***Sicht: Kazuki***

Vaters mächtige Pranke lag schwer auf meiner Schulter. Seine Finger krallten sich in mein graugestreiftes T-Shirt, als habe er Angst, dass ich wegrennen würde. Eine lächerliche Vorstellung, wenn man bedachte, dass wir uns auf der weitläufigen Dachterrasse des Doza Anwesens befanden. Rasen und Bäume begrünten die lockere Erde. Mit ruhigen Atemzügen versuchte ich mein wild schlagendes Herz zu beruhigen und die angespannte Aura meines Vaters zu ignorieren.

Nii-san!", krähte Kenta und rannte auf mich zu.

Ich zuckte erschrocken zusammen. Tief in Gedanken versunken hatte ich ihn nicht kommen gehört. Ich schaute zu meinen kleinen Bruders hinunter.

Mach ihn fertig, Nii-san!", rief er und ballte seine Fäustchen.

Akito stand etwas entfernt von uns, hatte Kentas Ruf aber durchaus gehört. Er warf mir einen giftigen Blick zu. Ich musste ein Grinsen vermeiden und wollte vor Kenta in die Hocke gehen, aber Vaters Griff hielt mich davon ab. Er sah mich streng an. Unverständnis machte sich in mir breit. „Nii-san darf ich bei dir bleiben und von hier zuschauen?"

Mir wurde warm ums Herz, konnte ihn aber nur über den Wuschelkopf streichen.

Kenta geh zurück zu Mutter", antwortete Vater streng für dem Fünfjährigen an meiner Stelle. Kentas Strahlen erlosch. Zu gern hätte ich ihn in den Arm genommen.

Vater beachtete uns nicht weiter und sprach mit Akichi, Akitos Vater, der gerade auf uns zu gelaufen kam. Unauffällig machte ich einen Schritt zwischen Vater und Kenta und schirmte Kenta ab. Ich lächelte meinen kleinen Bruder an. Vaters harsche Antwort hatte ihn erschreckt. Sanft strich ich ihm über den Kopf.

Tousan möchte nicht, dass du verletzt wirst. Bei Kasan ist es sicherer." Kenta sah mich aufmerksam an und nestelte an seinem T-Shirt herum.

Du Otoutochan," flüsterte ich. Verschwörerisch lehnte ich mich, soweit es Vaters Hand zuließ, zu ihm herunter und schaute gespielt vorsichtig zu allen Seiten. „Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?"

Kenta sah mit großen Augen auf und nickte stürmisch. Alle Furcht war vergessen. Dann spähte er ebenfalls in alle Richtungen bevor er mir sein Ohr auf Zehenspitzen, entgegenstreckte.

Ich habe fürchterliche Angst", flüsterte ich ihm ins Ohr.

Kenta lehnte sich zurück und sah mich verständnislos an.

Du hast vor etwas Angst, Nii-san?" fragte er ungläubig.

Innerlich musste ich lachen. Ich winkte ihn nochmal heran und flüsterte: „Ich glaube ich brauche eines deiner Drachenbonbons."

Kenta schnappte nach Luft und versteckte seine Hände verräterisch hinter den Rücken. „Denkst du, du könntest mir eines ausleihen?" fragte ich bittend.

In Kentas Kopf ratterten die Zahnräder. Er schaute überall hin, nur nicht zu mir. Es schien ihn größte Überwindung zu kosten, seine Bonbons zu teilen.

Ich bring dir nach dem Kampf wieder neue Bonbons mit", sagte ich beschwichtigend.

Abgemacht!" kam prompt die Antwort. Nun strahlte Kenta und grinste siegessicher.

Otoutochan, du entwickelst dich zu einem richtigen Geschäftsmann." Kenta rieb sich die Nase und grinste noch breiter. Schließlich steckte er mir heimlich das Bonbon zu. Plötzlich legte sich ein Schatten der Besorgnis über sein Gesicht.

Nii-san wirst du…verletzt?" Für einen Moment starrte ich meinen kleinen Bruder an. In seinen Augen spiegelte sich Unsicherheit und Angst.

Zögerlich lächelte ich beruhigend: „Nein mach dir keine Sorgen."

Erleichtert sah ich wie Kentas Angst wich. Ich hatte ein schlechtes Gewissen: „Jetzt geh zu Kasan. Und danke für das Bonbon."

Ich nahm das Bonbon zwischen die Zähne und grinste Kenta an. Er lächelte zurück und rannte zu Mutter. Unauffällig schluckte ich Kentas Bonbon runter, bevor ich mich im Kampf daran verschluckte. Es war fürchterlich sauer!

Mutter stand bei Yoko, Akitos Mutter, einer Kunoichi mit dunklen, rötlichen Haaren und einem selbstbewussten Auftreten. Mit verschränkten Armen und einem abweisenden Funkeln in den Augen, stand Akino gelangweilt neben Yoko. Akino, Akitos Schwester, war in meinem Alter und würde ebenfalls in einer Woche in die Akademie eintreten. Allerdings ging sie mir aus dem Weg, wie jeder im Clan. Sie wurde vermutlich heute von ihren Eltern zur Anwesenheit verpflichtet.

Vaters Hand packte mich plötzlich fester: „Kazuki mach dich bereit." Ich sah wie Akichi mich mit einem besorgten Blick bedachte, sich von uns abwandte und zu seinem Sohn Akito ging.

Genau zehn Meter voneinander entfernt stellten Akito und ich uns auf. Zwischen uns war der in schmucklosen roten Marmor eingefasste Doza-Teich. Er war mit kristallklarem Wasser gefüllt. Keine Wasserpflanzen oder Begrünung verzierten das Becken. Allein ein Mosaik aus rotem und weißem Marmor schmückte den Beckenboden. Es zeigte drei rostrot- und weißgescheckte Kois, die sich symmetrisch umkreisten. Ein Lotus aus filigranen grünen Mosaiksteinchen in ihrer Mitte stand in voller Blüte.

Zynisch überlegte ich, ob ein echter Lotus in so sauberen Wasser tatsächlich überleben würde.

Gemäß den Gesetzten unseres Clans, fordert Kazuki Doza, Akito Doza heraus", tönte Vaters Stimme über den Platz. „Grund ist Akitos öffentlicher Angriff auf Kazuki in Beisein von Zivilisten."

Ich zwang mich nicht zu zittern. Besorgt musterte mich meine Mutter. Mein kleiner Bruder schmiegte sich an ihre Beine und sah mich ängstlich an.

Akito-kun nimmst du die Herausforderung an?"

Mit verschränkten Armen stand Akito neben seinen Vater und nickte ernst. Sein Blick durchbohrte mich. Sein spöttisches Grinsen war mir dabei nicht entgangen.

Gut, nach den Regeln dieses Clans sollen eure Unstimmigkeiten in diesem Kampf offen und fair geklärt werden. Während des Kampfes darf ausschließlich Suiton eingesetzt werden. Sobald eine Partei kampfunfähig ist, endet der Kampf. Mit dem Kampf werden auch eure Differenzen beigelegt. Seid ihr damit einverstanden?"

Als Akito und ich nickten, ließ Vater meine Schulter endlich los, allerdings wog die Last seiner Erwartungen an mich weiterhin bleischwer. Vater und Akichi stellten sich zu Mutter, Kenta, Yoko und Akino.

Dann beginnt", forderte uns Akichi ruhig auf.

Angespannt verbannte ich alles außer Akito aus meinem Sichtfeld. Wie sollte ich ihn besiegen? Ich sah wie Akito geübt Fingerzeichnen machte. Ich erkannte die Fingerzeichen sofort und begann ebenfalls. Beinah gleichzeitig endeten wir mit den Worten: „Suiton: Seisei."

Die Teichoberfläche vibrierte. Dann erhob sich Akitos mächtige Wassermanifestation. Der Wasserbär brüllte tosend. Auf meiner Teichseite geschah nichts. Ich war nicht überrascht. Gleichgültige Akzeptanz erfüllte mein Herz. Der Wasserbär rollte poltern über den Teich auf mich zu.

Warum wehrst du dich nicht gegen die Demütigungen?

Ich blinzelte überrascht, als mich Miharus Worte aus meinem Gedächtnis anherrschten. Warum? Warum sollte ich mich wehren?

Aus Reflex wich ich der Sintflut im letzten Moment aus. Das Wasser durchweichte den Boden. Aber der Bär erhob sich erneut aus dem Teichwasser, nur wenige Meter entfernt. Die glühenden orangefarbenen Augen schienen mich zu verbrennen. Die Alabasterklauen zischten haarscharf an meinem Ohr vorbei. Frustriert brüllte der Bär. Feine Wassertröpfchen stoben in alle Richtungen.

Kazuki-kun, du Feigling!" rief Akito über den Teich hinweg und lachte. „Du hüpfst herum wie ein verängstigter Hase!"

Ich beachtete ihn nicht. In all den verlorenen Wasserkämpfen der letzten Jahre, hatte ich eine Sache perfektioniert: Ausweichen. Zudem war mir die Erfahrung von gestern noch sehr lebendig im Gedächtnis.

Bleib endlich stehen!"

Du bist zu langsam", rief ich und duckte mich unter den gewaltigen Wasserkiefer des Bären hinweg. „So wie gestern." Zorn flammte in Akitos Augen auf und er biss die Zähne zusammen.

Du kleine Ratte!" Wie erhofft verwendete Akito mehr Chakra. Der Wasserbär schlug erneut in meine Richtung und streifte mich an der Schulter. Wie ein Sturm tobte die Wasserbestie hinter mir her und wurde immer schneller. Triumphierend sah ich wie Akito Schweißperlen über die Stirn liefen. Er hatte bald sein Chakra verbraucht und würde ohnmächtig werden. Vielleicht würde das tatsächliche funktionieren. Vielleicht hatte Miharu Recht und ich musste die Demütigungen nicht ertragen? Konnte ich auf meine Art Kämpfen? Hatte ich diesmal eine Chance zu gewinnen?

Kazuki," donnerte Vater „kämpfe fair und aufrichtig gegen ihn! Das ist beschämend!" Völlig von Vaters Stimme aus dem Konzept gebracht, stolperte ich über eine Bodenunebenheit. Dieser Fehltritt wurde mir zum Verhängnis. Verzweifelt sah ich die mächtige Pranke auf mich zurasen. Der Aufprall riss mich von den Füßen und schleuderte mich gegen den harten Marmor der Teichumrahmung. Eine Flutwelle überspülte mich und durch den gewaltigen Druck wurde mir die Luft aus den Lungen gepresst. Hustend schnappte ich nach Luft, sobald das Wasser davonschwappte. Ich spürte wie meine Rippen ächzten. Meine rechte Schulter war zuerst auf den Stein aufgekommen und schmerzte fürchterlich. Völlig durchnässt zitterte ich vor Schmerzen. Jeder Atemzug tat weh. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen. Zwischen den Punkten sah ich den Wasserbären auf mich zuspringen und zum finalen Schlag ausholen.

Durch das Dröhnen in meinem Schädel hörte ich Mutter schreien, konnte aber nicht verstehen was sie sagte. Gerade als ich die Augen schließen wollte und mich in mein Schicksal ergab, sah ich etwas Kleines auf den Wasserbären zuspringen. Etwas aus Wasser. Es klatschte dem Wasserbären ins Gesicht. Tobend versuchte das Ungetüm das wässrige Etwas wegzuwischen. Das Etwas entpuppte sich als zappelnder Wasserfisch, der sich in die Nase des Bären festgebissen hatte. Die kräftige Schwanzflosse schlug rechts und links gegen die Augen des Bären und störte seine Sicht.

Ungläubig schaute ich zu der kleinen Gestalt, die sich todesmutig zwischen mich und den Bären gestellt hatte.

Lass Nii-san in Ruhe!" rief Kenta angriffslustig und zeigte auf den verblüfften Akito.

Kenta!" hauchte ich erschrocken und rappelte mich unter Mühen auf. Schwindel und Schmerzen zwangen mich allerdings erneut in die Knie „Kenta geh da weg!"

Verzweifelt schaute ich hilfesuchend zu Mutter und Vater. Aber Mutter wurde von Vater zurückgehalten. Ich sah wie Vater eindringlich auf sie einredete. Zorn wallte in mir auf. In dem Moment löste sich der Wasserfisch mit einer Rauchwolke auf. Die glühenden Augen des Wasserbären fokussierten nun tosend meinen Bruder. Entsetzt erstarrte ich.

Kenta lauf!" brüllte ich und zwang mich aufzustehen. Kenta schaute ängstlich zu dem Bären und wich nach hinten aus. Unbeholfen stolperte er über seine eigenen Gummistiefel, verlor den linken und stürzte auf den erdigen Boden.

Nein! Akito-kun hör auf!" schrie ich meinen Gegner an. „Du wirst ihn ernsthaft verletzten!"

Schweiß lief Akito über die Augen und nur mit den letzten Chakrareserven hielt er den Bären aufrecht.

Nieder mit der Hauptfamilie," zischte er. Der Bär machte einen Satz auf Kenta zu.

Nein!" schrie ich.

Aus purer Willenskraft zwang ich meinen Körper zu Kenta zu hechten und schlitterte im vollen Lauf zwischen ihn und den Wasserbären. Plötzlich ging alles rasend schnell.

Ich zog mit einer Hand Kenta schützend hinter meinen Rücken. Das mächtige Gebiss schloss sich um meinen anderen Arm und ich schrie vor Schmerz auf. Die rasiermesserscharfen daumenlangen Zähne bohrten sich in meinen Unterarm und Blut lief meine Hand hinunter. Mein Arm wirkte zwischen den Kiefern des Bären wie ein Zahnstocher. Blut floss pulsierend an den Zähnen vorbei und tropfte auf den staubigen Boden. Vor Schmerz wie gelähmt biss ich die Zähne zusammen und richtete meinen Fokus auf Akito.

Vergreif dich nie wieder an meinen Bruder", zischte ich in Akitos Richtung. Ich wusste, dass er mich durch den Wasserbären hören konnte. Ich ließ meinen angestauten Zorn freien Lauf. Mein Chakra floss blitzend durch das gefräßige Maul. Grünlich knisternde Funken durchzuckten den Wasserbären. Der Bär ließ mich schrill brüllend los und fiel in einer Pfütze vor uns zusammen. Das Wasser vermischte sich mit den kleinen Blutlache zu meinen Füßen. Die Blitze stoben durch den durchweichten Grund auf Akito zu. Schreiend zappelte er durch die Elektrizität und brach dann bewusstlos zusammen. Nur mit Mühe konnte ich meinen Chakrafluss bändigen. Keuchend wischte ich mir den Schweiß aus den Augen, drehte ich mich zu Kenta um und fasste ihn am Arm: „Bist du verletzt?"

Schockiert starrte mich Kenta mit großen Augen an.

Kenta," rüttelte ich ihn wach. „Bist du in Ordnung? Du brauchst keine Angst mehr zu haben."

Völlig verängstigt zitterte mein kleiner Bruder am ganzen Leib.

Nii-san. Deine Augen bluten", quiekte er.

Erleichtert, dass Kenta aus der Schreckstarre erwacht war, lächelte ich ihn aus vollem Herzen an.

Das ist nicht schlimm," beruhigte ich ihn. Schnell wischte ich mir das Blut aus dem Gesicht. Es war mir vermutlich übers ganze Gesicht gelaufen. Ich schloss für einen Moment die Augen vor Erschöpfung. Mutters besorgtes Rufen brachte mich dazu wieder die Augen zu öffnen. Sie rannte auf uns zu, ließ sich auf den Boden fallen und nahm uns fest in ihre Arme: „Den Himmel sei Dank!" schluchzte sie. Zärtlich strich sie uns über den Kopf. Ich sah über Mutters Schulter Vater auf uns zukommen.

Hiermit ist der Kampf beendet", sagte er mit unterdrückter Wut. „Den Kampf entschieden hat Akito Doza. Mögen alle Streitigkeiten vorüber sein."

Vater griff Kenta am Arm und zog in aus Mutters Umarmung. Er schaute ihn streng an: „Kenta, du hast mich und den Doza-Clan zu tiefst beschämt, indem du dich in den Kampf eingemischt hast."

Kenta wurde ganz klein. Kalter Hass schnürte mir die Kehle zu. Der Kampf war in dem Moment entschieden, als mich der Wasserbär erwischte. Wäre Kenta nicht dazwischen gegangen, würde ich im Krankenhaus liegen. Ich hatte bereits damit gerechnet, dass Vater den Kampf nicht frühzeitig beenden würde. Allerdings hatte er Kenta nicht beschützt. Er war seiner verdammte Pflicht als Kentas Vater nicht nachgekommen! Kenta hatte sich mutig für mich eingesetzt und mehr Charakterstärke bewiesen als mancher Erwachsener.

Du hast kein Recht so mit Kenta zu reden", knurrte ich Vater erbost an. Adrenalin rauschte noch durch meinen Körper und gaben meiner Stimme eine ungewohnte Schärfe, „Er hat heute mehr Rückgrat bewiesen als du in den letzten fünf Jahren."

Schockiert starrte mich Vater an und ließ Kenta überrascht los. Vorsichtig stand ich auf ohne Vater aus den Augen zu lassen: „Wenn du so weiter machst, verlierst du nicht nur einen Sohn."

Ein Ruck ging durch Vaters Körper. Bevor ich realisierte was passierte, ohrfeigte er mich. Ein hohes Sirren echote in meinen Ohren. Noch immer wütend starrte ich Vater erneut an. Ich sah wie sich ein Schatten über seine Augen legte, als wäre er traurig.

Kentas Weinen schreckte mich auf. Er hatte die dünnen Ärmchen um meinen Bauch geschlungen. Verunsichert schaute ich auf meinen Bruder hinunter.

Nicht streiten", heulte Kenta in mein Shirt. Mein Zorn fiel in sich zusammen wie der Wasserbär in die Pfütze. Scham und Reue überkamen mich wie eine Welle.

Kenta-chan…", flüsterte Mutter, löste seine Ärmchen von meiner Taille und nahm ihn in den Arm. Wie früher, als er ein Baby war, strich sie ihm beruhigend über den Rücken. Ich sah Mutter vorwurfsvolle und traurige Blicke mit Vater tauschen. Beschämt wich Vater ihrem Blick aus. Noch immer wie vom Donner gerührt stand ich zwischen ihnen und wusste nicht was zu tun ist.

Kenma-dono", murmelte Akichi neben uns. Niemand hatte ihn herantreten gehört. Er legte Vater eine Hand auf die Schulter und schaute ihn fest an. „Der Kampf ist vorbei. Akito war unnötig aggressiv. Seid versichert, dass er dafür bestraft wird." Er betrachtete mich kurz mit einem traurigen Blick. „Lasst uns alle nach Hause gehen." Vater nickte nur. Ohne ein weiteres Wort verließ uns Akichi mit seiner Familie. Irritiert sah ich ihnen hinterher.

Tief in Gedanken versunken ging Vater an mir vorbei Richtung Treppe. Für einen Moment sah ich ihm ausdruckslos nach. Eine Nüchternheit betäubte all meine Emotionen.

Mutter fasste mich sanft am Arm und schenkte mir ein warmes Lächeln: „Ich bin stolz auf euch, dass ihr euch gegenseitig beschützt habt."

Ich nickte teilnahmslos. Da sich Kenta schniefend wie ein Äffchen an Mutter festklammerte, half ich ihr aufzustehen. Als sie sich kurz auf meine Schulter stützen musste, keuchte ich auf vor Schmerz. Das Adrenalin war abgeklungen und mein Arm fing an zu pochen. Blut tropfte unaufhörlich an meiner Hand hinunter in die Wasserpfütze.

Lasst uns nach Hause gehen", sagte Mutter sanft und nahm mich an der unverletzten Hand. Vorsichtig zog sie mich hinter sich her nach Hause.

Zuhause angekommen, verarztete mich Mutter. Sie richtete mit ihrem Heiljutzu meine gebrochene Rippe und stoppte die schlimmste Blutung an meinem Arm. Sie musste sogar einige Stiche setzten. Die Armverletzung tat höllisch weh. Der dicke Druckverband verursachte zusätzlich Schmerzen. Als Mutter blass wurde, überredete ich sie eine Pause einzulegen. Vorsichtig begleitete ich sie zum Sofa. Müde legte sie sich hin und war im nächsten Moment eingeschlafen. Sie hatte sich beim Heilen meiner Wunden übernommen. Schnell verband ich mir den Kopf und beklebte meine Arme mit Pflaster. Kenta saß auf meinem Schoß und suchte die Pflaster aus.

Jetzt das hier!" Er reichte mir ein rotes Pflaster mit einem Elefanten drauf. Gehorsam klebte ich es auf meinen Ellenbogen.

So, das war das Letzte", murmelte ich.

Der Fünfjährige war so müde, dass er nur schwach nickte. Ich stellte ihn auf seine Beine: „Warte ganz kurz, Otoutochan." Es kostete ihm alle Kraft aufrecht zu stehen. Schnell schluckte ich eine Schmerztablette aus dem Medizinschrank und brachte dann Kenta nach oben.

Wird alles wieder gut, Nii-san?" murmelte Kenta und rieb sich die Augen.

Solange wir aufeinander aufpassen, wird alles gut", beruhigte ich ihn und zog ihm den Schlafanzug über den Kopf. Kenta gähnte. Bevor er im Stehen einschlafen konnte, hob ich ihn ins Bett.

Ich werde immer für dich da sein, Otoutochan", flüsterte ich, während sich Kenta unter die Decke kuschelte und meine Hand festhielt. Ich musste nicht lange warten. Innerhalb von fünf Minuten war er eingeschlafen. Um ihn nicht zu wecken, schlich ich auf Zehenspitzen zum Fenster. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und tauchte alles in ein tiefes Orange.

Eine Bewegung im Garten ließ meinen Blick nach unten wandern. Ich sah Vater durch den Garten zur Haustür gehen. Kurz darauf kratzte der Schlüssel im Schloss. Alles in mir spannte sich an. Kurzerhand öffnete ich leise das Fenster und kletterte hinaus. Lautlos landete ich vor unserem Haus, als Vater gerade die Tür hinter sich zu zog. Nach dem Kampf brauchte ich einfach etwas Abstand von meinen Eltern. Schnell, bevor jemand mein Verschwinden bemerken konnte, rannte ich los.

***Sicht: Miharu***

Bis später!" rief ich Mama zu, während ich im Laufen meine Schuhe zuband.

Du wolltest mir beim Packen helfen", tadelte mich meine Mutter. Sie schickte mir einen strengen Blick nach. „Wo willst du denn noch so dringend hin, Miharu?"

Ich will Kazuki suchen", versuchte ich zu erklären und verhaspelte mich mit den Schnürsenkeln. Gestern hatte ich vergessen, ihn nach seiner Adresse zu fragen. Jetzt hatte ich den Salat und muss ihn auf eigene Faust suchen. Grummelnd ließ ich mich doch auf die Treppenstufe fallen, um meine Schuhe richtig anzuziehen.

Kazuki?" Mama kam nun endgültig aus der Küche und betrachtete mich erstaunt. „Hast du einen neuen Freund gefunden?"

Während sie redete, trocknete sie einen Teller ab und wickelte ihn direkt in Zeitungspapier ein.

Ich mache ihn zu einem." Verbissen kämpfte ich mit meinem Schuh.

Ah ha." Aus dem Augenwinkel sah ich meine Mama schmunzeln. „Meinst du nicht, dass das auch seine Entscheidung ist?"

Nein, in dem Fall nicht!" Mit einem Schnapp riss der Schuhsenkel endgültig. Frustriert funkelte ich den baumelnden Senkel in meiner Hand an.

Miharu, hör mir zu." Mama strich mir im Vorbeigehen über den Kopf und kramte in der Kommode im Flur herum. „Durch deine Gabe erhältst du tiefe Einblicke in die Gedanken deiner Mitmenschen. Es ist oft so, dass sie manche Gedanken nicht laut aussprechen wollen." Sie fischte ein paar neue Schnürsenkel aus der Schublade und setzte sich neben mir auf die Stufe. Liebevoll strich sie mir eine lose Strähne hinters Ohr. Ich konnte ihre innere Wärme bis in den hintersten Winkel ihrer Seele sehen. Mir wurde sofort warm ums Herz. Sie schnappte sich meinen Schuh und zog den ausgefranzten Schnürsenkel aus den Laschen.

Warum können die Menschen nicht einfach die Wahrheit sagen. Das erspart allen viel Frust und Zeit", brummte ich, während ich Mama zusah.

Sie lachte kurz auf: „Da hast du wohl Recht!"

Sie fädelte den neuen Senkel ein: „Aber wie alles im Leben hat auch die Wahrheit eine Kehrseite", Kurz unterbrach sie ihr Werk und schaute mich ernst an, „Die Wahrheit kann auch sehr weh tun. Sowohl dir selbst als auch deinen Mitmenschen."

Betreten senkte ich den Blick und dachte an Herr Doza. Seine Absichten waren so verworren. Seine Lügen waren mit Angst verknüpft. Wenn ich an Kazukis enttäuschtes Gesicht dachte, schämte ich mich ein wenig. Vielleicht sollte ich mich bei ihm entschuldigen.

Deshalb versprich mir eins, mein Schatz", Mama lächelte mich an und nahm mein Gesicht in ihre Hände. „Missbrauche diese Gabe nicht. Versuche dir ein Urteil zu bilden, ohne die Gedanken zu lesen." Sie zog mir den Schuh an.

Aber wie kann ich mein Gegenüber ernst nehmen, wenn er nie das meint, was er sagt? Manchmal ist es Ironie oder Sarkasmus. Aber meistens ist es einfach gelogen."

Mama strich mir sanft über den Kopf und lächelte verschmitzt: „Ich befürchte das ist eine Frage der Erfahrung. In ein paar Jahren kannst du bestimmt die Unterschiede besser erkennen."

Verdrossen seufzte ich. Mama stand auf und fügte ernster hinzu: „Davon abgesehen, sei bitte vorsichtig Miharu. Kirigakure ist leider nicht sehr gastfreundlich und sieht es nicht gern, wenn Außenstehende sich einmischen."

Du tust so als ob ich einen Krieg anzetteln wollte. Ich will nur Kazuki als Freund gewinnen, auch wenn es vermutlich nur für zwei Tage sein wird. Warum müssen wir ausgerechnet jetzt nach Konoha umziehen," erwiderte ich patzig und schlüpfte in meine rote Regenjacke.

Pass einfach auf dich auf mein Schatz." Versöhnlich drückte Mama mir einen Kuss auf die Stirn. Dann hielt sie inne. Prüfend sah sie auf das kleine Stofftäschchen auf der Kommode.

Miharu, hast du schon deine Medizin genommen?"

Verdrossen sah ich den Beutel an, dann Kasan und schüttelte den Kopf. Sie seufzte und holte eine kleine Spritze aus dem Beutel. Monoton hob ich meine Jacke und das T-Shirt. Kalt zog es an meinen Rücken entlang. Mamas warme Hände verursachten eine Gänsehaut. Ein kurzer Piecks. Ich zog mein T-Shirt schnell wieder über die Haut. Sofort fühlte ich mich weniger verletzlich.

Ich murmelte zum Abschied etwas unverständliches und verließ die kleine Wohnung unter dem besorgten Blick meiner Mutter.

Review-Antworten:

Erstmal vielen Dank für die Reviews! Es motiviert mich weiter zu schreiben und natürlich interessiert mich eure Meinung zu den einzelnen Kapiteln!

lolitagirl.2015b: Vielen Dank ^^ speziell für mein erstes Review für diese Geschichte! Es spielt in der Blankphase. Also ca. 5 Jahre nach dem Epilog (Heirat NarutoxHinata) und 7 Jahre bevor die Serie Boruto startet. In den nächsten Kapiteln wird die zeitliche Einordnung klarer!