***Sicht: Kazuki***
Tief ein- und ausatmen! Die Vögel stimmten ein Abendlied an, in den Bäumen, am Teich und um mich herum. Ich konnte die Fische im Wasser unter mir sehen. Das Wasser kräuselte sich um meine Füße herum. Meine Chakrakontrolle war noch unausgereift. Ich hatte mit der richtigen Chakramenge Probleme. Zu wenig und ich würde in den Teich fallen. Zu viel würde mich das Gleichgewicht kosten. Allein der Gedanke daran die Kontrolle zu verlieren und in die unendlichen dunklen Tiefen des Sees zu tauchen verursachten eine Gänsehaut auf meinen Armen. Die Grimasse des brüllenden Wasserbären störte meine Gedanken. Schnell verdrängte ich die Erinnerungen an den heutigen Kampf. Ich musste mich noch mehr konzentrieren und…
„Hey! Kazuki-kun!"
Aus dem Augenwinkel sah ich Miharu winkend am Ufer stehen. Es erschien mir so lange her zu sein, obwohl es erst gestern war. Die Erinnerung an das Gespräch mit meinem Vater verpasste mir erneut einen Stich. Er begrüßt es, dass du keine Freunde findest. Im ersten Moment war wütend auf Miharu. Ich hatte es mir bis jetzt nie eingestanden, aber ich wusste, dass ein Körnchen Wahrheit darin lag. Mein Vater hatte sich so sehr auf mein Training versteift. Aber natürlich verstand ich ihn auch. Sein ältestes Kind musste eine Affinität zu Wasser haben, schließlich würde ich ihm irgendwann nachfolgen. Und wenn ich wirklich mit zehn Jahren noch keine Wasserkämpfe ausfechten konnte, musste er mich aus dem Clan ausschließen. Natürlich trainierte er mich so hart, um der Schande meiner Verbannung zu entgehen. Tief in meinem Herzen wollte ich glauben, dass er es tat, weil er mich liebte. Zumindest hatte ich das bis heute Mittag gedacht. Bevor er Kenta im Stich gelassen hatte.
„Bist du auf dem Wasser festgewachsen?", fragte Miharu und grinste breit als ich mich zu ihr umdrehte. „Oh du lebst noch, dass ist schön! Es hat ewig gedauert dich zu finden! Wollen wir zusammenspielen?"
„Ich spiele nicht." Ich zupfte den Kopfverband zurecht und wandte demonstrativ den Kopf. „Ich trainiere meine Chakrakontrolle."
„Ah ja?" Ein teuflisches Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. Blitzschnell zog sie drei Kunai aus dem Rucksack. Im nächsten Moment flogen die Waffen zischend auf mich zu. Ohne zu zögern warf ich drei Shurriken zurück. Mein geschundener Körper ächzte unter der Anstrengung, allerdings war die Herausforderung zu verlockend. Die Waffen prallten aufeinander. Zufrieden beobachtete ich, wie Miharus Kunai zu ihr umgelenkt wurden. Sie bohrten sich ins Gras vor ihren Füßen. Mit einem Blob fielen meine Waffen ins Wasser. Verblüfft schaute sie abwechselnd zwischen mir und ihren Waffen hin und her.
„Cool!" Mit glänzenden Bernsteinaugen strahlte sie mich an. „Das war der Hammer! Wie hast du das gemacht? Die Waffen wurden perfekt reflektiert!"
„Durch den richtigen Wurfwinkel und Spin", antwortete ich erstaunt. „Kunai fliegen auf diese Distanz konstant. Durch die Eigendrehung der Shurriken…"
„Genial!" unterbrach sie mich mit glänzenden Augen.
„Sagtest du nicht, du unterbrichst nur Lügner und Feiglinge?" brummte ich säuerlich. Sie lächelte unschuldig zurück.
„Du bist heute aber ganz schön kratzbürstig", stichelte sie. Ich wich ihrem Blick aus. Auch wenn es nicht ihre Schuld war, hatte sie doch die neue Distanziertheit zwischen Vater und mir ausgelöst.
Das Wasser wackelte plötzlich unter einer Welle. Ich verlor fast den Halt und ruderte mit den Armen. Die Wellen hatten sich durch das Eintreten der Waffen während des Kampfes gebildet. Als sich das Wasser wieder beruhigte, seufzte ich erleichtert auf. Vorsichtig ging ich Schritt für Schritt Richtung Ufer. Vielleicht war es doch nicht so klug nach einem Kampf zu trainieren. Zudem machten mich die Schmerzmittel müde.
„Also, wenn du mich fragst, brauchst du kein Training mehr. Du läufst über das Wasser wie ein echter Ninja", meinte Miharu als ich beim Ufer angekommen war.
„Danke", murmelte ich verlegen und setzte mich erschöpft ins Gras.
„Was ist mit deinem Arm passiert?" fragte sie leise. „Das muss heftig geblutet haben."
Ein Kloß bildete sich in meinem Magen. Das Letzte was ich jetzt wollte war über den Kampf zu reden.
„Warum hast du wieder gegen Akito gekämpft?"
„Wie kommst du darauf, dass ich…?"
„Dein Vater wollte, dass du einen Wasserkampf gegen ihn führst. Warum?", unterbrach sie mich. Verwirrt starrte ich in die Bernsteinaugen und fühlte mich plötzlich sehr verletzlich. Ich zog meinen hochgekrempelten Ärmel über den dicken Verband und die vielen Pflaster.
„Es ist in unserem Clan so üblich", antwortete ich ausweichend und flehte innerlich, dass sie doch bitte aufhören würde zu Fragen.
Miharu schaute mich mitfühlend an und drehte sich dann zum Teich.
„Ich lerne zurzeit auch eine Technik", begann sie enthusiastisch und wechselte das Thema. „Allerdings muss ich noch üben," fügte sie widerstrebend hinzu. Ich musste lächeln.
„Wieder ein Fūinjutsu?" fragte ich neugierig und erinnerte mich an den Papierfetzen am Chakramesser.
„Nein leider nicht. Shikamaru meint, ich soll erstmal einige Grundtechniken üben, bevor ich mich weiter an Spezialjutzus versuche."
Ich legte fragend den Kopf schief und wartete auf eine genauere Erklärung.
„Es ist eigentlich eine verbotene Technik. Da ich aber unbedingt ein Aufklärungsninja werden möchte, habe ich Onkel Konohamaru überredet, mir ein richtig praktisches Jutzu beizubringen." Sie grinste hinterhältig.
„Ah ha." Ich lehnte mich zurück ins Gras. Mein Kopf begann wieder zu schmerzen. Meine Augen fühlten sich ausgetrocknet und wund an, als hätte ich stundenlang geweint.
„Ja, aber ich bekomme es nicht hin!" klagte sie und ging auf und ab. „Vielleicht kannst du mir helfen und ich kann dann Shikamaru mit der Technik überraschen. Dann bringt er mir vielleicht auch mehr Fūinjutsu bei."
„Ich weiß nicht, ob ich dir helfen kann", wandte ich ein. „Frag doch lieber einen Chunin oder Jonin, wenn du wieder zuhause bist."
„Nein ich möchte es bis dahin unbedingt können!" Ihre Augen glänzten aufgeregt. „Du musst nur zuschauen okay?"
Ich nickte zögerlich und massierte, während ich ihr zusah, meine schmerzenden Schläfen. Sie machte Fingerzeichen.
„Kage no Bunshin!" Eine Rauchwolke zeigte das Aktivieren des Jutzus an. Als sich der Rauch lichtete, schaute Miharu frustriert auf einen blassen, formlosen Abklatsch ihrer selbst.
„Schattendoppelgänger?!" Ich hielt in meiner Bewegung inne und starrte sie überrascht an. Das ist ein verbotenes Jutzu aus Konohagakure. Naja, sie beherrschte es noch nicht perfekt, aber war auf dem besten Weg dahin.
„Du bist ja beeindruckt", stichelte sie mit verschränkten Armen und einem Grinsen im Gesicht. „Also hast du einen Tipp für mich?"
„Mm." Ich schaute ihren kläglichen Doppelgänger an. Ihre Fingerzeichen waren alle sehr deutlich und akkurat gewesen, also musste es ein Chakraproblem sein. Da der Doppelgänger blass und klapprig aussah, war die Hülle nicht in Takt, also…: „Du benutzt zu wenig Chakra."
Miharu war neben mir in die Hocke gegangen.
„SO klapprig sieht er überhaupt nicht aus", grummelte sie.
„Was?"
Sie zuckte mit den Schultern und stand wieder auf: „Ich versuche das mit dem Chakra."
Ihr nächster Versuch sah schon besser aus. Unzufrieden versuchte sie es wieder und wieder. Schweigend beobachtete ich sie und war darauf bedacht ihre Konzentration nicht zu stören. Die Ablenkung tat mir gut, genauso die ungezwungene Gesellschaft von Miharu. Sie definierte mich nicht über meinen Clan und beurteilte mich nur nach ihren Erfahrungen. Ich genoss ihre Nähe. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich entspannen.
Eine Stunde später ließ sich Miharu erschöpft ins Gras neben mir fallen. Eine rote Welle des Frustes schwappte zu mir herüber. Dabei hatte sie in der kurzen Zeit enorme Fortschritte gemacht. Es wurde bereits dunkel und die Straßenlaternen gingen der Reihe nach an.
„Gibt es in Konohagakure auch eine Akademie?" fragte ich.
„Ja. Sie beginnt in einer Woche." Sie setzte ein erschöpftes Lächeln auf. „Deshalb ziehen wir auch morgen nach Konohagakure." Mir wurde schwer ums Herz. Schon morgen?
„Warum seid ihr nach Kirigakure gekommen?" fragte ich neugierig, bereute es aber sofort, als ich Miharus bedrücktes Gesicht sah. „Verzeih. Das geht mich vermutlich nichts an."
„Nein ist schon in Ordnung." Sie lächelte ein wenig gequält. „Ich war als Baby immer sehr krank. Meine Mama hat mich deshalb zu einer Spezialistin für Akkupunktur hier in Kirigakure gebracht. Zudem tat mir die Seeluft sehr gut, deshalb beschloss sie, dass ich erstmal hier leben sollte." Gebannt hörte ich ihr zu. Sie baumelte mit den Füßen über das Ufer. „Ich bin hier aufgewachsen. Meine Zwillingsschwester Mirai lebt in Konoha. Obwohl wir Geschwister sind, habe ich sie kaum gesehen. Mein Onkel Konohamaru und mein Ziehbruder Shikamaru kommen mich ab und zu hier besuchen. Mama lebt alle zwei Wochen abwechselnd in Konoha und Kiri. Es ist für sie sehr anstrengend glaube ich." Sie starrte bedrückt ins Wasser.
„Hört sich einsam an." Wagte ich zu sagen. Überrascht sah sie auf.
„Ich brauche kein Mitleid," zischte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Tut mir leid," rief ich erschrocken. „Ich meinte nur, dass es komisch sein muss für dich. Du bist hier in Kiri aufgewachsen und wirst hier vermutlich trotzdem als Außenseiterin behandelt. Und wenn du nach Konoha ziehst wird es vermutlich ähnlich sein." Ihre Wut fiel in sich zusammen.
„Vielleicht hast du Recht." Murmelte sie leise. Sie so traurig zu sehen, gefiel mir nicht. Schnell versuchte ich das Thema zu wechseln.
„Warum willst du in die Akademie von Konoha? Bleib doch einfach hier." Peinlich berührt, musste ich mir selbst eingestehen, dass mich eine freudige Wärme erfüllte, bei dem Gedanken einen Freund in der Akademie zu haben.
„Ich möchte unbedingt ein Shinobi werden!" , sagte sie mit leuchtenden Augen. „Und um Mama zu entlasten und auch um Mirai öfter zu sehen, möchte ich in meine Heimatstadt." Ich konnte meine Enttäuschung kaum verbergen. Miharus Stimmung hatte sich schlagartig verbessert. „Ich will wie mein Papa das Dorf beschützen und so viele Verbrecher fangen wie ich kann."
„Du willst Verbrecher fangen? Übst du deshalb Fūinjutsu?"
„Kein Verbrecher, egal ob es ein Ninja ist oder nicht, kann Versiegelungstechniken entkommen." Ihre Augen glänzten.
„Bei Akitos Wassermanifestation waren es nicht mal fünf Minuten", merkte ich an.
„Ich übe noch!" fauchte sie und boxte mich. „Und immerhin hielt es lange genug, um dir den Hintern zu retten! Also sei gefälligst etwas dankbarer!"
Der Schlag war nicht fest, tat aber wegen der ganzen blauen Flecken höllisch weh.
„Danke", murmelte ich versöhnlich und rieb mir die Stelle, auch um zu verhindert, dass sie mich erneut boxte.
Damit hatte sie nicht gerechnet. Ich lächelte sie an: „Ich kenne niemanden, der so mutig und selbstlos gehandelt hat, wie du gestern."
Naja, vielleicht abgesehen von Kenta heute Mittag.
Forschend schaute sie mir in die Augen und errötete dann: „Du meinst das ernst", stammelte sie verlegen. „Das war gar nichts…du musst mir nicht danken."
Warum war sie so verunsichert? Hatte ich etwas Falsches gesagt?
„Alles in Ordnung!" winkte sie ab.
Verwundert legte ich den Kopf schief. Genau wie vorhin. Sie schien sich wieder zu fangen.
„Stimmt es, dass du Gedanken lesen kannst?" wagte ich endlich eine Vermutung.
Mit dem Finger malte sie Muster in den Sand des Ufers: „Ich erkenne, wenn mich jemand anlügt oder die Wahrheit verheimlicht und meist auch, warum er es tut. Manchmal schnappe ich auch Gedanken auf oder Gefühle. Ich bin so auf die Welt gekommen." Sie vollendete einen Kreis im Sand. „Also kein Gedankenlesen."
„Willst du deswegen Verbrecher fassen? Weil du sie entlarven kannst?"
Verlegen nickte sie und begann ein neues Muster.
„Es ist bestimmt schwierig ständig Lügen um sich herum zu haben."
Sie zuckte nur mit den Achseln: „Es ist ein Teil von mir. Ich kenne es nicht anders."
Sie boxte mich erneut an die Schulter. Ich zuckte zusammen.
„Du bist ganz schön neugierig", meckerte sie mit verächtlichem Gesichtsausdruck.
„Das sagt gerade die Richtige", erwiderte ich gereizt und rieb mir die Schulter.
„Wann war ich denn bitte neugierig?"
„Vom ersten Augenblick an", gab ich zurück.
„Pah!" Beleidigt verschränkte sie die Arme. „Das hat nichts mit Neugier zu tun."
Ich wollte mich nicht mit ihr wegen so etwas Unwichtigem streiten und erwidert nichts.
„Mal abgesehen davon, habe ich jetzt einen Freund gefunden, der mich nicht anlügt", sagte sie leise, ohne mich anzusehen. „Auch wenn es nicht für lange war."
Verlegen spielte ich mit einem der Pflaster auf meinem Arm. Durch die harten Übungsstunden mit meinem Vater hatte ich nie Zeit gehabt Gleichaltrigen kennen zulernen, abgesehen von den anderen Clanmitgliedern natürlich. Aber Akito, Rikan und Tobe haben mich nie als Freund betrachtet. Einen gleichgesinnten Freund zu haben fühlte sich gut an. Schweigend saßen wir da und hörten dem Wind zu. Ich wollte noch nicht nach Hause. Im Moment wollte ich meinem Vater nicht über den Weg laufen. Allein bei dem Gedanken kochte die Wut erneut in mir hoch. Allerdings machte sich Mutter bestimmt Sorgen. Und wie ging es Kenta?
„Bei deinen vielen Gedanken wird dein Schädel noch explodieren", flüsterte Miharu übertrieben ernst. „Das wäre jammerschade um meinen einzigen Freund."
Ich verdrehte die Augen, schielte kurz zu ihr hinüber und lächelte bei dem Wort Freund.
„Mm", murmelte ich zufrieden und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Was?" Sie blinzelte irritiert. „Immer, wenn ich Gedanken von dir aufschnappe, sind sie so verworren wie Buchstabensuppe."
Ich lachte schallend und fühlte mich pudelwohl.
„Du bist genauso komisch wie ich", bemerkte sie trocken. Dann stand sie gähnend auf. „So ich muss los."
„Jetzt schon?" fragte ich überrascht.
„Vermisst du mich bereits? Das ging schnell."
Ich ging nicht darauf ein und stand ebenfalls auf: „Wo wohnst du? Wir könnten noch ein Stück zusammenlaufen."
„Du wirst ja richtig anhänglich." Sie tätschelte mir auf die verletzte Schulter und bemerkte nicht wie ich zusammenzuckte. „Ich wohne in der Nähe des Krankenhauses. Das liegt auf dem Weg zum Doza-Clan, oder?"
„Ja stimmt", sagte ich gepresst.
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Unterwegs erzählte Miharu viel über die bevorstehende Akademiezeit in Konoha. Sie war eine wahre Quasselstrippe.
„Ich bin schon so gespannt, was ich alles neues lerne!" Aufgeregt hüpfte sie neben mir her und wich dabei gekonnt den entgegenkommenden Passanten aus. „Ninjutsu, Genjutsu, Taijutsu und hoffentlich ganz viel Fūinjutsu!"
Ich lächelte nur. Die Akademie in Konohagakure war gänzlich anders strukturiert wie unsere Schule. Zu meiner Überraschung berichtete Miharu, dass sie kein Kenjutzu-Training haben werde.
Die Grundausbildung in beiden Akademie konzentrierte sich auf Waffenkunde, Nahkampftechniken und Allgemeinwissen. Spezielle Techniken würden ein persönliches intensives Training voraussetzen, in einer Klasse mit 20 Schülern kaum umsetzbar. Wenigstens das war in beiden Ländern gleich.
„Ich weiß das", sagte Miharu schnippisch. „Selbst, wenn wir all das nicht machen, gibt es so vieles, was wir lernen können! Ich habe schon so viel über die Geschichte Konohas gelesen! Über die Gründung, die verschiedenen Clans und den Weg des Ninjas. Es gibt so viele interessante Bücher!"
Daran musste ich mich erst gewöhnen. Das Gedankenlesen…
„Wusstest du deshalb so gut über die Wasserkämpfe im Doza-Clan Bescheid?"
Sie nickte grinsend und fügte hinzu: „Da ich viel ans Bett gefesselt war, hatte ich viel Zeit zum Lesen!"
„Hat der Sarutobi-Clan auch solche Wettkämpfe?"
„Ich bin mit meinem Cousin Konohamaru und meiner Schwester Mirai, die einzige lebende Sarutobi. Mein Papa und mein Opa starben vor meiner Geburt."
„Tut mir leid, das wusste ich nicht." Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Allerdings schien es ihre gute Laune nicht zu trüben.
„Deshalb ist es eigentlich kein Clan." Sie lächelte zaghaft, als hätte sie mich nicht gehört. „Es ist einfach meine Familie."
Ich legte nachdenklich den Kopf schief. Gab es einen Unterschied zwischen einem Clan und einer Familie?
Zwei Straßen weiter stoppte Miharu vor einem schmalen Reihenhaus: „Wir sind da."
Wir standen vor einem Bücherladen. Im Licht der beleuchtenden Schaufenster des Ladens waren staubige Bücher und alte Uhren ausgestellt. Eine verwelkte Topfpflanze beherbergte einige Spinnennetze. Über dem Dach breitete sich bereits der typische Bodennebel von Kirigakure aus.
„Du wohnst in einem Bücherladen?" fragte ich unschlüssig.
„Nein." sie lachte und deutete auf den zweiten Stock. „Da oben wohne ich mit meiner Mama. Aber es ist praktisch über einem Bücherladen zu wohnen." Sie grinste.
Natürlich. Kein Wunder, dass Miharu an so viele Bücher kommen konnte.
Sie stupste mich an: „Möchtest du noch mit raufkommen? Du könntest bei uns Essen."
Ich lugte auf die Uhr im Schaufenster hinter Miharu. Es war bereits 20 Uhr. Allerdings zog mich das zweite Stockwerk förmlich an. Die Wärme und Freude, die Miharu permanent ausstrahlte, ging auch von diesem Haus aus. Jede Faser in mir sehnte sich danach.
„Gerne", murmelte ich.
Sie strahlte und schnappte sich meinen Ärmel. Kurzer Hand zog sie mich die Treppe hinauf. Oben angekommen stieß ich mit ihr zusammen, weil sie plötzlich stoppte.
„Hallo Mama…"
Ich blinzelte überrascht über Miharus Schulter. In der Tür stand eine adrette Frau mit langen schwarzen Haaren und wunderschönen weinroten Augen. Dichte Wimpern rahmten die glasklaren Augen ein. Sie war wunderschön.
Mit zusammengekniffenen Augen starrte mich Miharu aus dem Augenwinkel böse an. Verlegen lächelte ich. Hatte sie diesen Gedanken etwa auch aufgeschnappt?
Ihre Mutter hatte eine Schürze übergestreift. Mit verschränkten Armen und strengen Blick betrachtete sie Miharu.
„Nun?" fragte Miharus Mutter und wartete auf eine Entschuldigung.
„Es ist etwas später geworden…", nuschelte Miharu und schaute überall hin, nur nicht zu ihrer Mutter.
Schnell schlüpfte ich an Miharu vorbei und verbeugte mich knapp vor ihrer Mutter: „Es tut mir sehr leid. Ich habe ihre Tochter aufgehalten."
Als ich wieder aufrechtstand, sah ich in verblüffte Gesichter. War sie so sauer, dass eine Entschuldigung nichts brachte? Aber anstatt zu schimpfen, lächelte sie mich sanft an.
„Du musst Kazuki-kun sein. Miharu hat mir von dir erzählt." Sie machte die Tür frei. „Kommt erstmal rein. Es wird kalt."
„Danke", sagte ich verwundert.
Vorsichtig trat ich an ihr vorbei über die Türschwelle. Miharu quetschte sich hinter mir an ihrer Mutter vorbei, die sie noch immer mit diesem strengem Blick bedachte. Ich zog meine Schuhe aus und stellte sie ordentlich vor die Eingangsstufe. Miharu dagegen warf die Schuhe vor die Tür auf den Boden und rannte in die Küche.
„Ich habe solchen Hunger! Wann gibt's Abendessen, Mama?"
„Gedulde dich noch ein wenig", rief ihre Mutter, während sie die Haustür hinter sich schloss. Sie ging lächelnd an mir vorbei in die Küche: „Komm rein Kazuki-kun. Keine Scheu!"
Zögernd betrat ich das kleine Wohnzimmer. Es war nur durch eine Küchenzeile von der Küche getrennt. Auf der gegenüberliegenden Seite reckte sich ein kleiner Balkon aus der Wand. Er war gerade groß genug, um zwei Stühlen Platz zu bieten. Einige Blumenkästen waren am Geländer befestigt. Wunderschöne rote Mohnblumen wippten leicht im Abendwind. Das Wohnzimmer bestand aus einem Esstisch, einer Couch und einer Kommode. Überall verstreut standen geöffnete, halb eingepackte Kartons herum. Alle Schränke waren leer. Einzig ein schwarzeingerahmten Bild wurde noch nicht verpackt. Über der Kommode hingen ebenfalls noch Fotos.
„Das ist mein Papa, Asuma Sarutobi", erklärte Miharu hinter mir und deutete auf das einzelne schwarzeingerahmte Bild. „Und das ist meine Familie." Sie umrundete einen Umzugkarton, trat neben die Kommode und deutete auf einige Gruppenfotos. „Mein Cousin Konohamaru in unserem Alter mit meinem Opa…und das ist mein großer Bruder Shikamaru." Das Bild zeigte einen rauchenden, übelgelaunten Ninja. Miharu als Baby saß auf seinen Schultern und zog ihn an den Haaren.
„Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich."
„Er ist nicht mein leiblicher Bruder. Mein Papa war sein Sensei und sie haben sich gut verstanden." Sie lächelte stolz.
„Also ist er dein Beschützer?"
Miharu entwickelte sich unweigerlich zur verhätschelten Prinzessin.
„Ich bin keine Prinzessin!" fauchte sie eingeschnappt und gab mir eine Kopfnuss. Für einen Moment sah ich wieder schwarze Punkte.
„Au." Ich rieb mir den Kopf. „Sei doch nicht immer gleich so gewalttätig", beschwerte ich mit einem Seitenblick zu ihr und dröhnenden Kopf.
„Dann hab nicht so abwegige Gedanken!" schnappte sie zurück.
„Wer ist das?" fragte ich ablenkend und deutete auf das Foto von einem jungen Mädchen in unserem Alter.
„Meine Zwillingsschwester Mirai." Flüsterte Miharu bekümmert. Prüfend verglich ich Miharu mit ihrer Schwester. Dann sah ich verstohlen zu ihrer Mutter in die Küche und auf das Foto von ihrem Vater vor mir. Miharu hatte die Bernsteinaugen von ihrem Vater und die gelockten Haare ihrer Mutter. Mirai war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, mit den weinroten Augen. Neugierig fragte ich mich, ob Mirai wie Miharu war. Das lächelnde Mädchen auf dem Foto strahlte die gleiche Herzensgüte aus.
„So Kinder, Essen ist fertig!" rief Miharus Mutter hinter der Küchenzeile. „Hände waschen und hinsetzten." Sie sagte es sanft, aber sicherheitshalber machte ich mich sofort auf den Weg zum Waschbecken.
Miharu kam murrend hinter mir her. Kurz darauf saßen wir am kleinen Esstisch vor mehreren kleinen Schüsseln mit selbstgemachten Beilagen. Eine dampfende Reisschüssel stand vor mir.
„Lasst es euch schmecken", sagte sie auffordernd.
Miharu kam dem sofort nach. Zögernd nahm ich die Essstäbchen und die Reisschüssel. Bevor ich anfing, wandte ich mich an Miharus Mutter: „Vielen Dank, dass ich bei ihnen essen darf."
„Kein Problem. Du kannst jederzeit vorbeikommen würde ich gerne sagen, aber das wird ab morgen wohl nicht mehr möglich sein." Sie lächelte. „Und du musst mich nicht siezen. Nenn mich einfach Kurenai."
„Okay. Ich bin Doza Kazuki", stellte ich mich etwas verspätet vor. Verlegen wandte ich das Gesicht ab und fing an zu essen.
„Du scheinst ein sehr anständiger Junge zu sein, Kazuki-kun. Ich bin froh, dass Miharu dich als Freund gewinnen konnte."
„Danke," sagte ich, als ich den Bissen hinuntergeschluckt hatte.
„So anständig ist er gar nicht", stichelte Miharu neben mir, mit einem Grinsen. „Wenn du wüsstest."
Peinlich berührt dachte ich an den Moment an der Tür. Schnell stopfte ich den Reisbrocken zwischen meinen Essstäbchen in Miharus Mund, um sie zum Schweigen zu bringen. „Hmm!", protestierte Miharu mit vollem Mund.
Kurenai sah uns verwundert an.
„Wir haben heute am großen Teich trainiert", erzählte ich, bevor Miharu den Bissen hinuntergeschluckt hatte.
„Das erklärt natürlich die ganzen blauen Flecken." Kurenai deutete auf meinen Arm.
„Ja die kommen vom Training", log ich leise.
Miharu musterte mich missbilligend, während sie die letzten Reste Reis mit einem Schluck Wasser wegspülte.
„Miharu hat heute große Fortschritte mit dem Jutzu der Schattendoppelgänger gemacht", lenkte ich ab.
„Soso." Kurenai stützte ihren Kopf mit einer Hand ab und sah uns schief an. „Ich dachte Konohamaru darf es dir nicht beibringen, weil es ein verbotenes Jutzu ist."
Ich verschluckte mich vor Schreck.
„Ich konnte ihn überzeugen, wie wertvoll das Jutzu für mich später sein wird", erwiderte Miharu nur schnippisch und klopfte mir auf den Rücken, während ich hustete. „Was bringt es verbotene Jutzus in einer Rolle zu sammeln und sie nicht für das Wohl Konohas einzusetzen?"
„Das ist eine sehr einseitige Betrachtung der Dinge, Liebes", sagte Kurenai ernst aber mit einem Lächeln. „Zeige es niemanden auf der Akademie, sonst bekommt Konohamaru Ärger."
„Mach ich", versprach Miharu und nahm die nächste Portion Reis.
Ich verstand es nicht. Warum wurde Miharu nicht bestraft? Was es ihre Mutter egal, dass Miharu das Verbot gebrochen hatte? Nein das machte keinen Sinn.
„Kazuki-kun", rüttelte mich Kurenai aus meinen Gedanken. „Nach dem Abwasch bring ich dich nach Hause. Es ist schon spät." Sie stand auf und räumte das Geschirr in die Küche. Ich nickte etwas traurig.
Etwas später…
„Kazuki! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!" Meine Mutter nahm mich in die Arme.
„Es tut mir sehr leid, Saya-san", sagte Kurenai schuldbewusst. „Ich hätte euch anrufen müssen, als die beiden bei mir auftauchten."
„Ist schon in Ordnung. Danke, dass du ihn nach Hause gebracht hast." Meine Mutter erhob sich und umarmte Kurenai dankbar. „Es freut mich, dass Kazuki sich mit Miharu versteht." Verwundert sah ich zwischen Kurenai und Mutter hin und her. Sie kannten sich? Mutter lachte.
„Miharu ist meine Patientin, Kazuki. Sie hat sich toll gemacht Kurenai-san."
„Nur dank ihnen, Saya-san. Danke für alles!"
„Ich wünsche euch viel Glück und habt eine gute Reise morgen!"
„Danke Saya-san." Voller Dankbarkeit schüttelte Kurenai meiner Mutter die Hand. Kurenai wandte sich an mich: „Auf Wiedersehen Kazuki-kun. Danke, dass du dich so lieb um Miharu gekümmert hast." Als ich die Endgültigkeit in ihrer Stimme hörte und realisierte, dass ich Miharu vielleicht gar nicht mehr sehen würde, ließ ich die Schultern hängen. Sie tätschelte meinen Kopf tröstend. „Es ist kein Abschied für immer, Kazuki-kun. Wir werden nächsten Sommer wieder für ein paar Tage in Kirigakure sein." Meine plötzliche Freude war wohl so offensichtlich, dass Kurenai und Mutter anfingen zu lachen. Beschämt kratzte ich mich am Kopf und wandte den Blick ab. „Wir brechen morgen Nachmittag auf. Du kannst sie also morgen noch verabschieden." Eilig nickte ich Kurenai zu und strahlte über beide Ohren.
Kurenai winkte lächelnd zum Abschied. Als sie durch unser Gartentor davonging, spürte ich plötzlich den strengen Blick meines Vaters im Rücken.
„Kazuki."
Ich drehte mich zu ihm um und versuchte ihn so neutral wie möglich anzuschauen.
„Es wurde später als geplant. Tut mir leid, dass ich euch Sorgen bereitet habe."
„Darüber reden wir noch ausführlich… und auch über den Kampf heute. Aber nicht jetzt. Es ist spät."
Ich nickte nur und wünschte Mutter gute Nacht. Leise schlich ich die Treppe hinauf in mein Zimmer. Kenta schlief noch immer tief und fest.
Hallo ihr Lieben! Vielen Dank, dass ihr meine Geschichte lest und euch auf die Story einlasst.
Ich freu mich auf eure Reviews!
