Kapitel 9: Omen

Severus Snape arbeitete sich den Hügel hinauf, und leichter Schweiß brach auf seiner Haut aus. Es war wirklich erniedrigend. Das war es. Erniedrigend, dass er noch immer an sie dachte. Erniedrigend, dass er noch immer nach ihrem Körper verlangte. Erniedrigend, dass er sich noch immer nach ihrer Gesellschaft sehnte.

Sogar hier, während seines Morgenlaufs durch den Wald. Er rannte nicht allein. Oh nein. Er rannte, während die Erinnerung an sie jedem seiner Schritte folgte.

Sie war ihm unter die Haut gegangen. Das war alles. Er war zu lange alleine gewesen, zu lange nur mit Milos Zuneigung als Gesellschaft. Dass der Hund begonnen hatte, seit der Abreise der Hexe Trübsal blasend im Haus herumzulaufen, half auch nicht weiter. Heute Morgen hatte er sogar seinen Lauf gestrichen, weil er sich lieber bei der Eingangstür positionierte aufgrund der verschwindend geringen Chance, dass das kleine rote Mietauto seine Zufahrt hinaufruckeln könnte.

Er kämpfte seinen eigenen Reflex von Hoffnung nieder. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sie zurückkam. Das Entfernen ihrer Erinnerung war gründlich gewesen. Seine Tarn-Erinnerungen so detailliert und nuanciert wie diejenigen, die er für den Dunklen Lord geschaffen hatte. Es war eine seltene Fähigkeit, solch effektive Erinnerungen schaffen zu können, und seine war, soweit er wusste, unerreicht.

Dass er sie außerdem zu den Übeltätern geleitet hatte, die tatsächlich verunreinigte Kräuter und Basistränke in Umlauf brachten, war seiner Meinung nach eine zusätzliche Absicherungstaktik. Diese Information zu verarbeiten, würde wahrscheinlich Wochen in Anspruch nehmen, und während sie dies umsetzte, würde es sie während der heiklen Zeitspanne abgelenkt halten und damit genug Zeit liefern, damit seine Tarngeschichte einsickern konnte. Gehirne waren so anpassungsfähige Organe. Und er tröstete sich mit der Tatsache, dass die Gelegenheit, Übeltäter der Justiz zuzuführen, seiner Gryffindor einige Kompensation für jedwede Benommenheit liefern würde, die seine Veränderungen ihr kurzzeitig bescheren mochten.

Was das Nehmen ihrer Erinnerungen betraf … es ließ ihn sich unbehaglich fühlen, darüber nachzudenken. Aber letztendlich, so argumentierte er, war es ihm als eine freundliche Geste erschienen. Sie beide waren in einem Pool von Elend der schlimmsten Art geschwommen. Er hatte sich für die Entfernung statt für einen Vergessenszauber entschieden …, er hatte nicht gewollt, dass diese Erinnerungen verschwanden. Sie waren ihm kostbar. Aber genauso wenig konnte er zulassen, dass sie beide unnötig litten. Seine ursprüngliche Absicht war gewesen, ihre Erinnerungen zu verwenden, um seine in ein Denkarium zu rufen … ein kompliziertes Verfahren, aber mit sorgfältiger Vorbereitung machbar.

Aber er hatte gestrauchelt, hatte den letztmöglichen Moment gewählt, um sie, aber nicht sich selbst zu schonen. In letzter Minute hatte er festgestellt, dass er nicht willens war, ihren Besuch aus seinem Gehirn zu entfernen. Zumindest würde sie kein Unbehagen erleiden, weil sie von ihm getrennt war. Es war nur er, der dies erduldete.

Und natürlich Milo. Armer Hund.

Er dachte noch über einen Vergessenszauber für den Hund nach, aber das Geflecht hündischer Erinnerungen war so sehr auf Instinkt konzentriert, dass er sich seiner Fähigkeit nicht sicher war, dies ausführen zu können, ohne seinem kleinen Freund zu schaden. Daher hatte er sich einfach auf Bestechung verlegt, und während Milo sicher die zusätzliche Futterauswahl genossen hatte, hatte sie ihn nicht daran gehindert, trübselig in der Hütte herumzulaufen.

Severus konnte ihm keinen Vorwurf machen. Er gab zu, dass er in den privaten Gefilden seines eigenen Hirns ebenfalls Trübsal blies …, oder wenn er wirklich ehrlich zu sich selbst war, verstand er, dass das, was er erlebte, jenseits von Trübsal blasen lag. Um den Verlust von Lily hatte er Jahrzehnte getrauert. Und jetzt realisierte er, dass er sich einer ähnlichen Leidensdauer überlassen hatte, weil leider seine Gelegenheit für alle Zeiten verstrichen war, seine eigene Erinnerung anzugleichen. Der Erinnerungsrufeffekt, den zu nutzen er vorgehabt hatte, um seine eigenen Erinnerungen auszulöschen, war kurzlebig, und die Zeit dafür war lange vorbei. Er konnte unauffällige Erinnerungen einzeln entfernen … aber er würde das Wissen behalten, dass er dies getan hatte. Er würde wissen, dass die Erinnerungen insgesamt oben in seinem Denkarium trieben. Dass sie ihn locken würden, sie wieder zu erleben, schien unvermeidlich.

Wem wollte er etwas vormachen? Er würde von ihnen nicht verlockt werden, weil er keine einzige verdammt Erinnerung dieses Erlebnisses entfernen würde. Keine einzige. Sie bedeuteten Schmerz, aber sie gehörten ihm und waren ihm so kostbar wie die wenigen glücklichen Erinnerungen an die beste Freundin seiner Kindheit.

Oder vielleicht … kostbarer.

Seufzend setzte er sich wieder in Gang und kämpfte sich die letzten einhundertfünfzig Meter bis zum höchsten Punkt des Hügels hinauf. Er würde die Erinnerungen nicht entfernen …, aber zumindest konnte er das Schlimmste seines Schmerzes ausschwitzen.

Er atmete schwer und freute sich auf die Leichtigkeit der Neigung, die vor ihm lag, als er plötzlich stoppte und im Reflex einen Schritt zurücktrat.

Sie war weg gewesen. Er wusste, dass sie fort gewesen war. Nach Hermiones Abreise war er die Katze suchen gegangen und hatte sie den ganzen Weg zurück zu ihrem Zuhause im Wald verfolgt. In den Wochen seitdem hatte er keine Spur von ihr gesehen. Und da der Wald sich jetzt sattgetrunken hatte, bestand für sie nicht länger die Notwendigkeit, sein Wasserloch zu besuchen. Aber dort war sie, auf der Wiese unterhalb von ihm, ihr Maul mit Blut und Eingeweiden des jungen Hirschs bedeckt, von dem sie genau in diesem Moment fraß.

Sein erschrockenes Einatmen war laut genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie sah von ihrer Mahlzeit auf und grollte ihren Ärger heraus. Offensichtlich waren die vergangenen Wochen üppig gewesen; sie hatte das hagere Aussehen dürrebedingter Knappheit verloren. Ihr Fell zeigte neuen Glanz, und ihr knochiges Rückgrat und ihre dünnen Flanken hatten sich zu runden und auszufüllen begonnen. Ihr unheilvolles Starren verkündete, dass hier ein Spitzenjäger in bestem Gesundheitszustand stand.

Sie war großartig. Absolut großartig.

Etwas von seiner Achtung schien ohne sein Zutun mit dem Tier zu kommunizieren, denn sie schenkte ihm einen letzten, vernichtenden Blick, dann senkte sie ihren Kopf wieder zurück zu ihrer Beute. Wie ein Almosenempfänger vor der Königin war er entlassen worden.

Sein Lächeln war langsam, breit und amüsiert. Stetig und mit Bedacht zog er sich von der Wiese zurück. Aber obgleich seine Bewegungen wohlüberlegt waren, begann Adrenalin wie eine dunkle Droge seinen Körper zu durchfluten.

Die Löwin war auf seinen Berg zurückgekehrt. Und der Hund wartete an der Tür. Und er? Da er jetzt hinhörte, konnte er ihr Näherkommen in seinem Blut spüren.

Während er sich selbst einen Narren schalt, wandte sich Severus Snape um und rannte den ganzen Weg nach Hause.

Zu der Zeit, als Grangers Mietauto den Rand seiner Schutzzauber erreichte, war er seiner eigenen Meinung nach vollständig gefasst. Oder zumindest gefasster als zuvor. Zur Hölle damit, er war hinreichend gefasst, nicht wahr? Nein, er war es nicht. Aber daran war nichts zu ändern.

Weshalb war sie zurückgekommen? Hatten seine Modifikationen versagt? Hatte sie etwas von dem gespürt, was sie miteinander geteilt hatten, und sich entschlossen zurückzukehren? Nein. Das war lächerlich und Wunschdenken übelster Art. Er sollte die Lage nicht mit armseligem, emotionalem Ballast verzerren. Sie war eine Ermittlerin. Offensichtlich hatte sie einfach einen weiteren Hinweis gefunden, der sie ein zweites Mal zu ihm führte. Augenblicklich überflutete ihn Bewunderung für ihren Intellekt. Sie war eine zähe Kreatur, seine Löwin. Er hatte gewusst, dass sie irgendwie wieder auf seiner Schwelle auftauchen würde. Aber so bald? Er hatte erwartet, dass es viele Monate dauerte, bis sie ihn wieder fand, wenn überhaupt.

Egal. Dieses Mal würde er im Wissen um die Wirkungsstärke dessen, was sich zwischen ihnen abspielte, die Sache anders angehen. Er würde ihre Fragen sachlich beantworten, ihre Neugier befriedigen und sie dann mit ihren Gryffindorbedürfnissen beschwichtigt ihrer Wege schicken. Indem er ihre Fragen genügend detailliert beantwortete, würde er sicherstellen, dass sie nie mehr zurückkehrte.

Wem machte er etwas vor?

Genau dies sollte er tun. Es wäre bei weitem klüger. Aber das würde er nicht. Konnte er nicht.

Er erkannte an seinem steigenden Begehren, dass er tatsächlich genau das Gegenteil tun würde. Er würde alles in seiner Macht stehende tun, um sie zu verführen. Er würde jeden Schmerz ertragen, um diese Lippen wieder zu kosten, um auf der Welle der Intimität zwischen ihnen zu reiten, das Lachen zu spüren, das sich im Nachhall in seiner Brust sammelte. Selbst wenn er – indem er dies tat – noch mehr desselben Schmerzes schuf, den er seit ihrer Abreise erlitten hatte. Selbst wenn er – indem er dies tat – sie beide für immer in einem Kreislauf von Lieben und Verlassen einschloss.

Oh süßer Merlin, dachte er, als der Sedan in seiner Auffahrt stoppte, war er immer so rührselig gewesen? Oder war dies ein weiteres Symptom des Irrsinns seiner Liebe zu ihr?

Da war sie, und sie stieg auf der Fahrerseite aus. Seine lächerliche Zuneigung musste seine Wahrnehmung getrübt haben, denn sie sah in seinen Augen anders aus, schöner, strahlender, mehr von allem. Emotionen waren solch effektive Verformungskräfte.

So intensiv war er dabei, die Veränderungen in ihrem Gesicht in sich aufzunehmen, dass er den Zauberer mit dem ausdruckslosen Gesicht und dem unordentlichen Haar nicht einmal wahrnahm, der aus der anderen Autotür ausstieg, dass er die elf Zoll Schwarzdorn nicht bemerkte, die sich in seine Richtung bewegten, bis er entwaffnet und gefesselt war.

Erst dann wandten sich seine Augen, die die einzigen Körperteile waren, über die er noch Gewalt hatte, von der Hexe ab und zu Potter. Was auch gut war, denn er war nicht gezwungen, die kleine, wohlgezielte Faust zu sehen, die abrupt mit seinem Kiefer in Kontakt kam. Ah, dachte er liebevoll, während er in die Dunkelheit glitt, gefällt von der Faust seiner Gefährtin.

Und dann umfing ihn das Nichts.