2. Dezember: Abstand

Der Aufstieg von Voldemort machte alle Pläne von Ted und ihr wieder zunichte. Andromeda konnte gerade so ihre Ausbildung abschließen, als es für Ted zu gefährlich wurde, auch nur einen Fuß ins Ministerium oder die Aurorenzentrale zu setzen. Dadurch, dass er Andromeda geheiratet und die perfekte Blutlinie der Blacks besudelt hatte, war er eine viel größere Zielscheibe als er es ohne Andromeda je gewesen wäre. Und Andromeda wusste ganz genau, dass Bella nicht ruhen würde, ehe Andromeda und ihre Familie dafür gezahlt hatten.

Also blieben sie vorsichtshalber ganz in der Muggelwelt. Keiner von diesen sogenannten Todessern kannte sich gut genug aus, sie bis dahin zu verfolgen und für Voldemort waren sie zu kleine Fische. Aber Bella war da draußen und Andromeda wusste, solange sie lebte, würden sie keine ruhige Minute haben. Deshalb lehnten sie auch Dumbledores Bitte ab, sich dem Orden des Phönix anzuschließen. Ihre Fähigkeiten hätten alle gut gebrauchen können, sicher, und Andromedas kleiner Cousin Sirius war eine der lautesten Stimmen, die versuchte, sie davon zu überzeugen, aber Andromeda musste nur ihre kleine unschuldige Tochter mit ihren knallpinken Haaren anschauen und sie wusste, dass sie unmöglich ihr Leben aufs Spiel setzen konnte. Sie war nicht die einzige, wie Dumbledore ihr versicherte. Molly Prewett, eine der besten Hexen der Schule, weigerte sich genauso sehr, um ihrer Söhne Willen, und auch wenn Andromeda wenig mit den Prewetts oder den Weasleys gemeinsam hatte, das konnte sie völlig verstehen. Wenn es Nymphadora nicht gegeben hätte, dann hätte sich zumindest Ted Hals über Kopf in den Kampf gestürzt, das wusste sie, aber sie war ihm unendlich dankbar, dass er es ihr zuliebe nicht tat. Andromeda war schon immer geschickter darin gewesen, Konfrontationen zu vermeiden, als sie zu suchen.

Und so blieben sie so unauffällig wie möglich, während Voldemorts Herrschaft immer größere Kreise zog. Teds Mutter wohnte glücklicherweise auf dem Land, in einem kleinen verschlafenen Nest, in dem Ted der erste Zauberer seit Jahrhunderten war. Sie hatte aber wunderbare Kontakte und so konnte Andromeda für den Dorfarzt arbeiten, ohne jemals einen Muggelschulabschluss vorweisen zu müssen und Ted half dem einen Dorfpolizisten, den es gab. Meistens schlichtete er den Streit zwischen Nachbarn, wenn es um zu große Büsche und einen hässlichen Gartenzaun ging. Das abenteuerlichste war, als er einen Ladendieb zwei Straßen weit verfolgen musste, bevor der wegen einer heftigen Asthmaattacke aufgeben und Ted ihn zu Andromeda in die Praxis bringen musste.

Anfangs fanden die Dorfbewohner es skandalös, dass Andromeda und Ted ihre Tochter immer mit knallbunten Haaren herumlaufen ließen, aber im Laufe der Zeit gewöhnten sie sich daran und freuten sich richtig, wenn sie eine neue Farbe zur Schau stellte. Glücklicherweise war die Kleine nur auf ihre Haare fixiert und veränderte den Rest ihres Aussehens nur zu Hause und nie allzu lange, also waren sie vor allzu heiklen Fragen sicher. Andromeda kam zwar nie zur Ruhe, war ständig wachsam und hatte ihren Zauberstab immer griffbereit, aber im Großen und Ganzen waren sie verschont vom Krieg und konnten ihrer Tochter eine unbeschadete und glückliche Kindheit bieten. Sie konnten zwar beide nicht ihr volles Potential ausschöpfen, aber sie waren am Leben. Andromeda zweifelte keine Sekunde daran, dass Bella kurzen Prozess mit ihr machen würde, sollte sie sie jemals finden.

Deshalb war es ein umso größerer Schock als sie erfuhren, dass der Krieg mit einem Schlag beendet worden war. Voldemort hatte ein unschuldiges Baby umbringen wollen, warum auch immer, und war so sehr daran gescheitert, dass er für tot gehalten wurde. Leider hatte er James und Lily Potter mit in den Tod genommen. Andromeda wollte gar nicht wissen, wie schrecklich es Sirius gehen musste. James und er waren in Hogwarts immer unzertrennlich gewesen und nach allem, was sie am Anfang des Krieges gehört hatte, auch sehr aktiv im Orden des Phönix. Und Sirius war obendrein auch noch der Pate des kleinen Harry, der als einziger überlebt hatte.

Ted hatte sie jubelnd in die Arme geschlossen, als er von Voldemorts Tod gehört hatte, glücklich, dass sie endlich wieder in die Zauberwelt zurückkehren, wieder Kontakt mit ihren Freunden haben und Nymohadora endlich die Winkelgasse zeigen konnten, aber Andromeda wurde nur panischer. Nur weil Voldemort tot war, hieß das nicht, dass es sein fanatisches Gefolge nicht mehr gab.

„Aber ohne ihn sind sie verloren, Andromeda! Das ist doch, wie wenn man einem Huhn den Kopf abschlägt. Es kann vielleicht noch rumrennen, aber mehr auch nicht!", sagte Ted voller Überzeugung, doch Andromeda konnte nur verängstigt den Kopf schütteln.

„Da kennst du Bella aber schlecht. Selbst wenn Voldemort wirklich weg ist, glaubst du, dass sie Ruhe gibt? Du hast sie doch gesehen! Und er hat ihren schlimmsten Impulsen auch noch freien Lauf gelassen, sie wahrscheinlich noch gefördert! Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für einen Schaden sie jetzt anrichten wird!"

Andromeda erkannte genau, dass Ted ihre Sorge für übertrieben hielt, aber ihr zu Liebe gab er ihr drei Monate, bevor sie sich zurück in die Zauberwelt wagen würden. Und Merlin sei Dank hatte sie darauf bestanden, denn sie hatte völlig Recht gehabt. Mit Voldemorts Tod war es längst nicht getan. Bella richtete auf der Suche nach ihrem Herren eine Spur der Verwüstung an und wurde schließlich nach Askaban geschickt, nachdem sie Frank und Alice Longbottom zum Wahnsinn gefoltert hatte. Andromeda konnte nicht den Blick vom Bild ihrer Schwester im Tagespropheten abwenden. Dieser wahnsinnige Blick, den Bella schon gehabt hatte, als sie sich mit vier über Andromeda gebeugt und ihr die Haare abgeschnitten hatte, dieses hämische Lachen, das sie in ihren Träumen verfolgte, weil Bella sie immer damit aus dem Schlaf gerissen hatte. Andromeda hatte keine Zweifel daran, dass Bella sie irgendwann gefunden und mit ihr und ihrer Familie genau das gleiche gemacht hätte wie mit den Longbottoms, wenn sie nur genug Zeit gehabt hätte.

Merlin sei Dank war sie in Askaban, ein Gefängnis, aus dem noch niemand entkommen war. Aber Andromeda kannte ihre große Schwester und sie war der größte Sturkopf, den es gab. Im Moment waren sie sicher vor ihr, aber sie traute es ihr zu, dass sie die erste war, die ausbrechen würde. Solange Bella lebte, würden sie nie wirklich vor ihr sicher sein.

Und es kam noch schlimmer, als Sirius schließlich auch nach Askaban geschickt wurde, weil er einen seiner anderen Freunde umbrachte, mitten in einer Muggelstraße. Sirius! Dem seine Freunde über alles gingen! Ted hatte mittlerweile Kontakt zum Orden aufgenommen, um zu erfahren, wann es für sie sicher sein würde, wieder in die Zauberwelt zurückzukehren, und er erzählte ihr bestürzt, dass Sirius wohl James und Lily an Voldemort verraten hatte. Sirius! James und Lily! Alles sprach gegen ihn, aber Andromeda war überzeugt, dass ihr Cousin zu so etwas nie fähig gewesen wäre. Der größte Rebell der Familie sollte alles, gegen das er sich sein Leben lang aufgelehnt hatte, verraten und stattdessen für Voldemort gearbeitet haben? Auf derselben Seite wie Bella? Nie im Leben! Nie im Leben würde Sirius so etwas tun, niemals!

Aber was hätte sie schon tun können, wenn nicht einmal Dumbledore oder Sirius' Verbündete im Orden etwas ausrichten konnten und ihn für schuldig hielten. Sie hätte ihn gerne besucht, aber keine zehn Hippogreifs hätten sie an den Ort gebracht, an dem auch ihre verhasste Schwester war. Bei Sirius' Glück hätten sie vielleicht sogar Zellen, die nebeneinander lagen und das konnte sie einfach nicht riskieren.

Letzten Endes dauerte es sogar ein halbes Jahr, bis Andromeda und Ted es wagten, wieder einen Fuß in die Zauberwelt zu setzen. Mittlerweile hatte es viele Verurteilungen gegeben und die fanatischsten Todesser waren entweder tot oder in Askaban, aber es gab mehr als genug, die immer noch frei herumliefen. Doch sie musste Ted Recht geben, ohne Voldemort waren diese Leute wirklich wie ein kopfloses Huhn. Ohne ihren Anführer, ihren Beschützer, fehlte ihnen der Mut, irgendetwas zu tun. Wenn sie Glück hatten und Voldemort wirklich tot war, waren sie vielleicht wirklich endlich sicher. Die Reinblüter hatten es versucht und sie waren daran gescheitert, der Zauberwelt ihre Ideologie aufzuzwingen. Gerechtigkeit hatte gesiegt.

Es überraschte Andromeda keine Sekunde, dass Lucius Malfoy ebenfalls zu diesen kopflosen Hühnern zählte. Sicher, er war einer der lautesten Schreihälse, aber wenn es um persönlichen Einsatz ging, würde er sich immer unter dem Umhangzipfel größerer, mächtigerer und furchtloserer Zauberer verstecken. Sie war überrascht, dass ihre kleine Schwester mittlerweile einen kleinen Sohn hatte. Einmal, als sie mit Dora in der Winkelgasse war, sah sie Narcissa von weitem aus der Nockturngasse kommen, auf dem Arm einen kleinen Jungen, der Malfoy bis aufs Haar glich. Aber abgesehen von einem kurzen Nicken, das die beiden Schwestern austauschten, hatte Andromeda nicht das geringste Bedürfnis, mit ihrer Schwester zu reden. Sie hatten sich beide ihre Seite ausgesucht und mehr gab es dazu nicht zu sagen. Und sie würde nie den missbilligen Blick von Narcissa vergessen, den diese Dora zuwarf, als ihre Tochter begeistert an ihrem Umhang zerrte, um ihr den neuesten Rennbesen im Schaufenster zu zeigen.

Nein, ihre Familie waren jetzt Ted und Nymphadora und das war auch gut so.

Andromeda wurde im im Mungos mit offenen Armen empfangen. Ihre Kollegen bedauerten sehr, dass sie die letzten Jahre nicht dagewesen war, aber fast jeder hatte im Laufe dieser Zeit ein Opfer von Bellatrix behandeln müssen und sie konnten verstehen, warum sie untergetaucht war. Andromeda arbeitete viel mit den Longbottoms, wenn sie Zeit hatte, und versuchte alles, was ihr einfiel, aber zu ihrem tiefsten Bedauern war ihr größter Erfolg, dass sie sich manchmal an den Namen ihres Sohnes erinnern konnten. Es brach ihr das Herz, wenn sie sah, wie sehr der Junge in diesen Momenten strahlte, und wie stoisch er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte, wenn er die Station mit seiner Großmutter wieder verließ. In diesen Momenten wünschte sie, dass sie als Kind tatsächlich den Mut gefunden und Bella einfach die Treppe heruntergestoßen hätte, so wie sie es sich in ihren verzweifeltsten Momenten ausgemalt hatte.

Für Ted war es etwas schwieriger als Auror, sich den notwendigen Respekt zu verschaffen. Zum einen nahmen seine Kollegen es ihm übel, sie im schlimmsten Moment im Stich gelassen zu haben, zum anderen hatte seine Schwägerin zwei der besten Auroren der Abteilung in den Wahnsinn getrieben. Aber sie brauchten jeden Auror, den sie kriegen konnten, wenn sie so viele Todesser wie möglich nach Askaban bringen wollten und glücklicherweise hatte Voldemorts Einfluss das Ministerium noch nicht soweit erreicht, dass es nicht zu retten war. Trotzdem war Andromeda immer mulmig zumute, wenn sie daran dachte, dass ihr Mann im selben Gebäude arbeitete wie einige der Todesser, denen man nichts hatte nachweisen können oder von denen man nicht einmal wusste, dass sie dazu gehörten. Aber das war ein Risiko, das er wohl eingehen musste. Seine Arbeit machte ihm zumindest sehr viel mehr Spaß als den dritten Streit die Woche wegen eines Gartenzauns zu schlichten.

Die Zauberwelt erholte sich langsam von Voldemorts Gräueltaten, aber geheilt würde sie davon nie sein.

Andromeda war besonders zwiegespalten, als sie erfuhr, dass ihre Eltern nicht mehr am Leben waren und die letzten Worte, sie sie je gewechselt hatten, Worte des Zorns und der Enttäuschung gewesen waren, als sie Andromeda aus dem Haus geworfen hatten. Sie hatten sich nicht am Krieg beteiligt, das war zu sehr unter ihrer Würde. Ihre Mutter hatte einen Herzinfarkt erlitten, als sie erfahren hatte, dass Bella den Rest ihres Lebens in Askaban verbringen würde und war auf der Stelle gestorben. Und ihr Vater war ein verbitterter alter Mann, den die Hauselfen eines Tages tot an seinem Schreibtisch gefunden hatten. Keiner wusste, woran er gestorben war, aber es trauerte ihm auch niemand wirklich hinterher. Andromeda hätte zu der Beerdigung gehen können, zu diesem Zeitpunkt war sie bereits seit zwei Jahren wieder in der Zauberwelt gewesen, aber warum hätte sie das tun sollen? Sie gehörte schließlich nicht mehr zur Familie. Und je weniger sie mit diesen Reinblütern zu tun haben musste, desto besser.

TBC…