Harry

Harry hatte sich entschieden mit dem Auto zu fahren. So war es unauffälliger und er hatte eine Ausrede, um keinen Alkohol trinken zu müssen. Er mochte alkoholische Getränke nicht und reagierte auf sie meistens, in dem er viel zu viel erzählte und noch paranoider wurde, als er es ohnehin schon war. Außerdem war es zur Zeit entscheidend, dass er alle seine Sinne beisammen hielt.

Ein weiterer Grund dafür, dass er sich für das Auto entschieden hatte, war, dass er einfach ein wenig Zeit für sich brauchte. Seit einer Woche war ein Großteil der Familie nun im Grimmauldplatz untergebracht und vor allem Fred und James waren gemeinsam nur schwer zu ertragen. Aber es war nicht nur das. Dadurch, dass so viele Familienmitglieder im Grimmauldplatz Schutz suchten, wurde Harry auch in der Zeit, die er mit seinen Lieben verbrachte, immer wieder an seine Arbeit erinnert und an den Grund für ihre Anwesenheit.

Harry bog auf einen großen Parkplatz, der sich vor seiner alten Grundschule befand. Er atmete einmal tief durch und stieg aus dem Wagen. Vor ein paar Wochen war die Einladung hereingeschneit: „Klassentreffen der Grundschule Little Whinging". Zunächst hatte er nicht hingehen wollen, aber Ginny und Dudley hatten ihn überredet, zumindest vorerst zuzusagen. Er könne sich ja später noch entscheiden, ob er wirklich hingehen wolle. Nun war Harry froh, sein zur Zeit sehr hektisches Leben vergessen zu können und auf eine Party zu gehen, auf der man in ihm keinen Helden sah. Es würde interessant werden zu erfahren, was aus seinen ehemaligen Peinigern geworden war. Zumindest versuchte er sich das einzureden.

Harry bemerkte die Musik, die vom Schulhof her zu ihm herüber dröhnte, schon von Weitem. Seine Lieblingsmusik war es nicht, aber erträglich. Vor dem eisernen Schultor hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet, in die sich auch Harry reihte. Es dauerte nicht lange bis er an der Reihe war. Er bekam ein Namensschild verpasst und wurde hereingelassen. Harry entdeckte weder Dudley noch einen leeren Stehtisch. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich zu einigen seiner ehemaligen Mitschüler zu stellen. Der Tisch für den er sich entschied war nur von zwei Personen besetzt. Eine junge Frau, deren hübsches Gesicht Harry wage bekannt vorkam und ihr Begleiter, der wohl kein Mitglied seiner Klasse gewesen war.

„Harry?", fragte die Frau lächelnd und deutete auf sein Namensschild. „Dich hätte ich nun wirklich nicht wiedererkannt. Gut siehst du aus!" Harry betrachtete seinerseits ihr Schild. Jessica. Er hatte eine gute Entscheidung getroffen. Jessica hatte nicht zu denen gehört, die ihn als Kind immer hänselten. Jessica war immer mit Lara zusammen gewesen. Verteidigt hatten die beiden ihn nicht, aber wenn die anderen nicht hinsahen, waren sie nett zu ihm gewesen.

„Schön dich wiederzusehen, Jessica", sagte Harry und lächelte ebenfalls. „Tolles Kleid." Harry gab ihrem Begleiter die Hand. „Harry Potter", stellte er sich vor. Es war ungewohnt keine besondere Reaktion auf die Nennung seines Namens zu sehen, aber er mochte es. „Tobias Stuart", sagte der Mann freundlich. „Jessicas Mann."

„Habe ich mir gedacht", erwiderte Harry. „Habt ihr Kinder?"

„Ja", antwortete Jessica strahlend und zog ihr Portemonnaie heraus. „Zwei kleine Wonneproppen. Lena und Louisa." Sie zeigte Harry Fotos von ihren Lieblingen und dieser studierte sie aufmerksam.

„Louisa sieht aus wie du in ihrem Alter", erklärte er und Jessica wurde rot.

„Ich habe vier. Teddy, James, Albus und Lily. Meine Frau kommt später nach, dann werdet ihr sie kennenlernen."

Harry sah wie Tobias sich entspannte. Hatte er sich ernsthaft Sorgen gemacht, Harry könnte mit seiner Frau anbändeln? Jessica betrachtete die Muggle-Fotos, die Harry ihr zeigte. Er hatte sie extra heute noch anfertigen lassen, da er eigentlich nur magische Bilder seiner Kinder besaß.

„Da ist aber ein großer Altersunterschied zwischen den beiden Ältesten. Dein Ältester hat eine ziemlich interessante Haarfarbe.", stellte Jessica fest.

„Seine Mutter war genauso", sagte Harry lächelnd. „Teddy färbt sie sich meistens türkis. Sie mochte pink lieber."

„Stammt Teddy aus einer früheren Beziehung?" Harry beobachtete wie Tobias seiner Frau einen entsetzten Blick zuwarf. Nun ja, besonders einfühlsam war die Frage wirklich nicht gestellt. Harry lächelte dennoch.

„Teddy ist vor kurzem 20 geworden", erklärte er. „Er ist mein Patenkind. Seine Eltern sind ein paar Wochen nach seiner Geburt gestorben."

In diesem Moment gesellten sich zwei weitere Personen an den Tisch. Zwei Personen, die Harry sicherlich nicht wiedersehen wollte: Malcolm und Piers aus Dudleys ehemaliger Clique. Harry hatte Piers auf Dudleys Geburtstagen und auf seiner Hochzeit gesehen. Sie redeten zu solchen Anlässen immer kurz miteinander und wandten sich dann anderen Gesprächspartnern zu. Malcolm jedoch hatte Harry, seit er aus dem Lingusterweg ausgezogen war, nicht mehr getroffen.

„Jessica Young?", fragte Malcolm und betrachtete die junge Frau vor ihm. „Du siehst klasse aus! Richtig heiß …"

„Und vergeben", erklärte Jessica und gab Tobias einen Kuss. Malcolm schien sofort das Interesse zu verlieren und wandte sich Harry zu. „Du warst aber nicht in unserer Klasse."

Harry verdrehte die Augen.

„Habe ich mich wirklich so sehr verändert?", fragte er an niemand bestimmten gewandt.

„Ja, Harry", antwortete Piers und gab ihm die Hand. Er lächelte sogar. Etwas gezwungen, aber er gab sich Mühe. „Das habe ich dir schon beim letzten Mal gesagt. Wo ist Ginny?"

Piers war begeistert von Ginny, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Er umschwärmte sie wie eine Biene eine Blüte. Harry konnte es ihm nicht verdenken.

„Harry?", fragte Malcolm irritiert. „Harry Potter?" Harry deutete auf sein Namensschild und wandte sich dann wieder Piers zu.

„Gin arbeitet noch, aber sie kommt gleich nach."

„Ach ja", murmelte Piers. „Es ist ja Samstag." Ginny arbeitete meistens Samstags Abends, weil sie sich natürlich die Quidditch-Spiele ansehen musste, über die sie dann am Montag im Tagesprophe-ten berichtete. Das wusste inzwischen auch Piers, denn Ginny kam deshalb manchmal später oder gar nicht zu Abendveranstaltungen, zu denen sie eingeladen waren. Meistens jedoch kamen Harry und Ginny gemeinsam etwas später. Viele Spielen waren auch schon nachmittags und dann war es sowieso kein Problem.

„Harry Potter?", wiederholte Malcolm und wirkte mit jedem Wort etwas weniger intelligent. „Aber du warst so klein und dünn …"

„Es gibt Menschen, die erwachsen werden", mischte sich Jessica ein. „Offensichtlich jedoch nicht alle."

„Ist Melanie gar nicht da?", fragte Harry Piers. Melanie war Piers Freundin gewesen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Piers wechselte seine Partnerinnen jedoch häufiger.

Piers winkte ab. „Das ist aus!"

„Schade", kommentierte Harry. „Ich mochte sie." Das war nicht einmal gelogen. Melanie hatte im Gegensatz zu Piers anderen Freundinnen keinen schlechten Eindruck auf Harry gemacht. Vermutlich hatte sie aber inzwischen genug von Piers. Das konnte er durchaus verstehen. Piers zuckte zur Antwort nur mit den Achseln.

„Was habt ihr beide denn miteinander zu schaffen?", fragte Malcolm und sah Piers entsetzt an. „Früher war Potter doch dieser kleine, komische Junge, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Er ist doch sogar auf diese Schule gegangen … für Kriminelle."

„Ist er nicht", antwortete Piers. „Wir haben beide noch Kontakt zu Dudley. Da sieht man sich halt ab und zu. Außerdem ist er ein Cop, also halt die Fresse!"

Harry musste lächeln. Das hatte bei Piers gewirkt. Seit Dudley ihm erzählt hatte, dass Harry bei so etwas wie der Polizei war, hatte er sich ihm gegenüber immer überaus freundlich gezeigt. Malcolm verzog überrascht das Gesicht, doch dann grinste er gehässig.

„Einer von den kleinen Verkehrspolizisten, Potter? Das kann ich mir richtig gut vorstellen."

„Nicht so ganz", antwortete Harry und sah Malcolm abfällig an.

„Was machst du denn genau, Harry?", fragte Tobias ruhig, wie, um die Situation zu entspannen. Er wurde Harry durch seine Art langsam sympathisch.

„Ich arbeite in einer kleinen, spezialisierten Abteilung der Regierung. Wir beschäftigen uns mit Massenmorden."

„Terrorismus?", fragte Jessica mit offenem Mund.

„Ja genau", stimmte Harry zu. „Aber mehr kann ich dazu nicht sagen."

„Es wundert mich, dass du überhaupt so viel sagen darfst", meinte Tobias. „Du kennst uns doch kaum. Was ist, wenn jemand von uns dich an einen Terroristen verraten würde?"

Harry lächelte. „Da müsste meine Menschenkenntnis mich schon ziemlich im Stich lassen."

„Du laberst doch Scheiße!", meldete sich Malcolm zu Wort. „Das glaube ich dir nie im Leben."

„Dann lass es", meinte Harry und zuckte mit den Schultern.

Harry hörte wie jemand seinen Namen rief. Er drehte sich um und sah Dudley auf ihn zustürzen.

„Harry!", rief er noch einmal und kam keuchend zum Stehen. „Mein Gott, musst du mich so erschrecken?!" Zu Harrys Verwunderung umarmte Dudley ihn fest. Normalerweise gaben sie sich nur die Hand.

„Was ist denn mit dir los?", fragte Harry irritiert.

„Was mit mir los ist? Willst du mich veräppeln? Du sagst mir noch vor ein paar Wochen, dass du dir Sorgen machst, weil ein paar Knackis 'rausgelassen werden, die du 'reingebracht hast. Dann sehe ich vorgestern im Fernsehen, dass die Knackis gegen ihre Auflagen verstoßen haben und weg sind. Und bei dir geht niemand ans Telefon! Ich fahre vorbei und niemand ist Zuhause! Und du fragst, was mit mir los ist?!" Dudley starrte Harry wütend an. Dann sah er sich um.

„Wo ist Ginny?", fragte er entsetzt. „Oh Gott! Wo ist sie Harry? Und die Kinder?"

„Merlin, Dudley!", rief Harry und packte ihn bei beiden Schultern. „Es ist alles in Ordnung. Ginny arbeitet noch. Sie kommt später nach und die Kinder sind auch sicher. Drei der fünf Todesser sind noch auf der Flucht, aber die haben wir sicher in ein paar Tagen wieder eingesammelt. Ich habe meine Familie an einen sicheren Ort gemacht. Das bedeutet nicht, dass sie wirklich in Gefahr ist, aber ich will da kein Risiko eingehen. Deshalb war niemand Zuhause oder ist ans Telefon gegangen."

„Mein Gott, hab ich mir Sorgen gemacht!"

„Dudley! Du bist doch sonst nicht so ängstlich. Du weißt, ich kann auf mich selbst aufpassen. Die ganze Sache ist nervig, aber wirklich gefährlich ist sie nicht."

Dudleys Frau Rosemary erschien hinter ihm. „Harry!", rief auch sie. „Dudley hat sich solche Sorgen um dich gemacht." Dann umarmte auch sie ihn, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.

„Was soll der ganze Scheiß?", fragte Malcolm. „Potter ist hier und gesund!"

„Das muss ich jetzt wohl erklären", murmelte Harry. „Letzte Woche sind fünf Gefangene aus dem Hochsicherheitsgefängnis entlassen worden. Sie saßen 20 Jahre hinter Gittern und geben unter anderem mir die Schuld dafür. Wenn solche Langzeit-Gefangene entlassen werden, müssen sie sich regelmäßig bei uns melden, damit wir wissen, wo sie sind und sichergehen können, dass sie nicht rückfällig werden. Wir haben vor vier Tagen von allen Fünf zum letzten Mal etwas gehört. Daraufhin wurde in meiner Abteilung Alarm ausgelöst. Diese Leute sind mehr als nur gefährlich. Das Ganze kommt zur Zeit auch im Fernsehen, um die Bevölkerung zu warnen und um Informationen zu bekommen. Zwei haben wir gestern in einem Vorort von London aufgegabelt."

„Welche beiden?", fragte Dudley.

„Die Lestranges war nicht dabei", gab Harry zu. Er selbst hatte Dudley vor einigen Wochen davon erzählt, dass er sich Sorgen machte, dass fünf Todesser gleichzeitig entlassen wurden. Vor allem ging es ihm dabei um Bellatrix Mann und ihren Schwager. Bei solchen Fällen fragte er sich, ob es wirklich so klug gewesen war, die Gesetze zu lockern. Doch nach dem Krieg hatte das Ministerium – ihn selbst eingeschlossen – alles dafür getan, um sich von der alten, korrupten Regierung zu unterscheiden und menschlichere Strafen hatten dazu gehört – auch für Todesser. So waren sie vom frisch abgeschafften Dementorenkuss verschont geblieben. Wer hatte schon ahnen können, dass ein Anwalt es fertig bringen würde, sie wegen guter Führung früher zu entlassen?

„Dudley, du wirst sehen, das dauert ein paar Tage, dann haben wir sie alle wieder in Askaban. Die haben eine Scheiß-Angst vor uns. Die würden es nicht wagen, jemanden anzugreifen. Sie hoffen nur darauf, dass sie sich irgendwo verstecken und einen Neuanfang wagen können. Deshalb haben wir auch das Fernsehen eingeschaltet. Damit sie nicht einfach so untertauchen."

„Haben sie denn keine zweite Chance verdient?", fragte Piers, der ganz blass geworden war.

Harry verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.

„Oh nein, Piers! Nein, das haben sie sicher nicht. Das sind mehrfache Mörder – keine Diebe oder Falschparker." Beim letzten Wort sah er Malcolm kurz an.

„Was ist mit Ron und Hermine?", fragte Dudley. „Sollten die nicht auch vorsichtig sein?"

„Wir sind alle vorsichtig", erklärte Harry. „Die ganze Familie ist an einem sicheren Ort. Alle Auroren sichern ihre Häuser und alle anderen die damals dabei waren auch. Dabei fällt mir ein: Dudley? Erinnerst du dich an den Tag, als ich ausgezogen bin? Was hast du mir vor die Tür gestellt?"

„Eine Tasse Tee", murmelte Dudley und sah ihn irritiert an.

„Wenn diese Leute vor 20 Jahren ins Gefängnis kamen, wie kannst du daran beteiligt gewesen sein?", fragte Jessica. „Du warst doch erst 17 oder?"

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl. Es gab damals einen ziemlich mächtigen Terroristen, der schon meine Eltern auf dem Gewissen hatte und mich umbringen wollte. Ich musste mich verteidigen."

„Harry hat ihn gekillt", erklärte Dudley. Die anderen sahen entsetzt von Dudley zu Harry.

„Ich war das nicht allein", erwiderte Harry. „Und die fünf seiner Anhänger, die jetzt auf der Flucht sind, habe ich auch nicht allein zur Strecke gebracht. Ich war nur bei Zweien von denen überhaupt dabei, als sie verhaftet wurden."

Die anderen blickten ihn verwundert an.

„Harry?", sprach Dudley ihn an. „Kann ich dich kurz unter vier Augen sprechen?"

Harry nickte irritiert und ging mit Dudley in eine Ecke des Schulhofes.

„Was ist eigentlich mit uns?", fragte der Muggle. „Also mit Rosemary, Thomas und mir? Als du 17 warst bin ich doch auch mit meinen Eltern untergetaucht, weil es zu gefährlich war."

„Das ist doch nicht dasselbe. Damals herrschte Krieg. Das jetzt sind nur ein paar Idioten."

„Aber ihr seid doch auch in Sicherheit …"

„Dudley, ich kann euch gerne einen Auroren abbestellen, der auf euch aufpasst, wenn du dich dann sicherer fühlst."

„So wie der Typ, der damals einen trinken war, als die Demen-dinger uns angegriffen haben? Können wir nicht lieber mit zu euch?"

Das hatte Harry nicht erwartet. Dudley schien wirklich Angst um sich und seine Familie zu haben, wenn er bereit war, mit einer großen Zaubererfamilie unter einem Dach zu wohnen.

„Wenn ihr das gerne möchtet …", sagte er vorsichtig. „… kann ich das organisieren lassen. Aber wir leben in einem magischen Haus. Ihr könnt beide weiterhin arbeiten und Thomas kann zur Schule, aber einer von uns wird euch hin und zurück begleiten. Ich frage mal kurz, ob wir noch Kapazitäten haben …"

Harry holte einen Zwei-Weg-Spiegel aus seiner Hosentasche, den er mit einer Hülle versehen hatte, sodass er aussah wie eines von diesen Smartphones.

„Teddy?", fragte er, als er hineinsah und sofort erschien das Gesicht seines Patensohnes.

„Bist du nicht auf einer Muggle-Party?", fragte dieser.

„Ja, auf dem Grundschultreffen. Dudley ist auch hier."

„Ach, wegen dem Schutz?", fragte Teddy.

„Das hast du aber schnell erraten."

Teddy zuckte mit den Achseln und zog die Brauen hoch.

„Ist schon organisiert", erklärte er. „Ein Schlafzimmer haben wir noch frei. Dort können Dudley und Rosemary schlafen. Thomas kann zu James, Fred, Roxy und Louis oder zu Al, Rose, Lily und Hugo. So wie er möchte. Das klappt schon. Er muss sich nur darauf gefasst machen, dass wir nicht in der Muggle-Welt leben."

„Danke, Ted! Du bist der beste."

„Ich weiß", antwortete der junge Mann und zwinkerte ihm zu, bevor er verschwand und Harry sich wieder selbst im Spiegel erblickte.

„Ist organisiert", verkündete Harry Dudley. „Ich kann euch gerne morgen abholen. Am besten nachmittags, so um drei, wenn euch das passt? Dann habt ihr noch genug Zeit zum packen. Erzählt den Nachbarn am besten ihr hättet Ungeziefer im Haus und müsst für eine Weile im Hotel oder bei Freunden wohnen."

Dudley seufzte. Seine Familie wusste schon länger von der Existenz von Magie. Es ließ sich nicht mehr leugnen, als Harry und Dudley wieder Kontakt zueinander aufnahmen und Harrys Kinder ihre Magie noch nicht kontrollieren konnten. Thomas und Rosemary hatten einige Dinge gesehen, die mit den physikalischen Gesetzen nicht ganz übereinstimmten. Doch all das war nichts im Vergleich dazu, was sie in einer Zaubererfamilie 24 Stunden am Tag erwartete. Noch dazu bei den Potteasleys wie die Großfamilie seit Jahren überall genannt wurde, obwohl auch die Nachnamen Tonks und Lupin sich in ihrer Mitte befanden.

„Danke, Harry", sagte Dudley. Er schien sichtlich erleichtert. Harry nickte nur. Wenn er gewusst hätte, dass Dudley sich solche Sorgen machte, hätte er ihn längst eingeladen.

„Wollen wir zurück zu den anderen?" Dudley nickte stumm und sie machten sich auf den Weg. Harry sah wie Jessica eine Frau in ihrem Alter begrüßte und als sie näher kamen glaubte er Jessicas Freundin Lara zu erkennen. Offenbar hielten sie noch Kontakt. Malcolm und Piers waren wohl weiter gezogen. Zumindest standen sie nicht mehr bei Tobias, Jessica und Rosemary.

„Ich glaube, wir haben uns eben noch nicht vorgestellt", meinte Tobias zu Dudley als sie sich wieder am Tisch befanden. „Tobias Stuart. Der Mann von Jessica."

„Dudley Dursley", sagte Dudley lächelnd und drückte die ausgestreckte Hand. „Meine Frau Rosemary hast du vermutlich schon kennen gelernt …"

„Und ich habe auch schon ein Foto von Thomas gesehen", erklärte Tobias lächelnd.

„Tut mir leid, wegen eben", erklärte Dudley. „Ich bin manchmal ein wenig schreckhaft, aber die Situation hat sich nun geklärt." Dudley war noch immer sehr darauf bedacht, normal zu wirken. Harry musste lächeln. Das hatte sich für ihn dank Dudleys Auftritt wohl für diesen Abend erledigt, aber das war nichts Neues. Jessica und Lara wandten ihre Aufmerksamkeit der Gruppe zu.

„Lara, das sind Dudley und Harry", stellte Jessica sie vor. „Du erinnerst dich bestimmt. Und das ist Dudleys Frau Rosemary. Rosemary, Harry, Dudley, das ist Lara Fowler." Harry lächelte, als er Lara seine Hand gab. Sie sah anders aus als früher. Ihre Haare waren dunkler geworden und sie sah sehr müde aus. Vermutlich hatte sie kleine Kinder. Harry erinnerte sich nur zu gut an die Augenringe.

„Ihr habt euch ganz schön verändert", sagte sie dennoch lächelnd. „Versteht ihr euch jetzt gut? Als Kinder wart ihr ja nicht gerade die besten Freunde."

„Das stimmt allerdings", antwortete Dudley zerknirscht. „Und Schuld daran …"

„Wir haben schon vor langer Zeit Frieden geschlossen", unterbrach Harry ihn. „Wir sind immerhin Familie und das Leben ist zu kurz, um wegen ein paar dummen Streichen nachtragend zu sein."

Vermutlich wusste jeder der Anwesenden – bis auf Tobias – dass es mehr als ein paar dumme Streiche gewesen waren, aber niemand sagte etwas.

„Und wie sieht es bei dir aus Lara?", fragte Dudley, um das Thema zu wechseln. „Bist du verheiratet? Kinder?" Das war scheinbar die falsche Frage. Laras Blick wurde traurig und wütend zugleich und Jessica war gleich an ihrer Seite.

„Alles in Ordnung?", fragte Harry. Lara nickte vorsichtig.

„Mein Mann hat mich vor kurzem verlassen", sagte sie. „Wohl wegen einer anderen. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich schon bereit bin, auszugehen, aber Jessica hat mich überredet und die Kinder sind dieses Wochenende sowieso bei Peter."

„Das tut mir leid, Lara", sagte Rosemary sofort. „Wenn du etwas brauchst, sagst du Bescheid ja? Eine alleinlebende Mutter zu sein ist sicherlich nicht leicht und ich freue mich, wenn ich helfen kann. Die Kinder aufpassen oder mal was im Haushalt helfen. Kein Problem, okay?"

Harry hatte solche plötzlichen Hilfsangebote schon oft von Dudleys Frau vernommen. Rosemary hatte keinen festen Job, aber sie war in so vielen verschiedenen Ehrenämtern tätig, dass sie sicherlich fünf Tage die Woche aus dem Haus war. Harry hatte sich schon mehrmals gefragt, wie Dudley an so eine selbstlose Frau hatte kommen können, aber auch Dudley war nicht mehr derselbe und seit er Rosemary kennen gelernt hatte, war er definitiv ein wesentlich besserer Mensch geworden.

„Sie meint das vollkommen ernst", bestätigte Dudley das Angebot seiner Frau, als Lara diese nur verwirrt ansah. „Und wenn du dir nicht ihre Nummer geben lässt, wird sie vermutlich herausfinden, wo du wohnst und sich persönlich davon überzeugen, dass du keine Hilfe benötigst."

Lara lächelte. „Danke", sagte sie. „Das ist wirklich sehr lieb."

Harry tat so, als hätte er Ginnys leise Schritte hinter sich nicht gehört und ließ sich von ihr die Hände auf die Augen halten. Er würde den Klang ihrer Füße überall erkennen und seine Sinne waren trainiert, seit er als Auror arbeitete. Vermutlich wusste auch Ginny, dass er sie immer schon bemerkte, wenn sie sich anschlich, aber sie ließ sich nicht davon abbringen zu fragen: „Na? Wer bin ich?"

Harry lächelte. „Hmm", machte er. „Sekretärin oder Ehefrau, Sekretärin oder Ehefrau … Ich würde sagen: Ehefrau!" Mit diesen Worten drehte er sich um und grinste seine Ginny an.

„Der Witz wird mit der Zeit nicht lustiger, Harry", erklärte diese ihm. „Das habe ich dir schon die letzten 20 Male gesagt." Sie küssten sich und Harry betrachtete sie einmal von oben bis unten. Ginny lachte und drehte sich um sich selbst. Sie trug ein schwarzes, enganliegendes, bodenlanges, schlichtes Kleid und sah darin atemberaubend schön aus. Die Haare waren teilweise hochgesteckt. Einige fielen ihr lose über die Schultern. Sie trug nur eine Kette und Ohrringe an Schmuck und kein Make-Up. Sie war noch immer die wundervollste Frau, die ihm je begegnet war.

„Du bist wunderschön", sagte er schließlich und Ginny lächelte. Es war immer dasselbe, aber sie wussten beide, wie sehr Ginny es genoss, wenn er sie so betrachtete. Das würde sie natürlich nie zugeben.

„Wie war das Spiel?", fragte Harry.

„Langweilig. Wann hatten die Cannons je eine Chance? Manchmal frage ich mich, warum sie es überhaupt noch versuchen." Damit hatte Harry gerechnet. Ron würde mal wieder nicht begeistert sein. Harry musste einen Fluch unterdrücken, als ihm einfiel, dass er zur Zeit mit Ron zusammen lebte und dessen Laune würde ertragen müssen.

Ginny wandte sich den anderen Gästen zu. Sie umarmte Dudley und Rosemary und schaute dann lächelnd in die Runde.

„Ginny", stellte sie sich vor. „Ich bin Harrys Frau."

„Haben wir uns fast gedacht", sagte Jessica. „Ich bin Jessica, das ist mein Mann Tobias und das ist Lara, meine beste Freundin. Ihr seid wirklich süß zusammen. Wie lange seid ihr verheiratet?"

„18 Jahre", antwortete Ginny.

„Dann wart ihr aber jung", meinte Lara. Sie sah ein wenig neidisch aus, als sie Ginny ansah, aber gleichzeitig schien sie sich dafür zu schämen. 20 Jahre als Auror hatten Harry beigebracht wie man in Gesichtern las, als seien sie ein Buch.

„Ich war 19, Ginny 18", erklärte Harry lächelnd. „Wir waren uns einfach sicher. Mit den Kindern haben wir aber noch ein paar Jahre gewartet." Sie hatten damals einfach nicht mehr alleine sein wollen und sahen keinen Grund, nicht zu heiraten. Das Jahr Trennung hatte sie nur noch näher zusammen gebracht und der Krieg hatte ihnen gezeigt, wie kurz das Leben sein konnte und dass sie keine Zeit zu verlieren hatten.

„Und ihr seid mit Harry zur Grundschule gegangen?", fragte Ginny. Harry hörte einen düsteren Unterton in ihrer Stimme, der den anderen vermutlich entging. Ginny wusste, dass Harry es auf dieser Schule nicht leicht gehabt hatte und es fiel ihr schwerer als ihm selbst zu vergeben. Dudley und Piers war dieses Privileg jedoch nach einiger Zeit vergönnt gewesen.

„Jessica und Lara waren schon damals beste Freundinnen", erklärte Harry. „Ihr habt doch damals alles zusammen gemacht. Sogar dieselben Klamotten habt ihr getragen."

„Das machen wir nicht mehr", stellte Lara klar und ihr entfuhr sogar ein kleines Lächeln. „Aber ansonsten hat sich nicht allzu viel zwischen uns geändert. Aber schau dich doch mal an, Harry. Ich will dir ja nicht zu Nahe treten, aber du warst so ein kleiner, blasser Junge und jetzt …" Piers, der plötzlich wieder bei ihnen stand, unterbrach sie: „Harry ist erwachsen geworden." Er grinste breit. „Hallo Ginny!"

„Piers", antwortete die Angesprochene wenig begeistert.

„Harry meinte schon, du kommst etwas später." Harry und Ginny wussten, dass Piers Versuche Ginnys Interesse zu wecken nicht ernst gemeint waren … nicht wirklich. Dafür hatte er viel zu viel Angst vor Harry. Dass er sich eigentlich vor Ginny fürchten sollte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Harry wusste, dass Ginny die Aufmerksamkeit genoss. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn es ihr zu viel wurde, würde sie Piers das deutlich machen.

„Wo ist Malcolm?", fragte Harry und Piers zuckte mit den Schultern.

„Sucht sich jemanden für heute Nacht, nehme ich an", antwortete er dann. „Tut mir leid, Harry. Also wegen Malcolm. Ich habe eigentlich kaum noch Kontakt zu ihm. Er ist ein Arsch."

Ginny warf Harry einen fragenden Blick zu, doch als dieser abwinkte, wandte sie sich an Piers.

„Was hat er gemacht?"

Piers grinste, als Ginny ihm Beachtung schenkte.

„Er wollte Harry nicht glauben, dass er ein Cop ist."

„Dann soll er es ihm eben nicht glauben", meinte Ginny schulterzuckend. Sie setzte gerade an, noch etwas zu sagen, als Harrys Name laut von Richtung des Eingangs her gerufen wurde. Sämtliche Personen am Tisch drehten sich um und Harry erkannte schon von Weitem die türkisen Haare seines Ältesten. Er hob die Hand und Teddy kam auf sie zu gehechtet.

„Das kann nichts Gutes bedeuten", murmelte Ginny und Harry konnte ihr nur zustimmen. Irgendetwas war passiert.

„Wer ist das denn?", fragte Lara. Rosemary antwortete ihr, bevor Harry oder Ginny etwas sagen konnten: „Ted ist Harrys Patensohn."

„Ach, Harry hat mir vorhin schon ein Foto gezeigt", meinte Jessica. „Diese Haare sind wirklich cool." Tobias warf ihr einen skeptischen Blick zu, als Teddy die kleine Runde erreichte.

„Hey zusammen", sagte er in seiner gewohnt lockeren Art und grinste. „Ted Lupin der Name. Ich muss mal kurz Harry entführen." Er erntete einiges Lächeln und ein Stöhnen von Ginny, die ahnte, dass sie ihren Mann so schnell nicht zurückbekommen würde.

„Ich freu' mich auch riesig, dich zu sehen, Ginevra." Teddy wusste, wie er Ginny ärgern konnte. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, den dieser gekonnt ignorierte, nur um ihr eines seiner strah-lendsten Lächelns zu schenken.

„Was ist passiert?", fragte Harry, als er und Teddy außer Hörweite der anderen waren. „Ist was mit der Familie?"

„Alles in Ordnung", winkte Teddy ab. Dann wurde er ernst. „Was war das erste, was du zu mir gesagt hast, als der sprechende Hut mich nach Hufflepuff schickte?" Oh, Teddy dachte an die Vorschriften. Natürlich. Harry lächelte.

„Dass ich zwei Galleonen an Hermine verloren habe", antwortete er. „Und was hast du mir gesagt, als ich versucht habe dir auszureden, Auror zu werden?"

Nun war es an Teddy zu lächeln. Der Erinnerungen wegen, wie Harry vermutete.

„Dass du derjenige warst, der mir mein Leben lang vorgebetet hat, dass ich das machen soll, was ich machen möchte und, dass ich es mir von niemandem ausreden lassen soll."

„Korrekt", bestätigte Harry.

„Also, Jenkins hat mir einen Patronus geschickt. Du sollst sofort ins Aurorenbüro kommen. Sie haben wohl eine heiße Spur." Ted klang aufgeregt, aber Harry rollte nur mit den Augen.

„Weißt du, wie oft wir in den letzten Tagen heiße Spuren hatten? Seit die Gesichter im Fernsehen erscheinen, klingelt das Muggle-Telefon ununterbrochen …"

„Jedenfalls …", unterbrach ihn Ted. „habe ich ihnen gesagt, dass du auf einer Muggle-Party bist, was sie schon wussten, deshalb haben sie ja mir den Patronus geschickt. Bla bla bla … und ich soll dir sofort Bescheid sagen und dich wenn nötig persönlich ins Büro schleifen."

„Ach deshalb hast du nicht einfach über den Zwei-Weg-Spiegel mit mir kommuniziert?"

„Das ist einer der Gründe", meinte Ted grinsend. „Außerdem dachte ich, wenn ich persönlich vorbeikomme, kann ich mir ein paar gratis Getränke besorgen – wir haben nur noch Kürbissaft. Und … Ich bin seit 48 Stunden ohne Unterbrechung mit James, Fred und Roxy in einem Haus und hätte mich vermutlich irgendwann in der nächsten halben Stunde selbst vergiftet, um ihnen zu entkommen."

Harry wusste genau, wovon er sprach. Dass George und Ron, wenn sie nicht gerade arbeiteten, auch anwesend waren, machte sie Sache nicht besser.

„Okay. Der Plan ist also folgender: Ich appariere ins Büro und schaue was los ist. Du bleibst mit Ginny hier oder ihr fahrt zusammen nach Hause. Ich möchte nur nicht, dass Ginny alleine mit dem Auto die weite Strecke fährt, ist das klar? Wenn es ein Fehlalarm ist, komme ich später wieder."

„Aye aye, Sir!", rief Teddy aus und salutierte. Harry schüttelte den Kopf.

„Sag den anderen, was los ist, okay? Die meisten wissen schon von den Todessern, weil Dudley vorhin diese Panikattacke hatte. Also die ganz normale Muggleversion. Aber lass nichts durch-sickern ja? Sag einfach nur, dass ich nochmal ins Büro musste."

Harry sah wie Ginny auf sie zukam und ging ihr entgegen.

„Ich muss nochmal ins Büro", erklärte Harry entschuldigend, doch Ginny nickte nur verständnisvoll. Sie gab ihm einen Kuss und sagte: „Pass auf dich auf." Dann legte sie Ted den Arm um die Schulter – dafür musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen und den Arm nach oben strecken – und schleppte ihn zurück zu den anderen. Harry musste lächeln, als er sah wie Teddy vergeblich versuchte, sich aus Ginnys Griff zu befreien. Dann stellte er sich hinter einen Baum und apparierte ins Aurorenbüro.

Ginny

Ginny versuchte vor Teddy zu verstecken, wie besorgt sie war. Sie war immer besorgt, wenn Harry ins Büro ging. Zu stark waren die Erinnerungen an den Krieg. An die Verwundeten. An die Toten. An Fred. Sie hatte sich schon oft gewünscht, ihr Mann hätte einen anderen Beruf ergriffen – wäre zum Beispiel mit ihr zusammen in die Quidditch-Liga eingestiegen. Aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich diese Möglichkeit vorzustellen. Harry würde nie eine andere Entscheidung treffen. Er wollte Menschen helfen. Außerdem war er verdammt gut in seinem Job.

„Also", sagte sie und kniff ihrem Ältesten in die Seite. „Die Getränke sind schon bezahlt. Was meinst du? Nutzen wir den Abend? Oder musst du wieder Wache schieben?" Teddy nahm seinen Job bei der ganzen Sache sehr ernst. Er war für die Sicherheit der Familie verantwortlich. Aber auch Teddy wusste, dass die Erwachsenen in ihrer Familie sehr gut in der Lage waren, auf sich selbst aufzupassen.

„Müsste ich eigentlich", antwortete Teddy, während er vergeblich ihren Fingern auswich und grinste. „Aber du hättest mal den Jungen sehen sollen, den sie geschickt haben, um mich zu ersetzen, damit ich Harry holen kann. Als ihm klar wurde, dass er im privaten Versteck der Potteasleys sein durfte, hat er ganz große Augen bekommen." Teddy sprach das Wort voller Spott aus. Potteasleys. Rita Skeeter hatte es sich gleich nach Ginnys und Harrys Hochzeit einfallen lassen und jetzt schien es jeder zu benutzen. „Zweites Ausbildungsjahr. Also ein Jahr unter mir. Ich kenne ihn aber nur vom Sehen her. Jedenfalls war er total begeistert. Hat Ron gleich erzählt, was für eine Ehre das ist. Ich dachte schon, er fragt ihn nach einem Autogramm. Hat er vermutlich inzwischen auch. Jedenfalls dachte ich dann: Gut, dann nehme ich mir den Rest des Abends frei. Ich hab' ihm gesagt, dass ich noch was zu erledigen habe und vielleicht länger weg bleibe. Er hätte mich beinahe abgeknutscht. Meinte, ich solle mir alle Zeit der Welt nehmen und er wäre gerne bereit Überstunden zu machen." Teddy lachte.

„Nun inzwischen wird der Arme wohl die Kinder kennengelernt haben", warf Ginny ein.

„Harry meinte übrigens, wir sollen das Auto mitnehmen. Also kein Alkohol für dich", sagte Teddy.

Ginny verzog gespielt enttäuscht den Mund. Eigentlich machte es ihr nichts aus und es war ihr auch schon klar gewesen. Teddy hatte schließlich noch keinen Führerschein. Irgendwie schaffte er es immer durchzufallen.

„Kann ich dir was Anderes bringen?", fragte Ted, als sie wieder bei den Anderen ankamen. Ginny kannte sich nicht sonderlich gut aus mit Muggle-Getränken. Ein paar Namen wusste sie aber dennoch.

„Gerne eine Cola."

„Möchte sonst noch jemand etwas?", fragte Ted in die Runde. Er seufzte, als ihm klar wurde, dass er ein Tablett brauchen würde. Dann verschwand er Richtung Theke.

„Harry musste noch mal ins Büro", erklärte sie den anderen Gästen.

„Oh Gott!", rief eine der Frauen – Ginny glaubte sich an den Namen Jessica zu erinnern. „Ist etwas passiert? Ein Angriff?" Ginny sah sie irritiert an. Sie schienen vor ihrer Ankunft etwas mehr erfahren zu haben, als sie bisher gedacht hatte. Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie Harry anders entschuldigt.

„Sie wissen von den drei … Terroristen", erklärte Dudley.

„Terroristen?", fragte Lara entsetzt.

„Harry ist in so einer Spezialeinheit", erklärte Jessica ihrer Freundin. „Er jagt Terroristen und gerade sind ein paar aus dem Gefängnis ausgebrochen."

„Nicht ausgebrochen", verbesserte Ginny. Sie wollte eigentlich nicht darüber reden. Sie konnte nicht daran denken, solange sie nicht genau wusste, wo Harry war. „Sie wurden entlassen. Das Problem ist, dass sie sich nicht mehr bei den … der Polizei gemeldet haben. Es ist nichts passiert, aber sie wissen zurzeit nicht, wo sie sind. Deshalb ist in Harrys Einheit Alarm ausgelöst worden."

„Aber jetzt ist etwas passiert oder?", fragte Lara. „Oder warum musste Harry los?"

Bevor Ginny etwas sagen konnte, übernahm Teddy für sie, der gerade mit den Getränken zurückkam.

„Keine Toten, keine Verletzten", erklärte er, während er die Getränke von seinem Tablett auf den Tisch stellte. „Alles in Ordnung."

„Und warum ist Harry weg?", fragte diesmal Dudley. Ted fuhr sich mit der Hand über den Mund, als würde er einen Reißverschluss zuziehen und schüttelte mit dem Kopf. „Das ist streng vertraulich."

„Nicht mal ich weiß, was los ist", erklärte Ginny. „Solange ich ihn im Laufe der Nacht heil und gesund wiederbekomme, stelle ich keine Fragen."

„Das muss hart sein", sagte Jessica und sah Ginny überraschend offen an. Sie sah Mitleid im Blick der anderen. Kein Gesichtsausdruck mit dem sie oft bedacht wurde. Besonders nicht in Zusammenhang mit Harry. „Er hat diesen gefährlichen Job und du musst Zuhause auf ihn warten … Angst um ihn haben …"

„Tut mir leid, Jessica", erwiderte Ginny kalt. „Das ist nun wirklich nichts, worüber ich im Moment reden möchte. Abgesehen davon, dass ich dich gerade erst kennen gelernt habe."

Ginny spürte, wie Teddy ihr beruhigend über den Rücken strich. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich fragte, wer von ihnen Kind und wer Erwachsener war. Teddy hatte etwas an sich, was sie stark an seinen Vater erinnerte. Er konnte sehr weise sein, fand oft genau die richtigen Worte und kümmerte sich mit großer Hingabe um andere. Ginny empfand jedes Mal Stolz, wenn sie sah, zu was für einem Mann Teddy geworden war und sich daran erinnerte, dass sie ihn auf diesem Weg begleitet hatte.

„Also Ted", sprach der Mann dessen Namen Ginny vergessen hatte – hatte sie ihn je gewusst? - Teddy an und wechselte damit das Thema. Ginny war ihm dankbar. „Wie kommst du zu solch einer Haarfarbe." Sie mussten alle lachen – selbst Ginny.

„Steht sie mir nicht?", fragte Teddy gespielt beleidigt. Dann drehte er sich einmal um sich selbst. „Ich sehe fabelhaft aus."

„Wie ein Pfau", kommentierte Dudley.

„Ein sehr hübscher Pfau", bestätigte Ginny lächelnd.

„Und groß bist du geworden. Du bist bestimmt ein ganzes Stück größer als Harry oder?", fragte Rosemary. „Es kommt mir vor, als hätte ich dich ewig nicht gesehen."

Teddy lächelte. „Wahrscheinlich nicht seit ich arbeite. Ich habe fast immer Wochenenddienst. Deshalb kann ich nicht dabei sein, wenn ihr euch trefft."

„Oooooooooh", machte Ginny gespielt mitleidig. „Du armer, armer Junge."

„Und ich bin einen ganzen Kopf größer als Harry." Teddy stellte sich kerzengerade hin und grinste frech.

„Hach ja", machte Ginny gespielt emotional. „Da blinzelt man ein paar Mal und schon sind sie erwachsen."

„Er ist dein Sohn?", fragte Piers und klang überrascht. „Ist er nicht etwas alt?"

„Wohl ein kleiner Unfall?", fragte ein Ginny unbekannter Mann und stellte sich neben Piers.

„Und du bist?", fragte Ted zurück, bevor Ginny etwas sagen konnte. Er klang nicht unfreundlich, aber Ginny wusste, dass ihm die Frage nicht gefiel. Ihr gefiel sie auch nicht, aber sie hatte Harry versprochen, sich nicht mit den Leuten hier anzulegen.

„Malcolm. Ein Freund von Harry aus der Grundschule. Und du solltest dich gegenüber Erwachse-nen etwas respektvoller zeigen."

„Nun, Malcolm!", rief Ginny wütend. „So redet niemand mit meinem Sohn, verstanden?! Und du warst auch kein Freund von Harry! Das wissen wir alle!"

„Gin", sagte Teddy leise und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Weasley-Temperament. Manchmal beneidete Ginny Teddy und Harry um ihre ruhige Art. „Lass mich das regeln."

„Lass es Malcolm", mischte sich zu Ginnys Überraschung Piers ein. Jessica nickte zustimmend. Dudley und Rosemary hatten wohl gerade ein paar alte Freunde getroffen. Sie standen am Nachbartisch und bekamen nichts von der Situation mit. Nicht, dass sich durch sie etwas geändert hätte …

„Ist ja gut, ist ja gut", murrte Malcolm. „Man wird ja wohl mal fragen dürfen."

„Ich bin Harrys Patensohn", erklärte Teddy ruhig und sachlich. „Harry und Ginny haben mich gemeinsam mit meiner Großmutter aufgezogen. Meine Eltern wurden ermordet, als sie sich zusammen mit Harry und Ginny einem Terroristen in den Weg stellten."

Malcolm ging einfach weiter an einen anderen Tisch, ohne etwas zu erwidern und Ginny war einerseits froh darum. Andererseits hätte sie ihn zu gern in die nächste Woche gehext. Auch wenn sie wusste, dass dies Teds Angelegenheit war. Piers lief Malcolm hinterher. Vermutlich war ihm die Stimmung am Tisch zu gereizt.

„Das tut mir leid", sagte Lara entsetzt. „Und ich beschwere mich hier über mein Leben. Ich sollte dankbar sein, für das, was ich habe. Es muss schrecklich für dich gewesen sein, Teddy."

Teddy schüttelte den Kopf. „Bitte kein Mitleid", sagte er und lächelte. „Das brauche ich nicht. Ich hatte die schönste Kindheit, die man sich nur vorstellen kann. Ich hätte meine Eltern gerne kennen-gelernt, aber ich bin sehr glücklich mit meinem Leben."

„Malcolm ist ein Idiot", erklärte Jessica. „Das war er schon damals."

„Davon hatten wir so einige in unserer Klasse", bestätigte Lara. „Harry hat es nicht leicht gehabt. Und Leute wie Jessi und ich haben nichts unternommen."

„Wir haben uns nie wirklich entschuldigt."

„Wir überbringen ihm eure Entschuldigung", sagte Teddy, als Ginny nicht antwortete. „Ich weiß zwar nicht genau, was passiert ist, aber schlimmer als Dudley ist wohl niemand gewesen und ihm hat Harry schon vor Jahren vergeben. Er ist nicht sonderlich nachtragend."

Ginny sagte noch immer nichts. Für eine Weile hatte sie so tun können, als sei alles in Ordnung. Nun war ihr wieder bewusst geworden, dass Harrys Grundschulzeit keineswegs positiv war. Es war unfair die beiden Frauen dafür leiden zu lassen, die sich entschuldigten, aber sie konnte nicht anders.

„Ginny hingegen", fuhr Teddy fort. „braucht da etwas mehr Zeit."

„Ist gut", sagte Ginny. „Es ist nicht eure Schuld. Nicht wirklich. Ich wünschte nur manchmal, ich könnte ihm seine Kindheit zurückgeben. Ihn all das vergessen lassen."

„Ich auch", meinte Dudley, der wohl erst gerade wieder zu ihnen an den Tisch gekommen war. Rosemary war auch zurück und hielt Dudleys Hand. „Egal wie oft ich ihm und dir sage, dass es mir leid tut … es ist nicht genug. Ich kann es nicht ungeschehen machen."

„Ich weiß, Dudley", sagte Ginny traurig lächelnd. „Und du hast dich wirklich oft genug entschuldigt. Bei Harry, bei mir, bei Ron und Hermine … Wir haben dir alle vergeben. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du das selbst auch tust."

„Oooooooh", machte Teddy in einer unnatürlich hohen Stimme. „Das war süß. Das war glaube ich das schönste, was du je gesagt hast, Ginny. Na, wenn das deine Brüder wüssten." Teddy lachte. Ginny sah ihn finster an.

„Ted Remus Lupin", sagte sie in ihrer gefährlichsten Stimme. „Das würdest du nicht wagen." Die Anderen am Tisch lachten laut und verschluckten Teds gemurmelte Antwort.

Sie blieben noch ein paar Stunden. Ginny genoss den Abend sehr und sie war sich sicher, dass es Teddy ähnlich ging. Harry fehlte ihr dennoch – oder gerade deshalb. Er mochte es noch mehr als sie, einen Abend mit Menschen zu verbringen, die nichts über ihre und seine Vergangenheit wussten. Am Ende tauschten sie sogar Telefonnummern aus. Vielleicht würden sie bald ein Treffen vereinbaren. Vor allem Jessica und ihr Mann Tobias waren ihr in der kurzen Zeit sehr sympathisch geworden, auch wenn Jessica keinen guten Start hingelegt hatte. So konnte man sich täuschen.

Teddy hatte einiges getrunken und ging nur ungern mit ihr zum Auto, doch die Party war so gut wie vorbei und sie mussten noch zurück nach London fahren. Hoffentlich war Harry schon dort, wenn sie ankamen.