Leise, leise blubberten die vielen Kessel geheimnisvoll vor sich hin. Aus manchen sprühten wilde Funken, einigen entströmten seltsame Gerüche und aus anderen drangen bedrohliche Stimmen und manche, ja, die gefährlichsten wohl, die waren einfach still und stumm.
Kein Zweifel, ein Muggel hätte es erkannt, hier wollten mächtige Tränke das Licht der Welt erblicken, wollten geboren werden, erschaffen sein und das ihrige Tun! Hier im düsteren Kerker Hogwarts
Der große Kamin an der Stirnseite des Labors brannte hell, warf lange und flackernde Schatten und doch zog die eisige Kälte von draußen durch die alten Ritzen unbarmherzig hindurch.
Nun, davon durfte man sich aber nicht ablenken lassen. Niemals! Konzentration war das Zauberwort. Konzentration, Fleiß und Wissen wurde gebraucht, sollte ein Meisterstück entstehen.
Schnell, schnell, zögert nicht, sonst verdirbt das Werk! Schnell, schnell, sonst war alles umsonst!
Und das kleine Lächeln, welches sich die schöne Hexe und der dunkle Zauberer endlich gönnten, zeugte von einem baldigen, erfolgreichen Ende.
Ach, wie schön!
Doch dann, kurz vor Schluss, plötzlich und unerwartet, wurde diese zauberhafte wissenschaftliche Geschäftigkeit mit einem Male abrupt beendet und eine neue, kleine Geschichte findet ihren Anfang.
Bei Merlin!
„Mum, Dad, ihr müsst sofort und ganz schnell kommen", schrie Serafina Granger-Snape aufgeregt und stürmte in das elterliche Labor.
„Oh Gott! Warum? Was ist geschehen?", hielt ihre Mutter alarmiert dabei inne die fein gehackten und anschließend pulverfein gemahlenen Spinnenbeine in den riesigen, kochenden Kessel vor ihr zu befördern (diese Zutat gab es seit ihrer Meisterzeit in ihrem Labor ja reichlich).
„Der Wahnsinn!", juchzte ihre Mittlere voller Begeisterung und auch Lillian, das Nesthäkchen, das sich hinter ihr durch die Türe quetschte, strahlte übers ganze Gesicht und ergänzte froh, „Es hat aufgehört zu schneien!"
„Na, Merlin sei Dank", murmelte der Vater der beiden begeisterten Mädchen. Er wollte am nächsten Tag in den Verbotenen Wald, das war im Schneesturm noch unangenehmer als eh schon.
„Gott sei Dank", murmelte auch die Mutter der kleinen Hexen erleichtert, sie hatte schon wer weiß was befürchtet. Ihre Mittlere kam ständig auf sehr kreative Ideen, die leider nicht immer spurlos an ihr und ihrer Umwelt vorübergingen.
„Ja! Klasse nicht wahr?!", stimmte die kreative Sera selig ein, „Dann können wir nämlich alle gleich, wenn dieser stinkige Trank da fertig ist", sie hielt sich demonstrativ die Nase zu, „raus gehen, einen Schneemann bauen und anschließend eine wilde Schneeballschlacht machen."
„Was? Nein, nein!", schüttelte Severus Snape, Vater und Tränkemeister entschieden den Kopf, „Schneeballschlachten sind verboten!"
„Natürlich, das ist doch das Beste daran", ließ sich Sera in ihrem Enthusiasmus in keiner Weise bremsen.
„Das ist nicht das Beste, das ist gegen die Vorschrift", korrigierte sie ihr regelkonformer Vater.
„Warum denn?", wollte auch Lillian wissen und legte ihre Stirn in Falten.
„Weil Schneeballschlachten gefährlich sind und ihr oder andere Schaden nehmen könnt."
„Das ist kein Problem", wischte Sera die Einwände ihres Erzeugers kurzerhand hinweg, „denn ihr geht doch mit und könnt auf uns aufpassen, damit wir keinen Schaden nehmen."
„Oder anrichten", murmelte Hermine Granger, Mutter und Tränkemeisterin und schürte das Feuer unter dem Kessel noch ein wenig mehr.
„Nein, nein!", Severus hielt in seinen Bemühungen um gleichmäßig geschnittene Froschaugen inne, „Ganz bestimmt nehme ich nicht an solch kindischen, gefährlichen und verbotenen Spielereien teil!"
„Doch Dad, Du musst mit, das wird klasse", hüpfte Lillian auf und ab, das tat sie immer, wenn sie aufgeregt war, „Eileen kommt auch"
„Selbstverständlich komme ich mit", bestätigte die älteste Tränkemeistertochter, die gerade einen vorsichtigen Blick in den gigantischen Kessel warf, der jetzt lilafarbene Flammen spuckte, „Wir müssen nur noch unsere Handschuhe suchen und Mum muss noch einen Dichtungszauber über unsere Stiefel und Mäntel sprechen."
„Gut. Gebt uns noch eine halbe Stunde, dann müssten wir fertig sein", Hermine wischte sich den Schweiß von der Stirne und rührte fünfmal rechts und fünfmal linksherum, bevor sie mehrere Minzblätter und eine handvoll Wüstensand in das Gebräu warf.
„Was heißt denn hier ‚uns' und ‚wir'?", wollte Severus entrüstet wissen, „ich räume wegen mir hier auf, während Du Dich albern im Schnee wälzt."
„Nein, Dad, Du musst unbedingt mit", widersprach Sera entschieden, „wir haben doch schon Mannschaften gebildet und Eileen, Lillian, Mum und ich sind in der einen und Du in der anderen."
„Wie bitte? Ich glaube, ich höre nicht recht?!", empörte sich der einzige Gruppengegner in Spe, „Das würde Euch so passen! Ihr stürzt Euch alle auf mich und habt Euren Spaß daran mich niederzumachen. Sollte ich dann nur den Funken an Überlegenheit zeigen – was wahrlich keine Kunst wäre – dann beschwert Ihr Euch. Nein, das kenne ich schon und das ist nicht gerecht!"
„Aber Du bist nun mal der Größte", argumentierte Lillian schulterzuckend und schob neugierig einen Schemel zum Schneidetisch, um ihren Vater genauer beim Zerteilen der Zutaten beobachten zu können. Sie sah gerne dabei zu, wenn ihre Eltern arbeiteten.
„Und Du bist der einzige Mann", ergänzte Eileen mit einem kleinen Grinsen, auch sie war Stammgast im elterlichen Labor.
„Genau aus diesem Grunde ist es ungerecht. Ganz offensichtlich leide ich schon in vielfältiger Art und Weise schmerzhaft darunter, hier mit lauter Weibern bedacht zu sein und dann soll es mir auch noch in meiner Freizeit zum Schlechten gereichen?!"
„Gut, dann machen wir eben Alt gegen Jung", kam Sera eine neue Idee, sie mochte das Labor nicht so gerne, sie meinte, es müffle dort unangenehm, daher war sie eher im Schloss unterwegs, da gab es einfach viel bessere Luft und viel mehr zu entdecken.
„Das ist schon besser", murmelte Severus, er musste gerade einen großen Klumpen Kohle mahlen.
„Der Vorschlag ist vielleicht auf den ersten Blick besser, mein Lieber, aber eigentlich auch wieder nicht", widersprach seine Frau grinsend, „denn es läuft doch auf das Gleiche heraus."
„Warum?"
„Weil ich auf keinen Fall alt bin und die Mädchen natürlich auch nicht", erklärte sie gerne, „also bleibst nur Du übrig."
„Ungeheuerlich", konnte ihr Ehegemahl es nicht fassen, „und das von der eigenen Frau. Denke nur nicht, dass ich solche Frechheiten vergesse, Hermine Granger!"
„Wie könnte ich", kicherte seine freche Gattin.
„Vielleicht sollten wir es dann auf die slytherinsche Art tun", seufzte Sera mit wenig Elan.
„Und die wäre?", fragte der einzige Slytherin im ganzen Raum.
„Na, jeder gegen jeden."
„Bei Merlin!", wollte sich Severus gerade echauffieren und seiner Brut eindringlich klar machen, dass das große Haus der Schlangen hehre Werte verkörperte, die weit weg von unsozialer Egomanie waren, auch oder besonders bei verbotenen Dingen, da hob seine Älteste lächelnd den Finger.
„Nein, ich weiß was Besseres", erklärte sie ruhig, „Wir losen, dann ist es vielleicht nicht gerecht, aber es kann wenigstens keiner was dafür."
„O.K., ja, geht klar", stimmten nach kurzem Überlegen ihre Schwestern zu.
„Aber es darf keiner einen Verwechslungszauber oder sonst einen Zauber sprechen", warf Sera noch altklug ein und bedachte ihren Vater mit wissendem Blick. Keine Ahnung, wie sie auf so etwas kam.
„Gut, keine Zauber", beschloss Hermine für alle.
„Klasse, dann ist es abgemacht", jubelte Sera, „wir treffen uns in einer halben Stunde am Haupttor."
„Moment! Es ist Euch vielleicht in Eurer unglaublichen Schneeeuphorie entgangen, aber ich muss Euch nochmals darauf hinzuweisen, dass diese unvernünftigen Kindereien in Hogwarts verboten sind – auch für Euch!", stellte Severus klar.
„Aber da hält sich doch eh keiner dran", entgegnete Sera mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Das ist überhaupt nicht wahr", widersprach Severus im Brustton der Überzeugung, aber als er den kollektiven Unglauben in den vier Augenpaaren seiner Frauen sah, ergänzte er hochmütig „und sollte es in dem ein oder anderen Fall doch so gewesen sein, dann ändert dies gar nichts."
„Aber wir sind noch keine Schülerinnen Hogwarts", gab Eileen zu bedenken, auch wenn sie ihren Brief bereits vor einer Woche erhalten hatte und seither vor lauter Vorfreude nicht mehr richtig schlafen konnte.
„Aber ich bin Lehrer hier und ein Vorbild und damit auch ihr!"
„Vorbild sein ist megadoof!", war sich Lillian sicher und schob ihre Augenbrauen ärgerlich zusammen.
„Es macht jedenfalls zumeist keinen Spaß!", wusste Eileen aus Erfahrung.
„Gibt es denn keine Vorbilder die Dummheiten machen und Spaß haben?", erkundigte sich Sera hoffnungsvoll.
„Doch", gab Severus zu, „aber solche Vorbilder meine ich natürlich nicht!"
„Wie schade!", seufzte Sera, „James Potter wäre ein tolles Vorbild, von dem können wir uns noch alle eine Scheibe abschneiden!"
„Auf gar keinen Fall wählen wir uns solche Vorbilder", wehrte Severus entschieden ab, „dieser Junge ist ähnlich unmöglich wie sein Großvater und sein Vater und Du verbringst schon viel zu viel Zeit mit ihm!"
„Er ist lustig und klug und hat ein gutes Herz", konterte Sera mit vorgestrecktem Kinn und überkreuzten Armen.
„Das ist mir egal, er kommt dauernd auf die verrücktesten Sachen und das nicht nur beim Quidditch!"
„Er fliegt wie ein Irrer!", warf Lillian mit unverhohlener Bewunderung ein.
„Er ist ein Irrer", grummelte Eileen mit null Bewunderung.
„Aber Eileen ist letzten Freitag beim Training noch viel, viel irrer geflogen, als es James je könnte", platzte Sera mit roten Wangen heraus.
„Oh, man! Das solltest Du doch nicht sagen!", rügte sie ihre große Schwester augenrollend.
„Entschuldige", schlug sich Sera die Hände auf den Mund, „aber es war echt voll der Wahnsinn."
„Gut", kürzte ihr Vater die ganze Diskussion energisch ab, „falls ihr es noch nicht bemerkt habt, aber wir brauen hier einen durchaus anspruchvollen Trank, daher möchte ich Euch freundlich bitten, spielen zu gehen – natürlich nur ungefährliche und legitime, das heißt nicht verbotene Spiele. Und wenn ich es mir recht überlege, dann wäre es mir lieber, ihr widmet Euch Eurer Bildung, indem ihr ein Fachbuch lest oder Eure Hausaufgaben nochmals überprüft."
„Oh, man, Dad!"
„Und Eileen, wir reden noch über Freitag!", fügte er Richtung seiner Ältesten hinzu.
„Ja, doch…", seufzte diese mit hängenden Schultern und alle drei verließen grummelnd und klagend das Labor. Nun, immerhin musste der Trank fertig werden, der später, wenn er getrocknet wäre, dafür sorgen würde, dass die vielen, vielen Kamine Hogwarts fast ohne Holz oder Kohlen auskamen, dafür aber mit einem kleinen Zauberstabwisch zu entfachen waren. Wie gesagt, ein Meisterstück, wenn auch ein unerkanntes.
„Du wirst doch gleich trotzdem mitkommen?", fragte Hermine, als sie den Trank auf einer breiten, flachen Fläche zum Trocknen ausgeschüttet hatten.
„Tut mir leid", antwortete ihr Severus kopfschüttelnd, „aber ich muss noch nach Hogsmeade und dort einige Zutaten abholen, die ich schon vor einigen Tagen dort bestellt habe."
„So, aus Hogsmeade….", wiederholte Hermine und streifte sich ihren Laborkittel ab, „Ich bin mir zwar gewiss, dass es Dir in keiner Weise Leid tut, aber bring mir doch bitte eine kleine Packung heiße Schokoladenkugeln mit."
„Hm, nun, das könnte ich tun", überlegte Severus wohlwollend.
„Danke Dir!", lächelte Hermine hintergründig.
Ihr war da nämlich eben eine winzig-kleine, aber sehr nette Idee gekommen.
Oh, ja!
