Gilbert blieb noch sehr lange, aber schlussendlich musste er zurück ins Internat. Sie waren noch nicht verheiratet und sie wollten ja keinen Skandal auslösen.
Das war wahrscheinlich etwas übertrieben, immerhin kannte sie keiner hier, aber besser Vorsicht als Nachsicht.
Sie verabredeten sich für um Zehn Uhr vormittags vor dem Inn. Er wollte ihr seine Schule und das Internat genauer zeigen.
Als sie erwachte, fühlte sie sich ausgeschlafen. In den letzten Tagen war sie ziemlich gestresst gewesen und der Tag gestern hatte das Fass fast zum Überlaufen gebracht. Sie war froh, dass sich die Missverständnisse geklärt hatten. Sie sehnte sich danach Diana alles zu erzählen, aber fürs erste durfte sie hier bei Gilbert bleiben, auch wenn es nur für einen Tag war.
Sie zog sich ihr Kleid wieder an – dummerweise hatte sie nicht daran gedacht ein Ersatzkleid einzupacken. Anne brauchte ganze zwanzig Minuten, bis sie es geschafft hatte ihr Haar zu bändigen und es hinten zu einem Knoten zu binden.
Im Gasthaus bekam sie ein leichtes Frühstück, bevor sie mit klopfendem Herzen nach draussen ging. Seit sie sich bewusst geworden war, dass sie sich in Gilbert verliebt hatte, war sie jedes Mal wenn sie ihn sah noch nervöser, als das letzte Mal.
Er war schon da und sie blieb abrupt stehen. Auf einmal musste sie daran denken, was wenn er auch so nervös war wie sie, sie zu sehen – war das möglich? War er so verrückt nach ihr, wie sie nach ihm? Der Gedanke bereitete ihr noch mehr Herzklopfen.
Auf einmal drehte er sich zu ihr um und sie fühlte sich als ob ihr Herz bis zum Hals schlug. Anne fühlte sich, als ob sie vor Freude ihn zu sehen, innerlich explodieren könnte.
Er lächelte sie an und sie ging einige Schritte näher zu ihm. „Gilbert!", sagte sie und reine Freude spiegelte sich in ihrer Stimme wieder.
Sie wollte ihn zu gerne küssen, aber das wäre hier draussen mehr als unangebracht, vor allem da sie nicht einmal verlobt waren und obwohl sie sich bereits in der Öffentlichkeit geküsst hatten, fühlte sie sich nun gehemmt.
Er grinste nun, als ob er ihre Gedanken lesen könnte und nahm stattdessen ihre beiden Hände in seine und küsste ihren Handrücken. Sie fühlte wie ein angenehmes Kribbeln sich an der Stelle verteilte.
Anne lächelte und als er ohne Worte seinen rechten Arm in ihre Richtung drehte, hakte sie sich bei ihm unter.
Die Zeit verging viel zu schnell und sie hatte Freude zu sehen, wo er zur Schule ging. Am liebsten würde sie hierbleiben, aber leider war das nicht möglich.
Sie war so froh, dass sie den ganzen Tag Christine kein einziges Mal begegneten. Anne mochte sie nicht, vor allem weil Christine offensichtlich mehr als nur Freundschaft mit Gilbert im Sinn hatte.
Gerade waren sie auf dem Weg in sein Wohnheim. Gilbert meinte sein Mitbewohner wäre nicht da und so konnten sie die letzte Stunde noch alleine zusammen verbringen, bevor sie wieder abreisen musste.
Er behielt Recht und sie setzte sich etwas unsicher auf sein Bett. Es fühlte sich ein wenig merkwürdig an, hier zu sein ohne jemand anderen der sie stören konnte.
Langsam setzte er sich neben sie und Anne glaubte, dass auch er etwas nervös war. Es lag also nicht nur an ihr.
„Darf ich dich etwas fragen?", sagte sie leise und nahm seine rechte Hand in ihre. Sie fühlte sich warm an und Anne wollte sie nie wieder loslassen.
„Du kannst mich alles fragen."
Sie schmunzelte. „Gut", sagte Anne und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Darf ich dich auch Gil nennen?" Er lachte auf einmal auf.
Sie schmollte. „Das ist nicht lustig, Gilbert. Ich war wirklich eifersüchtig als Christine dich so ansprach – immerhin habe ich keinen Spitznamen für dich."
Er begann liebevoll zu lächeln und legte seine Stirn auf ihre. „Meine Anne, ich weiss das hört sich jetzt ein wenig merkwürdig an, aber du weisst nicht wie glücklich mich das macht. Ich bedeute dir also genug, dass du eifersüchtig wirst?"
„Natürlich, wie könnte es auch anders sein." Sie wollte ihm in dem Moment nicht sagen, wie unglaublich schön es sich anhörte, wenn er seine Anne sagte.
„Nur zur Info: du kannst mich so ansprechen, wie du willst und es würde mich besonders freuen, wenn gerade du mich so nennst…" Sie wurde rot im Gesicht und konnte dabei nur seine Lippen ansehen. Er war ihr unglaublich nahe. Sie konnte ihre Augen einfach nicht mehr davon abwenden und dann… küsste er sie.
Es war drängend, als er seine rechte Hand auf ihr Gesicht legte um sie noch näher an sich zu ziehen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und vertiefte den Kuss noch mehr. Seit der Sekunde, als er gestern Abend gegangen war, hatte sie nicht mehr gewollt, als endlich seine Lippen wieder auf ihren zu spüren. Es fühlte sich wie ein Feuerwerk in ihrem inneren an, als sie sich aus Luftmangel kurz lösten um sich darauf wieder zu küssen.
Er war es, der den Kuss widerwillig löste. „Anne, warte", seufzte er schweratmend. „Wir dürfen das nicht tun."
„Wieso nicht?", sagte sie beinahe fast zu bestürzt.
Er musste lächeln und strich mit seinem Daumen sanft über ihre Wange. „Ich will es richtig machen und deswegen will ich zuerst zu Matthew gehen und um seine Erlaubnis bitten. Ich möchte ihn fragen, ob ich um dich werben darf."
„Gilbert…", hauchte sie leise und wollte ihn gerade noch einmal küssen, als er zurück zuckte. Etwas verletzt sah sie ihn nun an.
„Ich meine es Ernst, Anne, ich will es richtig machen und ich will nicht, dass wir etwas tun, was wir sonst noch bereuen."
„Ich bereue nichts von alldem und könnte es auch nie."
„Anne, ich weiss, dass du das glaubst – aber du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich zurückhalten muss. Es fordert mich alle Kraft, die ich aufbringen kann."
Nun schaute sie ein wenig verwirrt. „Bei was hältst du dich zurück?"
Er seufzte auf und lächelte sie an. „Ich liebe es, wie unschuldig du noch bist."
Anne hob eine ihrer Augenbrauen. „So unschuldig bin ich nicht."
„Vielleicht nicht, aber auf diese Weise schon und ich bin glücklich darüber – das macht es um vieles einfacher, später dann auch schwieriger." Er zuckte mit den Schultern.
„Was macht es einfacher oder schwieriger?"
Er schien auf einmal verlegen. „Belassen wir es für heute in Ordnung? Der erste Schritt ist, dass ich Matthew um seine Erlaubnis bitte. Ich erzähle dir alles, versprochen… mit der Zeit."
„Na gut", schmollte sie und verschränkte ihre Arme dabei. Er lachte leise und auf einmal kam sie ihm wieder näher. Sie schob ihre Unterlippe vor und sah ihn mit beinahe flehenden Augen an.
„Bitte, wenigstens noch einen Kuss – wir sehen uns wahrscheinlich erst in zwei Monaten wieder, ich weiss nicht, wie ich das durchstehen soll."
Er sah in ihre blauen Augen und seufzte ergeben. „Ich auch nicht, Anne, glaub mir. Du machst es mir so schwer und glaube nicht, dass es einfach für mich ist."
Sie lächelte, weil sie wusste, dass sie gewonnen hatte. „Also gut noch ein Kuss um uns immer daran zu erinnern, was wir einander haben."
Sie nickte und als er ihr noch näher kam, fühlte sie wie sich ihr Herzschlag erneut beschleunigte. Seine Lippen legten sich wie in Zeitlupe auf ihre. Der Kuss war sanft und dauerte lange. Als sie sich lösten, fühlte sie noch immer seine Lippen auf ihren. Annes Gefühle spielten verrückt und als er sie zum Bahnhof zurück begleitete, versuchte sie die ganze Zeit ihre verschiedenen Gefühle zuzuordnen. Das stärkste Gefühl war ihre Liebe für ihn, doch im Hintergrund war ein Gefühl, dass sie die ganze Zeit nicht abschütteln konnte. Sie war aufgeregt, ganz klar, aber es war nicht nur das. Es war ein Gefühl, dass sie nicht richtig zuordnen konnte.
Als es Zeit war Abschied zu nehmen, zerriss es ihr beinahe das Herz. Sie schmiss sich noch ein letztes Mal in seine Arme und atmete seinen unverkennbaren Duft ein. Er roch himmlisch.
„Ich liebe dich", flüsterte er auf einmal. „Vergiss es nicht."
Ihr Herz reagierte sofort und sie spürte wie ihr Herz begann bereits wieder nach ihm zu lechzen.
„Werde ich nicht."
„Ach zur Hölle", fluchte er auf einmal und sie hatte gar keine Zeit überrascht zu sein. Er löste sich ruckartig von ihr und drückte seine Lippen auf ihre.
„Ich dachte wir hatten bereits unseren letzten Kuss", sagte sie etwas ausser Atem. Leicht schmunzelte sie.
„Wie es aussieht bin ich schwach", erwiderte er und gab ihr noch einen Kuss auf ihr offenes Haar.
„Zum Glück."
Anne vermisste ihn sofort wie verrückt und alles in ihr sagte ihr umzukehren. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte stattdessen dieses unbekannte Gefühl richtig zu benennen. Es gelang ihr nicht, obwohl sie doch so viele Bücher las. Ob Diana ihr wohl dabei helfen könnte?
Auf einmal musste Anne lächeln und es wich ihr nicht vom Gesicht, weil sie so glücklich war, wie der Besuch doch noch gelaufen war.
Sie hatte gemerkt wie schmerzlich es sein würde, falls sie Gilbert für immer verlieren würde. Er bedeutete ihr wohl deutlich mehr, als sie je geahnt hätte.
Aber er wollte es richtig mit ihr machen – er wollte mit Matthew reden. All das machte sie überglücklich. Einzig der Gedanke, dass sie sich erst in ein paar Monaten zu Weihnachten wieder sehen würde, verdarb alles ein wenig.
Es war morgen früh und die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie beim Bahnhof in Charlottetown ankam. Sie rannte zu ihrem Wohnhaus, weil sie so schnell wie möglich Diana sehen wollte. Anne musste unbedingt mit ihr reden.
Als sie dort ankam, war es bereits Morgengrauen und Anne war ziemlich ausser Atem. Sie schnappte erst Mal nach Luft und ging dann so leise wie möglich zu ihrem Zimmer, dass sie mit Diana teilte.
Diana lag schlafend in ihrem Bett und Anne legte schnell ihre Schuhe, Hut, samt Handschuhe ab und legte sich dann ins Bett neben sie.
Auf einmal ertönte ein Geräusch von ihrer besten Freundin und sie sah ihre schläfrigen Augen, die in ihre blickten. „Anne?", sagte sie sehr leise und mit schwacher Stimme.
Sie nickte strahlend.
„Anne, du bist wieder da!", sagte Diana nun etwas wacher und sie spürte, wie sie in eine Umarmung gezogen wurde.
„Ja, ich bin wieder da und es war schrecklich", jammerte sie. „Dann hat sich zum Glück alles zum Guten gewendet."
„Oh… Dann ist ja gut."
Anne nickte eifrig. „Er hat gesagt, dass er mich liebt, zweimal!"
Diana lächelte. „Habe ich dir doch gesagt."
„Ja, du hattest mit allem Recht – es war alles ein riesen Missverständnis."
Diana setzte sich langsam auf und rieb sich die Augen. „Kannst du mir nochmal alles erzählen, aber langsam, mit Details, dass ich es auch richtig verstehe."
Anne lachte. „Klar."
Anne erzählte ihr alles, bis ins kleinste Detail. Diana begann Gilbert zu beschimpfen, als sie mitbekam, dass er sie nicht ins Hotel begleitet hatte und sie alleine gehen liess, obwohl sie gerade erst angekommen war.
Schnell erzählte sie weiter über das was Ethan ihr erzählt hatte. „Oh, Anne", sagte Diana nun mitleidig.
„Aber es war alles nur ein Missverständnis, Diana, er hat mich so sehr vermisst, dass seine Noten darunter gelitten haben – er hat deshalb versucht sich von mir zu distanzieren und hat mit ihr gelernt. Nie hat er auch nur einen Gedanken an sie verschwendet.
Es war ihm einfach nur peinlich, dass seine Noten so schlecht geworden sind und deshalb hat er sich nicht gemeldet."
Als Diana nichts weiter sagte, fuhr sie fort: „Am nächsten Tag hat er mir gesagt er will mit Matthew reden – er hat gesagt er will es richtig mit mir machen. Er will um mich werben, ist das zu glauben?"
Diana lächelte leicht. „Obwohl ich glaube, dass Gilbert ein Idiot ist – bin ich sehr glücklich für dich, Anne. Aber diesmal soll er ja alles richtig machen, sonst werde ich wohl nochmal ein Wörtchen mit ihm haben müssen."
Anne lachte auf „Ich hoffe das ist nicht nötig."
Die beiden zogen sich für die Schule an und gerade als Diana ihr Haar bürstete, stellte sich Anne auf einmal neben sie. Fragend hielt sie inne und drehte sich in ihre Richtung.
Anne hüpfte von einem Bein auf den anderen, als sie versuchte die richtigen Worte zu finden. „Wir haben uns auch geküsst…"
„Das ist schön… hoffe ich?" Das war nun wirklich nichts Ungewöhnliches, dachte sich Diana.
„War es auch, sehr sogar.", sagte Anne schnell. „Naja, etwas geht mir nicht mehr aus dem Kopf und ich kann alleine einfach keine Lösung finden."
„Also gut", sagte Diana beruhigend. „Komm, setz dich aufs Bett und dann erzähl mir davon."
Anne liess sich aufs Bett fallen und dachte nochmal nach. „Wir haben uns geküsst", wiederholte sie. „Dann hat er auf einmal aufgehört, dass der erste Schritt ist zuerst mit Matthew zu reden. Er hat gesagt er will nicht, dass wir etwas tun, dass wir dann bereuen und er meinte es kostet ihn alle Kraft sich zurückzuhalten. Was meinst du was das heisst?"
Diana kicherte leise. „Weisst du das wirklich nicht, Anne?"
Sie schüttelte den Kopf. „Bist du wirklich so unschuldig?", seufzte Diana und stand auf um sich neben sie zu setzen.
„Sowas ähnliches hat er auch gesagt", grummelte Anne.
Diana lachte erneut. „Ich glaube das überlasse ich ihm dir das zu erklären."
„Was? Wieso?", jammerte sie enttäuscht.
Diana zuckte mit den Schultern. „Ich muss doch auch meinen Spass haben", sagte sie grinsend.
Anne seufzte. „Das ist nicht fair. Kannst du mir wenigstens meine zweite Frage beantworten?"
„Kommt drauf an", sagte Diana. „Die wäre?"
„Ich habe während wir zusammen waren und besonders während wir uns geküsst haben, etwas gefühlt und ich… Ich kenne dieses Gefühl nicht und ich glaube auch nicht, dass ich je davon gelesen habe. Es ist ein neues Gefühl, dass ich bisher noch nie empfunden habe – Es ist mir innen drin warm, fast heiss geworden und ich spüre ein merkwürdiges Ziehen … da unten", den letzten Teil flüsterte sie und jetzt da sie es ausgesprochen hatte, war ihr das alles so peinlich. Zum Glück hatte sie es nur ihrer besten Freundin erzählt.
Erneut musste Diana lachen. „Ach Anne – das ist ein völlig normales Gefühl. Ich werde mal so nett sein und beantworte dir diese Frage, aber den Rest musst du selbst herausfinden oder aber Gilbert hilft dir dabei." Diana kicherte schon wieder.
„So lustig ist das alles gar nicht", beschwerte sich Anne.
„Doch ist es. Also gut dann werde ich dich nicht mehr foltern, dieses Gefühl, dass du nicht kennst ist; Erregung."
Anne kräuselte ihre Stirn. „E-Erregung?"
Diana nickte. „Das heisst so fühlst du, wenn du dich von jemandem angezogen fühlst."
Anne war verwirrt und dachte den ganzen Tag darüber nach. Es war alles noch so unklar und weil Diana ihr nicht viel weiterhalf, musste sie wohl warten, bis Gilbert es ihr erklärte.
Sie seufzte. Für Anne konnte die Zeit bis zu Weihnachten nicht schnell genug vergehen.
