auszubuddeln und deshalb nicht beweisen können, dass die Opfer, um die es geht, von den Zauberstäben dieser Todesser getötet wurden."
„Aber es gibt doch Zeugen … irgendjemand muss doch gesehen haben …"
„Die Zeugen, die ausgesagt haben, wurden von einem Psychologen untersucht und … naja … ihre Aussage zählt nicht. Von unserer Familie war während der Schlacht keiner in der Nähe der Brüder. Wir waren alle im Schloss. Die Lestranges waren draußen. Also die Brüder. Bellatrix war drinnen. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie Unverzeihliche benutzt haben, aber ich habe es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen."
„Und Bellatrix …"
„Rose!", unterbrach Ginny sie. „Du kannst deine Eltern nach ihr fragen, wenn das alles vorbei ist, aber vorher will ich diesen Namen nicht wieder hören, okay? Bellatrix war nach Voldemort der schrecklichste Mensch, der mir je begegnet ist. Und bitte geh damit auch nicht zu deinen Großeltern oder Teddy oder sonst jemandem. Frag deine Eltern, wenn Harrys Leute die drei Todesser haben."
Ginny klang so verzweifelt, dass Rose gar nicht anders konnte, als ja zu sagen.
„Und wer ist Dennis?", fragte sie stattdessen.
„Ein Freund. Sein Bruder Colin wurde von Rodolphus Lestrange getötet."
„Und was ist mit Nevilles Eltern?"
„Rose!" Rose hätte schwören können, dass sie Tränen in den Augen ihrer Tante sah. Das war noch nie vorgekommen. Nie außer am 02. Mai. „Lass es."
Damit hörte sie auf zu Fragen, obwohl es in ihrem Kopf von Fragezeichen nur so wimmelte. Vielleicht hatte Ginny recht und sie sollte warten, bis die Todesser wieder in Askaban saßen.
Schuld
„Hermine?" Sie hörte Kingsleys Stimme, bevor sie ihn sah. Gerade erst hatte sie den Dursleys ihr Zimmer gezeigt und saß nun mit Ron, Bill und Fleur im Salon. „Kann ich dich kurz sprechen?" Sie wusste, was Kingsley wollte und auch, wenn heute ihr freier Tag war, war sie froh, dass sie es so schnell wie möglich hinter sich bringen würden.
Sie entschuldigte sich bei den anderen Weasleys, begrüßte den Zaubereiminister mit einer kurzen Umarmung und führte ihn dann zur Kellertreppe.
„Ich fürchte die Bibliothek unten ist besetzt", kommentierte Kingsley. In diesem Haus waren so viele Menschen, dass es fast unmöglich war, einen Ort zu finden, an dem sie ungestört sein konnten. Das Schlafzimmer, das sie sich mit Ron teilte, hatte auch einen Tisch und zwei Stühle, aber sie wollte Kingsley nicht wirklich dorthin bringen, um Berufliches zu bereden.
„Was hältst du vom Dach?", fragte sie stattdessen. Kingsley nickte. Gleich nach der Schlacht von Hogwarts, als sie das Haus renovierten, hatten Harry und Ron einen Teil einer der Außenwände entfernt und so einen Zugang zu einem flachen Teil des Daches erstellt. Bisher war es ihnen gelungen, diesen Ort, der durch einen Flurschrank verborgen wurde, vor den Kindern geheim zu halten. Dort hatten schon so einige wichtige Gespräche stattgefunden – es war genau der richtige Ort für dieses.
Hermine versetzte den Schrank, während Kingsley darauf achtete, dass sie nicht beobachtet wurden. Kaum war das Hindernis entfernt, wurde die kleine, quadratische Fläche vom Dach sichtbar, auf der sich vier Gartenstühle befanden, die Richtung Westen gedreht waren. Es kam nicht selten vor, dass sie sich hier trafen, um dem Sonnenuntergang zuzusehen und dann doch blieben, bis die Sonne wieder hoch am Himmel stand. Das Dach war hoch genug, um über die umliegenden Häuser herüber bis zum Horizont zu sehen.
Kingsley und Hermine rückten sich zwei der Stühle zurecht. Auf einem der Stühle lag eine Jacke, die Ginny vorgestern schon gesucht hatte. Hermine legte sie sich auf den Schoß, damit sie nicht vergaß, sie mit nach unten zu nehmen.
„Also …", fing Hermine an, doch Kingsley unterbrach sie.
„Was können wir tun? Wie können wir verhindern, dass so etwas jemals wieder passiert?"
„Wir werden um eine Gesetzänderung nicht herum kommen", erklärte Hermine. „Oder eine Ausnahmeregelung für Todesser einführen … Da gibt es allerdings auch Schwierigkeiten, weil wir Anhaltspunkte bräuchten, um festzustellen, wer ein Todesser ist und wer nicht. Das Dunkle Mal als Merkmal würde ich ausschließen – dann müssten wir beispielsweise Draco Malfoy nachträglich einsperren."
„Also wäre eine Gesetzesänderung einfacher?"
„Ich werde ab Montag alles stehen und liegen lassen, um das Gesetz auszuarbeiten."
„Stell dir ein Team zusammen. Such dir am besten zusätzlich zu deinen Zaubererrechtlern ein paar Auroren und vielleicht Angehörige der Opfer."
„Kingsley, es tut mir so furchtbar leid, dass es so weit gekommen ist." Hermine hatte seit der Urteilsverkündung an nichts Anderes mehr gedacht. Todesser auf freiem Fuß – und das unter ihr als Leiterin der magischen Strafverfolgung.
„Lass uns einfach verhindern, dass das nochmal passiert."
„Wir müssen uns auf die Schlacht konzentrieren. Wie können wir dafür sorgen, dass den Todessern die Morde angelastet werden, wenn wir keine verlässlichen Zeugen haben?"
„Das wird knifflig. Aber ich glaube an dich, Hermine." Damit verschwand Kingsley vom Dach und Hermine blieb allein zurück. Allein mit dem Wissen, dass sie einen erheblichen Teil der Schuld an dieser Situation trug. Es wurde Zeit, dass sie den Schaden wieder gut machte und die Lücke schloss, durch die die Todesser entkommen waren.
Hermine zauberte sich Tinte und Pergament herbei und versuchte auszutüfteln, wie das Gesetz aussehen konnte, was sie beachten musste und auch wen sie in ihr Team holen konnte.
Ein lautes „Rumms" riss sie aus ihren Gedanken. Der Schrank machte einen Satz zur Seite und ihr Mann erschien in der Lücke, die er hinterließ.
„Hey", sagte Ron brachte den Schrank mit einem Wink seines Zauberstabs und einen ebenso lauten Knall wieder an seinen Platz, nachdem er das Dach betreten hatte. „Kings meinte, dass ich dich hier finde."
Ron setzte sich auf den Stuhl neben sie, auf dem zuvor Kingsley gesessen hatte. „Alles in Ordnung?"
Hermine sah ihn nicht an und nickte nur. Er sagte nichts. Sie sah ihn an. Er zog die Augenbrauen hoch. Er wusste, dass sie log. Sie schüttelte den Kopf. Er nahm ihre Hände in seine und strich mit seinen Daumen über ihre Handrücken.
„Es ist nicht deine Schuld", sagte er und sie wusste, dass er an die Worte glaubte. Das änderte aber nichts daran, dass sie das nicht tat.
„Drei sind noch auf der Flucht. Drei verdammte Todesser. Es werden Leute zu Schaden kommen."
„Das weißt du nicht. Das liegt in den Händen der Auroren. In Harrys Händen. Was glaubst du, wie das ausgeht?" Es war eine rhetorische Frage. Wenn es jemanden gab, dem sie beide vollkommen vertrauten, auch die kritischste Situation unter Kontrolle zu bringen, dann war es ihr bester Freund.
„Ja, ich weiß. Es ist nur …" Hermine atmete tief durch. „Es bringt alles zurück. Ausgerechnet die Lestrange-Brüder. Stell dir vor, deine Mutter hätte sie nicht erwischt … Stell dir vor, sie wäre auch auf freiem Fuß."
„Das ist sie aber nicht. Sie ist tot. Wenn meine Mom sie nicht erwischt hätte, hätte ich sie mit Vergnügen selbst um die Ecke gebracht."
„Ich habe letzte Nacht von ihr geträumt. Zum ersten Mal seit Jahren."
„Ich weiß."
Hermine verbarg ihr Gesicht in Rons Brust und zum ersten Mal, seit der missglückten Verhandlung, erlaubte sie sich ein paar Sekunden Ruhe und weinte.
Voldemorts stinkende Nase
Fred blieb im Esszimmer, als Kingsley sich aufmachte, um seine Tante Hermine zu suchen. Irgendjemand musste ja darauf aufpassen, dass dieser Fur-sonst-was nichts anstellte und … nun ja … er mochte Tina. Er mochte sie schon eine ganze Weile. Außer James hatte er noch niemandem etwas davon erzählt. Tina war so viel älter als er und die Erwachsenen nahmen einen meistens nicht ernst, wenn man ihnen so etwas sagte.
Er kannte Tina so lange er sich erinnern konnte. Ihr Onkel Lee war einer der besten Freunde seines Vaters und er hatte Tina oft mitgenommen, wenn er Freds Familie besuchte. Tina lebte mit ihrer Mutter und Lee in London. Lee kommentierte die Quidditch-Spiele dort im Stadion. Fred, seine Schwester Roxy und Tina waren früher oft mit in seine Loge gegangen, um die Spiele von dort zu verfolgen. Seit Tina mit dem Aurorentraining angefangen hatte, war das jedoch nicht mehr vorgekommen. Fred wusste von Teddy, dass in den ersten drei Jahren kaum Freizeit blieb und wenn, dann waren die Anwärter so erschöpft, dass sie lieber ordentlich ausschliefen.
„Wie läuft das Training?", fragte Fred Tina und bemühte sich seine Stimme nicht zittern zu lassen. Merlin, was war nur los mit ihm?
„Es ist härter, als ich dachte", antwortete Tina und schenkte ihm ein kleines Lächeln, das sein Herz einen Sprung machen ließ. Verdammt. „Im ersten Jahr dachte ich, sie wollen noch aussortieren, aber jetzt sind wir nur noch zehn und es wird nur noch schwerer."
„Nächstes Jahr um diese Zeit bist du ja fertig."
„Ja, hoffentlich. Es fallen meistens noch ein paar durch die Abschlussprüfung. Die macht Potter und der ist gnadenlos." Sie wurde rot. „Tut mir leid. Ich weiß, er ist dein Onkel. Ich hätte nicht …"
Fred grinste. Je länger er mit Tina sprach, desto leichter fiel es ihm, ruhig zu bleiben. „Ich sag es ihm schon nicht. Aber wenn er dich tatsächlich durchfallen lässt, kriegt er es mit mir zu tun."
Tina lachte. „Das ist lieb", sagte sie und Fred gefiel ihr Tonfall gar nicht. Er fühlte sich nicht ernst genommen.
„Vielleicht werde ich auch Auror, wenn ich mit der Schule fertig bin", sagte er, obwohl er sich das nun wirklich gar nicht vorstellen konnte. Auroren waren immer so furchtbar ernst. Fur-Vollidiot schnaubte und Fred warf ihm einen finsteren Blick zu. Tina lächelte ihm zu.
„Ich dachte, du willst den Laden übernehmen?", fragte sie.
„Den übernimmt bestimmt Roxy", erklärte er. „Sie arbeitet ja jetzt schon im Laden, wann immer sie kann. Vielleicht lasse ich mich einfach auszahlen und werde Auror. Oder ich könnte nach Rumänien gehen zu meinem Onkel Charlie. Er arbeitet dort in einem Drachenreservat. Magst du Drachen?"
„Ähm … keine Ahnung. Ich habe noch nie einen gesehen." Fred überlegte weiter, aber ihm fiel kein weiterer Beruf ein, der Tina beeindrucken könnte. Dann blieben also nur die Auroren und die Drachenliebhaber in Rumänien … Er hatte eigentlich auf beides nicht sonderlich viel Lust, aber für Tina …
Die auflodernden Flammen im Kamin rissen Fred aus seinen Gedanken. Normalerweise kamen Gäste durch den Kamin im Salon, aber die Auroren hatten alle Zugänge zum Flohnetzwerk hierher umgeleitet, damit sie sie besser kontrollieren konnten. Eine seiner Meinung nach vollkommen übertriebene Vorsichtsmaßnahme, da das Haus ja zusätzlich unter dem Fidelius-Zauber stand, aber ihn fragte ja niemand.
Fred erkannte John schon in den Flammen, bevor er aus dem Kamin stieg. Offenbar hatte er die Suche nach seinem Besen aufgegeben oder ihm war wieder eingefallen, wo er ihn vergessen hatte. Sie waren vorgestern noch oben auf dem Dachboden gewesen und hatten mit ihm trainiert. James und Fred wollten unbedingt im nächsten Schuljahr in die Quidditchmannschaft. John trainierte nur zum Spaß.
Plötzlich sprang John mit einem Satz aus den Flammen und rief den Auroren zu: „Er ist direkt hinter mir!" Die Panik in seiner Stimme brachte Fred dazu einen Satz zurück zu machen und Tina und Fur-wie-auch-immer-er-hieß verschlossen den Kamin sogleich mit einem Wink ihrer Zauberstäbe. John rannte auf Fred zu, schnappte sich seinen Arm und lief mit ihm aus dem Raum, dann gleich die Treppen hinauf, bis ganz nach oben. Vorbei an seinem Onkel Ron, der die Treppe hinunterging. Hermine war gleich hinter ihm. Erst als John die Tür zum Indoor-Quidditchfeld auf dem vergrößerten Dachboden hinter ihnen geschlossen hatte, ließ er Fred los. Völlig außer Atem von dem Sprint über die fünf Etagen ließ Fred sich in den Zauberrasen fallen. John setzte sich neben ihn und … lachte. John lachte … und hörte gar nicht mehr damit auf. Entsetzt starrte Fred ihn an.
„Du guckst wie …" Weiter kam John nicht. Er musste wieder lachen.
Wer hatte ihn verfolgt? Die Lestranges?
„Wer war hinter dir?", fragte Fred, als er endlich wieder Luft zum Atmen hatte.
„Ein Auror … nur so ein verdammter Auror war hinter mir", erklärte John und lachte wieder. „Personenschutz für Dad und mich."
„Mann, ey!", rief Fred und gab ihm einen leichten Stoß. „Du hast mir echt Angst gemacht!"
„Und den Auroren erst", meinte John. „Hast du ihre Gesichter gesehen? Die dachten Voldemorts stinkende Nase persönlich kommt hinter mir durch den Kamin!" John prustete wieder los vor Lachen und diesmal stimmte Fred mit ein.
Ein Schock
Ted saß noch immer mit James in der Kellerbibliothek, als Tina hineinstürmte und erleichtert aufatmete, als sie ihn sah. Sie sah ängstlich aus und gehetzt.
„James, geh' doch schon mal nach oben."
„Nein, ich will …" Ted unterbrach ihn mit einem Blick und James verließ den Raum. Ted war sich sicher, dass er direkt hinter der Tür lauschte, aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern.
„Du musst sofort mit zum Kamin kommen", sagte Tina, sobald James die Tür hinter sich schloss. „Irgendjemand hat John Shacklebolt verfolgt. Wir haben den Kamin direkt hinter ihm verriegelt."
Ted überdachte innerhalb von wenigen Augenblicken seine Möglichkeiten. Wenn Tina und Furgeson den Kamin direkt hinter John verriegelt hatten, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass wer immer ihn verfolgt hatte, im Kamin feststeckte. Wenn es sich um einen der Todesser handelte, konnten sie ihn vielleicht festnehmen. Allerdings waren hier im Haus nur zwei Anwärter und ein Jungauror im Dienst. Wenn er auf Verstärkung wartete, entkam vielleicht der Todesser … oder er sprengte den Kamin von innen und überraschte sie. Sie konnten nicht warten, aber sie konnten auch nicht ohne Verstärkung einfach den Kamin öffnen.
„Komm' mit", sagte Ted zu Tina, als er sich entschieden hatte und eilte die Treppe hinauf. An James kam er nicht vorbei, aber der hatte sich vermutlich aus dem Staub gemacht, als er sie kommen hörte. Ted lief in den Salon und bemühte seine Stimme um Ruhe, als er sagte: „Bill, Fleur, kommt ihr kurz mit ins Esszimmer." Ron und Hermine kamen Arm in Arm die Treppe herunter. „Ihr zwei auch", sprach Ted sie zusätzlich an und winkte sie hinter sich her. Sie folgten ihm schnell und als er sich kurz umdrehte, sah er wie besorgt vor allem Hermine und Ron aussahen. Er sah, dass auch Kingsley ihnen folgte und beschloss, ihn mit einzubinden. Immerhin war der Mann ein ehemaliger Auror.
Im Esszimmer stand Furgeson mit erhobenem Zauberstab vor dem Kamin. Noch war also nichts passiert, aber sie mussten schnell handeln.
„Jemand ist John durch das Flohnetzwerk gefolgt", erklärte Ted rasch. „Ich werde den Kamin jetzt gleich öffnen. Hermine, bitte blockier die Tür. Kingsley und Ron an das rechte Fenster. Bill und Fleur das linke. Furgeson, Jordan und ich übernehmen den Kamin. Ihr anderen greift nur ein, wenn sie an uns vorbeikommen." Ted war dankbar, dass keiner von ihnen seine Anweisungen hinterfragte oder ihm irgendwelche Fragen stellte. Er war so viel jünger als sie und hatte so viel weniger Erfahrung, aber Zeit zum Diskustieren war ein Luxus, den sie sich jetzt nicht leisten konnten.
Innerhalb von wenigen Augenblicken waren alle in Position und Ted zählte laut: „3…2…1" und sprengte dann den Kamin. Furgeson entwaffnete die dunkle Gestalt, die aus der Asche und dem Staub trat, Ted traf sie mit einem stummen „Petrificus Totalus" und er meinte, einen Schockzauber aus Richtung von seiner Rechten kommen zu sehen. Dann rief Tina „Mobilcorpus" und hob die Gestalt in die Luft und endlich konnten sie sein Gesicht sehen. Es war … „Jesse!", rief Furgeson. „Das ist Jesse Gunman. Wir waren zusammen in der Ausbildung." Ted kannte den Auror vom Sehen her, hatte aber noch nicht viel mit ihm zu tun gehabt. Gunman war eindeutig ohnmächtig, also wohl tatsächlich geschockt worden.
„Jordan, lass ihn in der Luft. Ich löse die Klammer, dann können Sie ihn verifizieren, Furgeson. Hat ihn jemand geschockt?"
„Ja, ich", antwortete eine dunkle Stimme, die Ted Kingsley zuordnete.
„Dann bitte jetzt den Zauber lösen", sagte Ted. Als Kingsley der Anweisung nachkam, löste Ted die Klammer und Gunman atmete erleichtert auf.
„Was für eine Note hattest du in der Abschlussprüfung?", fragte Furgeson. Nicht gerade eine Frage, die nur Gunman beantworten konnte.
„Was?", fauchte Gunman. „Jetzt, Furgeson?! Ein verdammtes Erwartungen übertroffen und du weißt genauso gut wie ich, dass ich ein Ohnegleichen verdient hätte! Ihr alle wisst das! Aber Potter vergibt nie Ohnegleichen, oh nein! Nicht mal er selbst hat eins! Wusstest du das? Er hat kein Ohnegleichen bekommen und jetzt rächt er sich! An mir rächt er sich, weil er damals nicht gut genug war! Ich hab' das …" Gunmans Mund bewegte sich weiter, doch kein Wort kam mehr heraus. Unauffällig steckte Ron seinen Zauberstab wieder weg und zwinkerte Ted zu.
„Er ist es", stellte Furgeson klar. „Das ist ganz eindeutig Jesse Gunman." Wütend starrte Gunman sie von oben an, als ihm klar wurde, dass sie ihn nicht mehr hörten.
„Lös bitte den Zauber, Ron. Und Jordan, lassen Sie ihn herunter." Als Gunman fluchend wieder auf dem Boden ankam, half Ted ihm auf. „Sind sie verletzt?", fragte er und musterte den Jungauroren von oben bis unten.
„Nein", antwortete Gunman. „Obwohl mich der Schockzauber echt gut erwischt hat." Er rieb sich den Rücken.
„War jemand hinter Ihnen?", fragte Ted ihn.
„Nein", antwortete Gunman. „Ich bin direkt hinter John Shacklebolt in den Kamin gestiegen und dann hier stecken geblieben."
Ted ahnte, was oder besser wer dahinter steckte.
„Jordan? Furgeson? Was genau hat John Shackelbolt zu Ihnen gesagt?"
„Dass er verfolgt wird. ‚Jemand ist hinter mir her', hat er gesagt", antwortete Tina. Furgeson sah sie nachdenklich an. „Ich glaube, er hat gesagt: ‚Er ist direkt hinter mir.' Aber richtig panisch. Und dann ist er direkt aus dem Raum raus und hat Fred Weasley mitgenommen."
„Ach, verdammt", fluchte Kingsley und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich schnapp ihn mir."
„Er ist mit Fred nach oben. Ich glaube, bis auf den Dachboden", sagte Hermine. Kingsley nickte und verließ den Raum.
Ted ließ sich auf den Stuhl am Schreibtisch fallen.
„Das war nicht deine Schuld, Ted", sagte Hermine sofort. Er war ihr dankbar, dass sie ihn vor seinen Kollegen nicht Teddy nannte, aber ihre Worte klangen trotzdem, als sei er noch ein Kind. „Und wenn dein Ausbilder das anders sieht, bin ich sicher, wir können ihm erklären …"
„Nein", unterbrach Ted sie harsch. Als er ihren verletzten Blick sah, fügte er hinzu: „Tut mir leid, Hermine, aber das muss ich schon selbst schaffen." Sie nickte verständnisvoll.
„Was ist denn los?", fragte Tina. „Hat John Shacklebolt Gunman verwechselt?"
„Nein, er hat uns herein gelegt", antwortete Furgeson an Teds Stelle. Tina sah erst Furgeson und dann Ted zweifelnd an. Ted nickte.
„Fred, James und John", zählte Fleur auf. „Auf die müssen Sie immer mindestens zwei Augen haben, sonst stellen sie nur Blödsinn an." Fleurs französischer Akzent war mit den Jahren verblasst. Man hörte nur noch eine Spur davon.
„Ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen", meinte Hermine. „Sonst sind ihre Streiche harmlos. Der Auror hätte ernsthaft verletzt werden können."
„Kingsley kümmert sich darum", meinte Bill. „Die drei Jungs sind Biester. Und auf Roxy müsst ihr auch aufpassen."
„Auf Dominique auch", fügte Ron an Furgeson und Gunman gewandt hinzu. „Aber das ist eine andere Art Gefahr."
„Dominique ist ein Engel", erwiderte Bill. Fleur zog die Augenbrauen hoch und sah ihren Mann ungläubig an.
„Eigentlich sollten wir keinem der Kinder trauen", schloss Ted aus seinen eigenen Überlegungen.
„Außer Molly und Lucy", meinte Fleur. „Percys und Audreys Kinder sind sehr wohlerzogen." Ted entging nicht, dass Bill und Ron sich ansahen und die Augen verdrehten.
„Aber es kann doch auch ein echter Notfall sein." Da hatte Tina natürlich recht.
„Ich komme nachher zum Essen dazu und versuche allen klar zu machen, wie ernst die Situation ist", erklärte Ted. „Am besten wäre es, wenn wir alle Streiche verbieten, bis wir alle wieder nach Hause können."
„Wir Eltern können uns ja auch was überlegen", setzte Hermine hinzu. „Quidditchverbote in Hogwarts oder ähnliches."
Ron sah sie entsetzt an.
Ted, der früh gelernt hatte, den Diskussionen von Ron und Hermine nicht mehr Aufmerksamkeit als unbedingt notwendig zu widmen, verdrehte die Augen und wandte sich dann den Auroren zu. Fleur zog Bill aus dem Zimmer und auch die Streithähne verließen die Zentrale.
„Sind Sie sicher, dass Sie okay sind, Gunman?", fragte Ted, als er sah, dass sich der Jungauror auf einen der Stühle stützte.
„Dieser Schockzauber hatte es definitiv in sich." Gunman setzte sich auf Teds Geheiß auf den Stuhl und Furgeson sprach einen Diagnosezauber über ihn. Er schüttelte den Kopf. Keine Verletzungen.
„Das wird dennoch ein Nachspiel haben, Lupin", sagte Furgeson. „Sie haben die Familie, die wir beschützen sollten, mit eingebunden. Sie hätten auf die Auroren warten sollen."
„Das hätte zu lange gedauert", erwiderte Ted. „Wenn hier tatsächlich ein Todesser im Kamin gewesen wäre, wäre er in der Zeit von selbst herausgekommen. Ich wollte ihn lieber überraschen."
„Aber jetzt hat ein Zivilist einen Auroren verletzt."
„Er ist nicht verletzt", erwiderte Ted. „Nur etwas verwirrt. Und Minister Shackelbolt ist ein ausgebildeter Auror. Er legt jedes Jahr den I-N-F-Test ab, auch wenn er seit 20 Jahren nicht mehr aktiv ist." Der Immer-Noch-Fit-Test war ein Test, den sämtliche Auroren im aktiven Dienst alljährlich bestehen mussten, um weiter arbeiten zu können. Er beinhaltete ein Duell und einen psychologischen Test.
„Wirklich?", fragte Furgeson erstaunt. Ted nickte. „Und die Weasleys? Die waren doch nie Auroren oder?"
„Die sind zweite Reihe." Furgesons Augen wurden noch größer. Tina schien verwirrt. „Zweite Reihe?", fragte sie.
„Ja, du weißt schon. Sie sind keine Auroren, aber wenn Not am Mann ist, können sie eingesetzt werden", erklärte Ted.
„Aber sind sie denn ausgebildet?", fragte Gunman. „Ich dachte, in der zweiten Reihe sind nur ein paar Ex-Auroren."
„Potter hat die zweite Reihe aufgestockt, als er die Leitung übernommen hat. Um in die zweite Reihe zu kommen, muss man einen dreimonatigen Lehrgang absolvieren und jedes halbe Jahr zu einem Auffrischungswochenende. Das sind natürlich keine ausgebildeten Auroren, aber eben auch keine Zivilisten."
Erstaunt sahen Gunman und Tina Ted an.
„Und die vier Weasleys gerade haben den alle gemacht?", fragte Gunman.
„Klar", antwortete Ted, den die Frage etwas irritierte. „Die und noch einige andere in der Familie. Ich glaube fast alle, die im Krieg gekämpft haben, sind dabei."
„Ich glaube, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen, Lupin." Ted sah Furgeson erstaunt an. Vielleicht hasste der Auror ihn ja doch nicht …und vielleicht konnte er sich auch für Furgeson erwärmen.
„Danke", sagte Ted nach kurzem Zögern.
Der Muggle in der Familie
Als Audrey Percy Weasley geheiratet hatte, dachte sie, sie wüsste, worauf sie sich einließe. Sie hatte gewusst, dass er ein Zauberer war und kannte seine gesamte merkwürdige Familie – er war eindeutig der normalste, aber sie waren sehr herzlich und hatten sie positiv aufgenommen. Sie hatte gewusst, dass es nicht unwahrscheinlich war, dass sie ein magisches Kind zur Welt bringen würde und als sich herausstellte, dass eines ihrer Zwillingsmädchen eine Hexe und eines ein Muggle war, schätzte sie sich sehr glücklich. Doch Lucy großzuziehen erwies sich für einen Muggle als … schwierig. Audrey konnte die Gefahren nicht einschätzen, die durch die unkontrollierte Magie entstanden und sie konnte der Magie nichts entgegensetzen. Lucy war eine starke Hexe und Percy war begeistert, wenn sie in seinem Beisein vor Wut eine Tasse zerschlug, ohne sie zu berühren, doch, wenn Audrey mit ihr und Molly allein war, konnte sie die Tasse nicht einfach mit einem Schwung eines Zauberstabs wieder zusammenfügen. Einmal ließ Lucy ihre Haare ganz unkontrolliert immer weiter wachsen und Audrey musste mit ihr zu Hermine und Ron fahren – in einem Auto voller Haare – weil Percy noch auf der Arbeit war.
Doch schwerer als Lucy groß zu ziehen war es, sie gehen zu lassen. Sie war erst elf als Audrey sie in einen Zug zu einer Schule setzte, die sie selbst nicht einmal sehen konnte. Audrey blieb allein mit Molly zurück, die ihre Schwester so sehr vermisste, dass sie in den ersten Wochen keine Nacht in ihrem gemeinsamen Zimmer verbrachte, weil sie das leere Bett nicht sehen wollte.
Lucy und Molly liebten sich noch immer, aber unzertrennlich wie zuvor waren sie nicht mehr. Audrey beobachtete, wie ihre Leben nach und nach in unterschiedliche Richtungen drifteten und sie betete, dass sie sich dabei nicht aus den Augen verloren. Audrey selbst hatte Schwierigkeiten Lucy im Blick zu behalten. Sie gab sich Mühe alle Sorgen, Herausforderungen und Erfolge im Leben ihrer magischen Tochter mitzubekommen, aber die Welt in der diese nun lebte, war ihr immer noch fremd. Dennoch: Sie strengte sich an – und manchmal wünschte sie sich, dass auch Percy sich etwas mehr anstrengen würde, um bei Molly auf dem neusten Stand zu bleiben.
Das waren Dinge, die Audrey nicht gewusst hatte, als sie Percy heiratete. Dinge, mit denen sie nicht gerechnet hatte, auf die sie nicht vorbereitet war. Sie hätte nie gedacht, das sie kämpfen müsste, damit ihre eigene Tochter ihr nicht fremd wurde.
Percy hatte ihr von damals erzählt. Kurz nachdem er ihr seine Familie vorstellte und als sie schon lange wusste, dass er ein Zauberer war, erzählte er von dem Krieg, der in seiner Welt stattgefunden und ihn einen Bruder gekostet hatte – und von dem sie nichts mitbekommen hatte. Er hatte von Rassismus gegenüber Mugglen und ihren magischen Kindern erzählt, von Kämpfen und Toten und dem Sieg – alles erzählte er ihr wahrscheinlich nicht und ihr reichte das, was sie hörte.
Jetzt jedoch wünschte sie sich, sie hätte besser zugehört, mehr behalten, mehr gewusst … sie hatte das Gefühl gar nichts mehr zu verstehen. Warum war sie in Gefahr? Warum ihre Kinder? Ihr Schwager Harry hatte im Krieg eine entscheidende Rolle gespielt, das wusste sie. Aber warum Percy?
„Kein Grund zur Sorge", sagten sie.
„Nur eine Vorsichtsmaßnahme", sagten sie.
„In ein paar Tagen ist alles überstanden", sagten sie.
„Harry und Hermine kümmern sich darum", sagten sie.
Und dann brachten sie Audrey und ihre Kinder in das Haus am Grimmauldplatz, was ihr nie so ganz geheuer gewesen war. Und dann sagten sie ihr, sie dürfe das Haus nur noch in Begleitung eines magischen Erwachsenen verlassen. Percy arbeitete weiter, als wäre nichts geschehen und sie blieb hier mit den Kindern. Das war nun drei Tage her und noch immer standen sie unter Personenschutz.
Langsam setzte sich Audrey auf das Bett, in dem sie nun seit drei Nächten gemeinsam mit Percy schlief und legte den Kopf in ihre Handflächen. Wie sollte das alles funktionieren? Und wie lange noch? Wie viele Menschen wollten sie noch in dieses Haus stopfen und von einer Hand voll Auroren, die kaum älter waren als ihre Töchter, beschützen lassen?
„Audrey? Schatz?" Percy steckte den Kopf durch die Tür uns riss sie aus ihren Gedanken. Sie kannte diesen Ton und Percys zerknirschter Gesichtsausdruck bestätigte ihre Befürchtungen. Er musste weg. Er würde sich zehn Mal entschuldigen und immer wieder betonen, wie wichtig der Auslandsaufenthalt war – und dann würde er gehen. Aber jetzt? Hier? Er würde sie hier alleine lassen?
„Wohin musst du?", fragte sie leise und fegte sich mit einer Hand den Pony aus den Augen.
„Argentinien", antwortete er und versuchte gar nicht erst, es ihr schonend beizubringen. „Morgen geht es los. Eine Woche – höchstens." Das bedeutete mindestens zwei.
„Und die Kinder?"
„Ihr schafft das schon", antwortete Percy und warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu. „Das ist ja alles nur eine Vorsichtsmaßnahme."
Früher hätte sie mit ihm diskutiert. Inzwischen wusste sie, dass er fahren würde, egal, was sie sagte. Aber, dass er sie in so einer Situation allein ließ, dass er die Kinder allein ließ …
„Ich sage Fleur, dass sie ein bisschen auf euch achten soll", sagte er und dann war er weg und ließ sie allein. Audrey verstand sich nicht sonderlich gut mit Fleur. Auch nicht schlecht, aber Freundinnen waren sie nicht. Hermine war ihr lieber. Sie war selbst unter Muggeln aufgewachsen. Sie wusste zumindest, wovon Audrey sprach, wenn sie von der Arbeit erzählte und sie fragte Molly nach ihrem Rollhockey Training, obwohl sie nicht viel mit Sport am Hut hatte.
Aber Audrey wollte auch nicht, dass Hermine auf sie achtete. Sie wollte nicht, dass irgendjemand auf sie achtete. Sie war erwachsen! Sie konnte auf sich selbst achten und auf ihre Kinder auch. Nun ja, unter normalen Umständen konnte sie das. Wenn sie die Weasleys richtig verstanden hatte, waren eventuell Terroristen hinter ihr her. Das war dann doch über ihrem gewöhnlichen Aufgabenbereich. Allerdings verstand sie nicht, wie der schräge, liebenswürdige Arthur Weasley sie würde beschützen können. Oder Fleur. Oder Hermine. Sie verstand nicht einmal wie Harry sie alle beschützen konnte, aber der arbeitete zumindest bei so etwas wie dem magischen Scotland Yard oder MI5 oder so.
Und das war doch das eigentliche Problem: Sie verstand es einfach nicht. Sie verstand Percy nicht, seine Familie, diese verdammte Welt verstand sie nicht und – was am Schlimmsten war – sie verstand ihre Tochter nicht.
Das war nun wirklich keine neue Einsicht. Das wusste sie schon ein paar Jahre. Die Frage war, was sie mit dieser Erkenntnis anfing und wie sie nun damit umgehen würde, dass sie mit ihren Töchtern unter Hausarrest stand und ihr Mann Morgen einfach verschwinden würde.
Rückwärts ließ sie sich auf das Bett fallen und schloss die Augen. Sekunden später pochte es an der Tür. „Audrey?" Das war die Stimme ihrer Schwiegermutter.
„Komm rein", antwortete Audrey und richtete sich auf, obwohl sie keine Lust auf Gesellschaft hatte. Sie war nicht gut darin, „Nein" zu sagen.
Molly Weasley Senior öffnete schwungvoll die Tür und sah Audrey besorgt an. Audrey unterschied bei Molly grundsätzlich drei verschiedene Gesichtsausdrücke: Liebevoll, besorgt und verärgert – und mit allen bedachte sie stets ihre Kinder und Enkel. Und ihre Schwiegerkinder. Und Arthur. Also eigentlich ihre ganze Familie. Molly war Mutter durch und durch. Etwas, was sie Audrey sehr sympathisch machte – auch wenn sie eine andere Art von Mutter war als Audrey. Molly war laut und emotional und Audrey war leise und sachlich. Beides funktionierte.
„Percy meinte, er nimmt morgen einen Portschlüssel nach Argentinien." Molly schnappte sich einen Stuhl und setzte sich.
„Hat er es den Mädchen schon gesagt?"
Molly schüttelte den Kopf. „Er meinte, es wäre besser, wenn du es ihnen sagst."
Audrey stöhnte leise auf. Typisch. Typisch, typisch, typisch. Jetzt sollte sie ihren Kindern erklären, warum Percy schon wieder verschwand.
„Ich habe ihm gesagt, er soll das selbst tun", erklärte Molly und sah ihr dabei direkt in die Augen. Audrey war, als habe sie ihre Reaktion abgewartet, bevor sie ihr diese Information gab.
„Weißt du Audrey, du darfst ihm ruhig ein bisschen mehr Kontra geben. Das macht dich nicht zu einer schlechteren Ehefrau."
„Ich weiß", murmelte Audrey. Als hätte sie das nicht schon 100 Mal gehört. Aber es fiel ihr schwer, jemandem die Meinung zu sagen, auch wenn sie mit ihm seit Jahren verheiratet war. Und mal ehrlich: Sollte Percy nicht wissen, dass es scheiße war, was er hier abzog? Was er seit Jahren mit ihr abzog? Mit ihr und mit den Kindern – vor allem mit ihrer Molly.
„Tut mir leid", sagte die andere Molly. „Ich wollte dir keinen Vortrag halten. Mein Sohn ist derjenige, der sich ändern sollte." Audrey widersprach ihr nicht. Sie wusste nicht wie.
Sie schwiegen für einen Augenblick.
„Molly hat mir unten beim Kochen geholfen", sagte Molly Senior dann. „Sie ist wirklich großartig."
Audrey lächelte – auch, wenn sie den Satz nicht mehr hören konnte. Natürlich war Molly großartig. Sie wusste das. Aber es störte Audrey, dass Percys Familie das immer wieder betonte. Als sei die Tatsache, dass sie Molly toll fanden, obwohl sie ein Muggle war, irgendwie erwähnenswert. Als müssten sie beweisen, dass sie auch Molly akzeptierten und machten dabei das Gegenteil – aber vielleicht bildete Audrey sich das auch nur ein. Vermutlich war sich inzwischen einfach etwas empfindlich, was das Thema Magie und Muggle betraf.
„Willst du nicht zu uns herunterkommen?", fragte ihre Schwiegermutter. „Ich weiß, die Situation ist gerade nicht so ideal, aber lass uns einfach das Beste daraus machen."
Audrey schüttelte leicht den Kopf. „Ich komme gleich zum Essen", sagte sie. „Ich brauche nur etwas Zeit für mich. Mach dir keine Sorgen." Molly machte sich sowieso immer Sorgen.
„Ist es in Ordnung für dich, wenn Arthur dich morgen zur Arbeit begleitet?", fragte Molly. „Ich weiß, er kann einem schon mal auf die Nerven gehen, wenn er sich für etwas begeistert. Wenn es dir lieber wäre, wenn jemand anders dich begleitet, dann sag einfach Bescheid. Das ist wirklich kein Problem und Arthur wird das verstehen."
Audrey sammelte sich einen Moment, bevor sie ihre Gedanken behutsam in Worte fasste. „Darum geht es gar nicht. Also nicht um Arthur. Es ist schön, dass es für ihn keine Last ist, mich zu begleiten. Aber, dass mich überhaupt jemand begleiten muss, ist schrecklich. Ihr sitzt hier alle fest, aber ich bin die einzige Erwachsene, die sich nicht selbst schützen kann, die ihre Kinder nicht schützen kann, auf die immer jemand aufpassen muss, die nicht ohne Begleitung raus darf. Und ich fühle mich so schwach. Ich habe mich nie schwach gefühlt … also vorher. Bevor ich wusste, dass es magische Menschen gibt, habe ich mich nie so … so machtlos gefühlt." Das klang nun doch härter, als sie es beabsichtig hatte – aber es war die Wahrheit. „Tut mir leid, Molly."
„Nein", sagte Molly ruhig und sah Audrey sehr offen an. Sie sah wie die Augen ihrer Schwiegermutter feucht wurden. „Dankeschön, dass du so offen zu mir warst. Entschuldige dich nicht dafür. Aber in einem Punkt, liegst du falsch: Es gibt außer dir und Harrys Muggle-Verwandten noch eine Person, die dieses Haus nicht ohne Begleitung verlassen darf." Molly machte eine kurze Pause und zeigte dann mit dem Daumen auf ihre eigene Brust.
„Warum darfst du das Haus nicht verlassen?", fragte Audrey irritiert. Kurz fragte sie sich, ob Molly das nur sagte, damit sie sich besser fühlte.
„Aus demselben Grund wie du: Harry ist der Meinung, ich könnte mich selbst nicht schützen."
„Aber du kannst doch zaubern."
„Mal unter uns: Ich bin sogar eine richtig gute Hexe. Und Harry weiß das. Das macht das Ganze für mich nicht einfacher."
„Aber warum dann?"
Molly überlegte, bevor sie eine Gegenfrage stellte: „Percy hat dir nicht viel über den Krieg erzählt oder?"
Audrey schüttelte den Kopf. „Er hat mir von Fred erzählt ... Harry hat eine größere Rolle gespielt, so wie ich das mitbekommen habe. Ron und Hermine auch. Und Teddys Eltern sind gestorben." Eigentlich hatte sie sich die Informationen eher mit den Jahren zusammengereimt. Percy hatte ihr nie viel erzählt.
Molly nickte.
„Zwei der Todesser, die sie da draußen suchen, sind die Brüder Lestrange", erklärte sie dann. „Sie haben in der Schlacht von Hogwarts mitgekämpft und gehörten zum engsten Kreis um Voldemort. Einer von ihnen war mit Bellatrix Lestrange verheiratet. Bellatrix war Voldemorts engste Vertraute. Sie war … mir ist noch nie ein so schrecklicher Mensch begegnet – abgesehen von Voldemort natürlich. Sie war aber auch eine mächtige Hexe. Sie hat Teddys Mutter umgebracht. Dora war ihre Nichte. Und Sirius Black, ihren Cousin und Harrys Paten … Sie hat ihn vor Harrys Augen getötet. Sirius war derjenige, der Harry dieses Haus vererbt hat.
Jedenfalls waren wir alle in der Großen Halle von Hogwarts und es war kurz vor Ende der Schlacht. Da hat Bellatrix Ginny angegriffen und … ich war diejenige, die sie getötet hat. Jeder hat das gesehen. Wir waren gleich neben Voldemort."
„Du?", fragte Audrey ungläubig. Sie hatte nicht gedacht, dass Percys Familie – Menschen mit denen sie seit Jahren beinahe täglich zu tun hatten – diese Terroristen persönlich umgebracht hatten. Und vor allem nicht Molly Weasley.
„Ja, Schätzchen", bestätigte Molly. „Harry glaubt eigentlich nicht, dass die Todesser zurzeit dazu in der Lage sind, ihre Rache zu planen, aber wenn … dann bin ich ein mögliches Ziel. Also geht es mir wie dir. Die Auroren glauben nicht, dass ich mich selbst schützen kann und deshalb darf ich nicht ohne Begleitung das Haus verlassen. Schlimmer noch. Du darfst ja mit einem erwachsenen Magier raus. Ich muss auf einen Auror warten."
„Harry glaubt wirklich, dass du in Gefahr bist …"
„Nein. Ich glaube, er hat nur Angst davor, was Ginny ihm antut, falls mir was passiert." Molly lächelte.
„Danke", sagte Audrey nach einem Moment.
„Wofür?"
„Dass du mir das erzählt hast. Ich … ich habe noch immer Schwierigkeiten zu verstehen, wie eure Welt funktioniert. Ich habe nicht ganz verstanden, warum die Kinder und ich in Gefahr sein sollen. Ich verstehe es immer noch nicht ganz, aber danke, dass du mir eine Erklärung geliefert hast."
„Wir haben alle immer noch Schwierigkeiten darüber zu sprechen. Vor allem George und ich haben die Ereignisse nicht allzu gut verarbeitet." Audrey war lang genug Mitglied dieser Familie, um zu wissen, dass die Ereignisse ein Synonym für Freds Tod war. „Aber wir sollten dich trotzdem nicht so im Dunkeln lassen. Offensichtlich betrifft es dich ja auch. Ron, Hermine und Harry haben beschlossen, dass sie den Kindern jeweils vor ihrem letzten Hogwartsjahr einen Überblick über die Ereignisse geben wollen. Sie verschieben Victoires Aufklärung, bis die Todesser gefangen sind. Vielleicht hast du ja Lust hinzuzukommen? Ich frage sie. Sie sind bestimmt einverstanden."
Das war nun wirklich das Allerletzte, was Audrey wollte. Sie wollte eben nicht behandelt werden wie ein Kind – oder auch wie jemand der gerade erwachsen wurde.
Sie wusste, dass gerade die älteren Kinder immer öfter Fragen stellten, weil sie viel in der Schule hörten. Lucy hatte in den Ferien gleich nach ihrem ersten Jahr auf Hogwarts gefragt, ob es stimmte, dass Harry, Ron und Hermine bei Gringotts eingebrochen und auf einem Drachen entkommen waren. Percy hatte Lucy gesagt, dass die drei ihr, wenn sie älter war, alles erzählen würden.
„Die Geschichte ist wahr", hatte er später Audrey erzählt, als sie allein waren. „Aber sie ist noch zu jung, um die Hintergründe zu verstehen." Audrey hatte nur genickt. Sie hatte sich gefragt, ob auch ihre andere Tochter mit 17 alles erfahren würde. Ihr selbst hatte nie jemand versucht, irgendwelche Hintergründe zu erklären. Sie war nicht zu jung. Sie war zu anders.
Jetzt plötzlich kam Molly auf die Idee, dass Audrey auch Bescheid wissen sollte. Bisher hatte sich doch auch niemand darum gekümmert, dass auch sie erwachsen war. Sie war eben ein Muggle.
In ihre eigenen Gedanken vertieft, merkte Audrey nicht, dass Molly sie beobachtete und ihrerseits Schlüsse zog. Deshalb irritierte es Audrey auch sehr, als Molly plötzlich sagte: „Es tut mir leid, Audrey."
„Was?"
„Ich dachte, er hätte dir mehr erzählt. Ich dachte, du wärst diejenige gewesen, die nicht mit uns darüber reden wollte. Ich glaube, ich lag falsch."
„Es ist doch nicht meine Welt…"
„Aber es ist deine Familie. Dein Mann und deine Tochter. Natürlich wollte Percy nicht, dass du mehr erfährst. Ich komme mir so dumm vor, weil ich es nicht eher erkannt habe. Percy hat während des Krieges und in den Jahren vorher nicht immer die besten Entscheidungen getroffen."
„Er wird wohl seine Gründe gehabt haben, mir nicht alles zu erzählen", erwiderte Audrey. „Ich habe ihm bestimmt auch nicht alles aus der Zeit bevor wir uns kennen gelernt haben erzählt."
„Aber, wenn die Pozilei käme, um wegen etwas aus deiner Vergangenheit auf euch aufzupassen, wäre das etwas anderes."
Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Aber was sollte Audrey denn machen? Percy wollte offensichtlich nicht, dass sie alles erfuhr. Wenn sie sich die Geschichte hinter seinem Rücken von seiner Familie erzählen ließ, konnte das nur böse enden. Sie wollte keinen Streit. Sie wollte nie Streit.
„Das gibt doch alles nur Ärger", sagte sie. „Wenn er so weit ist, wird er mir schon von selbst alles erzählen." Aber sie wusste, dass es dazu wohl nie kommen würde.
Molly stand auf. „Wenn du es dir anders überlegst, sag mir Bescheid", sagte sie. „Oder geh' direkt zu Hermine. Sie kriegt die Geschichte am besten auf die Reihe. Ron bringt immer alles etwas durcheinander und Harry lässt gerne ein paar Teile weg." Audrey nickte und sah Molly nach, als sie den Raum verließ. Sie wusste, dass sie ihrem Mann gerade eine Standpauke von seiner Mutter eingebracht hatte – aber es tat ihr nicht leid.
Nur ein Streich?
James war direkt vor der Kellertür stehen geblieben, als Ted sie hinter sich und dieser Aurorin schloss. Zum Lauschen – das verstand sich ja wohl von selbst. Als er hörte, dass John verfolgt worden war, setzte sein Herz für einen Schlag aus. Vielleicht tat es das nicht wirklich, aber es fühlte sich auf jeden Fall so an. Keine Sekunde später befand er sich auch schon auf dem Weg nach oben. Sie hatten John bestimmt gleich aus dem Raum geschickt und James wusste, wo hingelaufen sein musste. Er quetschte sich an Ron und Hermine vorbei, die ihn gar nicht ansahen, und eilte die Stufen herauf bis ganz nach oben.
Er klopfte an die Tür zum Dachboden. Drei Mal mit den Fingerknöcheln, dann noch zwei Mal mit der Handfläche. Fred öffnete ihm sofort. James trat durch die Tür und hielt sofort Ausschau nach John. Sein Freund saß auf dem Gras des Quidditchfeldes. Auf den ersten Blick konnte James keine Verletzungen erkennen. Er stürzte auf ihn zu und warf sich auf die Knie.
„Bist du verletzt?", fragte er noch etwas außer Atem von den vielen Stufen.
„Nein, Jasi." John lachte. Vermutlich stand er unter Schock, war hysterisch.
„Es war nur ein Streich", erklärte Fred und setzte sich ebenfalls zu ihnen auf das Gras. Er grinste.
„Was?", fragte James irritiert.
„Einer der Auroren war hinter mir." John wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Die werden schön doof gucken, wenn sie den verhaften wollen."
James verstand nicht. Er starrte John an, dann Fred, dann wieder John. Was wollten sie ihm sagen?
„Aber warum denken die Auroren …?"
„Ich bin sofort hergerannt. Ich habe nur gesagt: ‚Er ist direkt hinter mir' und dann bin ich mit Fred hier her. Sie haben den Kamin direkt versiegelt. Ich habe sie nicht mal angelogen. Ist ja nicht meine Schuld, wenn sie das falsch verstehen."
James blinzelte ein paar Mal. Sein Mund war weit offen.
„Was denken sie, wer John verfolgt hat?" Fred wippte mit dem Fuß. Wie immer, wenn er aufgeregt war. „Denken sie, es waren die Todesser?"
Endlich schaffte James es, die Situation einzuordnen. „Scheiße!" Und angemessen zu reagieren. „Verflucht! Ist das dein Ernst, John?" James sprang auf. Nun war es an den beiden anderen irritiert drein zu schauen.
„Ist doch nur ein Scherz, James", meinte Fred und erhob sich ebenfalls. „Sie werden schnell merken, dass das kein Todesser ist."
„Und wenn es dann zu spät ist?", fauchte James und eilte aus dem Raum. Fred lief ihm hinterher und hielt ihn fest.
„Wenn du jetzt runtergehst, wissen sie, dass John das mit Absicht gemacht hat." James starrte seinen Freund entsetzt an, riss sich los und stieß beinahe mit Kingsley zusammen, der die Treppe hinauflief.
„Ist der Auror okay?"
Kingsley nickte. „Nur eine Gehirnerschütterung, vermute ich. Ist John da drin?"
„Nein, ich habe ihn nicht gesehen", antwortete Fred schnell, aber James nickte. Kingsley bedachte Fred mit einem finsteren Blick und schob sich an den Jungen vorbei auf den Dachboden. Er schloss die Tür hinter sich.
„Was soll der Scheiß?", fragte Fred. „Seit wann verrätst du deine Freunde? Und seit wann verstehst du eigentlich keinen Spaß mehr?"
„Du verarschst mich doch oder?" James Hände ballten sich zu Fäusten. „Glaubst du Auroren warten ab, ob jemand zuerst angreift, wenn sie zu dritt über 30 Leute zu beschützen haben?"
„Auroren töten nicht", erwiderte Fred, doch seine Stimme klang unsicher. „Sie dürfen keine Unverzeihlichen Flüche benutzen."
„Weißt du was passiert, wenn man von mehreren Schockzaubern getroffen wird? Schon einer kann bleibende Schäden hinterlassen. Wenn drei Auroren auf dich losgehen und dich schocken, kannst du daran sterben. Ich weiß echt nicht, was daran witzig sein soll."
James nahm die Treppe nach unten und rannte vor der Tür zum provisorischen Aurorenhauptquartier fast in Ron hinein, der irgendetwas von „Quidditchverbot" murmelte. Hermine war gleich hinter ihm.
„Du hattest doch nichts mit der Sache zu tun, oder James?" Hermine sah ihn streng an. Dachte sie wirklich, dass er sich an so etwas beteiligen würde?
„Wie geht es dem Auroren?"
„Der wird schon wieder", meinte Ron. „Kingsley hat ihn ordentlich erwischt, aber er ist schon wieder wach. Nur ein bisschen verwirrt."
„Teddy regelt das. Du kannst da jetzt nicht rein, James." Hermine hielt ihn am Arm fest, als weitergehen wollte.
„Bekommt Teddy jetzt Ärger mit Dad?"
„Der schafft das schon", meinte Ron.
„Du hattest wirklich nichts damit zu tun," stellte Hermine fest. Sie ließ ihn wieder los und ihr Blick wurde weicher. Es verletzte James, dass sie überhaupt in Erwägung gezogen hatte, er könnte … Er spielte gerne mal Streiche – na und? Deshalb würde er noch lange keinen Menschen gefährden. Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Fred und John schienen den Unterschied nicht ganz so klar zu sehen.
„Natürlich nicht", antwortete James. „Der Auror hätte verletzt werden können. Teddy hätte seinen Job verlieren können. Dad wäre ausgeflippt."
„Er wäre auf jeden Fall ausgeflippt, wenn du etwas damit zu tun gehabt hättest", meinte Ron. „Und Ginny hätte dich umgebracht."
Teddy trat durch die Tür zur Aurorenzentrale und stellte sich zu ihnen.
„Könnt ihr Kingsley wieder rein schicken, wenn er herunter kommt?", fragte er in die Runde.
„Klar", antwortete Ron.
„Ist wirklich alles gut gegangen?", fragte James.
„Ja, wir haben nochmal Glück gehabt."
„Willst du mich gar nicht fragen, ob ich daran beteiligt war?"
Entsetzt starrte Teddy ihn an. „Was? Nein! James, das ist echt nicht witzig. Als ob du jemanden so in Gefahr bringen könntest …" Teddy stockte. „Tut mir leid, James. Ich weiß, John ist einer deiner besten Freunde, aber das hier …"
„Ja, ich verstehe das auch nicht", erwiderte James. „Danke, dass du nicht glaubst, ich hätte davon gewusst." James warf Hermine einen finsteren Blick zu.
„Es tut mir leid, James."
17 Jahre
Angelina hatte Ron vor ein paar Stunden im Laden abgelöst. Sonntags hatten sie nicht lange auf. Das Familiendinner stand an und sie würde abschließen, sobald die letzten drei Kunden – ein Pärchen und ein Schüler – den Laden verließen. Roxy und Victoire hatten sie begleitet. Beide halfen schon den ganzen Sommer aus. Victoire des Geldes wegen und Roxy … Roxy hatte so viel Spaß daran, den Hogwarts-Schülern ihre Scherzartikel anzudrehen, dass sie jede fast jeden Tag ein paar Stunden hier verbrachte. Sie strahlte auch jetzt vor Freude, als sie einen ca. 14-jährigen Jungen beriet. Angelina war sich aber nicht so sicher, ob das an der Arbeit oder dem Jungen lag. Victoire hingegen war schon seit sie hier waren mies gelaunt. Der Laden war wie immer brechend voll gewesen und es war zu viel zu tun – Angelina hatte keine Zeit gefunden, sich mit ihrer Nichte zu unterhalten.
Gerade bediente Victoire das Pärchen an der Kasse.
„Ist Ron Weasley gar nicht da?", fragte die Frau und versuchte einen Blick durch die Tür hinter der Kasse zu erhaschen. Sie sprach mit amerikanischem Akzent. Es kam häufiger vor, dass sich Kinder nach Ron erkundigten, um sich ihre Schokofrosch-Sammelkarte unterschreiben zu lassen. Das Paar aber war mindestens Anfang 30.
„Bin ich Ihnen als Kassiererin nicht gut genug?", erwiderte Victoire pampig.
„Wir sind keine verrückten Fans", versuchte der Mann sie zu beruhigen. „Wir wollten uns nur persönlich bedanken. Wir sind aus LA angereist, um einige der Originalschauplätze zu sehen. Wir waren noch jung, als das alles passiert ist, aber …"
„Er ist nicht da", unterbrach Victoire ihn.
„Wann können wir ihn denn hier antreffen? Wir sind noch bis Freitag in der Stadt. Dann geht unser Portschlüssel."
„Sie glauben doch nicht ernsthaft …", fing Victoire an, doch Angelina unterbrach sie schnell, bevor ihre Nichte den Ruf ihres Ladens in Übersee allzu sehr beschädigte.
„Mr. Weasley ist nur selten hier im Laden", log sie schnell. „Aber wir überbringen ihm natürlich gerne Ihren Dank." Das Paar nickte enttäuscht.
„Wenn, dann jetzt", sagte Angelina sich, als die das Pärchen zahlte und den Laden verließ. So konnte sie ihrer Teenager-Tochter auch einen Moment alleine geben, um ein wenig zu flirten. Angelina zog Victoire nach hinten und baute sich vor ihr auf.
„Was ist los?" Victoire klang patzig.
„Genau dasselbe wollte ich dich fragen", konterte Angelina. „Du hast schon den ganzen Tag schlechte Laune. Ich dachte, du wärst froh für ein paar Stunden aus dem Haus rauszukommen. Hast du Ärger mit Ted?"
„Quatsch", erwiderte Victoire. „Und woher weißt du überhaupt von mir und Ted?"
„Okay, Ted ist also nicht der Grund. Was ist dann los?"
Victoire seufzte und setzte sich nach Georges Schreibtisch. Angelina nahm sich Rons Stuhl und setzte sich neben sie.
„Ich bin 17."
„Das ist richtig." Angelina ahnte, in welche Richtung das Gespräch sich entwickeln würde und es passte ihr ganz und gar nicht.
„Ich bin schon seit Anfang Mai 17 und ich weiß immer noch nicht Bescheid. Teddy haben sie an seinem 17. Geburtstag alles erzählt. Mir nicht. Maman war dagegen. Und dann wollten sie mir Anfang der Ferien alles erzählen und Dad war dagegen. Sie haben es verschoben. Auf heute. Und jetzt … jetzt verschieben sie es natürlich wieder. Harry ist sowieso nicht da, aber selbst, wenn er da wäre, haben sie alle drei Besseres zu tun. Sie wollen warten, bis die Todesser wieder in Azkaban sind. Was, wenn ich bis dahin längst wieder in Hogwarts bin? Ich bin kein kleines Kind mehr. Ich habe das Recht darauf, zu erfahren, was passiert ist. Teddy will nicht darüber reden. Meine Eltern wollen nicht darüber reden. Niemand in dieser Familie will das. Und … und das kann ich natürlich verstehen, aber ich weiß gar nichts. Diese Touristen wissen besser Bescheid als ich. Jeder in Hogwarts weiß besser Bescheid als ich. Sie fragen mich, welche Geschichten stimmen und welche nicht und ich … ich weiß es nicht … ich kann es ihnen nicht sagen … ich …"
„Okay, jetzt mal ganz ruhig Victoire", schaltete Angelina sich ein. „Atme tief durch."
Victoire starrte sie nur wütend an, aber sie hörte immerhin auf zu reden.
„Ist dir je in den Sinn gekommen, dass es uns allen lieber wäre, wenn du so spät wie möglich davon erfährst?", fragte Angelina. „Als Teddy älter wurde, haben wir uns alle zusammen gesetzt und abgestimmt. Wenn es nach uns ginge, würdet ihr Kinder nichts erfahren bevor ihr 25 seid. Aber ihr seid rechtlich nun einmal mit 17 erwachsen. Also vergib' deinen Eltern, wenn sie zumindest noch ein paar Wochen länger warten wollen. Vielleicht wärst du nachher froh, wenn du noch ein paar Jahre gewartet hättest."
„Teddy war vor zwei Jahren total fertig, aber er war auch erleichtert, dass er endlich alles wusste. Das hat er mir selbst gesagt. Er hätte keine Sekunde länger warten können, auch, wenn es hart war."
„Das mag sein", erwiderte Angelina. Sie bereute bereits das Gespräch mit Victoire gesucht zu haben. Sie hatte zwei eigene Teenager. Kein Grund, sich auch noch mit ihrer Nichte herum zu schlagen. Sie hätte Bill und Fleur das Feld überlassen sollen. „Aber Teddys Leben ist von dem Ganzen doch stärker beeinflusst worden als deins. Er hat vor allem viel über seine Eltern und damit über seine Herkunft erfahren."
Wütend starrte Victoire sie an. Offenbar hatte Angelina irgendetwas vollkommen Falsches gesagt. Sie hatte nur keine Ahnung, was das war.
„Neeeeeeeiiiin", sagte Victoire lang gezogen und mit Nachdruck, während sie zusätzlich noch ihren Kopf schüttelte. Teenager waren Meister der Ironie. „Mein Leben bleibt davon natürlich vollkommen unbeeindruckt. Ich habe zwar am 02. Mai Geburtstag, aber, dass das der Jahrestag der Schlacht von Hogwarts ist, ist ja nicht so schlimm. Ich kann mich zwar an keinen Geburtstag erinnern, an dem meine Grandma nicht früher oder später in Tränen ausgebrochen ist, aber was soll's. Ist ja nicht schlimm, dass mein jahrelang bester Freund und jetziger fester Freund an meinem Geburtstag immer nur zum Frühstück vorbeikommt und dann mit seiner Grandma und seinen Paten die Gräber seiner Eltern besucht und den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Ist doch egal, dass George es nicht einmal zu meinem 17. Geburtstag geschafft hat auch nur kurz zu meiner Feier vorbei zu kommen. Kann mir also egal sein, die ganze Geschichte. Interessiert mich nicht die Bohne, was am 02. Mai zwei Jahre vor meiner Geburt passiert ist. Beeinflusst mein Leben ja nicht."
„Victoire …" Doch der Teenager beachtete Angelina gar nicht.
„Und es gibt wirklich Leute, die mich darum beneiden, dass ich an einem Gedenktag Geburtstag habe und immer frei habe … Sämtliche Hogwartsschüler dürfen für den Tag nach Hause, wenn sie wollen. Ich nicht. Meine Familie kommt stattdessen zur Gedenkfeier nach Hogwarts, zu der ich aber nicht eingeladen bin. Mein Geburtstag ist für jeden in meiner Familie und für meinen Freund der schrecklichste Tag des Jahres."
„Victoire!"
„Was?", fauchte sie und sah Angelina finster an.
„Ich rede mit ihnen, in Ordnung?" Angelina strich ihrer Nichte über die Schulter. „Ich rede mit ihnen."
„Okay", antwortete Victoire erschöpft und drehte sich zur Tür um. „Roxanne!", rief sie, als sie ihre Cousine im Türrahmen entdeckte.
„Ich habe vorne schon abgesperrt", erklärte Roxy und warf Angelina den Ladenschlüssel zu. „Von mir aus können wir los." Angelina war sich sicher, dass Roxy zumindest das Ende des Gesprächs mitgehört hatte, aber sie sagte nichts und auch die beiden Mädchen schwiegen, als sie sich zu dritt auf dem Weg zurück in den Grimmauldplatz machten.
Dating Tipps
Molly schnitt noch eine Paprika in Scheiben und ließ sie mit in den Topf fallen. Sie würzte den Eintopf kräftig und lehnte sich dann zurück. Normalerweise würde sie das Ganze jetzt umrühren, aber ein Zauberspruch ihrer Grandma erledigte das für sie. Es erleichterte die Arbeit – natürlich – aber Molly mochte diesen Teil des Kochens am liebsten. Während sie mit dem Löffel alles durcheinander brachte, wurde der Duft des Essens direkt unter ihrer Nase stärker und sie konnte immer mal wieder einen Happen probieren und sich selbst einreden, dass sie nur prüfte, ob sie auch richtig gewürzt hatte. Durch den Zauberspruch wurde automatisch nachgewürzt und wenn sie nicht direkt mit der Nase über dem Topf hing, war der Geruch nicht halb so intensiv.
Bei anderen Tätigkeiten wusste Molly die Zauberei aber durchaus zu schätzen – Putzen etwa machte ihr nicht mal annährend so viel Spaß wie Kochen. Grandma hatte ihr, für den Tag an dem sie Zuhause auszog, einen ihrer selbstständigen Besen versprochen, von denen Molly ihre Mom bisher nicht überzeugen konnte.
Molly wollte sich gerade einen Löffel schnappen, um doch einen Happen zu probieren, als die Küchentür aufgerissen wurde.
„Molly!", rief Roxy außer Atem. „Ich habe dich schon im ganzen Haus gesucht!"
„Alles okay?" Roxy war ihre Lieblingscousine. Im letzten Sommer hatten sie zwei Wochen gemein-sam bei ihren Großeltern verbracht, als der Großteil der Familie zur Quidditch-Weltmeisterschaft gefahren war. Mollys Mutter war mit ihren Eltern weggefahren, aber Molly hatte keine Lust gehabt mitzukommen. Ihr Vater und ihre Schwester waren bei der WM.
Sie hatten vorher nie viel miteinander zu tun gehabt, aber in diesen zwei Wochen war Molly eng mit Roxy zusammen gewachsen. Sie sah Roxy natürlich während der Schulzeit ebenso wenig, wie ihre Schwester, aber sie schrieben sich beinahe täglich und waren gut über das Leben der jeweils anderen informiert. Als der Hogwarts-Express Ende Juni wieder in Kingscross einfuhr, wartete Molly, wie immer, am Bahnsteig, aber diesmal freute sie sich mehr auf Roxy, als auf ihre Zwillingsschwester – auch, wenn sie Lucy das natürlich niemals sagen würde.
Roxy antwortete ihrer Cousine nicht. Sie packte Molly bei beiden Schultern und schob sie langsam rückwärts zu einer der Bänke, die in der Ecke der Küche standen. Dann gab sie ihr noch einen Stoß und Molly plumpste auf die weichen Kissen, die darauf lagen.
„Für diese Nachricht solltest du dich besser setzen", kommentierte Roxy ihr Handeln und ließ Mollys Schultern nicht los. Sie sah ihrer Cousine fest in die Augen. „Er hat mich nach einem Date gefragt." Roxy sprach die Worte langsam aus, als wolle sie sie alle einzeln auf der Zunge spüren, bevor sie sie in die Welt hinausließ. Sie sah Molly erwartungsvoll an.
„Wer?", fragte Molly etwas verwirrt.
„Na er!"
„Ach, er!" Roxy strahlte, als Molly begriff. Sie nickte. Seit Roxy in der ersten Ferienwoche begonnen hatte im Laden ihrer Eltern zu arbeiten, kam fast täglich ein Junge herein. Er sah sich ein wenig um, lächelte Roxy schüchtern zu und verließ dann den Laden, ohne etwas zu kaufen. Seit der zweiten Ferienwoche sprach Roxy über nichts anderes mehr.
„Er hat also endlich seinen Mund aufbekommen?", hakte Molly nach.
Roxy schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich habe ihn angesprochen", erklärte sie. „Und eigentlich habe auch ich das mit dem Date vorgeschlagen, aber anders herum klingt es besser." Molly musste lachen.
„Aber er hat vorgeschlagen, dass wir zu Fortescue's gehen."
„Na immerhin", kommentierte Molly. „Wann trefft ihr euch?"
„Morgen Abend." Roxy strahlte noch immer. Molly jedoch war plötzlich etwas weniger begeistert. Hatte Roxy da nicht eine Kleinigkeit vergessen?
„Was hast du?", fragte Roxy. Molly wich ihrem Blick aus. „Was ist?"
„Du darfst das Haus nicht alleine verlassen. Du musst ständig in Begleitung eines volljährigen Zauberers sein, wenn du nicht hier bist."
Roxys Lächeln fiel in sich zusammen. „Das habe ich ja total vergessen."
„Vielleicht könnt ihr das Date verschieben?"
„Auf wann denn? Das kann hier doch noch ewig dauern." Da hatte ihre Cousine allerdings recht. Die Erwachsenen weigerten sich, ihnen irgendetwas zu versprechen und das war gar kein gutes Zeichen. Sie konnten bis zum Ende des Sommers hier festsitzen.
„Oder du erklärst ihm, warum …"
„Klar", unterbrach Roxy sie. „Damit er gleich erfährt, auf was für einen Mist er sich bei mir einstellen muss. ‚Übrigens, ich bin Roxanne Weasley. Ja, genau Weasley. Deshalb brauche ich auch einen Leibwächter – Todesser sind hinter dieser Familie seit Ewigkeiten her. Ja, meinen Eltern gehört der Laden, mein Onkel ist übrigens der Leiter der Aurorenzentrale, meine Tante die der Strafverfolgung und sonntags kommt der Zaubereiminister zum Essen vorbei. Alles ganz normal. Überhaupt kein Problem."
Überrascht hob Molly die Augenbrauen, während sie Roxy zuhörte. Sie hatte nicht gewusst, dass Roxy die Abnormität ihrer Familie so beschäftigte. Sie hatte immer gedacht, sie sei als Muggle die einzige, die aufpassen musste, dass niemand zu viel über ihre Verwandten erfuhr.
Molly runzelte die Stirn.
„Meinst du nicht, dass er das alles längst weiß?", fragte sie Roxy. „Es gibt doch in der Zaubererwelt niemanden, der diese Familie nicht kennt. Er hat dich doch bestimmt schon mal auf Hogwarts gesehen. Er weiß doch bestimmt genau, wer du bist und worauf er sich einlässt."
Roxy seufzte. „Hast du mir etwa nicht zugehört?" Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. „Er geht nicht nach Hogwarts! Ich habe ihn dort noch nie gesehen. Er muss nach Durmstrang gehen oder sonst wo hin."
Davon hatte Molly noch nie gehört. Dörm-was? Gingen nicht alle Hexen und Zauberer nach Hogwarts, wenn sie 11 wurden? Gab es etwa noch eine lokale Schule?
„Durmstrang ist eine Zaubereischule in Schweden", erklärte Roxy als sie Mollys verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte.
„Also auch ein Internat?", hakte Molly nach.
„Ja." Roxy kniff die Augen ein wenig zusammen und sah Molly scharf an, als sie ihr antwortete. „Alle Zaubereischulen sind Internate", fügte sie hinzu. „Es gibt in Frankreich auch noch Beauxbatons. Dort war Fleur damals."
„Achso." Molly bemühte sich gleichgültig zu klingen. Sie konnte ihre Erleichterung aber nicht ganz verbergen. Ihre Schwester hatte also wirklich keine Wahl gehabt, als sie sie mit 11 Jahren verließ.
„Meinst du, er macht in London nur Urlaub?", fragte Molly, um von ihrem kurzen Gefühlsausbruch abzulenken – mein Gott, sonst hatte sie sich doch besser unter Kontrolle!
„Englisch ist auf jeden Fall seine Muttersprache." Roxy kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Nein, ich denke, er lebt hier in der Nähe."
„Und warum geht er dann nicht nach Hogwarts? Das wäre doch viel näher."
„Die meisten Englänger gehen nach Hogwarts, aber ein paar entscheiden sich auch für eine andere Schule. Die Kinder von ehemaligen Todessern zum Beispiel gehen oft auf die anderen Schulen, weil dort ihre Namen nicht so schnell mit dem Krieg in Verbindung gebracht werden."
„Na, das klingt ja wirklich sehr beruhigend. Jetzt bin ich froh, dass du ihn nur unter Aufsicht sehen kannst", kommentierte Molly.
„Quatsch! So einer ist das nicht."
„Wie heißt er denn jetzt eigentlich?"
„Julien." Roxy lächelte, als sie den Namen aussprach.
„Und mit Nachnamen?"
„Das weiß ich nicht."
„Woher willst du dann wissen, dass er kein Todesser ist?"
„Merlin Molly!" Roxy hob die Arme und runzelte die Stirn. „Natürlich ist er kein Todesser. Was ist denn los mit dir?"
„Ich weiß auch nicht", gab Molly zu. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Seit zwei Tagen schon war sie oft gereizt und emotional. Normalerweise war sie ein sehr sachlicher und ruhiger Mensch. Vermutlich verbrachte sie einfach zu viel Zeit mit der Familie ihres Vaters auf engstem Raum. Außerdem vermisste sie Lisa. Sie hatte ihre Freundin schon seit vier Tagen nicht mehr gesehen. Roxy war die einzige in ihrer Familie, die von Lisa wusste. Ihre Beziehung war noch sehr frisch und … nun ja… die Weasleys waren nun mal … anders. Ihre Familie war zwar der Meinung, dass sie sich gegenüber Mugglen gut anpassen konnten und nicht auffielen, aber die einzigen, die sich wirklich nicht komisch benahmen, waren Hermine und Harry, weil die bei Mugglen aufgewachsen waren.
Mollys Mutter war auf eine ganz andere Art schwierig. Sie machte sich zu viele Gedanken, zu viele Sorgen. Molly hatte früh gelernt, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, damit sie ihrer Mutter nicht noch mehr aufbürdete. Sobald die Beziehung zu Lisa ein paar Wochen … oder lieber Monate alt war, würde sie ihrer Mutter ihre Freundin vorstellen. Dann war die Gefahr geringer, dass sie sich gleich wieder trennten. Ihre Mutter sollte sich nicht auch noch mit Mollys Liebeskummer herumschlagen müssen. Es nützte Molly ja nichts, wenn ihre Mutter Bescheid wusste. Auch Molly brauchte einen erwachsenen Zauberer, um dieses Haus zu verlassen. Ihre Mutter konnte nicht zaubern und sie deshalb auch nicht zu Lisa bringen. Im Endeffekt standen Roxy und Molly vor demselben Problem.
Morgen würde sie Lisa wiedersehen – morgen Abend hatte sie Rollhockey-Training und ihr Vater hatte ihr versprochen, dass sie trotz allem hingehen durfte. Er würde sie begleiten. Das würde es zwar schwierig machen, mit Lisa alleine zu sein, aber sie würde sie zumindest sehen und ihr erklären können … Ja, was eigentlich? Wie sollte sie einem ganz normalen Mädchen ohne magische Verwandte erklären, was hier gerade passierte? Bis morgen Abend sollte sie sich dafür wohl eine Lösung überlegen.
„Du vermisst sie." Roxys Worte rissen Molly aus ihren Gedanken. „Tut mir leid, Molly. Ich rede und rede und rede und frage dich gar nicht, wie es dir geht. Was hast du Lisa gesagt, warum ihr euch Samstag nicht treffen konntet?"
„Ich wollte sie nicht anlügen", erklärte Molly. „Ich habe ihr gesagt, dass etwas dazwischen gekommen ist und ich ihr das Montag beim Training erkläre. Ich dachte, bis dahin wäre alles vorbei. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher."
„Aber Percy bringt dich doch zum Training morgen." Sie konnte wirklich froh sein, dass er das tat. Die meisten Freizeitaktivitäten mussten, während die Todesser noch auf freiem Fuß waren, ausfallen. Sie ging sonst alleine zum Training und ihr Vater kam auch nicht oft zu einem ihrer Spiele, aber sie war froh, dass er ihr jetzt, wo es nötig war, half.
„Ja, aber er weiß doch nichts von Lisa. Und was soll ich ihr wegen Samstag sagen? Oder warum mein Vater sich das Training anschaut."
„Na, du kennst doch die offizielle Muggle-Version …"
Molly runzelte die Stirn.
„Du weißt schon", fuhr Roxy fort. „Terroristen."
„Ich soll ihr erzählen, dass mein Vater dabei ist und wir uns Samstag nicht sehen konnten, weil ich ein mögliches Angriffsziel von Terroristen bin?" Mollys Stimme wurde während sie sprach immer höher, bis sie schließlich beinahe brach.
„Näher an die Wahrheit kommst du nicht." Roxy schien in der ganzen Sache kein Problem zu sehen. Molly war immer wieder erstaunt darüber, wie wenig ihre Cousins und Cousinen von der Muggle-Welt verstanden – vermutlich weit weniger, als sie von der Magie verstand.
„Roxy, Terroristen sind keine Auftragskiller. Es werden nicht einfach ganze Familien vor Terroristen geschützt – höchstens bestimmte Veranstaltungen. Und mein Vater soll mich beschützen? Wie soll ich denn das erklären? Ist der in deiner Geschichte dann etwa ein Superheld?"
Roxy winkte ab. „Ach, dir fällt schon was ein", sagte sie. Sie setzte sich neben Molly auf die alte Holzbank. Die sah ein bisschen so aus wie diese alten Truhen, die Seeleute früher mit ihren persönlichen Sachen bepackten und mit an Bord nahmen. Bestimmt konnte man sie öffnen. Was sich wohl darin verbarg? Aber sie schweifte ab. Das würde sie später herausfinden. In diesem Haus steckte hinter jeder Ecke ein Geheimnis. Sie war sich sicher, dass ihre Cousins James und Fred sie schon alle ergründet hatten.
„Dir fällt immer etwas ein", sagte Roxy. „Du lebst schon seit Jahren in der Mugglewelt ohne aufzufallen."
„Roxy, dir mag es noch nicht aufgefallen sein, aber ich bin ein Muggle. Deshalb falle ich auch nicht auf."
Roxy nickte nachdenklich, als müsse sie erst noch überlegen, ob sie der Aussage zustimmte. Sie schwiegen eine Weile und Molly ging zum Kochtopf, um noch einmal zu kosten. Sie musste sich auf andere Gedanken bringen. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken, wie sie Lisa die Situation erklären sollte. Die Vorstellung, dass die Vergangenheit ihrer Familie ihrer Beziehung schaden und ihre Zukunft gefährden könnte … Nein! Sie durfte nicht darüber nachdenken, was passieren würde. Sie … sie würde schon eine Lösung finden. Roxy hatte Recht. Sie fand doch immer eine Lösung. Sie war das einzige Nicht-Magische-Kind in dieser Familie. Sie wusste, wie man sich durchkämpfte.
„Ich bin eigentlich wegen etwas anderem zu dir gekommen." Roxys Stimme riss Molly aus ihren Gedanken. Ihre Cousine klang anders als eben. Molly drehte sich zu ihr um. Roxy kaute auf ihrer Unterlippe und sah Molly nicht an. War sie etwa nervös?
„Wie … wie war das, als du dich mit Lisa zum ersten Mal getroffen hast?", fragte sie Molly dann mit etwas zittriger Stimme.
Molly lachte. „Ist die große Roxanne Weasley etwa nervös vor ihrem ersten Date?"
Roxy starrte sie an. „Quatsch", erwiderte sie und ihre Stimme klang etwas verärgert. „Ich will nur wissen, auf was ich mich vorbereiten muss."
„Meinst du nicht, dass da jedes Date ein bisschen anders ist?" Molly war nicht wirklich scharf darauf, Roxy alles zu erzählen. Sie vermisste Lisa sowieso schon und über sie zu reden würde alles nur noch schlimmer machen.
„Habt ihr euch die Rechnung geteilt?"
Molly seufzte, schloss die Augen, nahm sich zusammen, öffnete sie wieder und antwortete: „Nein, sie hat bezahlt."
„Warum sie?"
„Sie hat mich um das Date gebeten. Ich habe dann beim zweiten Date bezahlt."
„Wo wart ihr denn überhaupt?"
„Na, nicht in der Winkelgasse, aber wir haben auch Eis gegessen. Danach sind wir ins Kino." Verwirrt starrte Roxy sie an. Molly vergaß oft, dass ihre magische Familie von vielen Dingen in der Mugglewelt keine Ahnung hatte.
„Du weißt doch, was ein Fernseher ist, oder?"
„Das ist doch diese schwarze Kiste, wo man Menschen beobachten kann, die eine Geschichte nachspielen." Na, das konnte man noch gelten lassen.
„Genau. Und im Kino ist das dann auf einer großen Leinwand." Roxy nickte, aber Molly hatte nicht den Eindruck, dass sie ihr wirklich folgen konnte. Sie schaute sie an, wie ein Auto, aber auch dieses Mugglesprichwort würde Roxy wohl ebenfalls nicht verstehen.
„Hast du sie geküsst beim ersten Date?", fragte Roxy. Molly überlegte, ob ihr das nicht zu privat war. Sie hatte noch niemandem von ihrem ersten Kuss mit Lisa erzählt. Wie Lisa ihr das Haar hinters Ohr gestrichen hatte, wie sie gelächelt hatte und dadurch diese Grübchen in den Wangen bekam und dann …
Aber das mit Lisa und ihr … das war von Anfang an etwas Ernstes gewesen. Sie kannten sich ja schon seit Jahren. Roxy kannte diesen Jungen erst ein paar Wochen und hatte heute zum ersten Mal mit ihm gesprochen. Was, wenn er wirklich der Sohn eines Todessers war?
„Nein", antwortete Molly ihrer Cousine. „Wir haben nur Händchen gehalten im Kino." Das war nicht ganz gelogen. Im Kino hatte sie Lisas Hand in ihrer gehalten, bis sie beide ganz schwitzig waren. Geküsst hatten sie sich erst, als sie gemeinsam nach Hause gingen. Es war noch ganz mild draußen gewesen und sie hatten sich entschieden zu laufen, statt den Bus zu nehmen. Lisa wohnte nur zwei Straßen von Molly entfernt. Den ganzen Heimweg über hatte Molly Lisas Hand nicht loslassen wollen und als sie sich schließlich verabschieden mussten … Molly fühlte Lisas weiche Lippen noch Stunden später auf den ihren. Wie ein Schmetterling, der sich einem auf die Hand setzt und dann weiter fliegt. Ganz leicht und wunderschön. Es war ihr allererster Kuss gewesen. Sie würde sich ewig daran erinnern.
Roxy kniff die Augen zusammen und sah Molly skeptisch an.
„Küssen erst beim dritten Date", beeilte diese sich zu sagen. „Lisa und ich haben uns auch erst …"
Die Tür zur Küche wurde aufgestoßen und Mollys Vater stand darin.
„Molly?", fragte er. Molly war heilfroh, dass sie rechtzeitig aufgehört hatte zu reden.
Sie hob den Arm wie in der Schule. „Hier bin ich", sagte sie und lächelte ihren Vater an. Hoffentlich sah er ihr nicht an, wovon sie gerade geredet hatte. Hoffentlich hatte er nichts gehört. Er hatte doch nicht etwa gelauscht oder?
„Ich wollte dir nur kurz sagen, dass ich Morgen beruflich nach Argentinien fliege", sagte Percy Weasley in einem sehr gleichgültigen Tonfall, wie Molly fand.
„Aber du wolltest mich doch zum Training bringen", brachte Molly heraus und starrte ihren Vater entsetzt an.
„Ich bleibe nicht lange. Ich bringe dich nächste Woche wieder zum Training. Bis dahin sind wir auch bestimmt wieder Zuhause." Niemand wusste, wie lange die Jagd nach den Todessern dauern würde, aber, wenn ihr Vater von einer Woche sprach, dann meinte er damit mindestens zwei, so viel stand fest. Ihre Mutter konnte sie nicht begleiten. Ihre Schwester war zu jung. Sie musste wohl oder übel eine ihrer Tanten oder einen Onkel fragen, wenn sie Lisa wiedersehen wollte.
Percy lächelte ihr zu, als hätte er nicht gerade ihre Welt zerstört und schloss die Tür hinter sich und den Träumen seiner Tochter.
Und Dudley?
Er fluchte laut. Zum Glück war Rosemary nicht in der Nähe, um sich darüber aufzuregen. Sie hatte Hermines Vorschlag angenommen und hatte sich in die Bibliothek verzogen. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie bei ihm geblieben wäre. Gerne hätte er sich mit Rosemary und Thomas hier in diesem Zimmer verkrochen und gewartet, bis alles vorbei war. Thomas hatte er gleich zu Anfang an Harrys Kinder verloren, dann Rosemary an ihre geliebten Bücher und er blieb allein zurück. Allein in diesem Haus voller Zauberer. Und jetzt machte auch noch sein verdammter Laptop schlapp. Wie konnte es sein, dass es in diesem Raum keine einzige Steckdose gab?
Dunkel erinnerte Dudley sich an die Zeit, in der er sich mit seinen Eltern und Hestia und Dädalus verstecken musste. In den einsamen Hütten, in denen sie gehaust hatten, hatte es auch nie Strom gegeben und die beiden hatten das gar nicht komisch gefunden. Aber Harry? Er war doch mit Dudley zusammen aufgewachsen. Nutzte er etwa keinen elektrischen Rasierer?
Dudley unterdrückte einen weiteren Fluch und machte sich samt Laptop und Netzteil auf die Suche nach einer Steckdose außerhalb des Zimmers. Vielleicht fand er ja Hermine. Sie könnte ihm sicher helfen oder Harry war endlich von der Arbeit zurück. Er lief hinunter in den großen Raum mit den vielen Tischen und Stühlen, durch den sie bei ihrer Ankunft schon gegangen waren.
„Dudley, richtig?", fragte sofort eine weibliche Stimme mit leichtem Akzent. Irritiert sah Dudley sich um und entdeckte das zauberhafteste Wesen, das ihm je vor die Augen getreten war, an einem der Tische. „Setz dich doch zu uns", sagte der Engel mit einem leichten Lächeln und zog ihm einen Stuhl zurecht. Der Mann neben ihr musterte Dudley abschätzig und ihm wurde bewusst, dass er mit offenem Mund und großen Augen eine Frau anstarrte, mit der er nicht verheiratet war. Schnell riss er sich wieder zusammen und ging eilig zum dargebotenen Platz, zog den Stuhl jedoch einige Zentimeter von der Schönheit weg, bevor er sich setzte.
„Fleur", stellte sie sich vor und Dudley ordnete sie dem Namen nach als Französin ein – auch, wenn ihr Akzent wirklich kaum zu hören war. „Das ist mein Mann Bill." Bill war ein echter Muskelprotz und den Haaren nach zu urteilen, einer der vielen Brüder von Ginny und Ron. Dudley glaubte, ihm schon einmal auf einem Geburtstag oder Harry's Hochzeit vorgestellt worden zu sein, doch an Fleur hätte er sich genau erinnert, wenn sie ihm je begegnet wäre.
„Hugo und Lily kennst du glaube ich schon oder?", fragte Fleur und deutete auf die beiden jüngeren Kinder, die Dudley bisher gar nicht bemerkt hatte. Die beiden spielten ein Kartenspiel und gerade als Dudley zu ihnen herübersah, stoben bunte Funken aus dem Stapel in der Mitte. Schnell wandte er sich wieder ab. „Und das ist unser Sohn Louis." Louis blickte kurz von dem Buch auf, in das er vertieft war. Er nickte Dudley zu und dieser nickte zurück. Dann senkte Louis den Blick wieder und blätterte um.
„Hi", murmelte Dudley. Hugo war bestimmt das jüngere von Hermines Kindern. Er konnte sich nur an ihre Tochter erinnern. Als er ihre Kinder zuletzt gesehen hatte, war Hugo noch sehr klein gewesen, aber der ungewöhnliche Name kam ihm bekannt vor.
„Wisst ihr zufällig, wo man hier eine Steckdose findet?", fragte er niemand bestimmten. Bill und Fleur starrten ihn verständnislos an und Louis … nun, der war wohl vollends in seinem Buch versunken.
„Wofür brauchst du denn eine?", fragte Hugo ihn. Der Junge konnte nicht älter als 10 sein. Wahrscheinlich war er sogar noch jünger. Dudley erinnerte sich daran, dass diese Menschen keine Ahnung, aber auch so gar keine Ahnung von Elektrizität hatten. Das hatte er ganz vergessen. Harry verstand nur wovon Dudley redete, weil er nun mal bei ihnen aufgewachsen war, aber der Rest dieser Leute… Zauberer, verbesserte sich Dudley in Gedanken selbst. Es waren Hexen und Zauberer und nicht ‚diese Leute'.
„Ach, tut mir leid. Ihr wisst ja gar nicht wovon ich rede. Ich meine diese Löcher in der Wand für Elektrizität."
Hugo lachte.
„Meine Großeltern sind Muggle", sagte er. „Ich weiß was eine Steckdose ist. Aber hier im Haus sind keine. Dad und ich wollen nach dem Abendessen noch zu meinen Großeltern und nach dem Rechten sehen. Die beiden sind im Urlaub. Wenn du dein Handy laden möchtest, bringe ich es über Nacht rüber."
„Meinen Laptop", korrigierte Dudley. „Aber Handy wäre auch nicht schlecht", fügte er nach näherem Überlegen hinzu.
Hugo legte eine Karte auf den Haufen zwischen den beiden Kindern und … mit einem Knall explodierte der Kartenhaufen. Dudley starrte ihn entgeistert an.
„Du solltest beides hier im Haus nicht benutzen", erklärte Lily.
„Meinst du die Verbrecher können mich orten?" Dudley versuchte seinen Blick von den Karten loszureißen.
Hugo schnaubte. „Wohl kaum."
„Magie verträgt sich nicht gut mit Elektrizität und dieses Haus ist voll von alter Magie."
„Lily hat Recht", bestätigte Fleur.
„Aber ich habe meinen Laptop vorhin schon benutzt."
„Dann sei froh, dass er nicht explodiert oder geschmolzen ist", sagte eine Dudley unbekannte Frau, während sie die auf sie zukam. „Ich habe schon zwei Handys und einen elektrischen Autoschlüssel an dieses Haus verloren."
Sie lächelte Dudley zu.
„Audrey", sagte sie. „Ich glaube, wir kennen uns noch nicht."
„Dudley."
„Du bist Harrys Cousin oder?"
„Ja, ich kann nicht zaubern."
„Ich auch nicht", sagte Audrey lachend.
„Durch!" Louis knallte das Buch auf den Tisch fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Na endlich", kommentierte sein Vater. „Ich dachte schon, du sitzt das ganze Abendessen über mit der Nase im Buch am Tisch."
„Hat dir das Ende gefallen?", fragte Fleur und warf ihrem Mann einen finsteren Blick zu.
„Mir hat alles an diesem Buch gefallen." Sehnsüchtig sah Louis auf den Einband.
„Es geht nichts über Al's Empfehlungen." Fleur nahm sich das Buch und las den Klappentext. „Audrey, das ist ein Mugglebuch. Wäre das nichts für dich? Oder ist das für Kinder?"
Audrey war kurz zusammengezuckt, als das Wort ‚Mugglebuch' fiel. Dudley hatte es genau bemerkt, weil auch ihn das Wort irritierte. Hatten Zauberer eigene Autoren? Und lasen sie nur die Bücher von Zauberern? Gab es denn da viel Auswahl? Nicht zum ersten Mal fragte sich Dudley wie viele Zauberer es überhaupt gab.
„Ich habe es schon als Kind gelesen." Audreys Lächeln sah etwas gezwungen aus. „Lies du es doch. Es ist wirklich gut."
Fleur schüttelte den Kopf und legte das Buch wieder auf den Tisch.
„Du müsstest dich eh hinten anstellen." Lily schnappte sich das Buch. „Al hat es Roxy versprochen."
„Aber die meisten Zauberer haben doch keine Ahnung von Muggle-Sachen", stellte Dudley fest. „Wie könnt ihr dann Muggle-Bücher lesen?"
„Ist Fantasy", sagte Louis, nahm Lily das Buch aus der Hand und drehte es Dudley zu. Es war doch tatsächlich ‚Der Herr der Ringe'. „Das ist für alle gleich abwegig."
„Aber da kommen doch auch Zauberer vor."
„Ja, aber es sind ja ganz andere Zauberer als wir und es spielt in einer anderen Welt. Kennst du das Buch?"
„Ich kenne die Filme."
„Oh, ich auch." Hugo blickte von dem explodierenden Kartenspiel auf und strahlte Dudley an. „Absolut großartig oder? Ich liebe diese Filme!"
Lily verdrehte die Augen und ließ ihre Karten fallen. „Jetzt hört er nicht mehr auf von Filmen zu reden", stöhnte sie. „Kommst du noch mit aufs Quidditchfeld, Louis?"
„In einer halben Stunde essen wir", rief Fleur ihnen hinterher, als die beiden verschwanden.
„Habt ihr ‚Die Verurteilten' gesehen?", fragte Hugo Audrey und Dudley und als beide nickten war der junge Weasley nicht mehr zu bremsen. „Ein Meisterwerk oder? Ein absolutes Meisterwerk!"
„Sag mal, bist du nicht etwas zu jung für solche Filme?", fragte Audrey skeptisch.
„Grandpa schaut sie mit mir", erklärte Hugo. „Manchmal hält er mir die Augen zu, aber eigentlich darf ich sehen, was ich will."
Bill und Fleur hatten sich längst aus der Unterhaltung verabschiedet und gingen nun Richtung Küche.
Na gut. Dudley war zwar kein Experte, aber er hatte durchaus eine Menge Zeit vor der Leinwand verbracht. „Was hältst du von … Pulp Fiction?"
Das Abendessen
Bill war das Älteste von sieben Geschwisterkindern. Er kannte seine Rolle in der Familie: Beobachten und schlichten. Als Kind hatte er gelernt, seine Bedürfnisse zurück zu stellen, um seinen Eltern zu helfen. Er hatte mit den Kleineren gespielt, im Haushalt geholfen und vor allem versucht, auf alle zu achten. Auf seine Geschwister wie auf seine Eltern. Er breitete einen großen Schirm über ihnen allen aus und sorgte dafür, dass kein Regentropfen sie traf. Seine Familie war in den letzten Jahren um ein Vielfaches gewachsen, neue Kinder und Erwachsene hatten sich unter Bills Schirm gestellt und er passte auf sie auf.
Harry war derjenige, zu dem sie gingen, wenn sie einen Rat brauchten, Molly gab ihnen Küsse und Umarmungen und Bill … Bill achtete darauf, dass alle sich verstanden; dass es keinen Streit unter ihnen gab. Niemand hatte ihm diese Aufgabe zugewiesen, aber als Ältester hatte er sie für sich angenommen und fühlte sich wohl mit ihr.
Er wusste, dass er dieser Aufgabe bei diesem Essen nicht gewachsen sein würde. Und das war okay. Er würde sein Möglichstes tun. Mehr konnte er nicht von sich erwarten. Bill hatte seine Familie den ganzen Tag lang beobachtet und wartete nun beim Abendessen darauf, dass alles eskalierte. Es fühlte sich an, als beobachte er einen Heuler, der vor sich hin kokelte und kurz davor war zu explodieren. Nein, er beobachtete drei, vier, fünf Heuler. Er wartete nur darauf, welcher zuerst explodierte.
Jeder von ihnen war wütend auf John wegen der Aurorengeschichte, aber Bill schätzte, dass entweder Kingsley oder James sich zuerst auf den Jungen stürzen würden. Bill war sich nicht sicher, ob er in diesen Konflikt überhaupt eingreifen wollte.
Die Mollys, Lucy und Audrey waren wütend auf Percy, weil der wieder einmal beruflich verreiste. Natürlich würden weder Percys Frau noch seine Kinder ihm etwas sagen. Auch Bill ahnte nur, dass sie mit der Situation nicht einverstanden waren. Hier hoffte er darauf, dass seine Mutter eingriff und Percy die Leviten las.
Dann war da noch seine älteste Tochter. Victoire war wütend auf ihn und Fleur, weil sie entschieden hatten, sie noch eine Zeit lang über den Krieg im Dunkeln zu lassen. Im Moment hatten Harry und Hermine aber auch einfach Besseres zu tun und Bill wollte nicht derjenige sein, der seiner Tochter die Wahrheit erzählte. Wirklich nicht.
Fred hatte sich in Tina verliebt.
Hermine fühlte sich für den ganzen Mist hier verantwortlich.
Harry war abwesend.
Ginny kam mit der Anwesenheit der Auroren nicht zurecht.
George schlecht mit dem eingesperrt sein.
Und zu allem Überfluss hatten Harrys Muggle-Verwandten beschlossen herzukommen.
Oh ja, Bill entging nicht viel in dieser Familie. Auch, wenn den meisten Mitgliedern nicht bewusst war, wie viel er mitbekam.
Nun saßen sie alle gemeinsam an einem großen Tisch. Bill war froh, dass zumindest nur Kingsley und John an diesem Sonntag zum Essen vorbei gekommen waren. Es gab schon genug Bomben an diesem Tisch, die nur darauf warteten zu explodieren.
Bill bemerkte, wie sorgfältig einige der Hausbewohner darauf achteten, wohin sie sich setzten. Ihm fiel vor allem James auf, der sich neben seine Mutter setzte und den größtmöglichen Abstand zwischen sich und Fred und John brachte. Er fragte sich, ob James sich für den Platz neben Ginny entschieden hatte, damit dieser nicht leer blieb und sie alle allzu sehr daran erinnerte, dass Harry fehlte. Ja, auch James war ein ältestes Kind. Auch er kannte seine Aufgaben.
Ein Räuspern ließ Bill aus seinen Gedanken schrecken und machte ihm zeitgleich klar, dass er falsch gelegen hatte. Nicht James war das älteste Kind von Harry. Nicht er war derjenige, der die gleichen schlichtenden und wachenden Aufgaben wie Bill übernahm.
„Bevor ihr anfangt zu Essen, möchte ich noch etwas loswerden." Teddy hatte sich erhoben und räusperte sich erneut. „Ich weiß, dass diese ganze Situation nicht einfach ist. Sie ist für niemanden einfach und wir hoffen alle, dass sie so schnell wie möglich vorbei sein wird und wieder Normalität einkehrt." Der Auror, der mit Teddy und Tina Jordan zusammen den Kamin gesprengt hatte, erschien in der Tür. Er schien hier zu sein, um Teddys Rede zu lauschen.
„Aber solange wir hier alle gemeinsam festsitzen, ist es wichtig, dass wir uns alle an die Regeln halten. Harry hat diese Rede schon letzte Woche an uns alle gerichtet, aber nach den heutigen Vorfällen bleibt mir nichts Anderes übrig, als euch noch mal daran zu erinnern, wie ernst diese Situation ist. Die Auroren, die versuchen diese Familie zu schützen, tun ihr Bestes. Auch sie wären jetzt vermutlich lieber woanders. Auch für sie ist das keine einfache Situation. Und ich möchte eines ganz deutlich sagen: Es ist absolut unentschuldbar, dass diese Auroren angelogen, dass ihnen Streiche gespielt werden, die dazu führen, dass sie ihren Job nicht ordentlich machen können und es kann erst recht nicht sein, dass diese Auroren durch diese Streiche in Gefahr gebracht werden. Solange Harry nicht da ist, bin ich derjenige, der hier die Entscheidungen trifft. Und ich weiß, dass das für uns alle nicht die beste Ausgangslage ist. Viele von euch haben deutlich mehr Erfahrung mit Todessern, sind stärkere Hexen und Zauberer und würden mich im Duell vermutlich locker in die Tasche stecken, aber ihr habt alle eure Berufe in anderen Bereichen gewählt, ihr plant alle diesen weiterhin nachzugehen. Meine Aufgabe, mein Job, ist es dafür zu sorgen, dass das möglich ist und alle Mitglieder dieser Familie dabei weiterhin in Sicherheit sind. Kann ich dabei auf eure Unterstützung zählen?"
Zunächst kam auf Teddys Frage keine Antwort. Bill sah viele offene Münder und große Augen, die dem Auror entgegenstarrten. Er entschied sich die Initiative zu ergreifen und rief: „Aye, aye, Captain!". Viele Stimmen folgten ihm. Teddy nickte in die Runde und machte sich mit dem anderen Auroren wieder aus dem Staub.
Bill blickte während des Abendessens immer mal wieder zu John, der jedoch stumm in seinen Bohnen herumstach. Auch Victoire und Molly Senior blieben stumm. Niemand schien Interesse daran zu haben, die Situation eskalieren zu lassen und Teddy zu verärgern. Bill war überrascht. Der Junge hatte ganze Arbeit geleistet.
Söhne
Ginny war im Moment nicht gerade in der Form ihres Lebens. Der Artikel, den sie vor dem Abendessen über das Quidditchspiel geschrieben hatte, war so schlecht gewesen, dass ihre Feder sich geweigert hatte, einige Formulierungen so zu übernehmen. Sie musste ihn morgen früh noch einmal umschreiben. Die Sache mit dem Hausarrest und den Auroren war schlimm genug, aber das Gespräch mit Neville hatte ihr den Rest gegeben. Sie war so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen, dass sie keinen Gedanken an die wirklich Betroffenen verschwendet hatte. Sie war fünf Jahre lang mit Colin Creevey zur Schule gegangen. Er war ein enger Freund gewesen. Die Vorstellung, dass niemand für seinen Tod würde bezahlen müssen, da es keine Zeugen für die Morde außerhalb des Schlosses gab, war schrecklich. Wie viel schlimmer musste sie erst für seinen eigenen Bruder sein.
Ginny hatte gehofft, dass Luna zum Abendessen vorbeikam. Sie beschloss ihr gleich nach dem Essen eine Nachricht zu schicken. Wenn Luna am Dienstag zu Dennis ging, wollte Ginny dabei sein. Statt mit ihrer besten Freundin saß sie nun mit Ron, Hermine, Lily und Hugo an einem Tisch. Der Platz neben ihr war frei.
Das schlechte Gewissen nahm vollends von Ginny Besitz, als James sich neben sie setzte. Der Junge sah schlimm aus. Traurig, wütend … James starrte auf seinen Teller. Ginny war heute den ganzen Tag außer Haus gewesen und hatte sich dann zum Arbeiten zurückgezogen. Gerade wollte sie James fragen, was los war, als Teddy das Wort ergriff. Die meisten schienen genau zu wissen, was passiert war. Ginny gehörte nicht dazu.
„John hat so getan, als wäre ein Todesser im Flohnetzwerk", flüsterte Ron ihr zu. „Aber es war ein Auror." Irritiert starrte sie ihn an. Sie beschloss Nachfragen zu stellen, wenn Teddy fertig war. Sie wollte seine Rede nicht verpassen. Sie vergaß immer wieder, dass ihr kleiner Teddy inzwischen ein erwachsener Mann war. Stolz sah sie, wie sie alle an seinen Lippen hingen. Sie wünschte Harry könnte ihn jetzt sehen. Aber wenn Harry hier wäre, würde er diese Rede halten und nicht Teddy. Ihr Blick suchte und fand Andromeda am Nachbartisch. Sie tauschten ein kleines Lächeln aus, bevor sie beide wieder zu Teddy sahen. Ginny stimmte natürlich als eine der ersten in den von Bill angestimmten „Aye, aye, Captain"-Chor ein. Als Teddy den Raum wieder verließ, wandte sie sich wieder Ron zu.
Der zuckte mit den Schultern, als er ihren Blick bemerkte. „John ist wohl aus dem Kamin und hat gerufen, dass da jemand hinter ihm her ist. Dann ist er abgehauen. Teddy hat uns dazu geholt und wir haben den Kamin aufgesprengt."
Ein großer Suppentopf schwebte an ihrem Tisch entlang und füllte die Schüsseln eigenständig.
„Ihr hättet ihn umbringen können", sagte James von Ginnys anderer Seite. Er sah jetzt richtig wütend aus.
„Er hat nur einen Schockzauber abbekommen", erwiderte Ron. „Weißt du, wie viele Schockzauber ich in meinem Leben …"
„Ja, hätten wir", unterbrach Hermine ihren Mann. Sie saß an Rons anderer Seite. „Aber wir haben den Auroren das Feld überlassen und die drei haben sehr klug gehandelt. Allen voran Teddy. Es war trotzdem gefährlich."
„Wer hat ihn geschockt?", fragte Ginny auch, wenn sie Angst vor der Antwort hatte. Wenn Teddy diesen Mann geschockt hatte und irgendwelche bleibenden Schäden zurückblieben, konnte ihn das viel kosten. Sie hatte noch nichts von ihrer Suppe gegessen, während Ron den Suppentopf schon für einen Nachschlag herbeiwinkte.
„Kings", sagte Ron. Erleichtert atmete Ginny auf.
„Was ist denn in John gefahren? Hast du schon mit ihm darüber gesprochen?", fragte Ginny ihren Sohn.
„Ich glaube, ich rede nie wieder mit John", fauchte dieser und seine Stimme schnitt Ginny das Herz in kleine Scheiben, auch, wenn sein Ton nicht für sie bestimmt war. Er hörte sich genauso an wie Harry, wenn er über Peter Pettigrew sprach. Ginny war froh, dass Lily und Hugo dem Gespräch nicht folgten und stattdessen eine Runde Zauberschnippschnapp spielten.
„Jamie!" Albus, der bis gerade noch an einem anderen Tisch gesessen hatte, tauchte jetzt mit seinem Stuhl auf und quetschte sich zwischen James und Lily, die widerwillig Platz machten. „Ich hab' es von Roxy gehört. Die beiden spinnen doch. Louis, Lily, Hugo und ich wollen Morgen eh auf den Dachboden, um ein paar Runden zu spielen. Wenn du möchtest, lassen wir Fred und John nicht rein. Wir können Teddy fragen, ob er ein Passwort anbringt."
„Ist schon okay, Al", erwiderte James und schenkte seinem Bruder ein dünnes Lächeln. „Ich weiß nicht, was genau, Roxy dir gesagt hat, aber sag es nicht weiter, ja? Ich will nur erstmal nicht mit Fred reden."
„Roxy ist richtig sauer auf Fred", sagte Albus. Er setzte an, um noch etwas zu sagen und dann bemerkte er, dass Ginny die beiden beobachtete. Er warf ihr ein unsicheres kleines Lächeln zu. Dann stand er auf und hob seinen Stuhl hoch. Er ging ein paar Schritte, dann schien er es sich anders zu überlegen und kam nochmal zurück zu James.
Er sagte etwas zu James, aber er sprach so leise, dass Ginny ihn nicht verstehen konnte. James nickte und als er den Kopf wandte, glaubte Ginny Tränen in seinen Augen glitzern zu sehen.
„Hast du Lust Morgen mit mir zum Tagespropheten zu flohen?", fragte Ginny James, als Albus wieder verschwunden war. „Ich wollte nach dem Frühstück los und erst abends wieder zurück." Skeptisch sah James sie an. Von den Tränen war nichts mehr zu sehen. Vielleicht hatte Ginny sie sich auch nur eingebildet. Normalerweise verbrachte Ginny nicht viel Zeit beim Propheten. Sie sah sich die Spiele an, schrieb ihre Artikel im Homeoffice und nahm montags am Meeting für die kommende Woche teil.
„Ich muss meinen Artikel zum Spiel nochmal überarbeiten und könnte deine Hilfe gebrauchen", erklärte sie wahrheitsgemäß. „Du kannst gerne mit ins Meeting, wenn du möchtest, und danach machen wir irgendwas, worauf du Lust hast."
James schien deutlich überzeugter, aber irgendetwas schien ihn noch zu beschäftigen. Ginny brauchte nicht lange, um herauszufinden, was es war.
„Ich verspreche dir, ich frage dich nicht aus. Ich muss nichts darüber wissen, was mit dir und Fred oder mit dir und John oder mit Fred und John war. Ich muss nur für einen Tag aus diesem Haus und denke, dir geht es da ganz ähnlich." James grinste und nickte.
„Deal", sagte er und Ginny lächelte. „Deal!", bestätigte sie. Dann heizte sie ihre Suppe mit einem Spruch wieder auf und beeilte sich sie zu essen, bevor der nächste Gang kam.
Ein magischer Traum
Sein Kopf summte so laut vor sich hin, dass Thomas sich sicher war, dass die anderen im Zimmer ihn deutlich hören mussten. Doch Rose, Lily, Hugo und Albus schliefen tief und fest. Thomas wusste nicht, wie spät es war. Er hatte keine Uhr und sein Handy hatte bereits den Geist aufgegeben. Der Akku war leer und Steckdosen gab es hier keine. Es war sicherlich schon einige Stunden her, dass sie alle ins Bett gegangen waren. Lily, Hugo und Albus waren sofort eingeschlafen. Rose hatte noch eine Weile gelesen. Und Thomas? Thomas' Kopf summte und er konnte nicht aufhören zu grinsen. Er konnte noch immer nicht fassen, dass das alles wirklich geschah. Er hatte immer gewusst, dass Onkel Harry, Tante Ginny und ihre Kinder magisch waren, aber bis heute hatte er nicht wirklich verstanden, was das hieß.
Thomas wusste, dass sein Vater kein Freund der Magie war – vielleicht sogar Angst davor hatte – aber Thomas … Thomas liebte sie. Er liebte die Bilder, die sich bewegten; die Porträts, die sogar mit ihm sprachen … er liebte die Tapete in diesem Zimmer, die die Farbe und das Muster änderte, wenn man sie berührte und, dass die Betten sich von selbst übereinanderstapelten, wenn man sich hineinlegte. Thomas liebte das Zauberschnippschnapp-Spiel, dass Lily und Hugo ihm gezeigt hatten, bei dem bunte Funken in die Luft stoben und die Karten explodierten, wenn man verlor. Und er liebte Schokofrösche, Bertie Botts Bohnen und die Süßigkeiten mit besonderen Funktionen aus dem Laden von Albus Onkeln.
Er liebte alles an Magie! Und er war nicht mal neidisch, dass Albus zaubern konnte und er nicht. Er wollte die Magie einfach nur sehen, fühlen, schmecken. Nun… vielleicht wäre es doch cool, selbst einen Zauberstab zu haben … und nach Hogwarts zu fahren – der Zauberschule von der Albus so viel erzählte, auch, wenn er erst nach dem Sommer dort sein würde. Na gut… vielleicht war Thomas ein bisschen neidisch. Ein ganz kleines bisschen.
Ein Geräusch schrecke Thomas aus seinen Gedanken. Ein Knarren. Erst dachte er, Albus unter ihm hätte sich bewegt – oder Lily ganz unten, doch dann bemerkte er einen Lichtspalt der langsam breiter wurde. Jemand öffnete die Tür. Thomas beobachtete gespannt die Tür. Er rechnete fest damit, dass Tante Ginny oder seine eigene Mutter hereinkam, um zu sehen, ob sie auch alle schliefen. Seine Mutter tat das Zuhause ständig. Thomas war schon ein paar Mal davon aufgewacht, dass sie seine Zimmertür öffnete oder sein Nachtlicht ausmachte. Aber die Gestalt, die sich durch die Tür schob, war nicht seine Mutter. Es war auch nicht Tante Ginny. Thomas konnte im Dunkeln nicht sehr viel erkennen, aber die Frau, die hereintrat, hielt einen leuchtenden Zauberstab in der Hand, der ihr Gesicht erhellte. Sie war jünger als seine Mutter und ihre Haut war dunkel. Mehr konnte er durch den schwachen Schimmer beim besten Willen nicht erkennen. Wahrscheinlich war sie eine Tante oder Cousine von Albus. Er hatte sich unmöglich beim Essen alle Gesichter merken können.
Die Frau trat zu ihnen ans Bett und hielt ihren Zauberstab über Albus.
„Was machen Sie da?", fragte Thomas neugierig. Erschrocken starrte sie ihn an und deutete mit dem Zauberstab auf ihn. Sie hatte ihre Haare zu einem strengen Zopf geflochten und ihre Augen waren Haselnussbraun. Er glaubte nicht, dass sie mit beim Abendessen gewesen war.
„Ich wollte nur sichergehen, dass ihr alle im Bett seid", sagte die Frau lächelnd und zwinkerte ihm zu. Sie bewegte ihren Zauberstab in einer Art unförmigen Kreis und formte mit ihren Lippen ein O. Plötzlich stöhnte Albus unter ihm und das Bett knarzte.
„Al!", murrte Lily von ganz unten. Sie klang noch nicht ganz wach.
„Dann lasse ich euch mal schlafen", flüsterte die Frau Thomas zu und verschwand in der Dunkelheit.
„Lily?", flüsterte Thomas, aber er bekam keine Antwort. Lily war wieder eingeschlafen. Thomas würde sie einfach am nächsten Morgen nach der Frau fragen. Es musste schon weit nach Mitternacht sein. Endlich setzte auch bei ihm die Müdigkeit ein und binnen weniger Sekunden war er tief und fest eingeschlafen. Und die Frau – da war er sich am nächsten Morgen sicher – hatte er bestimmt nur geträumt.
Bella
„Guten Morgen Molly." Andromeda setzte sich neben die Frau, die in den letzten Jahren zu einer ihrer engsten Freundinnen geworden war. Der Salon hatte sich zu einer Art Treffpunkt für die zeitweisen Bewohner des Hauses entwickelt. Hier wurde gegessen, geredet und gespielt. Letzteres traf natürlich hauptsächlich auf die jüngeren Kinder zu. Lily und Hugo liefen jetzt gerade zwischen den Tischen hindurch und spielten fangen.
Andromeda frühstückte nicht gerne, aber sie hatte sich und Molly aus der Küche einen heißen Kakao mitgebracht.
„Morgen Andy", antwortete Molly und schenkte ihr ein nicht ganz sorgenfreies Lächeln. „Danke", fügte sie hinzu, als Andromeda ihr den Kakao vor die Nase stellte. Molly ließ sich seufzend in die weichen Kissen des Sofas fallen, nachdem sie den ersten Schluck genommen hatte. Offenbar machte ihr irgendetwas zu schaffen. Andromeda wusste nur nicht, was es war.
„Langsam kriegen sie alle einen Lagerkoller nicht wahr?", versuchte Andromeda es mit Humor. Sie deutete auf Lily und Hugo.
„Nicht nur sie", erwiderte Molly und fuhr sich mit der linken Hand über die Stirn.
„Wollen wir draußen eine Runde laufen?" Das machten sie häufig zusammen. Das hatte vor vielen Jahren angefangen mit Victoire im Kinderwagen und Teddy, der nebenherlief und in große Laubhaufen hüpfte.
„Ich darf das Haus nicht ohne einen Auror verlassen", erklärte Molly. Sie verzog das Gesicht. Andromeda hatte den Eindruck, dass Molly ihr das eigentlich nicht hatte sagen wollen.
„Warum?", fragte sie, auch, wenn sie wusste, dass Molly ihr die Antwort eigentlich nicht geben wollte.
„Harry glaubt, ich könnte eines der Hauptziele der Todesser sein", erklärte Molly und sah Andromeda dann fest in die Augen. „Wegen der Schlacht", fügte sie hinzu und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf.
Keiner von ihnen sprach aus, was damit gemeint war. Sie waren seit Jahren enge Freundinnen – Familie eigentlich – aber über das, was sie noch verband, hatten sie nie gesprochen.
„Triffst du dich eigentlich noch mit Narzissa?", wechselte Molly das Thema von der einen Schwester zur anderen. Andromeda war ihr dankbar dafür. Sie dachte nicht gerne über … über diese Schwester nach und in den letzten Tagen hatte es nur allzu viele Anlässe dazu gegeben. Sogar Harry hatte mit ihr über ihren Schwager und seinen Bruder gesprochen. Allzu viele Informationen hatte sie ihm aber nicht geben können. Als ihre Schwester heiratete, war sie längst nicht mehr Teil der Familie Black.
„In letzter Zeit nicht mehr so oft." Andromeda nahm einen Schluck von ihrem Kakao. „Wir haben uns nicht viel zu sagen. Ich bin auch eigentlich nur zu ihr, damit Teddy seine Verwandten kennen lernt. Der Altersunterschied zu Scorpius ist aber leider sehr groß."
„Der kommt, glaube ich, mit Albus und Rose in diesem Jahr nach Hogwarts."
„Ja, das kann sein." Sie schwiegen. Es war ein unangenehmes Schweigen, wie ein Druck, der auf Andromedas Brust lastete und langsam immer stärker wurde. Sie überlegte fieberhaft, was sie sagen konnte, aber das Thema, was zwischen ihnen stand und den Druck verursachte, konnte sie nicht umschiffen.
Sie fühlte sich an die Zeit nach dem Krieg zurückerinnert, als viele Menschen, die in der Schlacht von Hogwarts gekämpft hatten oder sonst wo auf Bellatrix gestoßen waren, sie mit ihrer Schwester verwechselten und in Panik ausbrachen oder sie angriffen. Damals war Bellatrix genauso allgegenwärtig gewesen wie jetzt. Selbst mit den Weasleys war es am Anfang nicht leicht gewesen. Andromeda hatte nie herausgefunden, was genau ihre Schwester Hermine angetan hatte, aber das Trauma, was sie über Monate durchlitt sprach Bände. Harry und Ron mussten in den ersten Wochen an Hermines rechter und linker Seite sitzen, damit sie es schaffte mit Andromeda in einem Raum zu sein. Sie hatte natürlich angeboten, erst einmal nicht mit Teddy in den Fuchsbau zu kommen oder ihn Harry vor der Tür zu übergeben, aber Hermine hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, als sie davon hörte und strengte sich mehr an denn je, Andromeda klar von ihrer Schwester zu trennen.
„Vermisst du sie manchmal?", fragte Molly plötzlich in das Schweigen hinein. Es hatte keinen Sinn so zu tun, als wüsste Andromeda nicht, von wem Molly sprach. Sie dachte über die Frage nach. Bellatrix in den Jahren vor ihrem Tod war ein schrecklicher Mensch gewesen. Eine Mörderin, eine Muggle-Hasserin, der es Spaß machte, anderen Leid zuzufügen. Diesen Menschen vermisste wohl niemand. Vermutlich nicht einmal Rodolphus Lestrange mit dem sie ihre lieb- und kinderlose, aber hauptsächlich reinblütige Ehe führte.
Es gab jedoch Momente – wenn sie mit Narzissa sprach oder an ihrem alten Elternhaus vorbeiging oder auch hier, im Haus ihrer Tante – in denen sie ihre Kindheit vermisste. Dann vermisste sie ihre Schwestern Bella und Zisi, so wie sie früher gewesen waren. Als Kinder hatten sie sich immer vorgestellt, wie es wäre, auch auf den großen Festen, die die Erwachsenen veranstalteten, zu feiern und von einem Jungen zum Tanz aufgefordert zu werden. Manchmal schlichen sie sich sogar zusammen in das Schlafzimmer ihrer Eltern und probierten die hübschen Ballkleider ihrer Mutter an, die natürlich allen viel zu groß waren. Wie Prinzessinnen kamen sie sich damals vor. Sie waren Blacks – ihnen sollte die Welt gehören und die Menschen vor ihnen knien. Andromeda brauchte einige Jahre, um zu realisieren, dass das nicht ihr Traum war und auch nicht gerecht. Mit ihrer Erkenntnis verschlechterte sich ihr Verhältnis zu ihren Schwestern zusehends und sie verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihrem Cousin Sirius.
„Ich vermisse manchmal das Mädchen, das sie einmal war", antwortete sie schließlich ehrlich auf Mollys Frage.
„Ich habe mich nie dafür entschuldigt, dass ich deine Schwester getötet habe." Auf Mollys Wangen liefen Tränen herab, als sie die Worte aussprach, doch Andromeda wischte sie schnell fort. Sie schenkte Molly ein trauriges Lächeln und erwiderte: „Und ich habe mich nie dafür bedankt, dass du die Mörderin meiner Tochter aus dem Weg geschafft hast."
Alles unter Kontrolle
„Komm mit." Dominique musste die Worte nur im Vorbeigehen flüstern und der junge Auror folgte ihrem Befehl. Es war eigentlich schon zu einfach. Ein paar Wimpernschläge hier, ein kleines Lächeln da und schon taten sie alles, was sie von ihnen wollte. Veela-Gene. Und für die konnte sie nun wirklich nichts.
Dominique wusste, dass viele dachten, es ginge ihr um Aufmerksamkeit, aber das stimmte nicht. Sie mochte die lüsternen Blicke nicht besonders und auch nicht die Geschenke. Die waren ihr schon zu viel. Viel zu viel. Sie mochte die Einfachheit. Niemand war zu etwas verpflichtet. Man würde sich – wenn es nach ihr ging – sowieso nie wiedersehen. Keine leeren Versprechungen und keine Gefühle. Einfach ein paar Wimpernschläge, ein Lächeln, dann ein Kuss, dann Sex … und dann … dann nichts mehr. Tschüss. Auf Nimmerwiedersehen.
Sie wollte niemanden verletzen. Sagte sehr offen, was sie wollte, und, was sie nicht wollte. Die Jungen verstanden. Beschwert hatte sich noch keiner. Und Dominique musste sich auf keinen von ihnen einlassen – und sie verlor nie die Kontrolle.
Es war leichter mit den Auroren. Die Hogwartsschüler sah sie ja doch immer wieder auf den Fluren oder in der Großen Halle. Die Auroren waren am nächsten Tag woanders eingeteilt. Außerdem hatten sie selbst großes Interesse daran, dass ihr kleines Abenteuer nicht an die Öffentlichkeit kam. Dominique wusste, wie sehr sie sich alle davor fürchteten, dass ihr Onkel Harry davon erfuhr. Einige der Hogwartsschüler waren nicht ganz so diskret und so genoss Dominique inzwischen einen gewissen Ruf. Das war zwar unangenehm, wäre aber nicht weiter tragisch, wenn nicht auch ihre Familie davon erfahren hätte.
Drei Mal schon hatte Victoire sie auf ihre „Männerbekanntschaften", wie ihre große Schwester es nannte, angesprochen. Victoire hatte sie gefragt, ob sie Hilfe bräuchte, ob sie traurig wäre, ob sie ihr jemanden vorstellen dürfe, der sie besser behandeln würde. Sie verstand nichts. Dominique wollte keine Beziehung und sie war sehr zufrieden mit sich und ihrer Art zu leben. Sie wusste, dass auch ihre Mutter Bescheid wusste. Aber Fleur kannte sie anscheinend gut genug, um sie nicht darauf anzusprechen. Und ihr Vater …
„Wohin gehen wir?" Der Auror war nicht ganz so jung wie der letzte. Dieser hatte seine Ausbildung bestimmt schon beendet und war mindestens fünf Jahre älter als Dominique. Seinen Namen hatte sie wieder vergessen.
„'Rauf", lautete ihre schlichte Antwort.
„Und dann?"
„Wirst du dann sehen."
Vielleicht war der Auror doch keine sonderlich gute Wahl.
„Ist dein Vater Zuhause?"
Er stellte zu viele Fragen.
„Halt die Klappe!", fauchte Dominique. Aber das half nicht lang.
„Weißt du, ob Potter schon wieder da ist? Ich will echt nicht, dass er mich hier sieht."
Dominique verdrehte die Augen und erhöhte ihr Tempo. Ganz oben, hinter dem Quidditchfeld, in der Besenhütte brachte sie ihn endlich zum Schweigen.
Onkel Fred
„Victoire!" Victoires Onkel George hatte ihren Onkel Ron gerade im Laden abgelöst. Ihr selbst blieb nur noch eine halbe Stunde hinter der Kasse. Dann würde auch sie Feierabend machen. „Kann ich kurz mit dir reden?" Es waren gerade keine Kunden da und George wartete ihre Antwort nicht ab, winkte seinem Angestellten Will kurz zu, damit er die Kasse übernahm und schob Victoire nach hinten.
„Ich will kurz mit dir über etwas reden, was du gestern Angelina erzählt hast." George fuhr mit der Hand immer wieder über die Stelle an seinem Kopf, an der sein Ohr hätte sein sollen. War er etwa nervös?
„Roxanne hat mich verpetzt oder?" Victoire verschränkte die Arme vor dem Körper, bevor sie sich auf Georges Schreibtisch setzte.
„Quatsch", erwiderte George überrascht. „Roxy verpetzt nie jemanden. Angelina allerdings … nun ja, sie würde solche Sachen normalerweise auch nicht weitersagen, aber sie hatte den Eindruck, dass ich dir eine Erklärung schuldig bin und … nun ja … damit hat sie wohl nicht ganz unrecht."
„Wofür?", fragte Victoire. Sie wusste beim besten Willen nicht, was er meinte. War es etwa seine Idee gewesen, sie so lange im Ungewissen zu lassen?
„Angelina meinte, du wärst unglücklich mit deinem Geburtstag", fing George an.
„So habe ich das nicht gesagt", versuchte Victoire sich zu rechtfertigen, doch George deutete ihr mit einer Handbewegung zu schweigen. So etwas tat George nie. Irgendetwas stimmte hier nicht.
„Bitte, lass mich ausreden." Victoire nickte skeptisch.
„Ich kann nicht leugnen, dass der 2. Mai nicht gerade der einfachste Tag ist für mich. Das ist er für niemanden in dieser Familie und ich ... Fred und ich … wir waren nicht nur Brüder und auch nicht nur Zwillinge. Wir waren … Als ich ihn verloren habe, habe ich ein großes Stück von mir selbst verloren." Victoire sah die Tränen in seinen Augen, auf seinen Wangen und wollte woanders sein. Sie wollte irgendwo sein, nur nicht hier, nicht hier, wo sie ihren Onkel weinen sah. Sie dachte daran, wie es wäre Dominique zu verlieren oder Louis. Sie ertrug schon den Gedanken nicht.
„Ich möchte, dass du das, was ich dir jetzt sage, für dich behältst. Meine Kinder wissen davon nichts", fuhr George fort und Victoire nickte, obwohl sie den Kopf schütteln wollte. Sie wollte nichts mehr hören und vergessen, was bereits gesagt wurde. „Nach der Schlacht … ich wusste nicht, was ich … ich wusste nicht, wie …" George atmete ein paar Mal tief durch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich war nicht bei ihm, als er starb. Wir waren immer zusammen, aber als er starb, war ich nicht da. Und plötzlich … plötzlich war er weg. Ich … ich wusste gar nichts mehr. Ich war nicht mal auf seiner Beerdigung. Die ersten Wochen habe ich bei Charlie verbracht. Er war für die Beerdigung in England und ich bin mit ihm nach Rumänien zurück. Ich dachte, wenn ich neue Menschen und Orte sehe, aber … Fred war immer noch da. Egal, wo ich war, Fred schien immer neben mir zu stehen und am Anfang fand ich das gut, aber mit der Zeit … Fred war ja stumm und unsichtbar und … tot.
Dann verstand ich, dass es an mir lag. Weil ich noch da war, war auch Fred noch da … irgendwie. Aber anders als früher. Ich wollte das nicht mehr. Ich konnte so nicht leben. Ich wollte nicht mehr leben. Der einzige Grund, warum ich mich nicht umbrachte war, dass ich wusste, wie enttäuscht Fred sein würde, wenn ich auf der anderen Seite ankäme … und Remus und Tonks und all die anderen, aber vor allem Fred. Ich entschied mich dazu zu … zu überleben, aber mehr auch nicht. Ich bin wieder hier eingezogen, aber ich habe den Laden nicht wieder eröffnet. Angelina ist mich damals ab und zu besuchen gekommen und auch meine Familie, aber … ich habe meine Wohnung nicht verlassen. Ich habe Freds Grab die ersten zwei Jahre kein einziges Mal besucht. Ich … ich konnte nicht. Und dann …" George stockte, was Victoire dazu brachte vom Boden aufzublicken. Sie musste sich große Mühe geben, um nicht einfach den Raum zu verlassen. Als sie aufblickte, ruhte Georges Blick auf ihr. Er … er lächelte. Seine Augen waren rot, über seine Wangen liefen weiter die Tränen, aber er schenkte ihr ein kleines Lächeln. Victoire starrte ihn mit offenem Mund an.
„Dann kamst du", fuhr George fort und sein Mundwinkel weiteten sich, die Augen leuchteten. „Ich hatte nur am Rande mitbekommen, dass Bill Vater werden würde, so wie ich in den zwei Jahren nach der Schlacht von allem nicht viel mitbekam. Bill brachte dich noch am Tag deiner Geburt zu mir. Der Laden ist ja nicht weit vom St. Mungos entfernt. Du bist um 3:25 morgens geboren und am Nachmittag hat er dich vorbeigebracht und ich …" George hatte aufgehört zu weinen. Er sah sie nur weiter an und die Worte strömten nur so aus seinem Mund. „Es war der 2. Mai und ich hatte das Bett noch nicht verlassen, wollte so viel wie möglich von diesem Tag verschlafen – zwei Jahre ohne Fred. Und dann sah ich dich. Und du warst so klein, so winzig und so glücklich. ‚Wir haben sie Victoire genannt', hat Bill gesagt und dich mir in den Arm gedrückt. Als ich dich festhielt … irgendetwas ist in mir eingerastet. Du warst wie ein Zeichen, ein Symbol. Du warst die Zukunft. Alles, wofür wir gekämpft haben, wofür Fred gekämpft hat. Du würdest nicht mehr kämpfen müssen, niemanden mehr verlieren. Du … deine Existenz hat für mich alles verändert. Harry hat mir mal erzählt, dass er dasselbe empfunden hat, als er Teddy zum ersten Mal sah.
Ich will damit natürlich nicht sagen, dass danach alles gut war. Das ist es heute noch nicht. Fred zu verlieren war … das werde ich nie überwinden. Wusstest du, dass ich bis heute keinen Patronus herbeirufen kann?" Victoire antwortete ihm nicht. Sie starrte wieder zu Boden und versuchte seinen Worten zu folgen. Sie sah Tränen auf den Boden fallen und merkte dann, dass es ihre eigenen waren. „Es dauerte noch Monate, bis ich den Laden mit Ron wieder eröffnete, aber ich fing an meine Wohnung zu verlassen, besuchte dich bei deinen Eltern und die anderen im Fuchsbau. Ich fing an, mich mit Angelina zu treffen. Und ich besuchte Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal Freds Grab. Ich fing endlich wieder an zu leben."
George machte eine Pause. Er schien zu überlegen, wie er das Folgende formulieren sollte, legte sich die Worte zurecht.
„Was ich eigentlich damit sagen möchte ist: Ich bin an Freds Todestag immer noch … zu nicht viel zu gebrauchen, aber es gibt keinen 2. Mai, an dem ich nicht an dich denke. Der Tag deiner Geburt war einer der wichtigsten Tage meines Lebens und ich habe dir so viel zu verdanken, Victoire. Es tut mir furchtbar leid, dass es für dich ein Fluch ist, am Tag der Schlacht geboren zu sein, aber deine Eltern haben dich nach einer wunderbaren Sache benannt, die an diesem Tag passiert ist und was dieser Sieg bedeutet … das habe ich erst durch dich verstanden."
Victoire brauchte eine ganze Weile, um die Worte zu verarbeiten. Sie spürte, dass Georges Blick auf ihr ruhte, aber sie schaffte es nicht aufzublicken. Was er gesagt hatte war zu … persönlich, intensiv, ehrlich … Er …
„Victoire?", sprach George sie an und Victoire hob langsam und widerstrebend den Blick.
„Danke", war das einzige, was sie herausbrachte. George grinste sie breit an und sah wieder ganz so aus, wie der Onkel, den sie kannte.
Bücher
Rosemary konnte neue Informationen am besten aufnehmen, wenn sie sie in einem Buch las. Keine Dokumentation und kein Vortrag schaffte es, sie so zu fesseln, wie das gedruckte Wort. Während ihr Sohn Thomas sich also von seinen Cousins alles zeigen ließ, was diese Welt zu bieten hatte, las Rosemary alles nach, was sie zur Geschichte dieser Welt finden konnte. Die Lektüre wurde ein wenig einseitig, da sie nur in der Bibliothek im Keller forschte. Hermine war nicht da und sie wollte keinen der anderen Erwachsenen fragen, ob sie bereit waren, sie in die andere Bibliothek zu begleiten. Außerdem hatte sie Angst davor, dass sich ihr Verhältnis zu Büchern bedeutend ändern könnte, wenn sie die magischen und nicht immer gutwilligen Bücher in der oberen Bibliothek kennenlernte.
Gestern war sie allein in der Kellerbibliothek gewesen, doch heute hatte sie Gesellschaft. Rose war die Tochter von Ron und Hermine und neben einem Teil ihres Namens teilten Rosemary und Rose auch die favorisierte Art Informationen aufzunehmen miteinander. Auch Rose wollte hier ein paar Dinge herausfinden.
„Bist du bisher in irgendwelchen Büchern über den Namen Bellatrix Lestrange gestolpert?", fragte das Mädchen sie. Rosemary verzog das Gesicht.
„Du wirst hier kaum einen Bericht finden, in dem der Name nicht auftaucht", erklärte sie. „Diese Frau war so ziemlich an allen Überfällen und Ermordungen beteiligt, während derer sie nicht in Askaban saß."
Überrascht sah Rose sie an.
„Ich bin seit gestern hier, Kind" erklärte Rosemary mit einem Lächeln. „Ich habe fast alles durch. Aber ich bin mir nicht sicher, ob du das wirklich alles wissen möchtest. Da geht es auch viel um Mitglieder deiner Familie."
„Das habe ich befürchtet", sagte Rose seufzend und schnappte sich eines der Bücher, in dem die Zeitungsberichte des Tagespropheten aus einem bestimmten Jahr abgedruckt waren. Rosemary konnte nicht sehen, welche Chronik sie erwischt hatte.
„Deine Eltern wissen, dass du hier bist?", fragte sie das Kind.
Rose nickte. „Ich darf nur nicht alleine in die Bibliothek oben."
Hätte Rosemary den Artikel über die Geschehnisse in Malfoy Manor gelesen, den Rose als erstes in die Finger bekommen hatte, hätte sie sich wohl nicht so einfach abspeisen lassen.
Schwestern
Lucy hatte seit gestern Abend kein Wort mehr mit ihrer Schwester geredet. Nicht, dass sie sonst sehr viel miteinander redeten. Wenn Lucy in Hogwarts war, dann schrieb sie jede Woche einen Brief an ihre ganze Familie. Nur manchmal – wenn sie zum Beispiel Geburtstag hatten – bekam Molly von ihr einen eigenen Brief. In den Ferien sahen sie sich dann täglich, aber es war nicht mehr wie früher. Bevor Lucy nach Hogwarts gegangen war, hatte sie alles vom Leben ihrer Schwester gewusst. Sie hatten oft stundenlang geredet und alles gemeinsam gemacht. Jetzt ging Molly zum Hockeytraining, in die Stadt oder ins Kino und Lucy traf sich in der Winkelgasse mit ihren Freunden aus Hogwarts.
Molly war immer gerne zum Training gegangen, aber in diesem Sommer schien es Lucy, als freue sie sich ganz besonders auf das Training. Lucy vermutete, dass da mehr dahinter steckte. Wenn Molly am Wochenende kein Spiel hatte, dann verschwand sie dennoch am Samstagmorgen früh aus dem Haus und kam erst zu ihrer Sperrstunde – um neun – wieder. Lucy war aufgefallen, dass ihre Schwester an diesem Samstag ganz nervös gewesen war, als klar wurde, dass die Todesser noch immer auf freiem Fuß waren und sie das Haus nicht verlassen konnten.
Lucy wusste, dass Molly heute Hockey-Training hatte. Ihre Schwester hatte schon am Samstag mit ihrem Vater gesprochen, damit er sie auf jeden Fall hinbrachte. Und jetzt? Dad war nicht da. Er war längst in Argentinien. Nun, eigentlich war das ja nicht weiter schlimm. Dann würde das Training in dieser Woche eben ausfallen müssen. Aber als Lucy gestern nach dem Abendessen in das Schlafzimmer kam, das sie sich mit Molly und ihren Cousinen teilte, hatte Molly mit Roxy auf dem Bett gesessen und geweint. Lucy hatte ein paar Worte aufgeschnappt, bevor sie die Tür wieder hinter sich zu ziehen konnte. Die beiden hatten sie nicht bemerkt und Lucy hatte genug gehört um zu wissen, dass Molly sehr verzweifelt war, weil sie nicht zum Training konnte. Dieser kurze Moment hatte Lucy zum ersten Mal seit einer Ewigkeit einen Eindruck vom Innenleben ihrer Schwester gegeben. Und darin sah es nicht sehr schön aus. Sie konnte die Fäden noch nicht miteinander verknüpfen, weil ihr irgendeine Information fehlte.
Eigentlich spielte es für Lucy auch gar keine Rolle, um was es bei Mollys Ausbruch genau ging. Fest stand, dass diese auf gar keinen Fall das Training versäumen wollte und Lucy würde ihr dabei helfen, wo sie nur konnte. Sie waren schließlich Schwestern, auch, wenn sie sich in letzter Zeit nicht so benahmen.
Das wichtigste war es nun, einen Begleiter zu finden, mit dem die Auroren sie aus dem Haus lassen würden. Ihr Vater war bereits abgereist und ihre Mutter konnte nicht zaubern. George würde heute Abend arbeiten. Harry war immer noch verschollen und Grandma durfte das Haus auch nicht alleine verlassen. Teddy hatte zu tun – genau wie die anderen Auroren im Haus. Übrig blieben: Bill und Fleur, Ron und Hermine, Angelina, Ginny, Grandpa und Andromeda. Keiner von ihnen wäre Lucys oder auch Mollys erste Wahl gewesen, aber die einzige, die unter Mugglen nicht auffallen würde, war Hermine.
Hermine war auf der Arbeit. Das fand Lucy schnell heraus, aber wie lange sie heute arbeiten würde, war schwieriger zu erfahren.
„Frag doch meinen Dad", schlug Hugo vor und verschwand wieder nach oben Richtung Quidditchfeld. Sie wäre ihm gerne gefolgt und auch ein paar Runden geflogen, aber zuerst musste sie ihre Schwester retten. Vor was oder wem auch immer.
Sie fand Ron mit Albus im Salon. Er versuchte schon wieder seinen Onkel im Schach zu schlagen. Lucy und auch alle anderen Familienmitglieder hatten das vor Jahren aufgegeben, aber Albus wollte es unbedingt schaffen. Er schlug schon alle anderen in der Familie bis auf Hermine und Molly. Mit Rose war er ungefähr auf einer Ebene.
„Darf ich gleich auch mal", fragte der Sohn von Harrys merkwürdigen Verwandten. „Meint ihr die Figuren bewegen sich bei mir auch?" Und nein, sie waren nicht merkwürdig, weil sie Muggle waren. Lucys Mutter und Schwester waren schließlich auch Muggle und ganz normal. Wie hieß der Junge noch? Tobias? Er musste ungefähr so alt sein wie Albus und ließ ihn, seit er hier war, nicht aus den Augen. Al schien das nicht zu stören.
Eine Antwort bekam der Junge nicht. Lucy wusste, dass die Figuren sich für ihn keinen Millimeter rühren würden. Für Molly bewegten sie sich auch nicht. Manchmal wurden sie sogar wütend und bissen in ihre Finger, wenn sie sie von Hand bewegte.
„Weißt du, wann Hermine nach Hause kommt?" Lucy wartete bis Albus mit seinem Zug dran war, bevor sie die Frage stellte. Sie wusste, dass man Ron nicht in seinen Überlegungen stören durfte. Im schlimmsten Fall schmiss er das Spiel um und sie fingen von Neuem an.
„Das kann dauern", antwortete Ron. „Wahrscheinlich nicht vor Mitternacht. Vielleicht legt sie sogar eine Nachtschicht ein."
„Was?", fragte Lucy entsetzt.
„Dad arbeitet bestimmt auch noch eine Nacht durch", meinte Albus. „Springer auf E5. Wegen der Todesser." Der Springer schlug Rons Turm vom Feld und dieser zersplitterte in kleine Stückchen.
„Boah ist das cool!", rief der Dursely-Junge. Tim?
Ron sah Albus an und Lucy meinte so etwas wie Sorge in seinem Blick zu sehen. Das war nun nicht gerade typisch für ihren Onkel.
„Du konzentrierst dich nicht, Al", sagte Ron und schickte seine Dame auf E5. Albus Springer war Geschichte.
„Ja, ich weiß", murrte Al.
„Was willst du von Hermine?", fragte Ron Lucy.
„Das hat sich erledigt." Ron war die denkbar schlechteste Wahl, um unter einem Haufen Muggle nicht aufzufallen, aber das wollte sie ihm wirklich nicht ins Gesicht sagen. Lucy drehte sich um und entdeckte ihre Grandma und Andromeda ein paar Sofas weiter. Die Frauen unterhielten sich lächelnd und Grandma winkte Lucy herüber. Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als der Aufforderung zu folgen. Ihre Grandma konnte sehr hartnäckig sein.
„Können wir dir helfen, Herzchen?", fragte Grandma und klopfte neben sich auf das Sofa, als Lucy zögerte sich zu ihnen zu setzen.
„Ich glaube nicht", antwortete Lucy. „Ich wollte eigentlich Hermine fragen, ob sie Molly heute Abend zum Training bringt."
„Ach, Percy wollte sie eigentlich hinbringen oder?" Grandma sah sie etwas mitleidig an. Kein Blick den Lucy gerne sah. „Ich bin stolz auf dich, Lucy."
„Auf mich?", fragte Lucy irritiert. Sie fuhr mit dem Fingern am Muster des Sofas entlang. Das war gar nicht so leicht, denn die kleinen, roten Quadrate auf dem schwarzen Untergrund begannen sich zu drehen, als sie sie berührte. Manchmal konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie sich je an die Magie gewöhnen würde. Obwohl ihr Vater magisch war, war sie doch fast in einem reinen Muggle-Haushalt aufgewachsen.
„Ich bin stolz, dass du dich so für deine Schwester einsetzt." Diese Antwort verwirrte Lucy nur noch mehr, aber sie fragte nicht weiter nach. War es nicht selbstverständlich, dass sie ihrer Schwester half? Interpretierte ihre eigene Großmutter ihre Beziehung als so schlecht? War der Riss, den Hogwarts zwischen Molly und sie getrieben hatte, zu einer Schlucht geworden, ohne, dass sie es gemerkt hatte?
„Ich kann dir leider nicht helfen. Ich darf auch nicht allein raus." Ihre Großmutter sah sie für einen Moment traurig an. Dann wechselte ihr Gesichtsausdruck schlagartig. Grandma blickte zu Teddys Großmutter Andromeda und dann wieder zu Lucy und lächelte breit und … wenn es nicht der ihrer Grandma gewesen wäre, hätte Lucy den Gesichtsausdruck vor ihr als verschlagen interpretiert.
„Andromeda begleitet euch beide bestimmt gerne", sagte Grandma dann. Lucy stellte fest, dass sie nicht die einzige war, die diese Aussage sehr überraschte. Andromedas Gesichtsausdruck erinnerte Lucy an den von Hugo als Ron ihn vor ein paar Jahren in den See geworfen hatte, damit er lernte zu schwimmen.
„Ich glaube nicht, dass Andromeda …" Lucy versuchte die arme, alte Dame aus ihrer misslichen Lage zu befreien, doch Grandma warf Teddys Großmutter einen langen Blick zu und diese unterbrach Lucys Rettungsversuch.
„Ich begleite euch sehr gerne", sagte sie etwas zögerlich.
„Eigentlich muss ja nur Molly zum …" Ein Blick ihrer Grandma brachte Lucy zum Schweigen. Gut, dann ging sie eben mit zum Hockey-Training. Vielleicht würde sie auf diesem Weg herausfinden, was mit Molly los war.
„Danke Andy." Lucy schenkte Andromeda ein kleines Lächeln. „Wir müssten dann um halb sechs die U-Bahn nehmen."
Andromeda erwiderte ihr Lächeln und nickte.
„Danke Andy, dass du mich bringst." Molly schenkte Andromeda ein strahlendes Lächeln. „Das bedeutet mir wirklich viel."
„Lucy hat mich darum gebeten." Lucy wurde rot, als die beiden sie ansahen. Sie waren fast zu spät losgekommen, weil die Aurorin, bei der sie sich abmelden mussten ihnen noch so viele Fragen stellte. „Andromeda, Molly und Lucy, alles klar. Trage ich ein … und wo genau ist diese Turnhalle? Und bis wann seid ihr da?" Tina Jordan. Lucy wusste, dass Fred ein wenig auf sie Stand, aber sie war wirklich deutlich zu alt für ihn.
Molly und Lucy hatten Andromeda überreden können, die U-Bahn zu nehmen. Auf magischen Wegen konnte Molly sie meist nicht begleiten und sie war es ja, die zum Training musste. Zu Fuß würden sie ewig brauchen und Andromeda hatte keinen Führerschein. So war nur die Londoner U-Bahn übrig geblieben, die Molly sowieso immer zum Training nahm.
„Danke Lucy", sagte Molly und schenkte ihr ein etwas kleineres Lächeln. Lucy war nie aufgefallen, wie weit sie und Molly sich voneinander entfernt hatten, bis sie heute versucht hatte, sich ihr wieder zu nähern, den Graben zu überbrücken. Die Gespräche waren steif und oberflächlich, aber Lucy wusste nicht, wie sie das ändern konnte. Außerdem … wenn sie ehrlich war … eigentlich war jetzt Molly an der Reihe ein paar Steine für die Brücke heran zu schleppen, die sie wieder zueinander führen würde.
„Ich hatte das Gefühl, es sei dir wichtig." Lucy sah Molly bei ihren Worten fest in die Augen. Sie versuchte ihr zu verstehen zu geben, dass sie wusste, dass mehr dahinter steckte, dass Molly ihr vertrauen konnte. Molly hielt ihrem Blick für einen kurzen Moment stand, wurde dann rot und lächelte.
„Ich wusste, du kriegst es früher oder später raus", sagte sie und Lucy beschloss, ihr nicht zu widersprechen. Sie hatte noch immer nicht wirklich eine Ahnung, worauf ihre Schwester hinaus wollte.
Andromeda hatte sich eine Muggle-Zeitschrift im Bahnhof gekauft und schien sich nun alle Mühe zu geben, den Schwestern Privatsphäre zu geben, indem sie darin las und sich in eine andere Richtung drehte. Lucy war ihr sehr dankbar.
„Sie heißt Lisa. Wir sind noch nicht lange zusammen."
„Sie?" Lucy wiederholte das Wort überrascht, doch ruderte schnell zurück, als sie Mollys Blick bemerkte. Ihre Zwillingsschwester hatte herausfordernd die Augenbrauen gehoben und setze gerade an, etwas zu sagen. Lucy war schneller: „Das kam falsch rüber. Ich bin nur überrascht. Ich wusste nicht … Ich freue mich für dich." Puh, noch einmal gerettet.
„Danke", erwiderte Molly in deutlich versöhnlicherer Stimmung. „Also du stehst auf Jungs?"
„Hmm?"
„Na, wenn es dich bei mir überrascht, dass ich Mädchen mag, dann magst du keine Mädchen? Ich weiß nicht, wie so etwas bei Zwillingen läuft."
„Achso." Lucy wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Molly war immer die erste mit allem gewesen. Mit dem Laufen, Sprechen und eben auch mit der Liebe. Lucy hatte sich zu dem Thema nun wirklich noch keine Gedanken gemacht. Sie las manchmal Mugglebücher für Jugendliche über Liebespaare – die durch Missverständnisse immer wieder voneinander getrennt wurden und sich aber doch liebten und am Ende doch immer zusammen kamen – aber über die Jungen in diesen Büchern regte sie sich meist nur auf.
„Ich habe ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht", antwortete Lucy ihrer Schwester wahrheitsgemäß. „Bisher mag ich weder Jungen noch Mädchen. Also nicht so. Da bin ich noch nicht so weit."
„Ich auch erst seit ein paar Wochen."
„Ich freue mich für dich." Lucy meinte die Worte, wie sie sie sagte. Molly war in letzter Zeit etwas anders als sonst. Lucy hatte sich zuvor nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht, aber wenn sie jetzt daran dachte, wie oft Molly während des Abendessens verträumt ins Nichts gestarrt und in sich hinein gelächelt hatte … Molly war glücklicher als zuvor. Wie könnte sie sich als Schwester da nicht freuen?
„Das ist gut." Molly schenkt ihr ein kleines Lächeln.
„Und ich würde sie gerne kennen lernen", fügte Lucy hinzu. Ebenfalls wahre Worte.
„Na, das ist noch besser!" Mollys Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen.
Besen und Todesser
Als er das fünfte Mal gegen Ron verlor, gab Albus auf. Er hatte gedacht, dass das Spiel ihn ablenken würde … dass er gezwungen wäre, sich auf den nächsten Zug zu konzentrieren. Stattdessen überschlugen sich die Gedanken in seinem Kopf regelrecht – und kein einziger bezog sich auf das Zauberschach. Er dachte an Kämpfe, Hass und Bosheit, er hörte Flüche, Schreie und Stille, sah Todesser, Auroren und Tote. Schluss!
„Thomas, lass uns nach oben gehen."
„Aber ich wollte doch auch noch …"
„Wir haben auf dem Dachboden ein Quidditch-Feld. Das ist ein Zauberersport auf Besen."
Thomas' Augen wurden groß. „Fliegenden Besen?", hakte er nach.
Albus strich sich das wirre Haar aus dem Gesicht, zwang sich zu einem kleinen Lächeln und nickte. Thomas lief schon Richtung Treppe, doch Albus wurde von Ron zurück gehalten.
„Wenn du reden willst …", begann sein Onkel, doch Albus unterbrach ihn. „Ich will nicht reden. Ich will gar nicht darüber nachdenken. Ich will ..." Er seufzte und nahm tief Luft. Er wusste, dass ihm Tränen über die Wangen liefen, aber er wischte sie nicht fort. „Ich will, dass das alles vorbei ist. Ich will nach Hause."
Ron sagte nichts. Er drückte seinen Neffen kurz an sich und wischte ihm mit seinem Ärmel die Tränen von den Wangen. Dann setzte er sich wieder und nahm Albus' Hände. „Ich flohe gleich ins Ministerium und sehe nach ihm", versprach er. „Aber glaube mir, es braucht weit mehr als ein paar Todesser, um deinem Vater Angst zu machen."
„Was denn?", fragte Albus.
„Wenn ich es jemals herausfinden sollte, erfährst du es als erster."
„Sind die Besen verzaubert oder können Zauberer auf allen Besen fliegen?", fragte Thomas, als sie beobachteten wie Lily, Hugo und Rose sich gegenseitig den Quaffle zuwarfen. Louis versuchte sie mit einem der Klatscher zu erwischen, die Hermine geradezu lächerlich langsam gezaubert hatte. Den Schnatz hatten sie nicht herausgeholt. Niemand in der Familie spielte gerne den Sucher außer Albus' Vater. Wenn sie Mannschaften bildeten, um sieben gegen sieben zu spielen, musste Albus' Mutter sich immer erbarmen. Dadurch wurde das Spiel auch gleich viel fairer – wenn Ginny als Jäger spielte, gewann ihre Mannschaft garantiert. Auch, wenn ihre Profi-Karriere schon ein paar Jahre zurück lag, war Ginny immer noch verdammt gut.
Von den Erwachsenen war niemand hier oben. Albus wusste, dass Lily und Hugo nicht ohne Aufsicht spielen durften, aber er würde sie bestimmt nicht verpetzen. Lily flog, obwohl sie erst neun war, besser als er oder James es je könnten und Hugo würde sich schon nicht auf die Nase legen.
„Die Besen sind verzaubert, aber ich glaube trotzdem nicht, dass du als Muggle darauf fliegen kannst. Die Besen werden dir nicht gehorchen." Für einen kurzen Moment sah Thomas zu Boden und schob seine Unterlippe nach vorne. Doch als Lily fast von Louis Klatscher erwischt wurde und sich kopfüber von ihrem Besen hängen ließ, um ihm auszuweichen, fingen Thomas' Augen wieder an zu leuchten.
Thomas schien die Zeit hier im Grimmauldplatz so sehr zu genießen, dass Albus sich nicht einmal sicher war, ob es ihn überhaupt störte, dass er hier nicht herausdurfte. Der Dursley stellte so viele Fragen, dass Albus Mühe hatte eine schnell genug zu beantworten, bevor auch schon die nächste kam. Er staunte über jedes Bild, jede Pflanze, jeden Menschen und jeden Raum. Albus fühlte sich stark an seinen Großvater in der Mugglewelt erinnert.
„Al!" Rose landete direkt vor seinen Füßen. Er hatte seit gestern Morgen nicht mehr mit ihr gesprochen. Normalerweise verbrachten sie jede freie Minute miteinander, aber Albus war mit Thomas beschäftigt gewesen und Rose … wo war Rose eigentlich gewesen?
„Kann ich kurz mit dir sprechen?" Rose Gesichtsausdruck blieb ohne Regung, doch ihre Augen wanderten kurz zu Thomas, bevor sie Albus wieder fixierten. Sie sah … krank aus. Blass irgendwie. Als sie noch in der Luft war, war ihm das nicht aufgefallen – sie war wohl zu weit weg gewesen.
„Lily!" Auf Albus' Ruf hin verloren auch Lily, Hugo und Louis an Höhe und landeten auf dem falschen Rasen. „Meinst du, du kannst Thomas Quidditch erklären? Ihr auch, Hugo und Louis. Zeigt ihm doch einfach mal die Bälle und erklärt, wofür sie da sind."
Lily und Hugo fingen gleich damit an, die Bälle einzusammeln, als Thomas, nach einem dankbaren Lächeln für Albus, auf das Feld stürmte.
„Ich hole den Kinderbesen für ihn", sagte Louis und verschwand durch die Tür nach unten.
„Was ist los?", fragte Albus seine Freundin besorgt.
„Was weißt du über Bellatrix?" Rose presste die Frage hervor, als könne sie sie nicht länger in sich behalten. Als müsse sie sie loswerden, damit sie sie nicht vergiftete.
„Welche Bellatr…?"
„Lestrange!", unterbrach Rose seine Frage. „Was weißt du über Bellatrix Lestrange?" Albus kannte diese Ungeduld von Rose nur zu gut. Sie bedeutete, dass seine Cousine bereits einige Zeit zu einem Thema geforscht, viele Informationen gesammelt hatte und nun nach einem Anfangspunkt suchte, einem Weg, ihm ihr Wissen so schnell wie möglich zu vermitteln, ohne ihn zu überfordern.
„Ähm … Sie war eine Todesserin. Sie ist in der Schlacht gestorben, glaube ich. Oder kurz vorher. Sie ist auf jeden Fall schon lange tot. Ihr Mann ist einer der Lestranges auf der Flucht, aber ich weiß nicht welcher."
„Rodolphus. Sonst noch was?"
Albus durchkämmte kurz sein Gehirn. Dann schüttelte er den Kopf.
„Das ist viel mehr als ich wusste. Mir sagte nicht mal ihr Name etwas", gab Rose zu. „Aber gestern beim Quidditch haben Ginny und ich Neville getroffen. Der hat Bellatrix Lestrange erwähnt. Da habe ich Ginny nach ihr gefragt und die hat mir dasselbe gesagt wie du, aber da war irgendwas. Als ich noch einmal nachgefragt habe, war Ginny ganz komisch und sie wollte, dass ich meine Eltern danach frage, aber auch erst, wenn wir wieder nach Hause dürfen …"
„Meine Mom redet nicht gern darüber. Das tut doch keiner von ihnen." Rose musste immer allem auf den Grund gehen. Albus gab zu, dass er auch sehr neugierig war, aber er konnte akzeptieren, dass seine Eltern nicht gerne über den Krieg sprachen und, wenn er ehrlich war, wollte er auch wirklich nicht alle Einzelheiten wissen. Rose war da anders.
„Da war noch was anderes" beharrte Rose. „Neville hat von Bellatrix gesprochen, als sei sie immer noch da. Als habe er sie immer noch zu fürchten. Neville! Er meinte, er wolle nicht, dass jemand sie vor seinen Eltern auch nur erwähnt. Ich wollte wissen, was dahinter steckt, also bin ich …"
„ … in die Bibliothek …" schob Albus ein.
„ … und habe nach alten Zeitungsartikeln gestöbert."
„Und was hast du gefunden?"
„Die drei Lestranges waren schon mal in Askaban. Im ersten Krieg haben sie zwei Zauberer so lange gefoltert, bis die den Verstand verloren haben. Doch dann sind sie, als unsere Eltern in Hogwarts waren, entkommen. Bellatrix war wohl eine der engsten Anhängerinnen von Voldemort. Irgendwas war zwischendurch in der Myteriumsabteilung, aber da blicke ich nicht so ganz durch. Ich glaube, der Tagesprophet damals auch nicht. Es gab auf jeden Fall einen Toten und unsere Eltern und Bellatrix waren dort. Und dann taucht ihr Name nach der Schlacht von Hogwarts in den Prozessen gegen die Malfoys auf. Sie hätten Bellatrix erlaubt auf ihrem Grundstück und in ihrer Anwesenheit Teenager zu foltern."
Rose hatte all das schnell und eintönig vorgetragen. Jetzt schwieg sie. Ihre Schultern sackten sichtbar zusammen und sie schloss die Augen.
„Okay … Also sie war eine ganz schreckliche Frau … und ihr Mann ist bestimmt nicht viel besser." Albus legte seiner Cousine eine Hand auf die Schulter, während er diese Worte sprach. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie noch mehr sagen wollte. Rose war noch nicht zum Punkt gekommen. Natürlich waren die Informationen, die Albus über diese Lestrange-Frau bekommen hatte schrecklich, aber er hatte gewusst, dass mit Todessern nicht gut Butterbier trinken war … und Rose wusste das doch auch. Im Krieg waren viele Menschen von Todessern gefoltert und getötet worden.
Rose öffnete die Augen wieder, aber sie sah Albus nicht an. Sie atmete hörbar aus und ein und fing dann wieder an zu sprechen: „Die beiden Menschen, die sie in den Wahnsinn gefoltert hat waren Nevilles Eltern." Entsetzt starrte Albus Rose an, doch er hatte keine Zeit auf ihre Enthüllung zu reagieren, sie auch nur zu verarbeiten, weil Rose ihn einfach mit Offenbarungen überrollte, die kaum zu ertragen waren. „In der Mysteriumsabteilung hat sie Sirius Black getötet." Albus hatte den Eindruck, dass Rose ihm das alles einfach sagen musste, alles loswerden musste, um nicht zu zerspringen. Seine Cousine blieb dabei ruhig, aber Albus sah, dass ihr das einige Anstrengung kostete. „Und die 17-jährige Hexe, die sie in Malfoy Manor gefoltert hat war … Hermine Granger."
Und das war es. Rose sagte nichts mehr. Und die Stille im Raum wurde ohrenbetäubend. Dabei war es nicht mal still. Lily, Hugo und Thomas lachten laut, aber Albus hörte sie nicht. Er hörte nur Rose' Schweigen und er wusste nicht wie und ob er es brechen sollte. Er dachte nicht über das nach, was sie ihm gesagt hatte – nicht direkt. Er dachte nur daran, was es für Rose bedeutete, was er sagen oder tun konnte, um es für sie erträglicher zu machen. Warum musste seine Cousine auch immer alles wissen? Albus wollte nicht wissen, ob seine Eltern vielleicht auch gefoltert worden waren. Er wollte auch nicht wissen, wer die Todesser waren, die Mitglieder seiner Familie getötet hatten. Diese Todesser waren tot oder hinter Gittern (oder auf der Flucht, aber darüber wollte er lieber nicht nachdenken).
„Ich hätte Mom fragen sollen. Ich weiß gar nicht, ob ich ihr noch in die Augen schauen kann. Sie wird es merken. Sie wird wissen, dass etwas nicht stimmt und dann … dann muss ich ihr sagen, dass ich es weiß. Wie dumm bin ich eigentlich? Ich …" Ein Schrei unterbrach sie. Albus Kopf setzte das Geräusch sofort mit dem Gehörten in Verbindung und hielt nach einer folternden, von den Toten auferstandenen Bellatrix Lestrange Ausschau. Sein Blick blieb jedoch an etwas anderem hängen.
„Ich glaube, er hat sich den Arm gebrochen", rief Lily ihnen vom Spielfeld aus zu. Rose und Albus hatten sich sofort auf den Weg zu ihnen gemacht, als sie Thomas am Boden liegen sahen.
„Hat ihn ein Klatscher erwischt?", fragte Rose.
„Nein. Der Besen hat ihm einen verpasst", sagte Hugo, der Mühe zu haben schien, ein Grinsen zu verkneifen. Der Besen am Boden zuckte noch immer hin und her. Es war Albus'. Merkwürdig. Seine Mom und Hermine hatten diesen Besen mit allen möglichen Schutzzaubern ausgestattet, bevor sie ihn auf ihm reiten ließen. Warum hatte er Thomas verletzt?
„Hör auf zu grinsen, Hugo!" Rose warf ihrem Bruder einen finsteren Blick zu, der dem von Albus' Mutter Konkurrenz machte. Albus zuckte zusammen, als die Tür der Besenhütte am Rand des Quidditchfelder krachend aufsprang. Einer der Auroren – Albus konnte sich von keinem von ihnen die Namen merken – stolperte heraus, Dominique gleich hinter ihm. Beide sahen ein wenig zerzaust aus.
„Ist etwas passiert?" fragte er und lief zu dem noch immer am Boden liegenden Thomas. „Ist er verletzt?"
Schlechtes Gewissen
James und John hatten sich nicht wieder vertragen. John war gestern nach dem Abendessen mit seinem Vater wieder nach Hause gefahren und Fred hat seitdem nichts mehr von John gehört. Oder von James. Fred hatte den Nachmittag mit Louis, Lily und Hugo auf dem Quidditchfeld verbracht in der Hoffnung, dass sein bester Freund früher oder später dort auftauchte – so, wie er es immer tat – aber nein… Keine Spur von ihm. Seit dem Vorfall hatte James weder John noch ihn mit einem Blick bedacht und zunächst hatte Fred es ihm gleichgetan. Aber Teddys Rede gestern Abend … nun, sie hatte ihn ein wenig zum Nachdenken gebracht. Teddy war normalerweise immer zu Scherzen aufgelegt. Und dann hatten seine Eltern gestern Abend noch ein ernstes Gespräch mit ihm geführt. Das taten sie normalerweise nie. Zumindest sein Vater nicht. Es war bisher noch nie vorgekommen, dass Dad sich mit ihm über einen Streich unterhalten hatte, der zu weit ging. Beide Elternteile versicherten ihm, dass sie davon überzeugt waren, dass er nichts von Johns Streich gewusst habe. Er hatte keinen Ärger bekommen. Aber seine Eltern wussten nicht, dass er es auch witzig gefunden hatte. Und sie wussten nicht, wie er James gegenüber reagiert hatte. James war sowieso zu spät im Esszimmer angekommen, aber er, Fred, hatte versucht ihn aufzuhalten, als er die Auroren warnen wollte. Das wussten seine Eltern nicht.
Nun saß Fred seit einer Stunde auf seinem Bett und dachte nach. Es half nichts. Je mehr er über die Geschehnisse nachdachte, desto deutlicher wurde ihm, dass er der Bösewicht war. Er konnte hoffen, dass James seine Entschuldigung annehmen würde, aber er konnte es ihm nicht verübeln, wenn er es nicht tat.
Als die Tür sich öffnete zuckte Fred zusammen, doch es war nur Louis, der das Zimmer betrat.
„Alles okay bei dir?", fragte Freds Cousin. Louis war ein Jahr älter als James und Fred und sie verstanden sich gut, aber sie hatten einfach nicht so richtig viel gemein. Louis war ein Ravenclaw mit guten Noten. Fred und James sahen ihn oft bei gutem Wetter mit seinen Freunden auf den Ländereien. Sie spielten Rollenspiele mit Würfeln und Papier, die furchtbar kompliziert schienen.
Fred zuckte als Antwort nur mit den Achseln.
„Haben deine Eltern gestern auch noch mit dir gesprochen?", fragte Louis und verdrehte die Augen. „Wegen der Geschichte mit John?"
„Ja", murmelte Fred.
Louis öffnete den Kleiderschrank und holte einen kleinen, alten Besen heraus. „Hast du deswegen Stress mit James?", fragte er offen.
Fred erschrak. „Hast du mit James gesprochen?", fragte er.
„Nein. Ich glaube, der ist mit Ginny zum Tagespropheten. Musste wohl einfach Mal raus. Ihr habt euch nur gestern beim Essen sehr auffällig versucht zu ignorieren. Wusstest du von Johns Streich?"
Fred schüttelte den Kopf. „Nicht bevor John und ich oben auf dem Dachboden waren", erklärte er. „Aber ich habe gelacht, als er mir davon erzählt hat. Und dann kam James auf den Dachboden. John hat ihm vom dem Streich erzählt und James war richtig sauer. Er wollte sofort runter, um die anderen Auroren zu warnen und ich …" Fred stockte. „Louis, ich habe versucht ihn aufzuhalten. Ich habe absolut nicht kapiert, wie ernst das Ganze war. Ich war sauer, dass er John verraten wollte. Heftig oder?"
Louis zuckte mit den Schultern. „Meine Eltern waren mit drin, als sie den Kamin gesprengt haben. Dad war total begeistert davon, wie Teddy die Situation im Griff hatte. Wenn Kingsley ihn nicht geschockt hätte, wäre alles absolut reibungslos und ohne Schwierigkeiten über die Bühne gegangen. Aber auch der Schockzauber hat wohl keine bleibenden Schäden hinterlassen. Also versteh mich nicht falsch: Johns Aktion ging einfach mal gar nicht und du hast dich auch nicht gerade als Held hervorgetan. Aber da hätte deutlich mehr passieren können. Dad meinte, dass Kings wohl nochmal direkt mit Harry über das Ganze reden will. Wenn Dad und Kingsley das so sehen, denke ich nicht, dass Teddy deswegen rausgeworfen wird, auch wenn Harry mit seinem Patensohn vielleicht etwas strenger umgehen muss als mit anderen Anwärtern."
„Was?" Fred war geschockt. Er verstand, dass Louis ihm eigentlich eine positive Nachricht zukommen lassen wollte, aber ihm war bisher gar nicht in den Sinn gekommen, dass die ganze Geschichte vielleicht auch ein Nachspiel für Teddy haben könnte. Dass er seinen Job verlieren könnte … „Ich… ich muss mit ihm reden." Fred musste mit Teddy reden. Dann mit James. Dann mit John. Den anderen würde er seine Rolle in der ganzen Geschichte gerne verschweigen. Fred verließ den Schlafraum ohne ein weiteres Wort, um sich ans Werk zu machen.
Der Ernst der Lage
Lucy betrat gemeinsam mit Andromeda die Turnhalle. Molly war längst in den Umkleidekabinen verschwunden.
„Warum brauchen Muggle einen Raum nur für Sport?" Andromeda sah fasziniert hinauf zu den hohen Decken der Halle.
„So ist man nicht vom Wetter abhängig", erklärte Lucy. „Hier liegen keine Hindernisse im Weg und in den Garagen da drüben…" Lucy deutete auf die hölzernen Tore, die eine Seite der Halle bedeckten. „…sind alle Geräte, die man braucht." Andromeda nickte. Lucy war sich nicht sicher, ob sie Lucys Erklärung wirklich verstanden hatte. Andromeda fand sich in der Muggelwelt bestimmt ähnlich schlecht zurecht wie Lucys Mutter in der der Zauberer.
Als die ersten Mädchen aus der Umkleidekabine heraus kamen und sich aufwärmten, beobachtete Lucy sie ganz genau. Konnte eine von ihnen etwa Mollys Lisa sein? Ein Mädchen mit dunklem, glatten Haar, was sie sich zu einem Knoten gebunden hatte, fiel ihr besonders auf. ‚Vielleicht-Lisa' blickte immer wieder in Richtung der Kabinen, als warte sie auf jemanden, während sie den Ball (Ja, beim Hallenhockey auf Rollschuhen spielte man mit einem Ball, nicht mit einem Puck – Molly hatte Lucy schon unzählige Male deswegen verbessert) mit dem Schläger hin- und herschob. Schließlich lächelte das Mädchen und schoss den Ball mit wenig Schwung in Richtung Kabinentür. Blitzschnell wurde er von dort zurückgeschossen und landete im Tor, doch die Spielerin mit den guten Reflexen, die jetzt lachend auf ‚Vielleicht-Lisa' zufuhr war nicht Molly.
Ein weiteres Mädchen kam aus der Kabine. Es hatte schulterlanges, dunkelblondes Haar und trug eine Brille. Das Mädchen rollte mit großen Schritten zum anderen Ende der Halle. Dort drehte es sich um und verschränkte die Arme. Lucy bemerkte Molly erst, als sie direkt vor dem unbekannten Mädchen stand. Sie war zu weit entfernt, um die Worte zu verstehen, die sie sprachen, aber auch vom anderen Ende der Halle aus, konnte sie erkennen, dass sie stritten. Lucys Blick traf den des Mädchens und zu ihrer Überraschung wandte es sich von Molly ab und fuhr auf Lucy zu.
„Du bist Mollys Schwester?", fragte es und Lucy nickte nach einem Moment. Sie war sprachlos. Die Stimme des Mädchens war forsch, seine Stirn gerunzelt, die Augen zusammen gekniffen.
„Ich bin Lisa." Lucy nickte abermals. „Kannst du mir erklären, wo Molly am Samstag war? Wir waren verabredet." In diesem Moment tauchte Molly neben dem Mädchen auf und schüttelte den Kopf in Lucys Richtung.
„Ähm", machte Lucy und starrte erst Lisa und dann Molly an. Sie wusste nicht, was von ihr erwartet wurde. „Ähm." Lisa verschränkte die Arme vor der Brust und Molly warf ihr einen flehenden Blick zu.
„Sag ihr die Wahrheit, Molly." Lucy hatte Andromeda vollkommen vergessen. Die alte Dame, die sich die gesamte Bahnfahrt über nicht gerührt hatte, nutze diesen Moment um sich Gehör zu verschaffen und Lucy aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ihr Tonfall war freundlich, duldete aber keinen Widerspruch. Ihre Stimme weich, aber bestimmt.
„Das wäre mir auch ganz lieb." Lisa sah Andromeda etwas verwirrt an. Vermutlich wusste sie nicht, wie sie die Frau einordnen sollte. Lucy überlegte, wie sie Andromeda selbst einordnete: Eine Freundin der Familie, vielleicht? Das war immerhin besser als die Großmutter des Patenkindes ihres Onkels. Ihr wurde klar, wie wenig sie eigentlich über diese Frau wusste, die ihr Leben lang irgendwie im Hintergrund präsent war, aber mit der sie kaum je ein Wort gesprochen hatte.
Erwartungsvoll blickten sie alle zu Molly, die ein wenig überfordert schien.
„Die Wahrheit würdest du mir nicht glauben, Lisa.", brachte sie nach einigen Momenten heraus. Lucy musste ihrer Schwester recht geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lisa Molly in diesem frühen Stadium ihrer Beziehung die Wahrheit abkaufen würde, war gering. Andererseits musste sie es sowieso früher oder später erfahren. Wer wusste schon, wie lange sie noch am Grimmaudplatz festsitzen würden? Oder wann die nächste merkwürdige Sache passierte, die Molly nicht erklären konnte? Gut, was die Magie betraf … dafür war es jetzt wirklich zu früh …falls Lisa überhaupt davon wissen durfte. Molly war schließlich nicht magisch. Aber die Sache mit den Todessern war ja sowieso in den Muggle-Nachrichten. Mit der Terroristen-Geschichte konnte Molly Lisa die Wahrheit erzählen, ohne gleich ihre Welt auf den Kopf zu stellen.
Alle anderen, die zu diesem Zeitpunkt in der Turnhalle waren, berichteten später von einem ohrenbetäubenden Knall, von großen Steinen und Glassplittern, die durch die Luft flogen und auf dem Boden prallten. Sie berichteten, sie seien in Deckung gegangen, hätten sich auf den Boden gelegt, die Arme über den Kopf, so wie sie es aus Filmen kannten. Andere berichteten, sie seien gleich in Richtung des Ausgangs gerannt, doch plötzlich kamen sie nicht mehr weiter – als wäre dort eine unsichtbare Wand.
Lucy erinnerte sich an nichts von all dem. Sie bemerkte die Symptome nicht, da die Ursache all ihre Aufmerksamkeit beanspruchte: Da war ein fremder Mann in der Turnhalle. Hinter ihm klaffte ein großes Loch in der Wand. Der Mann trug einen schwarzen Mantel und hielt einen Zauberstab in der Hand. Was sich ihr vor allem eingeprägt hatte, war sein Gesichtsausdruck. Sie wagte nicht zu hoffen, dass sie den jemals würde vergessen können. Niemals zuvor hatte sie so viel Hass in einem Blick gesehen. Jede Faser seines Körpers schien das Gefühl aufzunehmen und in die Welt zu strahlen. Die Augen blitzten, als könnten sie Feuer speien, und Lucy meinte zu hören, wie seine Zähne knirschten, als würde er sie wetzen, wie ein wildes Tier. Ja, das war es. Genau so kam er Lucy vor. Wie ein wildes Tier. Gleich nachdem ihr der Gedanke kam, tat es ihr leid, ein armes Tier mit diesem Menschen zu vergleichen.
Die verblasste Schlange auf seinem Arm bemerkte sie erst auf den zweiten Blick. Sie kannte dieses Symbol, konnte es jedoch nicht direkt zuordnen.
Erst als sich eine Gestalt in Lucys Blickfeld stellte und sie keinen direkten Augenkontakt mehr zu dem Fremden hatte, konnte sie wieder klar denken. Die Gestalt, die sich vor sie gestellt hatte, war Andromeda. Molly und Lisa waren einige Meter zurückgewichen und befanden sich jetzt direkt vor der Tür in den Flur. Mit etwas Glück konnten sie entkommen, wenn der Fremde nicht auf sie achtete. Mollys Blick war erstaunlich ruhig. Sie nestelte bemüht unauffällig an ihrem Handgelenk herum, ohne hinzusehen. Schnell sah Lucy woanders hin, um die Aufmerksamkeit des Fremden nicht auf ihre Schwester zu lenken. Wenn sie richtig lag, dann tat Molly genau das, was Harry ihnen gleich nach der Haftentlassung der Todesser aufgetragen hatte, falls sie einem von ihnen begegnen sollten. Er hatte ihnen allen ein Armband gegeben, was sie zu jeder Zeit tragen sollten. Daran befanden sich ein paar grobe Holzperlen und eine von ihnen war innen hohl. Sie konnte mit der Hand zerdrückt werden. Wenn das geschah, ging in der Aurorenzentrale ein Notruf ein.
Lucys Blick wanderte wieder zu dem Fremden und blieb an seinem Tattoo haften. Dieses Symbol hatte sie auf jeden Fall schon einmal gesehen.
„Andromeda!", rief der Fremde und warf der alten Frau seinen hasserfüllten Blick entgegen. Lucy zitterte am ganzen Leib. Sie hatte Mühe aufrecht stehen zu bleiben. Die Stimme dieses Mannes war ebenso finster, wie sein Blick und ihr konnte sie nicht ausweichen. Sie glaubte, sie selbst noch hören zu müssen, wenn sie sich die Ohren mit Wachs zustopfen würde. Laut und durchdringend peitschte der düstere Klang durch die Turnhalle.
„Rabastan", erwiderte Andromeda und in ihrer sanften, ruhigen Stimme schwang etwas mit, was Lucy nie zuvor bei ihr gehört hatte. Sie hatte Mühe es zu beschreiben. Verachtung vielleicht. Verachtung und eine Spur von Furcht. „Wie ich sehe, hast du dir einen Zauberstab besorgt."
Es dauerte tatsächlich bis zu diesem Moment, bis es bei Lucy ‚Klick' machte. ‚Rabastan', der Blick, das Tattoo … Das hier war einer der Brüder Lestrange. Sie waren in wirklich großen Schwierigkeiten.
„Ganz schön vorlaut, Andromeda!", fauchte Rabastan Lestrange. „Es ist nicht mein Stab, aber für dich reicht er allemal." Der Todesser kannte Andromeda? Woher das denn? Sie war doch nie eine Aurorin gewesen…
Lucy bemerkte, dass Andromeda ihren Zauberstab ebenfalls in der Hand hielt. Wollte sie sich etwa auf ein Duell mit diesem Verbrecher einlassen? Hatte er nicht mehrere Menschen gefoltert und umgebracht? Was konnte Andromeda ihm in ihrem Alter noch entgegensetzen? Auch Lestrange war sicher nicht mehr der Jüngste, aber Lucy hatte den Eindruck, dass er Andromeda mit seinem Blick allein auf die Knie zwingen konnte.
Lucy versuchte unauffällig auch ihren Zauberstab in die Hand zu bekommen. Eigentlich durfte sie außerhalb von Hogwarts nicht zaubern, aber das hier war sicherlich eine Ausnahme. Sie hatte den Stab, seit die Todesser sich nicht mehr bei den Auroren gemeldet hatten, immer bei sich gehabt, wenn sie das Haus verließ – was ohnehin erst zwei Mal passiert war.
„Wag es nicht, deinen Stab heraus zu holen, Mädchen!" Rabastan Lestrange sah Lucy direkt an und sie zog schnell ihre Hand aus der Jacke. Sie hatte ihren Stab noch nicht einmal berührt. Vorsichtig hob sie ihre zitternden Hände über den Kopf. „So ist es besser", kommentierte Lestrange.
„Was willst du, Rabastan?", fragte Andromeda. Die Angst in ihrer Stimme war jetzt deutlicher zu hören.
„Ich will eine Entschädigung, Andromeda." Die Antwort kam prompt. Die Stimme des Todessers klang jetzt anders. Sie war nicht mehr ganz so laut, aber Lucy fand sie noch furchterregender. „Du bist der Grund dafür, dass ich mit Nichts dastehe. Ich komme aus Askaban und habe nichts mehr."
„Das willst du allen Ernstes mir in die Schuhe schieben?" Andromeda klang wirklich überrascht. „Was habe ich damit zu tun? Ich habe dich nie darum gebeten Voldemort zu folgen."
Irgendetwas von dem, was Andromeda sagte, schien Lestrange noch wütender zu machen. Er kniff die Augen zusammen und Lucy dachte für einen Moment, er würde einen Fluch auf Andromeda loslassen, doch er warf einen Blick auf ihren Stab und dann in ihre Augen.
„Du weißt es wirklich nicht", sagte er dann erstaunt. „Nur deinetwegen konnte ich nie eine Familie gründen. Du warst mir versprochen, doch du hast du für ein widerliches Schlammblut entschieden. Du hast die Ehre deiner Familie verletzt. Rodolphus hat Bellatrix geheiratet und ich sollte ihre Schwester bekommen. So war es abgemacht. Schon seit wir Kinder waren. Aber du hast den Vertrag gebrochen. Du bist schuld, dass ich keine Frau habe, keine Familie … Dass ich nichts mehr habe. Der Dunkle Lord ist tot. Ebenso wie die meisten seiner Anhänger. Und du hast mir alles andere genommen."
Für Lucy ergab das, was der Todesser da von sich gab, relativ wenig Sinn. Sie war mehr als erstaunt darüber, dass Andromeda einmal mit diesem … diesem Scheusal verlobt gewesen war, aber, dass er sie nun dafür verantwortlich machte, dass … Lucy erschrak heftig, als eine zweite Gestalt hinter der Lestranges auftauchte.
„Beeil dich, Rabastan", sagte der Neuankömmling, während er über die Trümmer in die Turnhalle stolperte. „Die Auroren sind bestimmt schon unterwegs."
„Dann hau ab, Rodolphus", erwiderte Lestrange bzw. der erste Lestrange. Offenbar standen nun beide Brüder in der Turnhalle. „Ich komme nach, wenn ich sie erledigt habe." Lucy zuckte bei dem Ton, den er unter das Wort ‚erledigt' legte, zusammen. Der andere Lestrange nickte, obwohl sein Bruder ihm den Rücken zukehrte, und machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Mit dem Zauberstab ließ er dabei größere Steine und Splitter, die vor seinen Füßen befanden, in hohem Bogen nach links und rechts fliegen. Einer schlug nur wenige Zentimeter neben einem Mugglemädchen ein, das panisch wegrobbte und ein Schluchzen vernehmen ließ.
„Na dann wollen wir mal", sagte der übrig gebliebene Lestrange beiläufig, als spreche er über das Wetter, und hob den Zauberstab. Andromeda war schneller. Lautlos schickte sie einen Zauber, den Lucy nicht identifizieren konnte, in Lestranges Richtung, den dieser nur mit Mühe blocken konnte. Es folgt ein weiterer, der den Todesser einige Meter zurückstolpern ließ. Dann schlug dieser zu und verfehlte Andromeda nur knapp. Lucy sah aus dem Augenwinkel, wie Molly ihr deutete zurückzuweichen. Ihre Schwester hatte natürlich recht. Sie stand mitten in der Schusslinie. Aber sie hatte auch einen Zauberstab und vielleicht konnte sie sich nützlich machen.
Die beiden Kämpfenden schlugen sich die Flüche immer schneller um die Ohren. Sie sprachen die Zauber jetzt laut und konzentrierten sich wohl weniger auf jeden einzelnen. Dadurch wurden sie ungenauer. Eine von Mollys Trainerinnen bekam einen Schockzauber ab, flog einige Meter zurück, prallte an der Wand ab und blieb reglos liegen. Lucy konnte nicht einmal sagen, wer von beiden Duellanten den Zauber gesprochen hatte. Lestrange achtete nur noch auf Andromeda. Lucy konnte unmöglich in das Duell eingreifen. Sie war in VgddK nie sonderlich gut gewesen und selbst wenn, dann war sie immer noch eine Schülerin. Aber vielleicht konnte sie auf eine andere Weise helfen.
Lucy bahnte sich den Weg zu der Bewusstlosen. Sie machte einen großen Bogen um Lestrange, um nicht doch noch seine Aufmerksamkeit zu erregen und ging langsam an der Hallenwand entlang auf die junge Frau zu, die sich noch immer nicht regte.
Die Trainerin war noch jung. Keine Falte zierte das Gesicht, wohl aber einige blutige Schrammen. Lucy packte ihren Handrücken. Sie hatte keine Ahnung, ob sie einen schnellen oder langsamen, starken oder schwachen Puls hatte, war aber froh, dass sie den Herzschlag überhaupt spürte. Sie hatte kaum Erfahrung mit erster Hilfe – weder auf magische noch auf Muggle-Weise. Mit einem „Rennervate" weckte sie die Frau wieder auf. Vermutlich wäre es besser gewesen, erst ihre Wunden zu versorgen, aber Lucy hatte keine Ahnung, wo sie leicht und wo schwer verletzt war. Die Trainerin stöhnte auf, wurde aber vom Kampfeslärm übertönt.
„Wo tut es Ihnen weh?" Lucy wusste, dass die Frage klang, als spräche sie mit einem Kleinkind, aber die arme Frau war sicher noch nicht ganz aufnahmefähig. Die Frau stöhnte erneut, sah dann auf und schien zu überlegen, woher sie Lucy kannte. Dann deutete sie mit dem Kopf auf ihren rechten Arm, der zwischen ihrem Rücken und der Wand eingeklemmt war. Lucy wollte lieber nicht versuchen, ihn zu bewegen. Er sah merkwürdig verdreht aus – vermutlich gebrochen. Sie deutete mit dem Zauberstab auf den Ellbogen und wandte den einzigen Heilzauber an, den sie kannte: „Episkey." Lucy konnte sehen, wie die Knochen des Arms sich unter der Haut wieder richtig anordneten und zusammenwuchsen.
„Besser?", fragte sie die Trainerin und konnte den Stolz in ihrer Stimme kaum verbergen. Die Frau brauchte einen Moment um zu antworten. Mit großen Augen bewegte sie den Arm nach vorn und krümmte dann alle fünf Finger. Sie starrte Lucy mit offenem Mund an und nickte.
„Crucio!" Lucy machte panisch einen Satz, als sie Lestrange den unverzeihlichen Fluch brüllen hörte. Kurzzeitig erleichtert stellte sie fest, dass er nicht auf sie gezielt hatte. Dann drehte sie sich zu Lestrange um. Er deutete mit dem Stab auf Andromeda und gerade als Lucy zu ihr hinüber sah, fiel sie, sich vor Schmerzen krümmend, auf den Boden. Dann schrie sie laut auf und wälzte sich nach links und rechts. Lucy hatte vom Cruciatus-Fluch gehört, aber sie hätte nie gedacht, dass sie einmal sehen würde, wie … Andromeda war eine alte Frau und Lucy wusste, dass Rabastan Lestrange kein Erbarmen haben würde. Er würde nicht aufhören bis … Sie musste einfach etwas unternehmen und sie musste schnell sein. Andromedas Schreie klangen anders als alles, was sie je zuvor gehört hatte. Sie waren durchdringend und voller Panik und Schmerz.
Lucy musste einen Plan entwickeln. Wie konnte sie Andromeda helfen? Lestrange war beschäftigt damit, Andromeda zu foltern. Er ging immer weiter auf sie zu, während er den Fluch wiederholte. Lucy konnte sich von hinten an ihn heranschleichen und ihn entwaffnen. Ihr Expelliarmus war vielleicht stark genug.
Langsam und vorsichtig näherte sie sich dem Todesser und blieb abrupt stehen, als sie Lisa entdeckte. Die hatte sich von Molly entfernt und stand nun Lucy gegenüber an der anderen Seite der Halle. Sie hielt den Hockeyschläger in der rechten Hand. Erst als Lisa losfuhr, wurde Lucy klar, was sie vorhatte, aber es war zu spät, sie aufzuhalten. Lisa hatte ja keine Ahnung, auf was sie sich einließ. Die Hockeyspielerin nahm mit ihren Rollschuhen ein ordentliches Tempo auf. Die Geräusche, die die Rollen auf dem Hallenboden machten, wurden durch Andromedas Schmerzensschreie erstickt. Lisa fuhr in voller Fahrt von der Seite in Lestrange hinein, schwang gleichzeitig den Hockeyschläger und schlug ihn mit Wucht in seine Weichteile. Der Todesser stöhnte laut auf, ging in die Knie und ließ den Stab sinken. Andromeda blieb reglos auf dem Boden liegen. Lucy aber nutzte ihre Chance, rannte auf Lestrange zu und entwaffnete ihn, bevor er sich wieder fangen konnte.
„Stupor!", rief eine Stimme hinter Lucy, als sie gerade den anderen Zauberstab auffing. Dieser Teil der Entwaffnung gelang ihr sonst nicht so gut. Lestrange flog, wie die Trainerin zuvor, ein paar Meter zurück und blieb reglos liegen. Mit beiden Stäben in der rechten Hand drehte sie sich zu der Stimme um und erblickte zu ihrer Erleichterung eine Frau in der Uniform der Auroren. Direkt hinter ihr standen zwei Männer, ebenfalls in Uniform, und ihr Onkel Harry kletterte gerade durch das Loch in der Turnhalle. Besorgt blickte er von links nach rechts durch die Halle. Lucy war die erste, die er entdeckte. Alle Farbe wich ihm aus dem Gesicht. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, sie hier zu sehen. Er ging schnell auf sie zu und Lucy lief ihm direkt in die Arme. Sie war so erleichtert, dass er da war. Es war, als würde eine schwere Last von ihr genommen, und sie vergoss ein paar Tränen an Harrys Schulter, bis ihr wieder einfiel, dass eben noch nicht alles gut war. Sofort hatte sie ein schlechtes Gewissen, seine Zeit in Anspruch genommen zu haben, wo Andromeda ihn doch viel dringender brauchte.
„Andromeda", flüsterte Lucy, ließ Harry los und deutete auf die am Boden liegende Frau. Zwei Auroren knieten neben ihr. „Cruciatus", fügte Lucy noch hinzu. Harrys Gesicht wurde, falls möglich, noch blasser. Mit offenem Mund starrte er erst Lucy und dann Andromeda an. Sie konnte sehen, wie er versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Es tut mir wahnsinnig leid, Lucy", sagte er noch zu ihr und lief dann zu Andromedas reglosen Körper.
Fortescue's
„Aber du setzt dich an einen anderen Tisch, Grandpa." Roxanne sah ihn mit demselben strengen Gesichtsausdruck an, mit dem Molly ihre Kinder auch heute noch oft musterte – und auch Arthur selbst, wenn er ehrlich war. „Also nicht direkt neben uns. Richtig toll wäre es, wenn du dich reinsetzen könntest. Du bist doch so sonnenempfindlich. Da bist du doch sowieso lieber drinnen oder?"
Sie waren in den Tropfenden Kessel gefloht und jetzt auf dem Weg zum Eissalon. Die Winkelgasse war ungewöhnlich leer für einen späten Montagnachmittag. Arthurs Familie war wohl nicht die einzige, die sich Sorgen machte.
Arthur schenkte Roxanne ein kleines Lächeln. Auch, wenn es bei ihm schon ein Weilchen her war, konnte er sich noch gut daran erinnern, wie es war, jung und verliebt zu sein. Nun … verliebt war er immer noch. „Ich sehe, was ich tun kann." Er würde den beiden schon ihren Freiraum lassen, aber Arthur war bewusst, dass die Gefahr eines Angriffs, gerade in der Winkelgasse, nicht ausgeschlossen werden konnte. Zu farbig waren die Erinnerungen, die er an die zerstörten Läden und das aufgerissene Pflaster hatte. Sie waren mit der Zeit vielleicht ein wenig verblasst, hatten ihre Kontur verloren, doch jetzt, in diesem Moment, als er mit seiner Enkelin durch die Gassen schlenderte – im Hinterkopf die flüchtigen Todesser – waren sie so klar und deutlich wie vor 19 Jahren.
Roxanne seufzte. Sie ahnte wohl, dass er sie draußen nicht alleine lassen würde.
„Dann geh wenigstens vor. Setz dich schon mal hin. Dann merkt er vielleicht gar nicht, dass wir zusammen gehören." Sie hielt kurz inne. Blieb stehen. Ihr Gesicht wurde rot. „Tut mir leid. So sollte sich das nicht anhören. Ich … ich will nur ..." Sie seufzte. Arthur schenkte ihr ein weiteres kleines Lächeln und nahm ihre Hand. Roxanne atmete ein paar Mal tief durch. Dann sah sie ihn an und fuhr fort: „Ich will nicht, dass er Angst bekommt. Du weißt schon, Harry, Hermine … und dann im Moment auch noch diese ganze Todessergeschichte … sowas möchte doch niemand beim ersten Date erfahren."
Arthur war sich ziemlich sicher, dass dieser Julien ganz genau über das alles Bescheid wusste – schließlich kannte absolut jeder in der britischen Zaubererwelt ihre Familie – aber er wollte seiner Enkelin ihre Illusionen nicht nehmen. Sie sollte ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen und daraus lernen. Das war etwas, was man als Vater von sieben Kindern lernte: Kinder müssen ihren eigenen Weg gehen; früher oder später merken sie es schon selbst, wenn dieser aus Holz ist.
„Ich gehe mit dir bis zu Fortescue's", beharrte Arthur. „Sobald wir da sind, setze ich mich. Du kannst dann nach deinem Julien Ausschau halten."
Kurz überlegte Roxanne. Dann nickte sie und ging weiter. Arthur entdeckte von Weitem einen Jungen in Roxannes Alter vor dem Eissalon. Er sah zu Roxanne, aber sie schien ihn noch nicht zu bemerken.
„Pass auf dich auf, Roxy", sagte er ihr, während er sich unauffällig einige Schritte von ihr entfernte. Er ging die letzten Schritte alleine, damit der Junge sie nicht zusammen sah. Er achtete darauf, einen Tisch zu bekommen, der ihm eine gute Sicht in beide Richtungen der Winkelgasse ermöglichte.
Arthur hatte Florean Fortescue sehr gemocht und war nach dem Krieg nur noch selten in den Eissalon gekommen. Zu sehr vermisste er die Gespräche mit dem freundlichen Besitzer, auch, wenn das Eis immer noch fantastisch schmeckte. Fortescue hatte die Rezepte seiner Tochter hinterlassen, die den Eissalon nach dem Krieg wieder aufbaute. Warum genau die Todesser Fortescue umgebracht hatten, hatte Arthur nie erfahren.
Er bestellte sich einen Fruchtbecher und atmete ein paar Mal tief durch. Er stellte die Füße auf dem Zementblock ab, der den Tisch am Boden hielt. Er war allein. Nun, nicht wirklich allein, aber immerhin nicht mehr mit seiner ganzen Familie in einem Haus eingesperrt. Zum ersten Mal seit Tagen, konnte er seine Gedanken schweifen lassen, konnte entspannen – ohne, dass innerhalb von weniger als einer Minute eins seiner Enkel oder Kinder etwas von ihm wollte. Molly und er hatten immer viele Kinder gewollt und er würde keins von ihnen missen wollen, aber er müsste lügen, wenn er sagen würde, dass er dem Tag an dem das letzte Kind ausgezogen war, nicht auch entgegengefiebert hatte – und er wusste, dass es Molly ähnlich ging. Und sie hatten sich ihren Ruhestand redlich verdient!
Als Roxanne ihn gebeten hatte, sie in die Winkelgasse zu begleiten, hatte er nicht lange überlegen müssen. Er war froh darum, eine Ausrede zu haben, den Grimmauldplatz zu verlassen. Er hätte es längst getan, wenn er nicht ein schlechtes Gewissen Molly gegenüber gehabt hätte, die das Haus nicht ohne Auroren verlassen durfte. Den Vormittag hatte er mit Audrey an ihrem Arbeitsplatz verbacht. Das war zunächst auch sehr spannend gewesen – ein echtes Mugglebüro. Aber tatsächlich saß Audrey den ganzen Tag alleine in ihrem Büro vor einem Combuter und tippte dort Zahlen ein. Sie hatte versucht, ihm zu erklären, was sie tat, aber schnell aufgegeben. Nun, er war nicht mehr der allerjüngste und diese Combuter verwirrten auch Zauberer, die deutlich jünger waren als er.
Arthur beobachtete die wenigen Hexen und Zauberer, die sich heute auf den Weg durch die Winkelgasse gemacht hatten aufmerksam. Er kannte viele von ihnen vom Sehen, einigen nickte er grüßend zu. Dafür, dass Ferien waren, entdeckte er nur wenige Hogwartsschüler. Vermutlich warteten die meisten Eltern mit dem Kaufen der neuen Schulsachen bis die Todesser wieder hinter Schloss und Riegel waren. Die meisten Hexen und Zauberer mit Kindern im schulpflichtigen Alter hatten den Krieg ja selbst miterlebt, viele hatten mitgekämpft – da nahm man Todesser auf der Flucht nicht auf die leichte Schulter. Außer man hieß Arthur Weasley und stürzte sich auf die erste Gelegenheit das Haus zu verlassen, auch, wenn man damit seine Enkelin in Gefahr brachte. Arthurs Blick huschte zu Roxanne. Sie hatte sich mit dem Jungen in der Nähe der Tür niedergelassen und drehte Arthur den Rücken zu. Dafür konnte er Julien sehen. Er war vielleicht vierzehn, schlaksig, hatte dunkles Haar über einer für sein Alter erstaunlich hohen Stirn. Er lächelte Roxanne an; hörte ihr gebannt zu; dann sagte er ein paar Worte; hörte wieder zu; lächelte. Wie kam es, dass sie ihn nicht kannte? Er musste ein Jahr über ihr sein in Hogwarts. Vielleicht zwei. Arthur musterte das junge Gesicht. Nein. Eins. Oder er war in ihrem Jahrgang. Sie musste ihn kennen. Wenn er ein Jahr über ihr war, dann ging er mit Dominique in eine Klasse. Arthur würde sie nach ihm fragen. Julien. Er kannte nicht mal seinen Nachnamen – kannte Roxanne ihn?
Arthurs Augen verließen die beiden und wanderten weiter. Sie rasteten kurz bei einem älteren Paar, das sich schweigend einen Eisbecher teilte, und dann etwas länger bei einem jungen Mann, der dort alleine saß und wohl noch auf seine Bestellung wartete. Der Mann war augenscheinlich einer der ersten Generation. Einer der ersten, der sich nicht mehr an den Krieg erinnerte. Einer derjenigen, die jünger als elf gewesen waren oder noch nicht geboren. Arthur erinnerte sich nicht, wann er angefangen hatte, die Zeit so einzuteilen: Vor dem Krieg; nach dem Krieg. Vor allem konnte er nicht sagen, seit wann er auch die Menschen danach ordnete. Erste Generation; letzte Generation. Die letzte Generation waren die Schüler, die bei der Machtübernahme im ersten Schuljahr gewesen waren. Vor dem Krieg; nach dem Krieg. Es war, als würden die Todesser noch immer sein Leben bestimmen, das Leben seiner Familie – und taten sie nicht genau das? Was nützte ihnen der so teuer erkaufte Sieg, wenn seine Enkel wieder Angst haben mussten; das Haus nicht verlassen durften.
Arthur sah erneut zu Roxannes Tisch. Zumindest von hinten sah sie nicht wirklich ängstlich aus. Das sprach vermutlich weniger für die Ungefährlichkeit der Situation, als für die Ahnungslosigkeit seiner Enkelin.
Roxanne hatte gesagt, sie habe ihn erst diesen Sommer kennengelernt. Im Laden. Aber woher kam er so plötzlich? Wenn sie ihn nicht kannte, ging er nicht nach Hogwarts; wenn er nicht nach Hogwarts ging, wohin dann? Durmstrang? Beauxbatons? Was machte er dann in London? Warum interessierte er sich ausgerechnet für Roxanne? Warum traf er sich ausgerechnet hier mit ihr? In der Winkelgasse, wo sie jederzeit angegriffen werden konnten.
Flink zuckten Arthurs Augen die Gasse entlang, inspizierten die Menschen, prüften kurz die Nebengassen und blieben dann wieder bei Julien hängen. Wie hatte er sich nur darauf einlassen können? Im Falle eines Angriffs würde er seine Enkelin nicht schützen können – erst recht nicht, wenn der Junge neben ihr für die Gegenseite arbeitete. Einem Kampf würde Arthur nicht lange standhalten. Seine und vor allem Roxannes einzige Chance war die Flucht. Er spielte die Situation vor seinem geistigen Auge durch. Er wäre zu langsam. Roxanne wäre längst tot, bis er bei ihr wäre, um mit ihr zu apparieren. Er wusste nicht einmal, ob sie ihren Zauberstab dabei hatte. Vermutlich nicht. Sie war ja so naiv – sonst hätte sie sich gar nicht erst auf ein Date mit einem Zauberer eingelassen, den sie nicht kannte, wenn Todesser frei rumliefen. Todesser. Die Lestranges konnten überall sein.
Wieder prüfte Arthur die Winkelgasse in beide Richtungen. Warum senkte der Mann dort den Kopf so tief? Arthur konnte unmöglich sein Gesicht erkennen. Kam er etwa auf den Eissalon zu? Nein, er bog ab. Arthur atmete tief ein und aus; versuchte sich zu beruhigen; ahnte, irgendwo unter den Gedanken, Gefühlen, Ängsten, dass keine konkrete Gefahr drohte – aber tat sie das wirklich nicht? Ein weiteres Mal sah er zu Julien. Da! Hatte er etwa jemandem ein Zeichen gegeben? Vergeblich suchte Arthur nach dem Empfänger der geheimen Nachricht. Hatte dieser ihn entdeckt und war untergetaucht? Hatte Julien ihn gewarnt? Arthur sprang auf, wollte Roxanne so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Mit ihr Seit-an-Seit-apparieren und sie wegschaffen von diesem Spion, diesem Verräter, Lügner, Halunken, Gauner, Scheusal … diesem …
Ein heftiger Schmerz durchzuckte Arthurs Brust. Verschwommen nahm er wahr, wie er zu Boden ging. Und dann nichts mehr.
Ein Glas Feuerwhiskey
Ron fluchte leise, als er wieder aus dem Kamin trat.
„Alles in Ordnung?", fragte die Aurorin, die den Dienst im Esszimmer schiebt. Es ist die Nichte von Lee, aber Ron hat ihren Namen vergessen.
Ron schüttelte den Kopf. „Wie kann es sein, dass niemand in der Aurorenabteilung weiß, wo euer Chef ist?"
Die Aurorin zuckte mit den Achseln. „Das passiert öfter mal. Ist ja nicht so, als müsste Potter irgendwen um Erlaubnis fragen."
„Sie haben seit über 24 Stunden nichts mehr von ihm gehört."
Erschrocken sah die Aurorin ihn an. „Auch der Minister nicht?"
Ron schüttelte mit dem Kopf. „Er ist gestern Mittag mit Jefferson und den Jägern abgehauen. Er will wohl selbst nach den Todessern suchen." Die Jäger waren nicht etwa Qudditchspieler, sondern eine Einheit der Aurorenzentrale, die auf die Jagd nach Todessern spezialisiert war. Eigentlich wurde sie ein paar Jahre nach Ende des Krieges aufgelöst, aber Harry hatte sie, als er die Leitung der Aurorenzentrale übernahm, wieder neu gegründet. Er musste geahnt haben, dass er sie irgendwann nochmal brauchen würde.
„Mrs. Potter ist gerade zurück gekommen", erklärte die Aurorin etwas zerknirscht. „Sie hat mir gesagt, ich soll Sie sofort zu ihr schicken, wenn sie wieder da sind. Sie möchte alle Neuigkeiten direkt hören."
„Na klasse", murrte Ron.
„In der Küche steht noch eine Flasche Feuerwhiskey. Mein Onkel hat sie mir für George mitgegeben, aber ich denke, Sie können sie besser gebrauchen."
Ron schnaubte. Er machte dennoch den Umweg über die Küche, um den Feuerwhiskey einzusammeln, bevor er sich auf die Suche nach Ginny machte. Er wollte seiner Schwester nun wirklich nicht unbewaffnet von Harrys Verschwinden erzählen.
„Ron!" Ginny und Fleur kamen auf ihn zu. Hatten sie im Salon gesessen? „Wohin willst du mit dem Feuerwhiskey?"
„Ich dachte, du wartest auf dem Dach auf mich." Er war davon ausgegangen, dass sie bei ihrem Gespräch nicht gestört werden wollte.
„Gute Idee", sagte Fleur. „Gehen wir aufs Dach. Ich möchte nicht, dass Dominique den Feuerwhiskey sieht." Dominique war schon gestern alles andere als begeistert gewesen, als die volljährige Victoire mit den Erwachsenen Elfenwein trinken durfte und sie nur die Wahl zwischen Kürbissaft und Funkenwasser gehabt hatte.
Seufzend schloss Fleur die Tür hinter ihnen, als sie auf der versteckten Dachterrasse ankamen.
„Sonst bist du doch kein Fan von Alkohol?", wunderte Ron sich laut.
„Oh, ich will auch nichts trinken", stellte Fleur klar. „Ich will einfach nur für ein paar Momente meine Ruhe." Sie klappte mit einem Schwung ihres Zauberstabes eine Gartenliege auf und streckte sich darauf aus. „Aber trinkt ruhig", sagte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ginny zuckte mit den Achseln und ließ zwei Whiskeygläser erscheinen, die Ron eifrig füllte.
„Hast du was Neues von Hermine gehört?", fragte Ginny und nahm sich eins der Gläser.
„Sie ist heute Morgen nach Hogwarts. Will sich dort in der Bibliothek noch ein wenig umsehen."
„Ich habe immer noch nichts von Harry gehört. Ich glaube, ich flohe gleich noch mal rüber ins Ministerium. Ich mache mir langsam wirklich Sorgen." Irritiert sah Ron seine Schwester an.
„Was ist?", fragte sie und nahm einen Schluck von ihrem Feuerwhiskey. Sie verzog kurz das Gesicht.
„Ich war gerade im Ministerium. Ich dachte, das wüsstest du… Lees Nichte meinte … hmm …" Mit großen Augen sah seine Schwester ihn an. Sie sagte nichts, aber die Fragen las er auch in ihrem Gesicht … und seine Antworten würden ihr nicht gefallen. Ron nahm einen großen Schluck, um sich Mut zu machen. Und dann ging alles ganz schnell. Ginnys Augen drehten sich nach innen und sie kippte nach vorne. Ron versuchte sie aufzufangen, doch ihm wurde plötzlich schwindlig. Zeitgleich schlugen die Geschwister auf dem Boden auf und das letzte was Ron sah, war Fleurs verschwommenes Gesicht.
Auf ins St. Mungo's
„Thomas hat sich den Arm gebrochen", rief Albus dem Auror zu. „Ich bin mir sicher, er kommt trotzdem noch alleine die Treppen runter."
„Es tut auch gar nicht mehr weh!", rief Thomas von der Trage. Als er versuchte, sich aufzusetzen, wackelte sie wie ein Segelboot im Sturm und er wurde wieder auf den Rücken geworfen. Dominique hatte ihm einen Schmerztrank aus der Besenhütte gegeben. Es war nicht das erste Mal, dass sich jemand beim Qudditch verletzte.
„Das ist Teil des Protokolls." Lily warf ihrem Bruder einen finsteren Blick zu. Sie war sich sicher, dass Albus das ebenso gut wusste wie sie. Er hatte nur irgendetwas gegen den Auroren. Oder die Auroren in diesem Haus. Oder Auroren im Allgemeinen. Oder er hatte einfach schlechte Laune.
„Das stimmt", bestätigte der Auror mit einem Blick in Lilys Richtung. Natürlich stimmte das. Warum sollte sie lügen?
Wie der Auror durch einen Diagnosezauber herausgefunden hatte, war der Bruch wohl nicht unkompliziert. Lilys Eltern hatten James schon zwei Mal den Arm mit einem Spruch wieder geheilt, als er sich verletzt hatte, aber Thomas' Bruch war gesplittert – ein Fall für einen echten Heiler.
Dominique quetschte sich an der Trage vorbei und lief die Treppe herunter. Albus folgte ihr.
„Holst du die Dursleys oder Teddy?", hörte Lily Albus noch Fragen, bevor beide außer Hörweite waren.
„Wie heißen Sie?", fragte sie den Auror.
„Cook."
„Haben Sie Ihre Ausbildung schon beendet Auror Cook?"
„Ähm was?" Der Blick des Aurors huschte kurz zu Lily und blieb dann wieder an der Trage hängen, die er mit seinem Zauberstab steuerte.
„Naja, wenn Sie noch in Ausbildung sind, müssen wir warten, bis ein anderer, vollständig ausgebildeter Auror Thomas ins Krankenhaus bringen kann, weil Sie nicht befugt sind, Personenschutz zu gewährleisten. Es sei denn, Sie haben andere Befehle erhalten, was ich mir aufgrund der Situation gut vorstellen kann. Es sind ja nicht allzu viele Auroren für den Personenschutz verfügbar."
„Ähm … ich bin ausgebildet", sagte der Auror mit einem weiteren Seitenblick auf Lily. „Sag mal, wie alt bist du?"
„Neun."
„Und woher weißt du das alles über Auroren?"
„Gelesen hauptsächlich. Ein paar Sachen musste ich nachfragen."
„Und du möchtest Aurorin werden, wenn du groß bist?"
„Nein. Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Ich spiele ganz gut Quidditch. Vielleicht wird das ja was. Ich finde mich aber sowieso etwas zu jung, um mich da schon festzulegen."
„Okay …" Cook zog das Wort sehr lang, als müsse über das Gesagte nachdenken. Lily fand aber nicht, dass sie etwas von sich gegeben hatte, über das man erst länger nachdenken musste.
„Ich will aber auch nicht wirklich das machen, was meine Eltern machen. Das ist irgendwie auch einfallslos. Auror. Quidditchprofi. Vielleicht gehe ich ins St. Mungos. Da arbeitet noch niemand aus der Familie."
„Ach, du bist Potters Jüngste?" Ihr war nicht klar gewesen, dass er nicht wusste, wer sie war, sonst hätte sie sich vorgestellt. Das war unhöflich von ihr gewesen. Andererseits war sie davon ausgegangen, dass er die Personen, die er schützen sollte, auch kannte.
„Ich bin Lily", sagte sie und gab ihm die Hand, als sie gerade das Erdgeschoss erreichten.
„James Cook."
„Wie der Seefahrer?"
„Die meisten sagen, wie Captain Hook." Cook lächelte. „Tut mir leid, dass ich dich nicht erkannt habe. Ich habe Schwierigkeiten alle Rothaarigen auseinander zu halten."
„Na dann hoffen wir mal, dass sie alle noch da sind und Sie niemanden doppelt gezählt haben." Lily wollte eigentlich einen Witz machen, aber Cook sah sehr zerknirscht aus, als er sie in den Aurorenstützpunkt im Speisezimmer führte.
Albus wartete schon auf sie. Teddy war allerdings nicht zu sehen. Nur Tina Jordan stand mit verschränkten Armen vor dem Kamin. Lily hatte sie schon vor ein paar Tagen kennen gelernt. Teddy hatte sie ihr vorgestellt und sie schien nett zu sein. Nur ein bisschen nervös.
Lily bemerkte, wie Thomas Jordan, soweit er das von der Trage aus konnte, von Kopf bis Fuß musterte. Lily warf ihm einen fragenden Blick zu, aber er zuckte nur mit den Schultern.
„Auror Lupin ist in einer dringenden Besprechung", erklärte sie. Albus grinste Lily breit an.
„Mit Dad", fügte er hinzu. „Er ist in einer Besprechung mit Dad."
Aus Lilys Mund kam ein lautes Quietschen, das die beiden Auroren aufschreckte. Albus lachte auf und breitete die Arme aus. Sie warf ihn beinahe um, als sie sich ihm entgegenwarf.
Sie hatten seit fast zwei Tagen kein Wort von Dad gehört. Mom war außer sich vor Sorge, auch, wenn sie dachte, dass man es ihr nicht ansah. Dad verschwand öfter für längere Zeit, aber es gab immer eine Nachricht von ihm. Mal kam sein Hirsch-Patronus, mal ein Auror in Ausbildung vorbei, doch sie wussten immer, dass alles okay war. Das stimmte nicht so ganz. Lily wusste von Teddy und James, dass Dad auch schon ein paar Mal nicht auffindbar gewesen war; dass er schon viele, viele Tage und Wochen im St. Mungos verbringen musste; dass er auch schon wiederbelebt werden musste. Lily war noch klein gewesen oder noch nicht geboren. Sie war jedenfalls nicht unglücklich, dass sie sich nicht daran erinnerte. Die letzten zwei Tage waren schlimm genug gewesen.
Cooks Räuspern brachte Lily dazu aufzusehen.
„Ich bringe den Jungen ins St. Mungos", sagte er zu Tina Jordan. „Sie bringen die Eltern nach, sobald sie da sind."
„Ich habe den Portschlüssel schon bestellt", antwortete Jordan. „Potter Junior hat mir gleich Bescheid gesagt." Sie zwinkerte Albus zu. Thomas gab einen überraschten Laut von sich, als die Flammen im Kamin aufloderten und eine ältere Hexe zum Vorschein kam. Lily erkannte an ihrem Umhang, dass sie in der Abteilung für magisches Transportwesen arbeitete. Vermutlich im Portschlüsselbüro. Sie überreichte Jordan eine Jeanshose, nickte einmal in die Runde und verschwand – ohne ein Wort zu sagen – wieder im Kamin.
„Was war das denn?", fragte Thomas. Keiner antwortete ihm.
„Wollt ihr Thomas nicht begleiten?", fragte die Aurorin Albus und Lily. „Er kennt doch sonst niemanden." Sie nickten beide.
Cook zog die Brauen hoch, doch dann zuckte er nur mit den Schultern.
„Ich denke, ihr kennt den Dreh. Jeder fasst die Jeans an."
„Du auch Thomas", sagte Lily und gerade als Thomas zupackte, brachte der Portschlüssel sie auch schon ins St. Mungo's.
Des Rätsels Lösung
Hermine bekam nichts von den dramatischen Ereignissen im Grimmauldplatz mit. Oder denen in der Sporthalle. Oder denen in der Winkelgasse. Sie bekam gar nichts mit und niemand wagte es, sie zu stören. Seit Stunden saß sie unter einem Stapel Bücher begraben auf dem Boden der Bibliothek und begann jedes der Bücher, jedes Wort, jeden Buchstaben zu hassen. Wie konnte es sein, dass nicht einmal die Bibliothek von Hogwarts ihr eine Lösung für ihr Problem lieferte. Auf diesen Raum war doch bisher immer Verlass gewesen. Seit ihrem elften Lebensjahr gab es hier auf jede Frage eine Antwort. Warum nicht auf diese?
Magisches Recht war knifflig. Es gab viele Gesetzeslücken und Hermine arbeitete seit Jahren daran sie alle zu füllen. Wie hatte sie dieses eine Schlupfloch übersehen können? Ausgerechnet das, was die Todesser auf freien Fuß setzen konnte. Ausgerechnet diese eine Lücke brachte sie alle in Gefahr. Wie konnte sie nur …
„Atmen, Hermine", flüsterte sie und zwang ihre Gedanken zum Stillstand. Es hatte keinen Sinn, sich selbst so zu strafen. Was geschehen war, konnte sie nicht ändern. Aber sie konnte sehr wohl dafür sorgen, dass es nie wieder geschah. Sie musste nur den richtigen Weg finden, die richtigen Worte, den richtigen Zeugen…
Hermine ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. Wie oft hatte sie als Schülerin genau diesen Ausblick genossen. Wie oft hatte sie in der Bibliothek gesessen, zwei, drei Bücher auf dem Schoß und ein Haufen Pergament auf dem Tisch vor sich … immer mal wieder hatte sie eine Pause eingelegt und die Geschehnisse auf den Ländereien von Hogwarts beobachtet. Der Riesenkrake in seinem See; Harry beim Quiddtich-Training; Luna, die ein paar Schritte in den Verbotenen Wald wagte, um nach diesem oder jenem erfundenen oder realen Geschöpf Ausschau zu halten … Jetzt, in den Ferien, war niemand auf dem Gelände zu sehen, aber Hermine sah trotzdem gern aus dem Fenster. Nach allem, was auf Hogwarts geschehen war und all den schrecklichen Erinnerungen, die sie auch mit diesem Ort verband, überwogen doch die schönen. Ja, Hermine fühlte sich hier immer noch Zuhause.
Und sie spürte, dass der Ort ihr half ihre Gedanken zu ordnen und ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Sie war der Lösung noch keinen Schritt näher gekommen, aber … War das Firenze? Hermine stand auf und ging näher ans Fenster. Sie hatte den Zentauren seit einigen Jahren nicht mehr gesehen, aber … ja, der hellblonde Haarschopf war unverkennbar. Firenze trat aus dem Verbotenen Wald und Hermine winkte ihm zu, aber er schien sie nicht zu bemerken. Wie lange mochte es her sein, dass sie ihn zuletzt gesprochen hatte? Firenze war in der Schlacht von Hogwarts schwer verletzt worden und nach seiner Genesung nicht als Lehrer zurückgekehrt. In der Schlacht … Hermine fiel es wie Schuppen von den Augen. Da war sie ja, ihre Lösung!
Perfekt
Julien war perfekt. Roxy fand einfach keinen Makel an ihm. Keinen einzigen.
Er erzählte ihr, wie nervös er gewesen war, als er sie um ein Date bitten wollte. Dass er sie gleich gemocht hatte, als er sie zum ersten Mal sah.
„Da war so ein Typ … ein bisschen älter als du … ich schätze mal so 17. Er wollte alles Mögliche wissen. Du solltest ihm alles im Laden ganz genau erklären, aber du hast dich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Du hast ihm alles vorgestellt, ihm jede Frage beantwortet … das war … Ich wäre längst ausgerastet …"
„Das glaube ich nicht", entgegnete Roxy. Er hatte sie zum Lachen gebracht. Sie erinnerte sich an den Jungen. Sie war sich nicht ganz sicher gewesen, ob er wirklich an den Produkten interessiert war oder an ihr … oder, das war am wahrscheinlichsten … dass er darauf wartete, dass ein berühmtes Mitglied ihrer Familie im Laden auftauchte.
Julien hatte sie immer noch nicht nach ihrer Familie gefragt… und sie ihn ebenfalls nicht. Es war wie bei Schrödingers Niffler: Solang die Kiste geschlossen blieb, war er und war er gleichzeitig kein Todesser-Nachkomme. Das war immer noch besser, als sicher zu wissen, dass er einer war, oder? Vielleicht könnte sie den Deckel der Kiste einen Spalt breit öffnen und rechtzeitig wieder schließen, bevor sie etwas sah, was sie nicht sehen wollte.
„Ich glaube, ich habe dich noch nie in Hogwarts gesehen", sagte sie und konzentrierte sich dann ganz auf den riesigen leuchtenden Eisbecher vor ihr. Sie wollte seine Reaktion auf ihre Anmerkung nicht sehen… bereute schon überhaupt etwas gesagt zu haben.
„Ich gehe auf eine andere Schule", erklärte Julien und schaufelte sich dann ebenfalls einen großen Löffel Eis in den Mund.
„Auf welche denn?"
Roxy verstand Juliens Antwort nicht, weil er noch immer den Mund voll hatte – und ahnte, dass das wohl kein Zufall war. Vielleicht hatte Molly recht. Sie musste wirklich ein wenig vorsichtiger sein. Es liefen immerhin noch immer drei Todesser frei herum und Julien war gerade zum richtigen Moment aufgetaucht, um sie aus dem sicheren Haus zu locken.
„Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?", fragte Roxy schließlich, auch, wenn das vermutlich dazu führen würde, dass sie selbst ihren Nachnamen verraten musste. Aber was blieb ihr anderes übrig. Julien antwortete nicht. Er sah an ihr vorbei, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen.
Ein spitzer Schrei brachte Roxy dazu sich abrupt umzudrehen. Eine Frau ein paar Tische weiter war aufgesprungen und beugte sich jetzt gerade über … Grandpa! Roxy stieß ihren Stuhl um, so schnell war sie auf den Beinen. Ihr Grandpa lag am Boden, rührte sich nicht mehr. Als Roxy neben ihm kniete, hatte die Hexe seinen Arm schon ergriffen.
„Er muss sofort ins St. Mungo's", sagte sie und winkte dann den Kellner herbei.
„Können Sie einen Heilzauber?", fragte Roxy, während sie nach ihrem eigenen Zauberstab suchte.
„Keinen passenden", sagte die Hexe entschuldigend.
„Episky!", probierte Roxy, als sie ihren Stab endlich gefunden hatte. Sie wusste, dass der Spruch nicht wirken würde, aber sie wollte zumindest nichts unversucht lassen.
Der Kellner ließ fast sein Tablett fallen, als er den Mann am Boden sah. Roxy vermutete, dass er ihren Grandpa gleich erkannt hatte. „Wir sind nicht gut ausgestattet mit Erste-Hilfe-Tränken. Würden Sie ihn per Seit-an-Seit ins St. Mungos bringen? Ich bringe die junge Dame hinterher."
Die Hexe nickte und verwand augenblicklich. Natürlich hatten die beiden Recht. Es gab keine Zeit zu verlieren. Roxy wollte gerade die Hand des Kellners nehmen, als ihr Julien einfiel.
„Können Sie uns beide mitnehmen", sagte sie und deutete auf Julien, der kreidebleich und mit offenem Mund ein paar Meter hinter ihr stand.
„Ich bin nicht sonderlich gut darin", erklärte der Kellner zerknirscht. „Kommt. Ich bringe euch zum Kamin. Das ist sicherer."
Roxy winkte Julien herbei, griff nach seiner Hand und gemeinsam folgten sie dem Kellner. Dieser zeigte ihnen einen aufwendig verzierten Kamin in einem der Privaträume im Eissalon und ließ sie dort allein.
„Er ist im St. Mungo's", erklärte Roxy und nahm sich eine Hand voll Flohpulver. Als sie in den Kamin steigen wollte, hielt Julien sie am Arm zurück.
„Ich kann nicht mit", erklärte er. Er war noch immer kreidebleich. Julien schloss die Augen, öffnete sie wieder, doch er sah Roxy nicht in die Augen.
Roxy war mit ihren Gedanken viel zu sehr bei ihrem Grandpa, um verarbeiten zu können, was er gesagt hatte. Sie nickte nur und stieg alleine in den Kamin.
„St. Mungo's", sagte sie und verschwand.
Die Nachricht
„Der Cru-Cruciatus … aber …"
Harry hatte gehofft … so sehr gehofft, dass er diesen Gesichtsausdruck niemals bei einem seiner Kinder würde sehen müssen. Diese Mischung aus Angst, Verzweiflung und Hass war ihm in seiner Jugend ein ständiger Begleiter gewesen. Teddy die Nachricht vom Angriff auf Andromeda zu überbringen war schrecklich gewesen, aber kein Vergleich zu dem was Harry fühlte, als er in das Gesicht seines Ältesten schaute.
„Aber sie wird es doch schaffen?" Tränen kullerten aus Teddys Augen, als die Verzweiflung sich in seinem Gesicht breit machte und Harry war merkwürdig erleichtert, dass es nicht der Hass war, der die Überhand gewann. Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte keine Ahnung, wie es um Andromeda stand. Sie war taff, aber eindeutig nicht mehr die Jüngste und er wusste nicht genau, wie lange sie gefoltert wurde, bis seine Auroren – und das Mädchen mit dem Hockeyschläger – dazwischen gingen. Statt seinem Patensohn zu antworten drückte er den jungen Mann fest an sich und vergoss selbst ein paar Tränen. Er ließ Teddy erst los, als dieser aufhörte zu zittern.
„Molly und Lucy sind okay?" Harry nickte zur Antwort.
„Und die Muggle?"
„Eine Trainerin wurde gegen die Wand geschleudert und hat sich den Arm gebrochen, aber stell' dir vor: Lucy hat ihn geheilt, bevor wir ankamen." Teddy schenkte ihm ein trauriges, kleines Lächeln.
„Ich möchte zu Grandma." Harry nickte. Genau das hatte er erwartet.
Zeitgleich mit Dudley und Rosemary betraten Harry und Teddy das Esszimmer.
„Thomas hat sich den Arm gebrochen", sagte Dudley bleich. „Sie haben ihn in ein Krankenhaus gebracht."
„St. Mungo's", sagte Rosemary. „Könnt ihr uns da hinbringen." Harry nickte und beschloss zunächst darauf zu verzichten, die beiden Muggle über die anderen Geschehnisse aufzuklären.
Dudley sah Harry für einen Moment irritiert an. „Warst du nicht verschwunden?", fragte er.
„Ich bin wieder aufgetaucht", erklärte Harry knapp.
Das schien Dudley als Erklärung zu reichen. „Schön, dass es dir gut geht."
„Hast du nicht schon Feierabend?", fragte Teddy Tina Jordan, die noch immer Wache vor dem Kamin hielt.
„Es scheint gerade alles ein wenig drunter und drüber zu gehen", antwortete sie und zuckte mit den Achseln. „Ich denke, meine Ablösung wird woanders gebraucht."
„Vielen Dank für Ihren Dienst, Auror Jordan", sagte Harry.
„Seit-an-Seit?", fragte Teddy Harry. Der nickte. Aus Sicherheitsgründen war es möglich vom Esszimmer aus zu disapparieren. Kommentarlos nahm Teddy Rosemarys Hand und Harry legte Dudley eine Hand auf die Schulter. Es galt keine Zeit zu verlieren.
Die Entscheidung
Harry hatte es sehr eilig gehabt, als er ihr erzählte, was geschehen war. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Andromeda lag schwer verletzt im Krankenhaus. Teddy musste erfahren, dass seine Großmutter gefoltert worden war. Ihre Töchter waren da nur eine Nebensache. Kollateralschaden. Der Kloß in Audreys Hals, der immer größer und größer zu werden schien, hinderte sie fast daran zu atmen; ließ sie fast ohnmächtig werden – jetzt und hier. Fast. Der Gedanke an ihre Töchter – alleine in irgendeinem dunklen Ort – ließ sie weiterlaufen. Obwohl Percy hier arbeitete, seit sie ihn kannte, war Audrey noch nie im Zaubereiministerium gewesen. Doch sie hatte keine Augen für die Denkmäler, die vielen Hexen und Zauberer oder die fliegenden Memos. Sie folgte dem Auror, den Harry für sie abbestellt hatte; setzte immer nur einen Fuß vor den anderen … einen vor den anderen. Am Ende ihres Weges würde sie ihre Töchter finden, gesund und munter. Ein Schritt noch… und noch einer… Der Weg schien endlos weit und, als der Auror endlich vor einer Tür anhielt und klopfte, wollte Audrey ihn am liebsten zur Seite stoßen und die Tür aufreißen.
Eine Aurorin kam ihr zuvor und öffnete die Tür von innen. Sie musterte Audrey kurz. Dann warf sie ihrem Begleiter einen schnellen Blick zu. Der Auror nickte erst der Aurorin und dann Audrey zum Abschied zu und verschwand. „Kommen Sie", sagte die Aurorin zu Audrey. Audrey sagte kein Wort. Sie schob sich durch die Tür und … da waren sie. Audreys Herz machte einen Satz und sie stürmte auf ihre Töchter zu, die heil und unversehrt auf einem großen Sofa saßen und aus dampfenden Tassen Kakao tranken. Audrey quetschte sich an dem großen Konferenztisch vorbei und stürmte auf ihre Töchter zu. Molly schaffte es noch ihren Kakao abzustellen, bevor Audrey sie beide umschlang. Lucys Kakao verteilte sich über das Sofa und die Weasleys. Sie weinten alle drei und es dauerte eine ganze Weile, bis Audrey bereit war ihre Töchter wieder loszulassen. Ihre Mädchen, die ihr fast genommen worden wären von dieser Welt, die sie nicht verstand und von der sie nie ein Teil sein würde.
Molly war die erste, die ihre Sprache wiederfand.
„Mom, wir sind okay", sagte sie. „Andromeda hat uns verteidigt und Lucy und Lisa haben gekämpft und Harry war auch gerade rechtzeitig da."
„Hast du schon was von Andromeda gehört?", fragte Lucy und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Audrey schüttelte bedauernd mit dem Kopf.
„Ich weiß nur, dass sie im St. Mungo's ist. Meint ihr, ihr könnt mir erzählen, was genau passiert ist? Harry hat mir nur gesagt, dass ihr angegriffen wurdet…"
Sie wollte ihre Kinder nicht überfordern. Sie sollten ihretwegen nicht erneut durchleben müssen, was sie durchgemacht hatten, aber … sie musste es wissen. Sie musste einfach. Wie sonst konnte sie ihre Mädchen stützen?
„Ja, wir haben extra auf dich gewartet", erklärte Lucy mit einem kleinen Lächeln. Audrey verstand nicht, was sie meinte.
„Wir haben Jantina erst mal nur die wichtigen Infos gegeben. Also, die, die sie brauchen, damit sie die Todesser schneller einfangen können. Aber Jantina wollte mit dem Bericht warten, bis du da bist."
Audrey wusste noch immer nicht wirklich, worauf ihre Kinder hinaus wollten. „Wer ist Jantina?", fragte sie. Audrey hatte die Aurorin, die ihr die Tür geöffnet hatte vollkommen vergessen. Zu sehr war sie mit ihren Zwillingen beschäftigt gewesen. Aber die Aurorin hatte den Raum nicht verlassen und jetzt kam sie mit einem kleinen Lächeln auf Audrey zu und gab ihr die Hand.
„Jantina Sonskyn", stellte sie sich vor. Die Haut der Aurorin war, soweit Audrey sie aufgrund des langen Zaubererumhangs sehen konnte, mit Tattoos bedeckt, sie hatte mehrere Piercings im Gesicht und ihr Haar war weiß, obwohl sie noch sehr jung war.
„Audrey Weasley", sagte Audrey, als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte.
„Ich habe ihren Kindern vorhin mit Auror Potters Einverständnis schon ein paar wichtige Fragen gestellt. Ich habe keine Frage gestellt mit der sie sich selbst belasten könnten. Ich habe mich auf Beobachtungen ihrer Töchter bezüglich der Angreifer konzentriert, die uns helfen könnten, diese schnellstmöglich zu finden und dingfest zu machen. Hier eine Mitschrift." Die Aurorin schwang ihren Zauberstab und ein Pergament, das auf dem Konferenztisch lag, bewegte sich. Die obere Schicht schien sich langsam abzulösen, bildete sich dann zu einem normalen Blatt Pergament und flog Audrey auf den Schoß. Sie überflog das Pergament rasch. Es handelte sich um eine körperliche Beschreibung der Todesser, samt ihrer Kleidung, Frisur etc..
„Ihre Tochter Molly ist ein Genie", erklärte die Aurorin. „Ich habe noch nie jemanden interviewt, der sich so viele Details merken konnte."
Molly zuckte mit den Schultern. „Ich wusste ja, dass das wichtig sein würde. Deshalb habe ich versucht mir so viel wie möglich einzuprägen."
„Sie haben den Todesser, der Andromeda angegriffen hat, noch erwischt", erklärte Lucy. „Es geht um die anderen. Einer der anderen war auf jeden Fall auch bei der Turnhalle."
„Du hast ihn erwischt", korrigierte Molly und sah ihre Schwester direkt an. Seltsam. Audrey hatte ihre Töchter schon lange nicht mehr so … eng gesehen. Nicht mehr seit Lucy nach Hogwarts gegangen war.
„Lisa hat ihn erwischt", sagte Lucy und lächelte ein wenig.
„Seid ihr bereit, darüber zu reden, was passiert ist?", fragte Audrey ihre Töchter. Beide nickten.
„Wir wollen, dass ihr die anderen so schnell wie möglich packt", sagte Molly an die Aurorin gewandt. Diese nickte.
„Okay. Audrey … darf ich Sie Audrey nennen?" Audrey nickte. „Audrey, ich würde Ihren Töchtern gerne ein paar Fragen stellen. Ich mache das nur in Ihrer Anwesenheit und mit Ihrem Einverständnis. Wenn Sie irgendwann der Meinung sein sollten, Ihre Töchter hätten genug gesagt und gerne ein anderes Mal oder gar nicht weitermachen wollen, sagen Sie Bescheid. Dasselbe gilt natürlich für euch beide." Die Aurorin nickte Lucy und Molly zu. „Ich werde eure gesamte Aussage mitschreiben. Wenn eine von euch dazu bereit wäre, der Zentrale ihre Erinnerungen zur Verfügung zu stellen, wäre das natürlich noch besser, aber das ist eine schwierige Entscheidung, die ihr auf jeden Fall mit eurer Mutter abstimmen solltet."
„Da wäre mein Mann wohl der bessere Ansprechpartner. Wissen Sie, er ist ein Zauberer und ich …" Audrey stockte. Das Ganze war falsch. Woher sollte sie wissen, ob die Mädchen sich selbst belasteten? Vermutlich würde sie nicht einmal verstehen, was ihre Kinder gleich erzählen würden. Sie war der denkbar falscheste Elternteil für diesen Job.
„Ich kann gerne nach der Vernehmung einen Mitarbeiter aus der Mysteriumsabteilung kommen lassen", sagte die Aurorin mit einem kleinen Lächeln. „Die kennen sich mit Denkarien bestens aus. Ich würde mich auch vorher beraten lassen, um so eine Entscheidung zu fällen. Gerade, wenn es nicht um die eigenen Erinnerungen, sondern um die der Kinder geht.
Falls Sie sich irgendwann während der Vernehmung unsicher sind, ob Sie etwas in Ordnung finden, unterbrechen Sie mich bitte. Sie sind die Mutter und Sie haben das Sagen."
Audrey nickte. Für die Aurorin schien es keine Rolle zu spielen, dass sie keine Hexe war. Sie verfluchte Percy dennoch dafür, dass er nicht hier war. Ihre Töchter waren angegriffen worden … und er war nicht hier.
Als Percy kam, war alles vorbei. Als er kam kannte Audrey jedes Detail des Angriffs. Sie wusste, wie gut Lucy sich an die Stimme des Todessers erinnern konnte und dass ihr ein Schauer über den Rücken lief, wenn sie nur daran dachte. Sie wusste, dass Molly in Tränen ausbrach, wenn sie sich an Andromeda erinnerte, die sich vor Schmerzen krümmte. Sie hatte sich sogar dazu entschieden Mollys Erinnerung anzusehen. Sie wusste, was ihre Mädchen erlebt hatten. Sie hatte alles mit den Augen ihrer Tochter gesehen.
Als Percy kam, hatten Molly und Lucy sich beide dazu entschieden im Prozess gegen Lestrange aussagen. Außerdem hatten sich die Weasley-Frauen bereits beraten lassen und schließlich entschieden, dass Molly ihre Erinnerungen für die Verhandlungen gegen Lestrange bereitstellen würde. Audrey konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so viele Tränen vergossen hatte wie in den letzten Stunden … vermutlich noch nie. Aber … sie war auch noch nie so stolz gewesen. Sie hatte durch Mollys Erinnerungen gesehen, wie Lucy der Trainerin geholfen hatte. Sie hatte gesehen, wie Molly unauffällig dafür sorgte, dass ihre Mitspielerinnen nicht in die Schussbahn des Todessers gerieten … Mollys Freundin Lisa, die den Todesser angriff und wieder Lucy, die die Chance nutzte und den Mörder entwaffnete. Sie hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte … hatte beide Kinder immer und immer wieder umarmt … fest an sich gedrückt.
Als Percy kam weinte schon längst keine mehr. Was blieb waren dunkle Erinnerungen und die Angst. Audrey ahnte, dass weder sie noch ihre Töchter diese Weggefährten schnell wieder loswerden würden. Den anderen Spielerinnen und auch den Trainerinnen waren bereits jegliche Erinnerungen an den Todesser aus dem Gedächtnis verbannt worden. Ein Unfall mit einem Bagger war die offizielle Erklärung für das riesige Loch in der Wand. Wenn Audrey keinen Zauberer geheiratet hätte, könnten auch ihre Töchter sich jetzt nicht mehr an den Vorfall erinnern … und sie hätte nie davon erfahren.
Als Percy kam, saßen Jantina, Lucy, Molly und Audrey in Harrys kleinem Konferenzraum, tranken Tee und Kakao und sprachen darüber, wie es weitergehen würde. Jantina unterstützte sie in jedem Schritt. Audrey ahnte inzwischen, dass Harry in der kurzen Zeit, die ihm geblieben war, um sich um Lucy und Molly zu kümmern, bevor er Teddy zu Andromeda brachte, genau wusste, was er tat, als er ihnen Jantina zuteilte. Sie würde sich später bei ihm bedanken. Jetzt mussten sie entscheiden, was mit Lisa passierte. Allerdings durften sie diese Entscheidung leider nicht alleine treffen. Audrey wusste inzwischen, was genau es mit Lisa und Molly auf sich hatte. Überrascht war sie nicht. Schon bei beim letzten Rollhockey-Turnier hatte sie bemerkt wie nah sich die Mädchen waren. Audrey hatte außerdem entschieden, die Mädchen für ein paar Sitzungen zu dem magischen Therapeuten zu bringen, den Jantina ihnen empfahl. Beide waren einverstanden.
Als Percy kam, konnte Audrey es nicht fassen. Sie konnte nicht fassen, dass er jetzt kam. Sie konnte nicht fassen, dass er gegangen war.
Als Percy kam, sagte er: „Ich war Mitten in einem Meeting mit dem britischen Botschafter in Argentinien. Ich konnte Harrys Nachricht also erst danach lesen. Und dann musste ich noch auf einen Eilportschlüssel warten. Ich hätte in zehn verschiedenen Ländern einen Zwischenstopp machen müssen, wenn ich mit Flohpulver gereist wäre. Da wäre bestimmt auch nicht eher da gewesen."
Als Percy kam, beschloss Audrey, ihn zu verlassen.
Merde!
„Merde!" Fleur schnupperte an dem Whiskey. Er musste vergiftet sein. Aber wie? Von wem? Fleur zwang sich ruhig zu bleiben. Gut, eins nach dem anderen. Das wichtigste war, Ginny und Ron schnellstmöglich ins St. Mungos zu bringen. Vor Rons Mund bildete sich Schaum und Ginny zuckte. Es blieb nicht viel Zeit und sie konnte von hier aus nicht disapparieren. Verfluchte Schutzschilde. Sie musste es bis zum Esszimmer oder zur Haustür schaffen, um überhaupt bis ins St. Mungos zu kommen – mit den beiden bewusstlosen Weasleys. Fleur fluchte erneut. Das war unmöglich. Es musste einen anderen Weg geben. Harry hatte doch in der Küche einen Schrank mit Erste-Hilfe-Tränken eingerichtet. Vielleicht war etwas gegen Vergiftungen dabei. Sie konnte etwas herbeizaubern. Vergiftungen … was half gegen Vergiftungen …
„Accio Bezoar!", rief sie schließlich und öffnete die Schranktür von außen. Tatsächlich flog der Stein innerhalb von wenigen Sekunden auf sie zu und Fleur fing ihn auf. Sie teilte ihn in zwei Hälften und legte diese beiden Weasleys in den Mund.
Sie schickte ihren Patronus nach Bill, dann nach Teddy und schließlich auch nach Angelina. Keiner von Ihnen war noch im Grimmauldplatz. Wo waren sie?
Der Bezoar war noch rechtzeitig für Ron und Ginny gekommen. Beide fingen langsam an wieder gleichmäßiger zu atmen und Ron schlug schon die Augen auf. Fleur reichte ihm die Hand und half ihm auf die Beine.
„Alles okay?" Ron nickte.
„Von wem kam die Flasche?", fragte Fleur und deutete auf den Feuerwhiskey. Ron brauchte einen Moment. Vermutlich musste er erst realisieren, was passiert war. Dann fluchte er laut. Auch Ginny hatte inzwischen die Augen wieder aufgeschlagen und sah sich irritiert um.
„Von der Aurorin!", rief Ron. „Die Nichte von Lee Jordan!" Sie drehten sich alle drei zeitgleich zur Tür um. Eine Gestalt stand darin und bevor die drei überhaupt realisieren konnten, was geschah, fing sie ihre Zauberstäbe auf und die Tür knallte zu.
„Merde!"
Jäger und Schilder
Sie hatten seine Grandma in einen heilenden Schlaf versetzt, wie sie es gewöhnlich bei Hexen und Zauberern mit starken Verletzungen taten, damit der Körper sich ganz auf die inneren und äußeren Verletzungen konzentrieren konnte. Das Problem beim Cruciatus war, wie Teddy sehr wohl wusste, dass er keine sichtbaren Wunden hinterließ. Der Schmerz hatte keine körperliche Ursache und existierte nur im Kopf der Opfer und war dadurch doch nicht weniger real. Teddy hatte den Fluch noch nie selbst zu spüren bekommen, aber sowohl im Hogwarts-Unterricht als auch in der Ausbildung einiges darüber gelernt. Er wusste, dass einige Mitglieder seiner Familie unfreiwillig auch praktisches Wissen über diesen Unverzeihlichen erworben hatten – während des Krieges war es vielen so gegangen. Er hatte auch damit gerechnet, dass er als Auror früher oder später mit dem Cruciatus in Kontakt kommen würde, aber …
Teddy wusste, was für Folgen der Fluch im schlimmsten Fall haben konnte. Er wusste von Auroren, die an den Folgen gestorben waren – und das war nicht der schlimmste Verlauf: Er wusste, dass die Eltern von Neville Longbottom seit über 30 Jahren aufgrund von schweren psychischen Schäden in diesem Krankenhaus lebten. Das Problem war, dass es nicht viel gab, was man machen konnte. Dadurch, dass die Wunden nicht sichtbar waren, konnten sie nicht geheilt werden. Auch magische Therapeuten konnten selten etwas ausrichten – wie auch? Es gab ja nichts aufzuarbeiten, es gab nichts zu behandeln, es gab nur den Schmerz.
Teddy kniete neben seiner Grandma und nahm ihre Hand. Harry schob ihm einen Stuhl hin und legte ihm dann die Hand auf die Schulter. Dass auch Harry ihm in einer Situation nicht mehr weiterhelfen konnte, dass auch ihm die Worte fehlten, passierte selten. Aber Teddy war froh, dass er schwieg. Dass er nichts versprach, von dem sie beide wussten, dass er es nicht würde halten können.
Teddy hörte ein Räuspern. Er hatte die Dursleys vollkommen vergessen. Natürlich. Auch sie waren hier um nach jemandem zu sehen. Harry warf Teddy einen kurzen Blick zu und der nickte. Er würde bei Andromeda bleiben. Sollte Harry sich um die Muggle kümmern. Teddy war Erwachsen. Er kam schon zurecht. Er versuchte nicht darüber nachzudenken, wie es sein würde, allein mit Andromeda in diesem farblosen Zimmer zu sein. Versuchte nicht darüber nachzudenken, wie sehr er Harry jetzt brauchte. Teddy sah sich kurz zu den Dursleys um. Sie sahen verängstigt aus. Teddy hatte nicht so ganz verstanden, was mit Thomas passiert war. Er hatte sich den Arm gebrochen – gut, das passierte. Aber Cook war ein Auror und durchaus in der Lage einen gebrochenen Arm zu heilen. Einen Muggle ins St. Mungo's zu bringen, war nicht unbedingt die beste Lösung.
Harry streckte den Kopf aus der Tür und rief jemanden zu sich. Der Heiler, der hereinkam, erkannte Harry natürlich sofort und war eifrig zu helfen. Harry lächelte ihn an. Auch, wenn sein Pate immer wieder betonte, wie schrecklich er es fand, immerzu überall erkannt und bevorzugt zu werden, war dies nicht das erste Mal, dass Teddy beobachtete, wie Harry dies zu seinem Vorteil nutzte.
„Mr. Dursley ist mein Cousin. Seine Frau und er sind auf der Suche nach ihrem Sohn Thomas. Er wurde vor kurzem mit einem komplizierteren Armbruch eingeliefert. Könnten Sie sie zu seinem Zimmer begleiten?" Teddy atmete beruhigt aus, als ihm klar wurde, dass Harry nicht vorhatte, ihn allein zu lassen. Ihre Blicke trafen sich und Teddy begriff, dass sein Pate mal wieder ganz genau wusste, was in ihm vorging.
„Aber natürlich, Mr. Potter, Sir!", sagte der Heiler strahlend und nickte. „Wenn ich sonst noch etwas tun kann, zögern Sie nicht mich zu rufen. Mein Name ist Murphy."
„Ich danke Ihnen, Heiler Murphy", sagte Harry mit einem erneuten Lächeln.
Teddy befürchtete für einen Moment, dass die Dursleys widersprechen würden … dass sie darauf bestehen würden, dass Harry bei ihnen blieb. Aber sie sagten nichts. Rosemary warf einen Blick auf Andromeda und schenkte Teddy ein trauriges Lächeln, bevor sie hinter ihrem Mann und dem Heiler das Zimmer verließ.
„Danke", flüsterte Teddy, ohne Harry anzusehen. Harry verwandelte eine hässliche Vase, die vor dem kleinen Fenster stand, in einen Stuhl und setze sich an Andromedas andere Seite. Er sagte kein Wort.
„Möchtest du, dass ich jemandem Bescheid gebe?", fragte Harry nach einer Weile. Und dann, als Teddy ihn nur verwirrt ansah, fügte er hinzu: „Narcissa zum Beispiel oder vielleicht Neville." Teddy dachte an Molly, die seiner Großmutter die liebste Freundin war. Nein, das war zu gefährlich. Zwei der drei Todesser waren noch immer da draußen und der Witwer von Bellatrix Lestrange hatte es bestimmt auf Molly abgesehen.
„Neville?", fragte Teddy. Harry antwortete nicht, doch Teddy verstand ihn auch ohne Worte. Neville hatte Erfahrung mit … Teddy brach den Gedanken ab und betrachtete seine Großmutter. Ihr Schlaf mochte heilend sein, aber er war ganz sicher nicht friedlich. Die Augen waren zusammengekniffen und der Mund zu einem schmalen Schlitz verzogen. Sie sah nicht aus wie seine Großmutter. Eher wie jemand anders, der sich ihren Körper nur übergestreift hatte wie einen schlecht sitzenden Mantel.
Der Finger erreichte Teddy und Harry zeitgleich. Früher hatten die Auroren Nachrichten häufig mit Patroni geschickt – das taten sie heute noch – aber die Gefahr war groß, dass jemand lauschte. Informationen, die nicht für fremde Ohren gedacht waren, wurden seit einigen Jahren per Finger geschickt. Jeder Auror trug einen Ring am linken Mittelfinger (bei Matthews war es seit dem Ghul-Vorfall der rechte), der der Nachrichten empfangen und versenden konnte. Der Ring konnte nur vom Träger selbst bedient oder abgenommen werden. Die Ringe wurden warm, wenn sie etwas empfingen. Um die Nachricht abzurufen, musste man den Ring nur mit einem anderen Finger berühren. Nun, das alles war bis hierhin nichts Neues. Schließlich hatten auch die Todesser zu Voldemorts Zeiten über Tattoos und Dumbledores Armee zu Ginnys Zeiten mit Münzen kommuniziert, aber der Ring hatte einen Clou, der Hermines Erfindung war und ihr den Respekt der gesamten Aurorenzentrale eingebracht hatte: Die Nachrichten konnten nicht unter Zwang geöffnet werden! Weder konnte jemand einen Finger des Trägers an den Ring drücken, noch einen Zauber nutzen und der Träger konnte auch nicht mit vorgehaltenem Zauberstab zum Öffnen der Nachricht gezwungen werden. Hermine hatte Teddy mal zähneknirschend gesagt, dass es eine Art Umkehrung des Imperio-Zauberspruchs war, die den Ringen diese Macht verlieh, aber wen störte schon, dass es ein Unverzeihlicher Fluch war von dem die Macht ausging. Für die Auroren waren die Ringe viel wert.
Harry und Teddy sahen sich an und berührten zeitgleich ihre Ringe. Die Nachricht – von den Auroren Finger genannt – wurde mit schwarzer Tinte aus einer unsichtbaren Feder auf Teddys Mittelfinger geschrieben. Sobald er ein paar Worte gelesen hatte, verschwanden sie und machten neuen Platz. Die Nachricht war nicht lang.
Geiselnahme im St. Mungos
Lestrange 2 und Selwyn
Verhandlung im Gange
Briefing in 5 Min.
„Weißt du, wo das Briefing stattfindet?", fragte Teddy, als die letzten Buchstaben verschwanden und keine neuen erschienen. Eine Geiselnahme. Teddy kannte die Protokolle. Er wusste, welches Aurorenteam zum Einsatz kommen würde und was das Vorgehen war. Aber Geiselnahmen kamen zum Glück nicht allzu häufig vor. Seit Teddy bei den Auroren arbeitete, hatte es noch keine gegeben. Warum hatte er die Nachricht bekommen? Warum sollte er im Briefing dabei sein? Er war noch ein Auszubildender.
„Sie kommen her", antwortete Harry leise und Teddy glaubte ein leichtes Zittern in seiner Stimme zu hören. Teddy spürte eine Gänsehaut auf seinen Armen und sein Atem stockte. Er hatte Harry noch nie so … irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
„Harry…", fing er an, obwohl er sich nicht sicher war, ob er wirklich wissen wollte, was los war. Vielleicht kam er ja einfach darum herum. Vielleicht konnte er einfach in den nächsten Kamin steigen und wiederkommen, wenn sich die Situation wieder entspannt hatte. Aber dazu hatte er wohl den falschen Beruf gewählt.
Erneut fragte er sich, warum sie ihn bei einer Geiselnahme dabeihaben wollten. Er hatte doch schon einen Auftrag. Ihm war der Grimmauldplatz zugeteilt worden. Seine Familie war seine Verantwortung.
„Scheiße", sagte er leise, als er begriff. „Scheiße!", deutlich lauter. Er war für die Potters und Weasleys verantwortlich. Das war seine Aufgabe. Die Zentrale würden ihn nicht zusätzlich für etwas Anderes einteilen. Erst recht keine Geiselnahme. Also musste sich die Geiselnahme mit seinem Zuständigkeitsgebiet überscheiden … sein Blick traf den Harrys.
„Wer ist es?", fragte Teddy. Harry zuckte mit den Achseln.
„Ich habe bisher nur die Info bekommen, dass Jefferson mir die Befehlsgewalt bis zur Befreiung der Geiseln entzieht."
„Also weißt du es nicht sicher. Du denkst das nur, weil …"
„Weil ich weder tot, noch schwer verletzt, noch unabkömmlich bin und persönliche Betroffenheit der einzige Grund ist, der übrig bleibt, aus dem Jefferson mich abziehen kann."
Sie hörten die Schritte zeitgleich und stellten sich mit ihren Stäben bewaffnet nebeneinander vor der geschlossenen Tür auf. Es waren wahrscheinlich die Auroren, die für das Briefing eintrafen, aber … Es klopfte an der Tür.
„Name!", rief Harry.
„Jefferson", antwortete eine Stimme auf der anderen Seite.
„Was befindet sich in der untersten rechten Schublade deines Schreibtisches?", fragte Harry, den Zauberstab noch immer hoch erhoben.
„Keine Ahnung", antwortete die Stimme. „Ich habe den Klebefluch darauf nicht brechen können, seit ich das Büro habe." Harry nickte Teddy zu und beide ließen die Zauberstäbe sinken. Die Tür öffnete er aber noch nicht. „Als du mich gebeten hast, die Stellvertretung zu übernehmen, habe ich dich gefragt, warum du mich haben möchtest. Was hast du geantwortet?", fragte Jefferson von der anderen Seite der Tür. Natürlich! Auch Teddy und Harry konnten mit Vielsafttrank aufgepumpte Todesser sein.
„Das ist unfair, Jefferson!", sagte Harry und kurz dachte Teddy, dass er den Zauberstab wieder in Angriffsstellung bringen würde, aber als ihre Blicke sich trafen, ließ er ihn wieder sinken.
„Beantworte die Frage!", kam es von der anderen Seite der Tür.
„Ich wollte dich, weil ich wusste, dass du in der Lage wärst, mir Contra zu geben und mir das Ruder aus der Hand zu reißen, wenn es sein müsste."
Die Tür öffnete sich und ein Team von sieben Auroren betrat das Zimmer. Jefferson ging voran. Sie war ein paar Jahre älter als Harry. Ihre blonden Haare zeigten aber im Gegensatz zu Harrys noch keine Spur von grau. Ihre dunklen Augen scannten den Raum innerhalb von Sekunden. Sie ging direkt auf Harry zu und führte ihn in eine Ecke des Raumes. Teddy mochte Jefferson nicht besonders. Sie war … irgendwie kalt. Nie schien ihr etwas Nahe zu gehen. Nie ließ sich an ihrem Gesicht, ihrer Stimme oder sonst etwas erahnen, was sie fühlte. Aber Teddy wusste, dass Harry sehr viel von ihr hielt.
Teddy betrachtete die Auroren, die mit Jefferson gekommen waren. Das hier waren nicht die Schilde, das Team für die Verhandlungen bei Geiselnahmen. Das hier waren die Jäger. Spezialisiert auf Todesser. Nun, vermutlich waren beide Teams irgendwie in diesen ganzen Mist involviert. Jefferson war die Teamleiterin der Jäger und vermutlich für heute auch die der Schilde. Creevey, der diesen Posten bis vor ein paar Wochen inne hatte, war von Harry auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden. Er hatte einen Nervenzusammenbruch, als herauskam, dass die fünf Todesser verschwunden waren. Sein Bruder war in der Schlacht von Hogwarts von einem der Todesser getötet worden. Mehr hatte Harry Teddy nicht verraten wollen, als er nachhakte.
Zwei der Auroren begannen den Raum mit verschiedenen Sprüchen zu sichern. Harry sprach immer noch mit Jefferson. Die beiden hatten einen Muffiato-Zauber um sich gelegt und Teddy konnte Harrys Gesicht nicht sehen. Teddy stellte sich vor das Bett seiner Grandma. Er wollte nicht, dass sie alle sie so sahen, wollte ihr ein wenig Würde bewahren. Er konnte verstehen, warum Jefferson sich für diesen Raum entschieden hatte. Hier würde sie wahrscheinlich niemand stören.
„So!", sagte Jefferson und die Jäger stellten sich vor ihr auf. „Die Situation ist folgende: Rodolphus Lestrange und Augustus Selwyn sind vor etwa 20 Minuten durch den Haupteingang hereinmarschiert. Kein Vielsafttrank, keine Verwirrungszauber oder ähnliches. Sie sind einfach hier hereinmarschiert und schienen ziemlich genau zu wissen, wen sie suchten." Teddy versuchte Harrys Blick aufzufangen, aber der starrte geradeaus ins Nichts. „Sie haben sich direkt im Eingangsbereich drei Kinder geschnappt und sind mit ihnen disappariert." Kinder? Moment mal, Kinder? Davon war vorher nicht die Rede gewesen. Warum war Harry so ruhig? Wen hatten sie entführt? Er brauchte einen Moment, um … Musste verarbeiten … Was bedeutete das? Welche Kinder? WELCHE VERDAMMTEN KINDER? Doch Jefferson sprach einfach weiter: „Wir vermuten, dass sie sich noch hier im Krankenhaus befinden. Die Schilde haben bereits vor 10 Minuten Kontakt zu den Geiselnehmern aufnehmen können. Aber die stellen Forderungen, die wir nicht erfüllen werden. Die Verhandlungen könnten also eine Weile andauern. Das hier ist ein Krankenhaus, weshalb eine vollständige Evakuierung nicht möglich sein wird. Alle Besucher und Patienten, die nicht in Lebensgefahr schweben, verlassen das Krankenhaus nach und nach. Die Aufsicht führen hierbei vier Aurorenteams, die bereits im Einsatz sind. Die Aufgabe von Ihnen als Jägern wird es sein …" Jefferson machte eine kurze Pause „die Todesser zu jagen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass sie nicht allein arbeiten. Also trauen Sie niemandem! Auch niemandem aus diesem Team, falls Sie nicht die ganze Zeit über zusammen waren. Sollten Sie sich in einer Situation befinden, in der Ihnen keine Zeit für lange Fragen bleiben, ist Ihre Erkennungsfrage ‚Poughkeepsie' und die Antwort darauf ‚Gringotts'. Sie arbeiten in Zweierteams, die sich nur im Notfall trennen. Alle Updates, jegliche Informationen, die Sie sammeln, gehen an Auror Potter, Mr. Lupin, an mich und an alle Jäger, verstanden?" Die Jäger nickten. Teddy bemerkte, dass einige von ihnen ihm und Harry irritierte Blicke zuwarfen. „Ich möchte in jeder Etage ein Team haben. Sie durchkämmen jeden Raum. Im 5. Obergeschoss haben die Schilde ihre Zentrale aufgebaut."
„Die Befehlsgewalt liegt allein bei Auror Jefferson", erklärte Harry. Vielleicht hatte auch er die Blicke bemerkt. „Sollte sich hieran etwas ändern, erhalten Sie diese Information ebenfalls von Auror Jefferson." Okay, also deshalb war er hier. Und Harry wirkte auch viel ruhiger, seit er mit Jefferson gesprochen hatte. Vielleicht hatte es doch einen anderen Grund, dass …
„Und was macht das Küken hier?", fragte ein Auror mit einem Nicken zu Teddy. „Er kommt doch wohl nicht mit auf die Mission?"
„Mr. Lupin hat sich in den letzten Tagen ausgezeichnet hervorgetan, Auror Bailey", sagte Jefferson scharf. Teddy war gestern Abend noch in die Zentrale gefloht, um persönlich vom Kamin-Vorfall zu berichten. Harry und Jefferson waren mit den Jägern unterwegs, aber Teddys Ausbilder Goldstein hatte ihn angehört und seine Entscheidungen ab genickt. Hatte Goldstein schon mit Jefferson gesprochen?
„Mr. Lupin wird den Personenschutz für Mrs. Tonks …" Harry nickte mit dem Kopf zu Grandma. „…gewährleisten."
Einer der Jäger war es schließlich, der Teddys Frage stellte: „Wer sind die Geiseln, Mam?"
„Das ist vertraulich", antwortete Jefferson und Teddy war es, als vermeide sie bewusst, ihn oder Harry bei diesen Worten anzusehen. „Diese Information ist nur für die Schilde von Belang."
„Was ist mit den Forderungen der Todesser?", fragte der gleiche Jäger. Teddy hatte noch nicht direkt mit ihm zu tun gehabt, aber er kannte ihn vom Sehen her. Er hieß Williams, nein Williamson.
„Selbe Antwort." Der Jäger warf Harry einen Blick zu, den Teddy nicht deuten konnte. Dieser schüttelte leicht den Kopf. Daraufhin nickte der Jäger und schwieg. Teddy hoffte, dass Harry ihn über die Geiseln aufklären würde, sobald die Jäger weg waren.
„Sonst noch Fragen?" Jefferson sah mit hochgezogenen Augenbrauen in die Runde.
„Wird es ein Dreierteam geben oder wie teilen wir uns auf?", fragte eine Aurorin, deren Namen Teddy nicht kannte. Sie waren zu siebt. Die Partnerin von Williamson fehlte.
„Es wird vier Zweierteams geben", erklärte Jefferson. „Auror Potter wird sich den Jägern anschließen." Erstaunt sahen die Jäger Harry an und Teddy tat es ihnen gleich. Es war nichts ungewöhnliches, dass Harry mit auf eine Mission ging, aber dann übernahm er im Normalfall das Kommando und schloss sich keinem Team an.
Jefferson teilte die Jäger auf ihre Etagen auf und Teddy war seltsam erleichtert, als sie nach und nach den Raum verließen. Harry warf ihm noch einen letzten fragenden Blick zu, den Teddy mit einem Nicken beantwortete, bevor er mit Williamson das 4. Obergeschoss durchkämmte. Die Etage, auf der auch sie sich befanden. Jefferson war die letzte.
„Sobald Sie irgendetwas merkwürdiges bemerken, kontaktieren Sie mich sofort, Mr. Lupin", sagte sie. „Verifizieren Sie jede Person, die das Zimmer betritt. Die Heiler haben alle einen Ausweis. Für Ihre Großmutter ist ein Heiler namens McKenzie zuständig. Zögern Sie nicht um Hilfe zu rufen, sollten Sie sie benötigen. Haben Sie noch Fragen?"
Teddy schüttelte den Kopf. Dann sagte er deutlich: „Nein, Mam!" und Jefferson verschwand. Natürlich hätte er noch einmal nach den Geiseln fragen können, aber sie hätte ihm sowieso nicht geantwortet. Und vielleicht war es ja wirklich besser so. Es war sein Job auf seine Großmutter aufzupassen und sie zu beschützen. Teddy sprach alle Schutzzauber, die er kannte, und wandte sich dann zum Krankenbett seiner Großmutter um. Sie … sie sah schon viel besser aus. Irgendwie jünger. Einige ihrer Falten verschwanden und Teddy konnte dabei zusehen, wie ihr Haar seine Farbe änderte … und sie schlug die Augen auf … Oh Scheiße!
Janus-Thickey
Wenn er nicht allzu sehr darüber nachdachte, konnte er so tun, als wäre das ein ganz normaler Einsatz. Direkt nach der Schlacht von Hogwarts war er schließlich selbst ein Jäger gewesen. Gemeinsam mit Neville und Ron und bevor er überhaupt seine Ausbildung abgeschlossen hatte. Nachdem die Todesser auf der Liste der Aurorenzentrale alle tot oder in Askaban waren, wurde die Spezialeinheit aufgelöst, bis Harry sie als Leitung der Zentrale wieder einführte. Nie war er so froh über diese Entscheidung gewesen, wie in den letzten Wochen.
„Sir?", fragte Williamson, sobald sie allein waren. Merlin, war er froh, dass es ausgerechnet Williamsons Partnerin war, die in der Zentrale Rabastan Lestrange bewachte. Die Jäger waren seine besten Duellanten und großartige Magier, aber nicht alle waren sonderlich umgänglich. Natürlich war es für die Arbeit herzlich egal, ob man seinen Partner mochte, aber es machte die Zeit doch wesentlich angenehmer. „Warum übernehmen Sie nicht die Führung? Sie haben doch wesentlich mehr Erfahrung mit den Todessern."
Oh wie gern würde er die Kontrolle übernehmen. Aber er wusste, dass Jefferson recht hatte. Natürlich hatte sie recht. Recht mit allem. Er wäre nicht in der Lage klar zu denken, wenn er die Geiseln kannte. Natürlich nicht. Er wusste nicht mehr als Williamson. Er wusste nicht, wer die Geiseln waren und kannte auch die Bedingungen der Todesser nicht. Dass er überhaupt Teil dieses Einsatzes war, lag nur daran, dass die Jäger eine Person zu wenig waren.
„Jefferson hat die Entscheidung getroffen", antwortete Harry. „Und ich vertraue ihr."
Die ersten drei Räumen im obersten Stockwerk waren schon leer. Die Auroren, die mit der Evakuierung betraut waren, hatten ganze Arbeit geleistet. Vor der Tür zur Janus-Thickey-Station zögerte Harry für einen Augenblick. Es war eine ganze Weile her, seit er zuletzt hier gewesen war.
„Waren Sie schon mal hier drin?", fragte er Williamson, als er die Tür öffnete. Der schien mit den Gedanken noch ganz woanders zu sein und warf erst Harry und dann dem Schild vor der Tür einen kurzen Blick zu, bevor er antwortete.
„Nein", sagte er knapp.
„Das ist die Station für die Langzeitpatienten. Ich denke, dass die meisten aus dieser Station nicht evakuiert werden konnten", sagte Harry. „Alice und Frank Longbottom sind hier."
Williams Augen weiteten sich. Die Longbottoms kannte er natürlich. Im großen Besprechungsraum der Aurorenzentrale zierten die Porträts im Dienst getöteter Auroren eine ganze Wand. Die meisten stammten aus den beiden Zaubererkriegen. Alices und Franks Bilder waren auch dabei – obwohl sie ja noch lebten.
Harry trat mit erhobenem Zauberstab durch die Tür. Williamson trat hinter ihm ein. Sie hatten doch mehr evakuieren können, als er erwartet hatte, inklusive seinem alten Lehrer Gilderoy Lockhart, wie Harry erleichtert feststellte. Übrig geblieben waren nur zwei Heiler, Alice und Frank Longbottom.
„Heilerin Strout", sagte er, als er die inzwischen ziemlich alte Dame wiedererkannte.
„Auror Potter", sagte sie mit einem kleinen Lächeln. „Wir sind die letzten auf dieser Station. Ich wollte es nicht riskieren, die beiden dem da draußen auszusetzen." Harry nickte. Die Longbottoms sahen verängstigt aus. Als wüssten sie genau, was los war. Sie saßen nebeneinander auf einem der beiden Betten und hielten sich an den Händen.
„Können Sie beide sich für uns verifizieren?", fragte Harry. Der andere Heiler kramte sofort in seinem Umhang und holte einen Ausweis heraus und Williamson überprüfte diesen. Der Heiler war ungefähr so alt wie Teddy. Vielleicht noch in der Ausbildung. Sein Umhang hatte auf jeden Fall eine andere Farbe als der von Strout. Strout trug das übliche limongrün der Heiler. Der junge Heiler trug weiß.
Strout reichte Harry ihren Ausweis.
„Wie hieß noch gleich die Patientin, der ein Fell gewachsen ist. Ich habe sie nur ein einziges Mal hier gesehen, als ich Arthur Weasley besucht habe. Das ist schon viele Jahre her." Natürlich war eine Ausweiskontrolle sinnvoll, wenn man jemanden nicht kannte, aber zu 100% sicher war sie nicht. Ausweise konnten ganz einfach gestohlen werden und die Informationen darauf, lernte man schnell auswendig.
„Oh Agnes Smithers!", rief Strout aus. „An die habe ich ja ewig nicht mehr gedacht. Sie konnte die Station schon vor Jahren verlassen. Sie rasiert sich jetzt drei Mal am Tag, aber der Fellwuchs ist ganz drastisch zurückgegangen."
Harry wandte sich Alice und Frank zu. Er konnte sie unmöglich überprüfen.
„Ich bin ein Freund von Neville", sagte er. Er wusste, dass Alice Neville bereits seit einigen Jahren wiedererkannte und Hannah hatte erzählt, dass sie sogar ihren Enkel Frank bei ihrem letzten Besuch umarmt hatte. Alice schenkte ihm ein kleines Lächeln bei seinen Worten, doch es erreichte ihre Augen nicht. Der Blick von Nevilles Mutter huschte immer wieder unruhig durch den Raum und blieb bei dem jungen Heiler hängen. Auch Frank schien den Mann im weißen Kittel zu beobachten.
Harry traf den Heiler mit einem Petrificus Totalus, bevor er sich ganz zu ihm umgedreht hatte. Strout und Williamson sahen ihn an. Strout sah erschrocken aus. Williamson zog nur die Augenbrauen hoch.
„Heilerin Sprout, können Sie dem Mann eine Frage stellen, die nur er beantworten kann?" Harry fesselte den Mann mit einem Incarcerus und löste dann die Ganzkörperklammer, damit der ‚Heiler' antworten konnte.
„Ähm… er … er ist erst ein paar Wochen hier", stotterte Strout. „Macmillan …"
„Was bei Merlins Bart …", unterbrach der Heiler sie. „Was soll das?"
„Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten Mr. Macmillan", sagte Harry. „Aber bitte beantworten Sie die Frage von Heilerin Strout, damit wir sicher sein können, dass Sie es wirklich sind."
„Was musste ich an ihrem ersten Arbeitstag in die Personalakte eintragen, Macmillan?", fragte Strout.
Macmillan sah sie verärgert an. „Dass ich nicht bereit bin hier mit Kranken zu arbeiten, denen man eh nicht mehr helfen kann." Strout nickte. Harry löste widerwillig die Fesseln. Gut, dass er nicht viel von Alice und Frank hielt konnte erklären, dass auch sie nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen waren, aber da war noch etwas Anderes. Sein Instinkt meldete sich.
In diesem Moment schickte ihm jemand einen Finger. Harry ging zunächst davon aus, dass es schon der erste Finger von Jefferson war, aber die Signatur zeigte einen anderen Namen. Sofort rief Harry ihn ab.
Unbekannter Zauberer hat
Getarnt als Andromeda Tonks
Briefing belauscht.
Verdächtiger wurde
Festgenommen
Habe Form des Unbekannten
Angenommen.
Erkennt mich an schwarzen
Fingernägeln.
Harry war Williamson einen kurzen Blick zu. Auch er hatte den Finger bekommen und abgerufen.
Lupin: Komm zu Janus
Sandte Harry an die Jäger und Jefferson.
Überprüfe Heiler Macmillan
Verflucht. Wenn Teddy den Unbekannten nicht erwischt hätte, wären alle Informationen des Briefings an die Todesser gelangt. Die Todesser schienen deutlich mehr Helfer zu haben, als Harry gedacht hatte. Und mehr Geiseln. Wo war wohl die echte Andromeda? Erst dann fiel Harry auf, dass er Teddy einen Befehl erteilt hatte. Die richtige Vorgehensweise wäre es natürlich gewesen, Jefferson über den verdächtigen Heiler zu informieren. Aber so viel Zeit musste man erst mal haben mitten im Einsatz. Vielleicht tat es ihm mal wieder ganz gut am anderen Ende der Befehlskette zu hängen. Er würde eine Zeitlang sehr viel mehr Verständnis für die Auroren aufbringen, die gerne mal einen Alleingang machten.
„Bitte entschuldigen Sie nochmal, Mr. Macmillan", sagte Harry und stellte sich bewusst mit dem Rücken zur Tür. Wenn Teddy immer noch in dem Krankenzimmer war, in dem sie das Briefing gehabt hatten, würde er nicht lange brauchen.
„Ich verstehe das ja", sagte der Heiler und blickte für eine Sekunde an Harry vorbei zur Tür. Dann traf die Körperklammer ihn auch schon und er ging zu Boden. Harry sah Strout neben sich zu Boden gehen. Von Williamson sah er nur die Beine. Er schien seitlich an der Wand zu liegen. Das war gut. So konnte er viel mehr vom Raum überblicken als Harry mit seiner ungünstigen Position.
„Na komm' schon", sagte eine Harry unbekannte Stimme und winkte dem Heiler zu. „Lestrange braucht uns unten."
„Aber was ist mit den Longbottoms?", fragte der Heiler. Volltreffer. Er arbeitete also tatsächlich mit ihnen zusammen. Wenn Teddy die Karten richtig spielte, konnten sie jetzt eine ganze Menge erfahren. „Und mit Potter. Den können wir doch auch direkt mitbringen."
„Die laufen schon nicht weg", sagte Teddy, der sich jetzt direkt über Harry beugte. Harry sah sofort, dass er es war. Die Augen waren andere, aber das Teddy ihn daraus ansah, stand für Harry zweifellos fest. Der Mann war hochgewachsen und deutlich älter als … nunja, als Teddy eben. Harry kannte den Zauberer nicht. Der Hass auf seinem Gesicht ließ Harry erschaudern. Er wusste, dass Teddy seit Jahren trainierte. Als Metamorphmagus konnte er sich jederzeit in jeden Menschen verwandeln, aber das schwierige war, auch so zu wirken wie diese Menschen. Teddy probte seit er 15 war Gesichtsausdrücke, Gesten und Körperhaltungen. Das war der schwierige Teil. Hatte Teddy den Todesser lange genug beobachten können, um sich einzuprägen, was ihn ausmachte?
„Komm! Wir gehen runter zu Lestrange", sagte Teddy leicht genervt. Macmillan stand nicht in Harrys eingeschränktem Sichtfenster, doch Teddy sah Richtung Tür, als er zu ihm sprach.
„Na, dann komm auch, Gaunt!" Das war Macmillans Stimme. Gaunt … Gaunt? Teddy verschwand aus Harrys Sichtfenster. Kurz bevor er die Tür ins Schloss fallen hörte, wurde die Körperklammer gelöst und Harry schickte noch am Boden einen Silencio zu Strout, damit sie sie nicht verriet.
„Merlin, ist da jetzt wirklich ein Auszubildender alleine mit einem Todesser abgehauen?" Harry wäre Teddy am liebsten nachgerannt, aber das hätte seine Tarnung sofort auffliegen lassen. Verdammt! Wie konnte Teddy nur so leichtsinnig sein. Er sollte Macmillan hier ausfragen, nicht mit ihm zu Lestrange gehen. ZU LESTRANGE, VERDAMMT!
Williamson starrte mit offenem Mund zur Tür.
„Haben Sie gesehen, wie ruhig er war?", fragte er und blickte von Harry zur Tür und von der Tür zu Harry.
„Was?", fragte der.
„Ich … Wenn die schwarzen Fingernägel nicht gewesen wären, hätte ich nicht gewusst. Aber er muss es ja gewesen sein. Er muss unbedingt zu den Jägern, wenn er fertig ist. Ich mein, ich wusste, dass er ein Metamorphmagus ist, aber das war … haben Sie das gesehen, Sir?"
Harry verdrehte die Augen, doch er konnte nicht vermeiden, dass sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht stahl.
„Das mit dem ‚Sir' hat sich für heute wohl erledigt, Williamson", sagte Harry. „Und ich kenne Lupin schon was länger."
„Ach stimmt. Das erklärt natürlich auch den Alleingang", kommentierte Williamson.
„Nicht gleich frech werden."
Harry löste den Silencio-Zauber, den er auf Strout gelegt hatte und erklärte ihr kurz die Situation.
„Wir können sie gerne zu den Auroren in der Cafeteria begleiten", schlug Williamson vor.
„Es ist für Mr. und Mrs. Longbottom besser, wenn sie hier bleiben." Die Heilerin ließ sich nicht umstimmen und blieb mit den beiden Patienten im Krankenzimmer. Sie sprachen noch einige Schutzzauber über den Raum und bevor sie gingen, wandte Harry sich an Nevilles Mutter: „Vielen Dank für die Warnung, Alice", sagte er und Alice … Alice drückte ihm ein Süßigkeitenpapier in die Hand. Harry musste schlucken. Er lächelte ihr zu und steckte das Papier ein. Sie schien von der ganzen Situation deutlich mehr begriffen zu haben, als man ihr zutraute.
„Sie hat sehr große Fortschritte gemacht", bestätigte Strout Harrys Gedanken.
„Na komm schon, Potter", rief Williamson ihm zu. „Ich habe schon einen Finger an die Jäger geschickt. Wir müssen den Rest der Etage abklappern."
Naiv und dumm
Roxy schlug die Augen auf. Es war alles so schnell gegangen, dass sie sich nicht mal sicher war, ob sie geschockt wurde oder einfach nur ohnmächtig geworden war. Irgendjemand hatte ihr auf jeden Fall eine Ganzkörperklammer verpasst, denn abgesehen von ihren Augenliedern, konnte sie nichts bewegen. Vorsichtig musterte sie den Raum, bereit jederzeit die Augen wieder fest zu schließen und so zu tun, als wäre sie weiterhin ohnmächtig. Da sie den Kopf nicht drehen konnte, blieb ein Großteil des Raumes ihr verborgen. Sie hatten sie auf einen Stuhl gesetzt, links neben ihr saßen Albus und Lily, ebenfalls auf Stühlen. Sie sah die beiden nur aus den Augenwinkeln, es war unmöglich zu sagen, ob auch sie schon wach waren. Sie wollte entschied sie dagegen einen Mucks von sich zu geben. Wer wusste schon, ob sie allein waren. Konnte man mit einer Ganzkörperklammer noch reden? Wenn ja, dann hatten sie sie vermutlich sowieso mit einem Silencio belegt.
Sie konnte den Dursley-Jungen nicht entdecken. Sie hoffte, dass die Todesser ihn übersehen hatten, aber, wenn sie herausgefunden hatten, dass er ein Muggle war, war es wohl wahrscheinlicher, dass sie ihn … Roxy steuerte ihre Gedanken in eine andere Richtung. Eines nach dem anderen. Kein Grund sich über Dinge aufzuregen, die sie nur spekulierte. Rechts von ihr befand sich eine Wand aus Stahl mit dutzenden, beschrifteten Schubladen. Hatten sie sie in die Abstellkammer gebracht? Sie kniff die Augen zusammen, aber sie konnte keinen einzigen der Schriftzüge lesen. Direkt vor ihr befand sich eine massive Tür, die aussah, als würde kein Laut sie durchdringen, selbst, wenn die Todesser vergessen haben sollten, sie verstummen zu lassen.
Es war unmöglich zu sagen, was sich außerhalb ihres eingeschränkten Sichtfeldes befand. Sie hätte nicht einmal sagen können, wie groß dieser Raum war, ob es Fenster gab, weitere Türen, ob hinter ihr ein Todesser mit gezücktem Zauberstab stand. Zauberstab! Roxy hatte ihren Stab in ihren Ärmel gesteckt, bevor sie in den Kamin gestiegen war. Noch immer vollkommen gelähmt, konnte sie nur erahnen, dass er sich immer noch dort befand. Sie fühlte etwas längliches, hartes auf ihren Arm drücken.
Gut, vermutlich hatte sie zumindest ihren Zauberstab. Nicht, dass sie an ihn herankam. Sie konnte ja nicht mal ihre Fingerspitzen bewegen. Lily und Albus waren noch zu jung. Sie hatten keine Stäbe, kannten keinen Zauberspruch. Roxy und ihr Zauberstab war die beste Chance, die sie hatten. Und der Stab konnte ebenso gut auf dem Mars sein. Sie kam ja sowieso nicht an ihn ran.
Roxy versuchte, zusammenzufassen, was sie wusste. Versuchte aus den Geschehnissen schlau zu werden. Die Todesser mussten gewusst haben, dass sie im St. Mungo's waren. Sie hatten es entweder auf Lily und Albus oder auf sie abgesehen. Oder auf alle drei. Roxy wusste nicht, warum Lily und Albus hier waren, wer davon wusste, wer zur Hilfe kommen würde oder wer sie verraten haben könnte. Es brachte nicht viel darüber nachzudenken, deshalb konzentrierte sie sich auf ihren Teil der Geschichte. Sie war hier, weil ihr Großvater plötzlich umgekippt war, davon wussten die Besucher und Mitarbeiter von Fortescue's und Julien … Doch würde ihr jemand zur Hilfe kommen? Würde Julien ihr jemandem nachschicken, jemandem Bescheid sagen und wenn ja, wem? Er war nicht mitgekommen. Hatte ihr nicht in den Kamin folgen wollen. Und dann hatten sie am anderen Ende des Flohnetzwerks Todesser entführt.
Roxy wurde schlagartig kalt. Sie spürte wie ihr Körper sich zusammenzog und sich Tränen der Wut in ihren Augen sammelten. Sie hätte sie gerne fortgewischt. Julien! Sie hatte gewusst, dass es riskant war, sich mit ihm zu treffen. Es passte alles zusammen. Sie wusste nichts über ihn, nichts über seine Familie, nicht mal, welche Schule er besuchte und warum er nicht nach Hogwarts ging. Und er war nicht mitgekommen, als sie in den Kamin stieg. Er musste gewusst haben, was am anderen Ende wartete. Er hatte sie bereitwillig in die Falle tappen lassen, hatte die Falle vermutlich selbst gestellt. Vermutlich war er es auch gewesen, der ihren Grandpa vergiftet hatte. Mit einem Spruch oder einem Fläschchen … Und sie war so dumm gewesen. Naiv und dumm.
Sie dachte an ihren Grandpa. Wie er dagelegen hatte. Regungslos. Es war ihre Schuld. Wie hatte sie nur so dumm sein können. Und wenn er sich nicht erholte, wenn es schon zu spät gewesen war … Und Lily und Albus. Vermutlich wären die Todesser nie ins St. Mungo's gekommen, hätten die beiden nie erwischt, wenn sie nicht gewesen wäre. Wenn sie sie nicht zufällig in der Eingangshalle getroffen hätte. Sie hatte es doch gewusst. Sie hatte gewusst, dass Todesser frei herumliefen, hatte gewusst, dass sie es speziell auf ihre Familie abgesehen hatten … Sie war trotzdem gegangen. Hatte sich mit einem Jungen getroffen, über den sie nichts wusste und ihre ganze Familie in Gefahr gebracht. Wie konnte sie sich aus diesem Schlamassel nur wieder hinausbefördern? Es musste einen Ausweg geben. Es gab immer einen Ausweg.
Die erste Forderung
Jefferson fluchte leise vor sich hin. Dann fluchte sie laut. Es gab keinen Weg. Keine andere Möglichkeit. Die Verhandlungen liefen ins Leere und es wurde viel zu riskant, den Todessern nicht entgegen zu kommen, während diese weiterhin drei Kinder als Geiseln hielten. Sie musste ihnen Potter geben. Das war auch riskant. Verdammt riskant. Potter war unter normalen Umständen schon impulsiv, aber hier ging es um seine Familie. Sie schickte ihm einen Finger. Es gab ja doch keine andere Möglichkeit. Und vielleicht überraschte er sie ja. Vielleicht behielt er einen kühlen Kopf und brachte niemanden unnötig in Gefahr. Sie ließ den Kopf in die Hände sinken, als sie die Nachricht abgeschickt hatte. Am liebsten hätte sie ihn gegen die Wand geschlagen. Sie schlug stattdessen mit der Faust auf den Tisch. Dann ging sie aus der Cafeteria, schloss die Tür hinter sich und wartete auf Potter. Sie brauchte nur einen Moment für sich. Einen Moment, um durchzuatmen. Einen Moment um sich für das zu wappnen, was nun kam.
Potter und Williamson tauchten bereits wenige Sekunden später vor der Cafeteria auf. An Williamson hatte sie gar nicht mehr gedacht. Nun gut. Er konnte Potter mit nach unten begleiten.
Jefferson sprach einen Muffiato über den Vorraum und überlegte, ob sie noch ein paar Stühle herbeizaubern sollte, aber auch, wenn das Gespräch mit Potter ernst und unangenehm werden würde, hatten sie doch ziemlichen Zeitdruck.
„Hast du was von Lupin gehört?", fragte Potter, ohne sie zu begrüßen. Ja, Lupin war ein weiterer unsicherer Faktor. Bei einem erfahrenen Auroren wäre sie begeistert gewesen, wenn er es geschafft hätte, sich unerkannt unter die Todesser zu mischen, aber Lupin war nicht einmal fertig ausgebildet. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich gehe davon aus, dass er den Finger nicht bedienen kann, ohne aufzufallen", sagte sie und Potter nickte ergeben.
„Der Name des Mannes, den er imitiert ist Gaunt", sagte er dann. „Habt ihr was aus dem Original herausbekommen?"
„Gaunt?", hakte sie nach. War das nicht die Familie aus der auch Voldemort stammte? Potter nickte ihr wissend zu. „Was zum …", fing sie an, aber fing sich schnell wieder. „Nicht viel, Potter. Aber das hier war die Idee der beiden Lestranges, nicht seine. Er ist nur einer der Handlanger. Sie werden ihm nicht allzu viel anvertraut haben."
„Was hatten sie für einen Eindruck von Lupin?", fragte sie Potter, ohne Williamson zu beachten. „Glauben Sie, er könnte es schaffen, die Fassade aufrecht zu erhalten oder sollten wir lieber dafür sorgen, dass die Jäger ihn und Macmillan aufgreifen?"
„Auf gar keinen Fall!", rief Williamson aus. Erst als er ihren und Potters Blick bemerkte, riss er sich wieder zusammen. „Entschuldigen Sie, Mam. Ich glaube, Lupin ist unsere Chance, weitere Informationen zu sammeln und vielleicht sogar die Geiseln zu befreien."
„Lupin ist nicht mal vollständig ausgebildet. Er ist 19. Jefferson, du kannst ihn nicht alleine mit zwei Todessern und was weiß ich wie vielen Komplizen lassen." Potter bemühte sich vermutlich, es zu verbergen, aber für Jefferson war sehr offensichtlich wie viel Angst er um seinen Patensohn hatte. Und natürlich hatte er auch recht. Lupin war ein Auszubildender. Sie würde ihn nicht alleine lassen. Da kam Potter ins Spiel.
„Das ist genau der Grund, warum ich dich gerufen habe", sagte sie. „Eine der Forderungen der Todesser bist du, Potter."
Potter nickte. „Was sind die anderen?", fragte er.
„Molly Weasley und Rabastan Lestrange." Besser er erfuhr es jetzt, als von den Todessern.
„Wenig Spielraum", kommentierte Potter. Sie nickte. „Was ist der Plan?" Gut, Potter würde gehen. Das hatte sie erwartet.
„Daran sitzen die Schilde gerade. Williamson, wollen Sie sich ihnen anschließen. Wir kommen gleich nach." Williamson nickte erst ihr und dann Potter zu und verschwand durch die Tür in die Cafeteria.
„Also?" Potter wandte sich ihr zu, sobald die Tür geschlossen war. „Wen haben sie?"
„Sie haben Lily und Albus, Harry." Er sagte nichts. Sah sie erst an, als erwarte er, dass sie die Worte zurücknahm; dass sie zugab, einen Witz gemacht zu haben. Dann wandte er sich ab, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Warum musste eigentlich ausgerechnet sie diese Botschaft überbringen? War sie etwa bekannt dafür, besonders einfühlsam zu sein? Da sie sich die Aufgabe selbst aufgetragen hatte, konnte sie sich ja kaum beschweren. Sie hatte nicht gewollt, dass Potter gegenüber irgendeinem der anderen Auroren die Beherrschung verlor. Sie war davon ausgegangen, dass er schreien würde, dass er toben würde, sie vielleicht verantwortlich machte oder den Auroren sehen wollte, der seine Kinder beschützen sollte. Den hatte Jefferson vorsorglich zurück in die Zentrale geschickt, damit Potter ihm vorerst nicht begegnete. Aber als Potter sich wieder zu ihr umdrehte, war sein Gesicht ausdruckslos.
„Harry, ich …"
„Wer ist das dritte Kind?"
„Roxanne Weasley." Potter sah überrascht aus.
„Nicht Thomas Dursley?", fragte er. Jefferson schüttelte den Kopf. Sie hörte den Namen zum ersten Mal.
„Er ist ein Muggle. Er und seine Eltern Dudley und Rosemary Dursley waren auch irgendwo im Gebäude. Gib den Auroren draußen Bescheid." Jefferson nickte.
„Sonst noch was?", fragte sie. Es war, als würde sie ihn bitten, seine letzten Worte zu sprechen. Die Worte, an die sie sich später erinnern würde, falls das Ganze nicht gut ausging. Und was machte Potter? Er drehte den Spieß einfach um. Potter schenkte ihr ein kleines Lächeln.
„Ich komme wieder zurück, Eliza", sagte er. „Freu dich nicht zu früh." Potter zog sie in eine Umarmung. Hatte er das schon einmal getan? Hatte er sie schon mal bei ihrem Vornamen genannt? Sie war überrascht, dass er den überhaupt kannte. Niemand nannte sie Eliza, außer ihren Eltern.
„Pass auf dich auf", sagte sie, als er sich wieder von ihr löste. Er nickte. Er war noch immer so ruhig. Doch sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis seine Emotionen Überhand nehmen würden. Das konnte durchaus sehr gefährlich für den Plan werden – aber auch für die Todesser.
Das verlorene Kind
Arthur wachte von den lauten Stimmen auf… von den schnellen Schritten. Er war … nicht mehr in der Winkelgasse. Hastig sah er sich um. Wo war sie? Wo zum Teufel war Roxanne? Die Frau, die sich über ihn beugte, trug das limongrün der Heiler.
„Mr. Weasley?", fragte sie. Er nickte. „Dann sind Sie also Arthur Weasley. Wir waren uns nicht sicher und die Hexe, die sie hergebracht hat, konnte es nicht sagen." Was war mit Roxanne? Er brauchte einen Moment, um seine Stimme wiederzufinden und als er soweit war, sprach die Heilerin schon weiter.
„Sie hatten eine Panikattacke, Mr. Weasley", sagte sie. „Vermutlich waren Sie einer Situation ausgesetzt, die Sie stark gestresst hat." Arthur hörte ihr noch mit halbem Ohr zu. Er sah sich um. Er lag auf einer Trage, aber er war nicht in einem Krankenzimmer. Sie schoben ihn durch einen der langen Flure.
„Es gab einen Vorfall im Krankenhaus", sagte sie. „Wir müssen evakuieren, deshalb haben wir Heilzelte vor dem St. Mungos aufgestellt. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Die Auroren haben die Lage im Griff." Arthur sah die Heilerin zum ersten Mal richtig an. Sie war noch jung. Vielleicht ein paar Jahre älter als Teddy. Sie sah ihn offen an. Sie glaubte daran, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen. Er sah es in ihren Augen. Sie ging davon aus, dass die Auroren schon alles richten würden … und wie könnte sie auch etwas Anderes glauben? Sie war zu jung. Sie erinnerte sich nicht.
„Was für ein Vorfall?", fragte Arthur und zwang seine Stimme ruhig und langsam zu sprechen, auch wenn sein Herz schon wieder begann so wild zu schlagen wie in der Winkelgasse.
„Das weiß ich nicht." Die Heilerin sah ein wenig zerknirscht aus. Sie zuckte mit den Schultern, als fände sie es schade, dass sie ihm seine Frage nicht beantworten konnte, aber als würde sie dem Ganzen ansonsten nicht allzu viel Bedeutung beimessen.
„Wo ist meine Enkelin?" Er wusste, dass sie ihm auch darauf keine Antwort würde geben können. „Roxanne Weasley. Sie war mit mir in der Winkelgasse."
„Die Hexe, die Sie hergebracht hat, hat davon gesprochen, dass noch ein Mädchen nachkommt. Sie ist bestimmt auch evakuiert worden. Sie sehen sie bald wieder." Sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihn wohl beruhigen sollte, aber das Gegenteil bewirkte. „Legen Sie sich noch ein wenig hin, Mr. Weasley. Ich gebe Ihnen gleich etwas zum Einschlafen." Nun, das war wirklich das Letzte, was Arthur wollte. Er nahm sich nicht die Zeit der Heilerin zu erklären, was er vorhatte. Ihm wurde ein wenig schwindelig, als er von der Trage sprang. Er war nun wirklich nicht mehr der Allerjüngste. Er verschwand dennoch aus dem Sichtfeld der jungen Frau, bevor sie überhaupt realisierte, dass er sich aus dem Staub gemacht hatte.
Die Flure wimmelten nur so von Auroren, Heilern und Patienten. Er ging in das nächste leere Krankenzimmer und setzte sich dort auf das Bett. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Was, wenn Roxanne gar nicht hier war? Was, wenn sie noch in der Winkelgasse war? Was, wenn der Junge ihr etwas angetan hatte? Der Junge aus dem Eissalon. Schnell zog Arthur den Mehrwegspiegel aus seinem Umhang. Er konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig nach Roxanne suchen. Er brauchte Hilfe.
Arthur versuchte zunächst Harry zu erreichen, aber der nahm nicht ab. George blieb erstaunlich ruhig, als er ihm die Situation schilderte. Er war sowieso noch mit Victoire im Laden und wollte ihn gerade schließen.
„Warum musstest du ins St. Mungo's, Dad?", fragte George zum wiederholten Mal.
„Mir geht es gut, George", antwortete Arthur ebenfalls nicht zum ersten Mal. „Ich bin umgekippt. So etwas passiert."
„Sicher, dass wir dir niemanden vorbei schicken sollen, der dich abholt?"
Arthur verneinte. Er hörte Victoires Stimme im Hintergrund. Dann gedämpft die von George und eine dritte.
„Dad, der Junge ist hier." Das war wieder an Arthur gerichtet, doch er verstand nicht.
„Was?"
„Der Junge von Fortescue's ist hier. Roxy ist ins St. Mungo's gefloht."
„Warum ist er nicht mit ihr mit?"
„Er ist ein Squib, Dad. Er kann nicht flohen."
„Hat er dir das gerade gesagt?" Roxy hatte nichts davon erwähnt. Nicht, dass er etwas dagegen hatte. Arthur wäre es auch deutlich lieber gewesen, wenn die beiden sich in Muggle-London getroffen hätten, aber ihn fragte ja keiner.
„Angelina hat ihn von Teddy überprüfen lassen. Zu irgendwas müssen die Auroren ja gut sein. Wahrscheinlich ist Roxy längst vor dem Krankenhaus, Dad", sagte George und klang dabei so sicher, dass Arthur ihm selbst fast geglaubt hätte. „Mach dir keine Sorgen." Das hatte George noch gesagt. Und dann hatte er den Spiegel weggelegt. Mach dir keine Sorgen? War das sein Ernst? Und das ausgerechnet von George. Mach dir keine Sorgen. Drei Todesser liefen frei herum und er sollte sich keine Sorgen um seine Familie machen? Er, der bereits ein Kind verloren hatte und der genau wusste, dass er das kein zweites Mal überstehen würde. Nicht noch einmal. Arthur spürte wie seine Atmenzüge kürzer wurden und schnell hintereinander kamen. Er setze sich auf das Krankenbett und zwang sich, ruhiger zu atmen, tiefer zu atmen … Was hatte die Heilerin gesagt? Eine Panikattacke? Das mochte sein, aber wie sonst sollte er reagieren? Was sonst tat man, wenn die Enkelin verschwunden war? Panik war doch wohl die absolut angemessene Reaktion!
Die beiden die Aurorinnen, die ihn fanden, waren nicht Teil der Evakuierungseinheit. Das sah Arthur direkt. Das waren Jägerinnen. Und das war nicht gut. Jäger tauchten auf, wo Todesser zu jagen waren. Arthur war froh, dass sie Harry gut genug kannten, um den Mehrwegspiegel als Beweis, dass er wirklich Arthur Weasley war, gelten zu lassen.
„Was machen Sie noch hier, Mr. Weasley?", fragte eine der beiden. Und sie schauten für ihn in einem Pergamentbogen, den sie mit einem Zauberstabschwenk herbeiriefen, nach, ob Roxanne bereits evakuiert worden war. Was leider nicht der Fall war.
„Ist Auror Potter hier?"
Die Aurorinnen sahen sich kurz an. Dann nickten sie.
„Dann schicken Sie ihm bitte einen Finger und sagen Sie ihm, dass Roxanne Weasley verschwunden ist." Eine der Aurorinnen schickte die Nachricht ab. Die andere warf ihm einen langen, nachdenklichen Blick zu, bevor sie mit dem Kopf Richtung Flur nickte.
„Hier auf diesem Flur ist sie nicht", sagte sie. Sie hatte ihr Haar zu einem strengen Dutt geflochten und ihre Augen verbargen sich hinter dicken Brillengläsern. Arthur war es dennoch als würden sie ihr Blick ihn durchdringen, als sie ihn erneut ansah. Sie wusste etwas. Oder ahnte etwas. „Wir können Sie hier nicht allein lassen. Das ist zu gefährlich. Wir bringen Sie nach draußen." Arthur wusste, dass er zwei Aurorinnen wohl kaum würde weglaufen können auf seinen alten Beinen. Er nickte ergeben und beschloss zunächst Harrys Antwort abzuwarten.
„Er schreibt, er weiß, wo sie ist", sagte die Aurorin, die Harry den Finger geschickt hatte, wie aufs Stichwort. „Und er bittet Sie die Dursleys nach Hause zu bringen." Die Dursleys? Was machten die denn hier? ‚Er weiß, wo sie ist.' Das beruhigte Arthur nur ein wenig. Harry hatte weder geschrieben, dass Roxy in Sicherheit war, noch, wo sie sich aufhielt. Verdammt.
Arthur folgte den beiden Aurorinnen durch den langen Flur bis zur Treppe. Sie mussten zwei Etagen nach unten gehen und landeten direkt in der Empfangshalle. Vor der Tür, die vermutlich zu den Aufenthaltsräumen der Heiler führte, stand ein Auror. Die Aurorin mit dem Dutt trat mit erhobenem Zauberstab auf ihn zu und sagte: „Poughkeepsie". Der Auror antwortete „Gringotts" und sie ließ den Zauberstab wieder sinken und nickte. Als sie sich von ihm abwandte, zeichnete sich auf seinem Gesicht ein Grinsen ab, das Arthur irritierte. Er zückte seinen Zauberstab und entwaffnete den Mann innerhalb eines Wimpernschlags. „Name und Dienstnummer", verlangte er, während er den Stab des Mannes mit seiner freien Hand fing.
„Ähm was?" Der ‚Auror' sah hilfesuchend zu den beiden Frauen, doch keine schien eingreifen zu wollen.
„Simpa, 10593", antwortete der Mann hastig. Die Aurorinnen stellten sich links und rechts zu Arthurs Seite auf. Auch sie hatten jetzt wieder ihre Stäbe erhoben.
„Was?", fragte der Mann. „Ich komme mit den Zahlen immer etwas durcheinander. Ich …" Die Aurorin mit dem Dutt schockte ihn, bevor er weitersprechen konnte und gab ihrer Kollegin Deckung, als diese die Tür aufstieß.
„Beeindruckend, Mr. Weasley", flüsterte sie ihm zu. „Aber was ist eine Dienstnummer?"
„Die Muggle haben sowas", antwortete er grinsend und trat rasch hinter den Aurorinnen in den Dienstraum der Heiler.
Andromeda war wach, als sie sie fanden. Arthur hatte noch nichts von ihrer Begegnung mit Rabastan Lestrange gewusst, aber die Aurorinnen klärten ihn schnell auf. Sie war stumm und reglos, aber ihre Augen sprachen von Schmerzen, von unvorstellbarem Leid und Arthur wünschte sich, sie würden aufhören, ihn anzusehen.
Das Kind, das gefesselt und geknebelt auf einer Trage lag, war nicht Roxanne. Er wusste nicht, ob er darüber erleichtert oder enttäuscht war. Es war Thomas Dursley.
Gefangen
Wenn er nur schon einen Zauberstab hätte. Wenn er nur schon zaubern könnte. Ein oder zwei gute Sprüche. Mehr brauchte es doch nicht. So einen Schockzauber zum Beispiel. Er hätte sie alle längst k.o. zaubern können. Sie gingen herein und hinaus und warfen ihm kaum mehr als einen Blick zu. Drei Mal schon hatte der Todesser mit den hellbraunen, langen Haaren ihm den Rücken zugedreht. Wenn Albus ein Jahr älter gewesen wäre … nur ein Jahr … Nun gut. Roxy war älter. Und auch sie konnte sich nicht bewegen. Genauso wenig wie er. Und wie Lily.
Albus bekam jedes Mal eine Gänsehaut am ganzen Körper, wenn eine der dunklen Gestalten erschien. Meistens war es der Langhaarige. Der andere Todesser war, seit sie hier unten waren, erst einmal hereingekommen – und auch da hatte er nur kurz den Kopf durch die Tür gesteckt. Albus hatte sie beiden von den Plakaten der Aurorenzentrale erkannt. Es waren zwei der Todesser nach denen sein Vater suchte. Der dritte war bestimmt auch irgendwo im St. Mungos.
Albus hoffte nur, dass sie Thomas nicht erwischt hatten. Er war bei ihnen gewesen, als sie sie gefangen hatten, aber an mehr konnte er sich nicht erinnern. Dass er nicht hier bei ihnen war, war vermutlich kein gutes Zeichen.
Zwei Zauberer betraten den Keller, die Albus nicht kannte. Sie waren nicht auf den Bildern im Tagespropheten abgebildet gewesen. Einer der Männer trug die Kleidung der Heiler und war noch ziemlich jung. Vielleicht so alt wie Teddy oder Victoire. Für einen Moment dachte Albus, dass sie vielleicht gekommen waren, um sie zu befreien. Wenn der junge Mann ein Heiler war, dann war er ja bestimmt auf ihrer Seite. Der andere trug einen schwarzen Umhang und war deutlich älter. Noch älter als Albus Eltern und er sah finster drein. Sein Blick streifte sie alle kurz. Die Augen waren zu dünnen Schlitzen verengt und selbst die verschwanden fast unter der gerunzelten Stirn und den Augenbrauen. Schnell sah Albus auf den Boden. Dann fluchte der Mann laut.
„Bewacht Sewyn die drei alleine?", fauchte er den Heiler an. „Habt ihr vergessen, wer ihre Eltern sind?"
„Aber Gaunt, du hast doch gesagt …", fing der Heiler an, doch der finstere Mann – Gaunt? –unterbrach ihn: „Dumm von mir zu glauben, dass du auch selbst denken kannst. Wird nicht wieder vorkommen. Los, schnapp dir das Mädchen. Du und Sewyn übernehmt die Übergabe zusammen mit Lestrange. Potter wird bestimmt irgendwas versuchen. Ich behalte die beiden hier im Auge. Nachdem ihr die Tonks und den Jungen habt entkommen lassen, sind sie wohl alles, was wir haben." Das Mädchen? Albus versuchte zum 1000. Mal einen Finger zu rühren, aber es ging einfach nicht. Das Mädchen! Der Heiler ging auf Lily zu und deutete mit dem Zauberstab auf sie. Panik stieg in Albus auf. Lily! Albus sah die Angst auch in Roxys Augen, als er zu ihr blickte, doch sie konnten beide nichts ausrichten. Könnten nicht mal einen Laut von sich geben. Doch Lily konnte! Der Heiler musste den Fluch gelöst haben. Sie schrie um Hilfe und sprang auf, als der Heiler den Stab wieder sinken ließ. Sie stürzte zur Tür, doch der Mann namens Gaunt stellte sich ihr in den Weg.
„Hey!", rief er und packte sie an den Händen. Mit einem Zauberspruch band er ihr die Hände auf dem Rücken zusammen.
„Krümmt ihr kein Haar", wies Gaunt den Heiler an. „Potter ist das Ziel und den werden wir nur bekommen, wenn ihr sie unversehrt an die Auroren übergebt." Albus versuchte den Blick seiner Schwester aufzufangen. Vielleicht konnte er ihr mit seinen Augen zu verstehen geben, dass sie sich nicht fürchten musste – auch, wenn das natürlich gelogen wäre. Doch Lily wurde von den beiden Männer nach draußen geschoben und Albus konnte ihr nur nachsehen und hoffen, dass ihr nichts passierte.
Er tauschte einen verzweifelten Blick mit Roxy. Dann öffnete sich die Tür erneut und der finstere Mann, den die anderen Gaunt genannt hatten, trat wieder herein. Er wartete einige Sekunden direkt vor der Tür, schien zu lauschen oder nachzudenken und sah sie nicht an. Und dann … Albus hätte aufgeschrien, wenn er gekonnt hätte … Körperlich blieb der Mann gleich, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht und die Art, wie er stand, veränderten sich plötzlich. Erleichterung durchflutete Albus, als er erkannte, wer der Fremde war; wer er schon die ganze Zeit über gewesen war. Wie hatte er ihn nicht erkennen können? Aber Teddy hatte so finster ausgesehen. So furchtbar.
Albus fiel Teddy um den Hals, sobald der den Zauber löste, der ihn so lange gefesselt hatte. Seine Beine gehorchten ihm kaum und er fiel gegen seinen Bruder, der ihn aufhob und fest an sich drückte. Sie sprachen kein Wort und als Albus Teddy wieder losließ, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, sah er, dass auch die fremden Augen von Teddy feucht waren. Teddy legte ihm eine Hand die Schulter und löste auch den Zauber auf Roxy. Erst jetzt bemerkte Albus, dass Roxy sie beide entsetzt anstarrte. Sie warf ihren Stuhl fast um, als sie zurückwich und ihren Zauberstab zückte.
„Al, weg von ihm!", rief sie ihm zu. Teddy sah sie schnell zu der Tür um und legte einen Finger auf die Lippen.
„Es ist Teddy", flüsterte Albus ihr zu und deutete auf den fremden Mann, aber Roxy schien ihn nicht zu verstehen. Sie sah ihn mit großen Augen und offenem Mund an und schüttelte den Kopf.
„S-S-Stupor", rief sie und richtete den Zauberstab auf Teddy. Der wischte den Lichtstrahl mit einer knappen Bewegung zur Seite und schickte Roxy einen Zauber, der sie augenblicklich verstummen ließ. Sie bewegte ihre Lippen, aber kein Laut kam heraus. Erschrocken presste sie die Hände vor ihren Mund.
„Vielleicht verwandelst du dich einfach in dich selbst?", schlug Albus vor. Für ihn war es so offensichtlich, dass der Mann vor ihnen Teddy war, dass er nicht verstand, wie Roxy das entgehen konnte. Aber sie kannte ihn auch nicht ganz so gut wie er. Er hatte hunderte Male gesehen, wie er sich in einen anderen Menschen verwandelte; wie er übte zu Sprechen und zu gehen wie jemand anders. Ab und zu versteckte sich Teddy auf einer Gartenparty oder einem anderen Fest und Albus, James und Lily suchten ihn. Früher hatten sie ihn schnell erkannt, aber inzwischen mussten sie genau aufpassen, ob es nicht eine Person zwei Mal gab und dann brauchten sie noch eine Weile, um zu erraten, welche der beiden die echte war.
„Ich habe den Mann nur einmal kurz gesehen", antwortete Teddy und sah Albus zerknirscht an. „Ich habe Angst, dass ich mich nicht mehr in ihn zurückverwandeln kann, und wir könnten ihn noch brauchen. Er hat hier scheinbar einiges zu sagen."
Teddy fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte. Albus warf Roxy einen schnellen Blick zu, aber sie sah noch immer finster zu Teddy. Sie versuchte, Zauber in seine Richtung zu schicken, aber das schien ohne Stimme nicht zu klappen. Albus Eltern und auch Teddy zauberten häufig ohne die Worte zu sagen, aber Dad hatte ihm einmal erzählt, dass dafür viel Training notwendig war.
„Du warst diejenige, die mir die Karte im siebten Schuljahr abgeluchst hat", sagte Teddy plötzlich und sah Roxy fest in die Augen. Sie ließ den Zauberstab sinken. „Ich habe nie jemandem erzählt, dass ich es weiß. Ich habe dich nicht gesehen, aber ich kenne dich, Roxy. Fred und James wären niemals so klug gewesen, eine Kopie anzufertigen. Ich weiß, dass du sie dir mit ihnen teilst, aber du hast sie mir geklaut. Da bin ich ganz sicher. Ich hätte sie dir am Ende des Schuljahres sowieso gegeben."
„Du hättest sie James gegeben", sagte Roxy leise und ging langsam ein paar Schritte auf ihn zu. Albus hatte nicht bemerkt, dass Teddy den Zauber wieder gelöst hatte, aber sie hatte ihre Stimme wieder.
„Vermutlich", gab Teddy zu und öffnete seine Arme. Roxy schloss die Augen und drückte ihn fest.
„Was ist mit Lily?", fragte Albus, als die beiden sich wieder voneinander lösten.
„Sie werden sie gegen Harry eintauschen", sagte Teddy, öffnete die Tür einen Spalt breit. „Und wir sind besser nicht mehr hier, wenn sie zurückkommen. Oh Scheiße!" Teddy spähte durch den Spalt in der Tür und schloss sie schnell wieder. „Setzt euch wieder auf die Stühle und nicht bewegen", sagte er zu Roxy und Albus und trat dann nach draußen. Albus tauschte einen kurzen Blick mit Roxy aus und sie beide taten, was Teddy gesagt hatte. Keine Sekunde später öffnete sich die Tür und Teddy kam mit einem der Todesser herein. Es war der Todesser mit den langen Haaren. Albus versuchte, nur die Augen zu bewegen und schaute schnell zu Boden, als der Todesser auf ihn zukam.
„Ich dachte schon, wir hätten dich verloren, Gaunt", sagte Sewyn mit kalter Stimme. Albus sah, wie er etwas aus seinem Umhang holte, aber er konnte nicht erkennen, was es war. „Es hat genau so funktioniert, wie du es gesagt hast. Ich konnte jedes Wort hören. Sehr praktisch. Wie ein Zweiwegspiegel diese Ohren."
Ah, Sewyn hielt bestimmt eines der schnurlosen Langziehohren, die seine Onkel verkauften, in der Hand. Man hörte am einen Ende, was am anderen gesprochen wurde.
„Zunächst war das alles auch wirklich interessant. Vor allem die Codewörter der Auroren waren gut zu wissen, aber seit einiger Zeit hört man leider nicht mehr so viel. Und ich könnte schwören, dass die letzte Stimme, die der Träger des anderen Ohres gehört hat, die Stimme von Jefferson war, bevor das Ohr seinen Geist aufgegeben hat. Aber du stehst hier vor mir. Gesund und munter. Merkwürdig oder?" Albus sah, dass Teddys Zauberstab Sewyn entgegenflog. Der fing ihn ohne Schwierigkeiten auf. Verflucht. Was nützte es schon, dass sie sich bewegen konnten. Albus konnte noch immer nicht zaubern. Und Roxy war dem Todesser bestimmt nicht gewachsen.
„Sewyn, du hast sie doch nicht mehr alle!", fauchte Teddy ziemlich überzeugend, wie Albus fand.
„Imperio", sagte Sewyn und richtete den Zauberstab auf Teddy, der einen merkwürdig glasigen Blick bekam. Albus kannte den Zauber nicht, aber Roxy warf ihm einen warnenden Blick zu. Albus wollte Teddy nicht allein lassen, aber vielleicht war das ihre einzige Möglichkeit zu fliehen. Die Tür stand noch immer offen.
„Du bringst jetzt beide Kinder um, verstanden?", sagte Sewyn mit einer merkwürdig sanften Stimme zu Teddy. Teddy nickte und schüttelte dann den Kopf. Es sah so aus, als würde er einen inneren Kampf austragen. Er ging einen Schritt nach vorn, dann wieder zurück, sein Gesicht war verkrampft und dann fing sein Körper sich an zu verwandeln. Langsam wurde er wieder zu dem Teddy, den Albus kannte.
Roxy griff Albus beim Arm und deutete auf die Tür. Sewyn schien abgelenkt genug, um nicht zu bemerken, dass sie sich bewegt hatte, aber was war mit Teddy? Albus riskierte einen Blick zur Tür und atmete erleichtert auf. Ein Auror stand darin. Er war wie aus dem Nichts gekommen. Albus kannte ihn. Es war einer der Auroren, die in den letzten Tagen bei ihnen im Grimmauldplatz gewesen waren. Er feuerte rote Funken auf Sewyn ab, doch der blockte den Zauber rechtzeitig und schoss zurück. Roxy griff erneut nach Albus Arm und schon ihn aus dem Weg. Sie mussten aufpassen, nicht von einem verirrten Zauber getroffen zu werden.
Teddy saß nicht weit von ihnen auf dem Boden und hielt sich den Kopf. Die Wirkung des Zaubers schien nachzulassen. Roxy ging vorsichtig auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Erschrocken sah Teddy erst sie und dann die Kämpfenden an. Roxy drückte ihm ihren Zauberstab in die Hand und zog Albus dann an die Wand. Teddy schickte ein Schutzschild in ihre Richtung, bevor auch er sich auf Sewyn stürzte. Albus und Roxy sahen wie Teddy den Todesser mit einigen Zaubern ablenkte von denen keiner so richtig stark zu sein schien und der andere Auror ihn mit einem roten Strahl gegen die Wand schleuderte. Roxy atmete erleichtert auf und Albus machte wieder einen Schritt in den Raum.
„Wie hast du uns gefunden, Furgeson?", fragte Teddy den Auror und reichte ihm die Hand.
„Ich war bei der Evakuierung", antwortete der. „Ich habe dich auf dem Gang gehört und bin euch nach." Er lachte. „Ich habe dich schon eine Weile verfolgt", sagte er. „Ich dachte, du könntest meine Hilfe bestimmt gut gebrauchen."
„Du hast gerochen, wer ich bin oder?", fragte Teddy und Furgeson öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Seine Augen wurden weit.
„Ich …ich …", stammelte er und Teddy sah ihn mit gerunzelten Brauen an.
„Muss echt praktisch sein. Ich bin zweite Generation. Da bleibt nicht mehr viel übrig." Teddy zuckte mit den Achseln. Furgeson warf ihm noch einen erstaunten Blick zu und drehte sich zu Roxy und Albus um. „Ihr seid unverletzt?", fragte er und sie nickten beide.
Teddy fummelte an seinem Finger herum und zwinkerte Albus dann zu. „Nummer 1 ist erledigt", sagte er und gab Roxy ihren Zauberstab zurück. Furgeson legte dem Todesser Handschellen um und dieser löste sich in Luft auf. Teddy hob seinen eigenen Zauberstab auf und warf dann einen Blick zur Tür. „Hier laufen noch mindestens zwei von denen rum", sagte er. „Also schnell raus hier."
„Was war das für ein Zauberspruch, Teddy?", fragte Albus leise, als er neben seinem Bruder durch den engen Flur ging.
„Ein Unverzeihlicher", sagte der knapp und Albus musste schlucken. Hoffentlich ging es seinem Vater und Lily gut.
Verräterin
Es war purer Zufall. James stand rein zufällig am unteren Treppenabsatz. Er sah rein zufällig wie Tina Jordan seine Mom, Ron und Fleur entwaffnete und die geheime Tür, die Fred und er vor zwei Jahren zufällig entdeckt hatten, zuknallte. Er rannte sofort zum Kamin und er war schnell, aber nicht schnell genug. Die Aurorin traf ihn kurz vor seinem Ziel mit einem Zauber und ließ ihn kopfüber in der Luft baumeln.
„Und der letzte kleine Potter", sagte sie mit einer Stimme, die so anders klang, als alles, was er zuvor von ihr gehört hatte. Er kannte Tina Jordan. Ihr Onkel war mit George befreundet und Fred war seit einer Ewigkeit in sie verliebt. Sie war eine Aurorin. EINE AURORIN! Wie konnte es sein, dass …
„Weißt du, deine Geschwister haben sie schon gefangen", sagte sie und ihre Stimme klang nicht kalt oder grausam. Sie klang … hocherfreut. Er konnte ihre Gesichtszüge auf dem Kopf nicht sonderlich gut erkennen, aber er hätte schwören können, dass sie lächelte. „Es ist alles nicht so ganz nach Plan gelaufen. Weißt du, eigentlich sollte dein Bruder auf dem verfluchten Besen sitzen. Dann sollte er mit deiner Mutter ins St. Mungos, wo die Lestrange schon auf sie warten. Stattdessen lässt sich Rabastan der Vollidiot schon einfangen, als er Andromeda Tonks ins St. Mungos bringen will. Er hat es wohl zu gut gemeint. Und diese Delacour-Schlampe macht mir auch noch meinen Plan B zunichte, weil sie einfach einen Bezoar zur Hand hat, statt deine Mutter und Ron Weasley ins St. Mungos zu bringen. Um die muss ich mich jetzt auch noch selbst kümmern. Aber was soll's. Albus und Lily Potter sind sicher in den Händen der Todesser und aus irgendeinem Grund auch deine Cousine Roxanne. Und Harry Potter wird wie die kleine Ratte, die er ist, in die Falle tappen. Ebenso wie Molly Weasley." James konnte schwören, den Wahnsinn in ihrer Stimme zu hören. „Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe, James Potter. Sie sind alle so schwach. So furchtbar schwach. Genau wie meine Mutter. Sie ist einfach zerbrochen, als mein Vater gestorben ist. Von einem Tag auf den anderen. Hat sich kein Stück dafür interessiert, dass sie auch eine Tochter hat. Weißt du was? Vielleicht lasse ich dich und deine Mutter noch eine Weile am Leben. Dann siehst du, was ich meine. Sie ist genauso schwach wie meine Mutter."
James beschloss, sie reden zu lassen. Solange sie redete, würde sie ihn nicht umbringen. Und sie schien nur darauf gewartet zu haben, endlich jemandem ihre ganze Geschichte erzählen zu können. Er versuchte irgendwie an den Zauberstab in seiner Hosentasche zu gelangen. Möglichst unauffällig.
„Ich habe mir geschworen, nie so zu sein. Ich bin stark und unabhängig. Weißt du, die Todesser verstehen das. Rodolphus ist nicht zerbrochen, als Molly Weasley seine Bellatrix umgebracht hat. Er hat sich in allen Farben seine Rache ausgemalt. Und wenn er seine Rache bekommt, ist die Sache für ihn abgeschlossen. Er macht dann weiter mit seinem Leben und lässt sich nicht davon herunterziehen, dass seine Frau tot ist. Er ist so viel stärker …"
James glaubte aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrzunehmen und lag er auch schon auf allen Vieren auf dem Boden. Fred stand neben ihm und feuerte einen Zauberspruch nach dem anderen auf Jordan ab. Verflucht! Wo war sein Zauberstab? Er musste heruntergefallen sein, als Fred ihn heruntergelassen hatte. Da! James machte einen Hechtsprung auf seinen Stab zu und wich einem roten Strahl aus, von dem er nicht mal sagen konnte, was für ein Spruch es war, geschweige denn, wer ihn gesprochen hatte. Sobald er seinen Stab hatte, schloss er sich Fred an, wich den Zaubern aus und feuerte so viele er konnte gegen die Aurorin. „Expelliarmus" und „Locomotor Mortis" waren die einzigen Angriffszauber, die er wirklich beherrschte und „Protego" als Verteidigung. Viel mehr brachte er nicht zustande und Fred ging es nicht anders. Kein einziger ihrer Zauber traf Jordan und es würde sicherlich nicht mehr lange dauern, bis sie einen von ihnen traf. Sie konnten nur hoffen, dass einer der Erwachsenen den Kampfeslärm hörte.
Fred zog James aus dem Weg, als Jordan einen Curciatusfluch auf ihn losschicke. Einen Cruciatus! Entsetzt starrten die Jungen sich an. Eine Gestalt mit wehenden blonden Haaren eilte an ihnen vorbei und James dachte zunächst, Fleur hätte sich befreit, aber es war seine Cousine Dominique, die Jordan angriff. James und Fred feuerten weiter ihre Zauber ab. Sie trafen die Aurorin zwar nicht, schafften es aber sie abzulenken, sodass Dominique sie mit einem „Stupor!" mitten in die Brust traf.
Schwer atmend ließen sich die Jungen nebeneinander auf den Boden fallen und Dominique ging vorsichtig zu Jordan.
„Dom, das war …", sagte Fred und raffte sich wieder auf. Er ließ den halben Satz in der Luft hängen. Dominique drehte sich grinsend zu ihnen um.
„Nicht schlecht oder?", fragte sie und stieß mit dem Fuß gegen die Aurorin, die sich noch immer nicht rührte. Fred nickte nur. Er reichte James die Hand und der ergriff sie und ließ sich hochziehen.
„Das mit John tut mir mega leid, James", sagte er. James schlag die Arme um ihn und drückte ihn so fest, wie er es schon ewig nicht mehr getan hatte.
„Ihr beide habt mir das Leben gerettet, wisst ihr das?", fragte er und wollte auch Dominique umarmen, doch die stieß ihn lachend weg.
„Gewöhn dich nicht dran", sagte seine Cousine und fesselte Jordan mit einem Spruch, den James noch nie gehört hatte.
Die Geiselübergabe
Gut. Er musste zugeben, dass er die ganze Situation schon ein wenig genoss. Er war ein Jäger, weil er die Gefahr liebte … und weil er ein verdammt guter Duellant war. Er hatte Potter in seiner Abschlussprüfung beinahe geschlagen und er war sich sicher, dass auch der sich noch gut daran erinnerte.
Er genoss auch Potters Gesellschaft. Er hatte an diesem Tag schon jetzt so viel gelernt wie seit dem Ende seiner Ausbildung nicht mehr. Fasziniert hatte er beobachtet wie Potter mit den Longbottoms umgegangen war … und dann mit Macmillan; wie er nach Lupins Nachricht sofort geschaltet hatte und die neuen Entwicklungen zu seinem Vorteil nutzte.
Und jetzt? Potter hatte nicht eine Sekunde gezögert, als Jefferson vorgeschlagen hatte, ihn auszuliefern. Er hatte nur genickt. Und dann hatte er sich nicht einmal in die Verhandlungen eingemischt. Er vertraute Jefferson und den Schilden einfach das Schicksal seiner Kinder an. Er war nicht mal im gleichen Raum, als sie mit den Todessern verhandelten. Er hatte die Cafeteria freiwillig verlassen. Doch Charles war geblieben. Er hatte mit eigenen Ohren gehört, wie sehr Jefferson um Potters Kinder kämpfte. Das Ergebnis war ernüchternd und Charles hatte erwartet, dass Potter sehr enttäuscht sein würde, aber der nickte nur. Sein Leben gegen das seiner Tochter. Die anderen Geiseln würden nur gegen Molly Weasley und Rabastan Lestrange getauscht werden. Eine Zivilistin und einen Todesser im Gewahrsam der Auroren – Jefferson konnte die Forderungen nicht erfüllen. Der Plan war, sich durch Potter mehr Zeit zu verschaffen, aber was danach kam, wusste niemand. Sie konnten die anderen beiden Forderungen nicht erfüllen.
Charles warf Potter immer mal wieder einen verstohlenen Blick zu, aber starrte nur ausdruckslos geradeaus und Charles wagte nicht, ihn anzusprechen. Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, was in Potter vor sich ging. Er hatte keine Kinder. Peter und er hatten auch nie welche gewollt. Sie wollten immer beide Karriere machen. Wäre Charles auch zu den Jägern gegangen, wenn kleine Kinder Zuhause auf ihn warten würden? Der Job war gefährlich und man machte sich viele Feinde. Unter den Jägern waren nicht viele, die Familie hatten. Merlin, unter den Auroren waren schon wenige. Würden alle Mitglieder von Potters Familie den heutigen Tag überstehen?
„Williamson", sagte Potter so plötzlich, dass er zusammenzuckte. „Sie konzentrieren sich nur auf meine Tochter, sobald sie sie haben, klar?"
Charles sah ihn irritiert an. Dann nickte er. „Klar. Das ist mein Auftrag." Potter hatte darauf bestanden, dass er ihn begleitete und keiner der Schilde.
„Ich möchte nur sichergehen, dass Ihnen klar ist, was das bedeutet", erläuterte Potter. „Ihre Aufgabe ist es, Lily Potter zu beschützen, nicht mich." Charles nickte. Er verstand, was Potter meinte. Charles sollte nicht eingreifen. Nicht beim Cruciatus und nicht beim Todesfluch. Die Geiseln gingen vor. Hoffentlich würde es nicht so weit kommen. Charles war sich sicher, dass er die Anweisung nicht würde befolgen können. Wer wollte schon derjenige gewesen sein, der zusah wie Harry Potter getötet wurde?
Nur noch eine Etage, dann war es so weit.
„Gibt es sonst noch etwas, was …" Potter warf ihm einen spöttischen Blick zu und Charles unterbrach sich.
„Ich plane schon, da lebend wieder rauszukommen, Williamson", sagte Potter und seine Mundwinkel zuckten nach oben. „Es wäre mir auch schrecklich peinlich, wenn mich an Ende ausgerechnet Sewyn erwischen würde. Oder noch schlimmer: So jemand wie Macmillan." Potter schüttelte sich.
„Da wäre Ihnen Voldemort lieber gewesen?", fragte Charles ungläubig. Er war gerade im dritten Schuljahr gewesen, als Voldemort die Macht ergriff und war als Mugglegeborener erst zurückgekehrt, als die Schule in Schutt und Asche lag.
„Schon", gab Potter zu und zuckte mit den Achseln. „Das war zumindest immer das Ende mit dem ich gerechnet habe. Aber … für den Fall der Fälle weiß meine Familie alles, was sie wissen muss, Williamson. Ihre doch auch, oder? Wir sind schließlich Auroren." Charles nickte. Natürlich wusste Peter, dass er ihn liebte. Würde er noch etwas Anderes sagen wollen, wenn es tatsächlich die letzte Gelegenheit wäre?
Charles und Potter waren die ersten in der Eingangshalle. Wie vereinbart hatten sich die Auroren zurückgezogen und alle Fenster und Türen waren verschlossen und abgedunkelt. Charles überprüfte die Halle und den Aufenthaltsraum der Heiler mit einem Homenum Revelio und stellte sich dann neben Potter und wartete.
Sie kamen zu zweit mit dem Mädchen. Lestrange und Macmillan. Sewyn und der Mann, in dessen Haut Lupin steckte, fehlten. Vermutlich bewachten sie die anderen Geiseln. Ob es Potter beruhigte, dass Lupin bei den anderen Kindern war? Wie jung seine Tochter noch war. Charles hatte sich nicht sonderlich viel mit den Geiseln beschäftigt. Er war Jäger, kein Schild. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass es sich bei den Kindern zumindest um Hogwarts-Schüler handelte. Hoffentlich waren die anderen älter. Das kleine, rothaarige Mädchen, das Macmillan vor sich her führte, war allerhöchstens zehn. Diese Bastarde! Charles atmete tief ein und aus. Beruhigte seinen Herzschlag. Er war derjenige, der einen kühlen Kopf bewahren musste. Potter war sicherlich schon wütend genug für sie beide. Er legte ihm schnell eine Hand auf die Schulter, als Potter dazu ansetzte einen Schritt auf die drei zuzumachen. Potters Tochter schien ihn ebenfalls entdeckt zu haben, aber Macmillan zog sie zurück, als sie auf ihn zulaufen wollte.
Langsam gingen sie aufeinander zu. ‚Wenn Blicke töten könnten…' Charles hatte das Mugglesprichwort in seiner Kindheit oft gehört und musste jetzt daran denken, als Lestrange langsam näherkam. Der Blick des Todessers galt natürlich Potter. Lestrange sah Potter an, als wäre es Potter und Potter allein, der für alles Leid im Leben des Todessers verantwortlich war und als könnte sich all das Leid in pures Glück verwandeln, wenn Potter erst mal aus dem Weg geschafft war. Charles warf Potter einen Seitenblick zu. Der schien eher wenig beeindruckt von Lestrange. Sein Blick streifte ihn und Macmillan nur und blieb auf seiner Tochter liegen.
Sie waren noch ca. 20 Meter voneinander entfernt, als Macmillan und Lestrange stehen blieben.
„Es läuft alles wie besprochen", sagte Charles und bemühte sich seine Stimme so gefasst wie möglich klingen zu lassen. Harry hob seinen Zauberstab, beugte sich vor und legte ihn auf den Boden. Charles ließ Lestrange nicht aus den Augen. Seinen eigenen Stab hielt er fest umklammert. Er würde schnell sein müssen, um sie alleine zu überwältigen, wenn sie angriffen. Sehr schnell.
Potter trat einen Schritt nach vorne und Macmillan schob auch die kleine Lily in ihre Richtung.
„Ganz langsam, Lily", sagte Potter deutlich und ließ seine Tochter nicht aus den Augen. Es war allein an Charles die Todesser im Blick zu behalten. Potter war so weit von seinem Stab entfernt, dass er ihn unmöglich erreichen konnte, bevor es zu spät war.
Als die beiden sich in der Mitte trafen, umarmte Potter das Mädchen und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Charles war keine zehn Meter von den beiden entfernt. Das war nicht viel. Aber die Lestrange auf der anderen Seite war ihnen genauso nah. Potter sprach mit dem Mädchen; deutete auf ihn, Charles.
„Potter!", fauchte Lestrange. „Letzte Chance." Charles hörte die Ungeduld in seiner Stimme. Er war eine tickende Zeitbombe.
„Lily!", rief er dem Mädchen zu. „Komm' zu mir." Lily Potter warf ihm nur einen kurzen Blick zu und schüttelte den Kopf, doch als Potter erneut auf sie einsprach, nickte sie, sah ihn noch einmal an und ging dann langsam auf Charles zu. Ihr Gesicht war tränenüberströmt als sie bei ihm ankam. Er fasste sie an der Schulter, löste ihre Handfesseln mit einem Zauber und schob sie hinter sich.
Potter kam zeitgleich auf der anderen Seite an. Lestrange stieß ihm die Faust in den Magen, sobald er nahe genug war und Macmillan fesselte ihn. Das Mädchen hinter Charles schrie auf und er fasste es erneut an der Schulter, damit es nicht zu seinem Vater lief.
„Du musst meinen Dad retten." Lily Potter flüsterte die Worte nur. Sie sah ihn dabei eindringlich an. Ihre grünen Augen – die gleichen wie die ihres Vaters – schienen so viel älter zu sein als sie selbst. „Bitte! Lestrange wird ihn töten. Du musst ihn retten." Das stimmte vermutlich. Charles konnte die Mordlust in seinen Augen auch auf 20 Meter Entfernung sehen.
Lestrange packte Potter grob am Nacken und wollte ihn wohl gerade aus dem Raum führen, als eine junge Aurorin durch die Tür eilte. Charles hatte sie noch nie zuvor gesehen und als Lestrange und Macmillan sie nicht angriffen, wurde ihm klar, dass sie nur die Uniform der Auroren trug. Nun waren sie endgültig in der Überzahl.
„Die Geiseln … sind weg!", rief die Aurorin außer Atmen. „Der Wolfsjunge hat sie befreit und Sewyn antwortet nicht mehr. Die Auroren müssen ihn erwischt haben." Charles brauchte nur einen Moment, um die Worte zu begreifen. Wenn die Geiseln befreit waren, hatten die Todesser nichts mehr in der Hand. Wenn er es schaffte, Potter zu befreien, brachte das niemanden mehr in Gefahr. Aber sie waren zu dritt. Und seine Aufgabe war es, Potters Tochter zu beschützen.
„Was? Wo ist Sewyn?", fragte Macmillan. „Und was ist mit Gaunt? Er war doch bei den Geiseln."
Potter war für einen Moment unbeobachtet und Charles sah, wie er versuchte die Fesseln zu lösen, doch Lestrange erinnerte sich allzu schnell an ihn.
„Das war dein Plan, Potter!", fauchte er und stieß Potter zu Boden. „Hier eine Show abzuziehen, damit deine kleine Wolfsbrut die Arbeit erledigen kann. Wo sind Sewyn und Gaunt, Potter? Crucio!" Der Fluch kam wie aus dem Nichts und Charles schaffte es nicht, Lily rechtzeitig Augen und Ohren zuzuhalten. Sie schrie auf und machte so Lestrange auf sie aufmerksam. Während Potter sich am Boden krümmte, ging er auf Charles und das Mädchen zu.
„Aus dir war durch Folter nie viel rauszubekommen, Potter", sagte Lestrange mehr zu sich selbst als zu Potter und hob seinen Zauberstab. „Aber du bist schwach, so schwach, wenn es um deine geliebte Familie geht nicht wahr?" Charles war schneller. Er stieß Lily aus dem Weg, bevor der Fluch sie treffen konnte, versuchte Lestrange zu schocken, doch der blockte den Fluch und ließ riesige, spitze Eiszapfen von der Decke regnen. Charles beschwor ein Schild über sich und das Mädchen. Keine Sekunde später flog Lestrange durch den Raum und gegen die massive Betonwand. Charles sah sich nach dem mysteriösen Retter um, aber es war niemand gekommen. Potter! Die Fesseln waren gelöst und er stand mitten im Raum. Die Augen fest auf Lestrange gerichtet Sein Gesicht war verzerrt. Die Augen zu kleinen Schlitzen verengt und er hielt seine rechte Hand – alle fünf Finger ausgestreckt – vor seinen Körper. Als er sie wieder linken ließ, flog Lestrange auf den harten Boden und bewegte sich nicht mehr. Potters Zauberstab, der immer noch neben Charles auf dem Boden lag, machte sich selbstständig und flog auf seinen Besitzer zu. Potter fing ihn auf ohne hinzusehen.
Natürlich wusste Charles, dass es so etwas wie zauberstablose Magie gab. Jedes magische Kind zauberte ohne Stab. Aber diese Magie war unkontrollierbar. Sie wurde von Emotionen heraufbeschworen und nicht durch Zaubersprüche. Aber einen Spruch hatte auch Potter nicht genutzt. Zumindest keinen, den Charles kannte.
Potter stand noch immer reglos im Raum. Den Zauberstab in der einen Hand, die andere zur Faust geballt. Er zitterte am ganzen Körper.
„Dad?", fragte Lily hinter Charles und er hörte auch in ihrer zitternden Stimme die Angst, die auch sein Herz schneller schlagen ließ. Was bei Merlin war das? Auch die Stimme seiner Tochter schien Potter nicht in die Realität zurück zu holen. Charles warf noch einen Blick auf Lestrange und rief sich dann die beiden anderen in Erinnerung – die zwar seines Wissens nach keine Todesser waren, aber dennoch nicht ungefährlich. Macmillan und die Frau in Aurorenuniform starrten entsetzt auf den reglosen Körper von Lestrange. Charles entwaffnete die Aurorin, doch als er seinen Stab auf Macmillan richtete, erwachte der aus seiner Trance und erwischte ihn fast mit einem Sectum Sempra.
„Auroren töten nicht, ja?", fauchte Macmillan, während er einer Körperklammer von Charles auswich. „Ihr haltet euch für die großen Helden, aber ihr seid Dreck. Schlammblüter, Blutsverräter und Mörder!" Macmillan sah an ihm vorbei, als er den nächsten Zauber sprach und Charles verstand erst, auf wen er zielte, als es schon zu spät war, Lily aus dem Weg zu stoßen. Ein Schild nützte beim Todesfluch nichts und Charles blieb gerade genug Zeit, sich dem grünen Licht in den Weg zu werfen. „Williamson!"
Potters Schrei war das letzte, was er hörte.
Abschied
„Ich hasse Beerdigungen!" Harry musste Ron gedanklich zustimmen. Sie waren nach dem Krieg von einer Beerdigung zur nächsten gehetzt und Harry konnte bis heute nicht verstehen, dass es Menschen gab, die davon sprachen, dass diese oder jene Trauerfeier besonders schön gewesen sei. Er warf Ron dennoch einen finsteren Blick zu und sah sich nach Teddy um. Der war zum Glück außer Hörweite am anderen Ende des Salons. Victoire nahm ihn gerade in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Andromedas Beerdigung war auch nicht schön gewesen. Kein bisschen.
„Ich glaube, ich lass mich nicht beerdigen." Rons Blick wanderte durch den Raum, bis er schließlich an Rose, die mit Albus an einem Tisch direkt vor dem Kamin saß, hängen blieb. „Vielleicht löse ich mich einfach in Luft auf. Dazu gibt es doch bestimmt einen Spruch oder einen Trank oder so."
„Du hast doch nur Angst vor den Spinnen unter der Erde."
„Es gibt keine Spinnen unter der Erde." Ron klang unsicher und Harry verdrehte die Augen.
Ron sah immer noch zu seiner Tochter. „Rose hat Hermine gestern nach Bellatrix gefragt."
„Was?"
Ron nickte. Die Augen unverwandt auf Rose gerichtet. „Sie hat ein bisschen was aufgeschnappt, dann selbst recherchiert … über Sirius, Dora und auch über Malfoy Manor."
„Scheiße." Harry sah seinen besten Freund entsetzt an. Er wusste genauso gut wie Ron, wie lange es gedauert hatte, bis Hermine diesen Teil des Krieges verarbeiten konnte. Sie trug auch heute noch meistens lange Ärmel, damit niemand das Wort sah, mit dem Bellatrix ihren Arm verziert hatte. „Warst du dabei?"
Ron nickte erneut. „Hermine hat ihr ganz ruhig erklärt, was passiert ist. Sie hat ihr die Narben gezeigt – du weißt schon – und hat ihr gesagt, dass wir drei ihr die ganze Geschichte erzählen werden, wenn sie 17 ist, aber, dass sie jederzeit zu uns kommen kann, wenn sie Fragen hat." Ron riss sich von seiner Tochter los und sah Harry an. Ein kleines, trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. „Harry, Hermine war großartig."
„Nichts Anderes habe ich erwartet." Harry erwiderte Rons Lächeln, auch, wenn ihn diese Geschichte daran erinnerte, dass er auch seinen Kindern früher oder später würde erzählen müssen, was während des Krieges passiert war.
Harry warf Teddy noch einen Blick zu. Sein Patensohn bemerkte ihn nicht, aber Victoire schenkte Harry ein Lächeln. Er lächelte zurück. Victoire stand schon den ganzen Tag an Teddys Seite. Sie war heute diejenige, die im Halt gab, so wie Andromeda und Harry es früher getan hatten, und Harry fragte sich, wie er hatte übersehen können, dass seine Nichte erwachsen geworden war. Wann war das passiert? Das kleine Mädchen, dass die Blumen bei seiner Hochzeit gestreut hatte, war inzwischen 17 Jahre alt. Nächste Woche hatten Ron, Hermine und er einen Termin mit ihr vereinbart, um ihr alles zu erzählen. Aber daran wollte er jetzt lieber nicht denken.
Harry sah sich nach James um. Er fand ihn mit Fred, Dominique, Roxy und ihrem Freund Julien nicht weit von Teddy und Victoire entfernt Harry bemerkte wie James' Blick immer wieder zu seinem großen Bruder wanderte. John war mit Kingsley bei der Beerdigung gewesen, aber gleich danach nach Hause gegangen. Irgendetwas war während Harrys Abwesenheit zwischen Fred, James und John passiert, da war er sich sicher. Er nahm sich vor, James danach zu fragen.
Kingsley war mit Hermine auf der Dachterrasse. Harrys Blick wanderte zu dem Kleiderschrank auf dem Treppenabsatz. Harry war sich ziemlich sicher, dass er wusste, was Kingsley mit Hermine zu besprechen hatte. Aber er war sich nicht sicher, wie Hermines Antwort ausfallen würde.
„Sie wird annehmen." Ron mochte nicht der einfühlsamste Kerl in Großbritannien sein, aber manchmal war Harry sich sicher, dass er Gedanken lesen konnte. Harry sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. Ron grinste breit.
„Sie wird dein Boss, Harry."
„Das war sie immer."
Ron musste lachen. „Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht mehr im Ministerium bin. Ich habe schon mit George und Angelina gesprochen. Ich werde ein wenig kürzer treten."
Harry nickte. Sie wussten beide, was für einen Terminkalender Kingsley hatte. Hermine würde ihn vermutlich noch übertrumpfen. Ron war schon immer der Hauptversorger der Kinder gewesen. Nach Rose Geburt hatte er die Auroren verlassen und war erst bei George eingestiegen als Hugo in den Muggle-Kindergarten kam.
„Hat sie schon wegen der Zentauren mit dir gesprochen?" Ron sah ihn gespannt an. Harry nickte.
„Ich war gestern schon mit Hagrid im Verbotenen Wald. An den Zentauren wird es nicht scheitern, aber beim Zaubergamot bin ich mir da nicht so sicher."
„Hermine hat Morgen ihre Präsentation vor dem Gamot. Es geht ja nicht nur um die Zentauren, sondern auch um die Hauselfen und um die Geister. Vielleicht können sogar die Erinnerungen von Thestralen und Hippogreifen im Prozess verwendet werden. Da draußen haben ja genug gekämpft. Was das bedeutet, wenn der Gamot zustimmt!"
„Hey." George trat zu ihnen. Das Gesicht seltsam ausdruckslos. Harry hatte ihn seit der Entführung ihrer Kinder nicht mehr gesehen.
„Hey, wie geht's Roxy?" Ron nickte mit dem Kopf zu Georges Tochter, die gerade mit den Jungs über etwas lachte, was wohl einer von ihnen gesagt hatte. George zuckte mit den Achseln.
„Seit ihr klar ist, dass dieser Julien nichts mit der Sache zu tun hatte, tut sie so, als wäre nichts passiert." George strich sich mit der Hand über die Stelle, an der sein Ohr einmal gewesen war.
„Lily hatte jede Nacht Alpträume. Sie hat seitdem nicht mehr in ihrem eigenen Bett geschlafen."
„Ist Ginny mit ihr wieder nach Hause?" Ron nahm sich ein Stück von dem Kürbiskuchen, der plötzlich auf dem Tisch neben ihnen auftauchte. „Ich habe sie auf der Beerdigung noch gesehen."
Harry nickte.
„Was ist mit Al?"
Harry sah sich bei Georges Worten nach seinem Sohn um, der sich immer noch mit Rose unterhielt.
„Er sagt nicht viel", antwortete Harry. „Aber er will unbedingt aussagen."
George nickte. „Roxy auch."
„Ich will nicht, dass Lily vor dem Zaubergamot aussagen muss. Ich spreche nachher noch mal mit Hermine. Vielleicht reicht ja eine Erinnerung."
Ron und George nickten.
„Es tut mir so leid, George." Harry hatte es bisher noch nicht gesagt. Er war George so gut es ging aus dem Weg gegangen, nachdem er seine Tochter nicht hatte beschützen können – von seinen eigenen Kindern mal abgesehen. George sah ihn zunächst mit hochgezogenen Brauen an. Dann verzog sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Nimm dich mal nicht zu wichtig, Potter. Du bist nicht mehr der Mittelpunkt der Welt." George legte ihm einen Arm um die Schulter. Harry musste lächeln.
„Hast du was von Lee gehört?" Ron arbeitete sich gerade durch sein zweites Stück Kürbiskuchen und sprach mit vollem Mund. Manche Dinge würden sich wohl nie ändern.
„Ich war gestern bei ihm", antwortete George. Mehr sagte er nicht und sie fragten nicht nach,
„Ich werde die ganze Abteilung auseinandernehmen." Harry seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Nachdem auch noch dieser Gaunt aus der Zentrale entkommen ist, über den wir rein gar nichts wissen, muss ich davon ausgehen, dass noch weitere Auroren übergelaufen sind. Das Ganze könnte doch weit größer sein, als wir dachten. St. Mungo's und auch der Angriff auf Andromeda waren nicht sonderlich gut geplant, aber das kann beim nächsten Mal anders sein."
Ron zuckte mit den Achseln. „Hermine und du, ihr packt das schon."
„Zur Not musst du uns doch noch mal aus der zweiten Reihe hinzuziehen." George grinste. Dann winkte er Audrey zu, die sich gerade ein Stück von dem Kürbiskuchen nahm.
„Wie geht es den Mädchen?"
Audrey lächelte sie ein wenig zaghaft an. Percy hatte ihnen gestern erzählt, dass Audrey und er sich trennen würden und Harry konnte nicht sagen, dass er sonderlich überrascht war.
„Ich glaube ganz gut", sagte sie. „Jetzt kommt natürlich auch noch die Trennung hinzu, aber die beiden sind sich so nahe, wie seit Jahren nicht mehr." Audrey nickte mit dem Kopf zu Molly, Lucy und Lisa, die neben der Küchentür an einem der Tische saßen.
„Oh ist das Lisa?" George sah mit großen Augen zu den Mädchen herüber. „Die muss mir unbedingt diese Hockeyschläger-Geschichte erzählen." Ron lachte laut auf und ging mit George zu den Mädchen herüber.
„Was ist mit Teddy?", fragte Audrey Harry, als sie alleine waren.
„Victoire scheint sich ganz gut um ihn zu kümmern." Harry lächelte sie an und sah dann zu seinem Patensohn herüber, der seinen Blick diesmal erwiderte. Teddy sah … okay aus, soweit Harry das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sein Blick sagte nicht: ‚Komm und rette mich!' oder ‚Ich werde gleich ohnmächtig!'
„Audrey, dich habe ich gesucht." Irgendwann in seiner Zeit im Grimmauldplatz hatte sich Dudleys Frau Rosemary mit Audrey angefreundet. Die Dursleys waren nach der Befreiung von Thomas und der Auflösung des Hausarrests am Grimmauldplatz nach Hause zurückgekehrt. Harry hatte die Theorie aufgestellt, dass die Todesser ihn zu Andromeda gesperrt hatten, um ihn als Pfand zu behalten, falls die anderen Geiseln entkamen. Aber die Wahrheit war, dass sie nicht wussten, warum sie ihn nicht einfach getötet hatten.
Die Dursleys kamen aber gleich am nächsten Abend zum Essen mit der Familie zurück. Und dann kamen sie am nächsten Morgen zum Frühstück bei den Potters vorbei. Und heute besuchten sie Andromedas Beerdigung. Rosemary wäre auch Morgen mit zu Williamsons Trauerfeier gekommen, aber Harry hielt das für keine so gute Idee. Stattdessen schlug er ihr vor, Ende des Monats zur Verleihung des Merlinordens 3. Klasse zu kommen, den Williamsons Mann entgegennehmen würde.
„Kannst du mir erklären, was das für Getränke sind?" Rosemary deutete auf die Kessel, die neben dem Kuchen standen. „Sind die für Leute wie uns ungefährlich oder …"
Harry nutzte die Gelegenheit und machte sich auf dem Weg zu Teddy. Er nickte Narzissa und Draco Malfoy kurz zu, als er an ihnen vorbei kam. Percy und Andromedas Freundin Patty saßen bei ihnen. Neville, Hannah, Luna und Rolf standen an einem Stehtisch daneben, aber nur Luna bemerkte Harry und lächelte ihm kurz zu, als sie passierte.
Harry drückte Teddy fest an sich. Es dauerte eine ganze Weile, bis sein Ältester ihn losließ.
„Kann ich etwas für dich tun?"
Teddy schenkte ihm ein kleines Lächeln, doch er schüttelte mit dem Kopf. Victoire drückte ihm und Harry einen Teller mit Kürbiskuchen in die Hand und ließ sie dann alleine.
„Ich …" Teddy schluckte. Er stellte den Teller ab und sah Harry in die Augen. „Ich bin erleichtert."
Harry nickte. Er war nicht überrascht. Er hatte dasselbe gefühlt. Auch Trauer. Auch Schmerz. Aber eben auch die Erleichterung.
„Ich habe gestern noch mal mit Neville gesprochen. Ich weiß nicht, wie er das schafft. Ich meine … sie wirken ja nicht unglücklich, aber …" Teddy brach ab. Flehend sah er Harry an. So, wie er ihn früher angesehen hatte, wenn er ein Spielzeug zerbrochen oder eine schlechte Note bekommen hatte und zu ihm kam, damit er mit ein paar Worten die Tränen fortwischte.
„Sie hätte nicht so leben wollen wie Frank und Alice." Da war sich Harry ganz sicher und auch Teddy nickte bei seinen Worten.
Harry legte ihm einen Arm auf die Schulter und hob seinen Zauberstab an den Kehlkopf.
„Auf Andromeda!" Seine magisch verstärkte Stimme drang durch den Raum und ein Glas Funkensekt erschien in seiner rechten. „Die immer den Weg der Liebe wählte."
Die anderen Gäste prosteten ihm und Teddy zu und riefen: „Auf Andromeda!" Harry hörte auch Teddys Stimme neben sich und drückte seine Schulter.
Teddy, James, Albus und Lily – sie würden es schon schaffen. Am Ende wurde doch immer alles gut. Und wenn es noch nicht gut war, war es noch nicht das Ende.
