4. Dezember: Im Grimmauldplatz

Stunden später, als sie endlich wieder zuhause waren, konnte Andromeda immer noch nicht fassen, was sie alles im Grimmauldplatz erfahren hatte und was das für sie und den Rest der Zauberwelt bedeuten würde. „Wir können nicht in den Orden, Ted, wir können einfach nicht!", sagte sie zum wiederholten Male. Sie wusste, dass sie bei ihrer Tochter auf taube Ohren gestoßen war, Nymphadora hatte schließlich ihren Sturkopf geerbt, aber Ted hatte immer versucht, ihr die Welt zu Füßen zu legen.

„Ich weiß, dass du Angst hast, aber die Situation ist eine andere als damals", sagte er so behutsam, als würde er mit einem scheuen Hippogreif reden. „Unsere Tochter ist erwachsen, ich bin ein erfahrener Auror, wir sind besser vorbereitet und Bellatrix ist in Askaban und -"

„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass Bella in Askaban bleiben wird!", schnaubte Andromeda. „Wie naiv bist du denn, Ted? Wenn Sirius entkommen konnte, dann ist es nur eine Frage der Zeit -"

„Aber Bellatrix ist kein Animagus!"

„Als ob es darauf ankommen würde! Du weißt genauso gut wie ich, wie mächtig er geworden ist, zu was er fähig war, bevor er Harry konfrontiert hat! Und wie mächtig Bella ist! Nie im Leben wird er sie da drin lassen, nie im Leben! Und wenn sie erst draußen ist, sie wird uns jagen! Uns ganz besonders und Dora auch und sie wird keine Ruhe geben, bis sie sich nicht an mir dafür gerächt hat, dass ich unsere Blutlinie so besudelt habe!" Davor hatte sie damals schon Angst gehabt, und jetzt, wo Voldemort wieder da war und mit allen Mitteln die Macht ergreifen würde, gab es keinen Zweifel für sie daran, dass ihre Schwester sie für ihre angeblichen Verbrechen bezahlen lassen würde. Kein Meer und keine Mauern und keine Dementoren würden sie davon abhalten. Und wenn sie im Orden wären, würden sie das alles nur noch mehr herausfordern. Um Merlins Willen, als muggelstämmiger Auror, der mehr als einen Todesser gefangen hatte, war Ted schon ohne sie die perfekte Zielscheibe! Aber es war persönlich für Bella und etwas Gefährlicheres gab es nicht. Denn Bella vergaß nicht. Und sie hatte die letzten vierzehn Jahre Zeit gehabt, sich jede Sekunde ihrer Rache genau zurechtzulegen.

„Dromeda, ich weiß, dass du dir Sorgen machst, aber -"

„Wenn du an meiner Schwester zweifelst, dann kannst du gerne Frank und Alice besuchen. Du weißt schon, zwei der besten Auroren damals. Vielleicht können sie dir ein paar Tipps geben, wie man mit ihr am besten fertig wird!" Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Zimmer und ließ Ted wütend zurück. Er hatte es gehasst, sich damals aus dem Krieg heraushalten zu müssen, aber er hatte es für sie und für ihr kleines Baby getan. Nun war das Baby erwachsen und fest entschlossen, in diesem Krieg an vorderster Front mitzumachen und Andromeda wusste, dass sie es ihr nicht würde ausreden können. Aber Ted … Ted kannte Bella, er wusste, wie skrupellos sie in Hogwarts gewesen war, er war dort sogar mit ihr aneinandergeraten. Er hatte sich zwar gut geschlagen, aber das war, bevor sie eine Todesserin gewesen war und willig, über Leichen zu gehen. Wenn jemand ihre Sorgen verstehen sollte, dann war es Ted.

Es war ihr egal, dass sie selbstsüchtig war und den Orden vielleicht um einen sehr fähigen Auror und eine gute Heilerin brachte, sie wollte alles nur heil überstehen. War das denn zu viel verlangt? Ihre ganze Kindheit hatte sie versucht, ihre Schwester heil zu überstehen.

Es dauerte ein paar Tage, aber schließlich legte Ted beim Frühstück seufzend den Tagespropheten beiseite und schaute Andromeda entschlossen an. „Ich werde dem Orden nicht beitreten", sagte er ruhig und Andromeda fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen.

„Oh Ted -" Er hielt seine Hand hoch, um sie zu unterbrechen.

„Ich werde dem Orden nicht beitreten, aber wenn sie mich um meinen Rat oder meine Kooperation bitten, werde ich auch nicht nein sagen. Ich bin immerhin ein Auror im Ministerium und es ist gut möglich, dass ich wichtige Informationen bekomme, die Dora oder Kingsley nicht haben. Du weißt, wie groß unsere Abteilung ist. Und für Dora kann ich nicht sprechen."

Andromeda seufzte. Einen besseren Deal würde sie wohl nicht bekommen. Immerhin war er bereit, das Gefährlichste nicht zu tun, sie konnte kaum von ihm verlangen, dass er die Zauberwelt ein weiteres Mal verließ.

„Dora ist fest entschlossen, dem Orden beizutreten." Wahrscheinlich hatte sie es schon längst getan. „Ich weiß, wie viel ich von dir verlange, aber Ted, ich will doch nur…"

Er legte seine Hand auf ihre. „Ich weiß, Schatz, ich weiß. Deine Schwester ist …" Er seufzte. „Ich würde dir gern sagen, dass wir alles im Griff haben, aber Fudge ist unmöglich, und jetzt, da ich weiß, warum …" Er schüttelte den Kopf. „Es wird noch viel schlimmer kommen. Ich will keine Option vom Tisch nehmen, aber Askaban ist nicht sicher, spätestens Sirius hat das gezeigt. Und ganz zu schweigen von Crouch und seinen unverzeihlichen Handlungen." Das war eine der unglaublichsten Enthüllungen gewesen. Dass jemand, der so versessen auf Regeln und Gesetze wie Barty Crouch zu so etwas fähig gewesen war und was er damit alles in Gang gebracht hatte … „Du hast völlig Recht, es ist nur eine Frage der Zeit, bis deine Schwester wieder draußen ist. Und ich sehe auch nicht, dass Fudge sich noch lange halten wird. Was danach kommt … wer weiß. Nur gut, dass dieses Haus sicher ist."

Sie hatten es nicht in ihrem Namen gekauft, es lief immer noch auf den Namen einer alten Freundin von Teds Mutter, die jetzt in einem Pflegeheim war. Und Andromeda war paranoid genug, dass sie von Anfang an einen Geheimniswahrer hatten, einen guten Freund von Ted, der sich aus allem raushielt und in Irland einen kleinen Laden für Quidditchzubehör betrieb. Ihn würde Bella nie finden.

„Gut", sagte sie schließlich erleichtert, auch wenn Ted ganz und gar kein rosiges Bild malte. „Ich weiß, dass du denkst, ich bin paranoid, aber-"

„Aber ich kenne auch deine Familie. Und du hast Recht, wenn Alice und Frank sich nicht hatten wehren können … Wir werden tun, was wir können, so lange wir können, und wenn sie wirklich Hilfe brauchen, dann werden wir auch nicht nein sagen, solange es möglich ist." Er lehnte sich über den Tisch und küsste sie zärtlich. „Auch wenn du das vielleicht glaubst, ich habe nichts vergessen, Dromeda. Unsere Familie ist und bleibt das wichtigste für mich."

Andromeda schluckte schwer. Was würde sie nur ohne ihn machen, die Liebe ihres Lebens? Er war die beste Entscheidung, die sie je getroffen hatte. Und vielleicht war sie wirklich nur paranoid. Voldemort war vierzehn Jahre verschwunden gewesen. Viele seiner Anhänger waren tot. Und die Zauberwelt hatte dazu gelernt seit damals, oder? Oder? ODER?

Wie sich herausstellte, war das absolut nicht der Fall. Fudge steckte nur den Kopf in den Sand und verschwendete wertvolle Zeit mit Nichtstun, in der er die Zauberwelt auf das Bevorstehende hätte vorbereiten können. Stattdessen wurde jedes noch so verdächtige Ereignis Sirius angehängt. Und es gab mehr als genug, selbst wenn Fudge versuchte, alles unter den Teppich zu kehren. Aber sie arbeitete im Mungos, und sie musste täglich mehr muggelstämmige Hexen und Zauberer behandeln, die Opfer von Angriffen geworden waren. Und Ted und die meisten anderen Auroren wurden damit beauftragt, unter jedem Stein nach Sirius zu suchen! So etwas lächerliches!

„Wenn du wüsstest, wofür du bei uns alles verantwortlich gemacht wirst", seufzte Ted und trank einen Schluck Butterbier, während das Feuer im Kamin in der Küche des Grimmauldplatzes fröhlich vor sich hinknisterte. Es war November und absolut ungemütlich draußen. Ted und sie waren spontan im Grimmauldplatz aufgetaucht, um mit Sirius zu Abend zu essen und Andromeda hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil er sich so sehr über ihre Gesellschaft freute. Selbst wenn sie kein aktives Mitglied im Orden war, sie sollte trotzdem mehr Zeit mit ihm verbringen. Er war der Einzige, der wusste, was in ihr vorging. Der seiner Familie den Rücken gekehrt hatte und jetzt mit den Folgen leben musste.

„Du bist schon ein Running Gag bei uns. Jemand schneidet sich am Pergament? Sirius Black ist Schuld. Jemand hat verschlafen? Sirius Black hat seinen Wecker verhext. Dokument nicht pünktlich eingereicht? Imperiusfluch von Sirius Black." Ted verdrehte die Augen und Andromeda schüttelte enttäuscht den Kopf. Sie wusste, dass von der Regierung nicht immer das Beste zu erwarten war, dennoch hatte sie gehofft, dass sie wenigstens etwas tun würden, um ihre Bevölkerung vor Voldemort zu schützen. So hätten sie genauso gut einen Niffler als Zaubereiminister haben können und der hätte wahrscheinlich noch weniger Schaden angerichtet als Fudge.

Sirius lachte humorlos. „Wenn ich mal so viel Macht hätte!" Er schüttelte den Kopf. „Ich hab nicht mal gesehen, dass einer meiner besten Freunde ein Verräter ist, der uns alle für sein mickriges Leben geopfert hätte." Er schluckte schwer. „Und ich wäre ohne zu zögern für ihn gestorben. Jederzeit. Und wofür? Dass er dreizehn Jahre als Ratte bei einer Familie lebt, die er auch jederzeit verraten hätte. Und jetzt kriecht er wieder Voldemort in den Arsch, der ihn sofort den Haien zum Fraß vorwerfen würde, wenn es ihm was nützen würde." Frustriert trank er sein Butterbier in einem Zug leer. „Und ich muss hier sitzen und mir von Snape sagen lassen, dass ich nichts tun kann, während mein letzter Freund Kopf und Kragen riskiert, um das Vertrauen von den Arschlöchern zu gewinnen, die sein Leben zerstört haben. Scheiße ist das! Richtig scheiße!"

„Wo ist Remus überhaupt?", fragte Ted und warf einen Blick aus dem Fenster. Der Vollmond strahlte hell am Himmel. „Bei Greyback und seinem Pack?"

Sirius schüttelte den Kopf. „Er hat sich rechtzeitig weggeschlichen und ist oben bei Seidenschnabel. Der hat ihn schon damals in Hogwarts in Schach gehalten, der hat absolut kein Problem damit, das wieder zu tun." Sirius fletschte die Zähne. „Und ich auch nicht, wenn es nötig sein sollte." Er seufzte. „Würde wenigstens mal etwas Aufregung hier reinbringen", murmelte er missmutig, während Ted alarmiert seinen Zauberstab zog.

„Du willst uns also sagen, dass oben im Haus ein ausgewachsener Werwolf ist? Und wir sitzen hier unten gemütlich beim Essen?"

Sirius schüttelte lachend den Kopf. „Merlin, nein! Wo denkst du hin! Snape hat gestern den Wolfsbanntrank vorbeigebracht und Remus ist rechtzeitig gekommen, um ihn zu nehmen. Er ist ein ganz harmloser Wolf. Hat wahrscheinlich den besten Schlaf seit einem Monat." Er starrte betrübt in die Flammen. „Was glaubt ihr, warum ich so schlecht auf Snape zu sprechen bin? Das Arschloch hält doch nie seine Klappe. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor Remus sich auch bei den Werwölfen verwandeln muss. Er hat in seinem Leben noch niemanden gebissen und es ist seine größte Angst, dass es einmal dazu kommen könnte. Er macht sich immer noch Vorwürfe, dass er damals Harry, Hermine und Ron so in Gefahr gebracht hat. Und Snape lässt ihn das auch nie vergessen."

Andromeda seufzte. Severus Snape war sehr viel jünger als sie gewesen und sie hatte in Hogwarts kaum mit ihm zu tun gehabt. Sie konnte sich nur erinnern, dass die Zaubertränkeabteilung im Mungos es gar nicht erwarten konnte, dass er nach seinem Abschluss zu ihnen kam, denn er hatte wohl schon als Erstklässler mehr Talent gezeigt als die meisten bei ihren UTZen. Und Slughorn, der manchmal im Mungos nach seinen ehemaligen Schützlingen schaute (Talente, die er alle gefördert hatte, wie er nicht müde wurde, jedem zu sagen, der ihm nicht bei drei aus dem Weg gegangen war), war aus dem Schwärmen nie herausgekommen. Nur war daraus nie etwas geworden, weil Snape wie so viele andere seine Talente lieber Voldemort in den Rachen warf. Und jetzt unterrichtete er in Hogwarts Kinder und, wenn sie an Nymphadoras Geschichten dachte, war er ein absolut mieser Lehrer. Nur weil man etwas gut konnte und viel darüber wusste, hieß das noch lange nicht, dass man es auch anderen beibringen konnte. Binns war das beste Beispiel dafür. Aber Dumbledore würde schon seine Gründe haben. Sie würde sie wahrscheinlich nie verstehen, aber er hatte sie.

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass einer unserer Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste damals im Unterricht überzeugt gesagt hat, dass es jetzt bestimmt schon ein Heilmittel gegen einen Werwolfbiss geben würde", seufzte Ted enttäuscht.

„Immerhin gibt es ja den Trank. Aber der ist schwer zu kriegen und nicht billig. Und das Ministerium macht nur Rückschritte, was Werwölfe betrifft. Remus hat jetzt wahrscheinlich weniger Rechte als damals, als wir in der Schule waren. Eine Schande ist das! Und Leute wie Snape und Umbridge können frei herumlaufen und werden auf Kinder losgelassen, dabei können sie Remus als Lehrer nie im Leben das Wasser reichen. Harry und seine Freunde sagen immer, dass er der beste Lehrer war, den sie je hatten in dem Fach!", ereiferte sich Sirius hitzig.

„Was bei einem Todesser, einem nichtskönnenden Wichtigtuer und einem, der von Voldemort besessen war, nicht weiter schwierig ist", erwiderte Andromeda, auch wenn sie bezüglich Gilderoy Lockhart ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte. Sie begegnete ihm manchmal im Mungos und auch wenn er ein Hochstapler war, dieses Schicksal hatte er nun auch wieder nicht verdient. Allerdings hätte er auch kein Problem damit gehabt, Ginny sterben zu lassen und Harrys und Rons Erinnerungen zu löschen. Letzten Endes hatte er in Hogwarts nie etwas zu suchen gehabt und dann wäre nichts davon passiert.

„Unsere Lehrer hatten nach einem Jahr nur alle keine Lust mehr", erwiderte Ted und konnte sich ein Grinsen angesichts Andromedas Beschreibungen nicht verkneifen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass da jemals etwas dramatisches passiert wäre, so wie mit Remus oder Mad-Eye oder Quirrel. Dumbledore hat sie nur alle nicht halten können."

„Vielleicht haben wir auch einfach nichts davon gewusst", erwiderte Sirius schulterzuckend. „Aber wen wundert's, die Stelle ist verflucht. Wir haben nie damit gerechnet, dass jemand länger als ein Jahr bleibt. Auch wenn Remus sich mehr erhofft hätte."

„Vielleicht kann er ja zurückkommen, wenn der Krieg vorbei ist. Dumbledore würde bestimmt nichts dagegen haben", sagte Andromeda zuversichtlicher, als sie war. Remus' Schicksal ging ihr immer nahe. Glücklicherweise waren es nicht viele, aber dennoch viel zu viele Patienten, die sie im Laufe der Jahre wegen eines Werwolfbisses gesehen hatte. Und Remus war noch so jung gewesen, als er gebissen worden war, ohne dass er etwas dafür konnte, und er versuchte unerbittlich, das Beste aus seiner Situation zu machen. Obwohl er so jung alle seine Freunde verloren hatte und Leute wie Umbridge sein Leben immer schwerer machten. Und dabei war er einer der besten Zauberer, die sie kannte. Unter anderen Umständen hätte er ohne weiteres ein Auror werden können. Wie Sirius schon gesagt hatte, es war eine Schande.

„Ja, aber Snape und die Malfoys und alle anderen reinblütigen Arschlöcher schon." Sirius seufzte. „Es ist ein schöner Traum, aber du weißt genauso gut wie ich, dass nach dem Ende des Kriegs nicht alles besser werden wird. Letztes Mal hab ich meinen besten Freund verloren und bin unschuldig ins Gefängnis gekommen. Man muss vielleicht nicht mehr ständig Angst um sein Leben haben, aber solche Rassisten wie Umbridge wirst du doch nie los. Die gab's schon immer und wird es immer geben. Im Moment sind sie nur schamloser und offensichtlicher als sonst."

Andromeda hätte ihm gerne widersprochen, aber leider wusste sie genau, dass er Recht hatte. Ihre eigene Familie war Beweis genug dafür. Und Narcissas neue Familie war sogar noch versnobter, weil Lucius sich gerne persönlich einmischte und das bisschen Macht und Einfluss, was er hatte, immer mit großem Flair zur Schau stellte. Er war wohl auch ein ganz passabler Zauberer, aber Bellatrix konnte er unmöglich das Wasser reichen und Andromeda konnte sich nicht vorstellen, dass er es sich mit Voldemort nicht irgendwann verscherzen würde. Lucius war vor allem heiße Luft.

Aber ihr Schwager war ihr geringstes Problem.

TBC…