22. Dezember: Längst überfällig
Dennoch war Andromeda sehr überrascht, dass Scorpius und Rose es tatsächlich schafften, ihre Beziehung vor Narcissa und Lucius bis zu den Sommerferien zu verheimlichen. Zu Rons Enttäuschung, aber niemandes Verwunderung, waren sie immer noch zusammen und so verliebt wie auf der Hochzeit von Teddy und Victoire.
Andromeda wusste genau, wann Narcissa Bescheid wusste. Sie tauchte eine halbe Stunde eher auf als sonst, hämmerte praktisch gegen ihre Haustür, rauschte an ihr vorbei ins Wohnzimmer und ging schnurstracks auf das Fach zu, wo Andromeda ihren Feuerwhiskey aufbewahrte. Sie schraubte die Flasche ohne viel Federlesen auf und kippte den halben Inhalt in einem Zug herunter.
Andromeda lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen und sah ihrer Schwester amüsiert zu. Es war sogar noch besser, als sie es sich vorgestellt hatte.
Narcissa ließ schließlich die Flasche sinken und sank erschöpft in einen Stuhl. Sie schaute ihre Schwester auffordernd an. „Tee?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Andromeda schwang wortlos den Zauberstab und der Tee bereitete sich von alleine zu. Normalerweise verabscheute Narcissa Tee, der nicht von Hand zubereitet wurde, aber heute war ihr anscheinend alles egal.
„Ich nehme an, du weißt Bescheid?", sagte sie schließlich resigniert. „Scorpius geht im Fuchsbau ja mittlerweile ein und aus und du bist auch ständig eingeladen. Er hat es dir bestimmt schon vor langer Zeit erzählt."
Andromeda nickte. „Letzte Weihnachten, ja."
„Und da hättest du mich nicht vorwarnen können? Wir trinken jeden Monat Tee und du sitzt seit sieben Monaten auf so einer Information und sagst nichts?" Andromeda war überrascht, dass Narcissa ehrlich verletzt zu sein schien.
Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Es war nichts, was ich einfach so weitererzählen konnte. Es sollte Scorpius' Entscheidung sein, wann er bereit ist, es dir zu sagen. Außerdem, ich dachte nicht, dass du willst, dass dein Mann von unseren Treffen erfährt. Woher hättest du es sonst wissen können?"
„Was weiß ich!", rief Narcissa erzürnt. „Irgendwo halt! Es wäre schön gewesen, nicht ins offene Messer laufen zu müssen! Schlimm genug, dass diese Muggel noch nicht langweilig für ihn geworden sind, jetzt muss er auch noch mit einer Weasley zusammen sein! Und nicht nur irgendeine Weasley, nein, es muss die Tochter von einer Schlammblüterin sein, die unsere Schwester in meinem Wohnzimmer beinahe um den Verstand gefoltert hätte! Ganz große Klasse, Scorpius, eine kompliziertere und unpassendere Wahl hätte er wohl kaum treffen können! Da wäre ja ein Muggelmädchen noch einfacher gewesen!"
„Man kann nicht aussuchen, in wen man sich verliebt", sagte Andromeda leise.
Narcissa seufzte. „Denkst du, das weiß ich nicht, Dromeda?" Sie schüttelte den Kopf und trank einen weiteren Schluck aus der Whiskeyflasche, mir der sie wie wild zu gestikulieren begann. „Jetzt ist es endgültig vorbei! Scorpius hat unserer Familie komplett den Rücken gekehrt. Er wird mit Muggeln arbeiten, er wird dieses Mädchen heiraten, und ich habe meinen einzigen Enkel verloren. So wie Draco, nach allem, was der Dunkle Lord ihm zugemutet hat. Ich habe Lucius von Anfang gesagt, er soll sich aus der Sache raushalten! Dann hätte Draco vielleicht nicht Astoria geheiratet und ihr freie Hand bei Scorpius' Erziehung gelassen und dann würde er jetzt nicht in diese Familie einheiraten! Aber nein, es ging ja ums Prinzip und wir könnten den Kopf nicht in den Sand stecken und natürlich muss unsere durchgeknallte Schwester nach einem Jahrzehnt in Askaban bei uns wohnen, was soll da schon schiefgehen?! Und natürlich muss Draco ein Todesser werden, nachdem Lucius sich an dieser hirnrissigen Aktion in der Mysteriumsabteilung beteiligt hat! Warum nicht!? Warum soll er nicht versuchen, Dumbledore umzubringen, ist doch ganz einfach, einen der mächtigsten Zauberer unserer Zeit zu ermorden! Und es ist auch eine fantastische Idee, seine Mitschüler beim Nachsitzen zu foltern, wer träumt nicht davon, von anderen Todessern dazu gezwungen zu werden! Um Himmels Willen, es war doch klar, dass das alles nie gut gehen würde und jetzt bekommen wir die Quittung!"
Andromeda starrte sie sprachlos an. „Übertreibst du da nicht ein bisschen?", fragte sie schließlich vorsichtig. Sie hatte ihre Schwester noch nie so außer Rand und Band erlebt. Sie schien wirklich mit den Nerven am Ende zu sein.
Narcissa schüttelte heftig mit dem Kopf. „Nein, ich übertreibe nicht! Ich habe Scorpius genau gesehen. Er war genau wie du! Ganz genau wie du! Er liebt dieses Mädchen und er ist bereit, für dieses Mädchen alles zu opfern so wie du für Ted damals und ich will nicht fünfundzwanzig Jahre darauf warten, dass ich endlich wieder mit einem der wenigen Familienmitgliedern reden kann, die mir etwas bedeuten!" Andromeda starrte sie mit offenem Mund an. So deutlich hatte ihre Schwester ihr noch nie gesagt, dass sie sie liebte. Ihre Schwester hatte ihr überhaupt noch nie gesagt, dass sie sie liebte.
„Und Lucius wird ihn soweit treiben wie unsere Eltern dich, das weiß ich ganz genau! Er läuft ja jetzt schon den ganzen Tag durchs Haus und wettert gegen alles und jeden! Scorpius wird sich das nicht mehr lange gefallen lassen und dann wird er uns verstoßen und ich werde meinen einzigen Enkel nie wiedersehen. Und seine Kinder auch nicht, denn warum sollte er sie in unsere Nähe lassen?" Sie schaute Andromeda schwer atmend an, die mitfühlend die Hand ihrer Schwester nahm.
„Siehst du das nicht ein wenig zu schwarz?"
„Nein! Nein, natürlich nicht! Er ist genau wie du, ganz genau wie du! Er ist vielleicht Draco und Lucius wie aus dem Gesicht geschnitten, aber er hat dein Rückgrat. Und wenn er die Wahl zwischen einer Familie hat, die ihm nicht sonderlich viel bedeutet und seiner großen Liebe, dann wird er bestimmt nicht uns nehmen!" Ihre Unterlippe begann zu zittern und sie schaute Andromeda unglücklich an.
„Du weißt, dass das nicht so sein muss?", sagte Andromeda schließlich. „Es war nicht meine Entscheidung, euch alle zu verlassen. Ich hätte liebend gerne weiter Kontakt mit euch gehabt, aber Mutter und Vater haben mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich in eurem Leben nicht willkommen bin, nachdem ich unseren Familiennamen so durch den Dreck gezogen habe. Ich wollte Ted, ja, aber wenn ich euch auch hätte haben können …" Bellatrix auf keinen Fall und ihre Eltern … aber Narcissa … es hatte seinen Grund, dass Andromeda seit Jahren mit ihr Tee trank. Egal, wie unmöglich ihre Schwester manchmal war, sie war dennoch ihre Schwester und Andromeda liebte sie.
„Ja?", fragte Narcissa zweifelnd. Sie zog ein Taschentuch aus ihrem Umhang und tupfte sich über die Augen.
„Ja. Und Scorpius liebt dich, wirklich. Aber er liebt auch Rose. Und solange ihr ihn nicht zwingt, sich für eine Seite zu entscheiden … Wir sind nicht mehr im Krieg, Voldemort ist tot, es muss nicht mehr alles schwarz und weiß sein. Scorpius wäre sehr viel glücklicher, wenn er euch alle haben könnte, da bin ich mir sicher. Du musst ihn nicht verlieren, wenn du nicht willst. Aber es kommt auf dich an."
Narcissa schniefte. „Auf mich?", sagte sie skeptisch.
Andromeda nickte. „Nur auf dich. Dein Sohn hat sich für seinen Sohn entschieden. Und dein Mann … es ist an dir, dafür zu sorgen, dass er nicht alles kaputt macht, so wie damals im Krieg. Er ist ein alter Mann ohne Macht, also lass nicht zu, dass er deine Familie kaputt macht. Nicht nach allem, was du für sie getan hast."
Narcissa schaute Andromeda lange wortlos an, dann nickte sie kaum merklich, griff zum ersten Mal zu ihrer Teetasse und trank einen Schluck. Sie verzog das Gesicht. „Er ist kalt", sagte sie anklagend.
Seufzend stand Andromeda auf und ging in die Küche, um neuen Tee per Hand zu kochen.
Unwillkürlich musste sie lächeln. Das war das beste Gespräch, das sie je mit ihrer Schwester gehabt hatte.
TBC…
A/N: Fun Fact: Dieses Kapitel habe ich um halb zwölf in der Nacht geschrieben, als Vicky Leandros bei The Masked Singer Sex Bomb gesungen hat. Die Energie hat sich irgendwie auf Narcissa übertragen, deshalb hat die Gute sich hier so leidenschaftlich aufgeregt.
