***Sicht: Kazuki***

Es war mal wieder so weit. Der Bach, der im Herbst nur leise vor sich dahinplätscherte, war nun im Frühjahr zu einem reißenden Strom geworden. Er quoll bereits übers Ufer und leckte an meinen Schuhsohlen. Leichter Morgennebel hing über dem Fluss, bedeckte die Sonne und tauchte alles in ein fahles Licht.

Ich spürte eine nervöse Unruhe und hörte schnelles Atmen im Buschwerk am Wegrand. Da lauerten meine drei Erzfeinde, Akito und seine treuen Kumpane Rikan und Tobe! Es waren Halbstarke aus meinem Clan, dem Doza-Clan. Obwohl ich den Weg am Fluss entlang meistens vermied, wählte ich heute diesen Heimweg. Komm schon Kazuki! Schließlich hat Kenta, dein kleiner Bruder heute Geburtstag. Der Laden mit den leckeren roten Bonbons, die Kenta so liebte, lag an gerade dieser Straße. Deshalb gab es heute kein Entkommen vor meinen Peinigern.
Als ich am Busch vorbeigehen wollte, sprang mir das Trio in den Weg. Angespannt blieb ich stehen.

„Seht euch das an!" rief Akito schadenfreudig. „Hast du Angst?"

Ich zitterte. Mit einem bösen Grinsen baute er sich vor mir auf. Als ich nicht antwortete, packte er mich am Kragen.

„Antworte gefälligst, wenn dein Großcousin mit dir spricht!"

Stumm starrte ich ihn an. Es würde nichts ändern, wenn ich mich wehren oder widersprechen würde. Im Gegenteil es würde dadurch nur schlimmer. Also ertrug ich seine Demütigungen. Das Ziel war der Laden mit den roten Bonbons.

„War ja gestern ziemlich peinlich was," feixte er. Er schien seine Strategie zu ändern. Seine kleinen grünen Knopfaugen funkelten teuflisch. „Aber tröste dich damit, dass ein offizieller Wasserkampf noch nie so schnell entschieden war, wie deiner gestern. Echt rekordverdächtig."

Beschämt dachte ich an das gestrige Event. Alle zwei Jahre wurden in meinem Clan Wettkämpfe abgehalten, um die Clanhierarchie zu festigen. Das Besondere an den Wettkämpfen war, dass jedes Clanmitglied absolut jeden im Clan zu einem Kampf herausfordern konnte. Um niemanden ernsthaft zu verletzen und um den Mizukage nicht mit internen Machtkämpfen zu verärgern, beschränkte sich der Wettstreit auf eine Disziplin: Suiton. Dabei kam es nicht nur auf die Wirkdauer, Schnelligkeit und Chakrakontrolle an, sondern auch auf die eigene Interpretation seines Wesens. So hatte jedes Clanmitglied einen einzigartiges Chakrawesen, der sich manifestierte, meist in Form eines Lebewesens. Es galt als die Spezialität des Doza-Clans. Nun, abgesehen von einem Mitglied: mir.

„Es ist mir echt peinlich, dass wir verwandt sind, weißt du das?"

Ich nickte ihm nur knapp zu. Er gab diese Bemerkung bei jedem Aufeinandertreffen von sich. Vielleicht hat das viele Wasser sein Gehirn weggeschwemmt.
Mit einem Ruck schwenkte Akitos Arm Richtung Fluss und zog mich mit. Das eiskalte Wasser kroch in meine Schuhe. Ich spürte wie sich die feinen Härchen in meinem Nacken aufstellten. Knöcheltief stand ich jetzt im schlammigen Ufer. Der über die Ufer tretende Fluss zerrte am überschwemmten Gras zu meinen Füßen und schien sie jeden Moment mitreißen zu können. Als ich den Halt im Schlamm zu verlieren drohte, krallte ich mich in Akitos Arm. Seine zwei Kumpel, Tobe und Rikan hinter ihm lachten.

„Hast du etwa Angst nass zu werden?"

Mir schlug das Herz bis zum Hals und ich funkelte Akito böse an.

„Lass mich los, Akito." zischte ich. „Du weißt, dass es uns verboten ist, im Frühling so nah am Fluss zu sein."

„Kazuki-chan, schimpft dann dein Papi mit dir?" sagte Akito mit übertrieben kindlicher Stimme und griff fester zu.

„Nein schlimmer, dann ist das Clanoberhaupt wütend", japste ich etwas schwerfällig, da Akito mich noch am Kragen festhielt und ich kaum Luft bekam. „Das willst du als Mitglied der Zweigfamilie sicher nicht riskieren."

Erleichtert stellte ich fest, dass in Akitos Augen ein Funke Angst aufblitzte. Zögerlich schupste er mich auf den Gehweg zurück.

„Ganz schön mutig von dir, dich hier als Mitglied der Hauptfamilie aufzuspielen, du Wurm", rief er hämisch. „Schließlich bist du schon acht Jahre alt, nicht wahr?"

Ich antwortete nicht, aber das musste ich auch nicht. Jeder wusste es: Der Clanerbe Doza Kazuki war immer noch unfähig Suiton anzuwenden. Wenn ich bis zu meinem zehnten Geburtstag keinen Wasserkampf gegen einen Gleichaltrigen gewonnen hatte, würde ich aus meinem Clan verbannt werden. Diese Regel war einer der Gründe warum der Doza-Clan in Kirigakure berüchtigt war. Diese Vorgehensweise entstand zu Zeiten des vierten Mizukage Yagura Karatachi. Ein Überbleibsel aus dem dritten Ninjaweltkrieg und in der heutigen Zeit völlig fehl am Platz. Die Mitglieder des Doza-Clans glaubten, dass diese Regelung den Fortbestand des Clans sichern soll. Nur die Stärksten durften bleiben.

Mir blieben noch zwei Jahr…

„Ich habe gehört, dass dein kleiner Bruder sein Suiton vor kurzem zum ersten Mal manifestieren konnte. Welche Form hatte es noch gleich?"

„Die eines Goldfisches", antwortete Rikan mit verschränkten Armen und neutraler Mine während er neben Akito herumlümmelte.

„Genau ein Fisch!" lachte Akito. „Als Teil der starken Hauptfamilie hätte ich etwas…bedrohlicheres erwartet. Meinst du nicht auch?"

Ich ballte die Hand zur Faust vor Wut. Es war eine Sensation, dass Kenta im Alter von fünf Jahren bereits Suiton anwenden konnte! Das kam nicht oft vor.

„Ein Fisch ist also eine unwürdige Erscheinungsform? ", stellte ich fest.

Akito war sichtlich irritiert.

„Unser Clansymbol, weißt du was es bedeutet?", fragte ich und deutete auf das Schriftzeichen, dass mit einem Kreis eingerammt und auf unsere Kleidung gestickt war.

„Du arroganter…" Akito machte einen Schritt auf mich zu und hob die Faust.

„Es wird Sakana ausgesprochen und bedeutet Fisch", erklärte ich, während ich mich unter Akitos Faust hinwegduckte. „Meiner Meinung nach ist die Manifestation eines Fisches sehr passend für ein Mitglied der Hauptfamilie. Zudem passt die Farbe des Goldfisches sehr gut zum Erscheinungsbild des Doza-Clans."

Akito funkelte mich zornig von oben an. Ich stand noch geduckt unter seinem Arm. Er war 1.5 Köpfe größer als ich. Schließlich war er bereits zwölf Jahre alt und würde in ein paar Tagen die Akademie abschließen. Die charakteristischen rostroten Haare des Doza-Clans gingen bei Akito bereits ins Bräunliche und glänzten nicht so wie bei Kenta.

„Wenn ich in Zukunft kein Teil der Familie sein werde und Kenta mir nachfolgt, könnt ihr stolz auf euer nächstes Clanoberhaupt sein. Er ist nicht nur dem Namen nach vom Fisch-Clan." Ich lächelte Akito kurz versöhnlich an.

Akito provozierte es allerdings nur noch mehr. Tobe verkniff sich ein Lachen.

„Dir werde ich's zeigen!", knurrte er und trat in meine Richtung. Bevor ich reagieren konnte, flog ich nach hinten und landete schlitternd auf dem Rücken. Mein Kopf schlug gegen etwas hartes. Mit dröhnendem Schädel überdachte ich Akitos Tritt. Er hatte Chakra benutzt, um seine Geschwindigkeit und Kraft zu erhöhen. Wollte er mich ernsthaft verletzen?

„Akito-kun, das geht zu weit", murmelte Rikan eindringlich. Seine geflochtenen mahagonifarbenden Haare hingen ordentlich über seiner Schulter.

Vorsichtig rappelte ich mich auf. Mein ganzer Körper brannte von den Schürfwunden. Ich spürte wie mir ein dünner Rinnsal Blut seitlich an der Stirn hinunterlief. Die Kopfwunde pochte schmerzhaft.

Rikan schaute abschätzig zu mir und hielt Akito am Arm fest: „Kazuki-kun ist noch kein Ninja…"

„Geh mir aus dem Weg du Feigling!" giftete Akito, nun völlig außer Kontrolle.

Ich beschloss, dass es Zeit war für einen taktischen Rückzug.

„Suiton: Reißende Zähne!" Akito machte das letzte Fingerzeichen. Entgeistert beobachtete ich wie sich aus dem Fluss ein riesiger Wasserbär erhob und mich mit glühenden Augen fokussierte. Mit einem Brüllen, dass wie ein Wasserfall toste, sprang er mit weit aufgerissenen Bärenmaul auf mich zu. Endlich war ich wieder Herr meines Körpers und wollte fliehen, aber der Bär verfolgte mich. Panisch rannte ich die Deichböschung hinauf. Ich spürte feine Wasserspritzer auf der Haut. Ich war nicht schnell genug! In der Hast rutschte ich auf dem regennassen Boden aus. Mit vor entsetzten weitaufgerissenen Augen drehte ich mich zu dem Wassermonster um. Das Maul war nicht mehr weit entfernt und wollte gerade zuschnappen, als etwas an meinem Ohr vorbeizischte. Vor meiner Nase baumelte ein, mit schnörkeliger Schrift bemalter Papierfetzen an einem seltsam geformten Messer. Das Messer ragte aus der Schnauze des Bären.

„Eieine Briefbombe?" stammelte ich. Keine fünf Zentimeter von mir entfernt schwang das Papierstück hin und her. Aber es passierte nichts. Es explodierte nicht. Der Bär war in seiner Bewegung erstarrt. Mit erhobener Pranke und aufgerissenen Maul lauerte er über mir und schien wie eingefroren. Der Papierstreifen hatte seinen Schwung verloren und kam zum Stehen. In einer beinah unleserlichen Kinderhandschrift stand da: „Shīru".

„Fūinjutsu?" murmelte ich mehr zu mir selbst.

„Ganz richtig", antwortete mir eine Mädchenstimme. Erschrocken wollte ich mich nach der Stimme umdrehen. Stattdessen knallte mein Kopf an die Stirn des Mädchens, das sich zu mir heruntergebeugt hatte, vermutlich um mir aufzuhelfen. „Au! Meine Güte bist du schreckhaft", rief sie.

Ich rappelte mich auf. Nachdem die schwarzen Flecken vor meinen Augen verschwunden waren konnte ich das Mädchen vor mir ausmachen. Sie rieb sich den Kopf und stand ebenfalls auf. Sie musste in meinem Alter sein. Ihre ebenholzschwarzen lockigen Haare reichten ihr bis zum Kinn. Ein weißrot gepunktetes Haarband hielt ihr die wilden Haare aus dem Gesicht. Sie wirkte mit den hageren Armen und Beinen etwas schmächtig. Ihr roter Rock war mit Schlammsprenkel übersät, ebenso die zitronengelbe Bluse. Ein Ninjabeutel war an einem schwarzen Stoffstreifen um ihre Taille gebunden.

„Hallo, ich bin Miharu", stellte sie sich lächelnd vor. Kristallklare, alles durchdringende Bernsteinaugen sahen mir entgegen.

„Hhallo", erwiderte ich unsicher.

„Hey du", rief Akito zu uns hinauf. „Warum mischst du dich ein! Das geht nur unseren Clan etwas an!"

In ihren Augen entbrannte ein gelbes Feuer: „Ihr seid doch vom Doza-Clan, nicht wahr? Die Wasserkämpfe sind längst vorbei!" schrie sie zu Akito hinunter.

Nicht nur Akito schaute sie verdutzt an. Wieso kannte sie unsere Clan-Sitten?

„Was wir innerhalb unseres Clans tun und was nicht, geht dich nichts an, Göre!"

Verärgert wollte sie gerade etwas erwidern, aber ich fasste sie am Arm und sie hielt inne.

„Miharu-chan richtig?" sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln obwohl mir gerade alles weh tat. „Danke für deine Hilfe. Aber mische dich nicht länger ein."

Ich versuchte so überzeugend wie möglich zu klingen. Es war eine Sache von Akito verprügelt zu werden, eine ganz andere dabei zuzusehen wie ein hilfsbereites Mädchen Akitos Frust ausbadete.

„Bitte geh."

Ihre Bernsteinaugen schienen mich zu durchbohren. Mit einem geradezu giftigen Blick verzog sie die Augen zu Schlitzen und befreite ihren Arm aus meinem Griff: „Vergiss es!"

Im nächsten Moment schlitterte sie gekonnt den Deich hinunter und landete genau vor Akito.

„Was machst du denn?!" rief ich ihr nach. Schnell rutschte ich ebenfalls den Hang hinab am versiegelten Wasserbären vorbei, der still vor sich hin tropfte. Unten angekommen, sah ich wie Miharu sich vor Akito aufbaute. Es erschien etwas lächerlich, da sie fast zwei Köpfe kleiner war als er.

„Habt ihr kein Ehrgefühl?" Sie fuchtelte mit dem Finger vor Akitos Nase herum, der irritiert zu ihr hinabschaute. „Wird das in diesem Land so geregelt? Das ist absurd!"

Rikan und Tobe flankierten Akito und lächelten süffisant.

„Er gehört doch zu eurem Clan", fuhr sie fort. „Wie könnt ihr euch prügeln!"

„Miharu-chan…" meinte ich beschwichtigend zu ihr und wollte sie gerade aus der Reichweite von Akito ziehen. Doch sie drehte sich blitzschnell um und funkelte mich wild an.

„Hast du keinen Stolz!" Ihre Augen schienen zu brennen. Ich musste blinzeln. „Warum wehrst du dich nicht gegen die Demütigungen?"

Ich musste unter ihrem intensiven Blick schlucken. Warum macht sie das?

„Hey Kleine!", knurrte Akito und packte sie an der Schulter. „Du nimmst den Mund ja ganz schön voll."

„Fass mich nicht an!" fauchte sie, als Akito nicht lockerließ. „Du kannst mir gar nichts anhaben! Dein blöder Bär ist versiegelt!"

„Ach wirklich?" Akito grinste hämisch und deutete mit der anderen Hand auf den versiegelten Wasserbären auf der Deichböschung. „Du scheinst zu vergessen, dass dein Fūinjutsu nur eine begrenzte Zeit hält."

Jetzt wirkte Miharu doch beunruhigt. Mit klopfenden Herzen sah ich aus dem Augenwinkel wie das seltsame Siegelmesser aus dem Wasserbär hinausglitt und im Gras der Uferböschung verschwand. Wie ein tosender Strudel setzte der Bär seine Jagd auf mich fort und rauschte den Deich hinunter.

„Jetzt bist du nicht mehr so vorlaut!" lachte Akito über das Tosen hinweg.

Entschlossen riss ich ein Shurriken aus meiner Tasche und zog es über Akitos Unterarm. Er heulte auf vor Schmerz und ließ Miharu los. Schnell packte ich ihre Hand und zog sie hinter mir her: „Komm schnell! Wir müssen hier weg!"

Verdutzt stolperte sie hinter mir her. Akito war noch mit seiner Wunde beschäftigt und Rikan und Tobe reagierten zu langsam. Ich schluckte die aufsteigende Panik hinunter und rannte so schnell ich konnte in Richtung des Ladens mit den roten Bonbons. Miharu musste ich nicht mehr ziehen. Sie sprintete neben mir her.

„Wie ist dein Plan?" rief sie mit spitzer Stimme. „Wir sollten vom Wasser weg!"

„Nein", rief ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Da vorne am Ende des Stegs ist ein Laden. Akito wird es nicht wagen uns in Anwesenheit von Erwachsenen anzugreifen!"

„Zum Laden, alles klar!"

Ich spürte wieder die Wasserspritzer des Wasserbären im Nacken. Adrenalin strömte durch meinen Körper. So schnell war ich noch nie gelaufen! Völlig im Rausch brach ein Lachen aus mir heraus. Diese Situation war so absurd. Was brachte es schon vor Akito davonzulaufen? Spätestens morgen lief ich ihm wieder über den Weg und musste mit seiner fürchterlichen Rache für heute rechnen. Er würde mich vermutlich mehr drangsalieren wie üblich und das nur weil ich mich widersetzte. Und trotzdem… es fühlte sich gut an sich zu widersetzten. Zu meiner Überraschung lachte Miharu jetzt auch. Sie wäre beinahe über einen Stein gestolpert, so heftig kicherte sie. Endlich kam der Laden in Sichtweite. Eigentlich war es kein richtiger Laden, sondern nur eine Bretterbude mit Kioskbedarf. Der Holzsteg, auf dem er stand, war bereits morsch und musste dringend repariert werden. Die Stegbretter klapperten, als wir auf den Holzweg über den reißenden Fluss rannten. Der Wasserbär versuchte uns den Weg abzuschneiden, indem er den direkten Weg über den Fluss nahm.

„Pass auf!" Schrie ich Miharu zu, als der Bär sie fast erreicht hatte. Sie bemerkte den Bären erschrocken und tauchte in letzter Sekunde unter seiner Pranke hinweg. Sie schlittere zwei Meter über das Holz und schien danach den Halt zu verlieren. Schnell schnappte ich mir ihre Hand und zog sie unter das Vordach des Ladens. Die Ladenaußentheke war noch geöffnet und der Ladenbesitzer streckte erschrocken den Kopf hinaus.

„Hey was macht ihr da?"

„Verzeihung!", rief ich und hielt mich am Fensterrahmen fest, um dann mit Schwung in den Laden zu hechten. Miharu folgte mir. Eine Flutwelle schwappte in den Laden. Ich kam unsanft auf und verkroch mich klitschnass hinter der Theke. Miharu rollte platschend an mir vorbei und krachte gegen einen Stuhl. Polternd begrub er sie unter sich. Sie stöhnte auf vor Schmerz.

„Alles okay?", rief ich und stellte den Stuhl wieder auf. Schnell zog ich sie hinter die Theke in Deckung. Der Ladenbesitzer schimpfte unterdessen wütend nach draußen. Er war völlig durchnässt. Seine Zigarette im Mundwinkel hing nach unten und tropfte munter vor sich hin. Vermutlich war der Wasserbär gegen die Hausfassade geprahlt und hatte sich in eine Wasserpfütze aufgelöst.

„Was für eine Frechheit! Ihr Lausbuben!" Er fuchtelte mit der Faust nach draußen. „Kämpft gefälligst woanders! Lasst euch hier nie wieder blicken!"

Ich hörte Akitos Stimme von draußen zurückrufen, konnte aber nicht verstehen, was er sagte.

„Ich weiß genau, dass ihr zum Doza-Clan gehört! Wenn ihr euch nicht sofort vom Acker macht, ruf ich bei Kenma Doza persönlich an!", zeterte der alte Ladenbesitzer. Akito erwiderte nichts mehr. Vermutlich hatte er sich mit Rikan und Tobe aus dem Staub gemacht. Erleichtert atmete ich tief aus.

„Und nun zu euch beiden", knurrte der tropfende Alte. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und bleckte böse seine vom Tabak gelb gefärbten Zähne.

Ich wischte mir die nassen anthrazitfarbenen Haare aus der Stirn und hob beschwichtigend die Hände: „Warten Sie! Es tut uns wirklich sehr leid, dass wir ihren Laden verwüstet haben!"

Der Mann hob eine Augenbraue und schnaubte unbeeindruckt.

„Wir hatten keine Wahl!" rief Miharu hinter mir. „Sie haben uns angegriffen und verfolgt!"

Der alte Mann schaute nun doch etwas milder auf uns herab. Ein eisiger Windzug wehte durch den Laden. Da Miharu und ich immer noch in einer Wasserlache saßen, schlotterten wir vor Kälte.

„Bbitte verzeihen sie uns", bibberte Miharu. Der Ladenbesitzer schnippte seine durchweichte Zigarette mit einem bedauernden Blick weg und half uns auf.

„Geschehen ist geschehen", murmelte er mit schroffer Stimme und legte uns grob eine kratzige Wolldecke um.

Zitternd zog Miharu die Decke fester um uns. „Du, Junge."

Ich horchte auf. Die nassen Haare fielen mir immer wieder ins Gesicht und kitzelten an der Nase.

„Du bist doch Kentas Bruder."

Mit klappernden Zähnen und unfähig zu antworten, nickte ich nur. Der Alte zog die Nase hoch und verschwand ohne ein weiteres Wort hinter seiner Theke.

„Alles in Ordnung?", fragte ich Miharu leise, darauf bedacht mir nicht mit den klappernden Zähnen auf die Zunge zu beißen.

Sie nickte müde. Ihre linke Hand lugte unter der Decke hervor, um sie festzuhalten. Nadelfeine Spreißel bedeckten ihre Hand. Das musste beim Abrollen auf dem Holzboden passiert sein.

„Hier nimm das für deinen Bruder mit", sagte der Ladenbesitzer mürrisch und streckte mir eine Papiertüte entgegen. „Heute hat er doch Geburtstag."

Mit großen dankbaren Augen streckte ich die Hand unter der Deck hervor und nahm die Tüte entgegen. Die roten Bonbons!

„Allerdings muss ich eure Eltern anrufen."

Sofort war das Glücksgefühl weg.

„Bitte nicht!" rief ich panisch und hätte beinah die Papiertüte losgelassen. „Wir können den Schaden abarbeiten!"

„Ihr seid noch viel zu jung", knurrte der Besitzer und griff zum Telefon. „Ich lass mir doch nicht nachsagen, dass ich hier Kinderarbeit betreibe."

Er zog ein Telefonbuch aus der Schublade und fing an zu wählen. Wütend schnaubte er und knallte den Hörer auf die Klinke. „Das Telefon ist Tod wegen des ganzen Wassers!"

Ich musste ein erleichtertes Aufseufzen unterdrücken.

„Dann geh ich eben zu Fuß!"

Entsetzt wollte ich ihn stoppen, vergaß aber, dass ich fest in unserer Wolldecke einpackt war. Ich taumelte. Miharu fing mich gerade noch rechtzeitig auf, indem sie mich am T-Shirt festhielt und zurückzerrte.

„Ihr bleibt schön hier", knurrte der Alte mit zusammengekniffenen Augen.

Frustriert sah ich ihm hinterher, wie er mit schweren Schritten über den Steg in Richtung Doza-Clan Gelände wegging. Ich ergab mich in die Situation.

„Lass uns draußen warten", sagte Miharu.

Vorsichtig, um die Decke nicht in die Wasserfluten auf dem Boden zu tunken, bewegten wir uns auf die Ladentür zu. Obwohl der Fluss kontinuierlich den morschen Steg unter Wasser setzte, war es draußen trockener. Wieder etwas aufgewärmt setzten wir uns auf die Eingangsstufe des Ladens und warteten. Ich überließ Miharu die Decke. Bis zur Nasenspitze eingekuschelt saß sie neben mir und starrte auf den Fluss. Durch die bevorstehende Begegnung mit meinem Vater beunruhigt, wurde mir plötzlich wieder warm.

„Warum wehrst du dich nicht gegen Akito?", flüsterte Miharu mit gedämpfter Stimme unter der Decke hervor. Ihre bernsteinfarbenen Augen hatten ihren Glanz nicht verloren und ließen mich keinen Moment aus den Augen.

„Was würde es bringen", erwiderte ich nur. „Morgen rächen sie sich an mir und so geht es immer weiter."

„Warum hilft dir deine Familie nicht?"

„Akito ist Familie."

Angeekelt hob sie den Kopf: „Akito und der Rest hätten dich ernsthaft verletzt, wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre!"

„Vielleicht."

„Todsicher!", schnappte sie mich an. Bevor ich antworten konnte weiteten sich ihre Augen.

„Du machst dir Sorgen um deine Clan-Mitglieder, die dich verprügelt haben?"

Überrascht nickte ich. Hatte sie das erraten?

„Weil du deinen Clan-Mitgliedern nicht wehtun möchtest, deckst du sie und lässt es zu? Was ist das denn für eine verdrehte Logik!" Sie war richtig wütend und ich sichtlich erstaunt.

„Ich glaube einfach, dass Gewalt nicht immer die Lösung ist."

Sie sprang auf, warf die Decke neben sich und wollte gerade etwas erwidern, als ich meinen Vater mit dem Ladenbesitzer über den Steg herkommen sah.


Hallo ihr Lieben!

Vielen Dank, dass ihr meiner Geschichte eine Chance gebt! Ich versuche alle paar Wochen ein Kapitel hochzuladen.