Wir folgen einem Zauberer namens Lucius Malfoy, der sich die Mütze vom Haupt nimmt und den Schnee leicht abklopft, als er durch das Portal in die erleuchtete Eingangshalle von Hogwarts tritt und seine Garderobe ablegt, indem er sie an die magisch herbeischwebenden Kleiderhaken hängt. Sie lassen goldenen Staub fallen, während sie wieder davonschweben.

Er bleibt zunächst stehen, sieht sich kurz um und lässt die Eindrücke auf sich wirken – wie eigentlich jeder Gast. Die mit Kerzen und Lichtern erleuchtete, goldene Treppe weist den Weg zur großen Halle, die das Zentrum der Festlichkeit darstellt. Die Eingangshalle ist recht leer; offenbar findet gerade eine Veranstaltung statt.

Nüsse klackern leise in großen, gläsernen Behältern, wie eine Lotterie und sie knacken sich selbst, springen oben durch eine Öffnung heraus und lassen sich auffangen. Malfoy schnappt nach einer Haselnuss und steckt sie sich in den Mund. Er atmet einmal kurz durch und strafft seine Schultern, als die goldene Flügeltür öffnet und er in die dort gerade tosende Menge hinein gesogen wird. Ganz selbstbestimmt und darauf bedacht, stets Contenance zu bewahren.

Die Feierlichkeit hat einen besinnlichen Hauch, ganz das richtige für jeden, der noch nicht in der Weihnachtszeit angekommen ist – so, wie unser Gast.

Auch für diejenigen, die sich schon seit drei Monaten mit Weihnachten beschäftigen, da sie mit Promotionen und sämtlichen Verkäufen unterwegs sind, ist dieses Fest eine willkommene Gelegenheit, die Seele besinnlich baumeln zu lassen und das Gefühl von Weihnachten in die Seele fließen zu lassen. So geht es unserem zweiten Gast, dem wir heute über die Schulter schauen: Ginny Weasley.

Lucius Malfoy schaut sich eine Weile die Menschen; die Zauberer und Hexen an, die sich unterhalten, vergnüglich feiern, speisen, oder auch Punsch genießen. Sein Blick fällt auf Ginny Weasley und bleibt an ihr hängen. Er verfällt in eine für ihn so untypische, aber ihm in letzter Zeit leider häufig anhaftende Nachdenklichkeit. Ginny Weasley mag der Auslöser dafür sein; aber nicht, weil er eine aufreizende, hübsche oder interessante Frau in ihr sieht, nein. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Viel mehr erinnert er sich an vergangene Zeiten. An seine Familie; an das, was geschehen ist. Viele der Leute in diesem Schloss waren darin verwickelt. Erst jetzt fällt ihm auf, dass ein ungewöhnlicher Fakt sie der Auslöser für seine Gedanken hat sein lassen: Sie ist ganz offensichtlich ohne Begleitung hier, und unterhält sich auch sonst nicht. Sie ist allein und schaut sich ziellos den gerade gemütlich begleiteten Tanz in der Mitte der schön und aufwändig geschmückten Halle an. Wenn ihr etwas Schönes auffällt, stiehlt sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie spielt mit ihren Fingern. Dann schlägt sie ihren Blick nieder, scheint zu seufzen. Und wenn er richtig hinsieht, scheint sich Traurigkeit auf ihr Gesicht zu legen. Sie erweckt den Eindruck, einsam zu sein.

Sein inneres Gefühl gleicht dem, was er in ihr sieht. Er möchte aus einer speziellen Neugier mit ihr sprechen. Herausfinden, was ganz offensichtlich nicht stimmt.

Er beschließt, zu ihr zu gehen, ihr einen Punsch mitzubringen und sich neben sie zu stellen.

Sie ist so vertieft in die Beobachtung des Tanzes, dass sie erschrickt, als ihr ein dampfender Becher hingehalten wird. Sie schaut auf und wird um einiges blasser, als sie es ohnehin schon ist, als sie erkennt, wer ihr den Becher hinhält. Eine sonderbare Begegnung!

„Haben Sie keine Bedenken. Ich ergötze mich nicht an anderer Leute Elend."

Sie schnaubt empört. „Anderer Leute Elend? Spinnen Sie?"

Er wird forsch: „Nehmen Sie den Becher, Miss Weasley. Er wird heiß in meiner Hand."

Kalt zuckt sie die Schultern. „Verbrühen Sie sich von mir aus."

Malfoy zieht den Becher zurück und nimmt ihn in seine andere Hand. „Wenn dieser Tanz vorbei ist, begleiten Sie mich an einen Ort, wo es etwas ruhiger ist?"

„Kein Interesse. Ich bleibe lieber hier."

„Allein? Sie wären hier drin einsamer als dort draußen. Das verspreche ich."

Er zeigt ein feines Lächeln, das ihr wohl vertrauenswürdig erscheinen soll.

Wieder schnaubt sie. „Machen Sie sich nicht lächerlich." Nun betrachtet sie ihn. „Sie wollen doch nur Ihre eigene Einsamkeit überbügeln."

„Gut, Miss Weasley. Dann bitte ich Sie darum, mich zu begleiten. Darf ich Sie denn nun auf einen Punsch einladen?"

Ginny Weasley seufzt und schlägt die Augen nieder. Sie sieht aus, als würde sie denken, dass sie nun schon sehr weit gesunken wäre. „Also gut. Nach diesem Tanz trinke ich einen Punsch mit Ihnen. Sie scheinen es ja darauf anzulegen."

Er stellt sich neben sie und beobachtet ebenfalls die gemächlich wogende Menge. „Wie heimelig", sagt er zu ihr. „Es erinnert mich an viele vergangene Jahre auf diesem Schloss."

„Sie waren damals nicht über die Weihnachtstage zu Hause? Bei Ihrer Familie?"

„Meine Eltern waren früher oft im Ausland, um dort Weihnachten zu verbringen. Ich bin lieber im Internat geblieben, um die kalte Jahreszeit mit meinen Freunden zu vertreiben. Schließlich waren die familiären Reisen zumeist eher geschäftlicher Natur… und damit konnte ich als Kind wenig anfangen. Erst danach habe ich ein Weihnachtsfest daheim kultiviert."

Ginny Weasley nickt langsam, während sie weiterhin die tanzenden Leute beobachtet, genau wie Lucius Malfoy, der es sich stehend so gemütlich wie möglich macht.

Innerlich scheint er den Kopf über Ginny Weasley zu schütteln. Sie ist verschlossen, was ihm in Bezug auf alles, was er über sie weiß, untypisch erscheint.

Der Tanz endet und sie ist sichtlich unzufrieden mit ihrer Zusage, Zeit mit ihm zu verbringen.

Er hält ihr den inzwischen lauwarmen Becher wieder hin. „Kommen Sie mit auf die Korridore. Dort ist etwas frischere Luft. Wir holen besser unsere Garderobe."

„Ich habe nur das hier", sagt sie und zeigt ihm ein dunkelrotes Mäntelchen, dessen Farbe sich mit ihrem feuerroten Haar beißt. Sie schlüpft hinein und nimmt den Becher entgegen. „Ich nehme lieber ein Butterbier. Das hier ist ja schon kalt."

„Und ein Butterbier ist günstiger. Nichts für ungut."

Ihr Blick schießt, als sie ihn böse ansieht und sich über den Tresen beugt, um ein Butterbier zu bestellen. Als sie die Knuts aus ihren Taschen zusammensucht, bedeutet er dem Barkeeper, das Butterbier gegen einen Zimt-Punsch zu tauschen. Er reicht ihm einen Sickel und zwinkert.

Als Ginny Weasley hinsieht, hat er einen dampfenden Becher in der Hand.

„Das hätte nicht nötig getan", stammelt sie und nimmt den Becher.

Sie folgt ihm in die Eingangshalle, wo er seine Garderobe abholt und gemeinsam nehmen sie eine Treppe nach rechts, um in die Korridore zu gelangen. „Welch ein Blick", sagt er und saugt die Luft ein.

Sie jedoch ist still und geht ein paar Schritte von ihm und den paar anderen Leuten, die ebenfalls draußen herumstehen, weg.

Er folgt ihr. „Lassen Sie mich lieber in Frieden", sagt sie niedergeschlagen. „Danke für den Punsch."

„Ich sehe mal darüber hinweg, dass Ihr Gebären nicht die feine Art ist. Ich glaube, es würde uns beiden guttun, wenn wir uns ein wenig unterhalten."

„Worauf wollen Sie denn hinaus?"

„Ich… möchte auf gar nichts hinaus. Ich sehe Sie an und sehe… Einsamkeit. Es ist Weihnachten. Hogwarts zieht seit jeher viele Menschen zur Weihnachtszeit an, die ein wunderschönes Weihnachtsfest erleben möchten… wenn sie es… sonst nicht können."

Ginny Weasley hält inne. So, dass es möglichst niemand merkt, wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. „Sie fühlen sich auch einsam?"

Er räuspert sich. „Womöglich. Ich dachte, wir könnten uns ein offenes Ohr spendieren."

Sie seufzt. „Ich wüsste nicht, wo ich anfangen soll."

„Erst einmal drehen Sie sich höflicherweise zu mir um", schlägt er vor. „Und wir stoßen an."

Er hält ihr seinen lauwarmen Becher entgegen. „Auf Weihnachten", sagt er und lächelt sie an. Etwas zögerlich stößt Ginny mit ihm an und sie trinken. Sie schließt dabei die Augen, was er verblüfft beobachtet. Als sie sie wieder öffnet, ist sie sichtlich überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so lecker ist", gesteht sie.

„Noch nie Punsch gehabt?"

„Entschuldigen Sie", sagt sie erstickt, als wieder Tränen in ihre Augen steigen. „Ich bin… Weihnachten macht mich rührselig. Und ich bin zurzeit… ich bin überarbeitet und…"

Sie seufzt.

„Gehen wir ein Stück", sagt Malfoy. Die kühle Luft schlägt auf ihren Wangen nieder, die sich leicht röten. „Es ist wirklich kalt", sagt er nach ein paar Schritten. „Ich mache uns einen Kälteschutz."

Er hebt den Zauberstab und flüstert einen Spruch, der die Wärme in Ginnys Glieder treibt. Sie atmet auf und entspannt sich.

„Sie sind nicht mehr mit Harry Potter liiert, nehme ich an", sagt Lucius vorsichtig. Ein paar Sekunden der Stille entstehen, und er möchte höflich sein und entschuldigt sich für die Frage.

„Schon gut", sagt Ginny dann. „Harry und ich, wir… er hat sich von meiner Familie entfernt, und ist nun geschäftlich im Ausland unterwegs. Wie damals Ihre Eltern, vermutlich."

„Darum die einsamen Weihnachten."

Sie nickt. „Er meint zwar, dass er sich vorstellen kann, dass wir liiert bleiben, aber dass wir uns Gedanken machen sollten, ob das wirklich das ist, was wir wollen, und dass es nicht aus dem, was damals passiert ist, heraus einfach bestehen bleibt..."

Lucius nickt. „Ich verstehe voll und ganz."

„Was verstehen Sie?"

„Ihre Situation. Die Kriege und die Zeit davor waren für niemanden eine leichte Zeit. Auch für meine Familie war es alles andere als einfach."

„Sie standen ja auch unter der Faust von Lord Voldemort."

„Kann man so sagen", sagt er langsam und räuspert sich. „Wollen Sie nicht wissen, warum ich alleine hier bin? Warum Narcissa, meine Frau, mich nicht begleitet, oder Draco, mein Sohn?"

„Entschuldigen Sie. Doch, natürlich. Erzählen Sie."

„Mich… sucht seit einiger Zeit das brennende Gefühl heim, nicht mehr hier sein zu wollen."

Ginny sieht ihn vorsichtig von der Seite an. Sie vernimmt eine gewisse Bitterkeit. „Sie meinen… auf diesem Planeten?"

„In diesem Land. Ich denke darüber nach, ins Ausland zu gehen."

Ginny bleibt stehen, weil auch er stehenbleibt, seine Hände auf die steinerne Ballestrade des Korridors stützt und über die verschneiten Hügel schaut. Jedoch blickt er viel weiter, das sieht sie in seinen Augen. Er sieht traurig, verloren und hoffnungslos aus.

„Sie deprimieren mich", offenbart Ginny. „Sie sehen so traurig aus."

Er sieht sie an. „Sie ebenfalls, Miss Weasley."

„Glauben Sie wirklich, dass uns dieses Gespräch guttut?"

„Was ich jetzt antworten möchte, wird Ihnen nicht schmecken. Aber ich habe sonst niemanden, mit dem ich sprechen würde."

„Sie würden einfach so gehen?"

Er nickt langsam. „Vermutlich, ja."

Ginny trinkt ihren Punsch und schließt wieder die Augen. Sie saugt die frische Luft in ihre Lungen. „Hogwarts. Mein Herz."

Er lächelt ein wenig. „Hogwarts hat uns beiden viel gegeben."

„Es ist trotzdem nichts aus mir geworden. Ich mache Überstunden, um meine Wohnung in London zu bezahlen."

„Was ist Ihre Arbeit?"

„Ich arbeite in einem Second-Hand-Zauberstabfachgeschäft. Die Weihnachtszeit ist die schlimmste. Zig Spendenaktionen für Bedürftige. Eigentlich etwas, was ich für gerecht halte. Aber wir haben zu wenig Personal."

„Klingt nach Ehrenamt. Im Grunde."

„So fühlt es sich auch an. Ehrlich gesagt. Ich reiße mir den Arsch - Entschuldigung!"

Lucius gibt einen glucksenden Laut von sich. „Seien Sie so, wie Sie sein wollen. Es ist schließlich Weihnachten. Was haben wir zwei schon zu verlieren."

„Unsere Contenance, Mr Malfoy!"

Wieder lacht er. „Richtig. Aber die ist nicht von Bedeutung."

Sein Blick wird eindringlich. „Es zählt nur, dass wir miteinander reden. Miteinander… Zeit verbringen. Und wo wir schon mal dabei sind. Hätten Sie ein Problem damit, wenn wir uns auf eine andere Ebene begeben?"

Ginny fröstelt, obwohl ihr nicht kalt ist. „Das kommt sehr darauf an, was Sie im Sinne haben."

„Das klingt nicht nach einem Nein", sagt er leise. „Ich würde Ihnen gerne anbieten, dass Sie mich Lucius nennen. Und fragen, ob ich Sie beim Vornamen nennen darf."

„Von mir aus."

„Was hatten Sie denn gedacht?" Er trinkt etwas von seinem Punsch.

Ginny schnaubt. „Ich dachte, vielleicht wollten Sie mit mir tanzen. Das würde mir dann doch zu weit gehen."

„Wirklich?"

„Lassen Sie Ihre Hände bei sich!", ruft Ginny, als er ihr den Becher wegschnappt und auf die Ballestrade stellt, um ihre Hände zu greifen. Schnell dreht er sie herum, sodass sie vor Überraschung lacht und kurz die Orientierung verliert. Er zieht sie wieder herum und beginnt einen Blues-Ähnlichen Tanz. Ginny, die das eigentlich überhaupt nicht will, lässt sich kopfschüttelnd darauf ein. „Sie tanzen gerne, wie?"

„Ja, Ginny. Eigentlich tanze ich sehr gerne. Und ich glaube, Sie auch."

„Warum gehen wir dann nicht rein und tanzen in Gesellschaft?"

Es beginnt zu schneien. Der leichte Wind verwirbelt die sanft fallenden Schneeflocken in der Luft, und es scheint, als würden sie unserem tanzenden Paar ein wenig mehr Privatsphäre geben.

„Sie werden lockerer", sagt er. "Das möchte ich nicht verderben, wenn wir unter aller Augen miteinander tanzen."

„Sie sagen doch, dass wir beide nichts zu verlieren haben, Lucius."

„Wie würden Sie uns beide betrachten? Wenn Sie jemand anderes wären, der unsere Vergangenheit vielleicht kennt?"

Er dreht sie herum und dreht sich unter seinem Arm durch, wobei ihm die Mütze vom Haupt fällt und in einer Schneeverwehung landet. „Ihre Mütze", sagt Ginny und will den Tanz unterbrechen. Lucius schüttelt leicht den Kopf. „Das ist unwichtig. Wichtig ist nur das hier."

Ihr Tanz wird nachdenklicher, so wie ihre Gesichter. Sie hören auf, sich unter die Arme durch zu drehen und drehen sich nur noch langsam im Kreis. „Ich würde denken, dass wir beide verrückt geworden sind, oder dass etwas mit uns nicht stimmt. Es wäre leider offensichtlich, dass wir verzweifelt sind."

Sie grinst verbittert und er lächelt über ihren Kommentar. „Bei Ihnen ist es offensichtlich, ja. Bei mir nicht. Ich kann meine Contenance nämlich zu jeder Zeit bewahren."

„Was Sie jetzt gerade aber nicht tun."

„Warum auch. Wir sind alleine. Und wir erzählen uns absichtlich Dinge aus unserem Leben."

„Was ist mit Ihrer Familie, Lucius."

Sein Gesicht wird traurig, obwohl er sich bemüht, weiter zu lächeln. „Draco ist schwierig", erzählt er, und Ginny hört ernst zu. „Er ist… davon überzeugt, dass die Zeit nicht so tickt, wie es sein sollte. Ich bin der Meinung, er hat zu viel der Indoktrinierung des Dunklen Lords verinnerlicht."

„Und Ihre Frau?"

„Narcissa ist depressiv. Vor allem wegen Draco. Aber auch, weil ich… weil ich kraftlos bin. Anders als früher. Wir haben die Familie immer zusammengehalten. Doch innerlich scheint es, als hätten wir alle uns voneinander entfernt."

Er schlägt die Augen nieder und schluckt. Ginny spürt in seiner Bewegung, dass er mit sich kämpft. „Ich würde gerne einen Schluck trinken und Ihnen die Mütze wieder holen", sagt Ginny schnell. Er nickt, sie löst sich aus dem Tanz und lässt ihn rasch stehen. Still ringt er mit sich, und Ginny lenkt sich ab, indem sie den nur noch lauwarmen Punsch leert und seine Mütze abklopft. Schnee weht ihr ins Gesicht. Sie schaut nach links und entdeckt den Gang zur Brücke zu den Ländereien hinter der felsigen Klippe. Sie liebt diese Brücke. Das knarzende, alte Holz, mit dem wunderbaren Ausblick. Gegen Süden auf den See, gegen Norden auf die Wipfel des Waldes im Nord-Westen, und die Berge im Nord-Osten.

Lucius schnäuzt sich geräuschvoll die Nase. Als er sich wieder zu Ginny gesellt, dreht sie sich zu ihm. Seine Augen sehen leicht gerötet aus. „Ich möchte Sie nicht weiter belästigen."

„Schon gut. Sie hören sich auch meine Probleme an. Also kann ich Ihnen auch zuhören. Ich bin... für Sie da."

Er nickt und schaut sie tatsächlich dankbar an. Sie reicht ihm seine Mütze. „Womit habe ich das verdient", sinniert er und setzt sich die Mütze auf.

„Besser, Sie interpretieren nicht zu viel hinein", sagt Ginny. „Danke übrigens für den Tanz."

„Mir hat es auch gefallen. Der Dank ist ganz meinerseits."

„Trinken Sie Ihren Punsch, ehe er kalt ist."

Er nickt und leert seinen Becher in einem Zug. „Sie können sehr resolut sein. Das ist mir früher nicht aufgefallen."

„Weil Sie sich einen Dreck um mich geschert haben", sagt Ginny glatt heraus. „So, wie Sie es eigentlich auch jetzt tun würden, wenn Sie nicht diese Probleme hätten."

„Zufälle gibt es", sagt Lucius kopfschüttelnd. „Wollen Sie mir Ihren Lieblingsort auf dem Schlossgelände zeigen?"

Ginny wendet sich ihm zu und sieht ihm direkt in die Augen. „Der Punsch ist alle. Danke für Ihre Zeit."

Sie macht Anstalten, an ihm vorbei ins Schloss zurückzukehren. Schnell streckt er seine Hand aus und hält sie am Arm fest. „Lassen Sie mich-"

„Einen Moment noch – bitte", sagt er.

Widerwillig bleibt Ginny stehen.

„Wollen Sie wirklich wieder hineingehen? Was haben Sie dort, was Sie hier nicht haben?"

„Etwas zu Essen, zum Beispiel", entgegnet Ginny. „Sie sollten das Festessen ebenfalls nicht verpassen."

„Ich habe keinen Appetit. Und Sie eigentlich auch nicht. Ich weiß es, weil Narcissa in einer ähnlichen Stimmung ist, und sie manchmal tagelang nichts isst. Sie weint, weil Draco mit Parolen, dunklen Geschäften und schlechten Freunden nach Hause kommt. Sie schreit mich an, weil ich machtlos bin. Sie hat ihre gesamte Familie verloren. Nicht einmal mehr dieser zähe Hund, Sirius?!, den sie im Grunde ihres Herzens mochte, ist noch am Leben. Ich… ich kann das einfach nicht mehr..."

Er spreizt die Finger über die Augen und versucht, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Ginny schweigt bestürzt und geht schließlich auf ihn ein. „Sollen wir… noch ein Stück gehen?"

„Ich wäre dankbar", sagt er erstickt, atmet schwer aus und reibt sich das Gesicht.

„Ich zeige Ihnen meinen Lieblingsort. Vielleicht können Sie ja erkennen, warum."

Auf der zugigen Holzbrücke bleiben sie stehen. Feine Flöckchen schweben um sie herum. „Hier ist es."

Lucius sieht sich langsam und aufmerksam um. „Es ist beeindruckend. So habe ich diesen Ort noch nie gesehen. Oder wahrgenommen. Diese Brücke war immer nur ein praktischer Übergang in Richtung des Verbotenen Waldes. Doch jetzt ist sie… ein kraftvoller, bedeutsamer Ort."

„Ich bin hier immer gerne. Zu jeder Jahreszeit. Alles andere erscheint mir klein und unbedeutend, wenn ich hier stehe und hinaus schaue. Ich sehe alles klar und deutlich. Manchmal erschlägt es mich, und dann bin ich froh, dass hier so gute Luft ist!"

Lucius lacht auf und Ginny lacht kurz mit ihm. Er nickt. „Ich verstehe voll und ganz."

„Der Vollmond scheint auf uns. Der Schnee liegt friedlich auf den Hügeln und Tannenzweigen. Alles ist hell in der Dunkelheit, und so ruhig. Die Luft ist so klar, und wir stehen hier und saugen alles in uns auf!"

„Ein Ort der Kraft. Unscheinbar auf den ersten Blick. Mächtig auf den zweiten." Sein Blick fällt auf Ginny. „Er ist genau wie Sie. Er passt zu Ihnen."

Ginny dreht sich zu ihm um und betrachtet ihn nachdenklich. „Vielleicht", sagt sie dann schulterzuckend und dreht sich wieder weg. „Fasziniert es Sie?"

„Ohne jeden Zweifel. Faszination ist aber nicht alles, was Sie ausstrahlen. Ich sehe Mut, Leidenschaft, Treue, Klarheit… Reinheit. Alles Attribute, die Ihr Herz füllen und die im Grunde stärker sind als das, was sich über Ihr Herz gelegt hat. Der graue Schleier ist nur vorübergehend. Ich bin sicher, es tut nicht nur mir gut, dass Sie mir diesen Ort zeigen."

Ginny hat den Blick auf die Bergspitzen in der weiten Ferne geheftet und ihre Ohren in Lucius' Richtung aufgestellt. Die leichten Winde verwehen ihr Haar, bescheren ihr aber keine weitere Kälte. Schneeflocken landen auf ihrem Kopf und ihrer Nase. Als sie den frischen Wassertropfen wegwischt, spürt sie, dass Lucius sich neben sie stellt und seine Ellenbogen auf die Brüstung stützt, um hinunterzusehen, und dann Ginny anzusehen. Er folgt schließlich ihrem Blick. „Ich verstehe Sie. Ich verstehe, warum dies Ihr Ort ist. Vielleicht wird er auch eines Tages zu meinem."

Ginnys Blick wandert zu ihm. Schweigend sieht sie ihn von der Seite an. Er spricht aus seinem Herzen. Die ganze Zeit schon. „Zeigen Sie mir Ihren persönlichen Ort?"

Lucius richtet sich auf und wendet sich ihr zu. „Er ist gleich da unten. Nicht weit von hier. Wir müssen hinunter in Richtung des Sees. Dort auf einem Plateau befindet sich ein Felsspalt. Ich habe mir mit meinen Freunden damals eine geheime Höhle dort eingerichtet. Es ist viel passiert in dieser Höhle. Ich zeige sie Ihnen gern. Doch die Art von Lieblingsplatz ist eine andere, als diese hier."

Ginny nickt. „Kein Problem. Genießen Sie es weiter. Ich bleibe ebenfalls hier, so lange ich kann."

„Wie nutzen Sie die Zeit, wenn Sie hier sind?"

Ginny sieht ihm an, dass die Frage unschuldig ist und reiner Neugier entspringt. „Zumeist stehe ich tatsächlich hier und schaue gedankenverloren in eine Richtung. Ich gehe erst, wenn ich alles durchgedacht und gedanklich in die Schlucht geworfen, auf die Berge gesendet, in den Wald geschickt oder dem See übergeben habe. Und von dort hole ich mir auch meine Antworten."

„Und was tun Sie, wenn es neblig oder stockfinster ist?"

„Dann schließe ich die Augen."

Eine schweigsame Pause tritt ein.

„Schließen Sie für mich einmal die Augen?"

„Wollen Sie nur, dass ich etwas anderes tue, als bloß herumzustehen? Sie Witzbold!"

Lucius lacht. „Vielleicht wünsche ich mir ein wenig eigene Privatsphäre."

„Und Sie meinen, man kann diesen Ort nicht teilen?"

„Meinen Sie es denn? Stört es Sie, dass ich hier bin?"

Ginny schüttelt den Kopf. „Nein. Seltsamerweise gar nicht. Ihre Stimmung hat sich aber auch geändert. Sie wirken kräftiger. Erfrischter. Weniger erdrückt. Und ich muss gestehen, dass es mich belebt."

„Somit beweist sich meine Theorie, dass wir uns gegenseitig guttun."

„Soll ich trotzdem gehen? Ich würde Ihre Höhle suchen und dort auf Sie warten."

„Das brauchen Sie gar nicht."

Ein Windstoß fegt Lucius' Mütze von seinem Kopf hinunter in die Schlucht. „Der Wind wird heftiger", stellt Ginny fest. „Besser, Sie halten Ihren Umhang fest."

Lucius schnaubt. „Besser, ich halte Sie ein wenig fest. Haben Sie etwas dagegen?"

„Ich kann mich doch selbst halten. Und so stark ist der Wind überhaupt-"

„Vorhin haben wir miteinander getanzt", unterbricht er. „Und jetzt haben Sie Berührungsängste? Zuvor hatten Sie gesagt, dass Sie nicht im Traum mit mir tanzen würden."

„Ein Tanz war ein gewagter Schritt, Lucius. Ein sehr gewagter!"

„Und wenn ich Sie nun halte?"

„Das würde über meine Grenzen gehen."

„Würde körperliche Nähe uns beiden nicht guttun? Ich habe das Tanzen mit Ihnen sehr genossen. Es hat mir nicht nur gefallen, sondern meine Seele gestreichelt."

„Welch offene Worte!"

„Machen Sie sich bitte nicht lustig." Er macht ein leicht gekränktes Gesicht.

„Sie haben Recht. Entschuldigung. Ich habe jedoch Bedenken, dass es mehr hilft als all das, was wir schon miteinander geteilt haben."

„Haben Sie eine Ahnung."

„Und Sie?!"

„Ich bin nicht so verklemmt wie Sie", sagt er. "Sie sollten sich hin und wieder fallenlassen. Etwas Vertrauen in andere Menschen haben. Das wird Ihnen guttun, ich sage es."

„Na, dann. Mir bleibt ja wohl kaum etwas anderes übrig, Sie als Testperson zu nehmen."

„Na bitte. Darf ich?"

Ginny nickt und gibt einen unsicheren Laut von sich, als Lucius sich hinter sie stellt und seine Arme um ihren Oberkörper legt. Ginny schmiegt sich in seinen Arm und an seinen Körper, der ihr tatsächlich Wärme spendet und ihr schützend erscheint. Unter anderen Umständen würde sie ihn mit einem Flederwichtfluch verjagen, doch hier und jetzt brauchen sie es beide.

Seine behandschuhten Hände ruhen ineinander verschränkt vor ihrem Bauch. „Ich hasse diesen Mantel", murmelt sie in seinem Arm. „Er ist ein Relikt meiner Tante. Ich habe für den Winter leider nichts anderes mehr. Aber im Moment bemitleide ich mich nur zu gerne selbst. Ich bekomme nämlich in nächster Zeit meine Periode."

„Ein zuverlässiges Zeichen, dass Sie in voller Blüte stehen", kommentiert Lucius, wofür er einen Knuff mit ihrem Ellenbogen in die Magengegend erhält und erstickt auflacht.

„Versuchen Sie jetzt alles positiv zu sehen?", faucht sie. Er zieht die Arme zusammen, wodurch er sie ein wenig einklemmt. „Ich fand einfach, dass es passte. Sie reden so negativ von sich. Das haben Sie nicht verdient."

„Was wäre denn gut für mein Selbstwertgefühl? Ein Lob von Lucius Malfoy?"

„Eine gesunde Selbstkenntnis", sagt er ernst. „Ein Selbstwertgefühl, wie Sie es auf dem Besen haben. Ich wundere mich, dass aus Ihnen etwas anderes zu werden scheint, als es eigentlich der Fall sein sollte."

„Ach. Und was glauben Sie, wie ich eigentlich sein sollte?"

Seine Arme spannen sich wiederum an, legen sich noch etwas enger um sie und halten sie fest in seiner Umarmung. „Eine leidenschaftliche, unbekümmerte, eigenständige und selbstbestimmte, junge Frau, die sich nicht scheut, sich vor andere zu stellen, wenn diese in Not geraten. Ein kleiner Teil von Ihnen tut dies, indem Sie diesen Zauberstab-Job ausüben. Doch spiegelt es nicht Ihre gesamte Persönlichkeit wider."

Ginny bekommt Gänsehaut, da er sich während seiner Worte immer mehr ihrem Ohr nähert. „Sie sollten Dinge tun, die Sie nicht so viel über sich selbst nachdenken lassen. Ihre Persönlichkeit ist unerschrocken. Furchtlos. Stur. Ich könnte Ihnen einen Gefallen tun und das aus Ihnen herauskitzeln."

Ginny erschaudert. „Vielleicht ist genau das mein Problem gewesen", sagt sie. "Dass es zu viel aus mir… herausgekitzelt wurde, als ich jung war. Ich musste so sein, damit ich kämpfen und für meine Familie, Freunde und für Harry da sein konnte. Wie war ich gekränkt, als er mich nicht mitnehmen wollte, um Voldemort zu zerstören! Ich hätte alles dafür getan! Alles!"

„Ich kann es mir denken", murmelt Lucius und seufzt. „Jetzt gelten diese Anforderungen nicht mehr. Keiner verlangt von uns, furchtlos dem Feind ins Auge zu sehen und schnell erwachsen zu werden."

„Ich weiß nicht, welchen Feind Sie meinen."

Sie verdreht ihren Kopf, um ihn anzusehen. Er sieht mild lächelnd auf sie herab. „Sie. Ich meine Leute wie Sie. Sie waren mein Feind. Jetzt jedoch sind Sie so etwas wie ein Freund. Besonders durch die Zeit, die wir in diesem Moment gemeinsam verbringen."

Sie betrachtet ihn ernst. „Sie waren jahrelang mein Feindbild. Sie haben damals dafür gesorgt, dass ich beinahe draufgehe."

„Ohne, dass ich wusste, dass Sie diesem jämmerlichen Buch verfallen", zischt er leise zwischen den Zähnen hervor. „Es war nicht meine Absicht."

„Ein wohl kalkuliertes Risiko", sagt Ginny ebenso mit Schlitzaugen. Lucius lässt sie los und dreht sie an den Schultern zu sich um. „Ich bin nicht Ihr Feind. Ich war es nie wirklich. Ich habe mich selbst geblendet."

„Alleine Ihre Taten zählen. Nicht Ihre Beweggründe. Selbst, wenn Sie sagen, Sie hätten es für Frau und Kind getan, oder aus Liebe, oder aus Merlin wer weiß was noch!"

Lucius richtet sich auf. „Und da sind Sie. Hartnäckig, trotzig, feurig. Muss ich Sie erst gegen mich aufbringen, damit Sie aufwachen?"

Er lächelt beinahe stolz.

Ginny schnaubt und schüttelt den Kopf. „Ist es das? Sie haben mich gerade einfach nur provoziert?"

„Damit Sie aus Ihrer Lethargie erwachen."

„Sie sind dadurch auch ein bisschen aus sich herausgekommen, denke ich", sagt Ginny nachdenklich.

Lucius schmunzelt tatsächlich. „Würden Sie kurz die Augen schließen? Nur eine Minute?"

„Okay. Ich stelle mich hier drüben hin. Sie können den Ausblick genießen."

Tatsächlich lehnt Ginny sich an das Holz, zieht die Arme um den Körper und vermisst die Umarmung. Eine menschliche Reaktion, denkt sie sich. Wie verrückt. Etwas in ihr ist beunruhigt. Sie schließt die Augen und wird mit jedem Atemzug ruhiger.

Da der Wind um sie herum weht und ihr Gehör etwas einschränkt, erschrickt sie, als sie am Arm berührt wird. „Danke. Das war mir sehr wichtig. Es waren sogar über fünf Minuten."

„Was haben Sie gemacht, wenn ich fragen darf?"

Er kräuselt den Mund. „Ich habe, genau wie Sie, den Ausblick genossen. Und viel nachgedacht. Ich bin zu einem Schluss gekommen."

„Dass Sie ein Tunichtgut sind?"

Er lacht. „Womöglich. Ich möchte Sie etwas fragen. Wie empfinden Sie unser Beisammensein? Und welche Bedeutung geben Sie dem Ganzen, unter dem Weihnachtsstern?"

Ginny sieht, dass er die Fragen ziemlich ernst meint, und schlägt kurz den Blick nieder. Dann sieht sie ihn an. „Ich… es gibt mir tatsächlich ein gutes Gefühl", gesteht sie.

Lucius nickt zustimmend. „Mir auch. Ich genieße Ihre Gesellschaft zunehmend."

„Weihnachten ist von kurzer Dauer", sagt Ginny. „Daher ist es einfacher, denke ich. Überschaubar."

„Halten Sie Weihnachten für romantisch?"

„Durchaus. Doch die letzten Jahre war es in der Tat eher wenig romantisch."

Schweigend lässt er ihre Worte auf sich wirken. Dann startet er einen Versuch. „Was halten Sie davon, wenn wir die Zeit nicht nur für Punsch trinken, Reden und Tanzen nutzen?"

Erschrocken sieht sie ihn an. Ihr Blick wird reserviert. „Was meinen Sie damit?"

Er schnaubt, tritt kurz vor und schiebt ganz nebenbei mit einem Handschuh eine Strähne hinter ihr Ohr. „Ich rede von… Romantik." Er engt sie weiter ein, indem er sie sanft gegen das Holz schiebt. „Oder etwas… Erotik." Seine Worte durchströmen Sie, und sie sieht gleichzeitig, wie unsicher und zurückhaltend er sich bewegt. Vorsichtig sieht er sie an und nähert sich ihr langsam, fragend. Ginny schnappt nach Luft. „Ich..."

„Sschht", sagt er und drückt einen Handschuhfinger auf ihren Mund, als er zurücktritt. „Keine Angst. Ich würde Ihnen nur etwas Gutes tun. Es liegt ein Gefühl in meinem Bauch, dass wir ein paar Schritte weitergehen könnten. Nur hier. Nur heute Nacht. Nur wir zwei."

Ginny schluckt und sieht ihn unsicher an. „Ich weiß ja nicht..."

Er lächelt. „Vergeben Sie mir meinen achtlosen Vorstoß. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten." Er sieht von ihr weg. „Ich habe zu viel Schlimmes getan. Ich könnte es nie..."

Lucius sieht sie wieder an, weil sie eine Hand nach seiner Schulter ausstreckt. „Schon gut. Sie müssen es nicht wiedergutmachen. Ich bestehe nicht darauf. So jemand bin ich nicht."

Mutig schiebt sie ihre Hand über seine Schulter und hinab, mittig auf seinen Rücken. Sie ist sich noch immer nicht sicher, warum genau sie das macht. Es sieht aus, als wollte sie ihm ein Stück entgegenkommen, ihn auf einer Ebene besänftigen.

„Sind Sie nicht auch vom Leben frustriert?", fragt er sie, kaum hörbar. Ginnys Stirn legt sich in Falten. Sie nickt, obwohl er sie nicht ansieht. „Ja. Das bin ich. Ich bin mein Leben leid. Ich möchte so nicht mehr weitermachen."

„Keiner schreibt es Ihnen vor, Ginny", entgegnet er.

„Nun, Ihnen aber auch nicht, Lucius."

„Ich habe dennoch eine Bürde zu tragen. Eine, die Sie nicht haben. Und wenn Sie ein wenig aufpassen, nie haben werden."

„Vergleichen Sie sich nicht mit mir. Das ist weder fair, noch richtig. Wir sind hier, weil es uns beiden nicht gut genug geht, um Weihnachten daheim mit der Familie zu- urgh!"

Überrascht von dem Gewicht, das auf sie zukommt, gibt Ginny einen Laut von sich und greift aus Reflex nach hinten an die Holzballestrade, um nicht zu stürzen.

„Es tut mir leid", flüstert er. Undeutlich sieht sie seine Augen, die von Tränen verschwommen scheinen – vom Wind oder durch das, was gerade in ihm passiert. Er nimmt ihr Gesicht in seine behandschuhten Hände, zieht es an sich und küsst sie auf den Mund. Tränen sickern aus seinen geschlossenen Augen und rinnen seine kalten Wangen hinunter. Weitere Tränen folgen stumm. Ginny ist überwältigt von seinen Gefühlen und fängt auch an zu weinen, ungeachtet dem Kuss, welchen sie zwar perplex, aber wie selbstverständlich annimmt. Als er sich von ihr löst und sie entschuldigend ansieht, treten nach wie vor Tränen aus seinen Augen. „Es tut mir leid", keucht er wieder und räuspert sich. Er wischt ihre feuchten Wangen mit den Daumen trocken. „Das..."

Ginny nickt. „Schon gut. Es ist… okay."

Er zieht sie eng an seine Brust. Stumm und eng umschlungen stehen sie eine Weile im Schneegestöber auf der Brücke. „Gehen wir in die Höhle", sagt er nach ein paar Minuten. „Es ist wirklich gemütlich dort."

„Sehen Sie! Es hört auf zu schneien. Der Himmel lichtet sich", unterbricht ihn Ginny und tritt zur Holzballestrade. Sterne lassen sich am bereits dunkelblauen Himmelszelt blicken, und auch der Mond ist nun klar umrissen. Irgendwo in der Ferne heult ein Wolf. „Der Nordstern", sagt Malfoy. Der große leuchtende Glühball ist genau über dem höchsten Nordberg positioniert, der von ihnen aus sichtbar ist. „Wunderschön. Ich hege eine Faszination für Himmelskörper und -bilder. Sie nicht auch?"

Ginny kichert. „Ich kenne noch ein paar aus dem Astronomieunterricht." Malfoy lächelt. „Das hier..." er zeigt schräg nach links, „ist Cassiopeia. Es ist Narcissas Lieblingsbild. Es besteht aus sieben Sternen. Dort..." Er nimmt Ginnys Hand und zeichnet mit dieser das Himmelsbild nach. „Eine Schildkröte?", fragt Ginny, und Lucius nickt. „Absolut. Sie stellt eine Weise aus dem Abendland dar. Das ist aber schon ewig her..."

„Dann gehen wir jetzt in die Höhle. Ich habe einen Wolfshunger. Ich möchte auch bald etwas essen. Und vielleicht sogar ein wenig tanzen."

„Kein Problem", sagt Lucius und gibt Ginny seinen Arm, um sie über die Brücke hinfort und durch den Schnee, über die verdeckten Steinstufen, zu führen. „Haben Sie Angst gehabt?"

„Eben gerade? Nein. Ich war nur verwirrt..."

„Das war ich auch. Es tut mir leid. Ich konnte einfach nicht anders. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich habe Sie benutzt, um es zu kanalisieren."

Ginny bebt innerlich. „Das habe ich gespürt. Ziemlich viele, unerwartete Gefühle für so jemanden wie Sie."

„Machen Sie sich bitte nicht lustig", wiederholt er. „Ich entschuldige mich sonst nicht weiter bei Ihnen."

Ginny wird ernst. „Ich hatte das nie vor. Sie müssen sich doch nicht für Ihre Gefühle entschuldigen. Das muss niemand."

„Nur für das, was er dann tut."

„Wenn Sie die Tat alleine meinen, dann verstehe ich Ihre Entschuldigung. Das war aber nicht das, was mich so überwältigt hat, um ehrlich zu sein."

„Nicht?" Überrascht sieht er sie an. „Ich für meinen Teil habe mich gefürchtet."

„Vor mir?"

„Vor dem, was ich getan habe."

„Warum haben Sie es denn getan?"

„Der Verzweifelte springt auch in unbekannte Gewässer, wenn er keinen anderen Weg weiß", sagt Lucius nachdenklich. Am Fluss bleibt er stehen. „Wie müssen über die Steine. Sie sind vereist. Da drüben, auf der Anhöhe, befindet sich die Höhle. Sie ist übrigens eine von vielen. Eventuell sind die anderen bewohnt."

Er geht vor, holt seinen Zauberstab hervor und schmilzt das Eis von den Steinen. „Sie sind sicher. Gehen Sie vor mir."

Ginny seufzt. „Na gut."

Sie nimmt seine Hand und tritt leichtfüßig und behände über die Steine auf das andere Ufer zu. Drüben angekommen hüpft sie hinunter, und Lucius folgt ihr. „Hier entlang."

Sie steigen ein paar steinerne Stufen an der alten Kluft hinauf und schieben sich durch die Schneeverwehungen. „Meine Güte", flucht Ginny bald. „Das ist ja unglaublich... romantisch."

Lucius hört ihren ironischen Unterton. „Was haben Sie sich denn erhofft?"

Damit erwischt er sie kalt. „Gar nichts, ehrlich gesagt." Sie zuckt die Schultern und verbirgt ihr erhitztes Gesicht.

„Hier sind wir."

Er bleibt stehen, sieht sich um, hält den Zauberstab hoch und murmelt einen Spruch. Eine verborgene Höhle erscheint. Sie erleuchtet von innen und wird sichtbar durch eine verschwommene, transparente Wand.

„Das mutet gemütlich an", sagt Ginny erwartungsvoll. „Darf ich?"

Malfoy nickt. „Nur zu."

Ginny öffnet das Türchen und kommt aus dem Staunen nicht wieder heraus. Felle, Hocker, Decken, Kissen, Kerzen, ein Kamin, Tischchen und Betten, Schränke und Vasen mit Sträuchern, und ein dampfender Kessel stehen hier. Ein Ofen unter dem Kessel hält diesen warm.

„Zaubertrank?", fragt Ginny.

„Punsch", sagt Lucius sofort. Ginny sieht ihn an. „Haben Sie das gemacht?"

„Hätten Sie gerne, dass ich das war?"

Ginny schnaubt. „Von wegen. Es wäre gruselig."

„Dann war ich es nicht."

„Nun hören Sie schon auf."

Er seufzt und legt seinen Umhang ab, ebenso wie Ginny ihr dunkelrotes Mäntelchen.

„Diese Höhlen werden zur Weihnachtszeit gern bespielt. Das heißt, die Elfen bereiten sie vor, wenn Gäste nach Hogwarts kommen."

„Das ist unglaublich", staunt Ginny und geht herum, um alles unter die Lupe zu nehmen. „Es ist total gemütlich! Und wie schön das ist!"

„Wir haben es früher gerne genutzt. Meist waren Slytherins die Hauptbewohner dieser Höhlen. Doch sie werden auch an andere Gäste vergeben. Wenn eine frei ist, kann man sie für die Nacht bewohnen."

„Einfach großartig. Ich hätte sie wohl nicht so schnell gefunden."

„So jemand wie James Potter würde sie durchaus finden", sagt Lucius schmunzelnd. „Ich zolle ihnen meinen Respekt. Die Jungs waren verrückt, draufgängerisch, aber ich habe sie durchaus ein wenig bewundert. Sie haben die Schule in Atem gehalten. Genauso wie Harry Potter."

„Die Rumtreiber sind jetzt alle tot", sagt Ginny. „Harry jedoch lebt."

„Wollen Sie ihn heiraten?"

Ginny sieht Lucius an. „Ich weiß es zurzeit nicht."

„Er tut mit Sicherheit gut daran, Bedenkzeit für Sie beide einzuräumen. Punsch?"

„Ja, gern. Harry ist… ich kann es im Moment einfach nicht sagen. Er ist unerreichbar für mich."

Traurig sieht sie zu Boden.

Lucius stellt zwei Becher auf ein Tischchen und lässt sich auf dem weichen Boden nieder. „Setzen Sie sich zu mir. Wir haben lange genug gestanden. Darf ich Ihnen etwas zeigen?"

Ginny lässt sich neben ihm nieder. „Was ist es?"

Er sieht sie ruhig an. „Wie sehr vertrauen Sie mir?"

„In was? Dass Sie mir nichts Böses wollen? Nicht in dieser Nacht. Weihnachten ist heilig. Und so sind es die Leute, mit denen man sich umgibt."

„Ich weiß, dass das keinerlei Schmeichelei oder Liebeserklärung ist", sagt Lucius mit ernsten Augen. „Doch die Stimmung..." Er schnipst mit den Fingern und leise Musik ertönt irgendwo im Gestein, „lässt mehr zu als unter alltäglicheren Umständen. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich das brennende Gefühl habe, dass es mir… Frieden bringen würde, es zu… nutzen."

Ginny hat einen Kloß im Hals. „Sie meinen, ich soll Ihnen vertrauen, wenn Sie- ich meine, körperlich… ich meine, Sie sind hier, und ich auch, und wir sind allein..."

Sie versucht, den Kloß hinunterzuschlucken, als sie ihn schüchtern ansieht. Ihre Hand wandert erschrocken zu ihrem Mund. „Ich glaube, ich kann das nicht."

„Sie vertrauen mir also nicht?", fragt er leise und fängt ihren Blick ein. „Es… ich dränge Sie zu gar nichts. Sie sollen nur Ihrem Gefühl nachgehen. Wir haben uns entschieden, den Abend eine Weile gemeinsam zu verbringen, um uns zu… helfen."

„Wir tun uns gegenseitig Leid", stellt Ginny trocken fest. „Weiß eigentlich irgendjemand, dass wir hier sind? Oder gelten wir von nun an als verschollen? Und sieht uns hier jemand?"

Lucius stützt sich rittlings auf die Hände. „Wirklich wissen könnte es nur einer", sagt er schließlich. Ginny mustert ihn. „Dumbledore."

„Fühlen Sie sich nun sicherer? Er hat schließlich noch nichts unternommen, was unsere Zweisamkeit stören würde. Viel mehr ist diese Höhle doch sehr einladend aufbereitet."

Ginny durchfuhr ein Schock. „Sie meinen, Dumbledore hat diese Höhle vorbereitet? Er heißt unser… Beisammensein gut?!"

Lucius zuckt die Achseln. „Vielleicht. Vielleicht ist er aber auch zu abgelenkt. Beides ist möglich. Ich möchte viel mehr sagen, dass er es merken würde, wenn Sie in… nun ja, in Gefahr wären."

„Okay..."

„Von außen sieht man die Lichter durch die transparente Wand schimmern. Eventuell Bewegungen, aber man erkennt nichts weiter."

Lucius richtet sich wieder etwas auf. „Sie haben Hunger, richtig?"

„Und wie!"

Er räuspert sich, und was er nun sagt, stellt Ginny die Haare zu Berge: „Dobby?"

Es knallt und ein kleiner, etwas zerknautschter Hauself erscheint. Ginny starrt ihn an. Dobby, jetzt als freier Elf in Hogwarts' Küche tätig, erkennt sie und seine Ohrenspitzen richten sich freudig auf. „Ginny Weasley, Madam!"

Als er Lucius ansieht, verwandelt sich seine Haltung jedoch in kühle Distanz. „Hallo alter Freund", sagt dieser.

„Freund?", schimpft Dobby in seiner piepsigen Stimme. „Was machen Sie mit Miss Weasley, Sir!"

„Wir plaudern. Über alte Zeiten. Über unsere Probleme. Erzählen Sie Dumbledore ruhig, dass alles gut ist. Nicht wahr, Ginny?"

Ginny nickt. „Ja, Dobby. Schön, dich zu sehen!"

Dobby zeigt ein zögerliches Lächeln und deutet dann fragend zu Lucius hinüber. Ginny kichert. „Alles gut. Wir reden tatsächlich nur."

„Dobby, bringen Sie etwas von dem Festessen hier her. Ginge das?"

Dobby nickt. „Wenn die anderen Gäste etwas übrig gelassen haben, Sir."

„Na dann. Bis gleich."

Es ploppt und Dobby verschwindet. „Verrückt", sagt Ginny und schüttelt den Kopf. „Das wollten Sie mir aber nicht zeigen, richtig?"

Lucius lacht und rauft sich kurz die Haare. „Nein. Das nicht. Dobby hat Sie vor gut zwei Jahren aus meinem Keller geholt. Es war Ihre Idee. Sie sind sehr findig."

Ginny schweigt.

„Nun, was ich Ihnen zeigen möchte, ist dies. Schauen Sie hin..."

Er hebt die Hand und beschreibt einen großen Bogen in Richtung der verschwommenen Wand, die nun durchsichtig wird wie eine klare Glasscheibe. Ginny sieht den klaren Sternenhimmel, die schneebedeckten Baumwipfel, und wenn sie sich etwas vorbeugt, unten den Fluss mit den Steinen, über die sie gesprungen waren.

„Wunderschön", raunt sie. Lucius betrachtet sie dabei. „Sie sind unruhig. War es falsch von mir, das Essen hierher zu bestellen?"

„Nein", sagt sie und schüttelt den Kopf. „Überhaupt nicht. Ich weiß nur nichts mit uns anzufangen."

Er schmunzelt und wackelt mit dem Kopf. „Nichts?"

Ginny lacht etwas peinlich berührt. „Nichts Legitimes. Ich denke, unsere Reise endet hier."

Lucius nickt. „Ich verstehe. Wir sind momentan beide ziemlich… beglückt."

„Weihnachtlich beseelt."

„Zufrieden und wohlig."

„Reich an Geborgenheit."

„Ginny?", sagt er.

„Hm?"

„Wollen Sie… in meinem Arm liegen?"

Ginny läuft ein Schauer über den Rücken. „Nun, ähm..."

Er schüttelt sich. „War nur so ein Gedanke."

„Unter gewissen Umständen wäre es vielleicht doch schön."

„Unter welchen?"

„Wenn Dobby nicht gleich wiederkommen würde, nämlich."

Lucius steht auf und geht zu dem Tischchen, um einen Schluck Punsch zu trinken. „Dobby!", ruft er dann. Der Elf erscheint, verwirrt, und mit einer Kochschürze umgebunden. Er hält einen Kochlöffel in der Hand und sieht gestresst aus. „Mach' eine Stunde draus. Du musst dir keinen Stress machen und alles nachkochen. Nimm tatsächlich die Reste."

„Es gibt keine Reste mehr, Sir!", klagt der Elf, als hätte er alles selber verputzt.

„Dann mach' uns ein paar weihnachtliche Häppchen. Aber bringe sie erst in einer Stunde. Und störe uns bis dahin nicht."

„Jawohl!"

Dobby verbeugt sich knapp und verschwindet.

Ginny steht auch auf. „Und nun?"

„Jetzt haben wir Zeit."

„Ich habe aber Hunger", knirscht Ginny missmutig.

„Hier. Wir trinken etwas, um den Hunger in Schach zu halten."

Ginny versteht zwar nicht wirklich, warum Lucius das Essen pedantisch um eine Stunde verschieben will. Sie will ihm aber seine Gründe lassen. Vielleicht ist ihm schlecht. Oder er hält das Essen schlichtweg für unwichtig.

Er lässt sich auf einem Baumstamm nieder, der mit Fellen bedeckt ist, und richtet den Blick nach draußen. Ginny lehnt sich an eine Holztruhe. Gedankenverloren starren sie hinaus. Wenige, dicke Schneeflocken schweben vereinzelt durch das Panorama. Ginny schließt die Augen. Sie atmet langsam ein und aus. Wieder übermannt sie eine ungeahnt starke, aber bekannte Traurigkeit. Ihre Wangen werden feucht. Sie hält sich nicht zurück, bleibt aber stumm. Bald muss sie leise durch den Mund atmen, als ihre Nase nämlich zu laufen beginnt. Sie sieht sich nach einem Taschentuch um.

Direkt neben ihr schwebt eins, genau in dem Moment. Dankbar ergreift sie es und schnäuzt sich die Nase und trocknet ihre Augen.

Lucius legt seinen Zauberstab ab und kommt zu ihr. Er greift behutsam nach ihrem Kinn. „Ich fühle Ihren Schmerz", sagt er und blickt ihr direkt in die Seele. Ginny fängt an zu schluchzen und fällt in ein hemmungsloses Weinen. Er lässt ihr Kinn los und zieht sie in eine sanfte Umarmung. Seine Wärme tut ihr unglaublich gut und sie fängt seltsamerweise an, sich zu beruhigen. Erst, als sie wieder ruhig und tief atmet, wird ihr bewusst, dass Lucius ihren Rücken streichelt, dass er sie seicht wiegt und hält. Wieder beginnt sie zu schluchzen, aber viel mehr ist es wie ein Nachbeben, und sie wird bald wieder still.

„Harry hat nie Zeit für mich", sagt sie stumpf und mit weit entfernter Stimme. Sie kommt sich blöd vor, dass sie das überhaupt sagt. „Ach, vergessen Sie's. Ich will nicht so von ihm sprechen", sagt sie dann und räuspert sich mehrmals, damit ihre Stimme weniger belegt ist.

„Ich verurteile Sie ganz und gar nicht", antwortet Lucius. Sie hört ein vibrierendes Brummen in seinem Brustkorb, während er spricht, denn ihr Ohr liegt auf seiner Brust. „Er ist immer unterwegs, richtig?"

Sie seufzt, schluchzt ein wenig und nickt erschöpft. „Ja. Also er ist ständig auf Achse. Ich bin ja auch gerne unterwegs und komme gerne mit. Aber meistens geht es um ihn – oder er schenkt mir einfach keine Beachtung, wenn es mal nicht nur um ihn geht. Selbst wenn er sagt, dass er mit mir ausgeht, damit wir Zeit füreinander haben – er trifft ständig Leute und lässt sich ablenken. Es ist noch nie so gewesen, dass er gerne nur mit mir Zeit verbringt."

„Wissen Sie, wie man das nennt?", fragt Lucius. „Nein", sagt Ginny.

„Vermeidungstaktik, schätze ich. Ich glaube, dass es früher anders war. Nicht wahr?"

Ginny sinniert über seine Worte und beschließt, wieder ein wenig zu weinen.

„Ich deute das mal als ‚ja'."

Sie zuckt die Schultern. Ihr wird heiß. Sie stämmt sich aus der Umarmung, bedankt sich mit heiserem Flüstern und schlingt die Arme um ihren Brustkorb.

„Mir egal, wie Sie das deuten."

„Wenn es früher nicht anders gewesen wäre, würden Sie jetzt nichts hinterhertrauern. Was nie da gewesen ist… Oder bedauern Sie nur sich selbst? Ich glaube, dann wäre Harry gar nicht erst mit Ihnen zusammengekommen."

„Liebe macht blind", flüstert Ginny in seine Richtung.

Schweigen erfüllt den Raum. Lucius drückt seinerseits verbittert die Lippen zusammen. „Teilweise… stimmt das, würde ich sagen. Aber insgesamt hat man es im Gefühl, ob es stimmt."

„Wenn was stimmt?"

„Die Liebe macht in gewissen Dingen blind. Aber nur, wenn die anderen Dinge stimmen."

„Ich verstehe Sie nicht", sagt Ginny in einem Anflug von Ärger. „Besser Sie hören einfach auf zu reden."

Lucius stellt sich vor sie und leert seinen Punsch-Becher. Zu Ginnys Unmut sieht er unschlüssig aus. „Ich finde das unfair", sagt er dann zu ihr. „Wir reden schon über Liebe? Dann hören Sie mal zu. Sie haben keine Ahnung davon. Sie haben sich in Ihrem jugendlichen Leichtsinn in Harry Potter verliebt und ihm hinterhergejubelt, wie alle anderen auch. Ihm hat Ihre Zuneigung vielleicht gefallen, mehr aber auch nicht. Und Sie sehen nicht hin. Sie wissen nicht, was echte Liebe ist, weil Sie es nie erfahren haben. Also heulen Sie nicht herum und stoßen dann ein Gespräch mit mir ab. Wenn Sie keine Lust haben, sich mit mir, dem gescheiterten, missmutigen, desillusionierten Lucius Malfoy abzugeben, dann verlassen Sie diese Höhle und kehren zu dem Fest zurück, um andere Leute zu beobachten, wie diese scheinbar glücklich sind."

Ginny schluckt. „Sie deprimieren mich mehr, als ich hätte annehmen können."

Er packt sie plötzlich und Ginny bekommt Angst, als er seine Faust fest um den Stoff ihres Kragens schließt und sie bis auf ihre Zehenspitzen anhebt. „Gehen Sie mir aus den Augen."

Furcht und Verwirrung steigen in ihr auf. Soll sie wirklich die Höhle verlassen? Schmeißt er sie gerade heraus? Einfach so?

„Das ist nicht Ihre Höhle", stößt sie trotzig hervor. „Ich möchte hier bleiben."

„Dann genießen Sie weiterhin meine deprimierende Gesellschaft", speit er wütend und beleidigt. Er lässt sie los, gestikuliert mit den Armen und stellt sich als Idioten dar, mit dem keiner Zeit verbringen möchte.

Ginny wagt einen Vorstoß. „Vorhin, als Sie mich geküsst haben..."

„Auch das noch", flucht er. „Ich bin ein schlimmer Mensch."

Doch Ginny lässt sich nicht beirren. „...als Sie mich versehentlich geküsst haben, da habe ich gemerkt, wie verzweifelt Sie sind. Ich lasse mich nicht von Ihrer Verletztheit verjagen. Sie können sich noch so sehr wie ein geprügelter Hund aufführen. Ich werde nicht gehen."

Sein Griff um den Becher, den er noch immer in der Hand hält, verstärkt sich, und seine Kiefer mahlen. „Na schön", knurrt er. „Dann bleiben Sie halt. Dann müssen Sich mich aber auch aushalten."

„Sehr rücksichtsvoll", sagt Ginny dünn, aber gewissenhaft.

Er schnaubt und massiert seine Schläfen mit Daumen und Zeigefinger. „Narcissa vertreibe ich damit immer. Sie hält es nicht mehr aus. Sie kann Schwäche nicht leiden. Sie bekommt Angst, wenn ich ihr meine verletzlichen Seiten zeige."

Ginny findet, dass er aussieht, als wäre er gerade um mehrere Jahre gealtert. „Sie… hat Angst?", fragt sie vorsichtig.

Lucius schnaubt. „Sie hasst es. Sie macht mir für alles Vorwürfe. Ich… meine Schwäche ist an allem schuld, was ihr geschieht. Was Draco widerfahren ist, und was jetzt… was aus ihm wird."

Plötzlich lässt er den Becher fallen. Kleine rote Punsch-Spritzer landen auf dem weißen Schaffell. Sein Gesicht liegt in seinen Händen und er hat die Schultern hochgezogen.

Ein paar Sekunden später beschließt Ginny, zu ihm zu gehen und ihm eine Hand auf die Schulter zu legen und ihn vorsichtig zu streicheln.

„Schon gut", sagt sie. „Ich bin nicht… ich nehme Ihnen das nicht übel."

Er atmet lange ein und langsam wieder aus, wobei er die Hände sinken lässt. Dann öffnet er seine Augen. Sie sind gerötet. „Es gibt immer verschiedene Wege, es zu betrachten", sagt er bemüht an Ginny gewandt. „Aber nichts ist so erlösend, wie...", er seufzt und schüttelt den Kopf und schließt die Augen.

„In den Arm genommen zu werden?", hilft Ginny weiter und schiebt ihren anderen Arm über seinen Oberkörper. Sie spürt, wie die Anspannung seine Glieder langsam verlässt. Sein Kinn kommt auf ihrer Schulter zum Ruhen. „Setzen wir uns", schlägt Ginny tapfer vor. Sie lässt sich auf die Knie nieder und erfährt etwas sonderbares, als er langsam seinen Kopf in ihren Schoß legt und die Beine vor sich ausstreckt.

Wie erstarrt sitzt sie auf den Fellen, und sein Kopf ruht ganz offensichtlich auf ihren Schenkeln. Sie sieht erst lieber weg und lässt ihn einfach so da liegen.

Sie schaut in die Ferne. Durch die klare Luft über den ruhenden Verbotenen Wald.

Erst nach einiger Zeit spürt sie das Gewicht seines Kopfes. Sie schaut hinab. Seine Augen sind geschlossenen. Wieder erstarrt sie. Schläft er? Ruht er? Meditiert er, oder sonst etwas?

Sie seufzt leise und reibt sich die Schläfen. Dann lehnt sie sich etwas mehr zurück an den Baumstamm hinter ihr. Er nimmt die kurzzeitige Anspannung ihrer Oberschenkelmuskulatur wahr, weshalb sich seine Augen öffnen und er sie ansieht. Ginny starrt zurück. Ein äußerst ungewöhnliches Bild, wie er falsch herum unter ihr liegt. Er versucht ein Lächeln, doch es strengt ihn an. Dann schließt er die Augen wieder und atmet tief ein und aus. Ginny zögert, hebt dann aber die Hände und legt die Finger an seine Schläfen, und beginnt, ihn sanft zu massieren. Sie bemerkt, wie sich seine Gesichtszüge langsam entspannen und auch seine Nackenmuskulatur locker wird. Er gibt sich ihrer Berührung hin und scheint ganz offenbar diese Wohltat zu genießen.

Bald massiert sie seine Stirn, seine Wangenpartie, seine Kieferpartie, und schließlich seine Kopfhaut. Erst, als sie innehält und nach ihrem Becher langt, merkt sie, dass sie in Schweiß ausgebrochen ist und schwitzt.

Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Es sieht entspannt aus, beinahe glücklich. Ehe Ginny wegsehen kann, treibt ihr dieser Anblick die Tränen in die Augen.

„Sie rühren mich", flüstert sie und sortiert gedankenverloren sein langes, blondes Haar.

Er würde da gern drauf eingehen, doch ein anderes Verlangen ist größer: „Machen Sie gerne weiter."

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Als ein elegantes Plopp ertönt, zuckt Ginny zusammen, und Lucius schießt eine Sekunde später aus ihrem Schoß hoch. Benommen sammelt er seine Gedanken während Ginny beobachtet, wie Dobby, zwei silberne Tabletts balancierend, engagiert das Tischlein deckt. Er sieht so aus, als hätte er etwas gesehen, was er nicht hatte sehen dürfen. Seine Augen sind größer als sonst.

„Dobby", sagt Ginny und streckt ihre Hand nach ihm aus. Der Elf sieht sie misstrauisch von der Seite an, aber er kommt zu ihr. Sie nimmt seine kleine, dünne Hand. „Danke." Er reagiert auf ihr warmes Lächeln mit einer etwas zögernden, aber doch erleichterten Verbeugung, sein Blick huscht noch einmal zu Lucius, dann verschwindet er lieber wieder.

Ginny nimmt den Duft der frischen Häppchen wahr. Es gibt Lachstartar, Auberginencreme, Tomatensalsa, warme Scones, Soufflés und einen kleinen Teller Pfeffernüsse. Mit großen Augen schaut sie Lucius an, will sagen, dass sie Pfeffernüsse liebt. Doch der starrt auf das Fell vor ihm.

„Haben Sie gar keinen Appetit?"

Da sieht er zu ihr auf. Sein Blick ist verträumt, sogar träge. „Doch", sagt er und räuspert sich, um seine belegte Stimme loszuwerden. Seine Augen sind klein, aber sie funkeln. „Sie haben mich nur verzaubert."

Während sie Essen, ist Ginny nachdenklich. „Auch wenn Harry mich ab und zu ausgeführt hat, schmeckte es nie so gut wie hier auf dem Schloss."

„Kochen Sie sich mal selbst etwas. Das hellt Ihre Stimmung auf."

„Ich bekomme noch nicht einmal einen Geburtstagskuchen für Harry hin." Sie reicht ihm den Lachstartar.

Lucius nimmt den Tartar und sieht sie an. „Nein. Backen Sie den Kuchen für sich. Und für niemand anderen. Dann wird er gut."

„Ach ja?" Ginny schmunzelt ungewiss in sich hinein, während sie ihren Scon mit Butter bestreicht. Lucius lenkt erst ihren, dann seinen Becher mit dem Zauberstab zum Kessel, um sie noch einmal aufzufüllen.

~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Draußen ist es bereits dunkel. Lucius reicht Ginny eine kleine Laterne, die er in einem Schrank neben der Tür gefunden hat. Am Fluss testet Ginny die Steine und schmilzt den dünnen Neuschnee fort, sodass sie gefahrlos hinüber können. Wobei die Gefahr an dieser Stelle eher davon ausgeht, dass sie beide durch den vermehrten Punsch und die Wärme zunehmend alkoholisiert sind. Aber sie schaffen es.

Ginny spürt plötzlich einen starken Anflug von Wehmut, denn sie gehen dem Schloss entgegen. Lucius scheint zu grübeln. Er ist so in Gedanken vertieft, dass er sogar hinter ihr her geht, was Ginny irgendwie anspornt, schneller voranzugehen.

Allmählich schließt er zu ihr auf. Das Schneetreiben wird wieder dichter. Sie kommen in Sichtweite der Brücke, und gerade so kann man einen Teil des erleuchteten Schlosses sehen, das zwischen den Felsen eingebettet ist. Ginny verlangsamt, und Lucius kommt neben ihr zum Stehen.

„Eine gute Tat", sagt er etwas kurzatmig, „möchte ich noch vollbringen, ehe ich das Land verlasse."

„Sagen Sie nichts falsches", antwortet Ginny. „Sie sind weihnachtlich verzaubert."

Kurz verengt er die Augen und seine Stimme klingt eisern, als er verkündet: „Meine Entscheidung steht fest. Ich werde das Team der Holyhead Harpies sponsern."

Tatsächlich ist Ginny überrascht. Sie zögert.

„Sie… werden sich bestimmt freuen."

Lucius strafft sich. „Sie? Was ist denn mit Ihnen. Freuen Sie sich nicht?"

„Ich spiele schon länger nicht mehr."

„Dann fangen Sie wieder an!", sagt er beinahe ungehalten. „Sie gehören dazu. Sie gehören auf den Besen." Er tritt an sie heran und sieht ihr eindrücklich ins Gesicht. „Ich habe Sie spielen sehen. Und ich weiß, worin ich mein Gold anlege."

Ginny wird bleich. „Ich glaube, Sie wissen eher überhaupt gar nichts."

„Ich werde Ihr Team sponsern."

„Meines, oder die Holyhead Harpies?"

„Das, in dem Sie spielen", schnaubt er unwirsch. „Sollen das nicht die Harpies sein?"

Ginny schweigt. „Ich möchte keine Zuwendung von Ihnen", murmelt sie dann.

Jetzt gestikuliert er. „Sie haben das nicht zu entscheiden", zischt er. „Schließlich bin ich der Sponsor. Sie bekommen keine persönlichen Zuwendungen! In was ich investiere, ist Quidditch. Quidditch interessiert mich, seit ich ein kleiner Junge war. Früher habe ich selbst gespielt, Draco hat gespielt, sogar meine Vorfahren haben sich damit beschäftigt. Ich war an der letzten Quidditch-Weltmeisterschaft beteiligt!"

Ginny verengt die Augen zu Schlitzen. „Dann haben Sie sicherlich ordentlich Profite rausgeschlagen", sagt sie dunkel. "Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ich lasse nicht zu, dass Sie in mich investieren."

Sie wendet ihm den Rücken zu, blickt in Richtung der Brücke. Ihr fällt dabei ein, dass seine vermaledeite Mütze noch immer dort unten in der Schlucht liegt. Soll sie von ihr aus für immer dort liegen bleiben.

„Es wäre eine Wiedergutmachung in mehrfacher Hinsicht", erinnert er sie mit leiser, aber harter Stimme. „Doch das ist sogar nur eine Nebensache. Ich möchte Ihnen außerdem etwas Gutes tun. Dankbarkeit zeigen. Wissen, dass es Ihnen gut gehen wird – und vor allem wissen, dass Sie das tun, was Ihren Träumen entspricht. Und ich sehe Sie an und denke an… Quidditch."

Ginny atmet tief ein und wieder aus, ehe sie sich zu ihm umdreht. „Ich sagte ja. Sie sind weihnachtlich verzaubert."

Sie lässt ihn stehen und stapft auf die Brücke zu.

Auf halbem Weg saust etwas Schwarzes an ihrem linken Ohr vorbei, streift ihre Haut und landet in Lucius' ausgestreckter Hand.

Dieser schüttelt den Schnee hinaus, trocknet das schwarze Fell und schiebt sich die Mütze zurück auf den Kopf.

Ginny sieht ihm dabei zu und schüttelt demonstrativ den Kopf.

Gemeinsam steigen sie langsam zum Schloss hinauf. Der Schnee liegt inzwischen wieder dick auf Ginnys Schultern und auf Lucius' Mütze. In der Eingangshalle klopfen sie den Schnee von den Schuhen und Lucius nimmt Ginnys Mäntelchen mit zur Garderobe, um auch dieses an die schwebenden Kleiderhaken zu hängen.

„Es ist keiner mehr da", stellt Ginny fest, während sie sich umsieht. Auch zu hören ist nichts. Nur noch jede zweite Fackel erleuchtet die Halle, und auf ihrem Weg in die große Halle begegnen sie niemandem.

„Was tun wir hier", fragt Lucius und hält nach der letzten Treppenstufe an.

„Vielleicht gibt es noch einen letzten, wärmenden Punsch?", sagt Ginny und hebt die Schultern.

Sie betreten die Halle. Sie ist fast dunkel, und es ist niemand außer ihnen dort. Feiner Schnee wirbelt weit oben an der verzauberten Himmelsdecke umher.

Lucius geht bedächtig mit ihr in die Mitte der Halle. „Tanzen wir", fordert er sie auf. „Hier, noch ein letztes Mal. Jetzt kann uns niemand beobachten."

„Ohne Musik?"

„Ohne Musik."

In der friedlichen, weihnachtlich schlafenden Stille drehen und wiegen sie sich still. Ab und an schließt Ginny die Augen, und auch Lucius lässt sich vom Frieden durchdringen.

„Wir sollten…"

Ginny sieht ihn an, und er sieht verwundert zurück.

„Kann es nicht so bleiben?", fragt er. „Noch eine Weile?"

Ginny seufzt und legt noch einmal ihre Wange gegen seine Brust. „Eigentlich wollte ich sagen, dass wir das jede Weihnachten tun sollten."

Er lächelt stumm. Dann fragt er sie: „Was hat Ihnen diese Weihnachten am besten gefallen?"

„Fragen Sie das lieber nicht", antwortet sie spöttisch. „Diese Frage ist nämlich unbeantwortbar."

Ihr kommt sein Seufzen entgegen. „So? Dann muss es furchtbar gewesen sein. Ich verstehe schon."

Sie klopft mit der Hand auf seinen Torso. „Nun seien Sie nicht so… mitleiderregend."

„Dann weichen Sie meiner Frage nicht aus", zischt er leise.

Ginny schweigt eine ganze Weile, und Lucius gewährt ihr diese gedankenvolle Zeit. Als sie schließlich etwas sagt, öffnet er wieder seine Augen.

„Dass Sie mir zugehört haben", flüstert sie. Er löst einen Arm von ihrem Rücken und hebt den anderen, um sie in eine langsame Drehung zu bringen, der sie mit bedachten Schritten folgt. Als er sie wieder zu sich bringt und ihre beiden Hände greift, sieht sie ihm nachdenklich ins Gesicht.

„Für mich war es das Beste, in Ihrer Nähe gewesen zu sein."

Dies sagt er ihr ins Gesicht, und er lässt seine Augen dabei mitsprechen.

Ginny spürt, dass dieser Tanz zu Ende geht. Sie möchte ihn fragen, wann sie sich wiedersehen, doch der Impuls bleibt ihr im Halse stecken.

Noch einmal dreht er sie und sie werden langsamer und treten schließlich auseinander.

Er betrachtet sie. „Werden Sie etwa emotional?", fragt er mit neckischem Unterton. „Nur ein bisschen", gesteht sie. „Es ist schließlich Weihnachten. Und wie Sie wissen, werde ich schnell-"

„rührselig", vollendet er ihren Satz. Sie lächeln sich an.

„Es ist schon verwunderlich", sagt er, den Ton etwas aufgeräumter anschlagend und ihr die Hand hinhaltend, um sie aus der Halle zu führen, „wie viel Zeit wir doch miteinander verbracht haben. Und dass gerade jetzt und hier absolut keine Umstände uns dazu zwingen, auseinanderzugehen."

Als sie in der Eingangshalle bei den Kleidern angelangen, überkommt Ginny die bittere Erkenntnis, dass es vorbei ist. Auch Lucius scheint dieses Gefühl heimzusuchen, denn sie tauschen immer weniger Blicke und Berührungen aus, konzentrieren sich auf das ordentliche Anlegen ihrer gewärmten und getrockneten Garderobe und merken, wie sie gedanklich abschweifen.

Am Portal stehen sie sich nahezu ernüchtert gegenüber, wiederhergestellt in alter Manier, sich gegenseitig in derselben Erkenntnis musternd. „Was soll ich sagen", sagt Ginny unbehaglich. „Wir waren wohl weihnachtlich beseelt."

„Es war wunderbar", entgegnet er ernst und wirkt befreit und sogar froh darüber. „Es wirkt nach, davon bin ich überzeugt." Er zwinkert sie an, was ihr wenigstens ein schmales Lächeln ins Gesicht zaubert. „Doch machen Sie sich auch klar, dass wir Weihnachten nie wieder so verbringen werden."

Sie schluckt unwillkürlich, und aus einer Ecke ihrer weihnachtlichen Gefühle kriecht Trübsinn über ihr Gesicht.

Da streckt er eine Hand aus und streichelt ihr kurz über die Wange. „Das Leben geht immer weiter. Bleiben Sie niemals stehen. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder, wer weiß das schon."

„Ihr Entschluss steht fest, haben Sie ja gesagt", erinnert Ginny ihn leise, aber hoffnungsvoll.

Auf seinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. „Oh, ja!", sagt er, und er wirkt dabei guter Dinge. "Legen Sie sich ins Zeug. Dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ihre Wünsche erfüllen."

Noch einmal blicken sie sich intensiv in die Seele. Er überbrückt den halben Schritt zwischen ihnen und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich werde Sie doch vermissen", murmelt er, hält kurz inne und küsst sie gleich noch einmal auf dieselbe Stelle. Ginny hebt schließlich ihren Blick, lächelt ihn an und nickt. Eine winzige Träne bricht aus ihrem Augenwinkel. „Machen Sie es gut."

Das ist der Abschied. Schweigend verlassen sie nebeneinander das Schlossportal und begeben sich den Weg hinab zum Tor des Schlossgeländes, denn zu dieser späten Stunde wartet keine Kutsche mehr auf sie. Dann würden sie beide disapparieren, jeder zurück, in sein eigenes zu Hause.