INTRODUCTION

„Ich habe mich versteckt!", sagte die Stimme des kleinen Mädchens am Telefon. Sie zitterte und versuchte ganz ruhig zu bleiben, während sie sich versteckte.

„Gut, sehr gut hast du das gemacht Paula.", sagte der Mann, den sie am Telefon hören konnte.

In der Notrufzentrale war es komplett still. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Ein Kind in Gefahr, das packte sie alle an den Nerven und der dunkelhaarige Mann mit Brille, der den Anruf entgegengenommen hatte, hatte nun Vortritt vor allen anderen Anrufern.

Wie er so ruhig bleiben konnte, fragen die Kollegen sich immer wieder, doch Sergio Marquina saß dort, sprach mit einer Engelsgeduld und während er dies tat, faltete er Origami.

„Magst du Pferde?", fragte er das kleine offensichtlich verängstigte Mädchen. „Ja… aber meine Mama sagt, ich muss erst noch größer werden, bevor ich eines bekomme.", sagte die kleine in Flüsterstimme. „Deine Mama ist eine schlaue Frau.", erklärte Sergio sanft. „Sag mal Paula, weißt du wie viele Leute das sind, die dich suchen?", hakte er nach.

Er hatte eine natürliche Art das Kind zu beruhigen und es alles wie ein Spiel wirken zu lassen. Paula schien kurz zu überlegen, dann sagte sie zittrig. „Zwei."

Sergio sah kurz zu seinem Chef auf, Tamayo nickte ihm zu und machte mit seiner Hand eine Geste, die Sergio hinwies weiter zu machen.

„Paula, sag mal, wie alt bist du eigentlich?", fragte Sergio, „Weil du noch warten musst, bis du ein Pferd bekommst?", er stellte das Pferde Origami neben seine Tastatur.

Die Stimme des kleinen Mädchens war wieder merklich ruhiger geworden. „Ich bin schon sechs Jahre alt.", sagte sie fast stolz.

„Oh, sechs Jahre schon.", wiederholte Sergio mit einem sanften Lächeln und in der Hoffnung, dass er Paula lange genug ruhig halten konnte, bis die Einsatzkräfte bei ihr waren. „Dann gehst du ja schon zur Schule.", sagte er und begann mit einem neuen Origami.

„Ja ich gehe in die erste Klasse.", erklärte Paula und dann stockte ihr Atem. Sie sah auf und schluckte. Sergio konnte das schlucken hören, sollte er schweigen, sollte er etwas sagen.

„Ich glaube sie haben mein Versteck gefunden…", wisperte das Mädchen unruhig.
„Nein, Paula, das haben sie nicht, bleib ganz ruhig.", erwiderte Sergio und hätte das Mädchen am liebsten mit dem Origami-Pferd überrascht.

Raquel sah zu ihrer Mutter und schüttelte den Kopf. Sie hob den Zeigefinger zu ihrem Mund und lächelte. Es war Paulas Wunsch gewesen Verstecken zu spielen. Das Mädchen hatte eine blühende Phantasie mit ihren Sechs Jahren und hatte daraus eine "Räuber und Gendarm"-Geschichte gesponnen. Raquel hatte natürlich keine Ahnung, wie Realitätsnah die Umsetzung ihrer Tochter war. Sie schlich sich also nun mit Marivi, an das Versteck von Paula an und eine der Dielen knarzte unter ihrem Gewicht. Paula hörte das natürlich und quiekste erschrocken auf und versuchte die Flucht zu ergreifen. Raquel war darauf gefasst gewesen und packte ihre kleine liebevoll mit einem lauten „Booooh! Hab' ich dich!"

Paula quiekste und wand sich um zu entkommen, doch Raquel hielt ihre Tochter fest und gab ihr viele kleine liebevolle Küsse.

„Uhm…. Raquel?", fragte Marivi und deutete auf das Telefon. „Hast du das da hingelegt?", wollte sie wissen.

„Was? Mama?", Raquel folgte dem Fingerzeig ihrer Mutter und runzelte die Stirn. „Nein… Paula…?", sie sah zu der kleinen Brünetten, die nun auf ihrem Schoß saß.

„Ich hab' die Polizei gerufen.", erklärte die Grundschülerin stolz.

„Paula…!", rief Raquel entsetzt auf und griff nach dem Telefon.

Sergio und der Rest des Teams hielten den Atem an, als Paula plötzlich zu schreien anfing und sie hörten wie sie sich wehrte.

„Scheiße! Zugriff! Zugriff!", schrie Tamayo hinter ihm, während Sergio auf den Bildschirm starte und sich in seinem Schock erhoben hatte.

Das Mädchen schien zu kämpfen und sich zu winden, ehe er dann nichts mehr hörte. Sergio schluckte. „Paula?", fragte er in die entstandene Leere in ihm.

Die Leitung klickte und er konnte förmlich hören, wie das Telefon hochgehoben wurde.

„Hallo Paula…?", hakte er nach und hielt den Atem an.

„Guten Abend…. H…hier… spricht Raquel Murillo… ich- ähm…", Raquel sah unsicher zu ihrer Mutter und gab Paula frei, die stolz zu ihrer Oma tippelte.

„Ich möchte bitte mit Paula sprechen, glauben Sie das wäre möglich?", hakte Sergio nach.

„I-es… es handelt sich hierbei um ein Missverständnis…", versuchte Raquel zu erklären. Womit hatte sie das verdient? Ihre Tochter war doch manchmal viel zu schlau für ihr Alter.

„Hören Sie.", Sergio fuhr sich über seinen Bart und blieb entspannt, so entspannt es eben ging. „Wenn das ein Missverständnis ist, dann können wir das bestimmt klären. Nur jetzt würde ich gerne mit Paula sprechen und von ihr wissen, ob es ihr auch wirklich gut geht.", sagte er sachlich und ruhig.

„Ich… schalte das Telefon laut.", erklärte Raquel und drückte den entsprechenden Knopf am Telefon.

Sergio hörte zu und sagte dann nochmal. „Paula? Ist alles in Ordnung?" er wartete auf das kleine Mädchen. Paula inzwischen wieder ganz zufrieden und abgelenkt sagte. „Jaaa! Alles gut! Kannst du das nächste Mal mit uns verstecken spielen?", erklärte und fragte Paula während sie sich wieder auf den Schoß ihrer Mutter hockte.

„Es… es tut mir unglaublich leid.", sagte Raquel und sah ihre Mutter unsicher an, während Sergio am anderen Ende der Leitung erleichtert aufatmete. Gerade wollte er antworten, dass er froh war, dass alles gut überstanden war, als er hörte wie eine Tür in tausend Stücke zerbarst.

Er konnte hören, wie die Kollegen schien und das Haus sicherten und offensichtlich auch die Frau das Telefon hob, denn er hörte Sánchez Stimme brüllen, sie solle das Telefon hinlegen.

Er nahm die Brille ab und rieb sich mit der Hand müde über die Stirn, ehe er die Brille wieder auf die Nase setzte.

Sergio?", Sánchez in der Leitung.

Es handelt sich offensichtlich um eine Fehlmeldung."

Jah…. Das habe ich auch herausgefunden, bevor ihr gestürmt seid…", erklärte der Dunkelhaarige und seufzte. „Wie wäre es, wenn ihr euch entschuldigt und… Paula liebe Grüße ausrichtet?", schlug Sergio vor und legte dann auf.

Ein paar Tage später, war der Schock auch bei Raquel am Abklingen. Sie hatte Paula mehr als eine kleine Standpauke gehalten. Während diese nun niemals wieder so etwas machen konnte, legte sich langsam die Unruhe in der Brünetten und sie konnte wieder durchatmen und auch ein wenig über den Vorfall lachen.

Sie hatte sich heute freigenommen um den Nachmittag mit ihrer Tochter und ihrer Mutter zu verbringen. Paula und Marivi waren im Garten und malten, während Raquel die Reste des Mittagessens verräumte und die Küche sauber machte.

Als es klingelte, ging sie zur Tür. Sie öffnete und lächelte dem attraktiven Dunkelhaarigen mit Bart entgegen. „Ja?", fragte sie lächelnd und wartete.

Er hatte eigentlich nicht wirklich vorgehabt aufzutauchen, nach der Einladung. Er war eigentlich froh gewesen, dass alles gut gegangen war und es dem Mädchen gut ging.

Als Sánchez allerdings zurückgekommen war und von der heißen Braut gesprochen hatte, die ihr Balg nicht im Griff hatte, war Sergio aufgewühlt und wütend gewesen.

Er hatte sich nichts dabei gedacht, sondern einfach aus Interesse Informationen über die Familie von Paula eingeholt, während er Sánchez Aussagen ignorierte, ebenso wie das Lachen seiner Kollegen. Es würde sich legen, das wusste er.

Als an diesem Tag sein Auge auf das Pferdchen-Origami fiel, dass er während dem Gespräch mit Laura gefaltet hatte, hatte er einen Entschluss gefasst. Warum? Nun wirklich erklären konnte er es nicht, es war einfach… ein Gefühl.

Die Adresse hatte er mitbekommen und den Namen nun, er erinnerte sich an die tiefe und warme Stimme von Raquel Murillo, die so entsetzt klang, als sie bemerkte, was ihre Tochter getan hatte.

Er sah ein wenig scheu auf, als die Tür aufging, nachdem er über zehn Minuten mit sich gerungen hatte um überhaupt zu Klingeln.

Mrs. Murillo?", hakte er nach und wartete auf eine Bestätigung.

Ja?", Raquel versuchte zu lächeln, sie hatte keine Ahnung wer da vor ihr stand und rieb sich die Hände an einem Handtuch trocken.

Mein Name ist Sergio Marquina. Wir… hatten neulich telefoniert…", versuchte er zu erklären doch in dem Moment kam Paula von drinnen rein. „Mama!", rief sie und lief zur Tür, drängte sich förmlich vor ihre Mutter um zu sehen, wer denn da geklingelt hatte. „Hallo.", sagte sie einfach und ihre Augen blitzten vor lauter Neugierde.

Sergio musste lächeln, weil sich Mutter und Tochter so ähnlich waren.

Guten Tag, Paula.", sagte er und lächelte. Die Augen der Kleinen begannen zu strahlen als sie die Stimme erkannte. „Sergio!", sagte sie begeistert. „Bist du gekommen, um mit mir verstecken zu spielen?", fragte sie freudig.

Raquel hob eine Augenbraue, als der Fremde vor ihrer Tochter in die Knie ging. „Nun… das können wir gerne, wenn deine Mutter nichts dagegen hat…", sofort sah Paula nach oben zu ihrer Mutter, Sergios Blick folgte ihrem kurz, jedoch richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Paula. „…doch bevor wir sie fragen, habe ich ein kleines Geschenk für dich. Dein erstes eigenes Pferd…", sagte er lächelnd und hielt Paula das Origami hin.

Boah! Cool! Kannst du mir zeigen, wie man das macht?", fragte die Kleine und er erhob sich lächelnd wieder während sie es ihrer Mutter zeigte. „Gern.", sagte er zwinkernd und Paula lief bereits hinein, um es ihrer Großmutter zu zeigen.

Sergio indes schob seine Brille unruhig etwas weiter auf die Nase zurück und mied den Blick zu Raquel. „Es tut mir leid, Sie so zu stören, jedoch… ich hatte das Origami noch und… wollte es… zurückgeben, wenn man denn so möchte.", sagte er.

Raquel musterte ihn, er schien sehr freundlich zu sein und Paula hatte ihn bereits seit dem Anruf in ihr Herz geschlossen. Sergio war ja so cool, weil er über Pferde bescheid wusste und weil er Menschen half die in Not waren und weil er bei der Polizei war. Raquel hatte jeden Tag etwas Neues über den Mann am anderen Ende der Leitung erfahren, vieles davon war vermutlich erfunden, doch als dieser nun vor ihr stand, war sie ein wenig neugierig.

Das ist wirklich sehr lieb von Ihnen… auch, dass Sie an Paula denken und… danke für das Mitbringsel?", es war ein wenig unangenehm ja fast peinlich so gegenüberzustehen. Raquel schluckte. Sergio sah auf seine Schuhe und wippte hin und her.

Hm…. Ich sollte dann mal…" – „Wollen Sie nicht reinkomm…."

Beide unterbrachen sich und sahen sich an.

„….ja gerne, wenn…" – „…oh, dann vielleicht ein anderes…."

Sie schwiegen sich wieder an und dann lächelte Raquel.

Wollen Sie nicht hereinkommen Sergio?", schlug sie diesmal schneller vor als er ihr absagen konnte. „Paula würde sich wirklich freuen und… nun, vielleicht wollen Sie ja auf einen Kaffee und eine Runde Räuber und Gendarm bleiben?", schlug sie ihm schmunzelnd vor.

Er nickte, lächelte ein wenig scheu und folgte ihr dann in die Wohnung. Als Raquel schmunzelnd hinter ihnen die Tür schloss, war sie irgendwie … glücklich.

Vielleicht hätte sie Paula doch nicht so sehr ins Gewissen reden sollen wegen des Anrufs?